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[Folge 1] (1878)
Entstehung
Seite
47
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Glück gehabt, die Fahnen des 1. Bataillons ihres Regiments mit ihren Händen, nachdem das Bataillon aufgerieben war, zuretten, unterwegens noch eine dritte Fahne von einem andern Bataillon zu sauviren und nach Erfurt unter steter Verfolgungzu bringen, woselbst sie solche auf Geheiss des blessirt daselbst hingelangten Commandeurs des Regiments, des Major v. Ehra,auf den Petersberg an den dasigen Commandanten abgeliefert. Der aber hiermit und mit der Meldung an den GeneralL arisch (die ihnen befohlen ward) verbundene Zeitverlust war Ursache, dass sie nicht mehr aus Erfurt, welches bereits um-zingelt war, selbst entkommen und zur Armde gelangen können sondern sich wider Willen, mit unterdrückter Wutli, in dieCapitulation von Erfurt als Gefangene eingeschlossen fanden, von welchem Allen mir der Major von Ebra die Ver-gewisserung, als von einem notorischen Ereignisse ertheilt hat. Auch sind alle ihre und meine Bemühungen, um zu einer Aus-wechselung zu gelangen, sowohl bei dem Grafen v. Goetz in Schlesien und sonst fruchtlos gewesen, es ist ihnen also auchder Trost entgangen, sich rächen zu können. Meine Besitzungen in der Gegend von Sanger hausen hat der Durchzug desfranzösischen Heeres auf eine ruineuse Art zugleich betroffen, und ausser dem, dass starke Contributionen und während einesseit dem December v. J. (11. Dec. 1806) nur dem Namen nach geschlossenen Friedens Spannungen, Lieferungen und Requisi-tionen aller Art noch nie aufgehört, ist mein persönliches Unheil dadurch zur Superlativen Gradation gediehen, dass meinePosession mit im Austausch gegen Cotbus an den neuen König von Westphalen begriffen werden wird etc.

Meine bitteren Gefühle seit dem unglücklichen 14. October v. J. schildern zu wollen, wäre ein Frevel. Verzeihen Ew.Ii. Maj. aber, wenn mein blutendes Herz sich der Kühnheit nicht erwehren kann, zu äussern, dass aus meinen Jugendjahrenfolgender oft gehörter Umstand mir noch vorschwebt. Vor der Bataille von Torgau eröffnete der Grosse Friedrich seinenzusammen berufenen Generalen, Obristen und Stabsofflciers, dass er Daun aus Sachsen vertreiben müsse. Glückte es nicht,ihn zu schlagen, so ginge der Rückzug nach Magdeburg, und die zu nehmende Position daselbst nebst den zu befolgendenMaassregeln hat er zugleich detaillirt. Sollte denn Niemand in der Armöe übrig gewesen sein, der sich dessen erinnert?Niemand der älteren Generale wenigstens durch theoretisches Studium der Militairgeschichte dieses grossen Lehrmeisters denGedanken aufzufassen vermögend gewesen sein, um bei Magdeburg davon Gebrauch zu machen? wo doch wenigstens soviel momentanöe Zeit gewonnen worden, um in Schlesien die übrigen Kräfte des Staats zu sammeln und aufzustellen, da derBogenzug nach Stettin ebenso schlimm sich dirigirte, als wenn man bei Magdeburg mit Ehren sich unter seinen eigenenTrümmern begraben hätte, um politische Trugschlüsse nicht durch erschlaffte Kriegszucht zu büssen und über das geheiligteHaupt seines Königs und Herrn unübersehbare Folgen zu verhängen, als man es versäumte, Zeit zu gewinnen. Verzeihung,AllerGnädigster Herr! für die schwatzhafte Weitläuftigkeit eines bejahrten Mannes, der im älteren strengen preuss.Dienste aufgewachsen, von seinen Empfindungen übertäubt, seine Feder nicht im Zaum zu halten vermag. Wenn ich michjetzt erdreiste, Ew. Königliche Majestät unterthänigst anzuflehen, meine