Die Harzreise. 11
höre die Stimme dcS teuren Prometheus, die höhnende Kraft unddie stumme Gewalt schmieden den Schuldlosen an den Marterfelscn,und all euer Geschwätz und Gezanke kann nicht seine Wunden kühlennnd seine Fesseln zerbrechen!" So rief die Göttin, und Thräncn-bäche stürzten aus ihren Augen, die ganze Versammlung henlte wievon Todesangst ergriffen, die Decke des Saales krachte, die Büchertaumelten herab von ihren Brettern, vergebens trat der alte Münch-hansen aus seinem Rahmen hervvr, um Ruhe zu gebieten, es tobtennd kreischte immer wilder, — und fort aus diesem drängenden Toll-hauslärm rettete ich mich in den historischen Saal, nach jener Gnaden-stclle, wo die heiligen Bilder des belvederischen Apolls und der medi-ceischcn Venus nebeneinander stehen, und ich stürzte zu den Füßender Schönheitsgöttin, in ihrem Anblick vergaß ich all daS wüste Treiben,dem ich entronnen, meine Augen tranken entzückt das Ebenmaß unddie ewige Lieblichkeit ihres hochgebenedeitcn Leibes, griechische Ruhezog durch meine Seele, und über mein Haupt, wie himmlischen Segen,goß seine süßesten Lyraklänge Phöbus Apollo.
Erlvachend hörte ich noch immer ein freundliches Klingen. DieHerden zogen ans die Weide, und es läuteten ihre Glöckchcn. Dieliebe, goldene Sonne schien durch das Fenster und beleuchtete dieSchildcreien au den Wänden des Zimmers. Es waren Bilder ausdem Befreiungskriege, worauf treu dargestellt stand, wie wir alleHelden waren, dann auch Hinrichtungsscencn ans der Revolutionszeit,Ludwig XVI. auf der Guillotine, und ähnliche Kvpfabschncidereien,die man gar nicht ansehen kann, ohne Gott zu danken, daß manruhig im Bette liegt und guten Kaffee trinkt und den Kopf noch sorecht komfortabel auf den Schultern sitzen hat.
Nachdem ich Kaffee getrunken, mich angezogen, die Inschriftenauf den Fensterscheiben gelesen, und alles im Wirtshause berichtigt,verließ ich Osterode.
Diese Stadt hat so nnd so viel Häuser, verschiedene Einwohner,worunter auch mehrere Seelen, wie in Gvttschalks „Taschenbuch fürHarzrciscnde" genauer nachzulesen ist. Ehe ich die Landstraße ein-schlug, bestieg ich die krümmer der uralten Osteroden Burg. Siebestehen nur noch aus der Hälfte eines großen, dickmauerigen, wievon Krebsschäden angefressenen Turms. Der Weg nach Klausthalführte mich wieder bergauf, und von einer der ersten Höhen schauteich nochmals hinab in das Thal, wo Osterode mit seinen roten Dächertlaus den grünen Tannenwäldern hervorguckt wie eine Moosrose. DieSonne gab eine gar liebe, kindliche Beleuchtung. Von der erhaltenenTurmhälftc erblickt man hier die imponierende Rückseite.
Es liegen noch viele andere Burgruinen in dieser Gegend. DerHardenberg bei Nörten ist die schönste. Wenn man auch, wie es sichgebührt, das Herz auf der linken Seite hat, auf der liberalen, so