Ideen oder das Buch Le Grand. 195
aber, der ubergangen und übersehen wurde, saß müßig, ohne diemindeste Kinnbackenbeschäftignng, und ich knetete Brotkügelcheu, undtrommelte vor Langeweile mit den Fingern, und zu meinem Entsetzentrommelte ich plötzlich den roten, längst vergessenen Gnillotincnmarsch.
„Und was geschah?" Madame, diese Leute lassen sich im Essennicht stören, und wissen nicht, daß andere Leute, wenn sie nichts zuessen haben, plötzlich anfangen zu trommeln, und zwar gar kurioseMärsche, die man längst vergessen glaubte.
Ist nun das Trommeln ein angeborenes Talent, oder halst iches frühzeitig ausgebildet, genug, es liegt mir in den Gliedern, inHänden und Füßen, und äußert sich oft unwillkürlich. Zu Berlinsaß ich einst im Kollegium deS Geheimrats Schmalz, eines Mannes,der den Staat gerettet durch sein Buch über die Schwarzmäntel- undRotmäntelgefahr. — Sie erinnern sich, Madame, aus dem Pausanias,daß einst durch das Geschrei eines Esels ein ebenso gefährliches Kom-plott entdeckt wurde, auch Nüssen Sie aus dem Livius oder aus BeckersWeltgeschichte, daß die Gänse das Kapital gerettet, und aus demSallnst wissen Sie ganz genau, daß durch eine geschwätzige Putaiue,die Frau Fulvia, jene fürchterliche Verschwörung des Catalina anden Tag kam. — Doch um wieder auf besagten Hammel zu kommen,im Kollegium des Herrn Geheimrats Schmalz hörte ich das Völker-recht, und es war ein langweiliger Sommernachmittag, und ich saßauf der Bank und hörte immer weniger — der Kopf war mir ein-geschlafen — doch plötzlich ward ich aufgeweckt durch das Geräuschmeiner eigenen Füße, die wach geblieben waren, und wahrscheinlichzugehört hatten, daß just das Gegenteil vom Völkerrecht vorgetragenund ans Konstitntionsgesinnung geschimpft wurde, und meine Füße,die mit ihren kleinen Hühneraugen das Treiben der Welt besser durch-schauen, als der Geheimrat mit seinen großen Juno-Augen, diesearmen, stummen Füße, unfähig, durch Worte ihre unmaßgeblicheMeinung auszusprechen, wollten sich durch Trommeln verständlichmachen, und trommelten so stark, daß ich dadurch schier ins Malheur kam.
Verdammte, unbesonnene Füße! sie spielten mir einen ähnlichenStreich, als ich einmal in Göttingen bei Professor Saalfeld hospitierte,und dieser mit seiner steifen Beweglichkeit auf dem Katheder hin undher sprang, und sich echauffierte, um auf den Kaiser Napoleon rechtordentlich schimpfen zu können — nein, arme Füße, ich kann es euchnicht verdenken, daß ihr damals getrommelt, ja ich würde eS euchnicht mal verdacht haben, wenn ihr, in eurer stummen Naivetät, euchnoch fußtrittlichcr ausgesprochen hättet. Wie darf ich, der SchülerLe Grands, den Kaiser schmähen hören? Den Kaiser! den Kaiser!den großen Kaiser!
Denke ich an den großen Kaiser, so wird es in meinem Gedächt-nisse wieder recht sommergrnn und goldig, eine lange Lindenallee