Druckschrift 
5 (1898) Memoiren Reisebilder : 1
Entstehung
Seite
51
Einzelbild herunterladen
 

Die Harzreise.

51

und ebenso lustige Antwort zurück erhielten von den zwitscherndenWaldvögeln, von den rauschenden Tannen, von den unsichtdar plät-schernden Quellen und von dein schallenden Echo. Wenn frohe Jugendund schöne Natur znsaniincnkvminen, so freuen sie sich wechselseitig.

Je tiefer wir hinabstiegen, desto lieblicher rauschte das unter-irdische Gewässer, nur hier und da, unter Gestein und Gestrüppeblinkte es hervor, und schien heimlich zu lauschen, ob es ans Lichttreten dürfe, und endlich kam eine kleine Welle entschlossen hervor-gesprungen. Nun zeigt sich die gewöhnliche Erscheinung: ein Kühnermacht den Anfang, und der große Troß der Zagenden wird plötzlichzu seinem eigenen Erstaunen von Mut ergriffen, und eilt, sich mitjenem ersten zu vereinigen. Eine Menge anderer Quellen hüpftenjetzt hastig aus ihrem Versteck, verbanden sich mit der zuerst hervor-gesprungenen, und bald bildeten sie zusammen ein schon bedeutendesBächlein, das in unzähligen Wasserfällen und iir wunderlichen Win-dungen das Bergthal hinabrauscht. Das ist nun die Ilse, die lieb-liche, süße Ilse. Sic zieht sich durch das gesegnete Jlsethal, an dessenbeiden Seiten sich die Berge allmählich höher erheben, und diese sindzu ihrem Fuße meistens mit Buchen, Eichen und gewöhnlichem Blatl-gesträuche bewachsen, nicht mehr mit Tannen und anderem Nadelholz.Denn jene Blätterholzart wächst vorherrschend ans demllnterharzc",wie man die Ostseite des Brockens nennt, im Gegensatz zur Westseitedesselben, die derOberharz" heißt, und wirklich viel höher ist, alsoauch viel geeigneter zum Gedeihen der Nadelhölzer.

Es ist unbeschrcibbar, mit welcher Fröhlichkeit, Naivetttt undAnmut die Ilse sich hinunterstürzt über die abenteuerlich gebildetenFclsstücke, die sie in ihren: Laufe findet, so daß das Wasser hier wildcmporzischt oder schäumend überläuft, dort ans allerlei Steiuspalten,wie aus vollen Gießkannen, in reinen Bogen sich ergießt und untenwieder über die kleinen steine hintrippelt, wie ein munteres Mädchen.Ja, die Sage ist wahr, die Ilse ist eine Prinzessin, die lachend undblühend den Berg hinablänft. Wie blinkt im Sonnenschein ihr weißesSchanmgcwand! Wie flattern im Winde ihre silbernen Bnscnbändcr!Wie funkeln und blitzen ihre Diamanten! Die hohen Buchen stehendabei gleich ernsten Vätern, die verstohlen lächelnd, dem Mutwillendes lieblichen Kindes zusehen; die weißen Birken bewegen sich tantcn-haft vergnügt, und doch zugleich ängstlich über die gewagten Sprünge;der stolze Eichbaum schaut drein wie ein verdrießlicher Oheim, derdas schöne Wetter bezahlen soll; die Vöglein in den Lüften jubelnihren Beifall, die Blumen am Ufer flüstern zärtlich: O, nimm unsmit, nimm uns mit, lieb' Schwesterchen! aber das lustige Mädchenspringt unaufhaltsam weiter, und plötzlich ergreift sie den träumen-den Dichter, und es strömt auf mich herab ein Blnmenregcn vonklingenden Strahlen und strahlenden Klängen, und die Sinne ver-

4»