Druckschrift 
1 (1879)
Entstehung
Seite
109
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Fällen nicht schleich zu erinnern wußte. Bei dieser ausgebreiteten Rcchtskenntniß nnd bei seinertiefen Einsicht nnd Beurthcilung war es natürlich, daß er anch nach seiner Dienstentlassung inNcchtsstreitigkcitcn nnaufhörlich um seine Meinung nnd Rath befragt ward, nnd daß seine Acuße-rnngcn oft wie ein Nichtcrsprnch betrachtet wurden.

Die positive Theologie mit ihren verschiedenen Zweigen betrachtete er als einen derwichtigsten Gegenstände der menschlichen Erkenntlich. Er hielt sich überzeugt, daß wir einerOffenbarung bedürften, und sähe diese daher als das trefflichste Geschenk nnd als die größteWohlthat an, die die Gottheit den Menschen hätte erzeigen können. Gerade weil er ein sogroßes Interesse an den Lehren der christlichen Religion nahm, so bemühte er sich ancb, einelebendige Ucberzcngnng davon zu erhalten. Je mehr er von Bcrnfsgcschüftcn entledigt ward,desto mehr beschäftigte er sich mit dem theologischen Studium. In seinen letzten Lebensjahren,ja seit der Abdankung von seinem Amte, las er fast am meisten theologische Bücher; seine tiefstenMeditationen betrafen die Theologie, er unterhielt sich mit seinen besten Freunden nnd Lieblingenam liebsten von den Wahrheiten derselbe», nnd Jünglingen von gesittetem Stande nnd von bessererErziehung empfahl er kein Studium so dringend^ als die Lehren des christlichen Glaubens gründ-lich zu lernen. Ja er pflegte angehenden Juristen anch wohl zu rathen, ans Universitäten Dog-matil zu hören. Das Studium der Theologie würde für ihn vielleicht minder anziehend gewesensein, wenn diese Wissenschaft sich nicht unter allen andern den erhabensten Thcilcn der Philosophieam meisten näherte, nnd der Untcrsnchnngsgeist anch hier reiche Nahrung fände. Er hattekein eigenthümlicheS festes System in der Dogmatil, sondern er zweifelte nnd prüfte bis an seinEnde. Es mag genug sein, nur von einigen der wichtigsten Lehren hier seine Meinung anzu-führen. Von der Göttlichkeit Christi nnd seiner Lehren hielt er sich überzeugt, aber die Inspi-ration der Bibel im strengsten Sinne konnte er nicht annehmen. Die Lehre von der Versöhnungnnd Gcnngthnnng dc§ Erlösers hielt er für überaus trostreich nnd sie schien ihm anch in derheiligen Schiift gegründet zu sein; allein er glaubte, daß derselben ans der Philosophie unum-stößliche Zweifel entgegengesetzt werden könnten. Die Schöpfungsgeschichte Mosis hielt er, wieman leicht erwarten kann, für eine Allegorie, und in der Lehre vom Sündcnfall erklärte er sichvorzüglich für die Meinung des verewigten Jerusalem. Hingegen hielt er sich durch lange Er-fahrungen überzeugt, daß die Mensche» ohne Hülfe des Naisonncments mehr böse als gut seinwürden. In keinem Dogmc war er fester als in dem vom Abendmahl, wo er Joh. Aug. Hermesvöllig beitrat. Die Lehre von der Dreieinigkeit war ihm, ohngeachtet der Erncstischcn Beweise,zwar schlechterdings unbegreiflich und philosophisch unmöglich. Inzwischen konnte er sich dochnicht fest vom Gcgentheil überzeugen, nnd daher stellte er ftlten Betrachtungen über diese Materiean. Er glaubte, daß es außer den Menschen noch andere vernünftige Wesen gebe, die in Ansehungder GeistcSfähigkeitcn theils ans einer nicdrigcrn, thcils ans einer höhern Stufe ständen als dieMenschen. Uebrigens ließ er die Lehre von den Teufeln, im gewöhnlichen Sinn, dahingestelltsein. Von der Unsterblichkeit der Seele hielt er sich nach den Lehren der christlichen Religionvöllig überzeugt. Nicht lange vor seinem Tode sagte er zu seinem Freunde Jochims: ..Wirwerden uns bald wiedersehen." Das Wesen der Taufe schien ihm sonderbar, wenigstens fand erdie Taufe der Kinder nicht passend. Ich brauche daher nicht zu berühren, was er von der Selig-keit der ungetansten Erwachsenen oder Kinder gehalten habe. Seine religiösen Gefühle warennicht lebhaft, so wichtig ihm auch der Gegenstand blieb; er dachte hier zu viel, um stark fühlenzu können. Selten stellte er Religionsübnngen an, und Erbannngöschriften gehörten in der Regelnicht zu seiner Lectürc. Obgleich er nur für wenige Geistliche wahre Hochachtung hegte, war erdoch ein Freund und Beschützer dcö geistlichen Standes, und er hielt eS für höchst schädlich nnd