drei Söhne durch eine baldige Wiederanstellung inHochDero Arm de aus der Unthätigkeit zu setzen, so hoffe ich zwar keine Fehlbitte zu thun, allein keinesweges will ich micheiner Zudringlichkeit schuldig machen. Sollten Ew. K. Maj. ihre Wiederanstellung nicht thunlich erachten, so beschränkeich mich auf die demüthige Bitte, wenigstens nach eingezogener Höchster Erkundigung über obige, ihr Benehmen betreffendenUmstände sie mit einem Zeugnisse unter Ew. K. Maj. Hohen Unterschrift zu entlassen, dass sie ihrer Schuldigkeit in Absichtauf Dienstpflicht und Ehre gemäss sich benommen, wenn gleich in meinem Alter Nichts so sehr mich beruhigen könnte, alsdie Hoffnung, dass meine Nachkommen einst Gelegenheit erhielten, mit ihrem Blute das Ihrige zu Begründung des altenRuhms Ew. K. Maj. Waffen wieder beizutragen, welche Gefühle auf sie vererbt worden sind. Gewiss wird die Vorsicht dieWunden, die ein unerklärt. Schicksal schlug, heilen da in ihrer Hand oft kleine Mittel die weit umfassendesten Würkungender Staatskunst unauflöslich hervorbringen. Mit diesen feurigen Wünschen für Ew. Königl. Majestät kostbare Gesundheit, fürdas Wohl des Königl. Hauses und der Monarchie ersterbe ich mit den Gefühlen tiefster Ehrfurcht etc. E. K. M. etc.

Nach dem in meinem Besitze befindl. Concepte.

Zu gleicher Zeit legten auch Sr. Königl. Majestät die beiden Gebrüder Moritz und Gustav v. E. die unterthänigsteBitte zu Füssen, ihnen beiden huldreichst den Abschied zu ertheilen. Statt des erbetenen Abschieds erhielten sie aber die inv. E., Gesch. 1196 abgedruckte sehr ehrenvolle Cabinetsordre und wurden mit bedeutendem Avancement im 5. Inf.-Reg. wiederangestellt. Hiernach empfahl sie ihr Vater dem persönlichen Wohlwollen des General-Feldmarschalls Grafen Kalkreuthmittels Schreibens d. d. Dresden 30. Mai 1808, in dessen Eingang es heisst:Wenn zwei meiner Söhne, Lieutenants bei demInfanterie-Regimente Gr. v. Wartensleben, das Glück haben, auf Sr. Königl. Majestät Befehl ihrer künftigen Placirung halberin einem Pommerschen Regimente bei Ew. Excellenz unterthänig sich melden zu dürfen: So verzeihen Ew. Excellenz, wenn ichdiese Gelegenheit ergreife, in Rückerinnerung jener Tage meiner Jugend, wo ich Hochdieselben schon früh in dem Hause meinesVaters, des verstorbenen Ob r ist von Eber stein zu Tilsit, verehren lernte, mich und die meinigen Ew. Excellenz Gnadenzu empfehlen."

Das Regiment Graf von Wartensleben kann sich rühmen, an dem unglücklichen Tage des 14. October 1806 Alles geleistetzu haben, was in der Lage bis es aufgerieben war, zu leisten möglich war. Die beiden Lieutenants Moritz Wilibald und GustavAdolf Gebrüder von Eberstein, welche sich bei dem 1. Bataillon dieses Regiments befanden, berichten darüber i. J. 1808 nacherhaltener Aufforderung, eine detaillirte Darstellung dessen zu geben, was ihnen in und nach der Schlacht bei Auerstedt begegnet,Folgendes:Nachdem das Regiment den 14. Oct. 1806 früh unter Zurückwerfung der feindl. Tirailleurs, der Canonade desFeindes ungeachtet, die Anhöhen bei Auerstedt occupirt, das 1. Bat. vom 2. getrennt worden und wir beim ferneren Vordringenauf eine durch feindl. Tirailleurs maskirte Batterie stiessen, wobei dem Commandern' Major v.Ebra und dem Major v. Benningsendie Pferde unter dem Leibe erschossen wurden, und während des über drei Stunden fortgesetzten Bataillonfeuers und stetenAvanciren fielen hier die Lieutenants v. Münchhausen, v. d. Osten, v. Rabenau, v. Mumme und der Capitain v. Kamptz.Die Fahnenjunker