DIE VON KRONBERG UND IHR HERRENSITZ. ?*» Des Geschlechtes Ursprung, Blüte, Ausgang. Der Burg Gründung, Ausbau, Niedergang, Zerfall, Wiederherstellung. Eine kulturgeschichtliche Erzählung aus elf Jahrhunderten 770 bis 1898 von Ludwig Freiherrn von Ompteda. Bilderschmuck von Conrad Sutter in Mainz. r/ 'A- Archiv O f. Zeilgeschichte 1 u. Publizistik */,7 Frankfurt a. M. Verlag von Heinrich Keller 1899. Motto: Mir kommt aber immer vor, wenn man von Schriften wie von Handlungen nicht mit einem gewissen parteyischen Enthusiasmus spricht, so bleibt so wenig davon, dass es der Rede gar nicht werth ist. Lust, Freude, Theilnahme an den Dingen ist das einzige Reelle und was wieder Realität hervorbringt; alles andere ist eitel und vereitelt nur. Goethe an Schiller. 3* Widmung und Vorwort. 3* Allerdurchlauchtigste, Grossmächtigste Kaiserin und Königin! Allergnädigste Frau! OR etwa vier Jahren gaben Euere Majestät mir die huldreiche Anregung und Ermächtigung: meine Müsse zu einer Arbeit über das, schon seit zwei Jahrhunderten erloschene reichsritterliche Geschlecht derer „von Kronberg" zu verwerten, dessen Nachfolge auf seinem Stammsitze Euere Majestät um jene Zeit angetreten hatten. Der Anteil an dieser Vergangenheit war erweckt durch die landschaftliche und malerische Schönheit des von Euerer Majestät erworbenen Besitzes sowie durch das genealogische Band, das Euere Majestät selbst, als Glied der erlauchten Häuser: England, Hannover und Sachsen- Coburg - Gotha, das ferner unser kaiserliches und königliches Haus, durch Braunschweig, Mecklenburg - Strelitz und Sachsen - Weimar, als weibliche Nachkommen mit den Kronbergen verknüpft. Dann aber wirkten besonders anziehend: die hervorragende persönliche Tüchtigkeit und die einflussreiche führende Stelle zahlreicher Söhne der alten Burg Kronberg in der engeren und weiteren Geschichte ihrer Zeit. Der Ursprung und Stammsitz des Geschlechtes lag in der gesegneten Landschaft aus der, zunächst auf den Trümmern römischer Kultur, nach dem wilden Wandertumulte der germanischen Völkerstämme das Deutsche Kaisertum erwuchs. Dieses Stück Frankenland wird mit am frühesten von der geschriebenen geschichtlichen Ueberlieferung erhellt; vor allem vermöge seiner nächsten Nachbarschaft mit Mainz, dem damaligen Mittelpunkte des Reiches. Hier häufte sich eine Fülle ältesten greifbaren und bildsamen Stolfes, der für vielseitige kulturgeschichtliche Verwertung reiche Ausbeute versprach. VI Widmung und Vorwort. Mein persönlicher Ausgangspunkt bei der Hebung eines geringen Teils von diesem Schatze konnte nur der eines bescheidenen Freundes der vaterländischen Geschichte sein, dem allerdings nicht Neigung und Trieb für den Angriff seiner Aufgabe, wohl aber die fachmännische Vorbildung für deren streng wissenschaftliche Bewältigung fehlt. Nachdem jedoch der Aufruf behuf Ermittelung und Sammlung des Stoffes, der in Euerer Majestät allerhöchstem Auftrage unterm 21. November 1894 erging, ein so unerwartet vielseitiges Entgegenkommen gefunden hatte, wusste ich mich der Leitung und des Rates hervorragender Fachgelehrter bei Erschürfung und Sichtung der archivalischen Grundlagen versichert. Für diese Vorarbeit ergab sich allerdings eine sehr wesentliche Schwierigkeit aus der fast völligen Vernichtung des reichen Schatzes an Familienurkunden der Kronberge durch Kriegsverwüstung und Brand; nicht weniger durch den Untergang des Kurstaates Mainz und die willkürliche Verteilung seines archivalischen Nachlasses unter die Erben: Bayern, Hessen, Nassau und andere, bis nach Wien. Aber dort überall, wie im Stadtarchive von Frankfurt und im fernen Reichsarchive zu Stockholm, fand ich offene Thüren; nicht minder in den zahlreichen Beständen angesammelter Urkunden der mit den Kronbergen verbundenen adligen Familien, soweit die Anordnung des Materials das Auffinden zerstreuter Einzelheiten gestattet. Der grösste Teil der von mir wieder ans Licht geförderten Urkunden, besonders aus der frühesten Zeit, meldet einfache Vorgänge des häuslichen und wirthschaftlichen Lebens: Zeugenschaften, Schuld- und Pfandverhältnisse, Eheverträge, Erbteilungen. Da ich nun keine Regesten herzustellen habe, so würde ihr Inhalt den Gang der Erzählung mit gleichgültigem ermüdendem Ballaste beladen. Auch sprechen in den Urkunden fast stets Wissende zu Wissenden, daher sehr knapp. Dann klaffen breite Lücken, über die hin der Zusammenhang meistens nicht zu verfolgen ist. So wurden diese Archivalien von mir wesentlich nur zur Klärung der, noch niemals gründlich festgelegten Personalien verwertet. Ueberhaupt ist ja die älteste Geschichte eines solchen Geschlechtes kaum „Geschichte" zu nennen, denn ihr fehlt allzusehr der lebendige Pulsschlag stetig fortschreitender Entwickelung. Ihre Bearbeitung gleicht mehr der Restauration eines alten höchst lückenhaften Mosaikbildes, wofür die einzelnen, ausgebrochenen und zer- Widmung und Vorwort. VII streuten Steinchen jetzt aus dem Schutte von überall her wieder aufgelesen sind. Zur Belebung und Einrahmung dieser Bildruine musste die zweite Quelle helfen, aus der ich geschöpft habe: die zahlreichen, mir irgendwie zugänglichen Bibliotheken und Büchereien des In- und Auslandes. Auch dort fand ich allerwärts die wohlwollendste Förderung. Es ist mir deshalb ein herzliches Bedürfnis: die Schuld wärmster Dankbarkeit allen Vorständen und Eigentümern aller jener Institute und Sammlungen hier abzutragen. Ihre Namen, sowie die Werke die ich durchmustert und ausgezogen habe, sind am Schlüsse dieses Buches, zu etwaiger Nachprüfung verzeichnet. So konnte ich es umgehen: den Fuss der Seiten in der Erzählung selbst mit massenhaften Anführungen von Quellen zu verunstalten, die den Leser nicht unterrichten, meistens nur beunruhigen und enttäuschen. Alle wörtlichen Auszüge aus Druckwerken sind gewissenhaft „gekennzeichnet" worden. Kontroversen der Gelehrten über einschlagende allgemeine geschichtliche Fragen habe ich nicht berührt; die jeweilige sicherste Quelle und mir einleuchtendste Meinung ist vertrauensvoll aufgenommen. Denn meine Arbeit soll nur ein Stück deutscher Vergangenheit wieder beleben, nur ein kulturgeschichtliches Lesebuch bieten; nicht lehrhaft seinem Zwecke nach, dennoch aber wird es, so hoffe ich, auf seinem begrenzten Gebiete den ungelehrten Leser fördern; zunächst durch das Wort, nicht minder durch den kunstreichen Bilderschmuck aus der Hand meines bewährten Mitarbeiters des Herrn Conrad Sutter in Mainz. Den Stoff dafür hat er grösstenteils neu geschaffen; von alten bereits früher irgendwo gebrachten Darstellungen ist nur ausgewählt, was als dem weiteren Leserkreise neu betrachtet werden durfte. Als Grundlage meiner Erzählung dienen die urkundlich festgelegten Geschlechtsregister. Sie bilden die über den Strom der Zeit geschlagene Brücke, die uns möglichst sicher zu den Menschen „die da waren" hinüberführt. Die ältesten Register insbesondere mussten wesentlich nach den Pergamenten und Grabsteinen aufgestellt werden. Hiebei war so ziemlich wiederum selbständig von vorn anzufangen, denn die genealogischen Tabellen der mainzer und frankfurter Gelehrten im 17. und 18. Jahrhundert sind unzulänglich; durchgehends unbelegt, sind sie häufig rein willkürlich und phantastisch hingeworfen. Ich habe nur diejenigen VIII Widmung und Vorwort. Kronberge eingetragen, deren Dasein urkundlich bescheinigt ist. Sind nun aber meine Geschlechtsregister vollständig und genau?.— Ich bezweifle das ernstlich. Ohne Frage enthalten sie Lücken in Beziehung auf Nebenpersonen; jedenfalls aber sind sie andrerseits frei von offenbaren geschichtlichen Unmöglichkeiten, wie etwa folgende, erheiternd kindliche Mitteilung Adlerfelds und Humbrachts aus dem 18. Jahrhundert: „Die erste Zierde hat diesem hohen Stamme zugebracht Rudolph „von Cronberg, geheimer Rath und Cantzler des Königsreichs Frankreich, so Anno 866 floriret und dessen Schwester Judith, welche Kayser „Ludwig der Fromme zu seiner zweyten Gemahlin erkieset und mit „ihr Carolum Calvum erzeuget, dessen Hofmarschall dann sein Ohm „Rudolph gewesen." Aber auch aus den verbürgten archivalischen Nachrichten lässt sich, durch chronologische Aufreihung, kein klares geschlossenes Ge- sammtbild wiederherstellen, hier ist es verblasst dort verdunkelt; so bleibt unser Wissen aus der ältesten Zeit: Stückwerk. Die wiederholte Aufführung der Geschlechtsreihen im Texte erschien für die stetige Uebersicht unerlässlich. Sie ist jedoch denjenigen Lesern vorbehalten, die auch eine trockne Buchseite nicht überschlagen. Bei dieser Dürre des ältesten Stoffes mussten die besonderen Erlebnisse der Kronberge mit dem sie berührenden allgemeinen Gange ihrer Zeitgeschichte verschmolzen und in deren Rahmen gefasst werden um ein lebendiges Bild mit berechtigtem Anscheine von Wirklichkeit zu schaffen. Indessen haben sich unter den Kronbergen mehrere bedeutende Männer soweit über ihre Geschlechts- und Zeitgenossen hervorgehoben, dass sie eine biographische Einzeldarstellung verdienen und lohnen. Aber auch für diese, mit besonderer Sorge herausgearbeiteten Lebensbilder maasse ich mir nicht an zu meinen: weil aus den Quellen über sie so vielerlei herbeigeschafft ist, so wissen wir nun auch alles und jedes Erhebliche. Auf die nicht ausgefüllten Lücken habe ich thunlichst hingewiesen. Die Schreibung des Namens: Kronberg hat, durch die Jahrhunderte hin, selbst gleichzeitig, sogar aus derselben Feder, unausgesetzt geschwankt: Croninberc, Croninbergc, Kronenberc (1234), Kroninberg (1287), Kronenberg (1297 und vielfach im 16. Jahrhundert), Kronenburg und Kronenburgk (1608), Cronemberg, Cronbergk, Cronenberg, Cronen- Widmung und Vorwort. IX burgk, Cronberg. Während der mainzer Herrschaft liest man in den Akten fast ständig: „Kronberg;" später waltet abermals das C vor. Ich habe, dem Wortsinne entsprechend, das K regelmässig angewandt wo nicht ein Zitat abweichend schreibt. Geruhen nun Euere Majestät noch zu gestatten, dass ich am Schlüsse •dieses Vorwortes diejenigen Männer nenne, denen ich für Unterstützung mit sachverständigem Rate und uneigennütziger That während der Durchführung meiner vierjährigen Arbeit mich ganz besonders verpflichtet fühle. Dabei habe ich zu bezeugen: dass es diesen Männern, wie mir selber, vor allem darum zu thun war, durch ihre Beisteuer zum Gelingen des Werkes meiner allerhöchsten Auftraggeberin ein sichtbares würdiges Zeichen ihrer Huldigung darzubringen. Vor vielen anderen sind es: 1. der Prälat und Domkapitular Dr. Friedrich Schneider in Mainz; 2. Rittmeister d. L. C. Gustav Adolf Leinhaas zu Kronberg; 3. der vormalige hiesige Staatsarchivar Dr. Sauer, jetzt in Düsseldorf; 4. die Buch- und Kunstdruckerei Philipp von Zabern in Mainz; 5. der Verleger des Buches, Herr Buchhändler Heinrich Keller in Frankfurt a. M. Möge es mir durch solche Unterstützung einigermaassen gelungen sein: Euerer Majestät huldreichen Absichten zu entsprechen. Jedenfalls hat es meinem Bestreben an Lust, Freude, Teilnahme — an „parthey- ischem Enthusiasmus" — für meine Arbeit, im Sinne des ihr vorgesetzten Mottos, nicht gefehlt, soweit meine siebzig Jahre diesen Schwung noch gestatteten. In tiefster Ehrfurcht und unauslöschlicher Dankbarkeit verharre ich als Euerer kaiserlich-königlichen Majestät allergetreuester und alleruntertänigster Diener Ludwig Freiherr von Ompteda. WIESBADEN, 21. November 1898. L Inhalt. Erster Abschnitt: Der Ursprung. Von Eschborn nach Kronberg. 770—1254. Zweiter Abschnitt: Fehdezeiten. 1255—1399. Dritter Abschnitt: Die Morgendämmerung der neuen Zeit. 1399—1500. Vierter Abschnitt: Bauwesen und bildnerische Kunst in Burg und Stadt. 1220—1550. Fünfter Abschnitt: Hartmut XII von Kronberg und die Reformation. 1488—1549. Sechster Abschnitt: Walter XI von Kronberg, Hoch- und Deutschmeister. 1479—1543. Siebenter Abschnitt: Die Epigonen der Reformation bis zum Ausgange des Flügelstammes. 1550—1617. Achter Abschnitt: Kurfürst Johann Schweikard von Mainz. 1553—1626. Neunter Abschnitt: Des Generalwachtmeisters Adam Philipp Kriegsfahrten. 1599—1634. Inhalt. Zehnter Abschnitt: Der Kronberge Ausgang. Durch den langen deutschen Krieg bis 1704. Elfter Abschnitt: Des Städtleins Kronberg fünfzigjähriger politisch-religiöser Kampf gegen Kurmainz. II. Der Burg Niedergang und Zerfall. 1704—1892. III. Des Herrensitzes Neuerstehung durch Schloss Friedrichshof 1897. Uebersicht der wesentlichen, für das vorstehende Werk benutzten archivalischen und litterarischen Quellen. Erster Abschnitt. Der Ursprung. Von Eschborn nach Kronberg. 770 bis 1254. I. Die Heimat der Eschborn - Kronberge. — II. Das Dorf Eschborn. III. Der Burgstadl neben dem Fronhofe zu Eschborn. — IV. Die von Hesscheburnen. — V. Waren die von Asceburne und Croninberc dasselbe Geschlecht? VI. Die Siegel der Eschborne und Kronberge. VII. Beweis der Einheit aus den Siegeln. — VIII. Reiterdienst und Ritterwürde. — IX. Das Wappen der Kronberge. — X. Die Eschborne zu Hause, zu Felde, zu Hofe. Ihr Ausgang (1254). Ihr Neuerstehen als Kronberge (1255). I. Die Heimat der Eschborn-Kronberge. a* IE Wiege des Geschlechtes, von dem dieses Buch erzählen will, stand im Niddagau auf den fruchtbaren Fluren zwischen dem Main unterhalb Frankfurt und dem Taunus. Hier entsprangen, wuchsen, wirkten, und vergingen nach fast siebenhundertjähriger Lebensdauer, die fränkischen Reichsministerialen von Eschborn-Kronberg. Schon um Christi Geburt war dieser Landstrich der Kultur erschlossen. Er gehörte zu den decumatischen Feldern, den Zehntländereien die 350 Jahre lang von den Römern unter dem Schutze des Limes, des wehrbaren Pfahlgrabens, besessen und ko- lonisirt wurden. Im Laufe der Zeiten hatten sich hier feste Plätze, aus ihnen Städte, rings um sie zahlreiche Dörfer und Landgüter angesiedelt. Abteilungen der 8. Legion standen bei Frankfurt, bei Heddernheim-Praunheim im „praesidium" des Drusus, das später die Hauptstadt des Bezirkes: „Civitas Taunensium" wurde. Ihr gewaltiges Trümmerfeld hiess im Mittelalter: das Heidenfeld. Dieser Name vererbte später als: Heidersheim, Heddersheim ausschliesslich auf den neueren etwa 500 Schritte östlich gelegenen Teil der römischen Niederlassung: den novus vicus, die Neustadt. 4 Ureinwohner. Römer am Main: 9 v. Chr. bis 350 n. Chr. Die 22. und 30. Legion haben ihre Ziegel beim „Ostium" der Nidda in den Main: Höchst, zurückgelassen. Von der Hauptstadt des Bezirkes „Civitas MattiacorumKastel am Rhein falls nicht Wiesbaden, das alte Aquae Mattiacorum, diese Ehre zu beanspruchen hat — von diesem Brückenkopfe gegenüber Mogontiacum (Mainz) führte eine stattliche, fast schnurgrade römische Heerstrasse, 11 Meter breit, mit Gräben und Banketten ausgestattet, durch ein grösseres Kastell und Lager bei Hofheim. Dann lief sie zwischen Sossenheim und Eschborn östlich weiter, über Heddernheim-Praunheim dem im Norden sich hinziehenden Limes zu. Jetzt heisst der, noch erhaltene oder doch erkennbare Wegezug im Volksmunde: die Elisabethenstrasse, da auf ihr die Pilger von Mainz zum Grabe der hl. Elisabeth in Marburg wallfahrteten. Eine andere, dieses grossartige Bauwerk süd-nördlich durchschneidende Römerstrasse ist festgestellt: von Frankfurt über Rödelheim, Eschborn, Schönberg bis östlich von Kronberg. Ihre Fortsetzung nördlich des Schlosses Friedrichshof schliesst sich, nach aller Wahrscheinlichkeit, an die uralte „Steinstrasse" die den Altkönig westlich umzieht und zum Feldbergkastell läuft. Demnach liegt der Ursprungsort der Eschborn- Kronberge im Mittelpunkte der römischen Besiedelungen. Diese knüpften sich an die römischen Besatzungen. Es waren Soldgüter und Schenkungen auf erobertem Boden: an Feldherren, Decurionen (Hauptleute), Veteranen, Spekulanten, Priesterkollegien. Die Erwerber „in beneficium" hatten keinen Kaufpreis zu zahlen, nur die jährliche Naturalabgabe eines Zehntels vom Ertrage. Für die Gutseigentümer bauten Kolonen das Feld; diese Hintersassen gehörten zu den unterworfenen germanischen Ureinwohnern. Hier in den Maingegenden sind sie „Märker" (Grenzbewohner) genannt worden. Als die von Drusus, um 9 v. Chr. verdrängten Mark-Mannen, unter ihrem Führer: dem Markboten Marbod, gen Südosten an die Donau zogen, behielten die Sieger das fruchtbare Land an beiden Mainufern für sich, vom Taunus bis zum Odenwald. Wohl blieben zahlreiche alte Einwohner in dieser offenen Ebene, wie im geschützteren heimischen Bergwalde des „Dun" zurück und lebten mit den Eroberern weiter. Denn die Geschichte eines Landes schreitet in stetigem Zusammenhange vorwärts. Kriege und Völkerwanderungen scheinen alles zu zerstören und auszurotten: immer aber bleibt ein Grundstock zurück, auf dem dann die Nachfolger weiter bauen. Zahl- 6 Alamannen und Franken am Main. 350 bis 500. reiche Ortsnamen der Maingegend sollen auf vorrömischen Ursprung hinweisen; so besonders diejenigen Dörfer und Städte, die in ihren Benennungen die Wörter und Wurzeln „Au" und „Asck" führen und an Flussmündungen, erhöheten Ufern, in angenehmen und warmen Thälern liegen. Dahin gehören: Eschau, Aschaffenburg, Eschborn. Der römischen Herrschaft traten, vom dritten Jahrhundert an, zwei grosse germanische Völkerbünde angreifend entgegen: die Alamannen (allerhand Mannen) im mittleren Germanien; am Niederrhein, bis östlich zur Weser und fränkischen Saale, verschiedene Völkerschaften unter dem Sammelnamen der „freien Leute" der Franken. Um die Mitte des vierten Jahrhunderts hatten die Römer beide Ufer des Mains, bald auch das rechte Ufer des Mittelrheins geräumt. Dort wohnten zunächst die Alamannen, neben und über dem alten Kolonistenbestande, den Mattiakern, in Dörfern die auf Trümmern römischer Niederlassungen gegründet, deren Wohnstätten sorgfältig nach römischer Art und mit vorgefundenem römischen Materiale gebaut waren. Für die eingewanderten Sieger ackerten wiederum die älteren Kolonistenschichten das Land ; Getreide, Wein und Vieh wurden reichlich erzeugt. Die verjagten Römer aber nannten ihren ehemaligen Decumatenacker jetzt: Alamannia; zugleich auch: Barbaria. Nachdem der gemeinsame Feind bezwungen war da kehrten, vermöge alter leidiger germanischer Unsitte, die Alamannen und Franken ihre Waffen gegen einander. Es galt einen Kampf um Herrschaft und Knechtschaft. Die Alamannen unterlagen. Von der Lahn wurden sie über den Main bis hinter den Neckar und den Forst von Hagenau zurückgedrängt. Chlodovechs Sieg in der sagenhaften Schlacht bei Tolbiacum (496?) sicherte den Franken auf immer die Herrschaft am Main. Das Gebiet entlang den beiden Flussufern gehörte nun zur fränkischen Monarchie als: Rheinisches Franzien oder: Ostfranken. Jedoch wurden abermals die Unterworfenen nicht ganz und gar nach dem Süden vertrieben. Die sesshafte stark verdünnte Bevölkerung, aus Niederschlägen der Markmannen, Römer, Mattiaker zusammengeschmolzen, behielt ihr Recht und auch einen Teil ihres Grundbesitzes. Ueber sie hin führten die Merowinger eine umfassende fränkische Be- siedelung herein, deren vornehmlichste Elemente wohl die nördlich benachbarten Chatten bildeten. Ueberall finden wir nach und nach frän- Fränkische Besiedelung. Karls M. Villa Franconoford, 794. 7 kische Königshöfe und Gefolgswohnstätten. Vorzüglich sind sie an der Endung: „heim" zu erkennen, die meistens einem Eigennamen angehängt ward. Gleichzeitig zog das Christentum in unsere Gegend ein. Der Zustand, den die Frankenkönige während der nächsten Jahrhunderte am Main ausbildeten, liegt so ziemlich im Dunkel. Wir wissen jedoch: dass die Kämpfe mit den Alamannen fortdauerten, namentlich: dass letztere vielfache Ausfälle auf das rechte Mainufer unternahmen, die dann von den Franken, in Rache- und Beruhigungszügen, über das linke hinaus erwidert wurden. Unter den Uebergangspunkten, die der damals mehrarmige also flache Fluss bot, mag vor allen die Beherrschung einer Furt notwendig befunden sein, an der bereits eine römische Besatzung, eine Mansio, gestanden hatte. An dieser „Furt im Frankenlande uff dem Möwen" erhob sich über Gräberfeldern aus der Merowinger- zeit, im achten Jahrhundert eine, durch Wall Graben und Zaun gesicherte königliche „Villa," ein Kammerhof, auf der Stelle der jetzigen St. Leonhardskirche. Eginhard nennt sie: „Franconofurd, die Furt in Frankonien." Karl der Grosse erbaute später, vor 794, an diesem „locus celeber" eine seiner „Pfalzen." Auf ihren Fundamenten finden wir heute den Saalhof, (Sala == Herrenhof). Ihr gegenüber verpflanzte er sächsische Kolonisten von der Unterelbe. Noch in unseren Tagen sollen die Bewohner Sachsenhausens urwüchsige Züge ihrer steifnackigen Ureltern erweisen. Die weite Umgegend dieser königlichen Villa, des Mittelpunktes von Ostfranken, war königliches Kammergut vom Main bis zur „Höhe," die heutzutage wiederum gelehrt-keltisch: „Taunus" genannt wird. Die fränkischen Könige hatten sich bei der Besiedelung die grössten und bestgelegenen, namentlich durch Weinberge und weite Waldungen ausgezeichneten römischen Stationsorte in Ostfranken als fisci regii, villse regales vorbehalten. Karl der Grosse besass im damaligen Deutschland 129 Pfalzen. Sie lagen als friedliche Wohnungen in der Ebene, vielleicht mit Erdwall und Plankenzaun umgeben. Diese Reichsgüter wurden von Leibeigenen alamannischer Abkunft bebaut und von Reichsministerialen verwaltet, die den Titel: Villicus, später: Burggraf, wenn der Platz befestigt war, sonst: Amtmann (bajolus) oder Vogt (advocatus) führten. Dagegen finden wir im Norden der „Höhe" einen zahlreichen Adel. Diese Edlen, Nobiles, Seniores, Seigneurs waren nicht der uralte ger- 8 Senioren. Die Gemeinfreien von Eschborn. Königs-Ministerialen. 