Druckschrift 
1 (1879)
Entstehung
Seite
97
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manche, dic nur dem sinnlichen Genuß nachjagen, sie geringschätzen. Er ließ ihn daher in Utrechtstndircn. wo er sich hauptsächlich mit Erlernung der Rechtswissenschaft beschäftigte. Aber auchdie Anleitung, die er hier bekam, war nicht so vorzüglich, daß er nicht seine bis an seinen Tobimmer vermehrten Kenntnisse fast gänzlich seinem eignen Fleiß zu danken gehabt hätte undAntodidact gewesen wäre. Er wünschte lebhaft, selbst in den ersten Jahren seines Aufenthaltszn Kopenhagen, seine academischc Laufbahn zu verlängern oder zu erneuern, und besonders eineobersächsische Universität zn besuchen, allein sein Vater wollte dies schlechterdings nicht zugeben.So lange er in Kopenhagen blieb, konnte er ans die Erweiterung seiner theoretischen Kenntnissewenig Zeit verwenden, aber sobald er nach Mcldorf kam, widmete er alle Zeit, die er seinenvielfältigen und beschwerlichen Geschäften abbrechen konnte, der Lectürc. Besonders aber be-schäftigte er sich damit seit seiner Entlassung vom Dienste.

Er besaß alle Anlagen des Geistes, welche im Stande sind, einen großen Mann znbilden. Sein Gedächtniß war vorzüglich gut. In jüngeren Jahre» wußte er einige Seitenauswendig, wenn er sie etlichemal übergelesen hatte. In späteren Jahren würde ihm dies be-schwerlich geworden sein, weil er sein Gedächtniß ans diese Art nicht übte, seitdem er in öffentlichenGeschäften stand. Sein Gedächtnis; erstreckte sich nicht so sehr ans historische Sachen, als answissenschaftliche Dinge. Daher waren ihm dic Grundsätze des Rechts bis in sein spätestes Alterallezeit gegenwärtig, und den Inhalt der Königl. Verordnungen wußte er mchrcnthcilS auswendig.In seinem Alter erinnerte er sich kürzlich geschehener Begebenheiten und neulich gefaßter Wahr-heiten fast lebhafter, als dessen, was er in seiner Jugend gelesen oder gehört hatte, welchesvcrmnthlich daher rührte, daß er im Denken und in seinen gelehrten Kenntnissen immer mitseinem Zeitalter fortrückte und daher vergangene Dinge, bekannte Wahrheiten mehrenthcils nurdeswegen dachte, um daraus für die gegenwärtige Meditation Schlüsse und Folgerungen herzu-nehmen und Vcrglcichnngcn anzustellen. Einige Jahre vor seinem Tode fing sein Gedächtniß anabzunehmen, doch nur in Rücksicht gleichzeitiger Dinge, und dabei in so wenigem Grade, daßman cS nicht wahrnehmen konnte, wenn er selbst nicht aufmerksam darauf machte. Er forderteauch damals noch von seinem Gedächtniß, daß eS ihm Namen von Personen, die er vor zwanzigund mehren Jahren gesehen und woran er seit der Zeit vielleicht nicht gedacht hatte, darreichensollte. Verse oder kurze Sätze, die ein Interesse für ihn hatten, wußte er noch zn der Zeitauswendig, wenn er sie einigemal wiederholt hatte, und wenn er etwa dergleichen vergessen hätte,ruhte er nicht eher, bis er es sich wieder zurückgerufen hatte. Er konnte sich oft während andererGespräche stundenlang damit beschäftigen, und es war ihm sehr nnangcnchm, wie sein Gedächtnißihm gänzlich den Dienst versagte. Vielleicht blieb ihm deswegen dasselbe immerfort so getreu,weil er es nicht mit zu vielen Gegenständen anfüllte, nach seinem Grundsatz bei der Lectürc:non mult.1, 5ecl multum legere.

War sein Gedächtniß vorzüglich, so war es in nicht geringerem Grade auch sein Ver-stand. Er schien, so zn reden, zum Denke» geboren zn sein. Ich dürfte nur seine ganze Amts-führung erzählen, nur alle seine richterlichen Entscheidungen und Verfügungen anführen, umBeweise davon zn geben. Er las, er hörte nie etwas, ohne es ganz verstehen, ohne sich einendeutlichen Begriff davon machen zn wollen. Bei klntcrsnchnng einer Wahrheit warf er sich stetsviele Zweifel, manchmal auch von geringer Erheblichkeit, ans, und glaubte sich nicht ehcc über-zeugt, bis sie ihm alle gehoben waren. Bei seinen rechtlichen Entscheidungen besonders war eräußerst vorsichtig, und betrachtete eine Sache erst von allen Seiten, ehe er sich für eine gewisseMeinung bestimmte. So wie er überhaupt mehr einen tiefen als leichten Verstand besaß, somußte ihm etwas schon ziemlich deutlich und klar vorgetragen werden, wenn er cS sogleich ganz