Die Harzreisc. II
und Ofen leben, denn ein Mensch hat ihnen einen Teil seiner Seeleeingeflößt.
Nur durch solch tiefes Anschanungsleben, durch die „Unmittel-barkeit" entstand die deutsche Märchenfabel, deren Eigentümlichkeitdarin besteht, daß nicht nur die Tiere und Pflanzen, sondern auchganz leblos scheinende Gegenstände sprechen und handeln. Sinnigem,harmlosem Volke in der stillen, umfriedeten Heimlichkeit seiner niederenBerg- oder Waldhütten offenbarte sich das innere Leben solcher Gegen-stände, diese gewannen einen notwendigen, konsequenten Charakter,eine süße Mischung von phantastischer Laune und rein menschlicherGesinnung; und so sehen wir im Märchen, wunderbar und doch alswenn es sich von selbst verstände: Nähnadel und Stecknadel kommenvon der Schneiderherberge und verirren sich im Dunkeln; Strohhalmund Kohle wollen über den Bach setzen und verunglücken; Schippeund Besen stehen auf der Treppe und zanken und schmeißen sich; derbefragte Spiegel zeigt das Bild der schönsten Frau; sogar die Bluts-tropfen fangen an zu sprechen, bange dunkle Worte des besorglichstcnMitleids. — Aus demselben Grunde ist unser Leben in der Kindheitso unendlich bedeutend, in jener Zeit ist unS alles gleich wichtig, wirhören alles, wir sehen alles, bei allen Eindrücken ist Gleichmäßigkeit,statt daß wir später absichtlicher werden, uns mit dem einzelnen aus-schließlicher beschäftigen, das klare Gold der Anschauung für dasPapiergeld der Bücherdcfinitivncn mühsam einwechseln, und an Lcbcns-breite gewinnen, was wir an Lebenstiefe verlieren. Jetzt sind wirausgewachsene vornehme Leute; wir beziehen oft neue Wohnungen,die Magd räumt täglich auf und verändert nach Gutdünken dieStellung der Möbel, die uns wenig interessieren, da sie entweder neusind, oder heute dem Hans, morgen dem Isaak gehören; selbst unsereKleider bleiben uns fremd, wir wissen kaum, wie viele Knöpfe andem Rocke sitzen, den wir eben jetzt auf dem Leibe tragen; wir wechselnja so oft als möglich mit Kleidungsstücken, keines derselben bleibtim Zusammenhang mit unserer inneren und äußeren Geschichte; kaumvermögen wir uns zu erinnern, wie jene braune Weste aussah, dieuns einst so viel Gelächter zugezogen hat, und auf deren breitenStreifen dennoch die liebe Hand der Geliebten so lieblich ruhte!
Die alte Frau, dein großen Schrank gegenüber hinterm Ofen,trug einen geblümten Rock von verschollenem Zeuge, das Brautkleidihrer seligen Mutter. Ihr Urenkel, ein als Bergmann gekleideterblonder, blitzäugiger Knabe, saß zu ihren Füßen und zählte die Blumenihres Rockes, und sie mag ihm von diesem Rocke wohl schon vieleGeschichtchen erzählt haben, viele ernsthafte hübsche Geschichtchen, dieder Junge gewiß nicht sobald vergißt, die ihm noch oft vorschwebenwerden, wenn er bald als ein erwachsener Mann in den nächtlichenStollen der Karolina einsam arbeitet und die er vielleicht wieder
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