Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
122
Einzelbild herunterladen
 

122 Ideen oder das Buch Le Grand.

Kupplern, Spcisewirtcn, die selbst nichts mehr zu essen haben, lauterLumpen, die meine Wohnung zu finden wissen, und für ein wirk-liches Trinkgeld mir die Chroniqne scandalcnse ihres Stadtviertelserzählen Madame, Sie wundern sich, daß ich solches Volk nichtein für allemal zur Thür hinauswerfe? Wo denken Sie hin,Madame! Diese Leute sind meine Blumen. Ich beschreibe sie einstin einem schönen Buche, für dessen Honorar ich mir einen Gartenkaufe, und mit ihren roten, gelben, blauen und bunt gesprenkeltenGesichtern erscheinen sie mir jetzt schon wie Blumen dieses Gartens.Was kümmert es mich, daß fremde Nasen behaupten, diese Blumenröchen nur nach Kümmel, Tabak, Käse und Laster! Meine eigeneNase, der Schornstein meines Kopfes, worin die Phantasie als Kamin-feger auf und ab steigt, behauptet das Gegenteil, sie riecht an jenenLenten nichts als den Duft von Rosen, Jasminen, Veilchen, Nelken,Violen O, wie behaglich werde ich einst des Morgens in meinemGarten sitzen, und den Gesang der Vögel behorchen, und die GliederWärmen an der lieben Sonne, und einatmen den frischen Hauch desGrünen, und durch den Anblick der Blumen mich erinnern an diealten Lumpen!

Vorderhand sitze ich aber noch auf der dunklen Düsternstraße inmeinem dunklen Zimmer und begnüge mich, in der Mitte desselbenden größten Obskuranten des Landes aufzuhängenAnis, z- vsrrs?-vorm plus olair alors?" Augenscheinlichement, Madame, dochmißverstehen Sie mich nicht, ich hänge nicht den Mann selbst, sondernnur die krystallene Lampe, die ich für das Honorar, das ich aus ihmcrschreibe, mir anschaffen werde. Indessen, ich glaube, es wäre nochbesser und es würde plötzlich im ganzen Lande hell werden, wennman die Obskuranten in natura aufhinge. Kann man aber die Leutenicht hängen, so muß man sie brandmarken. Ich spreche wiederfigürlich, ich brandmarke in siüAis. Freilich, Herr v. Weiß erist weiß und unbescholten tvie eine Lilie hat sich weißmachculassen, ich hätte in Berlin erzählt, er sei wirklich gcbrandmarkt; derNarr ließ sich deshalb von der Obrigkeit besehen und schriftlich geben,daß seinem Rücken kein Wappen ausgedrückt sei, dieses negative Wappcn-,Zeugnis betrachtete er wie ein Diplom, das ihm Einlaß in die besteGesellschaft verschaffen müsse, und wunderte sich, als man ihn dennochhinauswarf, und kreischt jetzt Mord und Zeter über mich armenMenschen, und will mich mit einer geladenen Pistole, wo er michfindet, totschießen Und was glauben Sie wohl, Madame, ivaS ichdagegen thue? Madame, für diesen Narren, d. h. für das Honorar,das ich aus ihm Heransschreiben werde, kaufe ich mir ein gutes FaßRüdesheimer Rheinwein. Ich erwähne dieses, damit sie nicht glauben,es sei Schadenfreude, daß ich so lustig aussehe, wenn mir Herrv. Weiß auf der Straße begegnet. Wahrhaftig, Madame, ich sehe in