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5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
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7l) Norderney.

Sprache bei Schlegel, der fast drei Monate lang die barocksten Hypo-thesen über die Abstammung der Deutschen entwickelte, 2) die Ger-mania des Tacitns bei Arndt, der in den altdeutschen Wäldern jeneTugenden suchte, die er in den Salons der Gegenwart vermißte,3) germanisches Staatsrecht bei Hüllmann, dessen historische Ansichtennoch am wenigsten vag sind, und 4) deutsche Urgeschichte bei Radloff,der am Ende des Seinesters noch nicht weiter gekommen war, alsbis zur Zeit des Sesostris — damals möchte wohl die Sage von deralten Hertha mich mehr interessiert haben, als jetzt. Ich ließ siedurchaus nicht auf Rügen residieren, und versetzte sie vielmehr nacheiner ostfricsischen Insel. Ein junger Gelehrter hat gern seine Privat-hypothese. Aber auf keinen Fall hätte ich damals geglaubt, daß icheinst am Strande der Nordsee wandeln würde, ohne an die alteGöttin mit patriotischer Begeisterung zu denken. Es ist wirklich nichtder Fall, und ich denke hier an ganz andere, jüngere Göttinnen.Absonderlich wenn ich am Strande über die schaurige Stelle wandle,wo noch jüngst die schönsten Frauen gleich Nixen geschwommen.Denn weder Herren noch Damen baden hier unter einem Schirm,sondern spazieren in die freie See. Deshalb sind auch die Badestellenbeider Geschlechter voneinander geschieden, doch nicht allzuweit, undwer ein gutes Glas führt, kann überall in der Welt viel sehen. Esgeht die Sage, ein neuer Nktäon habe auf solche Weise eine badendeDiana erblickt, und wunderbar! nicht er, sondern der Gemahl derSchönen habe dadurch Hörner erworben.

Die Badekutschcn, die Droschken der Nordsee, werden hier nurbis ans Wasser geschoben, und bestehen meistens aus viereckigen Holz-gestellen, mit steifem Leinen überzogen. Jetzt, für dieWintcrzeit stehen sieim Konversationssaale, und führen dort gewiß ebenso hölzerne und steif-leinene Gespräche wie die vornehmeWclt, die noch unlängst dort verkehrte.

Wenn ich aber sage: die vornehme Welt, so verstehe ich nichtdarunter die guten Bürger Ostfrieslands, ein Volk, das flach undnüchtern ist, wie der Boden, den es bewohnt, das weder singen nochpfeifen kann, aber dennoch ein Talent besitzt, das besser ist als alleTriller und Schnnrrpfcifereien, ein Talent, das den Menschen adelt,und über jene windige Dicnstseelen erhebt, die allein edel zu seinwähnen, ich meine das Talent der Freiheit. Schlägt das Herz fiirFreiheit, so ist ein solcher Schlag des Herzens ebensogut, wie einRitterschlag, und das wissen die freien Friesen, und sie verdienen ihrVolksepitheton; die Httuptlingsperiodc abgerechnet, war die Aristokratiein Ostfriesland niemals vorherrschend, nur sehr wenige adlige Fa-milien haben dort gewohnt, und der Einfluß des hannövcrischen Adels,durch Verwaltungs- und Militärstand, wie er sich jetzt über das Landhinzieht, betrübt manches freie Friesenherz, und überall zeigt sichdie Vorliebe für die ehemalige preußische Regierung.