1150. manische, damals hier längst untergegangene Geburtsadel; sie hatten nur eine persönliche Stellung zum Könige als Häupter eines Gesammtbe- sitzes. Die „Seniores" vertraten in ihrem Bezirke die Regierung des Königs. Ihr Gut war regelmässig freies Eigentum, (Allodium = Alleigen). Zu diesen Geschlechtern zählten vor allen : die Konradiner zu Weilburg; dann die Lurenburg (Nassau), die Münzenberg, Isenburg, Merenberg, Runkel, Solms, Westerburg, Eppenstein. Wir werden die Eschborn- Kronberge, die ihnen nicht zugehörten, mit ihnen in steter Verbindung finden: durch Heirat, Bündniss und Fehde. Zur Seite dieser Edlen und unmittelbar unter ihnen erscheinen schon in ältester Zeit: die Gemeinfreien auf eigener Scholle. Nach und nach traten viele verarmte Ingenui in ein Schutzverhältnis zu einem mächtigen Herrn. Man nannte das: Schutzmutung. Sie gehörten alsdann zu dessen Gefolgsmannen (Kriegsgesinde von „senden.") Jeder Gemeinfreie hatte bei der Besiedelung ein Loos (All—od) als volles erbliches Eigentum zugeteilt bekommen zur Unterverteilung an Hintersassen. Daneben erhielten die, zu besonderem Kriegs- und Hof- dienste, oder auch zur königlichen Leibwache herangezogenen Dienstleute (Ministeriales), Grundstücke in lebenslängliche Nutzniessung, als Gehalt: beneficia oder feuda (fe od treu -gut, nach anderen: Vieh gut). Es waren nämlich ursprünglich Verleihungen von Pferden; dann wurden sie aus Königsland, aus der Almende oder dem Markenwalde ausgewiesen. Grossartige Verwendung fanden hierfür die „Saecularisa- tionen." Pipin und Karlmann zogen die Hälfte des überreich angeschwollenen Kirchengutes ein und gaben es als Beneficien wieder aus. Die also Verpflichteten hiessen: Mannen, Getreue. Durch das Grundeigentum wurden sie: Vassi = fest; daher: Vasallen auf dem Sattellehn oder der Reiterhufe. Der „Ministeriale," hoch oder niedrig, diente. Er war ein „Degen," von: thegnian ~ dienen. Er stand deshalb unter Hofrecht. Denn „Ministerium" war jegliches Amt, das einen Mann, auch einen Freigeborenen, in eine persönlich unfreie Verbindung zu einem anderen Freien führte. Die Ministerialen des Königs waren die Unfreien höchsten Ranges. Sie standen zwischen den Edlen und den Ministerialen der Fürsten. In dieser Stellung finden wir, etwa um 1150, „die aus (de) Eschborn" am Hofe der Hohenstaufen. Kirchenverfassung. Domkapitel Mainz. Landkapitel Eschborn. 9 Auch die Kirche ordnete ihre weltlichen Verhältnisse auf der Grundlage des Lehnswesens. Die Pfarre wurde als „beneficium" behandelt; sie war eine lebenslängliche Verleihung (Präbende, Pfründe), besetzt zunächst vom Gründer der Kirche, dem Patron; später erwarben die geistlichen Stifter davon einen reichen Bestand. Der Titularpfarrer war Mitglied eines Kapitels in Mainz; er befasste sich meist nur mit den Einkünften der Pfründe. Die Arbeit überliess er, gegen einen spärlichen Anteil, dem Pfarrverweser (plebanus Volksseelsorger). Seit dem 8. Jahrhundert traten nur Söhne vornehmer Geschlechter in die Kathedralkapitel (am Bischofssitze). Das Wormser Konkordat (1122) gab diesen die Bischofswahl. Dadurch erhoben sie sich zu einer überragenden Abgeschlossenheit gegen den niederen Klerus. Nachgehends sicherte die Ahnenprobe den Nepotismus im Domkapitel; dieses ergänzte sich aus einer geschlossenen Familienkaste. Es bestand meist aus dem: Propst, Dechanten, Grossarchidiakon, Archidiakon oder Chorbischof, Scholaster (Schulmeister), Küster, Kantor (Sänger). Jedoch lehrten und sangen diese vornehmen Herren wohl selten in Person. Die Anwärter hiessen: Domicellare. Uebrigens hatten solche hohe Geistliche sehr häufig nicht die Priesterweihe genommen, um nach Zweckmässigkeit wieder in den Laienstand zurücktreten zu können. Der Archidiakon, Inhaber der geistlichen Gerichtsbarkeit im Niddagau, war der Probst des Stifts St. Peter extra muros in Mainz. Der Gaubezirk zerfiel in Landkapitel, die sich um die ältesten der Mutterkirchen gebildet hatten. Unter diesen war die angesehenste im Niddagau die uralte Kirche zu Eschborn. An den, einer Kirche untergebenen Kapellen offiziirten Capellani; an den einzelnen, besonders dotirten Altären: Altaristen. Für den Schutz jeder Kirche war ihr ein „advocatus" (Vogt) zugeordnet. Er hatte die Fehdepflicht, musste also eine Burg besitzen. Selbstverständlich erhielt er einen reichlichen Entgelt. Die Provinz Ostfranken war in Gaue geteilt, (gauja = Landschaft) wohl schon auf vorrömischen Grundlagen. An der Spitze des Gaus stand der „Graf" als Richter. Ursprünglich war er ein vom Könige frei ernannter Beamter gewesen; später musste er ein im Bezirke angesessener Grundbesitzer sein, nicht aber ein Edler oder auch nur ein Freier. Der Titel: „Graf" wird abgeleitet von: graphiarius (greffier), der Schreiber im Gericht. Es war ein Amt ohne jede aristokratische 10 Gaugerichte. Gaugrafen. Spätere Grafen. Hundrete. Färbung. Er stand unter strenger Instruktion: „Er soll nicht betrunken sein wenn er zu Gericht sitzt; er soll nicht, wegen Jagd und anderer joca, die Gerichtssitzung zu früh schliessen." Um die Mitte des elften Jahrhunderts erscheint in der Wetterau und besonders im Niddagau ein Geschlecht erblicher Gaugrafen; 1103 tritt Bertold III als Graf von Nüring auf. Die gleichnamige Burg lag an der Stelle, von der jetzt die Ruine Falkenstein herabsieht. Der Name soll: „neuer Ring" bedeuten und auf eine ältere, hieher verlegte Gerichtsstätte hinweisen. Die Gauverfassung zerfiel mit der Abnahme der Kaisergewalt im zwölften Jahrhundert: durch weitgreifende Befreiungen der geistlichen und weltlichen Fürsten von der Gaugerichtsbarkeit; durch den Missbrauch der Vereinigung mehrerer Gaue unter einem Grafen. Noch zerstörender wirkte die Zersplitterung eines Gaus unter mehrere Grafen. Die eingeborenen Edlen (Dynasten) theilten den, unter Konrad II (1037) erblich gewordenen Gau in Untergaue (comitatus); diese wandten die Herren alsdann verschiedenen Gliedern ihres Geschlechtes zu, die sich nun, von den im Bezirke erbauten Burgen, den Familiennamen und den Titel: „comes" beilegten. So wurde die alte „Wetteravia" in eine ganze Reihe kleinerer Gaue zerrissen. Der Gau zerfiel in „Hundrete," die wohl ursprünglich aus je hundert Feuerstätten bestanden, gegründet von der kriegerischen Einheit der hundert Mann, die sich zusammen örtlich niederliessen. Die „Hundret" bildete das Centgericht, Untergericht, dem der Centgraf vor- sass. Die kleinste Verbindung war die Mark (Feldmark) mit dem Dorfoder Hofgerichte. Sie entstand aus der Familie, die ihre ursprünglich einheitliche Ansiedelung später spaltete, dann eine Genossenschaft bildete. Die Stammhütte gab der Feldmark den Namen: Rüdesheim von Rüding; Mamolshain bei Kronberg hiess vor Alters: Meinboldes- hagen. Die grossen Waldmarken gehörten früher der gesammten Genossenschaft des Gaus; später finden wir sie aufgeteilt unter umfangreiche örtliche Gruppen. Der Heerbann wurde erst unter Karl dem Grossen vollständig durchgebildet. Seine Wehrverfassung verschmolz die Lehengefolge, die sich einem Herrn oder Senior als Benefiziaten angeschlossen hatten, mit dem allgemeinen Aufgebote der freien Franken, das unter dem Grafen ausrückte. Unter Karls Nachkommen gestaltete sich dieses Gefolge zum ^ 1 ! T Die fränkischen werden Reichsministerialen (939). Milites. Ritter. 11 Kriegerstande. Ostfranken war seit den Konradinern (939) nicht mehr unter einem Provinzialherzoge zusammengefasst. Hier ordneten sich die reicheren Freien unmittelbar dem Reiche als Dienstmannen (Ministerialen) unter, seltener einem Edlen oder einem Stifte. Solche Reichsministerialen und Reichsvasallen waren die Eschborn-Kronberge. Sie folgten in ihrem Kriegerberufe ausschliesslich dem Kaiser. Später bildeten sie die höhere Abteilung des niederen Adels: den reichsunmittelbaren, im Gegensatze zu den landsässigen Ministerialen. Sogar die Ehen dieser beiden Klassen waren in frühester Zeit ungleich und die Kinder „folgten der ärgeren Hand." Der arme Freie entzog sich dem Kriegsdienste und ging in seinem Gewerbe auf. Damit sank sein freier Stand; er wurde der „Bauer" des Landes und Hintersasse, villanus (villain): „Wehrlos — ehrlos." Gleichzeitig stiegen viele ursprünglich Unfreie durch Heerfahrt und Hofdienst des Königs zu hohen Ehren auf, dadurch zu Besitz von Königsland. Mit diesen verschmolzen die Freien, die nun nicht mehr unabhängige Grundeigentümer waren, um so leichter als im zehnten Jahrhundert König Heinrich I das schon vorhandene Naturreitervolk sistematisch drillte. Durch den Kriegsdienst zu Pferde und den Hofdienst wurde die persönliche dienstbare Stellung gehoben, der Beruf zur Würde erhoben. Alle diese Elemente treten, nach 1200, als „milites" auf, eine Bezeichnung des Berufes, die an sich nichts über den Geburtsstand sagte. Die Kreuzzüge hatten das Handwerk geadelt: die Reiter wurden „Ritter." Aber nicht jeder Ritterbürtige (miles) hatte eigenen Sitz: Burg und Gerichtsbarkeit, nicht einmal sein Kemmenat (camera caminata, vom heizbaren Kamine). Vielfach sassen sie auf dem fremden Boden eines Herrn oder Stiftes als zeitliche Burggrafen oder Amtmänner, auch als Pfandbesitzer oder im dichtgedrängten Schwarme von „Ganerben" (Gesammterben) als erbliche Burgbesatzung. II. Das Dorf Eschborn. N der eroberten Provinz Ostfranken hatten die Merowinger ein weiterstrecktes königliches Kammergut erworben, bestehend aus den grössten Ortschaften und den Wäldern. Von diesem war ein beträchtlicher Teil bei der fränkischen Besiede- lung an Gefolgsmannen ausgewiesen. Dazu gehörte auch die altrömische Hofstätte, die heute Eschborn heisst. Hier stand die Wiege der Eschborn-Kronberge. Das Dorf liegt etwa halbwegs von Höchst nach Kronberg, in einem warmen flachen Thälchen. Die Hofstellen ziehen sich dem Westerbache entlang. Es ist ein stattliches Dorf, mit einer Feldmark von 833 Hektaren, wohlhabend und so nüchtern, sauber, stillos, unmalerisch und nackt, wie nur immer ein tüchtiges rheinfränkisches Dorf sein kann. Südlich von Eschborn läuft west-östlich die alte Elisabethenstrasse. Sie bildet die Feldmarksgrenze gegen das südliche Sossenheim und das südöstlich gelegene Rödelheim. Nahe der Stelle, wo sie durch die jetzige Landstrasse von Höchst nach Bad Homburg gekreuzt wird, stehen drei altersgraue Steine, die keine Spur eines Meisseis tragen. Ihre ursprüngliche Meinung — ob Gerichtsstätte? — weiss niemand mehr; jedoch dürfte ohne Zweifel ein benachbarter erleuchteter Geschichtsforscher der Wahrheit nahe gewesen sein, als er an dieser Stelle den Ort suchte, wo „Siegfried den Drachen erschlug!" Wie aber sah es in Eschborn aus um die Zeit (790), als Karl der Grosse seine Pfalz im zukünftigen Frankfurt erbaute? Eschborn schon 770 uralt. Uransitze im Niddagau. 13 Schon damals war Eschborn eine uralte Wohnstätte. Wir sind belehrt: dass sein ältester Name Aschenbrunne, Aschenburne, Aska- brunne, Asceburne - sich vorrömischer Abstammung rühmen darf. Der erste Theil des Wortes soll eine „angebaute Stätte in der Wildniss," ein „Ganzes von Ackerfeldern," althochdeutsch „ezzise," bezeichnen. Nach anderer Meinung war hier eine von Eschen umgebene heidnische Kultusstätte. Dass wir auf „praehistorischem" Boden stehen, bezeugen die jüngsten Ausgrabungen neben dem Bahnhofe westlich vom Dorfe, sowie unter dem alten Burghügel im Osten. Dort wurden Reihengräber aufgedeckt gefüllt mit Brandresten, neolithischen Topfscherben und Spähnen von Feuersteinen; keine Knochenreste. In der östlichen Fundstelle ward eine ähnliche Aschenhäufung als grosses flaches Hügelgrab aufgeschlossen. So stand also dasjenige Eschborn, das um 770 zuerst urkundlich und geschichtlich hervortritt, auf einem vorfränkischen, vorrömischen: auf einem vorgeschichtlichen Totenlager von seltener Ausdehnung. In diesem geschichtlichen Eschborn erhob sich die älteste christliche Kirche weit und breit: die Mutterkirche des ganzen Niddagaus. Zu ihrem Archidiakonate gehörten alle Kirchspiele von Höchst bis Königstein und Idstein. Solche älteste Urpfarreien waren in vorchristlichen Zeiten stets hervorragende Kultusstätten gewesen, heilige Haine an der Heerstrasse. Hier also hörte am frühesten die altheidnische Sitte auf: die Todten zu verbrennen. Daher konnten schon, um 875, die Fuldaer Jahrbücher der „Vascula mortuorum," rohgehauener steinerner Todten- särge, als „altertümlicher" Funde gedenken, die zu Eschborn durch einen schweren Wolkenbruch ausgewühlt und fortgeschwemmt worden seien. Ueber die Entstehung und Entwickelung Eschborns als fränkische ländliche Kulturstätte und als Sitz eines Geschlechtes von Dorfherren dürfen nachfolgende Anschauungen als ausreichend wahrscheinlich hier gegeben werden: Die Uransitze auch unseres Niddagaus waren durch Rodungen im Urwalde entstanden, an gelegener Stelle wo der Boden dankbar und Wasser zu Händen war um Menschen und Vieh zu börnen. Die artbar gemachte Fläche, terra aratoria, wird zunächst dem Bedürfnisse einer Familie an Haus Acker und Wiese entsprochen haben. Nun musste die Saat gegen das Wild, die Heerde gegen den Wolf geschützt 14 Bifang. Mansus. Hube. werden. Man umschloss das angerodete Stück mit Graben, Zaun oder Hecke. Damit wurde zugleich die Grenze des Eigentums gegen den herrenlosen oder zur Allmende gehörigen Wald gezogen. Von diesem Einfangen und Beischliessen erhielt der Besitz die Bezeichnung: „Bifang." Jedoch lagen jene Zeiten der Kindheit des Ackerbaus weit vor der fränkischen Besiedelung, die sich im sechsten und siebenten Jahrhundert vollzog. Damals, noch mehr im achten Jahrhundert, hatten die Herren des Ortes ihr Gebiet bereits unter die ackerbauenden Einwohner verteilt. Aber rings um die kultivirte Feldmark trug immer noch die weitaus grösste Fläche den Urwald, der auf dem trocken gelegten Boden des uralten ungeheuren Rheinsees üppig wucherte. Er nahm auch wohl wieder in Besitz was ihm schon entwunden gewesen. Deshalb befahl der grosse Karl in seiner berühmten Verordnung über die Bewirtschaftung seiner Meierhöfe: „man soll an schicklichen Stellen die Wälder ausroden und darauf halten, dass sie das Feld nicht wieder überwachsen." So entstanden Dörfer wie Ober - Höchstadt. Es verdankt seinen Namen: Eichenstat, Ecgistat, Heggistetua marca, Heckestat, Höxstatt den uralten Eichen die ihm die Stelle räumen mussten. Die häusliche Niederlassung des freien Mannes: der Mansus (von manere =,bleiben) bezeichnete zunächst: die Wohnstätte. Zu diesem Hausplatze gehörte ein durchschnittliches Flächenmass an Grundstücken, ausreichend um Weib und Kind zu ernähren. Dieses Bedürfnissmass wurde dann eine Einheit: die Hube, zu etwa 30 Morgen (7 —8 Hektaren) Ackerland, denen ein wechselnder Wiesenbesitz nebst Weidefläche anhingen. Wo Boden und Wasser günstig waren und die Ansiedelung gedieh, da entstanden nach und nach mehrere Mansen mit Huben. Diese Entwickelung durch Spaltung hat ohne Zweifel auch in Eschborn stattgefunden, denn die zahlreichen frommen Grundbesitzer, die — wie wir hören werden durch den heiligen Nazarius im weitberühmten Kloster Lorsch, bei Heppenheim an der Bergstrasse, ihr Seelenheil vermittelst Schenkungen von Grundstücken versicherten, gehörten wohl kaum der einzigen Familie oder Sippe an, die später des Ortes Namen führte. Eschborn war ursprünglich eine Kolonie von verschiedenen Gemeinfreien und ihren Hörigen. Wir finden also schon damals eine bedeutende Zersplitterung des Besitzes innerhalb derselben Feldmark unter verschiedene freie Eigentümer; andrerseits wiederum war der- Zersplitterter Besitz. Fronhufe. Ridehufe. Zinshufe. Lassenhufe. 15 selbe Freie gleichzeitig vor verschiedenen Dorfschaften angesessen. Die Ursachen davon lagen zunächst wohl im ripuarisch-fränkischen Erbrechte, das allen Kindern, auch den Töchtern, gleichen Anteil am elterlichen allodialen Grundbesitze, sogar auch ein Erbrecht am Beneficium gewährte. Daneben aber wirkte die Art der Erweiterung der urbaren Fläche. Jede einzelne neue „Gewanne," die man in gemeinsamer Anrodung aus der „Allmende" erwarb, wurde aufgeteilt. Diese Beteiligung jeder alten Hube an jeder Zurodung, und die dadurch überall herrschende Zerstückelung, stand der Nutzung des Gutes durch den grösseren Eigentümer, als geschlossene wirtschaftliche Einheit, entgegen; sie drängte zu Zeit- und Erbleihe an den „Bauer" im Orte. Waren nun in derselben Mark mehrere Mansen nach und nach neben einander entstanden, so blieb dennoch der ursprünglichen Wohnstätte das höchste Ansehen. Sie war ausgezeichnet durch Unabhängigkeit und Gerechtsame, durch Leistungen die sie von den jüngeren empfing. Sie hiess: der Dominical-Mansus, die Sal- oder Seelhube (grosse Hube), die Fron-, das ist: Herrenhube. In der Regel gehörte zu diesem herrschaftlichen einbehaltenen Wohnsitze das fruchtbarste Ackerland; man nannte dieses daher wiederum: salisches Land. Die Besitzer des Fronhofes waren ihrerseits frei von allen Leistungen und Lasten, ausgenommen den Hof- und Kriegsdienst. Sie waren Markrichter, später: Hubenrichter über alle Mansen. Daher heisst der Herrenhof auch: Dinghof, denn „Ding" ist: Gericht. Sie vorzugsweise wurden, als zum Vornamen die Bezeichnung der Familie trat, mit dem Namen des Ortes bezeichnet: de Asceburne, die „aus" oder „von" Eschborn. Andere freie Hufen wurden an jüngere Stämme der Fronhofsippe abgegeben; an sonstige kleine Gemeinfreie und Freigelassene; auch als Dienstbesoldung und in Afterlehn. Leistete ihr Besitzer Kriegsdienst zu Pferde, so waren es: Ridehufen, wenn nicht: Zinshufen. Die dritte, geringste Art: die Lassenhufen, wurde an Hörige ausgethan. Diese frondeten und zinsten in mancherlei Art; sie hiessen: Scararii (Scharrer, Arbeiter), ihr Besitz: Scharrhufen. In Eschborn finden wir keine Ridehufen ausser im Besitze der Fronhofsippe. Diese waren also dort die einzigen Reiter und Ritter. Im Felde vor Eschborn wurden Körnerfrüchte angebaut: Hafer für Menschen und Pferde; für das Brod der Wohlhabenden Roggen; da- 16 Schenkungen in Eschborn an Kloster Lorsch. 770. neben: Rüben, Bohnen, Erbsen, Linsen. Früh schon gab es Weinberge vor Eschborn; wenig Wiesen. Der Bungert (Baumgarten) am Hofe trug Apfel- und Birnbäume. Die einzelnen Gehöfte waren zahlreich, denn das Schenkungsbuch des 764 gegründeten Klosters Lorsch (der Codex Laureshamensis) verzeichnet seit 770 eine Reihe von Landschenkungen in Eschborn, deren Aufzählung in engster Auswahl hier nicht wohl dem Leser gänzlich erspart werden kann : am 12. Juni 770 schenken Risolf und sein Bruder Hadalwar dem heiligen Nazarius im Kloster Laurisham einen Mansus (Wohnstätte), 44 Leibeigene und einen Weinberg; ebenso am 6. August 779 Wiebrecht und seine Frau Meginheit: zwei Huben, einen Weinberg, einen Sklaven und sechs carradas Wein (Eine carata = 1 Fuder zu 6 Ohm; ein Ohm hält 100—120 Liter, also 600—700 Liter). Ebenso, am 24. August 779, Racher „pro remedio animae meae" sein ganzes Besitztum in Askenbrunne. Am 4. April 782 schenkt Hiltegart einen Mansus mit Haus, dazu drei Leibeigene in Aschenbrunnen und Ditincheim. Letzteres war sehr wahrscheinlich ein, durch den Wolkenbruch vom Jahre 875 verwüstetes, dann ausgegangenes Dorf in der Feldmark Eschborn, eine Viertelstunde östlich an der alten Frankfurter Landstrasse gelegen, dort wo es jetzt noch: „im alten Weingarten" heisst. Die Fuldaer Chronik lässt das ganze Dorf Eschborn zerstört werden und sogar alle 88 Einwohner umkommen. Der Germane siedelte sich stets gern am Flusse oder Bache an; er musste es oft büssen. Den dritten Teil der Eschborner Kirche hat, ebenfalls 782, Scerphvin (Eberwin?) dem Kloster Lorsch geschenkt. Am 5. November 787 schenken Hanibert und seine Frau Wiltrut ihr gesammtes Gut in Ascoburne und Ecgistat. Die letzte Eintragung ist vom 24. August 804. Der Lorscher Besitz in Eschborn muss damals sehr erheblich angewachsen sein. Jedenfalls waren die Donatoren begüterte Freie. Die Schenkungsurkunden sagen etwa also: „da ich öfter gehört und selbst erfahren: dass, wie das Wasser das Feuer löscht, so der Almosen die Sünde, so habe ich geschenkt . . . ." Im achten Jahrhundert kam die fromme Anschauung auf: dass das Gebet der Mönche, namentlich 'V : f\ • - *" * - • ■ Stephansstift in Mainz erwirbt den Königshof (?) in Eschborn. 1008. 17 aber die Fürbitte des seligen Patrons ihres Institutes, wenn durch Gaben erkauft, eigene Schuld zu tilgen vermöge; weiter auch die der Verstorbenen. Das war der Ausgangspunkt des Ablasses. Kloster Lorsch besass etwa 2000 Huben, und im Niddagau insbesondere Güter vor 35 Ortschaften. Alles das ging durch Schleuderwirtschaft verloren; bereits 1232 ist Lorsch fremd vor Eschborn. Endlich ist noch zu melden: dass am 18. Mai 1008 das Stephansstift zu Mainz vom Kaiser Heinrich II (1002- 1024), dessen Gut zu Aschenbrunnen im Niddagau erwirbt. Wir werden später Gelegenheit haben, den Besitz näher kennen zu lernen. Ob der Kaiser damals einen bei der Besiedelung vorbehaltenen Königshof vergab? erfahren wir leider nicht. III. Der Burgstadl neben dem Fronhofe zu Eschborn. N den alten Fronhof zu Eschborn grenzt nord- l westlich ein beträchtliches Wiesenstück, dessen Oberfläche, abweichend von der Bodenbildung der Umgebung, in kurzen Wellen sinkt und steigt. Es heisst dort von al- tersher: im Burggraben. Ungeachtet des bedeutungsvollen Namens meldet bis zum Jahre 1895 kein Geschichtsforscher des Niddagaus: dass er diese Stelle untersucht oder auch nur aufgesucht habe. Nun aber wohnten die alten Franken auf engen Fföfen, die nur mit Flechtzäunen oder Pallisaden umgeben waren; die Befestigungen unter Karl dem Grossen waren aus Erde und Holz. Erst unter den Saliern, von 1024 an, durften auch die Freien „Burgen" bauen. Die kleineren Ritter hatten alsdann ein turmartiges Wohnhaus, mit hochgelegenem Eingange von Stein oder Holz in der Mitte des Hofes. Diese Thatsachen in ihrer Anwendung auf Eschborn führten den Verfasser dieser Erzählung 1895 dorthin; er erfragte mit Glück die gesuchte, lang verschollene örtliche Kunde. Die erste oberflächliche Anschauung des Platzes, der ihm vorgewiesen wurde, erregte sofort den Eindruck: dass hier ein besonderes Etwas unter dem grünen Rasen begraben liege. Die Vermutung bestätigte sich durch die sachkundigen Schürfungen der Herren: Rittmeister d. L. C. Gustav Leinhaas und Paul Osterrieth. Auf Anregung Ihrer Majestät der Kaiserin Friedrich und mit freigebiger Unterstützung mehrerer Sommereinwohner von Kronberg und Königstein wurde ein Verein für die genauere Unter- •i Der „Burggraben" zu Eschborn untersucht. 