Druckschrift 
Hundert Jahre einer Freiburger Professoren-Familie : biographische Aufzeichnungen
Seite
143
Einzelbild herunterladen
 

— 143 —

kl. Strömungen de- wissenschaftlichen Zeitgeistes in den leisten50 Jahren.

Unser unvergeßlicher C. E. v. Baer hat einmal folgendenAusspruch gethan: „Zwei Wege sind es immer, auf welchendie Natursorschnng gefördert werden kann: Beobachtung undReflexion. Und meist ergreifen die Forscher für einen der beidenPartei. Einige verlangen nach Thatsachen, Andere nach Resul-taten und allgemeinen Gesetzen, jene nach Kenntniß, diese nachErkcnntniß". „Glücklicher Weife aber", fährt Baer fort, seider Geist des Menschen selten so einseitig beschaffen, daß esihm möglich wäre, den einen Weg der Forschung zu gehen,ohne auf den anderen Rücksicht zu nehmen. Indessen bleibeimmer die eine Tendenz die vorherrschende, der man mit Be-wußtsein des Ziels sich hingebe, wenn auch die andere nichtganz fehle. Die Erfahrung zeige aber, daß die Herrschafteiner jeden Richtung immer nur eine begrenzte Lebensdauerhabe, indem, wie in Folge einer Naturheilkraft, jedesmal eineUmkehr eintrete, wenn die eine Richtung bis zum Extrem ver-folgt worden war*).

Bon der Wahrheit dieses Bacrsichen Erfahrnngs-Satzeshabe ich mich selbst sehr wohl überzeugen können. Der An-fang meines medicinischen Studiums fiel noch in die Zeitder Herrschast der Naturphilosophie, die sich aber, wie ver-schiedene Anzeichen verkündeten, bereits ihrem Ende näherte.Die Vorlesungen über Physiologie, die ich an hiesiger Uni-versität bei Fried. Sigisni. Leuckart, dem Onkel des LeipzigerZoologen, hörte, war noch ganz damit durchtränkt. Wir Schülerselbst aber waren der „Lebenskraft", dieses „Mädchens für Alles",

imgende Zeit zu finden; oft genug hatte ich für eine einstündige Vor-lesung zwei Stunden und mehr mit den Vorbereitungen für diesezu thun.

*) C. E. o. Baer: Zwei Worte über den jetzigen Znstand derNaturgeschichte. Vorträge bei Gelegenheit der Errichtung eines zoolo-gischen Museums in Königsberg. Königsberg 1821.