176 Briefe aus Berlin.
bloße Konsiliiertwerden soll sein Unangenehmes haben. Ich glaubeaber, daß jenes strenge Urteil gegen die zmcinnddreißig noch ge-mildert wird. Ich will durchaus nicht die Verbindungen ans Uni-versitäten verteidigen; sie sind Reste jenes alten Korporationswesens,die ich ganz aus unserer Zeit vertilgt sehen möchte. Aber ich gestehe,daß jene Verbindungen notwendige Folgen sind von unserem aka-demischen Wesen, oder besser Unwesen, und daß sie wahrscheinlichnicht eher unterdrückt werden, bis das liebenswürdige und viel beliebtevxfordische Stallfütternngssystem bei unseren Studenten eingeführt ist.Polnische Studierende sieht man seht hier höchstens ein halb Dutzend.Man hat strenge Untersuchungen gegen sie verfügt. Die meistensind, wie man sagt, ohne besondere Lust wieder zu kommen, von hierabgereist, und ein großer Teil, ich glaube gegen zwanzig, werdennoch in unseren Staatsgefängnissen verwahrt. Die meisten davonsind aus dem russischen Polen, und sollen sich mit demagogischen Um-trieben gegen ihre Regierung befaßt haben.
Man spricht davon, daß Ludwig Tieck bald hierher kommen undVorlesungen über den Shakespeare halten werde. Am 31. des vorigenMonats war der Geburtstag des Fürsten Staatskanzlers. Man er-wartet hier diese Tage eine hessische Gesandtschaft, die unsere Differenzenmit Hessen wegen der bekannten Territorialrechtsverletzung regulierensoll. Eine Kommission ist nach Pommern geschickt, um das dortigeSektenwesen zu untersuchen. Der Wvllmarkt hat schon angefangen,und eine Menge Gutsbesitzer sind hier, die ihre Wolle zum Verkaufherbringen, und die man hier scherzweise „WollsWohl-jhabende" nennt.Sogar die Straßen bekommen Ambition; die „letzte Straße" nulljetzt Dorotheenstraße heißen. Man spricht davon, daß dem großenFritz eine Statue auf dem Opernplatze errichtet werden soll. DerTttnzerfamilie Kobler ist auf der Chaussee bei Blumberg die Bagageverbrannt. Bei dein Bau der neuen Brücke bedient man sich einerDampfmaschine.
Litterarische Notizen giebt es hier in diesem Augenblick sehrwenige, obschon Berlin ihr Hauptmarktplatz ist. In Hinsicht derGemüse schreite ich niit meiner Zeit vorwärts. Spargel esse ich jetztkeinen mehr und esse jetzt Schoten. Aber in der Litteratur bin ichnoch zurückgeblieben. Ja, ich habe noch nicht mal die „falschenWanderjahre" gelesen, die so viel Aufsehen gemacht und noch machen.Dieses Buch hat für Westfalen ein besonderes Interesse, da man jetztallgemein ausspricht, daß unser Landsmann, Or. Pustknchen in Lemgo,ihr Verfasser sei. Ich weiß nicht, warum er dieses Buch desavouierenwollte, da es ihm doch gewiß keine Schande macht. Man hatte sichlange den Kopf zerbrochen, wer der Verfasser sei, und nannte allerleiNamen. Der Hosrat Schütz machte öffentlich bekannt, daß er es nichtsei. Den LegativnSrat v. Varnhagen nannten einige Stimmen; aber