Druckschrift 
1 (1879)
Entstehung
Seite
100
Einzelbild herunterladen
 

so zu reden, wieder der Inbegriff seiner Geisteskräfte. Sein scharfer Verstand bildete vielleichtsein lebhaftes Gefühl für Wahrheit nnd Gerechtigkeit. Sein Nachdenken über die Welt führteihn znr Liebe zn den Wesen, woraus sie besteht. Seine tiefen Meditationen zeigten ihm, daßder Geist mir dnrch bestimmte Ucbnng zur Fertigkeit im Nachdenken gelangt, sie schwächten zu-gleich sein Gefühl nnd die Empfänglichkeit für sinnliche Eindrücke. Seine Gewohnheit immer zudenken brachte vielleicht seine Enthaltsamkeit nnd Mäßigkeit hervor, deren Gcgenthcil Erschlaffungbcö Geistes wirkt. Und seine Affectcn mußten natürlicher Weise unter der beständigen Anstren-gung seiner Geisteskräfte verlieren.

Seine Wohlthatcn verwendete er immer mit Raisonncmcnt. Die Crcditvcrfassnng inSüdcrdithmarschen ist seit vielen Jahren immer weiter in Verfall gcrathcn, so daß ein Darlchnzu billigen Zinsen, einem Privatmanne gegeben, immer als eine Wohlthat angesehen werdenmuß, um so mehr, als man das Geld, welches man in diesem Lande mit mäßig glücklichemErfolg ans den Ackerbau verwendet, zu außerordentlich hohen Zinsen nutzen kann. Diese Artvon Wohlthätigkcit war er erst in der letzten Hälfte seines Lebens auszuüben im Stande. Ernahm dabei nicht nur ans die Sicherheit deö ausgeliehenen Geldes, sondern auch ans die Ursachenund Umstände Rücksicht, welche das Darlehn nothwcndig gemacht hatten. War jemand ein or-dentlicher Hanshalter, und bedurfte er nur eines Eapitals znr Betreibung seines Gewerbes, somachte er wegen des Darlehns keine Schwierigkeit. Hatte aber der, welcher ihn darum ansprach,ans irgend eine Art, wenigstens nach seiner Meinung, verschwendet nnd war dadurch zurück-gekommen, so gab er ungern, auch wenn er Sicherheit genug vor sich sah. War ihm jemandmehrmals Zinsen schuldig geblieben, so entschloß er sich schwerlich jemals zn einem neuen Dar-lchn an denselben, es sei denn, daß dieser sich mit erlittenen Unglücksfällen ans eine wahrschein-liche Weise entschuldigen konnte. Bisweilen unterstützte er auch geringe Leute mit Geschenkenan Geld. In seinen letzten Lebensjahren unterhielt er unter andern eine dürftige Familie ausseiner Tasche, schlug aber daS ihr baar vorgestreckte immer als ein Kapital an, obschon er vor-aussehen konnte, daß dieses nie bezahlt werden würde. Personen ans höheren Klassen, besondersseineu Verwandten, wenn sie dessen bcnöthigt waren, machte er oft und gern, besonders wenn ernicht darum gebeten ward, nicht geringe Geschenke. Herumstreichenden Bettlern gab er nur umihrer loszuwerden, aber zn den öffentlichen Armenanstaltcn trug er reichlich bei. Er ließ manchesarbeiten, beförderte Industrie thcils mittelbar, thcils unmittelbar, um der Dürftigkeit vorzu-beugen und Menschen glücklich zn machen. Seiner Wohlthätigkcit lagen folgende Prinzipien zumGrunde: Ein jeder Mensch darf nur nach Verhültniß seines Vermögens Wohlthun. Ucberschrciteter dieS, so handelt er unrecht und unweise, indem er sich außer Stande setzt, ferner Wohlthatcnauszuüben. Bloß von seinen Einkünften darf man wohlthnn, und doch auch nur soviel, daßman etwas übrig bchälc Die beste Art wohlznthnn ist also im Allgemeinen die, wo man zu-gleich sein Vermögen vermehrt oder wenigstens erhält, denn so werden die Quellen der Wohl-thätigkcit immer vergrößert; nnd ein Darlehn ist für denjenigen, welcher ein Gewerbe treibt,eine eben so große Wohlthat, als für einen andern ein wirkliches Geschenk. Und jencS ist umso mehr Pflicht gegen den Staat, als dadurch Arbeitsamkeit und Industrie vermehrt wird. VieleFamilien ans den unteren VolkSklasscn wurden ans die Art vom Untergang gerettet nnd znnützlichen Gliedern des Staates erhalten.

War seine Wohlthätigkcit edel und schätzbar, so mußte seine Dienstfertigkeit allerMenschen Liebe und Verehrung erwerben. Zu jeder Zeit gab er mit der größten Bereitwilligkeitseinen Rath allen, die ihn verlangten, nnd nie ging man in dieser Rücksicht unbefriedigt von ihm.Er achtete hicbci keine Mühe. Ost durchsuchte er stundenlang einen Wulst alter Papiere, um