19 suchung des „Burggrabens" in's Leben gerufen; dieser legte die Leitung der Arbeiten in die kundigste und bewährteste Hand. Herr Architekt Ch. L. Thomas zu Frankfurt a. M., der gelehrte Kenner und praktische Förderer seiner heimatlichen Urgeschichte, hatte die Güte: die schwierige Aufgabe zu übernehmen und durchzuführen. Seine reich lohnenden, gradezu überraschenden Ermittelungen und die daraus mit meisterhaftem sachkundigem Scharfblicke gezogenen Schlüsse hat er in einem Aufsatze: „Der Burggraben zu Eschborn," dem Archive für Hessische Geschichte und Altertumskunde, Neue Folge, Band II, Heft 2, zur Veröffentlichung überwiesen. Mit Erlaubnis des Herrn Verfassers und der Redaktion ist jene Arbeit hier im Auszuge benutzt worden, wofür beiden der gebürende Dank damit abgestattet wird. Für den Gang der Untersuchung in ihren einzelnen Fortschritten, vom ersten Spatenstiche bis zur augensichtlichen Rekonstruktion des alten Burgstadls der Eschborne auf der beigeschlossenen Zeichnung, muss auf die Originalarbeit verwiesen werden. In der Kürze ist das Ergebnis folgendes: an genannter Stelle wurde die, dem frühmittelalterlichen Typus nicht durch spätere Aus- und Umbauten entwachsene fränkische Burganlage der Herren von Eschborn aus ihrer mehrhundertjährigen Vergessenheit auferweckt. Die, den Verwüstungen und Ausraubungen der nachkommenden Zeiten entgangenen Ueberbleibsel sind wiederum zu einem anschaulichen Bilde der ursprünglichen Gesammter- scheinung vereinigt. Der angeschlossene Grundplan der Burganlage, mit seinen Nebenzeichnungen, erläutert den alten Zustand so vortrefflich, dass der beschreibende Text dadurch wesentlich vereinfacht werden wird. Die vorläufige Untersuchung des Platzes hatte mehrfache römische Spuren geliefert: Bruchstücke von Ziegeln, gebrannten Platten und Sandsteinquaderchen. Die Nachgrabung erwies indessen, dass auf dieser Baustelle die Römer nicht thätig gewesen waren; wohl aber lagern römische Fundschichten ganz nahe östlich, im Bauschutte der Bodenerhöhungen um den alten Fronhof der Eschborne, dem sogenannten Solmserhof. Ihr Aufschluss ist noch zu erwarten. Von dort werden auch zwei, im Schutte der Burg gefundene römische Kapitäl- teilchen stammen. Einstweilen sei hier bemerkt: dass in dem freistehenden Mauerwerke der Häuser und Höfe von Eschborn, sowie in 2* 20 Das „Burghaus" zerstört am 16. Juni 1622. der Innenfläche des untersten, noch rein romanischen Turmgelasses der Kirche, derartige römische Werkstücke eingemauert sind. Das Burggelände liegt nordöstlich des von Niederhöchstadt zur Nidda, in einem Abstände von etwa 150 Metern, hinabeilenden Wester- baches. Sein Bett ist tief eingeschnitten in eine Bodensenkung, die sich im Viertelkreise um die Südwest- und Südseite der Anlage zieht. Die umschliessende Vertiefung schützte diese Fronten, da der Streifen zwischen dem Bach und Burggraben dem Angreifer nur einen sehr schma- das alte hier stehende „Burghaus" noch im Jahre 1614 von einem gutsherrlichen Wirtschaftsbeamten bewohnt war. Die Geschichte weiss: dass dieses Haus am 16. Juni des Jahres 1622, mit dem grössten Teile des Dorfes Eschborn, von den wüsten Schaaren des „tollen" Christian von Braunschweig, als Nest eines katholischen Geschlechtes, ausgebrannt wurde. Später ist das „Burghaus" von seinen Herren nicht wieder aufgebaut; die Brandruine diente den folgenden Geschlechtern als Steinbruch bis in ihre Fundamente hinein. Der steil eingeschnittene, 4 Meter tiefe und 10 Meter breite, trockene Burggraben (s. Plan) umgiebt, mit einer 2 Meter haltenden Böschung von 45 Grad Fall, einen Hügel (s. Profil des Burghügels), der noch heute die ursprüngliche Höhe der anstossenden Ackerflächen um 2 Meter überragt. Er hat die Gestalt einer, an ihren vier Ecken len Raum zur Entwickelung bieten konnte. Dagegen breitet sich im Nordwesten und Nordosten des Burgplatzes ein flacher, etwas überhöhender, nach dem nordöstlich gelegenen Dorfe Steinbach hin sanft ansteigender Hang. Hier war die Angriffseite. Die örtliche Ueberlie- ferung nimmt an: dass ein uraltes Steingebäude, ein Stadl an diesem Platze gestanden habe. Eine öffentliche Urkunde bezeugt: dass ' Der Burgstadl des 12. Jahrhunderts aufgedeckt. 21 gerundeten, oben abgestumpften Pyramide; ihre Basis ist etwa 25 Meter lang; sie war umgeben von einer 1,2 Meter starken Ringmauer, deren blosgelegter Fundamentgraben teilweise noch ausgemauert befunden wurde. Das Innere bildet den ehemaligen Burghof. Näher der westlichen Strecke der Ringmauer stand der Bergfried, der 10,4 Meter im Geviert hielt. Seine 2,75 Meter dicken Mauern Hessen ein Turm- Inneres von 5 Meter im Geviert frei. Für den Turmbau wurde zunächst die Grube bis zum gewachsenen Lettenboden ausgehoben. Auf c Die Ringmauer setzte man erst später auf die Anschüttung, als diese sich hinreichend gelagert hatte. Vermuthlich half inzwischen ein Pallisadenschutz aus. Der Eingang zum Burghofe war im Westen, (s. Plan.) Wie man durch oder über den Graben gelangte, ist nicht mehr ersichtlich. Vermutlich vermittelst eines rasch abzuwerfenden Holzsteges. Dann umging der Eintretende, in dem engen Hofstreifen, nach links den Bergfried und gelangte bei E zunächst in die Hauswirtschafts-, dann in die Wohngebäude. Diese zogen sich, im Osten und Süden, rings um den Bergfried. Sie müssen, in ihren oberirdischen Bauteilen, aus Holzfachwerk mit Lehm- stickung bestanden haben. Das doppelt schraffirte Gebäude, der Palas, stand auf dem unentbehrlichen Balkenkeller; sein Dachfirst stiess rechtwinklig auf die Südostmauer des Turms. Eine Ablagerung von rotgeglühten Dachschiefern und von Brandschutt aus Fachwerkgebäuden ihrem Rande ist letzterer ringsum bedeckt von einer dünnen Schicht, bestehend aus Bruchstücken römischer Heizkacheln, sowie aus Splittern von Dach- und Verkleidungsziegeln. Dort war der Werkplatz. Der damalige Bauherr nutzte dafür eine, wahrscheinlich nächstgelegene, römische Baustelle aus. Als der Turm fertig war, wurde der Burghügel mit dem Ausstiche des Burggrabens angeschüttet. BERGFRIED jATftUERj wfffl// LETTEN 5KSHE..«HUEEJ -L. .Liö£>..... 1. J W9Ä5 .ETTEN. LETTEfN PROFI L des BU RQROCjES u ^R-ABENS. fP-RIAeKJAk.|+... — .«PRJXftNTALfi. Biwdsoiichi -KER.ÜBEHTI MlM E »NSTEHENDEK^iyV 22 Der Bergfried rekonstruirt. in unmittelbarer Nähe setzt diese Annahme ausser Zweifel. Viele Gebrauchsgegenstände des ehemaligen Haushaltes waren dem Schutte beigemengt: ein Ambos, zwei Spinnwirtel, ein Schlüssel, eine Bronzelampe, zwei grosse Hundeschädel, viele mittelalterliche Topfscherben. Hier ist (etwa bei G) der 9-10 Meter über den Erdboden erhabene Eingang in den Bergfried zu suchen. Der Palas selbst, der gegen die Ringmauer stand, wurde bei B durch eine hölzerne Freitreppe betreten. Auch wurde hier die Fundamentmauer des nicht unterkellerten zweiten westlichen Wohngebäudes aufgefunden, von dem das Burgthor überragt ward. Selbstverständlich waren die Nebengebäude aus späterer Zeit als der Bergfried. Diesen selbst, in seinem Innern, gibt das hieneben vorgeführte, völlig gleichartige Gebäude der alten, 1254 zuerst erwähnten Reichsburg Calsmunt über Wetzlar getreu wieder. Wir sehen in der Zeichnung vier Räume übereinander; der unterste war nur durch eine Fallthür vom nächst oberen zugänglich und lichtlos. Die spärliche Einrichtung dieses Gelasses in Eschborn ist völlig unberührt geblieben, seitdem am Tage der Zerstörung der Brandschutt der oberen Geschosse in diesen Keller hinabstürzte. Denn auch beim späteren Abbruche des Turms und der Einebnung des Platzes zu landwirtschaftlichem Gebrauche grub man nicht so tief hinunter. Die gesuchte Zisterne ist darin nicht aufgedeckt; wohl aber fand man ein Viertel einer kleinen spätromanischen Säulenbasis mit Eckblatt, die nur ein Schmuckteil am Kamin in einem der oberen Geschosse des Bergfrieds, wahrscheinlich im Gelasse auf der zweiten Gebälklage, gewesen sein kann. ' - . ' Inneres des Bergfrieds entziffert. 23 Dort war auch der Eingang vom Wohngebäude her. Darüber befand sich ein gewölbter Raum, durch den die Rauchabführung ging. Um die oberste Plattform lief der Wehrgang mit Schartenfenstern. Den Abschluss bildete der Dachhelm zum Schutze gegen das Regenwasser. In der quadratischen Grundfläche des Turm- Innern fand sich unter der hohen Schicht herabgestürzten Brandschuttes eine mächtige Anhäufung von verkohltem Korn; darunter steckten: ein wohlerhaltener Steinkrug, zwei schön geschmiedete grosse eiserne Aexte, eine zweischneidige Doppelhacke und ein vierbeiniger Feuerrost; daneben viele Thonscherben, eine Schweinskinnlade und andere Knochenstücke. Die Fussbodenschicht unter dem Roste war rotgebrannt. Die starke Feuerung, die hier stattgefunden hat, setzt wegen des notwendigen Luftzuges einen, später gebrochenen, direkten Zugang vom Burghofe her voraus, denn der Fussboden dieses Raumes lag 2 Meter unter der Höhe des Burghofes. Die Topfwaare lässt ungefähr auf die Mitte des XVII. Jahrhunderts schliessen, was dem geschichtlichen Zerstörungstage, 16. Juni 1622, nicht widerspricht. Das Turmgemäuer selbst stand noch lange Jahre nach diesem Tage; allgemach stürzte es ein und wurde, als gelegener Steinbruch, abgetragen; selbst die Fundamente sind ausgebrochen. Die gefundenen Bruchstücke erweisen: dass das Gebäude aus Vilbeler Sandstein, Basalt, Taunusquarzit und römischen Ziegeln zusammengefügt gewesen war. Im allzeit trocken gewesenen Burggraben fanden sich ein eiserner Sporn, eine Messerklinge, Bruchstücke einer kleinen Schale aus terra sigillata. Das oben erwähnte spätromanische Architekturstückchen vom Kamine setzt den Bau des Bergfrieds in die Zeit zwischen 1000 und 1100. Er ist entschieden nicht aus einer älteren Holzburg umgewandelt, sondern in einem Stücke als Steinbau aufgeführt und zwar hier im Flachlande noch zu einer Zeit, wo sich der Burgenbau bereits den isolirten natürlichen Höhen zugewendet hatte. 24 Notariatsprotokoll von 1614. Daraus darf der Schluss gezogen werden: dass die Bauherren damals noch nicht eine solche Felshöhe besassen. Erst im XIII. Jahrhundert, nach der zweiten Besiedelung Frankens unter den Hohenstaufen, konnten die Eschborne sich auf dem natürlichen felsgekrönten Bergkegel des Vordertaunus festsetzen, der später Kronberg hiess. Die im Bergfried selbst vergeblich gesuchte Zisterne wird an dessen Ostseite zu finden sein, wo das schmale Winkelmäuerchen einen kleinen Lichthof zwischen Turm und Wirtschaftsgebäude aussparte. Sämmtliche Dächer haben wir uns so geneigt zu denken, dass sie dorthin abwässerten. Ein Brunnenschacht hat sich innerhalb der Ringmauer nicht vorgefunden. Am Eingange vom Hofe in das östliche Wirtschaftsgebäude ist eine offene Vorhalle anzunehmen, die auf dem Pfostenfundamente bei e ruhete. Dort sind auch Küche und Backofen, beide eingeschossig, zu suchen, denn an jener Stelle wurden im schuttgefüllten Teile des Ringmauergrabens mehrere Bruchstücke von Brohler Tuffplatten gefunden. Wie es gegen den Schluss des Daseins der Burg um diese aussah, darauf wirft ein Notariatsprotokoll vom Jahre 1614 einen schwachen Lichtschein. Es fand ein Erbfall und eine Besitzergreifung statt: „Dann das Burghauss zu Eschborn, voraus nachen Frankfurt am Ende, und „in der Höhe" (Name der Feldlage), inwendig einem tiefen Graben gelegen. Darinn auf dem Oberstüble (im Wohngebäude) des Kellers (Verwalters) Bruder Philipps Pfalbächer, und den Hoffmann (Pächter) benamentlich Johann Hofe angetroffen und ihnen vorigen Inhalt der Requisition zu verstehen gegeben und hieruffer, in Signum apprehensionis, einen Spahn aus dem Thürpfosten ausgehauen, wie nicht weniger den Platz und Garten darumher mit allen dazu gehörigen Pertinenzien mit einem ausgehauenen vornen auf dem Graben stehenden Pflaumenbaum in wirklichen Besitz genommen." Dann verhandelte der Notarius nochmals mit „vorberührten Hoffmann auf dem negst daran stehenden herrschaftlichen hof." Schliesslich ist noch eines anderen Fundes hier zu gedenken, eines vorgeschichtlichen, der jedoch trotzdem in beabsichtigter Beziehung zur Erbauung des Bergfrieds gerade an dieser Stelle, stehen dürfte. Auf dem Plane finden wir in der Darstellung des Einschnittes durch den südlichen Burghof, Richtung a b, eine Schicht grauer Aschenerde mit „praehistorischen" Scherben vermischt. Sie hat die Gestalt eines flachen Hügelgrabes von 75 cm Höhe und erstreckt sich von a aus etwa ^ ■ tü ' Ii» I Vorgeschichtlicher Aschenhügel. Opfer. Scherben. 25 10 Meter lang nach b zu, etwa bis zur Linie c- d; an der Nordostseite des Bergfrieds ist sie durch Aushebung der Mauergruben zerstört. In diesem Aschenhügel wurden Gefässreste angetroffen, die aus vorgeschichtlicher Zeit stammen ; sie stimmen mit dem neolithischen Grabfelde am Bahnhof Eschborn überein, das ebenfalls vom Herrn Architekten Thomas erschlossen und bestimmt wurde. Dieser Aschenhügel ist weit älter als die gesammte Burganlage, denn bei Aushebung des Burggrabens und der Fundamentgräben des Bergfrieds wurde er senkrecht durchschnitten. Auf seiner Oberfläche findet sich eine schwache Schicht derselben Steinplitter, die den alten Werkplatz bezeichnen. Die Gelehrten fassen dieses Vorkommen dahin auf, dass hier ein „Opfer" vorliege. Die Erbauer des Burgstalls haben, einem altheidnischen Aberglauben folgend, jenem Brandhügel absichtlich eine Stelle unter ihrer Neuanlage angewiesen, oder auch: den neuen Bau auf ihn gesetzt, denn die Wahl des Bauplatzes ist an sich, wegen der Ueber- höhung im Norden, keineswegs einwandsfrei. Die Bestandteile des Hügels sind : sandiger Lehm, Aschen- und Kohlenrestchen, Scherben ; letztere entstammen nicht der römischen Zeit. Des Brandhügels Bedeutung nach Jakob Grimm: Deutsche Mythologie S. 1093 — war „gleichsam ein der Erde gebrachtes Opfer, welche die Last des neuen Baues auf sich duldet; durch diesen grausamen Brauch wähnte man unerschütterliche Haltbarkeit oder andere Vorteile." Es wurden nämlich auch wohl lebendige Thiere eingegraben. Durch das Brandopfer, dessen Bestandteile hier nicht mehr erkennbar sind, suchte man den Schutz des Baues vor verderblichen Elementen zu erwirken. Im Altertum wurden die Opfergefässe für den Toten zerschlagen, um ihre spätere profane Benutzung zu verhindern, wie wir jetzt noch das Glas zerbrechen, aus dem auf das Wohl einer verehrten Person getrunken wurde. Opfer brachten Glück und Segen; diese Vorstellung blieb an den Scherben der zerbrochenen Opfergefässe hangen ; sie wurde dann verallgemeinert. Die Scherben wurden auch vielfach schon als Scherben hingeworfen: „Scherben bedeuten Glück." Dieses Brandopfer hat den Bergfried von Eschborn sechshundert Jahre lang gestützt und beschützt bis er am 16. Juni 1622 den Mordbrennern des dreissigjährigen Krieges erlag. IV. Die von Hesscheburnen. ER Geschlechtsname der Herren dieses bescheidenen Burgstadls taucht urkundlich zum ersten Male auf im Jahre 1190. Damals trugen die Söhne Walters von Hesscheburnen vom Edlen Werner von Bolanden dessen Mühle und Allodien im benachbarten Oberliederbach zu Lehen. In demselben Jahre belehnt der Bolanden die „von Eschborn" mit der Vogtei über die Besitzungen des mainzer Stephanstiftes zu Schlossborn im Taunus nördlich von Königstein. Später finden wir dieselbe Vogtei in den Händen der von Kronberg. Den Vater Walter dieser damals schon grossjährigen Söhne dürfen wir um 40 Jahre früher ansetzen. Wir stellen mithin diesen ersten Begründer der urkundlichen Geschlechtsreihe der Eschborne, soweit sie aus den uns erhaltenen Nachrichten ermittelt werden konnten, auf: als einziges Glied der Ersten Geschlechtsreihe Walter I (1) von Eschborn*) um 1150. Zweite Geschlechtsreihe. Eschborne. 1. Wigand I (2) de Askeburnen; 1192. 2. Franko I (3) von Esschenburnen; 1190—1228. 3. Hartmut I (4) von Aschiburne; 1190—1223. 4. Walter II (5) von Asceburne; 1215 -1220. *) Die römischen Zahlen bedeuten die Reihenfolge der Geschlechtsglieder mit gleichem Vornamen; die arabischen laufen bei allen Männern durch, zur leichteren Auffindung in den angeschlossenen Stammtafeln. Mit den Hülfszahlen (17a, 35b) haben sich diejenigen Geschlechtsgenossen begnügen müssen, die verspätet auftauchten nachdem die langen Reihen bereits im Texte und auf den Stammtafeln durchgeführt waren. Die den einzelnen Geschlechtsgliedern beigesetzten Jahreszahlen bezeichnen den Anfang und das Ende ihres urkundlichen Auftretens. Erste und zweite Gescltlechtsreihe. Escltborne. 1150 1254. 27 1. Wigand us I (2) de Askeburnen, miles, erscheint 1192 als Burgmann zu Eppstein. Dass er einer der Söhne Walters I (1) gewesen, ist urkundlich nicht bestätigt. 2. Franko I (3) de Esschenburnen, 1190- 1228, Sohn Walters I; er gehörte wohl zu den Bolandischen Lehensträgern in Oberliederbach. Franko bezeugt 1219 eine Urkunde, in der Sig- fried II, Erzbischof von Mainz, (ein Eppsteiner) als Reichskanzler bestätigt: dass Kaiser Friedrich II (1213—1250) die Kirche zu Wiesbaden dem Deutschen Hospitale See. Marie in Jerusalem geschenkt habe. Dasselbe bezeugt Hartmudus I (4) de Esschenburn. Am 29. Juli 1220 erscheinen abermals als Zeugen Sigfrieds II: Hartmudus (I 4) et frater ejus. Nach gleicher Wahrscheinlichkeit war letzterer entweder: Frank I (3) oder Walter II (5). Zuletzt tritt Franko auf als Zeuge in zwei Urkunden Kaiser Friedrichs II, aus dem Jahre 1228, zu Wetzlar. 3. Hartmut I (4) de Aschiburne, 1216- 1223, ein anderer Sohn Walters I (1), Bolandischer Lehnsträger 1190. Er erscheint in einer Urkunde des Erzbischofs Sigfried II von Mainz aus dem Jahre 1216. Am 21. Februar 1219 finden wir ihn in der Umgebung Kaiser Friedrichs II zu Speyer, als Zeugen und Siegler auf zwei Urkunden. Am 26. November desselben Jahres tritt abermals Hartmudus (I 4) de Askeborne als Zeuge auf. Er steht in unverbrüchlicher Einhaltung der festen Klassenordnung — zwischen den Reichsministerialen: Bertoldus de Bruningesheim (Preungesheim) und Heinricus de Bonemese (Bonames). Im Jahre 1220 folgt Hartmudus de Eskeburnen in einer Urkunde unmittelbar hinter Wolframus Rin- gravius, einem Bolanden. Die Erläuterung dieser und ähnlicher, vorläufig nur kurz erwähnter Namen und Verhältnisse wird später an passender Stelle eingeflochten werden. Zum letzten Male erscheint Hartmut I urkundlich am 19. Dezember 1223. 4. Walter II (5) von Askeburne, 1215—1220, der dritte dieser Brüder, tritt am 31. Juli 1215 am kaiserlichen Hofe in den Urkunden Friedrich II unter vielen Ministerialen auf. Die Geistlichkeit und der höhere Adel stehen ihm voran. Er kommt noch einmal vor im Jahre 1220. V. Waren die von Asceburne und Croninberc dasselbe Geschlecht? N der bisherigen und zunächst folgenden Erzählung werden die Eschborne und Kronberge als einerlei Geschlecht einstweilen behandelt. Später wird diese Annahme zu erweisen sein. Dritte Geschlechtsreihe. Diese annähernd festzustellen ist schwierig aber besonders wichtig, denn in ihr vollzieht sich die Spaltung des Geschlechtes. Hier liegt der Ursprung der zwei Linien der Croninberc; des Flügel- und Kronenstammes. Von dieser Reihe wurde die Burg Kronberg gegründet; sie setzten ihren bisherigen Geschlechtsnamen: „Eschborn" in „Kronberg" um. Die beiden Stämme werden fortan durch F und K, die nebenherlaufenden Unbestimmbaren durch U gekennzeichnet. Wir begegnen hier: A. vier Brüdern, Söhnen Hartmuts 1 (4): A. 1. Franko II (10 F) von Ascenburnen, 1239—1248. A. 2. Hartmut II (11 K), zubenannt: Sule oder Sure, von Eschborn und Kronberg, 1235 bis vor 1252. A. 3. Otto I (12 K) von Eschborn und Kronberg, 1230—1255. 4. Petrus I (14) Eschborn 1254, Kronberg 1255. B. daneben ein Oheimsohn von ihnen: 1. Walter IV (13), Kronberg, 1248—1253. C. vier Mitgliedern des Geschlechtes, deren Sohnschaft unbestimmbar geblieben ist: 1. Wigand II (6 U), Eschborn 1219—1236. 2. Walter III (7 U), Eschborn, Domherr 1232 -1250. 3. Giselbert (8 U), Eschborn 1226—1247. 4. Giselberts Bruder (9 U), Eschborn. v ■ Dritte Geschlechtsreihe. Eschborne und Kronberge. 