letzten Nachbarn Thüngen (sein ältester Sohn verunglückteals Husar in Düsseldorf, die übrigen Kinder sind nach derEltern Tode überallhin verzogen und das frühere Besitztum istlängst in fremden Händen), die mit uns zur Schule ging, esuns öfters erzählte, ihr ältester Vorfahr sei ein vornehmerund hochmögcndcr Herr gewesen. Dazu hätte freilich stimmenkönnen, daß in einem Zimmer des uralten, hochgiebeligenHauses eine ganze Reihe gemalter Porträts hing, die VaterThüngen uns stets gern als „Unsere Ahnen" zeigte. Daswaren allesamt gar grimmig blickende, zinnoberrote Gesichter,die Ältesten trugen Allongcpcrrücken, die Jüngeren Zopf undHaarbeutel, Auch ein paar steifgeschnürtc Francnbilder warendabei.
Von diesem letzten Thüngen muß ich sagen, daß ereine sanfte, stille Natur war. Die sogenannten „noblen Pas-sionen", als Reiten, Jagen und was dergleichen mehr, deneneinige seiner Vorfahren gefröhnt haben sollten, waren nicht inihm. Er befaßte sich sogar mit Poeterei- er reimte hoch-nnd plattdeutsche Lieder meist patriotischen Inhaltes und nachbekannten Volksweisen zu singen! Auch ein Morgen- undein Abendgebet hatte er sich gedichtet; das erstere hatte amAnfange jeder Zeile einen Buchstaben seines eigenen, das letzteretrug die Buchstaben des Namens seiner Frau an der Spitzeder Zeile, Er hatte diese beiden Gebete, kunstvoll geschriebenund wohlverwahrt unter Glas und Nahmen, in seinerWohnstube hängen. — Aber sein größter Stolz blieben seine„Ahnen", und sein Erbkummer war, daß die nicht, wie's ihnennach seiner Überzeugung mit Fug und Recht zukam, an Stelleder Langcwieschcn das Schultengut innegehabt. Und er selbstunterschied sich doch übrigens recht vorteilhaft von jenenwilden, streitbaren Gesellen,
Da begab es sich vor mehr als dreißig Jahren, daßan einem Novembcrabendc das uralte Thüngcnsche Haus mit