270 Kaisers Macht weicht den Landesfürsten. Die hülflosen Kleinsten im Reiche.
Blutsverwandtschaft mit der Gegenwart einen lebendigen, nicht nureinen chronistischen Anteil der Geschichtsfreunde beanspruchen. Ueberbeide Männer haben sich ausgiebige archivalische Quellen erhalten. Siewaren jedoch bis jetzt der allgemeinen Kunde nicht erschöpfend undzusammenfassend erschlossen; jedenfalls sind sie — was Hartmut XIIbetrifft nicht mit sachlicher Unparteilichkeit verwertet worden. Jenethatsächlichen Lücken auszufüllen ist in den nachforschenden Vorarbeitenzu dieser Erzählung ernstlich angestrebt worden. Die gleichverteilendeGerechtigkeit im Urteile walten zu lassen: das soll in den jetzt folgen-den Lebensdarstellungen des jungfeurigen reformatorischen BekennersHartmut und, im nächsten Abschnitte, des altvaterischen ultrakonser-vativen Deutschmeisters Walter versucht werden.
Wir besprachen bereits: dass seit dem 14. Jahrhundert, noch mehrseit Anbruch der „neuen Zeit" das deutsche Fürstentum bestrebt gewesenwar: seinen zerstreuten, vielfach unterbrochenen Erb- und Lehnsbesitzzu abgerundeten Gebieten mit durchgreifender landesherrlicher Hoheitzusammen zu schliessen. Die kompakte Macht geschichtlich berufenerHäuser sollte an die Stelle der abgestorbenen Reichsgewalt treten. DerKaiser, denkbar höchster Herr Deutschlands und im Prinzipe allmächtig,stiess bei der geringsten Betätigung seines Herrschertums überall aufden, durch die Wahlkapitulationen verfassungsmässig gewordenenWiderstand der Landesfürsten.
Diese umwälzenden Bestrebungen gegen die Reichseinheit richtetensich gleicherweise nach unten, gegen die hülflos verstreuten, von denfürstlichen Machtgebieten eingeschlossenen winzigen Parzellen derkleinsten Herren und des reichsunmittelbaren Ritterstandes. Einerseiner wortfertigsten Vertreter, wenn auch keineswegs ein unbefangener:Ulrich von Hutten sagt über die damalige Fürstenpolitik: „Freiheitaber nennen wir (die grossen Landesherren): um das Reich uns nichtkümmern, dem Kaiser keine Folge leisten und ungestraft alles unserlauben." So war der Reichsadel um diese Zeit in seiner politischen Be-deutung wie sozialen Unabhängigkeit bereits unaufhaltsam zu Bodengesunken. Sie verarmten auf ihren militärisch entwerteten Burgen unddurch die in endlosen Erbteilungen zersplitterten Grundbesitzungen,während die Stadtbürger, „die Pfeffersäcke," durch monopolistischenHandel ihren Reichtum an beweglichem Kapitale ungemessen vermehrten.