29 A. 1. Franko II (10 F). Franko tritt allein auf in einer Urkunde König Heinrichs VI 1238; Franko und Otto de Cruninberg zusammen am 22. Mai 1239. Am 6. April 1240 schreibt Erzbischof Sigfried III von Mainz an Franko von Eschborn und dessen Brüder: dass er auf ihren Wunsch die Entscheidung ihres Streites mit dem Domkapitel zu Mainz, wegen des Patronates der Kirche zu Nordenstadt, dem Abte Rimund von Eberbach übertragen habe. Aber erst in einer Urkunde, ausgefertigt zu Mainz am 12. März 1248, ziehen Franko II (F), Hartmut II (K), Otto I (K) Gebrüder von Eschborn, und Walter IV (13), der Sohn ihres Vatersbruders, die Beleihung von Frankos II Sohn Berthold (29 F) mit der Pfarre in Nordenstadt zurück. Sie erklären für sich und ihre Erben: das Domkapitel zu Mainz in der Ausübung seines Rechtes am Kirchensatze ferner nicht stören zu wollen. Sie hängen ihr gemeinsames Siegel und das ihres Vetters Walter IV (13) an. Franko II (10 F) von Eschborn tritt ferner als Zeuge auf in einer Münzenberger Urkunde vom Juni 1239. Darin erscheinen auch Hartmut II (11 K) und Otto I (12 K). Hier werden nur diese beiden als „Brüder" gekennzeichnet. Im Jahre 1248 wird Franko II (10 F) ausdrücklich als Haupt (senior) der Familie hervorgehoben; im Jahre 1250 ist er bereits todt. Er kommt nur mit dem Namen Eschborn vor. Wir haben ihn als den Begründer der älteren, später: „Flügelstamm" genannten Linie der Kronberge anzusehen. A. 2. Hartmu t II (11 K) mit dem Beinamen Sule (Sure) ist als der Begründer der jüngeren Linie der Kronberge, „des Kronenstamms" aufzustellen. Er erscheint als „Sule" und Eschborn: 1238, 1239, 1248; zuletzt am 19. Januar 1250. Als „Croninbergk" tritt er auf: am 3. Dezember 1235 in einer Urkunde des frankfurter Schöffengerichts, „Hartmanus de Kronenberc, villicus de Frangenfurth et scabini," (Burggraf und Schöffen); am 20. Juli 1238 und im Juli 1242 als Zeuge König Konrads IV im Fronhofe zu Frankfurt; am 6. März 1251 in einer pfälzer Urkunde; endlich am 21. Juli 1252, wo Erzbischof Gerhard I von Mainz den Gebrüdern Wolveskelin, gegen Verzicht auf ihre Grafenrechte, drei Höfe in seinem Schlosse Wolveskel als Erbburglehen ver- 30 Wigand II von Eschborn, Altbürger und Schöff in Frankfurt. 1219. leiht. Am 29. Dezember 1254 stellt er zu Kronberg eine Urkunde über Verkauf von Grundstücken in Dortelweil an das Kloster Thron aus. A. 3. Otto 1 (12 K) erscheint als Otto miles de „Croninberc" am 19. Juli 1230. Wir haben hier die früheste Erwähnung des neuen Namens. Wiederum tritt Otto auf als: „Eschborn" 1239 und 1248; dagegen zeugt und siegelt 1242 zu Kingisstein (Königstein) „Otto von Croninberg" mit vielen anderen Burgmannen. Im Jahre 1250 besitzen Otto I (12 K) und die Söhne seines Bruders Franko II (10 F) ein Sechstel der Vogtei in Peterwilre. Am 16. Mai 1251 bezeugt „Otto von Croninberch," Ritter, eine Urkunde Eberwins von Cransberc. Im Jahre 1254 und 1255 erscheint er als Bürge für Elartmuts III (19 K) Tochter: Jutta II. A. 4. Petrus I (14). Er tritt auf in der Urkunde vom 29. Dezember 1254 für Kloster Thron als: de Escheburnen; dagegen am 1. April 1255 als: Croninberc. B. Der Vetter dieser vier Brüder: B. 1. Walter IV (13) erscheint nur in der Urkunde über den Kirchensatz zu Nordenstadt, vom 12. März 1248, als: „Eschborn." Er war ein Sohn Frankos I (3) oder Walters III (5). C. Es folgen vier urkundliche Mitglieder dieser Geschlechtsreihe, deren Sohnschaft unbestimmbar geblieben ist: C. 1. Wigand II (6 U) von Eschborn tritt von 1219 bis 1236 vielfach auf als Altbürger und Schöffe zu Frankfurt. Diese ursprünglichen Burgarier, später: Geschlechter genannt, bildeten die Besatzung des kaiserlichen Palas und führten die Verwaltung der Villa. Sie ergänzten sich durch Zuzug der umsitzenden gleichartigen Ministerialen und der kleineren freien Grundbesitzer, die in die königliche Ministerialität traten. Als Reichsministerialen genossen sie in den vier wetterauischen Städten: Frankfurt, Gelnhausen, Friedberg, Wetzlar ein eigentümliches Wahlrecht: „Hier war es Gebrauch, dass, wenn einer von jenen eine Jungfrau sah, die ihm gefiel, er sie Der König als Ehestifter der Reichsministerialen. 31 von seinem Herrn (dem Könige) zum Weibe begehrte. Dann trat ein Marschall vor das Haus, im Namen des Königs, also eines unabweisbaren Freiwerbers. Er that sein Begehren in folgenden Reimen kund : Höret zu, ihr Herren überall, Was gebeut der König und Marschall, Was er gebeut und das muss sein, Hier ruf ich aus: (Richilde Klobelauch) mit (Wigand von Eschborn), Heute zu Ehen, Morgen zu Lehen, Lieber ein Jahr zu einem Paar. „Damit war, so gut wie durch Priestersegen, die Jungfrau des Fremden Weib. Endlich setzten eines Vaters Muth und des Königs Heinrichs Gnade (1232) dem Missbrauche ein Ziel. Einst erblickt ein Adelsschalke die Tochter des Schöffen Johann von Goldstein und plötzlich wird er, sei es von dem Jugendreiz der Dirne, sei es von der reichen Habe des Alten, gerührt. Weil aber der zudringliche Freier Widerstand fürchtet, gedenkt er die Jungfrau durch das Machtwort des Königs zu erhalten. Da klagt Goldstein sein Leid dem Monarchen, der für immer dem Jungfernraub ein Ende macht. In einem feierlichen Briefe aus Nürnberg vom Januar 1232, versichert er: dass er keinen Bürger mehr aus den wetterauischen Städten, arm oder reich, zwingen werde: seine Töchter oder Enkelinnen einem Fremden zu verloben, möge dieser ein Hofamt bekleiden oder nicht. Doch vorbehielt er sich das Recht der Fürbitte." C. 2. Walter III (7 U) von Eschborn. Er tritt auf als Pfarrer zu Dyppach (Diebach am Haag) 1232; als Domherr zu Mainz ist er in vielfachen Urkunden, von 1235 bis 1252, Schiedsrichter und Zeuge. C. 3. G ise 1 be rt (8 U) von Aschenburnen. Am 9. Mai wird ein Streit Giselberts von Aschenburnen, Ritters, als Vatersbruder mit seinem Neffen dem Magister Ernst (18 U), wegen des Patronates zu Reiskirchen (bei Giessen) für letzteren entschieden. Am 5. Februar 1234 schenken Giselbert und seine Frau Kunigundis dem Kloster Arnsburg (bei Münzenberg) ihren Hof in Herlisheim (?) mit allem Zubehör, als „Seelgerette" (zur Rettung ihrer Seelen). Die 32 Die von Croninberc erscheinen am 19. Juli 1230. Schenkung vollzog sich „in Gegenwart des ruhmreichen Königs Heinrich in feierlicher Gerichtssitzung zu Frankinfurt." Giselbert heisst darin: „treuer Dienstmann." Am 1. September 1242 schenkt Giselbert dem Stifte in Wetzlar einen Mansus zum glücklichen Gedächtnisse seiner Frau und ihrer Eltern. Endlich bezeugt Giselbertus de Escheburne (1247) eine Urkunde der Herren zu Merenberg und des Klosters Arnsburg. Danach scheint Giselbert in der oberen Lahngegend angesessen gewesen zu sein ; er muss einer früher abgeteilten Linie der Eschborne angehört haben, die nicht mehr Ganerben zu Eschborn und Kronberg waren. Nach ihm kommen an der Lahn weder Eschborne noch Kronberge vor; ein Giselbert tritt überhaupt nicht wieder auf. tg* Hiermit endet die Reihe der urkundlich nachgewiesenen Eschborne. Genealogisch geschlossen ist sie keineswegs. Auch die gegenseitige Abstammung und die Nähe des Verwandschaftsgrades ist nicht völlig sicher. Dafür sind die uns erhaltenen Urkunden viel zu spärlich und zu weit auseinander liegend. Zweifellos aber nahm dieses Geschlecht in dem Jahrhundert von 1150 bis 1250 eine angesehene Stellung als Reichsministerialen bei den hohenstaufischen Kaisern und Königen ein. Es erscheint bereits in verschiedene Linien geteilt. Worin sein Reichs- lehn zu Eschborn im besonderen bestand? Was dort etwa ausserdem ihr freies Eigentum war? Wieweit ihr Gebiet sich über Eschborn hinaus, zur Höhe hinauf, am Altkuning empor in die schier endlose Markenwaldung hinein erstreckte? Wann sie dieses erwarben? Was sie sonst etwa im Niddagau und in der östlichen Wetterau besassen? alles das wissen wir nicht, denn aufklärende Urkunden, namentlich Lehnbriefe, haben sich aus jener Zeit nicht erhalten. Mit dem 29. Dezember 1254 und Petrus 1 (14 K) verschwinden die Eschborne plötzlich und vollständig aus der Geschichte und ihren Urkunden. Seit dem 19. Juli 1230 erscheint ebenso plötzlich neben und mit ihnen, in ihrer unmittelbarsten Nachbarschaft, später auf ihrem Wohnsitze, in ihren Lehnen und Allodien, mit ihren Vornamen, ein bis Gleiche Vornamen der Eschborne und Kronberge. 33 dahin völlig unbekanntes Reichsministerialengeschlecht: die von Cronin- bergc, Kroninbergc, Cronenberg, Cronberg, Kronberg. Sie sind Reichslehnsträger und Bewohner einer Burg auf einem mächtigen Serezitfelsen, der steil aus der südwärts geneigten Ebene am Fusse des Altkunings emporragt. Sie haben alsbald auch den Besitz der Eschborne in Eschborn selbst inne. Es ist jetzt die Frage zu lösen: Waren die Eschborne und die Kronberge ein und dasselbe Geschlecht? Zunächst sind die Vornamen zu betrachten, die völlig gleichlautend und gleichzeitig neben beiden Familiennamen auftreten. Es bildet das eine für die damalige Zeit sehr beachtenswerte Anzeige der Geschlechtseinheit. Die Gleichzeitigkeit der gleichen Vornamen von Elartmut und Otto Eschborn (1239) mit Hartmut und Otto Kronberg (1230, 1242), endlich von Petrus Eschborn (1254) mit Petrus Kronberg (1255) ist auffallend. Allein aus ihr erwächst doch nur eine Wahrscheinlichkeit dafür: dass diese Eschborne mit der Gründung des neuen Wohnsitzes, der damaligen Sitte gemäss, dessen Bezeichnung als — noch flüssigen Heimatsnamen angenommen haben: de = aus Kronberg. Es ist ferner höchst wahrscheinlich: dass die jüngere Linie der Eschborne zwischen 1220 und 1230 diesen neuen Sitz gründete, dass die ältere um 1250 den Vettern dorthin folgte; sowie: dass dieser Grund und Boden beiden gemeinsam gehörte, dass beide dort eine Ganerbschaft (Gemeinerbschaft) bildeten oder die in Eschborn bestandene fortsetzten; zumal fortan das Gebiet auch um den neuen Wohnsitz gemeinsames Reichslehn ist. Ueberhaupt tritt der feste, unwandelbare und höchst persönliche Geschlechtsname beim niederen Adel kaum vor der ersten Hälfte des 13. Jahrhunderts allgemein auf. VI. Die Siegel der Eschborne und Kronberge. INEN weit sicherern Anhalt für die uralten Stammverwandtschaften des Adels, als die Namen, geben uns in jener Zeit: die Siegel. Diese wurden den Familien- und anderen Vertragsurkunden als Beglaubigung angehängt, denn die Aussteller waren, als Laien, damals regelmässig „Schreibens unerfahren." Zum völligen Verständnisse solcher hier heranzuziehender Urkunden ist es jedoch unumgänglich, zunächst auch die Vierte Geschlechtsreihe: Kronberge trocken aufzuzählen, weil deren Glieder, als jüngeres Geschlecht, an den gedachten Rechtshandlungen mehr oder weniger beteiligt sind. I. Flügelstamm (F). Fünf Söhne Frankos II (10 F): I. 1. Franko IV (20 F), 1253—1287. I. 2. Walter V (26 F), 1253—1278. I. 3. Kuno I (27 F), 1273—1298. I. 4. Otto III (28 F), 1273. 1. 5. Berthold (29 F), 1248—1257. II. Kronenstamm (K): A. Sieben Kinder Hartmuts II, Sule (11 K): II. A. 1. Hartmut III (19 K), 1251 1290. II. A. 2. Franko III (21 K), Deutscher Herr, 1230—1253. II. A. 3 und 4. zwei Brüder parvuli (22a und b K), 1253. II. A. 5 und 6. zwei Schwestern Klosterfrauen. II. A. 7. Eva heiratet Konrad Schenk von Erbach. II. B. Sohn Ottos I (12 K): II. B. 1. Otto II (23 K), 1266—1273. ' Vierte Geschlechtsreihe: Kronberge. 35 III. Stamm unbestimmbar (U): III. 1. Krafto I (16 U), 1254. III. 2. Neffe (17 U) Walters III (7 U), Pastor in Leheim bei Oppenheim. III. 3. Frater Hartmann lila (15 U), 1248—1278. III. 4. Hartmut Illb (15a U), Deutschordenskomtur in Thorn, 1257 -1259. III. 5. Eberwin I (15b U), Domscholaster in Mainz, 1277—1284. III. 6. Magister Ernst (18 U), Giselberts Neffe, 1226. III. 7. Hartmut IV (37 U), Kanonikus zu St. Stephan, Mainz, 1273—1278. III. 8. Hartmut IVa (37a U), Deutschordenskomtur zu Marburg, 1260 bis 1273. III. 9 und 10. Johann und Nikolaus mit dem Wolfskeel-Wappen (37b und c), 1277- 1298. III. 11. Jutta I, heiratet Guntram von Ulfa, 1255. 1.1. F r a n k o IV (20 F) siegelt am 23. März 1253 eine Urkunde, die sein Vetter Hartmut III (19 K) ausstellt. Am 6. Februar 1272 - verbürgt sich Franko IV für Peter von Limpurg, aus dem Ministerialengeschlechte der Wanscheid. Am 3. August 1273 ist er Zeuge für eine Schenkung von Wald in der Mark Cruftele (Criftel bei Hofheim) an Kirche und Kloster Beatae Mariae Virginis zu Retters. Am 12. März 1278 findet sich Franko IV unter den Zeugen für Guntram von Ulfa; ebenso am 24. August 1287. In demselben Jahre erscheint er unter den Schiedsrichtern zwischen Erzbischof Heinrich VI von Mainz und dem Herzoge von Braunschweig, wegen Streitigkeiten auf dem Eichsfelde. Seine Gattin soll Margarethe von Reiffenberg gewesen sein. I. 2. Walter V (26 F) ist Zeuge in dem, alsbald mitzuteilenden Gelöbnisse Hartmuts III (19 K) vom 23. März 1253, über das Testament seines Bruders Franko III (21 K), Deutschordensritters. Am 1. April 1255 ist er unter den Bürgen für Juttas I (U) von Ulfa, geborenen Kronberg, Verfügungen über ihre Güter in Eschborn. Die Bürgen verpflichten sich zum Einreiten „in valle Croneberch." 3* ^ . . V • dL Den Bürgen würgen durch Einreiten. In diesem Dorfe war also damals schon ein, für vornehme Gäste annehmbares Wirtshaus. Eine besonders wirksame altdeutsche Art, die Bürgen zu „würgen" und dadurch zum Zahlen zu drängen, zielte darauf hin: dass sie sich durch eigenen Vorteil zur Erfüllung ihres Versprechens gedrungen fühlen mussten: das „Einreiten." Die Bürgen versprachen „bei den Heiligen": in ein bestimmtes Wirtshaus eines bestimmten Ortes mit einem oder mehreren ihrer Reisigen einzureiten und daselbst „in des Wirtes ordentlicher Kost zu zehren bis die Schuld bezahlt ist." Ausdrücklich ward bedungen: „dass er Tags zweimal ordentlich speisen, keine eigene Haushaltung führen und den Wirt stets für sich und die Seinigen, wie andere Gäste, bezahlen müsse." „Es blieb aber nicht bei der Zehrung derer Einlieger. Sie wurden von guten Freunden besucht, darbey wurde gefressen und gesoffen, alles auf des Einliegenden Rechnung." Erst im Reichsabschiede von 1577 ist endlich dieses Einhegen, als ein arger veralteter Unfug abgeschafft. Walters V Frau hiess Hildegundis; sie soll eine von Rödelheim „mit dem schwarzen Stern" gewesen sein. Er lebte noch 1278. 1.3. K u n o I (27 F) erscheint am 20. Januar 1273 bei einer, später vorzuführenden Weinbergsschenkung vor Kronberg; ferner als Zeuge in einer Urkunde aus Hain im Dreyeich (Dreieichenhain bei Frankfurt) vom 25. Oktober 1277. Zuletzt tritt Kuno urkundlich am 10. Februar 1298 auf. I. 4. Otto III (28 F) erscheint in der eben erwähnten Weinbergsschenkung vor Kronberg, vom 20. Januar 1273, neben seinen Brüdern. I. 5. B e r t h o 1 d (29 F) verzichtet auf die Pfarre von Nordenstadt in Folge des Vergleiches der Kronberge mit dem Domstifte Mainz, vom 12. März 1248. Im Jahre 1257 präsentiren er und sein Bruder Franko (IV, 26) den Magister G . . . ., canonicum Moguntinum, als Pfarrer in Dyppach (Diebach bei Büdingen). ' Der Ort Kronberg zuerst genannt: 1254. 37 II. Kronenstamm (K). A. Sieben Kinder Hartmuts II (Sule 11 K): II. A. 1. Hartmut III (19 K). Unterm 23. März 1253 gelobt er: dass er die Bestimmungen im Testamente seines Bruders Franko (III, 21 K), der durch die göttliche Gnade in den Orden vom Deutschen Hause getreten sei, ausführen wolle. Diese waren: 1. seinen zwei Schwestern, die Klosterfrauen geworden, aus den Gütern in Turkelwila (Dortelweil bei Vilbel) alle zwei Jahre zwei Pelze auf ihre Lebenszeit; 2. seinen zwei kleinen Brüdern 6 Achtel Roggen jährlich aus den Gütern in Sozenheim (Sossenheim) zu geben, bis sie zu ihren mannbaren Jahren gekommen sein werden. 3. Ausserdem will er die Schenkung, die der Bruder Frank von seinen Gütern in Horeheim (Harheim bei Heddernheim) dem Deutschen Hause zu Marburg gemacht habe, unwandelbar aufrecht erhalten. Zeugen: Otto II (23 K); Walterus V (20 F), Bertoldus Suep (Schwab von Preungesheim) und Franko (IV, 26 F) de Cronenberc, cognati. Angehängt hat Hartmut (III, 19 K): mein Siegel, unser gemeinsames, und das Siegel unseres Verwandten Walter (V, 20 F). Letzteres ist dem Siegel derer von Preungesheim ähnlich: ein, nach oben und unten mit Zinnen (oder Feh) versehener Querbalken: Umschrift: . . . . „de Asceburn." Wahrscheinlich war es mit den mütterlichen Erbgütern angenommen gewesen. Derselbe Hartmudus (III, 19 K) miles, dictus de Croninberc, verkauft am 29. Dezember 1254, in einer Urkunde aus Kronberg, wo der Ort zum ersten Male genannt wird, der Äbtissin und dem Kloster Troni sancte Mariae (nahe der Saalburg) für 19 Mark kölnisch 40 Morgen Land in Durkelwile, und was er dort sonst noch an Allodium besitzt. Seine noch kindliche Tochter Jutta II wird später zustimmen, sobald sie mündig. Dafür stellt er als Bürgen: „meinen Vatersbruder Otto (I, 12 K) von Croninberc; mich selbst; Franko (IV, 26 F) „den Sohn meines Vatersbruders" (Frankos II, 10 F) und Petrus (I, 14 K) von Eschburnen. Zeugen sind: Krafto I (16 U) de Croninberc und mehrere andere. Am 20. Januar 1273 besass Hartmut III (19 K) bereits einen Weinberg auf dem Kronberger Berge. An diesem Tage übergeben Weinberg vor Kronberg. 1273. Agnes (angeblich eine Edle von Hanowe) Wittwe Ottos (II, 23 K) von Croninberc, Hartmut (IV, 37 U) Kanonikus zu St. Stephan in Mainz, Kuno (I, 27 F), Otto (III, 28 F), Franko (IV, 26 F), Gebrüder von Croninberc, einen Busch von 2 Morgen, beim Weinberge ihres Verwandten Hartmut (III, 19 K), an den Pfarrvikar (plebanus) Petrus zu Kronberg, damit er dort einen Weinberg anlege für sich und seine Nachfolger. Im April des Jahres 1275 tritt Hartmut (III, 19 K) von Kronberg auf in einer Urkunde, durch die Kaiser Rudolf I den Verkauf der Kirche zu Bruningesheim und der Kapelle zu Redilenheim an das Deutsche Haus zu Frankfurt genehmigt. Am 30. Mai 1276 verkauft Hartmut III (19 K) sein steinernes Haus am Mainufer (in Frankfurt) den Deutschherren zu Sachsenhausen, mit Einverständnis seiner Gattin Alheidis. Am 10. August 1276 genehmigt Kaiser Rudolf das Geschäft. Es betraf also eine reichslehn- bare Hofstätte, auf die wohl Alheidis bewittumt worden war. Sie soll eine Gräfin von Nassau gewesen sein. II. A. 2. Franko III (21 K). Er trat bereits 1230 in den Deutschen Orden ein. Weitere Schicksale sind unbekannt. Im Jahre 1253 wird sein letzter Wille ausgeführt. II. A. 3 und 4. (22a, b, K). Die beiden kleinen namenlosen Brüder haben wohl ebenfalls den Weg in die geistliche Versorgung genommen. II. B. Sohn Ottos I (12 K): II. B. 1. Otto II (23 K) tritt überhaupt nur als ein schon Verstorbener auf, durch seine Wittwe die Hanauerin Agnes, in der Weinbergschenkung am 20. Januar 1273. Nachkommen von ihm sind nicht aufgetaucht. III. Elf unbestimmbare Kronberge: III. 1. Krafto I de Croninberc (16 U) erscheint als Zeuge in der Urkunde Hartmuts III (19 K) vom 29. Dezember 1254. tfifitiMiuUhtilhtäiiitö/t'iiiil ■' ij . k:bt ■ - v . Hartmut, Komtur von Thorn, um 1250. 39 III. 2. N. N. Pastor zu Leheim (17 U). In einer Urkunde vom 3. November 1250 wird ein „nepos domini Waltheri" (III, 7 U) des Kanonikus in Mainz, genannt als „pastor" in Leheim. III. 3. Frater Hartmann (lila, 15 U). Er tritt in Urkunden von 1248 bis 1278 auf. Zu Worms im Cister- zienser-Nonnenkloster, das gewöhnlich „Kirsgarde" (Kirschgarten) genannt wird, vergleichen sich am 30. Juni 1256 die Herren von Wines- perg (Weinsberg) und von Falkenstein über die Münzenberger Erbschaft, unter dem Zeugnisse von „frater Hartmannus de Cronebergk." III. 4. Hartmut Illb (15a U) von Cronenberg. Er war Deutschordens-Komtur zu Thorn. In den preussischen Urkunden tritt er mehrfach auf. Am 3. Juni und 4. August 1257 war Sühnetag mit dem Herzoge Kasimir von Cujavien. Dabei erschienen: der Landmeister Graf Gerhard von Hirzberg, Hartmud von Cronenberg Komtur von Thorn, Hartmut von Grumbach und andere vornehme Ordensritter. Der 1199 in Palästina gestiftete Orden wurde 1226 vom Herzoge Konrad von Massovien gegen die heidnischen Preussen zu Hülfe gerufen. Der Zuzug aus Franken und vom Rhein nach Preussen war damals sehr zahlreich, ebenso der Verbrauch an christlichen Streitern. Die schwersten Kämpfe fielen in die Jahre 1240 1264. Eine päpstliche Bulle von 1257 sagt: mehr als 500 Ordensbrüder sind bereits im Kampfe gegen die Ungläubigen gefallen. Hartmut Illb erscheint ferner am 17. Januar und 3. Mai 1258, endlich im April 1259. Diese letzte Urkunde nennt ihn als Zeugen: praesente Hartmudo de Cronenbg, commendatore dorn' Thuron. In den früheren steht nur Vorname und Amtstitel. III. 5. Eberwin I (15b U). Wir lernen ihn zuerst, 1263, kennen als Archipresbyter, später als Domscholaster zu Mainz. Der Bericht über diesen frommen werk- thätigen Geistlichen verläuft endlich einmal nicht gar so trocken und ermüdend als die bisherigen unvermeidlichen Namensverzeichnisse mit ihren nakten Zahlen und gleichgültigen Thatsachen. 1. Im Jahre 1277 kauft er von Konrad von Waldeck dessen Weinberge zu Lorch am Rhein um eine nicht genannte Summe und giebt 40 Frenzwein Hunschwein. Der Alünstein. sie ihm, für 4 Mark Heller kölnisch, in Erbpacht zurück. Die noch bekannten Lagen sind: „über Buttendal," „Wegelange im Buttendal" (Bodenthal); „bei paphenkaderecke" (pfaffenkaderich). 2. Im Jahre 1278 kauft das Domkapitel zu Mainz, zusammen mit dem Scholastico Eberwino de Cronenberc, von Konrad von Waldeck eine jährliche Gülte von 4 Fudern (16 Ohm) „franci vini" zu Heimbach (Lorch gegenüber), für 110 Mark kölnische Heller Kapitalwert. Das ganze Mittelalter unterscheidet: „francischen und hunnischen Wein." Worin der Unterschied bestand? — wurde lange lebhaft bestritten. Ersterer Wein hatte den doppelten Preis. Höchst wahrscheinlich war vinum francicum: Rotwein. Dieser ist zweifellos damals gebaut worden; er wurde höher geschätzt als der weisse; fast niemals wird er „vinum rubrum" genannt. Die jetzige hochedle weisse Riesslingtraube war damals noch unbekannt. „Frenzwein - Hunschwein." Letzterer war wohl einfach mundartlich: der heimische, hiesige Wein; der rote eine französische Traube. In Sachsen hiess der Kotczberger (aus Kötschen- broda bei Meissen): „Ihenische (einheimischer) wayn," gegen „Francken- wyn" und „Elsessir." Die heutzutage, durch die Weisheit unserer Gesetzgebung und die Fortschritte der Chemie, am Rhein und anderswo vollständig unterdrückten Weinfälschungen wurden damals in folgendem, immer noch empfehlenswertem Verfahren auf ihre Schädlichkeit geprüft. Vor dem Oberhofe zu Ingelheim: „Herr Clas Thies von Cube (Caub) hait gefragt: iz were ein Frauwe by In zu Cube, die hette einen Alünstein in ein halb Fuder Wins gehangen . . . „die Kaufflude" fanden den stein und „wudden des wines darumb nit keuffen . . . und ist die frawe darumb gefangen; und begehrt an eyne Urteil: obe die frauwe den Lip (Leib) verwocht habe oder nit?" Dez ist gewiset: „man solle denselben Stein nemen, und den schaben in dezselben Wins ein Class fol, und der frauwin drincken geben; . . . bekomet ir der Drang da woll ... so hat sie darumb nit virbrochen ; ist er ir aber schedelick, so neme sie den Schaden." 