"fassen sollte. War eine Sache, war ein philosophischer Satz ihm dunkel, so hörte er nicht anszu forschen, bis er zu einer deutlichen Einsicht davon gelangte. Er zog dabei gern die Meinungeines andern, dessen Ausspruch er für compctcnt in diesem Stücke hielt, zu Nathc. Seine Be-griffe waren nicht eben so schnell als deutlich, vielleicht weil er sich gewöhnt hatte, in die Nich-tigkeit jener einen Zweifel zu setzen. Sobald ihm ein Umstand nach allen Bedingungen zurBenrthcilnng gegeben war, so konnte man sich fast beständig ans die Nichtigkeit seines UrthcilSverlassen. Lagen ihm aber nicht alle Seiten offen, bedurfte er gewisser Voraussetzungen undHypothesen, welche von scharfen Beobachtungen cincS Jndividni abhingcn, so waren seine Urthcileminder richtig. Dies war der Fall bei seiner Benrthcilnng einzelner Menschen. Für seinegroßen GcistcSgabcn irrte er hierin ziemlich oft, und nicht selten zu seinem eignen großen Nach-thcil. Dieser Jrrthnm betraf nicht nur den Ehnractcr dieser Person, sondern auch eben so oftihren Verstand und ihre Kenntnisse. Er hielt z. B. einmal einen jungen Arzt, freilich von Kopf,mit dem er aber nur einige Stunden von gleichgültigen Dingen gesprochen und von dem er nureinige Briefe in einer Privatangelegenheit erhalten, für einen philosophischen Arzt. Nicht langedarauf änderte er seine Meinung von ihm dergestalt, daß er ihm nur äußerst wenige und ober-flächliche Kenntnisse zutraute. — Von einem bescheidenen jungen Juristen, den er von dessenJugend an gekannt hatte, nrthcilte er, er besäße wenig Kopf und hätte auch wohl nicht vielgelernt. Erst nachdem er einige von ihm verfaßte Dednctioncn gelesen hatte, änderte er seinUrtheil. — Mehrere von seinen Domestiken hielt er für ehrliche Leute, betraute ihnen mancheSachen an und ward nachher von denselben offenbar betrogen. — Er war geneigt, obgleichfeinem Prinzip zuwider, Entschlüsse, Pläne nach ihrem Erfolg zu bcurtheilcn, wenn er nicht vonallen BewegnngSgründcn hinlänglich unterrichtet war, und daher irrte er nicht selten in Be-nrthcilnng des WcrtheS menschlicher Handlungen.
Die Kraft seines Geistes war ans der Stärke seiner Abstraction zu erkennen. Nichtnur seine meisterhaften Officialarbciten zeugen hiervon, sondern auch verschiedene juristische undphilosophische Discnssioncn, welche er aber weder selbst je bekannt machen, noch auch andernherauszugeben erlauben wollte. Sein Geist bedurfte keiner sinnlichen Vergnügungen zur Erholung.Den ganzen Tag konnte er ununterbrochen mit den tiefsinnigsten Meditationen zubringen. Bloßnach der MittagSmahlzcit und in den letzten Abendstunden war er hierzu minder aufgelegt.
Ungeachtet ihm Gegenwart des Geistes ans keinen Fall abzusprechen ist, so besaß erdoch weit mehr Bedachtsamkcit als Besonnenheit. Nasche Entschlüsse, kurze sinnreiche Antwortenwaren daher bei ihm seltener; vielleicht weil cS ihm hierin an der nöthigcn Ucbung fehlte.Inzwischen kam er nie in eine Verlegenheit, woraus er sich nicht mit guter Manier zu ziehengewußt hätte. Auszeichnend war hingegen seine große Aufmerksamkeit und das Interesse, welcheser überhaupt an allen Dingen nahm. Er befand sich nicht leicht in einer Gesellschaft, wo ihmeine etwas merkwürdige Aenßcrnng entgangen wäre, wo er nicht den ganzen Anstand, bis aufdie Gebenden, fast cincS jeden Einzelnen bemerkt hätte. Alles was er sah und hörte, untersuchteer sorgfältig. Seinen Blicken entging fast nichts von dem was ihn umgab, und sehr seltenließ er diese flüchtig über einen Gegenstand hineilen.
Durch die tiefsinnigen und trockenen Arbeiten, womit er fast immer beschäftigt war,ward seine natürliche Anlage deö Witzcö nicht erstickt. Uebrigcns waren diese nicht von derangenehmsten Art, weniger leicht und gefällig, als treffend und scharf, oft bis zum beißenden.Daher war es nicht angenehm, ein Gegenstand desselben zu sein, wenn man nicht wußte, wiewenig er dennoch die Absicht hatte, zu beleidigen. Vielleicht, weil er selbst dies fühlte, äußerteer ihn selten und knltivirtc ihn garnicht. Soweit war er vom Gesuchten entfernt!