Druckschrift 
1 (1879)
Entstehung
Seite
110
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gefährlich, das Ansehen desselben zu schwächen und ihn wohl gar in den Angen des Volkesherabzusetzen.

Er besaß nicht bloS Lust und Neigung zu den philosophischen Disciplincn, nein, erempfand eine Sehnsucht nach dem Studium der Philosophie, welche mit dein Alter, und nachdemseine BernfSgeschäftc minder Zeit erforderten, immer bei ihm zunahm. Es konnte nicht leichtjemand größere Anlagen zum Philosophen besitzen, und besonders in den letzten 10 Jahren seinesLebens, den Mangel des Umgangs mit vielen aufgeklärten Denkern abgerechnet, unter vortheil-haftcrn Umständen in Hinsicht des Studiums der Philosophie sich befinden, als er. Ohne Ab-haltung durch BernfSgeschäftc und einen ausgebreiteten Umgang von vielem Zeitaufwand, konnteer sich ganz diesem Studium widmen, und mit hinlänglichem Vermögen versehen, war er imStande, sich mit den besten Schriften der Philosophen, deren Grundsätzen, Erfahrungen undEntdeckungen bekannt zu machen. Sein beständig prüfender Verstand und seine Neigung zumZweifeln ließen ihn bei einer völligen Seelenruhe und bei einer ganz niedergedrückten Phantasietief in die wichtigsten Materien eindringen, und sein glückliches Gedächtnis? ließ ihn keine derdurch langes Naisonnement erforschten Wahrheiten verlieren. Er rückte in seinem Studium undin seinen Erkenntnissen mit seinem Zeitalter fort, und in seinem 83. Jahre entschloß er sich noch,den, mit Mendelssohn zu reden, alles zermalmenden Kant zu stndiren. Unter den Philosophender neuesten Zeiten waren vorzüglich Platncr, Eberhard und Rcimarns.

Die Mcdicin hielt er für eine der interessantesten Wissenschaften, und er bedauerte esoft, daß das Studium anderer für ihn noch wichtigerer Erkenntnisse ihm nicht die Zeit ver-stattcte, nach einer mehr als allgemeinen Kenntnis? von den vorzüglichsten Theilen der Medicinzu streben. Die ausübende Arznciknnde war ihm nicht minder wichtig als die Theorie derselben,da in beiden Füllen ans gleiche Weise das Naisonnement geübt wird. Das meiste Interesse nahmer an der Anatomie, Physiologie und Pathologie. Aerzte, denen er nur irgend gründliche Ein-sichten in ihrem Fach zutraute, beschäftigte er selbst im freundschaftliche» Umgang mit Fragenüber hicher gehörige Gegenstände. In der Physik und Naturgeschichte war er wenig bewandert,vielleicht weil diese trefflichen Wissenschaften eben wie die Botanik von dem Umfange sind, daßman, ohne sich diesem Studium hauptsächlich zu widmen, schwerlich zu einer gründlichen Kenntnißdarin wird gelangen können. Er war sehr gegen die Quacksalberei, aber auch eben so sehr gegendie Charlatancrie der wirklichen Aerzte. Aus seiner langen Bekanntschaft mit den Menschenwußte er, daß aus manchen Ursachen die Pfuscherei, besonders auf dem platten Lande, nicht ganzauszurotten steht. Doch hielt er e§ für so schädlich wie pflichtwidrig, sie gewissermaßen öffent-lich zu dulden. Nach diesen Grundsätzen verfuhr er auch, so lange er im Amte stand, in seinemBezirk. Hingegen bediente er sich selbst nicht nur unschuldiger, von Aerzten für gut anerkannterHausmittel, sondern empfahl sie auch andern, und pflegte davon, wie oben bemerkt worden ist,Dürftigen unentgcldlich mitznthcilen. Daher gab es immer viele Leute, die auch in dieser Hin-sicht seinen Rath begehrten.

So wie er die Künste in geringem Maße liebte, so batte er auch wenig Sinn für dieschönen Wissenschaften. Selbst auf die Erforschung ihrer ersten Principien gingen selten seineMeditationen, ungeachtet der Neigung, die er sonst an tiefsinnigen philosophischen Untersuchungenfand. Er las keine anderen Gedichte als etwa Epigramme und geistliche Oden. Schon dieDichtcrsprache hatte nicht seinen Beifall. Denn allenthalben verlangte er Deutlichkeit und Klar-heit im Ausdruck und in der Stellung der Gedanken. Er bewunderte zwar dann und wann dieProdnctc einer glühenden Einbildungskraft, aber es verlohnte sich für ihn nicht der Mühe, denWerth derselben zu untersuchen, weil daraus schwerlich eine wichtige Ausbeute für den Inbegriff