3. Durch Urkunde aus Mainz vom 28. Juni 1283 stiftet sich Eberwin eine Memorie im Kloster Bleidenstadt bei Bad Schwalbach, in der Weise: dass er von Dritten eine jährliche Lieferung zu 30 Malter Roggen für 40 Mark Aachener Heller kauft. Nach seinem Tode soll dieses Korn an gewissen Gedächtnistagen unter solche Klosterbrüder ver- Der fromme Domscholaster Eberwin I, f 1283. 41 teilt werden, die zur rechten Stunde im Chore (der Kirche) sich einstellen und am Gebete Teil nehmen; (eine Präsenz). Zweck der Stiftung ist: „auf dass er (Eberwin) durch die Fürsprache des Heiligen (Ferrutius) heilsam unterstützt werde." 4. Am 14. August 1283 ist Eberwin gestorben. Am 15. September 1284 ordnet der Abt Emmercho des Klosters Johannisberg im Rheingau für ihn, der dem Kloster 6 Mark Silber geschenkt habe, eine Memorie an, kraft deren jährlich zu drei verschiedenen Tagen 6 Malter Roggen „zur Ergötzung der Brüder unsers Konventes" verteilt werden sollen. Eberwin war auch Kanonikus zu St. Peter extra muros und zum h. Kreuz in Mainz; er wurde im Domsumgange begraben. Auf der Südseite beim Ausgange des Querschiffs zum Kreuzgange hing ehemals sein Totenschild; aber schon 1727 war es verschwunden. Bodmann (in den Rheingauer Altertümern) nennt ihn: „der fromme und durch seine grossen, Klöstern und Kirchen dahier zugewandten Vermächtnisse im Andenken gebliebene Domscholaster Eberwin von Cronenberg." IIL 6. Magister Ernst (18 U) war Neffe des Ritters Giselbert (8 U) de Aschenburnen; sie lagen (1226) im Streite über das Patronat zu Reiskirchen bei Giessen, worin der Magister obsiegte. III. 7. Hartmut IV (37 U). Wir haben ihn schon bei der Weinbergschenkung am 20. Januar 1273 kennen gelernt, als Kanonikus zu St. Stephan in Mainz. Zugleich war er Archipresbyter von Assenburna. III. 8. Hartmut IVa (37a U). Am 22. Juni 1260 tritt Hartmut de Croninberc, Bruder des Deutschen Hauses zu Marburg, als Zeuge auf; ebenso im April 1261. Noch 1273 siegelt er als dortiger Komtur eine Urkunde des Klosters Tiefenthal (im Rheingau). Soeben ist eine längere Reihe geistlicher Herren an uns vorübergezogen. Allerdings lassen wir unter ihnen die Brüder vom Deutschen Hause, namentlich die in Preussen fochten, zu dieser Zeit noch als kriegerische rittermässige Mönche gelten. Im allgemeinen aber war schon damals die Tonsur für den hohen und niedern Reichsadel die 42 Versorgung der Schwächlinge durch die Tonsur. übliche Versorgung der Schwächlinge und der Jüngsten; diese hatten dann auf ihren Anteil am Familiengute zu verzichten. Früh musste der Knabe Abhärtung, Mühsal und Entbehrung ertragen, fest im Sattel und gewandt im „Schirmen" (Fechten mit Schwert und Schild) sein: „Aller hande riter spil „Lerten in die riter vil, „Buhardiren und stechen, „Die starken sper zerbrechen, „Schirmen und schiessen. — Wenn der Knabe fehl schlug, so schickte man ihn in die Klosterschule, als passende Vorbereitung für einige fette Pfründen, die schon vorläufig gesichert wurden, längst ehe er die Priesterweihe erhielt. Das Reiten und Fechten musste schon im zartesten Alter beginnen, denn „swaz z'(u) eime haggen werden soll, daz krumtet sich viel vrüge." Dagegen: „Ein phafife lieber aeze starck und veste mursel (morcelles), denn er ze Kamphe würde snel, Und uf ritterlichen strit." . . . III. 9 und 10. Johann und Nikolaus, genannt von Croninberc, mit dem Wolfskeel-Wappen (37b und c, U). Die Herren der Grafschaft Wolviskel (zwischen Oppenheim und Darmstadt), verkauften diese im Jahre 1252 an den Erzbischof Gerhard I von Mainz (ein Wildgraf, comes hirsutus). Walter (III, 7 U) von Aschenburnen, der Domherr ist Zeuge. Die Verkäufer erhalten gleichzeitig die Burgen in Wolfskeel zum ewigen Besitze als Lehne. Sie wurden dadurch Ministerialen des Mainzers. Im Jahre 1277 verkaufen Ritter Burkard von Wolfskeel und seine Söhne dem Kloster Eberbach Güter in Leheim und ihren Dinghof im benachbarten Dorfe Beinsheim, mit Ausnahme jedoch des vierten Teils des Gerichtes daselbst, so den Brüdern Johann und Nikolaus, genannt von Croninberc, gehörte. Letztere Brüder und die Herren von Wolfskeelen bezeichnen sich auch später, 1309, gegenseitig als Blutsverwandte (consanguinei). Um ihre Siegel nennen sich die Brüder Johann und Nicolaus: de Wolviskeln. Ihr Wappen ist ein rechter Arm mit einem offenen Sackärmel; er hält in der Hand eine Lilie. Ebenso heisst 1278, 1296, 1298, Johann von Croninberc: Burggraf (officiatus) in Wolfiskelen. Wir finden keine Spur von kronbergischen Eisenhütlein oder Feh. Nun nannten sich - . - Kronberge mit dem Wolfskeel-Wappen. 43 wohl Glieder eines Geschlechtes, die einen neuen Wohnsitz erwarben, vom letzteren, sie behielten aber ihr Stammwappen bei, unverändert oder mit kleinen Abweichungen: Beizeichen. In der Umschrift führten sie häufig den alten Stammnamen weiter. Wahrscheinlich also waren diese Brüder: Wolfskele, die von einer Mutter Kronberg deren Allodial- erbschaft und Namen geerbt hatten. Auf Kronberg selbst sitzend finden wir sie nicht. Es war, wie wir später sehen werden, damals keineswegs unzulässig, dass in Reichslehen die Töchter miterbten. Daraus entstanden die vielfältigen Ganerbschaften. Die Kronberge haben solche cognatische Vettern stets wieder auszuscheiden gesucht. VII. Beweis der Einheit aus den Siegeln. A (Siegel oben links) NTERM 24. Dezember 1254 bestellt, zu Croninberc, Hartmudus (III, 19 K) miles dictus de Croninberc, beim Verkaufe von Grundstücken in Dur- kilwile an das Kloster Troni sancte Mariae, für seine noch unmündige Tochter Jutta (II) als Bürgen: „meinen Vatersbruder Otto (I, 12 K) von Croninberc, mich selbst, Franko (IV, 26 F) den Sohn meines Vatersbruders, und Petrus von Eschborn (I, 14 K). Hartmut III vollzieht die Urkunde „durch die Bekräftigung mit unserm Siegel von Croninberc." Auf diesem ist der Schild bereits quadrirt, ein in so früher Zeit seltenes Vorkommen. Rechts oben und links unten ist das leere, erste und vierte (rote) Feld damaszirt (als Verzierung); rechts unten und links oben, im zweiten und dritten Felde, finden wir drei Reihen sogenannter Eisenhütchen, richtiger: Fehpelz, blau auf Silber. Hartmut III, der dieses Siegel hat anhängen lassen, bezeichnet es als: „sigillum nos- trum de Croninberc." Es ist also das gemeinsame Siegel der, als Aussteller und Bürgen genannten Familienglieder: Hartmuts III, Ottos I, Frankos IV von Croninberc und des Petrus von Eschborn. Denn die Umschrift lautet auf die Söhne Hartmuts I (4), also auf die dritte Geschlechtsreihe: S(igillum) F(rankonis, II, 10), H(artmudi, II, 41), P(etri, I, 14), O(ttonis, I, 12) FILIORVM HARTMVDI (1,4) IN CRONENBERG. ■ I Ganerbensiegel. Persönliches Siegel mit Beizeichen: Krone. 45 Demnach war, am 24. Dezember 1254, Petrus (I) von Eschborn der Bruder der drei anderen Miteigentümer des gemeinsamen Siegels der Söhne Hartmuts i n Cronenberc. B (Siegel oben rechts) Am 1. April 1255, stellen Guntram von Ulfa und seine Gattin Jutta (I), geborene von Kronberg eine, die Allodialgüter der Frau vor Eschborn betreffende Urkunde aus. Die Bürgen: Otto (I, 12 K), Walterus (IV, 13), Hartmudus (III, 19 K), Petrus (I, 14 K), milites de Croneberch verpflichten sich zu eventuellem Einlager „in valle (Dorf) Croneberch". Sie siegeln: „sigillis nostris" ; mit dem Beisatze: „Nos Otto, Hartmudus et Petrus uno sigillo consuevimus Semper uti; wir haben stets ein gemeinsames Siegel benutzt." Das Siegel ist dasselbe wie an der Urkunde A vom 24. Dezember 1254. Walters IV de Croneberch Siegel trägt die Umschrift: S(igillum). . . DE ASCEBVRN. C (Siegel unten) Am 23. März 1253 urkundet Hartmut III (19 K) in betreff seines Bruders, des Deutschherrn Franko III (21 K) und seiner jüngeren Geschwister. Zeugen sind: Otto I (12 K), Walter IV (13), Franko IV (26 F) de Croninberc, cognati. Hartmut III bekräftigt diese Urkunde mit drei Siegeln: 1. mit meinem Siegel; 2. mit unserm gemeinsamen Siegel; 3. mit dem Siegel meines Verwandten Walter (IV). Das Siegel 2 ist gleich demjenigen an den Urkunden A und B. Das Siegel 3, Walter IV, ist gleich dessen Siegel an der Urkunde B. Das Siegel 1 (unten), Hartmuts III „sigillum meum", sein persönliches, ist noch erhalten an einer Urkunde, vom 22. Oktober 1257, des „Hartmudus miles de Croninberc". In diesem Abdrucke finden wir zum ersten Male, als Beizeichen im rechten Obereck: die Krone, dazu die Umschrift: S. HARTMVODI : DE : (CRONEN ....). Damit ist selbstverständlich nicht gesagt, dass erst seit 1253 die Krone geführt wird; hier (1257) ist nur der älteste uns zufällig erhaltene Abdruck, der sie zeigt. Das Siegel B, „comune nostrum," ohne Krone, war also das Ganerbensiegel, und zwar derjenigen gesammten Geschlechtsreihe von 46 Die Einheit erwiesen. Mitberechtigten zum Reichslehen, die zwischen 1220 und 1250 die Burg Kronberg baute und besiedelte. D. Hieraus ergeben sich folgende drei Thatsachen: 1. Der unterm 24. Dezember 1254 „von Eschborn" genannte Petrus ist dieselbe Person wie derjenige Petrus, der am 1. April 1255 den neuen Namen: „miles de Croneberch" führt; denn nicht nur benutzt (1254) der, sich „Eschborn" nennende Petrus das gemeinsame Siegel der Herren „in Kroninberg" : er ist sogar zweifellos ihr Bruder. 2. Walter IV (13) von Croninberc siegelt (1253, 1255) mit seinem Siegel, das auf den Namen: „Eschborn" lautet. 3. Die Krone gehört nur dem Siegel Hartmuts III an; sie ist sein persönliches „Beizeichen." Dieses vererbt sich auf seine Nachkommen: den Kronenstamm. Dadurch ist die Frage nach der Einheit der beiden Familien Eschborn und Kronberg, über die uralte Ueberlieferung, den Lehnssitz und die Vornamen hinaus, bejahend gelöst. Diesen Nachweis, dessen eingehendere Vorführung in zusammengedrängter Gestalt notwendig erschien, verdanken wir der gemeinsamen Arbeit des verstorbenen Herrn Stadtpfarrers Ritsert zu Darmstadt und des Herrn Dr. H. Grotefend in Schwerin, damals Stadtarchivar zu Frankfurt a. M.: „Die Familie von Eschborn und ihr Zusammenhang mit der Familie von Cronberg." Frankfurt 1884. E. Wir dürfen also nicht fürchten, gegen irgend einen Punkt der uns überlieferten urkundlichen Nachrichten zu Verstössen, wenn wir festlegen: 1. Franko II von Eschborn (10 F) ist der Stammvater der älteren Linie: des Flügelstamms. Er behielt seinen Wohnsitz auf dem Fronhofe und im Burghause zu Eschborn. Er vererbte (1248) diesen Hof auf seine Nachkommen. Er selbst änderte nicht seinen Namen. 2. Seine Brüder: Hartmut II (11 K), Otto I (12) und Petrus I (14) hatten in Eschborn nur Nebenhöfe inne; ebenso der Vetter Walter IV (13). Hartmut II und Otto I schufen, etwa seit 1220, und - Die Ortsbezeichnung wird Familienname, 47 bewohnten gemeinsam die älteste Burg Kronberg, die Oberburg. Sie kultivirten den steilen südlichen Hang des Burghügels bis in das darunter her ziehende Bachthal hinab durch Rodung des Waldes; diesen Ort besetzten sie mit hörigen Kolonisten. Im Jahre 1255 gab es bereits ein Thal (Dorf) Croninberch. Die Burgherren nannten sich nach dem Namen ihres neuen Wohnsitzes; zunächst wohl zur Bekundung des örtlichen Zustandes: in Kronberg; de = vom Kronberge. Erst in der folgenden Geschlechtsreihe setzte sich diese Bezeichnung als ständiger Familienname fest. Nach der Uebersiedelung des Flügelstamms auf den Kronberg, etwa 25 Jahre später, trat das enge und wenig wehrbare Haus zu Eschborn für die Uebersiedelten als Mittelpunkt, als Domizil, zurück. Damit verliert auch der, uns bei Hartmut II (11 K) und Otto I (12 K) anfänglich verwirrende Wechsel oder Rückschlag im Zunamen das Verwunderliche; umsomehr wenn man erwägt, dass damals diese streitbaren Männer ihre Urkunden nicht eigenhändig aufsetzten, und dass der Name, gegenüber dem Siegel, den Schreibern wie den wissenden Beteiligten nebensächlich dünkte. M gleichen Wappen ist schon seit Anfang des 13. Jahrhunderts eine entscheidende Bedeutung als Kennzeichen der Zugehörigkeit zu demselben Geschlechte beizulegen. Ebenso liefert der Titel: Miles, Ritter, einen festen Anhalt für die soziale Standesstellung des Trägers. Beide Attribute bedürfen wohl, in Anwendung auf die de Croninberc, einiger Erläuterung. Der Reiterdienst war für das ganze Reich unter den sächsischen Kaisern um das Jahr 1000 ausgebildet, nicht aber zuerst eingeführt. Schon nach den Annales fuldenses (891) war bei den Franken der Kampf zu Fuss nicht mehr gebräuchlich; sie zeigten sich darin schwerfällig und unbehülflich. Und in demselben Jahrhundert singt der Mönch Ottfried das „Lob der Franken" und vom Frankenkönige: „Nicht sind, die ihm auch schaden Solang als Franken ihn wehren, Die kühn seiner warten, Dass sie ihn umreiten." Der Dienst zu Ross hatte die alten Hoch- und Mittelfreien, die „Schöppenbarfreyen," mit den begüterten Ministerialen, den Dienstleuten die in eigener Rüstung und mit mindestens einem Diener zu Pferde ausrückten, in einen Heerschild, in eine neue Genossenschaft verschmolzen. Ihr Zweck und Vorzug war: der Reichsheeresdienst, die Lehnsfähigkeit, die Ritterwürde. Diese Reitermassen entwickelten aus sich in den Kreuzzügen verschiedene Orden. Gottfried von Bouillon führte (1096 1099) 100,000 Reiter, darunter 40,000 Milites. Davon blieben die ärmeren Freien ausgeschlossen, die zu Fusse dienten. Die VIII. Reiterdienst und Ritterwürde. Einschildritter. Fränkisch Rot. Beizeichen: Krone. Ritterschlag. 49 Berechtigung zur Ritterwürde, die Rittermöglichkeit, ward ursprünglich nur durch die ritterbürtige (militaris) Abkunft begründet. Aber schon unter Kaiser Friedrich II (1215—50), wurden verdiente Kriegsmannen davon dispensirt. Deshalb galt für die Erwerbung der Ritterwürde der Satz: „Niemand ist edel, denne den der Muth „Edel macht, und nicht das Gut. Diese Ritter, für die der sechste Heerschild neu geschaffen war, führten häufig den Namen: Einschildritter, weil ursprünglich ihrer viele mit dem gleichen Schildzeichen auftraten, abgeleitet vom gemeinsamen Herrn oder Wohnplatze. Vor allem war „Rot" die Farbe der Franken. Im Rheingau stand eine bescheidene längst verschwundene Burg: Martinsthal. Sie lag an der Stelle wo jetzt der stattliche Ort Neudorf sich unter dem weinberühmten Berge von Rauenthal hinzieht. Dort sassen vier verschiedene Ganerbengeschlechter: die von Glimme, von Glimmen- dal, Rost von Glimmendal, Heppe von Glimmenthai. Diese alle führten das, sehr vielen rheingauer Geschlechtern gemeinsame, urfränkische Adelsbild: das rote Schildchen im silbernen Felde; das Urgeschlecht, die Glimmen: leer, die Rosten mit einer goldenen Krone im oberen rechten Eck, als „Beizeichen." Dasselbe rote Schildchen finden wir wie auf den Fehüberzug des Schildes geheftet und später mit ihm quadrirt, im ersten und vierten Felde des Kronberger Wappens: ebenso im ersten die Krone, als Beizeichen des jüngeren Stammes. Der Knappe oder Edelknecht wurde Ritter durch die Feierlichkeit der Schwertleite, den Ritterschlag. Der alte Spruch dabei lautete, wie Peter Suchenwirt in den „Ehrenliedern" den Ritterschlag Herzog Albrechts von Oesterreich (-f* 1358) beschreibt: Der Graf von Tzil, Herman genant, Daz swert auz seiner schaide tzoch Und swenckt ez in die lüften hoch, Und sprach tzu hertzog Albrecht: „Pezzer ritter wanne chnecht" Und schlug den erenreichen schlag. — Diese Feierlichkeiten fanden hauptsächlich in Rom bei der Kaiserkrönung statt oder nach glücklichen Feldzügen. Noch 1452 schlug 50 Vier Grade der Ritterwürde. Die Mühelosen. Kaiser Friedrich III (1440—93) auf der Tiberbrücke bei 300 Fürsten Grafen Herren und Edelleute zu Rittern. Ueber die verschiedenen Grade der Würde in der allgemeinen Wertschätzung sagt ein alter Spruch : Ritter, der seyen viererley, 1. Des h. Grabes; die Würdigsten. (Sie waren die ursprünglichen). 2. St. Catharinen Perg und finsterer Stern; die Thewersten. (Ritter der h. Katharina auf dem Berge Sinai, wo deren Reliquien verwahrt wurden. Die Fahrt dahin war mit grossen Kosten verbunden.) 3. Auf der Tyberpruckhen in Krönung eines römischen Kaysers; die Besten. 4. In Stürmen, Schlachten; die Gestrengsten (tapfersten). Seit Kaiser Max I unterblieb die Krönung in Rom; damals traten an die Stelle der „Besten" die „Ritter ohne Mühe," bei fürstlichen Vermählungen, Kaiserwahlen in Frankfurt und ähnlichen Anlässen. Von den „mühelosen" spottete das Lied: „Kuhfleisch in gelber Brüh, „Ein Ritter ohne Müh: „An diesen beiden ist verloren „Der Saffran und die goldenen Sporen. Nach Gunst und Gaben wurde auch ein hochverdienter Mann an verschiedenen Höfen mehrfach „Ritter." Da gewisse Triebfedern und Wünsche der Menschen, also auch die entsprechenden Lockmittel für ihren Ehrgeiz und Diensteifer, sich zu allen Zeiten gleichbleiben, so ist die Aehnlichkeit dieser verschiedenen Erwerbsarten mit denen der heutigen Hoffest-Ordensdekorationen nicht zum Verwundern. Im sechzehnten Jahrhunderte endlich wurde die Ritterwürde gegen hohe Taxe in Wien käuflich, wie schon seit Kaiser Karl IV (1347 -1378) der Adel überhaupt. Dadurch entwertete sie und verschwand beim alten Reichsadel völlig. Friedliche Zeiten brachten die Ritterwürde auf den Turnieren zur Geltung, wo wir die Kronberge an hervorragender Stelle finden werden. Diese „Gallischen Spiele" wurden in Deutschland hauptsächlich unter Kaiser Friedrich II entwickelt. Sie waren, ähnlich den heutigen Manövern . . ' Turnei. Buhurte. Tjoste. Heroldsamt. 51 und Paraden, teils Vorübungen zum Kriege teils militärische Schaustellungen. Das Turnei von: turon, turnen, drehen war ursprünglich nur ein Reiterspiel in künstlichen Wendungen. Im 11. Jahrhundert wurde es ein Kampfspiel, eine Reiterschlacht unter der Führung von zwei „rotmaisternin voller Rüstung aber mit stumpfen Waffen: Buhurte, das Anrennen zweier Haufen gegen einander, vom altdeutschen hurr —heftig stossen; (hurtig, hurrah). Gewandtheit im Lanzenkampfe war zu bewähren. Es galt: im offenen Gefilde Schaar gegen Schaar, zuerst im Galopp (Walap) dann mit verhängtem Zügel (rabbine), den Gegner mit der Lanze aus dem Sattel zu werfen oder ihn und sein Ross zu Fall zu bringen; darauf wurde mit dem „Brügel" oder Kolben weiter gefochten. Der Speerkampf zu zweien hiess: Tjost. Je nach den Bedingungen wurde er zu Fusse mit dem Schwerte entschieden. Der Besiegte verfiel, mit Person Ross und Rüstung, dem Sieger. Wollte dieser, im Schimpfe (Scherzkampfe), jenen freilassen so nahm er Sicherheit von ihm, nämlich das Versprechen: alles zu thun was der Sieger auferlegen werde; so: sich dessen Dame als Besiegten vorzustellen. Im Ernstkampfe bedeutete „Sicherheit nehmen" : das Leben schenken. Die edelste Form des Turniers war „durch ere mit vride", um der Ehre und des Preises willen, nach genauer Feststellung der Kampfregeln und Lösungssummen. Ein Preisgericht entschied. Das Turnier wurde von einem obersten Befehlshaber geleitet. Wir sehen: unsere heutigen grossen Wettrennen, mit Jokeys Buchmachern Totalisator und sonstigen Verfeinerungen, sind nur eine sehr hoch veredelte Ausbildung der Kampfspiele unserer Voreltern. Die Handhabung der Ordnung beim Turnier fiel den Ehrenholden (Herolden) zu, neben ihren anderen zahlreichen Amtspflichten. Ursprünglich nannte man sie „die Knappen (= Knaben), die von den Wappen sprechen." Sie hielten die Helmschau, das heisst: sie hatten die „Kleinode" und Wappenbilder auf Helm und Schild der zum Turniere Eingerittenen zu besichtigen, danach deren Berechtigung zur Teilnahme am Kampfspiele zu prüfen. Für das „Kampfrecht" (die Turnierfähigkeit) ward adliges Wappen und Abkunft von ebenbürtigen Ahnen erfordert. Dadurch wurden die Herolde allgemeine sachkundige Aufseher der Wappen und Stammbäume. Die später ausgebildete Ahnenprobe hatte mit der Scheidung der Adelsklassen von einander nichts zu thun. 52 Stammbäume. Wirkung der sechzehn Ahnen. Sie war nur ein Schutzzoll rings um die Stifter Orden Domkapitel Turniere und Ganerbschaften gegen das Eindringen des neuen Briefadels. Die Klausel hiess: „zu den Wappen geboren, unvermengt mit einiger Bürgerschaft." Der Schwanenorden (1443) verlangte 4 Ahnen, ebenso der Deutsche Orden. Nach Bedürfnis wurde diese Zahl erhöht: auf 8 und als Prohibitivzoll auf die fast berüchtigten 16 Ahnen. Erasmus spottete: „der Herr Christus hätte, ohne Dispens, in Strasburg (wo 32 verlangt wurden) nicht Domherr werden können." So kamen denn endlich die stiftsmässigen katholischen Geschlechter im vorigen Jahrhundert dahin: sich bei Verheiratungen vorsorglich auch nach den Ahnen des zu erwählenden Fräuleins erkundigen zu müssen. Und Hartrad von Hattstein schliesst die „Vorred" seiner „Hoheit des deutschen Reichsadels," einer Sammlung von Stammtafeln zum Gebrauche bei Aufschwörung von Stammbäumen, mit der ernsten Mahnung an alle so es anging: „Glückselig diejenige, so ihre Ahnen in dem Stand haben, dass solche auff allen Stiftern etc. passiren können, welches ein sehr hochschätzbares und edles Kleinod ist, worüber höchstens zu halten und nicht, (wie öfters geschieht) umb ein geringes Absehen verschertzt wird, da die Nachkommende 100 und mehr Jahr daran zu verdauen haben. Derohalben ist kein Cavalier zu verdenken, bevor sich derselbe