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die ihn zum Sklaven der Natur knechten, durch die Gnade gebrochen undveredelt, als Ehrenzeichen auf der Brust des freigcwordenen Kindes Got-tes glänzen. So reich an Weisheit und Erbarmung, so erfinderisch ist dieerlösende göttliche Liebe, wie sie sich in der katholischen Kirche offenbart!
Wie fest und starr aber auch der Bau dieser Kirche nach außen hingegen Irrthum und menschliche Willkühr geschlossen ist, in ihrem Innernwaltet darum doch neben der erlösenden Gnade auch volle, höchste sittlicheFreiheit, und findet sich Spielraum für alle wahre geistige Entwicklung.Zum Belege für diese, hausig von mehr als einer Seite verkannte Wahr-heit will ich wieder einen Ausspruch anführen, welchen man für den einesBossuct oder Möhler halten könnte, für einen gelungenen Versuch, dieallmahlige Ausbildung des Katholicismus hinterher aus der Idee zurechtfertigen. Und doch ist der Gewährsmann, den ich hier reden lasse, ummehr als zwölf Jahrhunderte älter als Bossuct. Es ist der Mönch Vin-centius von Lerins in der ersten Hälfte des fünften Jahrhunderts, die-ser scharssinnige Vertheidiger der katholischen Kirche, der den formellenInhalt ihrer Lehre in das klassische Wort zusammenfaßte: „Was immer,„was überall, was von Allen geglaubt worden, das ist wahr-haft und eigentlich katholisch." (Eommnnil. o. 3.) Er macht sichin seinem merkwürdigen Buche gegen die Jrrlehrer selbst den Einwurf:„Vielleicht sagt aber jemand: „So gibt es denn in der christlichen Kirche„gar keinen Fortschritt der Religion?" Allerdings soll es einen geben und„zwar einen sehr großen! Denn wo wäre der Menschen- und Goltesfeind,„der es wagte, solches Fortschreiten zu hemmen? Nur daß es ein wahrer„Fortschritt im Glauben sey, und nicht eine Veränderung! Denn zum„Fortschreiten gehört, daß jedwedes Ding sich in sich selbst entwickele;„Veränderung aber ist, wenn Anderes in Anderes übergeht. Wachsen„also, und zwar in mächtiger Entwicklung nach den Stufen des Alters,und der Jahrhunderte fortschreiten soll die Erkenntniß, Wissenschaft und„Weisheit sowohl des Einzelnen als der Gesammtheit, eines jeden Gläu-bigen wie der ganzen Kirche; aber alles nur in seinem eigensten Wesen,„nämlich in demselben Dogma, demselben Sinne, demselben Verständ-nisse. Die Religion der Seelen soll dem Entwicklungsgesetze folgen, das„sich auch in dem Leibe offenbart, welcher mit zunehmendem Alter sich„zwar entwickelt und ausbildet, aber doch derselbe bleibt, der er war. Es„ist ein großer Unterschied zwischen der Blüthe der Jugend und der Reife„des Alters; aber der zum Manne Gewordene ist doch derselbe, der auch„Jüngling war; und wie sehr auch desselben Menschen Gestalt und Lebens-weise sich ändern, so bleibt nichtsdestoweniger dieselbe Natur und dieselbe„Person. Klein sind des Säuglings Glieder, groß die des Mannes, und„sind doch dieselben. Wie viele Gliedmaßen das Kind, so viele hat auch