113
dieser Lcctürc viele Aufmerksamkeit. Nur die Jcuaische Allgemeine Littcratnr-Zcitnng las ernicht, thcilS weil das Papier für seine Augen nicht weiß genug war, thcils weil er ei» kleinesVornrtheil wider die lateinischen Lettern zu deutschen Büchern hatte. Uni seinem Gedächtnis; zuHülfe zu kommen, machte er sich ein Verzeichnis der für ihn interessantesten ncnern Schriften,welchem er einen Auszug ans den Benrtheilungcn, die er in den gelehrten Blättern davon ge-lesen hatte, hinzufügte.
Verschiedene Gelehrte ermunterte er zur Schriftstellern, obgleich er selbst nie etwas vonseinen Arbeiten herausgab. Ja er wollte einem seiner Neffen nicht einmal erlauben, einigetreffliche juristische Abhandlungen von ihm in einer Sammlung aufzunehmen.
Sein Umgang war für diejenigen, welche seinen Werth zu fühlen vermochten, so an-genehm als unterrichtend. In größern Gesellschaften sprach er überhaupt wenig, war aber destoaufmerksamer ans das, was andere sagten, obgleich er auch bisweilen noch über einen Gegenstandnachdachte, wovon die allgemeine Unterhaltung sich schon längst abgezogen hatte. Im nähernUmgang mit geselligen Menschen fand man ihn desto unterhaltender. Er ließ sich dann ansalles ein, sprach aber selbst über Gegenstände, welche er genau kannte, mit einer 'Bescheidenheit,die nur der Ncifc seiner UrthcilSkraft gleichkam. Er verlangte aber auch eben so sehr von denen,welche mit ihm umgingen, Bescheidenheit, welche nach seiner Meinung mit tiefen Einsichten,mannigfaltigen Kenntnissen und einem lebhaften scharfen Verstand recht wohl übereinstimme»konnte. Selbstgenügsamkeit und Eitelkeit, sogar in die Unterhaltung hineingetragen, machtenihm den Umgang der sonst interessantesten Personen unangenehm. — Ein gefälliges Acnßcre,ja selbst körperliche Annehmlichkeit hatten ans seine persönliche Zuneigung vielen Einfluß, obgleichdiese Vorzüge freilich bei weitem noch nicht Freundschaft und Hochachtung bei ihm begründenkonnten. Gleichwohl gaben sie bisweilen Veranlassung dazu. Eben so konnte man sich durchBescheidenheit, verbunden mit Offenheit und Lebhaftigkeit, den Eingang zu seinem Herzen ver-schaffen. Ein zurückhaltendes Wesen war ihm dagegen unangenehm, und die, welche dieses inhohem Grade besaßen, durften schwerlich hoffen, sich seine Zuneigung zu erwerben.
Er liebte nicht blos die Unterhaltung mit Personen seines Alters, sondern er unterhieltsich auch gerne mit heranwachsenden jungen Leuten von Talenten, und er freute sich ungemein,wenn er bei irgend einem von diesen ungewöhnliche Kenntnisse und ausgezeichnete BenrthcilnngS-kraft bemerkte. So beobachtete er z. B. noch in den letzten Jahren seines Lebens mit innigemWohlgefallen die Entwickclnng der seltenen Talente des einzigen hoffnnngsvolten Sohnes einesberühmten Mannes, der mit ihm an einem Ort lebte. Er war überhaupt ein Jugendfreund,ohne je Vater und ohne je Erzieher gewesen zu sein. So strenge er erzogen war, so wenig warer mit dieser Erziehungsart zufrieden. Er erklärte sich vielmehr im Ganzen sehr für eine mildeErziehung, sofern sie nicht inS tändclhafte ausartete. Auf der einen Seite tadelte er störrischenZwang, auf der andern billigte er aber auch nicht eine gewisse Ungezähmtheit, die manche Erzieherzum Grundsatz angenommen zu haben scheinen. In der gelehrten Erziehung war er größtenthcilsder Meinung eines Rcscwitz n. a. Besonders wünschte er, daß die Jugend, besser als es ge-schieht, zum Denken und zum Privatfleiß angeführt werden möchte, obgleich er die Uebnngcn desGedächtnisses garnicht tadelte. Er glaubte, daß sich der öffentliche Unterricht nicht bloß auf alteSprachen und Alterthüincr erstrecken, sondern auch Kenntnisse, die von nmnittelbcncm Nutzenfürs praktische Leben wären, gelehrt werden müßten. Vorzüglich forderte er eine gtündlichcUnterweisung in der Religion. An der Einrichtung unserer deutschen Universitäten fand ermanches auszusetzen. Ohne seiner Meinungen in Hinsicht des Unterrichts, der auf denselbengegeben wird, zu erwähnen, will ich nur bemerken, daß er mit den academischen^Sittcn im