in eine Eheverlöbniss einlasst, sich wohl umb die Ahnen zu erkundigen, und nicht wie die Fliegen in den heissen Brey hinein blumbt, und die Reue hernach zu spath bekombt." Diese Absperrung gegen das frische Blut aus anderen Ständen durch die Ahnenprobe war der Hauptgrund des Verfalls des deutschen Adels, namentlich des massenhaften Aussterbens der stiftsmässigen Familien, der „Sechzehnahnenkinder." ■ IX. Das Wappen der Kronberge. Rsprünglich führte der Kriegsmann in „Waffen" sein gemeinsames Abzeichen auf der gemeinsamen Fahne; dann das persönliche auf seinem Schilde. Endlich wurde, um 1170, letzterer der alleinige Träger. „Wappen" bedeutete nun das Bild auf dem Schilde. Dieser war von Holz, seit Urzeiten durch einen Ueberzug von Thierhaut oder Leder geschützt; statt dessen auch häufig mit aufgenageltem Pelzwerke verziert, dem sogenannten „Feh." Es kam von einem nordischen Eichhörnchen, das auf dem Rücken blaugrau, am Bauche weisslich war, also in den Versandt - Bündeln bunt erschien: varius; französisch: vaire; russisch: fewan. Wenn die kleinen Felle neben einander aufgenagelt waren, entstand von selbst der Wechsel der beiden Farben: blau auf weissem Grunde. Ursprünglich unbestimmt wolkig gezeichnet, als natürliches „gemeines" Wappenbild, wurden die blauen Stücke später, als man sie in eine feste eckige Form zurecht stutzte, ein „Heroldsbild." Die Kunde vom Pelzwerke verlor sich und man nannte die Figuren: Zinnen oder Eisenhütchen, später auch wohl : Kacheln. Mit diesen erscheint von Anfang an im kronbergschen Geschlechtswappen das allgemeine rote Schildchen quadrirt, also heroldsmässig angeordnet. Vermutlich war diese fränkische Nationalfarbe aus der Fahne, als Lasur, auf den Schild übertragen. Die Waffen des Kriegsmannes vererbten sich; mit ihnen die ursprünglich persönlichen Wappen. Gegen das Ende des 12. Jahrhunderts trat in der Bewaffnung der Topfhelm auf; er war oben beinahe flach. Die unschöne Oberfläche forderte Verzierung. Dieser Helmschmuck, Zimier, wurde im 13. Jahr- 54 Helmkleinode des Flügel- und Kronenstamms. hundert ein vom Schilde unabhängiges Emblem, ein „Kleinod." Sie sind unendlich verschieden. Wir finden bald, als eines der häufigsten: einen „Flug," das heisst: zwei, etwas hinter die Schläfen gesetzte Flügel auf dem kronberger Wappen des älteren Stammes, desjenigen ohne die Krone. Die Flügel waren wohl niemals natürliche Flederwische, sondern aus Holz oder Blech oder Flechtwerk hergestellt und mit Federn besteckt. Dann wurden sie von den Ehrenholden im vorschrifts- mässigen Wechsel farbig verziert: quer, mit rot und den blauen Eisenhütchen auf Silber. Der sie führende Zweig des Geschlechtes Kronberg nannte sich davon der „Flügelstamm." Der andere mit der Krone ?g| im rechten Obereck: der „Kronenstamm" zeigt gleichzeitig auf dem gekrönten Helme, statt der Flügel, ein gefiedertes oder geschupptes, nach oben spitz zulaufendes Kleinod, das im Faufe der Jahrhunderte nach Geschmack und Ungeschick in vielerlei Abwandlungen gezeichnet wird. Auf dem, in der Kunstgeschichte berühmten Grabsteine Hartmuts VI (47 K) von 1372, in der Burgkapelle zu Kronberg, erscheint es als Hahnenbusch; später wird es hutförmig, endlich — völlig sinnlos als Tannenzapfen dargestellt. Nicht unwahrscheinlich möchte das seltsame Kleinod als ein, mit Pfauenfedern besteckter Hut (Turnierhut) anzusprechen sein. Ein solcher ziert in der Manesse'schen Handschrift das Haupt eines Ritters. Leider hat der Kronenstamm sein Helmkleinod niemals selbst benannt. Die Krone im rechten Obereck seines Wappens führt uns jetzt nachträglich zur Erklärung des Beinamens Hartmuts II (11 K): Sule. Diese ist den Forschern bis heute entgangen. Nicht einmal Vermutungen sind aufgestellt. Vielleicht fände sich ein Lichtschimmer, wenn wir in der Urkunde von 1239 statt des „1" ein „r" lesen dürften: „Sure." So lautet der Name eines der Ganerben- - ' Turnierhut mit Pfauenfeder. Die Suren. 55 geschlechter der Burg Katzenelnbogen bei Nastätten : die Sure (Sauren) von Katzenelnbogen. Dass diese von der Surburg (Sauerburg) im Surthale (Sauerthale bei Lorch a. R.) stammten, erscheint erwiesen. Nun führten sämmtliche Ganerben von Katzenelnbogen im silbernen Felde den kleinen roten Schild, den Einschild, mit verschiedenen Beizeichen, und zwar die Suren oben am rechten Eck eine goldene Krone. Es wäre durchaus nicht ungewöhnlich, dass Hartmut Sure von Eschborn Beinamen und Beizeichen durch weibliche Abstammung und Erbschaft überkommen, dass er davon die Krone, als persönliches Wappen „sigil- lum meum" in das leere rechte Ober- ( äh , ec k des „gemeinsamen" Iplllfl' Geschlechtswappens ge- TflPp SlSgp setzt hätte. In einer an- geblichen,sehraltenfran- zösischen Inschrift wird das Wappen beschrieben als: „couronne d'or escartelee (ge- viert) de vair." Der Uebergang dieser Krone vom Gründer auf die Gründung „Cronenberc, Kronin- berc," liegt dann nahe. Eine andere und sichrere Erklärung dieses Namens hat man nicht gefunden. Zum unmittelbaren Verständnisse dieser Erzählung für den Leser, ohne weiteres Umschauen und Nachschlagen, war es unumgänglich: die allgemeinen geschichtlichen und die damit zusammenhangenden kulturgeschichtlichen Erläuterungen über das, diesem Abschnitte I gesetzte Zeitmass rückwärts und vorwärts hinauszuführen. Es musste dadurch zunächst der Hintergrund und Rahmen für die mannigfaltigen breiten Bilder fest und anschaulich hingestellt werden, die auf diesen Blättern zwölf Jahrhunderte hindurch an uns vorüberziehen werden. X. Die Eschborne zu Hause, zu Felde, zu Hofe. Ihr Ausgang: 1254. Ihr Neuerstehen als Kronberge: 1255. ON den persönlichen Thaten und Leiden der Eschhorn-Kronberge bis etwa zum Jahre 1300 haben wir keine besondere quellen- mässige Kunde. Sie heben sich nach aussen noch nicht von der Masse der kaiserlichen Gefolgschaft ab. Ihr häusliches Leben auf dem engen Flecke des alten Burgstadels Eschborn dürfen wir uns eng und ärmlich genug vorstellen. Viel Krieg. In den Zwischenzeiten: Hofdienst und Jagd. Zu Hause: Verzehrung der Beute aus dem Walde und aus der kleinen Plünderung (des Plunders) in gerechter Fehde. Denn das Recht der Faust war schon durch den „Gottesfrieden" von 1041 für die nicht geschlossene Zeit, etwa 100 Tage im Jahre, anerkannt. Barbarossa machte, 1187, die Selbsthülfe unter gewissen Formen gesetzlich. Dann wurde sie durch zwiespältige Kaiserwahlen und durch die schwächliche Reichsgewalt befruchtet und grossgezogen. Die hieraus dem Haushalte zufliessende gute Gabe ward mit reichlichem sauerm „hunnischen," jedoch durch Honig, Kräuter und Früchte milder gestimmten Weine hinunter gespült. Reit- und Waffenübung; Unterricht der Knaben im „Schirmen"; die kleine sporteintragende Huben- und Vogt-Gerichtsherrlichkeit; die Anweisung der Scharrhufner und Leibeigenen zur Arbeit in Feld und Wald; hie und da ein Turnier, nicht zu oft denn es war gar kostspielig; in den kalten dunklen Wintertagen die Bärenhaut; an häufigen Feiertagen der Kirchgang; an den Wochentagen einiger häuslicher Krieg unter den Gan- Zweite hohenstaufische Besiedelung Frankens. Burgenbau. 57 erben, noch lebhafter vielleicht zwischen ihren Hausehren: das wird so etwa den Kreis der Tage ausgefüllt haben. Selbstverständlich empfanden auch die Eschborne, mit gestiegener eigener Kraft und gewachsener Bedeutung bei Kaiser und Reich, das Bedürfnis eines festeren, für die „Bergung" wehrbareren Wohnsitzes. Sie suchten ihn auf dem steilen Serezitfelsen am Altkuning. Denn um diese Zeit hatte sich ein Umschwung in der Kriegsbereitschaft und Kriegführung vollzogen. Die Heeresfolge im freien Felde blieb, durch die Erblichkeit der Lehne, nicht mehr eine schneidige stets blanke Waffe. Aus der Treue der Gefolgschaft war ein Kriegs - Dienstvertrag, ein höheres Natural-Soldwesen geworden. Damit verstärkte sich die Notwendigkeit der örtlichen Verteidigung: Burgenbau und Burgenkrieg. Die zur Unabhängigkeit aufstrebende burgsitzende Ritterschaft ist nun dem Dienstherrn unentbehrlich geworden. Sie gewinnt im 12. Jahrhundert abermals grosse Teile des dienstherrlichen Eigentums. Andrerseits fiel ihre alte persönliche Gebundenheit fort. Der damalige Zustand zeitigte die höchste Blüte der Ministerialität. Die hervorragenden Reichsministerialen zehrten am Reichsgute. War dieses vergriffen so wies der Kaiser vielfach auf das waldige Gemeingut der grossen Markgenossenschaften an. Solche Eingriffe erfolgten durch königliche Besiedelungspatente für Rodeland; es hiess: „Briefland" im Gegensatze zum alten Saatlande. Dorthin verpflanzte der Beliehene seine 58 Offenhäuser. Briefland. Der Kronberg gerodet. Hörigen; er erwarb mit dem Boden die darauf ansässigen Unfreien; durch die Rodung dehnte er seine persönliche Herrschaft aus. Während der Stauferzeit wurde dieser Ausbau besonders stark betrieben; es war eine Kolonisirung im eigenen Lande und als solche nicht demselben strengen Erbgange unterworfen wie das Stammland. Der Leiher strebte dabei nach Befestigung der eigenen herrschenden Stellung. Für ihn waren solche feste Häuser selbstverständlich „Offenhäuser." So bestockte sich vor und nach 1200 das Land Franken mit Burgen. Vielfach wurden diese auch in die bestehende grosse Wald-Markgenossenschaft selbst eingebaut, zum Schutze der Umgegend. So mag der „Kronberg" mit dem umgebenden, tief in die Ebene hinabziehenden Markenwalde den Eschbornen ausgewiesen und in ihren Lehnbrief aufgenommen sein. Dort bauten sie ihr Felsennest und verstärkten, zugleich mit der Zahl ihrer Rodezins zahlenden Grundholden, ihre auf burgliche Waffenfähigkeit gegründete öffentliche Stellung; für und gegen benachbarte Fürsten und Städte; niemals aber gegen ihren obersten Lehnsherrn, ihren Kaiser und König. Ihr damaliges Allode und Briefland hebt sich von ihrem ursprünglichen Reichslehnbesitze und den Nebenlehnen nicht klar ab. Vorhanden indessen war bei ihnen freier Besitz schon früh. Ob ursprünglich verliehen? wie erworben? Das alles ist dunkel. Verkehrsfreie Mansen und Huben kamen schon unter Karl dem Grossen auf den Markt. Handel und Wandel in Grundstücken war bei den Franken von jeher weit belebter als anderswo in Deutschland: Teilbarkeit, Weibererbrecht, antichretisches Pfandrecht, Schenkungen, Amtslehen, Fehden, Kreuzzüge, Aussterben: das alles wirkte sichtlich schon in frühster geschichtlicher Zeit zersplitternd. Am nördl. Turme. Oberburg. Eingang von innen. . . . Alt-Eschborner Tracht, 12. Jahrhundert. 59 Das persönliche Bild des friedlichen Ritters von Eschborn im 12. Jahrhundert zeigt ein langes faltiges buntes, an den Knieen gebundenes und mit den Schuhriemen verschnürtes Beinkleid; ein kurzes Gewand: die Tunica; darüber ein weiter mantelartiger Um- wurf. Ein niedriger spitz zulaufender weicher Hut deckte das buschige Haar, das mit dem freiwallenden Barte zusammenfloss. Im Felde sehen wir die Brünne aus Kettengeflecht, den oben flach zulaufenden Kübelhelm, Schwert Dolch und Schild, an den Füssen die Rittersporen. Die Frauen tragen weite Gewänder mit Spangen und Besatz, oft mehrere sich verkürzende Röcke über einander. Den Kopf hüllen weite wallende Schleier ein. Hierin bringt alsdann das 13. Jahrhundert eine merkwürdige Wandlung. Es ist die Zeit der Hohenstaufen, des Rittertums und Minnegesanges; des häufig überschrobenen nicht gesunden Frauendienstes. Zwar finden die männlichen und ritterlichen Tugenden ihre höchste Entwickelung. Das Rittertum verkörperte damals die idealen Begriffe von Freiheit und Mannesehre, als das Bürgertum dazu noch nicht imstande war. Dabei aber gestaltet sich die männliche Kleidung immer weiblicher. Der Rock wird lang, nicht immer gegürtet; das Haar wallt geordnet auf die Schultern herab; den Kopf ziert ein Kranz, ein Band, ein Stirnreif (Schapel); der Bart verschwindet. Der dicht mit Pfauenaugen bedeckte Hut ist beliebt. Wird ein Gürtel getragen so hangt daran die Almosentasche. Die Schuhe sind mässig spitz. Der Frauen Tunica fliesst lang herab; sie ist an der Hüfte geschürzt. Das Ueber- kleid hat Aermel; es ist meist mit Pelz gefüttert. Das Haar, in 60 Neumodisch, 13. Jahrhundert. der Mitte gescheitelt, hangt über den Rücken; auf dem Haupte die Schapel; unter dieser ein Schleiertuch. So ging man in Speyer zu Hofe. Die reiche Tracht passte weit mehr dorthin als in das väterliche enge alte Burghaus. Indessen war das Leben der Eschborne, in der Nähe Frankfurts und der Königshöfe am Rhein, gewiss nicht so eintönig und stumpf wie dasjenige ihrer ritterlichen Standesgenossen im nördlichen Deutschland. „Aber" urteilt der alte Kirchner in seiner Geschichte der Stadt Frankfurt (1807): „was kann man von den dem neunzehnten gemein. Man sieht: die Modesucht ist eine alte Thörin. . . . Auch führten die Stadtbürger allmälig Gemächlichkeiten ein, die in der umliegenden ländlichen Gegend noch lange unbekannt blieben. Der trotzige Adel und selbst die Fürsten kamen daher bisweilen zur Stadt, um einmal nach deren feinerer Art zu schmausen und lustig zu seyn. Solche Gäste wanderten allwöchentlich in Frankfurt ein." — Sie waren willkommen auf den Trinkstuben der Geschlechter: den Häusern Alt Limburg, Laderan und Frauenstein. „Doch hüte man sich vor Täuschung, dass man den Zustand der Stadt in diesem Zeitraum nicht mit helleren Farben male, als er wirklich ist Man erschrickt, wenn man aus Thatsachen ein Gemälde Sitten der Bürger (der Reichsministerialen und Geschlechter) in diesem entlegenen Zeitalter sagen? Im Allgemeinen klagt schon damals ein frommer Abt, Sigfried von Gorze (bei Metz): dass der Nachbaren Thorheitin Deutschland einreisst; dass die Leute anfangen sich balbiren zu lassen, kahle Köpfe und kurze Röcke zu tragen Dies - sagt Kirchner- hat das eilfte Jahrhundert mit Ii Nüchtern und wahr. Ludwigslied, 881. 61 jener Zeit zusammensetzt .... Man erblickt . . . Wildheit ohne wahren Muth, heimtückisches Auflauern ohne Ahndung der Gesetze Trinken und Schlemmen, Rauben und Jagen sind die Heldenthaten der Kleinen und Grossen, der Geistlichen und Weltlichen. Karl (der Grosse) muss verordnen: dass kein Richter betrunken zu Gericht kommen, kein Zeuge in diesem Zustande verhört werden solle .... Und wenn ein königlicher Amtmann (bajolus, baillif) etwas versehen hatte, musste er eine Zeit lang den freien Trunk entbehren. Schon die Capitularien der Frankenkönige verbieten den Unfug: andere zum Trinken zu nötigen. Und noch die spätesten Ritterordnungen müssen einschreiten „gegen das überflüssige Zutrinken." Neben der Nüchternheit zählte, wie es scheint, auch die Wahrhaftigkeit nicht zu den Gewohnheitstugenden der ältesten Franken. „Sie hielten ihre Eide nicht besser als die Sachsen bei den gewaltsamen Bekehrungen." Ein alter Schriftsteller sagt: „Franci, quibus familiäre est ridendo fidem frangere; (bei denen es herkömmlich ist, lachend die Treue zu brechen). „Und wer wird" — schliesst Kirchner — „den Geist der Ordnung und der Mässigkeit bei den Unterthanen suchen, wenn des Reiches höchstes Haupt bei der Krönung schwören muss: dass er mit Gottes Hülfe — aus eigenen Kräften war es unmöglich nüchtern leben wolle." Das ist allerdings kein feines Lob für die freien Franken. Aber nicht friedliche Ruhe, bürgerliche Ordnung und ehrliche Arbeit war damals ihr Lebenselement, sondern der frische fröhliche Kampf. Dorthin wollen wir unsere Eschborne begleiten: wie sie unter den Karolingern, mit dem Spiesse und dem Schwertbeile Francisca bewehrt, als feste und getreue Mannen gegen Sachsen, Slaven, Longobarden und Normannen zu Felde lagen. Wir hören das Ludwigslied, nach dem Siege des fränkischen Königs Ludwigs III bei Saucourt (881) über die Nordmänner: Sang was gisungan Wig was bigunnan. bluot skein in wangon spilodum ther Frankon Thar vaht thegenogelih nihein soso Hludwig snel, indi, kuoni thaz was imo gekunni. Sang ward gesungen Kampf ward begonnen. Das Blut schien in den Wangen Aufjauchzten die Franken. Da focht degengleich Keiner so wie Ludwig, Schnell, rasch, kühn, Das war ihm angeboren. 62 Pflngstfest Barbarossas zu Mainz, 1184. Unter Heinrich I (919—36) warfen unsere Eschborne, als Reiter schwer gerüstet und vom Buckelschilde gedeckt, auf ihren kleinen halbwilden westerwälder Hengsten an der Unstrut die Ungarn nieder. Wohl lagen sie auch: „hie Weif, hie Waibling," mit Konrad III vor Weinsberg (1139). Staunend sahen sie — wenn die hübsche Sage Geschichte wäre — den Auszug der treuen Weiber und erfreuten sich des herrlichen Spruches: „an einem Königswort soll man nicht drehen noch deuteln." Andächtig hörten Walter I und die Seinen den frommen Bernhard von Clairvaux im Dome zu Frankfurt (1146) das Kreuz predigen und erbauten sich an seinen Wundern. Ergriffen nahm wohl einer von ihnen unter König Konrad im Dome zu Speyer das heilige Zeichen. Nebst den übrigen „70,000 (!) geharnischten Rittern" fand er ein gottgefälliges Ende in dem ungeschickten und mislungenen Zuge. Ein Franko und Hartmut standen um Friedrich den Rotbart als er, 1152, auf dem Klapperfelde vor Frankfurt durch das altdeutsche Zusammenschlagen der Schilde zum Könige erkieset wurde. Sie halfen ihm auf der Tiberbrücke (1155) die verräterischen Römer züchtigen und, dort zu Rittern geschlagen, das trotzige Mailand bändigen. Fröhlich dienten ihre Söhne an des Kaisers Pfingstfeste, 1184, zu Mainz, das der Chronist als das Fest der Schwertleite beschreibt: „Zu jener Zeit berief Kaiser Friedrich (I) nach Mainz den berühmten und gepriesenen Hoftag . . . damit er seinen Sohn, den König Heinrich (VI) zum Ritter mache. Es kamen aber zusammen alle Fürsten und Grossen; die erhabene Schaar der Erzbischöfe und Bischöfe, die Könige, die Fürsten und die Menge der Edelleute, die alle dem Kaiser wetteifernd gefällig sein wollten. Was soll ich von der Fülle, ja dem Ueberflusse der Febensmittel sagen, die hier aus allen Ländern zusammengebracht waren? Da war ein Vorrat Wein, der den Rhein herab und hinauf gefahren worden war, wie beim Gastmahl des Ahasverus; ohne Maass nach jedermanns Bedürfnis und Belieben wurde daraus geschöpft. Damit man sich aber von diesen übermässigen Vorkehrungen eine Vorstellung mache, will ich von einem der geringsten erzählen. Es waren da zwei grosse, innen geräumige Häuser errichtet, überall mit Sitzstangen ausgerüstet, die vom Gipfel bis zum Fussboden so mit Hähnen und Hühnern gefüllt waren, dass kein Dieb in sie einzudringen ver- ' r L 1 f; , Kaiserfest Friedrichs II bei Mainz, 1235. 63 mochte; das erregte allgemeine Verwunderung, denn man glaubte, dass es kaum auf der ganzen Welt so viele Hühner gäbe. Das Amt des Truchsessen, des Schenken, des Kämmerers und des Marschalks versahen nur Könige, Herzoge und Markgrafen. Aber bei der Stadt, zwischen dem Rhein und dem Main, war eine grosse Ebene (Gustavsburg). Daselbst Hess der Kaiser, nahe seiner alten Pfalz Kufstein (Kostheim), wegen der Beengtheit der Stadt und der frischen Luft halber, eine Kirche und einen Palas sehr zweckmässig aus Holz bauen, und andere verschiedene und unzählige Wohnhäuser, damit dort die Lustbarkeiten und Festlichkeiten in entsprechender Weise gefeiert wurden. Als aber einige Tage hindurch mit grösstem Ergötzen dieser Hoftag gefeiert worden war, kam eines Tages ein heftiger Wirbelwind und warf plötzlich jenen Holzbau um, und fünfzehn Menschen wurden darin erschlagen ; sei es dass die Sorglosigkeit der Arbeiter den Einsturz verschuldet hat oder dass es, was Einige vermutheten, ein grösseres Unglück voraus verkündete, denn nicht lange darauf starb die Kaiserin." Auch die dritte Geschlechtsreihe der Eschborn-Kronberge : Franko II, Hartmut II, Otto I, Petrus I, erlebten ein solches Kaiserfest. Mainz war damals immer noch der Mittelpunkt des Reiches. Hier fand, „auf einem ländlichen Platze" im Jahre 1235 auch das zweite hohenstaufische Festmahl statt, mit dem Kaiser Friedrich II die Fürsten und ihr ganzes Gefolge bewirtete. Der Platz wird genau beschrieben: als „eine Insel nahe bei Mainz, auf dem rechten Rheinufer, auf zwei Seiten von Rhein und Main umflossen." Es ist die Ebene gemeint zwischen der jetzigen Mainmündung und Kastel, heute fast ganz unter Festungswerken begraben. Diese Insel bildete ein Dreieck, dessen abgerundete Spitze, die „Rheinspitze" gegen Südwesten gerichtet war, da wo der Main einfällt. Sie enthält etwa 45 ha., ist jetzt nördlich ungefähr von der „Mainlache" begrenzt und heisst: die Marau (Sumpfau). Gleich oberhalb der Mainmündung liegt das Dorf Kostheim. Dort in der Königspfalz „Copfistain" stellte Karl der Grosse, 790, zwei Urkunden aus. Der Name soll bedeuten : die steinerne sala am Kopfe der Marau, an der Rheinspitze. Jedenfalls lag Cufstein und liegt Kostheim am Main, und ein Bau Karls des Grossen lag am Main und Rhein, aufwärts der Karlsbrücke bei Mainz. Heinrich IV hat dort noch ums Jahr 1100 eine Urkunde ausgestellt. Seitdem schweigt die Geschichte vom palatium auf der Marau. 