Druckschrift 
1 (1879)
Entstehung
Seite
114
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Ganzen nicht zufrieden war. Keine Academie, als Leipzig, gefiel ihm in dieser Rücksicht. Be-sonders fand er die Duelle unter den Studenten so thöricht als sträflich. Möchte er eS dochnoch erlebt haben, daß eine der vormals ranhcsten Universitäten hierin allen andern mit demrühmlichsten Beispiel, znm größten Beweise der daselbst herrschenden wahren Aufklärung, vor-gegangen ist!

Ich enthalte mich, um nicht sein Lobrcdner zu werden, hier etwas von seinem Betragengegen diejenigen Personen zn sagen, welche ihm am nächsten waren, z. B. seine Gattin, seineHausgenossen n. s. f. Aber ganz verändert schien sein Wesen zn sein, wenn er irgend eine be-schwerliche Unpäßlichkeit hatte. Diese machte ihn, weil er derselben nicht gewohnt war, ver-drießlich, und er konnte sogar beleidigend sein gegen die, welche er sonst vorzüglich liebte, welchesbesonders in seiner letzten Krankheit der Fall war. Allein sowol die lange Dauer als das Be-schwerliche und Schmerzhafte derselben dient sehr zur Entschuldigung seiner Unruhe und Unzu-friedenheit während dieser Zeit. Nach dem Zcngniß seines geschickten Arztes wurden geradedurch die Stärke seiner Natur und durch die gute Beschaffenheit seiner edeln Thcilc seine Leidenvergrößert, seine Qual verlängert. Oft schien er seiner Genesung nahe zn sein, und dann fieler wieder desto tiefer ein. Erst nach 14wöchentlichcm Leiden erlag er allen den Uebcln, die baldeins nms andere, bald alle ans einmal ihm zusetzten. In den ersten 5 Wochen seiner Krankheit,die mit einem Ansatz von Stcckflnß anfing, nachdem er schon im Winter einen anhaltendenharten Husten gehabt hatte, war er manche Tage angekleidet und verrichtete seine Geschäfte wiegewöhnlich. Wie aber in der Folge sein Körper immer mehr geschwächt ward, verlor er allmäligdie Lust znm Arbeiten und nur die Unterhaltung machte ihm noch Vergnügen. Indessen war erbloß in den ersten Morgenstunden zu geistvollen Gesprächen aufgelegt. Den übrigen Thcil dcSTages blieb er mchrcnthcils schläfrig, indem er die Nächte unruhig zubrachte. Zuletzt nahmaber seine Besinnung immer mehr ab, und die letzten Tage schien er in steter Betäubung zuzu-bringen. Indessen bemerkte ich sowol in dieser Zeit als vorher bei ihm einige sonderbarepsychologische Erscheinungen, die selbst sein nunmehr verewigter Freund Jochims nicht zn erklärenwußte. Er entschlummerte dem Anschein nach ohne Schmerzen, nachdem seine körperlichen Kräftegänzlich erschöpft waren.

Auch dieser große Mann verleugnete nicht die menschliche Natur dahin, daß er nichteine große Liebe znm Leben besessen hätte, welches desto natürlicher war, da alle seine Verhält-nisse ihm dasselbe angenehm machen mußten. Nur äußerte er in seiner letzten Krankheit eineArt Furcht vor dem Tode, die man vielleicht von einem so philosophischen Geiste nicht erwartensollte. Erst 14 Tage vor seinem Ende glaubte er, daß seine Krankheit tödtlich sei. Und nundachte er an seinen Tod mit den Gesinnungen eines wahren Weisen. Alle seine letzten Dispo-sitionen bezeichneten diesen Character, welchen er während seiner ganzen langen Laufbahn mitso vieler Würde behauptet hatte. Sein Geist ward, so zn reden, mit jedem Tage für dieEwigkeit reifer.

Vielleicht kann man seinen Werth mit wenigen Worten so bestimmen: Sein Verstandwar mehr tief und erhaben, als fein und durchdringend: seine Einsichten und Kenntnisse warenmehr gründlich als glänzend; sein Character mehr Verehrung fordernd, als liebenswürdig.

Ich schweige von dem Eindruck, den sein Tod ans seine Freunde und Angehörigen machte.Aber auch die Betrübniß, welche die Einwohner der ganzen Provinz, welcher er ehemals vorstand,Aber diesen Verlust bezeugten, war so allgemein als ausgezeichnet, und kam nur der tiefen Ver-ehrung und der fast kindlichen Liebe gleich, welche dieselben stets gegen ihn hegten und wovonsie selbst nach seinem Tode rührende Beweise ablegten.