Die Harzreise 13
immer den traditionell fabelhaften Jdeengang, der sich so lieblich aus-spricht in seinem „Herzog Ernst". Der Erzähler jener Neuigkeit warein Schneidergescll, ein niedlicher, kleiner junger Mensch, so dünn,daß die Sterne durchschimmern konnten, wie durch Ossians Ncbel-gcister, und im ganzen eine volkstümlich barocke Mischung von Launeund Wehmut. Dieses äußerte sich besonders in der drollig rührendenWeise, womit er das wunderbare Volkslied sang: „Ein Käfer aufdem Zaune saß, summ, summ!" Das ist schön bei uns Deutschen:Keiner ist so verrückt, daß er nicht einen noch Verrückteren fände,der ihn versteht. Nur ein Deutscher kann jenes Lied nachempfinden,und sich dabei totlachen und totweinen. Wie tief das GoethescheWort ins Leben des Volkes gedrungen, bemerkte ich auch hier. Meindünner Weggenosse trillerte ebenfalls zuweilen vor sich hin: „Leidvollund freudvoll, Gedanken sind frei!" Solche Korruption des Textesist beim Volke etwas Gewöhnliches. Er sang auch ein Lied, wo„Lottchcn bei dem Grabe ihres Werthers" trauert. Der Schneiderzerfloß vor Sentimentalität bei den Worten: „Einsam wein' ich ander Roscnstclle, wo uns oft der späte Mond belauscht! Jammerndirr' ich an der Silberquelle, die uns lieblich Wonne zugeranscht."Aber bald darauf ging er in Mutwillen über und erzählte mir: „Wirhaben einen Preußen in der Herberge zu Kassel, der eben solche Liederselbst macht; er kann keinen seligen Stich nähen; hat er einen Groschenin der Tasche, so hat er für zwei Groschen Durst, und wenn er imThran ist, hält er den Himmel für ein blaues Kamisol, und weintwie eine Dachtraufe, und singt ein Lied mit der doppelten Poesie!"Von letzterem Ausdruck wünschte ich eine Erklärung, aber meinSchneiderlcin mit seinen Ziegeuhainer Beinchcn hüpfte hin und herund rief beständig: „Die doppelte Poesie ist die doppelte Poesie!"Endlich brachte ich heranS, daß er doppelt gereimte Gedichte, namentlichStanzen, im Sinne hatte. — Unterdes, durch große Bewegung undden konträren Wind, war der Ritter von der Nadel sehr müde ge-worden. Er machte freilich noch einige große Anstalten zum Gehenund bramarbasierte: „Jetzt will ich den Weg zwischen die Beinenehmen!" Doch bald klagte er, daß er sich Blasen unter die Füßegegangen, und die Welt viel zu weitlttuftig sei; und endlich bei einemBaumstamme ließ er sich sachte niedersinken, bewegte sein zartes Häupt-lein wie ein betrübtes Lämmcrschwttnzchcn, und wehmütig lächelndrief er: „Da bin ich armes Schindluderchen schon wieder marode!"
Die Berge wurden hier noch steiler, die Tannenwälder wogtenunten wie ein grünes Meer, und am blauen Himmel oben schifftendie weißen Wolken. Die Wildheit der Gegend war durch ihre Einheitund Einfachheit gleichsam gezähmt. Wie ein guter Dichter liebt dieNatur keine schroffen Übergänge. Die Wolken, so bizarr gestaltet sieauch zuweilen erscheinen, tragen ein weißes oder doch ein mildes,