64 Hoftafel. Händewaschen. Auch das Festmahl selbst, zu dem sich damals die Brüder Eschborn- Kronberg mit ihren Ehefrauen niederliessen, finden wir beschrieben: „Nachdem die Tafel gedeckt, auch das Essen in der Küche bereit war, tritt der Truchsess, der die letzten Vorbereitungen überwacht hat, in den Saal. Den Mantel hat er abgelegt um sich freier bewegen zu können: in der Hand trägt er den Stab, das Abzeichen seiner Würde. Er naht dem Herrn, kniet vor ihm nieder, meldet: „dass das Mahl wartet und das Waschwasser gereicht werden kann." Der Herr lässt Ruhe gebieten, „dede (Hess) die coninc an enen venster slaen mit er roede een der cnapen, om een gestille daer doen maken," und befiehlt dem Truchsess: das Signal zum Händewaschen zu geben. Mit einer Fanfare werden die Gäste aufgefordert, jeder an seinen Platz zu gehen und dort zu warten bis die Reihe des Händewaschens an sie kommt. Da man ohne Gabeln speiste und mit den Fingern zulangte, so war deren wiederholte Abspülung immerhin angezeigt. Dieses Wasser zu reichen war Amt des Kämmerers. Seine Edelknaben boten die Waschschüssel kniend dar und gössen aus einem Giessgefässe Wasser über die Hände. Ein Handtuch zum Abtrocknen hatten sie um die Schultern hangen. In feinen Kreisen nahm man gewärmtes Rosenwasser. Die langen Aermel wurden dabei den Fürsten von den Hofleuten, den Damen von ihren Verehrern zurückgehalten. Bei Tische herrschten strenge Anstandsregeln. Die nachfolgenden waren wohl weniger für die kaiserliche Tafel und die feinen Hofleute berechnet, als für die biderben Gäste aus den Landedelleuten: Der Wirt soll nicht Gerichte bringen, die die Gäste nicht essen. Die Gäste sollen nicht vor dem ersten Gerichte das Brod aufessen, „quar Ten dirait tot que tu seroies fameillox"; sie sollen nicht mit beiden Händen stopfen, nicht trinken oder sprechen mit vollem Munde. — . Tischregeln. Getränke. Bowle. 65 Wenn ihr mit einem andern gemeinsam esst, so schiebt ihm die besten Bissen zu; sucht euch nicht die besten und grössten Stücke aus, das ist nicht anständig. Und man sagt, dass bei Gierigkeit man keinen guten Bissen essen kann; denn er ist entweder zu gross oder zu heiss. An den grossen kann man ersticken und an den heissen sich verbrennen Es ist unschicklich, mit den anderen zugleich in die Schüssel zu langen. Man soll nicht mit beiden Backen kauen, nicht schnaufen noch schmatzen; nicht während dem Essen sich die Nase säubern, weder mit der blossen Eland noch mit dem Tischtuche; nicht des Nachbars Löffel brauchen ; nicht aus der Schüssel schlürfen oder sie mit den Fingern auswischen; nicht mit blosser Hand ins Salzfass greifen, das genommene Salz soll man auf ein Tellerchen von Brod legen. Man soll nicht mit dem Messer in den Zähnen stochern; vor dem Trinken soll man sich den Mund wischen, damit nicht Fettperlen in den Wein kommen ; nicht im Laufe des Mahles den Gürtel erweitern ; endlich: nicht die abgenagten Knochen wieder in die Schüsseln werfen. Die Hausfrau soll sich merklich um die Wirtschaft kümmern ; in ihrer Geschäftigkeit soll sie zu spät zu Tisch kommen, sich zuletzt niedersetzen. — Wenn solche Anstandsregeln den tapferen Reichsministerialen diensam waren falls sie zur kaiserlichen Tafel befohlen wurden, so mag es wohl beim häuslichen Mahle auf dem Fronhofe zu Eschborn ziemlich unbefangen bäurisch zugegangen sein. Unter den Getränken galt das Wasser als entwürdigend. Das Bier war wohl unserm Dünnbiere (Kofent) so ziemlich gleich. Das Godale (good ale) war stärker. Wines ein becher volder git (giebt), daz si in geseit (sei ihnen gesagt), Mere rede und manheit Dann vierzec und viere Mit wazzer oder mit biere. „Rein" — wie ihn heute wiederum unsere puristischen Gesetze verlangen — war er auch damals kaum trinkbar, denn sogar bis nach Preussen hinab gab es Weinberge: vinum Torunense (Thorn)!! Man setzte daher Honig und Gewürze zu, wohlriechende Kräuter, aromatische Früchte; also: die Bowle. Die gewöhnlichste, aus Maulbeeren, hiess: Möraz. Man bereitete Aufgüsse auf Salbei, Safran, Ysop, 66 Tafelmusik. Trauernde Eschborne am Saleph. Rosen und Kirschen. Der Würzwein, Piment, wurde aus Honig, Muskatnuss, Ingwer und Nelken gemischt. Sie machten ihn gesunder und haltbarer. Die Gewürze wurden zu feinem Pulver zerrieben, mit dem Honig in ein reines leinenes Säckchen gethan, dann wurde dieses mit sehr gutem Weine Übergossen und wieder übergössen, bis das Getränk ganz klar und lauter ablief: Cläret oder Lutertranc. Er vereinigte alle guten Eigenschaften und stieg leicht zu Kopfe, „da sie den Lust zum essen erwecken, den Magen Sterken und nütz sind zuo den undaeu (Verdauung) und zuo dem Wüllen (Erbrechen). Mit Safran versetzter Wein macht die Leute „vil lachend und bald betrunken." Imganzen aber zog man damals die seltneren und teureren ausländischen süssen Weine aus Ungarn, Italien und Cypern vor. Bei Tafel unterhielten fahrende Spielleute, Jongleurs und Minnesinger die Ritter und Frauen. Unter vielen ist uns ein uraltes fränkisches Liebeslied erhalten, das besonders wohl gelitten war: „Sechs Künste üb ich meisterhaft; Seht zu, wer's kühner und besser schafft. Ich tummle das Ross im Schlachtgewühl, Der Eislauf ist mein liebstes Spiel, Durch's Meer schwimm ich bei Sturmesschwall, Mein Lanzenstosz ist Donnerhall, Mein Wurfspiess fliegt wie Wolken weit — Und doch verschmäht mich eine Maid." Zwischen allen diesen Lustbarkeiten und Freuden sehen wir traurende Eschborne neben des alten Helden Rotbarts Leiche am Ufer des Saleph wachen und sie nach Tyrus zur letzten Ruhestätte geleiten. Jedenfalls standen sie allewege als getreue und werte Dienstmannen zu den kaiserlichen Hohenstaufen. Das bezeugt die dauernde angesehene Stellung Walters II (5) und Hartmuts I (4) von Asceburnen an Friedrichs II Hofe zu Speyer. Es war damals wiederum ein Zeitalter der siegreichen aber unkirchlich gewordenen Kultur aufgegangen. Auch damals wurde der Untergang der sogenannten „guten alten" Zeit beklagt. So singt Hugo von Trimberg: „Man sprichet gern, swen man lobt heute: Er sei der alten fränkischen Leute. Die waren einveltigk, getreu, gewere." Der Eschborne und Hohenstaufen Ende. 1254. 67 Endlich brach die Herrlichkeit der Hohenstaufen zusammen. „Sint der keiser Vredreich starf, „Unde des riches maicht verdarf, „Unde de landesheren das duchte, „Dat man si betwingen nait enmoichte." Da fochten noch die Eschborne für des zweiten Friedrichs sieglosen Sohn Konrad IV gegen den Pfaffenkönig Heinrich Raspe bei Nied am Main (1246), wo 200 Staufenritter das Feld deckten, und ebenso gegen Wilhelm von Holland und seine Friesen bei Oppenheim (1251). Mit dieses letzten schwäbischen Kaisersohns Untergange, 1254, verschwinden auch die letzten Eschborne, um wieder zu erstehen als: Kronberge. . . Zweiter Abschnitt. Fehdezeiten. 1255 bis 1399. I. Hartmut V Burggraf von Starkenburg. Bischof Eberwin von Worms. Wilhelm I fällt bei Göllheim. II. Stiftungen und Begräbnisse in Kloster Eberbach. Burgfrieden von 1344. - III. Jerusalem. Schwankender Güterbesitz. Hartmuts VI Grabstein in der Burgkapelle zu Kronberg. IV. Grosse Geldgeschäfte der Kronberge mit Erzbischof Gerlach von Mainz. Erwerb von Schönberg. — V. Ulrich I der grosse Vicedom des Rheingaus. — VI. Walter VIII, der weibliche Vorfahr von zehn souve- rainen Häusern. VII. Burg Reiffenberg und Hattstein. Die grimmigen Löwen. VIII. Allerlei Politik und diplomatischer Stil. Der entartete Wilhelm II. — IX. Die grosse Fehde mit Frankfurt. Schlacht bei Kronberg am 14. Mai 1389. Kostspieliger Friede. Reichstag in Frankfurt. Schützenfest in Kronberg 1398. "*1? ' I. Fünfte Geschlechtsreihe. I. Flügelstamm Fün f Söhne Frankos IV (26 F): 1. Walter VI (31 F) 1290—1318. 2. Franko V (32 F) 1296—1308. 3. Johann I (38 F) 1308—1330. 4. Dietrich 1 (39 F) 1323—1326. 5. Walter Via (39a F) 1322 1339. I. 1. Walter VI (31 F). EINE erste Gattin (collateralis) hiess, 1290, Alheidis. Im Jahre 1293 bezeugt Walter VI, dass der Pfarrer Peter zu Kronberg das ihm 1273 geschenkte Grundstück (das spätere Pfaffenstück), als Weinberg angelegt und der Burgkapelle (in der Oberburg) zu Kronberg vermacht hat. Unterm 1. Februar 1297 bekennt Ritter Walter von Cronenberg vor Schultheissen und Schöffen zu Frankfurt: dass er den Deutschordensbrüdern in Sachsenhausen eine Mark jährlichen Zins (gegen Zahlung des Kapitals von 10 Mark) erkauft und überwiesen habe, als Miete für die ihm dort lebenslang überlassene Wohnung. Alle Besserung, die Walter auf das Haus wendet, soll nach seinem Tode der Kommende bleiben. Dafür soll man alsdann seiner kirchlich gedenken. 72 Allodgut vor Kronberg, 1305. Grabsteine in Eberbach, 1328, 1334. Am 7. Juni 1305 schenkt der Ritter Walter, mit Zustimmung seiner Söhne: Walters VII (41 F) und Franks VI (46 F), zum Seelgeräth (gerette) seiner (zweiten) Frau Hyldegundis und seiner Vorfahren, dem Kloster Arnsburg (bei Münzenberg in der Wetterau) Güter zu Seibult (Seibold bei Hanau), die ihm seine Söhne für andere, von ihm bei Cronenberg erworbene Allode vertauscht haben. Jene Güter waren der Söhne Erbteil von ihrer Mutter Alheidis, die danach der Familie Seibold angehört haben mag. Walter VI starb vor 1318; seine Grabstätte ist unbekannt. I. 2. Fr a n k o V (32 F) starb ohne Nachkommen. I. 3. Johann I (38 F) Seine Frau Hedwig war angeblich eine von Bommersheim. Am 10. Juli 1316 bezeugt der Burggraf von Starkenburg, Heilmann : dass der Edelknecht Johann, von Croninberg wider Recht den Abt und das Kloster Eberbach (im Rheingau) angreift und sich weigert davon abzustehen, ungeachtet ihrer schiedsrichterlichen Verhandlungen. Zu München, am 25. April 1330, bezeugt König Ludwig der Baier: dass Johann von Chroninberch den Teil von Chroninberch, den er früher zu Lehen getragen, ihm aufgeschrieben (gekündigt) habe. Der Anlass hiezu wird in den damaligen Kämpfen Ludwigs mit dem Papste zu suchen sein, bei denen vermutlich Johann I nicht auf des Kaisers Seite stand. I. 4. D i e t r i c h I (39 F) Ritter, siegelt 1323 einen Vergleich zwischen dem freien Reichsdorfe Sulzbach und dessen ebenso reichsfreier Kolonie Soden. Des letzteren Salzquellen waren uralt bekannt. Dietrichs Frau soll Katharina von Sachsenhausen gewesen sein; ein berühmtes Geschlecht unter den Reichsministerialen zur kaiserlichen Villa in Frankfurt. Es führte ebenfalls, seit ältester Zeit, den seltenen quadrirten Wappenschild. Dietrich starb am 26. Januar 1328 : er liegt, als Donator, in der berühmten Cisterzienserabtei Eberbach begraben. I. 5. Walter Via (39a F) kommt vor, am 13. Juni 1322 und am 7. Januar 1329, als Klosterbruder zu Eberbach. Nach seinem dortigen Grabsteine starb er 1334. ■ Starkenburg, 1290. Rüsselsheim gekauft 1323. 73 Noch: Fünfte Geschlechtsreihe. II. Der Kronenstamm. Zwei Söhne Hartmuts III (19 K): II. 1. Hartmut V (35 K), 1282—1334. II. 2. Eberwin II (36 K), 1277—1308. II. 1. Hartmut V (35 K). Im Jahre 1290 wird Hartmut der Junge nobilis ministerialis genannt. Seine erste Hausfrau war Margaretha von Heppenheim, aus einem Ministerialengeschlechte des Klosters Lorsch; letzteres hatte die Mark Heppenheim, eine villa regia Karl Martells, im Jahre 773 vom Könige Pipin geschenkt erhalten. Schon damals ist Hartmut Burggraf der dortigen Starkenburg. Am 8. September 1300 erscheint er unter den Schiedsrichtern zwischen dem Pfalzgrafen Rudolf und dem Erzbischof Gerhard II von Mainz; dieser Eppsteiner hatte seinen Neffen, den König Adolf von Nassau, ein- und abgesetzt gehabt. Die Rachtung (Rechtung) lautete: „swas auch Mishelunge von des Herzogen (Pfalzgrafen) Wistum, oder von ihrem Vogt zu Lindenvels (im Odenwalde) und von unserm Burchgrafe von Starckenberg geschehen sint um die Abtey (Lorsch), da haben wir uns beiden halben uff verziehen." Die Trümmer der Starkenburg ragen noch heute über Heppenheim an der Bergstrasse empor. Sie war 1066 von den Vasallen des Klosters Lorsch erbaut,- um dieses gegen die Gewaltthätigkeiten des jungen Kaisers Heinrichs IV und seines schlimmen Mentors Adalberts von Bremen zu schützen. Das Burggrafenamt ward schon damals meistens auf gewisse Jahre verliehen, und zwar als Entgelt für ein Darlehen an den verleihenden Erzbischof, das dann der jedesmalige Nachfolger im Amte zu begleichen hatte. Im Jahre 1320 kauft Hartmut V, zusammen mit Walter VII (41 F), Sohn Walters VI, von Johann von Veluille (Vilbel) dessen Teil an dem Holze zu Hestadt (Oberhöchstadt) bei der Kirche, „das der Vorst (Eichenwald) heisst." Am 22. Januar 1323 kauft Hartmut Burggraf von Johann von Heusenstam das Dorf und die Burg Rüsselsheim (bei Mainz am Main). Er bittet den Grafen Wilhelm von Katzenelnbogen um Belehnung. 74 Mainzer Erbschenkenamt. Hof Fronrode. Im Jahre 1324 kauft Hartmut V vom Ritter Heinricus von Apolle (Apolda in Thüringen) für 50 Mark erfurtisch, mit Gunst des Erzbischofs Matthias, das Mainzer Erbmundschenkenamt, officium pincernatus. Die Erzbischöfe hatten in Erfurt eine selbständige Statthalterschaft nebst Hofstaat. Zu diesem Schenkenamte kam als Erblehen: der Hof Fronrode (Schaafhof) bei Kronberg, Gülten als Erbburgmann von Starkenburg, der Roder Zehnte zu Weinheim und anderes. Ueber die Pflichten des Erbschenkenamtes hat sich keine Nachricht erhalten: „dass einer diesen Dienst ausgeübt hätte noch worin er eigentlich bestanden." Sie lebten am Hofe, übrigens herrschte ihretwegen „dickste Finsterniss." Ungeachtet dieses Nichtdienstes hatte sich der Kronenstamm dafür ansehnlicher Stiftslehne und Nutzungen zu erfreuen. Am 30. November 1327 belehnt Kuno von Falkenstein, Herr zu Mynzinberg, den Ritter Hartmut von Kronenberg, Burggrafen zu Starkenburg Weinheim und Fürstenau, mit dem Zehnten zu Fronrode bei Kronenberg, mit einer Weizengülte zu Niederhöckstadt, einer Mark zu Oberhöckstadt und zu Schönberg, in seinen Dörfern. So schritt die Abrundung und Ausdehnung rings um die Burg auf dem Serezit- felsen stetig vorwärts. Unterm 7. September 1328 belehnt derselbe Cone von Falkenstein den „strengen" Hartmudt von Cronenberg mit dem Dorfe zu Niedern- hesstadt. Die Erwerbung dieses zwischen Kronberg und Eschborn gelegenen Dorfes ist deshalb bemerkenswert, weil die Belehnung sich später niemals wiederholt; trotzdem sind von dieser Zeit an die Kronberge die Herren des grössten Teils von Niederhöchstadt. In dem Wettstreite der beiden postulirten Erzbischöfe von Mainz: Balduin von Trier (der Luxemburger) und Heinrich III (Graf von Virneburg): die Stadt Mainz zu gewinnen, versprach letzterer: sie habe auf eine Meile im Umkreise weder Zoll noch Geleitsgeld zu geben. Hartmut V stand auf Balduins Seite. Um den Gegner zu übertrumpfen stellte er, am 3. Mai 1329, als Burggraf von Starkenburg eine Urkunde aus, worin mit Ermächtigung des Erzbischofs die Zölle zu Kastel und Gernsheim aufgehoben, auch den Bürgern von Mainz für ihre Güter, in und vor der Stadt, Steuerfreiheit zugesichert wurde. Ludwig der Baier hielt zu Balduin. Er war zugleich des Burggrafen Hartmut Schuldner. Aus Erkenntlichkeit freit ihm der König, i. / . B 'S Judenhalten. Judenschlacht, 1349. Schwarzer Tod. 75 unterm 21. April 1330, das zur Burg Chronenberg gehörige Thal (Dorf, die spätere Altstadt), mit dem damaligen Rechte der Reichsstadt Frankfurt. Er gestattet die Ummauerung des Ortes. Ferner erlaubt er seinem Gläubiger: zu Kronberg zwölf Juden zu halten (zu besteuern). Diese waren „kaiserliche Kammerknechte," Eigentum des Kaisers. Sie zahlten an die kaiserliche Kammer: vom 12. Lebensjahre an zu Weihnachten: 1 Goldgulden als Leibzins; ferner: Schutzgeld, eine Art Gewerbesteuer, die auf Zeit akkordirt wurde ; Huldigungsgebür, eine Kronsteuer mit der sie Leben und Vermögen vom neuen Kaiser lösten, den 3ten Pfennig; dazu: Kriegssteuern und den Zehnten von ihrem Erwerbe u. s. w. Am 24. Mai 1241 war in Frankfurt eine grosse Verfolgung ausgebrochen, die „erste Judenschlacht." Dafür lastete des, dadurch beträchtlich geschädigten Königs Konrad IV gerechter Zorn sechs Jahre lang auf der Stadt. Um das Jahr 1348 verbreitete sich ein zweiter grosser Judenmord über Mainz, Speyer und Worms. Die Geissler und der schwarze Tod stachelten dazu auf. Die Pest raffte damals ein Fünftel bis ein Sechstel aller Lebenden hinweg; in Mainz starben täglich 100 Menschen, dort wird der Seuche längeres Auftreten in den Jahren von 1357—1451: zwölfmal erwähnt. In Frankfurt entrannen der „zweiten Judenschlacht," am 24. Juli 1349, nur wenige. Was der Zeit zu Kronberg insbesondere geschehen, erfahren wir nicht. Wohl aber lesen wir in der Limburger Chronik: „Dass das Volk den grossen Jammer sähe vom Sterben, das auffm Erdreich war, da fielen die Leut gemeinlich in grosse Reue ihrer Sünden und suchten Poenitentien und thäten das mit eignem Willen und nahmen den Pabst und die heilige Kirch nicht zu Hülff und zu Rat, das grosse Thor- heit war und grosse Unvorsichtigkeit und Versäumnis und Verstopfung der Seelen." Als später Seuche und Judenschlacht vorbei war „da hub die Welt wieder an zu leben und fröhlich zu sein und machten die Mann neue Kleidung (Trachtenmode)." Die jüdische Gemeinde war ein sehr schnell wiederwachsendes Kraut. Im Jahre 1390 sind sie, als Geldleiher, der fränkischen Welt abermals so über den Kopf gewachsen, dass König Wenzel, zu Nürn- 76 Die Judenschulden kassiert, 1390. Freilassung Hartmuts VI, 1330. berg, die Stände des Reiches in Franken von allen Judenschulden los und ledig sprechen muss, da sie bei den unermesslichen Zinsen ihre Reichspflicht nicht erfüllen können und deshalb der Ruin des fränkischen Adels zu befürchten sei. Alle Verschreibungen werden, wegen übermässigen Wuchers, vernichtet. Die Gläubiger hatten für 1000 Gulden wöchentlich 5 bis 10 Gulden genommen, also im Jahre 25 bis 50 Gulden auf's Hundert. Das Frankfurter Stadtarchiv hütet noch heute etwa 1300 kassirte Schuldverschreibungen von Fürsten Herren und Edelknechten; zusammen 19,000 Goldgulden. Diesen zu 9 Mark gerechnet und seine Kaufkraft als sechsfach im Verhältnis zur gegenwärtigen gesetzt, gelangen wir auf den Betrag von etwa 700,000 Mark. Die Kronberge sind dabei mit 400 Gulden beteiligt. Wucher hiess übrigens damals allgemein: das Geldausleihen auf baare Zinsen. Dass später auch die Christen und Ritter dieses Geschäft trieben, werden wir an unseren Kronbergen erfahren. Aber der Jude betrieb lediglich das, und zwar mit der kühlen Geschäftsklugheit die der Mitmenschen Thorheit und Verlegenheit bei allen Geschäften als wichtigsten Faktor in die Rechnung setzt, die ihn „jagt wie Fuchs und Wolf den waidewunden Edelhirsch." Aus dem Jahre 1330, vom 26. Juli, liegt eine andere sehr merkwürdige kaiserliche Urkunde vor, durch die dem Vater Hartmut V das drückende Gefühl einer unabsichtlichen schweren sozialen Schädigung seines ältesten Sohnes, Hartmut VI (47 K) abgenommen wurde. Sie lautet in der Uebersetzung: „Hartmann von Chronberch, des heiligen Reiches Ministeriale, hat uns persönlich untertänigst ersucht, dass wir geruhen möchten, seinen Sohn Hartmut aus Gnaden mit der Wohlthat der Freilassung (rnanu- missionis) auszuzeichnen. In Anbetracht der Versprechungen, (consi- deratione promissorum) die Bitten des obgenannten Hartmann gewährend, und da wir vorbenannten Hartmut, seinen Sohn, der Wohlthat der Freilassung würdig erachten, und da Hartmut, der Sohn, selbst in die Entlassung willigt, so entlassen wir ihn kraft kaiserlicher Gewalt und geben ihm die Freiheit. Indem wir so, kraft der vorbezeichneten Gewalt, diesen Hartmut zu einem Manne freien Standes (libere conditionis) und berechtigt für jedes Recht und jede Würde, Ehre und Freiheit machen, zu der freie Männer berechtigt sind und i - ' Kapelle, ehemals Eingangsthor, in Kloster Lorsch. 77 die ihm zufallen könnten, wenn er von Anfang frei geboren wäre, so ergänzen wir ausserdem aus unserer Machtvollkommenheit jeden Mangel und Irrtum, wenn etwa ein solcher in dieser unserer Freilassung, wegen Vernachlässigung irgend einer äusseren oder inneren Rechtsform, begangen sein sollte. Gegeben zu Hagenawe, 1330." Karolinger Thor im Kloster Lorsch. Die Ursache dieser, in den Archiven ziemlich selten auftretenden Rechtshandlung ist nicht ausgesprochen. Sie lag wohl in Hartmuts, des Sohnes, mütterlicher Herkunft: Er war nicht „von Anfang frei geboren." Die Ministerialen des Reiches hatten damals eine weit vornehmere Stellung als diejenigen der Fürsten und Geistlichen. Zu den letzteren gehörten die Heppenheim als Ministerialen des Klosters Lorsch. Da nun die Kinder der „ärgeren Hand" folgten, also hier dem Stande der Mutter, so war der Sohn Hartmut VI (47 K) von Geburt kein freier Reichsministeriale. Dieser Standesmakel wurde durch den Gnadenakt 78 Burg Tannenberg gekauft, 1333. Inventar der Starkenburg, 1334. getilgt; Hartmut ward dadurch ein „schöppenbarfreyer" Miles Imperii non ministeriales. Er heiratete nach Margarethens Tode, nach 1326, Elisabeth Edle von Weinsperg, aus dem „wackeren Städtchen" bei Heilbronn; sie ward Mutter Hartmuts VII (43 K). Im Jahre 1333 verkauft der edle Konrad von Bickenbach an Hartmode von Cronenberg und Clas von Scharphenstein (Kiedrich), die Burg Dannenberg (Tannenberg) ob der Bergstrasse nahe der Starkenburg, mit zugehörigen Dörfern für 2624 Pfund und 4 '/2 Schilling Heller. Sie sollte dem Kronenstamme noch weit teurer zu stehen kommen. Für den Stammsitz des Geschlechtes traf Hartmut V ebenfalls Fürsorge. Denn sein Sohn Hartmut VI (47 K) berichtet später: mein Vater machte „das grosse Haus (des Kronenstamms) auf der Burg Kronberg." Endlich finden wir, 1332, Hartmut den Burggrafen als Obmann des vom Kaiser Ludwig angeordneten, aus sechs Richtern bestehenden Landgerichtes behuf Wahrung des Landfriedens am Rheinstrom von Strassburg bis Bingen. Mit dieser, von höchstem Vertrauen und Ansehen zeugenden Stellung schliesst die öffentliche Laufbahn Hartmuts V. Wir nehmen Abschied von ihm in der Klosterkirche zu Lorsch. Dort las noch im Jahre 1615 ein Geschichtsfreund „in Choro in Saxo caeruleo (auf einem blauen Grabsteine): Anno Dni. MCCCXXXIIII, VIII. kl. Novemb, (25 Oktober 1334) ob. Hartmannus miles de Cronenberg, Borgravius in Starkenberg." Bei seinem Tode wurde auf der Starkenburg ein noch erhaltenes Inventar aufgenommen. Danach hätte seine dortige bewegliche Habe bestanden in: 24 Fuder Wein — 10 kleine Bettstücken - 2 Paar Leinlachen 1 Handswell - 1 kleines Waschbecken— 15 Ballisten, die man Gorkel- armbrust (Gürtel) nannte 5 Gürtel dazu 22 Köcher mit Pfeilen—; an Kirchengeräten: 1 Kelch und 1 altes Messbuch. Seine getreue Greda ruhte - denn das alles ist längst zerstört und zerstoben an nächster Stelle. Der Geschichtsfreund von 1615 las: „Anno Domini MCCCXXVII, IUI Non. Julii (4. Juli 1327) ob. Margaretha, uxor Hartmanni, militis de Cronenberg. Ihr Wappen: Heppenheim ist ein einfacher weisser Schild mit breitem roten Querbalken. Die edle Weinspergerin lebte noch 1370 als „Frau zu Cronenberg." ' I ■ - . Bischof Eberwin von Worms, 1299—1308. 