32 Ideen oder das Buch Lc Grand.
kosen; der Zeisig, der sich lauschend in den Zweigen wiegt, ist ver-schwiegen, und meine Linde rauscht traulich über den Häuptern derGlücklichen, die so glücklich sind, daß sie nicht einmal Zeit haben zulesen, was auf dem weißen Leichcnsteine geschrieben steht. Wenn aberspäterhin der Liebende sein Mädchen verloren hat, dann kommt erwieder zu der wohlbekannten Linde, und seufzt und weint, und be-trachtet den Leichenstein, lang und oft, und liest darauf die Inschrift: —Er liebte die Blumen der Brenta.
Kapitel v.
Madame! ich habe Sie belogen. Ich bin nicht der Graf vomGanges. Niemals im Leben sah ich den heiligen Strom, niemalsdie Lotosblumen, die sich in seinen frommen Wellen bespiegeln. Nie-mals lag ich träumend unter indischen Palmen, niemals lag ich betendvor dem Diamantengvtt zu Jaggernaut, durch den mir doch leichtgeholfen wäre. Ich war ebensowenig jemals in Kalkutta, wie derKalkutenbraten, den ich gestern mittag gegessen. Aber ich stammeaus Hindostau, und daher fühll ich mich so wohl in den breitenSangeswäldern Valmikis, die Heldenlciden des göttlichen Ramo be-wegen mein Herz wie ein bekanntes Weh, ans den BlumeulicdernKalidasas blühen mir hervor die süßesten Erinnerungen, und als voreinigen Jahren eine gütige Dame in Berlin mir die hübschen Bilderzeigte, die ihr Vater, der lange Zeit Gouverneur in Indien war,von dort mitgebracht, schienen mir die zartgemalten, heiligstillen Ge-sichter so wohlbekannt, und es war mir, als beschaute ich meine eigeneFamiliengalerie.
Franz Bopp — Madame, Sie haben gewiß seinen Nalus undsein Konjngationssystem des Sanskrit gelesen — gab mir mancheAuskunft über meine Ahnherren, und ich weiß jetzt genau, daß ichans dem Haupte Brahmas entsprossen bin, und° nicht ans seinenHühneraugen; ich vermute sogar, daß der ganze Mahabarata mitseinen 200 öüö Versen bloß ein allegorischer Liebesbrief ist, den meinUrahnherr an meine Ureltermutter geschrieben —O! sie liebten sichsehr, ihre Seelen küßten sich, sie küßten sich mit den Augen, sie warenbeide nur ein einziger Kuß —
Eine verzauberte Nachtigall sitzt auf einem roten Korallenbaumim stillen Ozean, und singt ein Lied von der Liebe meiner Ahnen,neugierig blicken die Perlen aus ihren Muschclzcllcn, die wunderbarenWasserblumen schauern vor Wehmut, die klugen Mecrschneckcn, mitihren bunten Porzellantürmchen auf dem Rücken, kommen heran-gekrochen, die Seerosen erröten verschämt, die gelben, spitzigen Meersterne und die tausendfarbigen gläsernen Quabben regen und reckensich, und alles wimmelt und lauscht —
Doch, Madame, dieses Nachtigallcnlied ist viel zu groß, um es