nachdrücklich aller Chicanc, welches er um so eher thun konnte, als er daS Förmliche des Rcchts-ganges sehr genau von der Chicane zu unterscheiden verstand.
Sein Nichtcramt und seine übrigen Geschäfte konnte er mit desto ungetheilterer Auf-merksamkeit und Sorgfalt verwalten, je weniger ihn irgend eine Licblingsneignng oder Vergnü-gungen von der treuen Ausübung seiner Bcrnfspflichtcn entfernten. So wenig er ans der einenSeite von einem Hang zu Vergnügungen beherrscht ward, so wenig war er ans der andern Seiteunempfindlich dagegen. Die rauschenden Vergnügungen intercssirtcn ihn am wenigsten. In früherenJahren ging er wohl einmal ans die Jagd, aber er liebte sie doch eigentlich nicht. — Eben sowenig machte er sich etwas ans dem Tanz. Obgleich er viel ans Pferde hielt und selbst einsehr schönes Gespann besaß, so waren das Reiten und Fahren doch für ihn nicht als eigentlicheVergnügungen zu betrachten. An den mechanischen Spielen, als Kegelschieben u. s. f. nahm ernie anders Thcil, als zufälliger Weise im gemischten gesellschaftlichen Cirkcl, und er besaß auchdarin keine besondere Geschicklichkeit. DaS Kartenspiel hingegen belustigte ihn mehr, indem dabeider Verstand ctwaS beschäftigt ist; aber gerade darum fand er auch keinen Geschmack an denbloßen Glücksspielen. Man kann es leicht von diesem Mann erwarten, daß er weder hoch nochmit Leidenschaft spielte, noch des Spieles wegen seine Geschäfte ans irgend eine Art vernachlässigte.—Unter allen Vergnügungen liebte er vielleicht am meisten die Musik. Ohne Kunstverständigerzu sein, besaß er ein sehr gutes musikalisches Gehör. Die Instrumentalmusik war ihm zwarangenehm, aber er schätzte bei weitem am meisten den Gesang, und sollte er nur cinS von beiden,den Gesang oder ein Instrument hören, so zog er jenen vor. Die großen Meisterstücke der Ton-kunst gefielen ihm weniger als die kleinen Singstückc, weil das Gefühl die letztem am leichtestenumfassen konnte und die Harmonie darin am offensten ist. Die Musik war auch dasjenige Ver-gnügen, woran er noch bis zuletzt Geschmack fand. Am Schauspiel fand er durchaus keinenGeschmack, weil dabei alles in Täuschung besteht, und er hatte zu wenig gute Schauspielergesehen, als daß die Darstcltnngsknnst im Schauspiel ihm hätte Vergnügen machen können. —Von dem Nutzen der bildenden Künste war er lebhaft überzeugt, und er empfahl allezeit sehrdie Cnllur derselben. Er fand auch Gefallen an den Productcn derselben, allein thcilS seineErziehung, thcilS die Menge von Geschäften, womit er in der Folge immer bis in sein hohesAlter überhäuft war, verursachte, daß er an den Werken der Kunst nicht so lebhaft Theil nahm,als er vielleicht acthan haben würde, wenn er mehr Studium darauf hätte verwenden können.
Ans kein einziges Ding hatte er einen solchen Werth gesetzt, daß man eS eine Lieb-haberei hätte nennen können. Die? erhielt ihm die Unabhängigkeit seines CharacterS, und truggewiß nicht wenig dazu bei, daß derselbe in derjenigen Richtung, welche er einmal genommenhatte, blieb.
Ganz übereinstimmend mit dem trefflichen Gellcrt, hielt er die Nnkenschheit für eingroßes und verderbliches Laster. Er war überzeugt, daß die Wollust die Unschuld der Seele,den Adel der Empfindungen raubt; daß sie der Unabhängigkeit des Geistes schadet und denselbenan seiner feinsten Vervollkommnung hindert; daß sie sehr oft schon an sich die freventlichste Be-leidigung enthält, ohne einmal des Unheils zu gedenken, welches dadurch zwischen Mann undFrau, zwischen Eltern und Kindern, zwischen Geschwistern, Verwandten und Freunden, ja zwischenganzen Familien gestiftet wird; und daß dieses Laster also den höchsten Endzwecken der Schöpfunggeradezu entgegenstehe. Er verabscheute dasselbe um so mehr, als er dafür hielt, daß die Keusch-heit vorzüglich zu den Tugenden der gesitteten Stände gehörte, obgleich die Wollust gewöhnlichsowohl von diesen als von den ungesitteten VolkSklasscn kaum einmal für unrecht gehalten würde.Ernstlich mißbilligte er alles das, was Veranlassung dazu werden oder Gelegenheit dazu geben