waren gleich anfangs blessirt worden. Der Major v. Ebra hatte die eine Fahne aus der Hand des Majorv. Benningsen, der solche vorher geführt und blessirt ward, sowie ich, der Lieutenant v. Eberstein der 2'« [Gustav Adolf),die andere Bataillonsfahne, nachdem der Capitain v. Brause, der solche führte, auch blessirt worden, ergriffen. In diesemAvanciren traf eine Kugel den bereits blessirte'n Commandern' v. Ebra nun auch in den rechten Arm, und da der Capt. Grafv. Löwenstein auch blessirt worden, erhielt ich, der Lieutenant v. Eberstein der l ste ( Moritz Wilibald), die Bataillonsfahneaus dessen Hand. Nun war das 1. Bataillon auf 1.10 Mann circa zusammengeschmolzen, die sich in einem halben Mond for-mirten und retirirten. Auf dieser Retirade, dabei wir einen sumpfigen Wiesengrund passiren mussten, war der um die Fahnennoch befindliche Haufen etwa 50 Mann stark. Hier kam der Major v. Gfug, nachdem er früher blessirt und um sich verbindenzu lassen, zu uns, und so gelangte der kleine Haufen unter dessen Anführung nach Buttelstedt. Hier lag Alles voll Blessirteund Fliehender. Und wann wir gleich, so lange wir Dämmerung hatten, die Dörfer vermieden und über die Felder wegzuziehensuchten, so hatte nun unser kleine Haufen auf 9 Mann sich vermindert. Denn die Menge der Retirirenden, welche stromweiseauf uns stiessen, sich nicht allein nicht bereden lassen wollten, an unsere Fahnen sich anzuscliliessen, sondern vielmehr durchübles Beispiel mehrere unserer Leute zum Wegschleichen veranlassten. Als es in Buttelstedt hiess, dass in Erfurt der Sammel-platz der Retirade sei, beschloss der Major v. Gfug, sich dahin zu ziehen. Unter mancherlei diese Nacht über erlebten Ereignissenauf diesem in der Finsterniss fortgesetzten Rückzüge und bei dem steten Durchdrängen durch ganze Züge von Wagen, Bagageund Artillerie-Train, wo dann unser Häuflein bald gross bald klein war, langten wir um die Zeit der Morgendämmerung ineinem Dorfe 3 Stunden von Erfurt an. Als wir aus solchem herauszogen, fanden wir noch 2 Fahnen auf dem Fahrwege hegen,von denen wir nicht wissen, welchem Regimente sie angehört haben. Ich, der Lieutenant v. Eberstein II. (Gustav), nahm dieeine davon auf und liess die andere einen Musketier von des Capt. v. Brause Compagnie aufnehmen. Nun geriethen wir in derGegend des Dorfes Kerspeleben in eine Menge Fuhrwesen, und indem wir uns durch solches durchdrängten, geschahen einigeSchüsse hinter uns und es kam ein Geschrei, dass der Feind hinten in die Bagage gerathen und einige Knechte von den Pferdenheruntergehauen hatte. Unsere Ermüdung war fast aufs Aeusserste gekommen. Der Major v. Gfug war blessirt und ritt einauch blessirtes Pferd. Wir beiden Gebrüder, von denen ich, der Lieut. v. Eberstein I. , die Fahne der Leib-Comp., und ich,der Lieut. v. Eberstein IL , die andere Bataillonsfahne nebst noch einer bei Kerspeleben gefundenen Fahne auf der Schulterhatte, und da einige wiewohl leichte Prellschüsse an den Armen uns jede Bewegung schmerzhaft machten, zugescliweigen, dasswir mit der grössten Anstrengung unseren kleinen Troup zusammen zu halten suchen mussten, konnten nun kaum mehr fortund liefen Gefahr, hier kurz vor Erfurt noch unterzuliegen und mit den Fahnen dem Feinde schon hier in die Hände zu gerathen.Allein glücklicher Weise traf ich, der Lieut. v. E. I., auf einen Reitknecht zu Pferde, dem ich halb mit Gewalt und halb imGuten sein Pferd nahm, ihm meinen Namen sagte und mich darauf schwang. Ich, der Lieut. v. E. II., bemächtigte mich des