4V Die Harzreise.
Gesicht glich einem Codex palimpscstuS, wo unter der ncnschwarzcnMönchsschrift eines Kirchenvatertextes die halberloschcnen Verse einesaltgriechischen Liebesdichters hervorlauschen. Beide Damen waren mitihrem Begleiter dieses Jahr in Italien gewesen und erzählten mirallerlei Schönes von Rom, Florenz und Venedig. Die Mutter er-zählte viel von den Raphaelschen Bildern in der Petcrskirche; dieTochter sprach mehr von der Oper im Theater Fenice. Beide warenentzückt von der Kunst der Improvisatoren. Nürnberg war derDamen Vaterstadt; doch von dessen altertümlicher Herrlichkeit wußtensie mir wenig zu sagen. Die holdselige Kunst des Meistergesangs,wovon uns der gute Wagenseil die letzten Klänge erhalten, ist er-loschen, und die Bürgerinnen Nürnbergs erbauen sich an welschemStegreifunsiun und Knpaunengesang. O Sankt Sebaldus, was bistdu jetzt für ein armer Patron!
Derweil wir sprachen, begann es zu dämmern; die Luft wurdenoch kälter, die Sonne neigte sich noch tiefer, und die Turmplattcfüllte sich mit Studenten, Handwcrksburschcn und einigen ehrsamenBürgersleuten, samt deren Ehefrauen und Töchtern, die alle denSonnenuntergang sehen wollten. Es ist ein erhabener Anblick, derdie Seele zum Gebet stimmt. Wohl eine Viertelstunde standen alleernsthaft schweigend, und sahen, wie der schöne Feuerball im Westenallmählich versank; die Gesichter wurden vom Abendrot angestrahlt,die Hände falteten sich unwillkürlich; es war, als ständen wir, einestille Gemeinde, im Schiffe eines Riescndoms, und der Priester erhöbejetzt den Leib des Herrn, und von der Orgel herab ergösse sichPalestrinas ewiger Choral.
Während ich so in Andacht versunken stehe, höre ich, daß nebennur jemand ausruft: „Wie ist die Natur doch im allgemeinen soschön!" Die Worte kamen aus der gefühlvollen Brust meines Zimmer-genossen, des jungen Kaufmanns. Ich gelangte dadurch wieder zumeiner Werkcltagsstimmung, war jetzt im stände, den Damen überden Sonnenuntergang recht viel Artiges zu sagen, und sie ruhig, alswäre nichts passiert, nach ihrem Zimmer zu führen. Sie erlaubtenmir auch, sie noch eine Stunde zu unterhalten. Wie die Erde selbst,drehte sich unsere Unterhaltung um die Sonne. Die Mutter äußerte,die in Nebel versinkende Sonne habe ausgesehen wie eine rotglühendeRose, die der galante Himmel herabgcworfen in den weitausgebrciteten,weißen Brautschleier seiner geliebten Erde. Die Tochter lächelte undmeinte, der öftere Anblick solcher Naturerscheinungen schwäche ihrenEindruck. Die Mutter berichtigte diese falsche Meinung durch eineStelle aus Goethes Reisebriefen, und frug mich, ob ich den Werthergelesen? Ich glaube, wir sprachen auch von Angorakatzen, etruskischcnVasen, türkischen Shawls, Maccaroni und Lord Byron, aus dessenGedichten die ältere Dame einige Sonnennntergangsstellen, recht