79 II. 2. Eberwin II (36 K). Aerar und die Verwaltung, brachte die Rechte und mit kräftiger Hand. Er ordnete das öffentliche EBER diesen ebenfalls nicht unbedeutenden Mann haben sich folgende Nachrichten erhalten: Der Bischof Emicho von Worms (ein Raugraf, comes hirsutus) starb 1298. Eberwin von Cronenberg, seit 1294 Vikar des Domes zu Mainz, wurde sein Nachfolger, 21. Dezember 1299. „Den Brand der inneren Unruhen, — so erzählt der Chronist — erstickte er die Gerichtsbarkeit des Bischofs wieder zur Geltung, die während der wilden Zeit des Interregnums verloren gegangen waren," indem er die Handwerker in das Stadtregiment schob und ihre Unzufriedenheit schürte. Der Stadt gab Eberwin eine neue geregelte Kassen- und Steuerverwaltung wegen des „Uberlauff der schulde, domit unser Statt swerlich bekumert ist . . ., dass (weil) das ungelt (Accise) der Stede nit also bewart und besetzt war und nochen ist, als der stat noth und nutze were." Auch im wormser „clerus secundarius" bestand eine stillschweigende Verschwörung oder doch Gereiztheit gegen die bischöfliche Gewalt. Im Jahre 1301 las Eberwinus dem Dekan und Kapitel den Text über einen — unter mehreren — vom visitirenden Erzbischof Gerhard (II, von Eppstein) befundenen „Exzess," der abzustellen sei; nämlich: dass in der Zeit wo im Dom zu Worms, wegen des Interdikts, (das alle Kirchendiener suspendirte) kein Gottesdienst war, dennoch der Clerus täglich die Präsenz unter sich verteilte, die nur den beim Gottesdienst Anwesenden zukomme; und zwar sei das gegen das Statut des h. Vaters Bonifaz VIII. Zur Abstellung habe er, der Bischof, den Auftrag erhalten. Eberwin ermahnte sie ernstlich, dem nachzuleben: „So ist zu handeln, wenn ihr den kanonischen Strafen entgehen wollt." Im Jahre 1307 erliess Eberwin ein bemerkenswertes neues Schulgesetz: „Kein Scholar (Klosterschüler) soll einen Dolch oder sonstige Waffe bei sich führen, namentlich nicht in der Schule. Die Scholastiker (Lehrer) und Rektoren sollen danach sehen und die Schuldigen von der Schule ausschliessen. — Wenn Scholaren zur Zeit der Ludi 80 Eberwins Schulgesetz, 1307. Student Heinrich, 1289. Scholarum (der Schulfeste an Fastnacht und Nicolaustag, 6. Dezember; sie durften dann Tage lang vermummt durch die Strassen ziehen), namentlich sobald sie grobe Exzesse begehen, behaupten : sie seien Rathsschüler, und sich dadurch der gerechten Bestrafung durch die Geistlichen entziehen wollen, so sollen die Rektoren sie aus der Schule weisen, da sie die Vorlesungen nicht regelmässig besuchen und ihnen wegen des Honorars (de pretio) und wegen der Schulgesetze (de jure) nicht Genüge thun, so wie es Herkommens ist. Die Rektoren sollen von den Schülern ein gleichmässiges Honorar nehmen: 4 Unzen Hallensa (Heller) von den Reichen; 5 Solidi von den „mediocribus," deren Eltern weniger als 30 Pfund Heller (240 Goldgulden, besitzen; Arme sollen nicht ausgeschlossen sein." „Die Schüler sollen keine ludi, keine gemeinsamen Schmausereien (commessationes) und Nachtwachen (vigiliae nocturnae) haben, dadurch die Eltern belästigt werden. Diejenigen die ihre Arbeitszeit zum Chortanzen (corizandi) misbrauchen, thun sich selbst ein Leid an und verursachen den Leuten in der Stadt Unruhe. Sie sollen künftig nur zu bestimmten Festen am Tanze theilnehmen (corizare)." Im ganzen erscheinen ja diese Vorschriften veraltet, da bei der jetzigen akademischen (Nichtlern-) Freiheit der Scholaren alle von Eberwin gerügten Mängel nirgendwo mehr vorkommen. Bischof Eberwin starb am 23. April 1308. Er wurde beigesetzt im Chore des Domes zu Worms. Seine Grabschrift lautete, vor dessen Schändung durch die französischen Mordbrenner des allerchristlichsten Königs: Anno MCCCVIII in vigilia Georgii ob. Eberwinus Episcopus Wormatensis ex familia nobili a Cronenberg. An diese fünfte Geschlechtsreihe schliessen sich : III. Zwei Glieder unbestimmbarer Abkunft: III. 1. Heinrich (30 U). Wir kennen ihn als Studenten zu Bologna, eingetragen in die Universitäts-Matrikel bei der deutschen Nation, 1289: Dominus Henricus de Cronenberg solvit 12 solidi. Im Jahre 1298 wird er nochmals genannt. III. 2. Wilhelm I (40 U). Von ihm heisst es in einer Urkunde vom 19. Juni 1298: „wir, Franko der Alte (V, 32 F) und Walter (VI, 31 F) und Wilhelm unser Ganerbe." ■ ■ I ■l' j . ■ ■ Schlacht am Hasenbühl bei Göllheim, 2. Juli 1298. 81 Ferner giebt Hartmut VI (47 K) im Jahre 1339 seinen Vettern vom Flügelstamme, im Austausche von Gütern, „zu losene (als ihr Loos) daz gerieche (Gericht) zu Esseburne, daz Wilhelme was"; (vermutlich dessen Anteil). Sein Auftreten ist kurz; es hat ihm indessen eine gewisse bescheidene Unsterblichkeit im Kreise der Kundigen unseres kleinen Geschichtsausschnittes eingetragen. Zunächst erscheint er auf einer fröhlichen Doppelhochzeit. Am 23. April 1298 schliessen Ritter Heinrich von Haustein Wittwer, und seine zweite Frau Agnes, Wittwe Sifrids von Heusenstam, ein zwiefaches Ehebündnis zwischen je zwei Kindern aus ihren Vorehen. Bürgen der Verträge sind: Walter VI (31 F), Franko Via (46a F) dessen Bruderssohn, und Wilhelmus de Cronenberg, alle Ritter. Wenige Wochen darauf finden wir Wilhelm auf dem Schlachtfelde von Göllheim am Hasenbühl, wo Albrecht I seinem Gegner Adolf von Nassau am 2. Juli 1298 Krone und Leben abgewann. Beide waren tapfere Männer; Albrecht zugleich ein kalter besonnener politischer Kopf, Adolf ein kampfhitziger ungestümer Haudegen. Albrecht hatte lange Zeit hindurch gezögert und hin und her manövrirt bis er der stärkere war; dann legte er durch einen Scheinrückzug, nach Kaiserslautern zu, dem Gegner eine Falle indem er ihn, der unüberlegt nachdrängte, zu einem thörichten Angriffe gegen die habsburgische feste Stellung auf den Höhen des Hasenberges bei Göllheim am Fusse des Donnersberges verleitete, um so thörichter als es Adolf an Fussvolk fehlte. Die rheinischen Edlen und Ritter rieten ihm ab: „nur immer zu, Herr, ihr reitet euerm Tode entgegen." — Das königliche Heer stimmte im Vorrücken das alte Kreuzfahrerlied an: In gotes Namen vare wir und das heilige grap, seiner gnaden (be)geren wir. da got selber inne Iac. Nu helfe uns diee gotes kraft Kyrieleis . . . Als aber Adolf, der den Seinen ungestüm vorausjagte, am Hasenbache angelangt war und den stark besetzten Berg vor sich sah der erstürmt werden musste, da rief er in banger Ahnung seinen Freunden zu: „Ihr habt wahr geredet, dass unsere Macht zu schwach ist. Weh uns! der Tag nimmt kein gutes Ende. In Gottes Namen denn, sie sollen uns ehe todt als lebendig haben." Um ihn waren seine treuen Nassauer und seine Freunde aus Schwaben und der Wetterau. Mit 6 Der getreue Wilhelm von Kronenberck ihnen stürzte er sich in den dichtesten Haufen. Man focht in wildem Knäuel, Brust an Brust. Plötzlich erkannte Adolf seinen persönlichen Feind Albrecht, dem er einen Strauss auf Leben und Tod angekündigt hatte. Wild drang er, nachdem er den Helm durch einen Sturz bereits verloren hatte, auf Albrecht ein und empfing selber, zum Hiebe ausholend, von diesem einen so heftigen Streich in das ungeschützte Antlitz, dass das Auge herausfiel und der Blutstrom ihm über die Backen herabschoss. In diesem Augenblicke stürmten vier Grafen aus Albrechts Gefolge auf den wehrlosen König ein, um ihn vollends niederzumachen. Ihnen warfen sich sechs Ritter aus des Königs Gefolge entgegen, das Leben ihres Herrn mit dem eignen zu schützen: Graf Heinrich von Isenburg, der Burggraf von Idstein Markolf von Larheim (bei Dietz), Ritter Wilhelm von Cronenberg, zwei Herren von Bickenbach und einer von Hohenfels (bei Biedenkopf). In diesem blinden wüsten Kampfgewühle zerschmetterte der Wild- und Raugraf Georg von Stolzenberg (bei Zweibrücken) das unbedeckte Haupt des Königs. Als Adolf am Boden lag lüftete ein feindlicher reisiger Knecht des Wehrlosen Ringkragen und durchnitt ihm den Hals. Albrecht und Gerhard fanden ihn unter einem Haufen von Leichen und toten Pferden. Zunächst um den entseelten Herrn lagen die sechs Getreuen seiner Leibwache, die standhaft bei ihm ausgehalten und für ihn den Heldentod erlitten hatten. Ein altes Lied singt davon: Eyn iunc arme man dort daliget, Des jugend brachte gute werc: Wilhelm von Kronenberck. . mm i i'lsli- f.l! Ii W. ! l \ i I' ''''i' HU IUI Iü ,■ flB' ||ME Hr Ii II. Stiftungen und Begräbnisse im Kloster Eberbach. Die Kapelle im Ruthartshain. Erster erhaltener Burgfriede von 1344. Sechste Geschlechtsreihe. I. Flügelstamm. Zwei Söhne Walters VI (32 F): I. A. 1. Walter VII (41 F), 1305 bis 1353. I. A. 2. Frank VI (46 F), 1305 bis 1318. B. Sohn Dietrichs I (39 F): I. B. 1. Frank Via (46a F), 1298. I. A. 1. Walter VII (41 F). lUS den Jahren 1305—1326 liegen mehrfache unbedeutende, zumteil bereits erwähnte Nachrichten über ihn vor. Aus Kronenberg, vom 7. März 1330 lautet Ritter Walters VII Entscheidbrief über seinen Nachlass, zwischen seiner zweiten Frau und seinen Söhnen erster Ehe: Frank (VII, 49 F) und Johann (II, 50 F). Seine erste Frau war Elisabeth (Lysa) Köth von Limpurg gewesen. Die zweite war Elisabeth von Ingelheim, Wittwe Dythers von Bertholnesheim (Berzhain bei Westerburg). Walter verfügt: a. seiner Frau steht auf Lebenszeit die Wohnung in dem Hause auf Burg Kronenberg zu, das sie mit einander gebaut haben; (Flügelstammhaus: Burgplan zu Abschnitt IV, n). b., c. d . . . e. Die Schäferei auf dem Berge zu Schonenberg (Schönberg) bleibt der Frau Elsen ; 84 Walters VII Testament 1330. Die Kronberge im Kloster Eberbach. f. die Söhne sind verpflichtet, für die Waaren, die ihre Mutter bedarf, zehn Wagen im Jahre auf eine Meile Weges von Kronenberg zu fahren ; g. Wenn die Frau in Kronenberg wohnt, hat sie das Recht zum Holzbezuge aus dem Ruthartishain, den sie mit einander gekauft haben. Am 21. Januar 1339 überweisen Walter (VII) von Cronenberg Ritter und seine zweite Frau Else dem Kloster Eberbach 200 Pfund Heller und eine Korngülte zu Kronberg, für ihr Grab zu Eberbach und die Beerdigungskosten daselbst, insbesondere für ihre „frunde die mit der Liech da kument." Im Uber animarum, Verzeichnis der Gedächtnistage verstorbener Donatoren zu Eberbach, ist eingetragen: dass der 23. August Gedächtnistag ist für Waltherus de Cronenberg und Elisabeth seine Gattin, „die bei uns den Altar S. S. Felicis et Adaucti dotirt haben, und am Tage der vorgenannten Heiligen (14. Januar) hat der Konvent eine Tröstung (eine Präsenz) von ihnen. In demselben Uber animarum heisst es unterm 2. Dezember: „Bemerke, was wir durch die Gunst einiger Ritter von Cronenberg besitzen : nämlich durch Franco (V, 37 F) guten Andenkens; durch Johannes (I, 38 F), Dietrich (I, 39 F), Walter (VI, 31 F) und alle ihre Erben, die das Patronatrecht in der Pfarrkirche Langen- Dippach (bei Büdingen) besassen; sie haben jene Kirche auf uns übertragen, nämlich unter der Bedingung: dass am Advent des Herrn zu ewigen Zeiten täglich jedem Mönche und Conversen [weltliche Affiliirte] innerhalb der Mauern unseres Klosters ein Heller seiner üblichen täglichen Praebende zugelegt werde. Am 14. August 1339 stiften Walter VII und Else in der von ihnen neu erbauten Kapelle im Forstorte Rutharteshan hinter ihrer Burg Kronberg, dem h. Antonius einen Altar und dotiren die Messe mit anliegenden Gütern. Falls der Priester, der alle Tage Messe lesen soll, nicht bescheidentlich leben will, soll ihn der Pfarrer von Kronberg absetzen. Der Küchenzettel eines Eremiten wird anderswo mitgeteilt: „Geisblatt, Lattich, Kresse, Haferbrod, Quellwasser." Das gottgefällige Werk gedieh. Wir erfahren von acht verschiedenen Schenkungen dritter Personen, aus den Jahren 1340—50, an die Eremiten - Kapelle zu Rutershain: Renten und Gülten. Noch am 18. Dezember 1440 konnte Jakob Kellner, Altarist zu Rotersz Han, 1 Malter Korn jährlich ■ m (I . Kirchliche Laufbahn vornehmer junger Herren. 85 für 20 Gulden kaufen. Im Jahre 1550 war die Kapelle gänzlich verfallen; der Altar war in die Stadtkirche übertragen. Heute liegt im kronberger Wald Ruders, etwa zwei Kilometer westlich von Kronberg, unter hohen Tannen ein altes Gemäuer, dessen Grundplan sich als der einer Kapelle darstellt deren Chor nach Osten liegt; 13 Meter lang und 9 Meter breit. Durch einen Waldpfad ist sie von einem anderen, ebenso breiten aber nur 5 Meter tiefen, westlich davon liegenden Baureste getrennt: der Wohnung des Einsiedlers. Ein Streifen Landes westwärts, jetzt mit Eschen bestanden, war ehemals Garten und gegen das Wild mit einer Trockenmauer umgeben. Unfern der Kapelle rann ein klares Wässerlein abwärts; jetzt ist es durch die Wasserleitung abgefangen. Im Jahre 1343 schuldete der Erzbischof Heinrich III von Mainz dem frankfurter Bürger Konrad von Leonstein, [damals ein grosses Bankgeschäft] seinem Wirte: 1085 Pfund Heller für Wein, Weizen, Korn (Roggen) und Hafer. Unter den Bürgen für die Zahlung ist Walter VII von Cronenberg. Heinrich von Virneburg (edles Geschlecht im Kreise Adenau, Rheinprovinz) bewährte sich als Ludwigs des Baiern zuverlässiger Freund in dessen Kämpfen mit dem Papste Johann XXII. Im Jahre 1338 war er als solcher auf dem Reichstage zu Frankfurt thätig, wo Ludwig vor den Kurfürsten seine Sache mündlich siegreich führte. Der Tag in Frankfurt hatte fünf Monate gedauert, daher die hohen Zehrungskosten. Erzbischof Heinrich liefert ein gutes Beispiel dafür: wie damals vornehme junge Herren die grosse Laufbahn in der Kirche machten. Er war, noch nicht Priester, im Jahre 1328 Propst in Bonn. Am 11. Oktober verlieh ihm der Papst Johann XXII die Provision des mainzer Erzbistums, am 15. Oktober die Administration der Diözese im geistlichen und weltlichen. Damals erst Diakon, durfte er sich nachträglich von jedem katholischen Bischof die priesterlichen und von ihrer vier die bischöflichen Weihen erteilen lassen. Gleichzeitig war sein Oheim: Erzbischof von Köln, sein Bruder: Propst von Xanten. Uebrigens erwies sich Heinrich später — wie wir noch vernehmen werden — in den langen Kämpfen mit seinem ausgezeichneten Gegner, dem luxemburger Erzbischofe Balduin von Trier als ein Staatsmann von Fähigkeit und Thatkraft. 86 Burgfrieden von 1344. Enthalten. Im Jahre 1339 und am 24. Juni 1344 schliessen die Ganerben von Kronberg die ersten uns erhaltenen Burgfrieden. Dieses Wort bedeutet ein Doppeltes: 1. den Bezirk (Bann) des gemeinsamen Besitzes; 2. die Vertragsurkunde über die Rechts- und Verwaltungsordnung in diesem Bezirke. Das Instrument von 1344 lautet, in möglichster Kürzung: Walter (VII, 41 F), Hartmude (VI, 47 K), Frank (VII, 49 F), Johann (II, 50 F) Rittere, Ulrich (I, 51 F) ein edelknecht, Ganerben zu Cronenbergk, verjehen (verjahen) öffentlich in diesem Briff und thun kuntt allen Lewten, die yt zont (jetzt schon) synt oder hernach koment, vor uns und alle unsern Erbenn, die von uns ewiglichen bekommen, das wir syn zu rade wurden einmutiglich eines gutlichen verbuntenisz und eins gemeynen Burgfrieden, zu halten durch unsers selbs besten willen und alle unsere Lutt die by uns wonen, zu halten ewigliche von Stuck zu stücken Als hernach geschrieben stett. (1.) Zu dem ersten mail (Male) so haben wir gemacht dis Ver- buntenis unnd unsern Burgfriedenn under uns unnd unsern Lutten, Es syn Pfaffen, Leyen, Christen oder Juden, unsern dienern und under unserm Gesynt. Also wer es, das keinerley (irgend ein) ufflauff geschehe under uns oder den unsern vorgnant; welcher unser einer darzu kerne der sali es uffhalten uff synen eidt also ferr en (fern ihm) Crafft und Macht gedreit (reicht), und er sali selber darzu nit thun wie wol en selber das angehet." (2.) „Dieser Burgfriede sal also ferre gehen als unser Gericht geet, uff halben weg ghein Konigstein bisz an den grünt bornen, biz uff denn Gotschallkis, bis zu Fronroide, bis zu Schonenberg und da herwieder umb bis an den gruntbornen." (3 u. 4.) Der dritte Artikel regelt das „Enthalten," die Gewährung des Burgschutzes an Fremde in Fehdefällen gegen Entgelt; es war eine Art von Miete. „Wer einen heeren will enthalten, der heere sali geben zwolff Margk Pfenninge unnd sali legen sechs gewappent uff syn kostenn zu Burghude. Enthalten wir einen armen Mann, der soll geben zwo margk Pfenninge, oder ein gürtell armbrost und ein margk, und sali zwen gewappent legen uff syn kosten zu Burghude. Das gelt sal gefallen an unsern gemeynen Buwe (Baukasse) unnd sollen es geben oder verwysen (anweisen) unserm Buhemeister (Vorstand)." Dieses Amt wechselte jährlich nach dem Alter. ■ - Schuren und schirmen. Bannbriefe. Bauordnung. 87 (5.) Keiner darf in unsern „gemeynen weidern" hauwen, er enhabb laube von dem Buwemeister." (7.) Zweigung unter uns welcherhande sach das sy, das sali unser Buwemeister understen (versuchen) gutlich zu sunen. Enkan er des nit . . . sunen, so Sailen die parthyen die do zweien, die Zweigung bringen an hern Merckline von Rudelheym" (den „Obirmann"). (8.) „Auch sin wir überein komen, das wir alle unsere gemeyen Lutt die by uns wonent, es synt Pfaffen, Burger, Judden, Wybe oder man, Wullen schüren (sichern) und schirmen, und ensall unser keiner sunderlich kein gewalt an sie legen". . . . (9.) Mer ist geredt, han unser pfaffen und Burger pferde und bitten wir sie darumb, und versagen sie uns, darumb ensollen wir nit zürnen oder sie argwilligen. Auch ensollen wir unser pfaffen nit schulligen oder argwilligen ob sie banbrieff müssen künden über uns .... Wan sie müssen es thun von Irs ampts wegen." Dieser Fall trat in den damaligen heftigen Kämpfen zwischen Papst, Gegenkaisern und Gegenerzbischöfen ziemlich häufig ein. Die politische und finanzielle Handhabe der päpstlichen Bannflüche wurde schon damals nicht sehr ernst genommen. Ludwig der Baier hat sie getragen und die Deutschen hielten unentwegt zu ihm. Etwas später schreibt aus Rom der Gesandte des Deutschen Ordens an seinen Hochmeister: „Fürchtet Euch nur etwa nicht vor dem Banne. Der Teufel ist so hässlich nicht als man ihn oft malet; auch der Bann nicht so gross als ihn uns die Päpste machen . . . Wenn Euch der Papst mit dem Bann hart entgegen sein wollte, so bedenket nur: wer mit Pfaffen zu schaffen haben will, der muss sich zuweilen des Bannes erwägen ; aber habt zu ungerechtem Banne nur guten Muth und lasset Land und Leute solches Bannes willen nicht verderben" .... (10.) . . . „wer es das unser gemeyn buwe sich argirte (verschlechterte) zu sere oder nütter (nieder) viele, es weren Thum, pforten brücken, muern oder was gemayn were, so sal unser Buwemeister ver- hauffen (zusammenrufen) uns die ganerben und sal mit unser aller raite und wissen das witter (wieder) machen . . . (11.) Auch ensall unser keiner kein Buwe machen Jn unsere Burg, der dem andren schedlich sy." .... „Auch wer es das unser keiner syn Theil an der Bürge, an dem Thal (Kronberg) oder an dem dorffe 88 Walter VII Schultheiss von Frankfurt. 1346. zu echzborn verkaufen oder versetzen wolle [mit Einwilligung des Lehnsherrn] so sali ers uns den andern ganerben das vorbieden (anbieten) unnd geben als (wofür) die . . dry (Schiedsrichter) oder wer an ir statt were, zitlich (angemessen) düchte." (12.) Einem Ganerben der „zu synen tagen komt, so ensollen wir Ime kein hulde laissen thun, er enschwere dan zu den heiligen, diesse Brief mit uns zuhalten." (13.) „Und welcher unser also übeldedig were, das Gott nit engebe, der verbreche also das er nit halden enwalde was Jne unser Obirmann Kloster Eberbach nach ältester bekannter Darstellung. vorgenannt beseide mit synen offen Briefen, u. der soll truloiss und meyneydig syn und sal darzu han verloren hundert Margk Pfenning gutter Landis Werung zu einer Pene; darüber die sollen gefallen an unsern gemeynen Buwe." Walter VII (41 F) hat 1346 das Schultheissenamt zu Frankfurt von dem Vorgänger Friedrich von Hoychen (Hutten) um 800 Pfund Heller gelöst; Ludwig der Baier versetzt es ihm und seinen Erben wiederum für diese Summe. Die Stellung war offenbar eine einträgliche. Jedoch verkauft Walter das Amt schon 1349 an den Rath der Stadt Frankfurt, wohl nicht ohne Vorteil. Im frankfurter Rechneibuch von 1348—51 heisst es: „Dylmann der portner hat geantwurtet sint dem male das das schultsamt gelöst ward von Herrn Walter von Cronenberg 1349. n , y i Sechste Geschlechtsreihe. Kronenstamm. 89 Schultheiss war der uralte Amtstitel, der die Schulden (Schuldigkeiten, Pflichten) thun heisst. Am 14. Februar 1353 wurde der alte Walter abberufen. Die „frunde die mit der Liech da kument" brachten den, weitumher hochangesehenen Burgherrn von Kronberg zur letzten Ruhestätte nach Eberbach. In der Kapelle des alten h. Bernhard, am Fenster vor dem Altare der h. h. Felix und Adauctus, wurde beigesetzt der: „gestrenge Ritter Walterus de Cronenberg." Daneben ruhete, schon seit dem 21. September 1344, seine zweite Ehefrau Elisabeth von Ingelheim. Beider Grabstein ist noch wohl erhalten, mit dem Wappen Kronberg, Ingelheim und, vermutlich, Bertholnesheim. I. A. 2. Frank VI (46 F). Von ihm ist nichts zu berichten. I. B. 1. Frank Via (46a F) war vermählt mit Sophia von Reiffenberg. Er starb jung, hinterliess einen Sohn Ulrich I (51 F) und eine Tochter Margret. In dieser Sechsten Geschlechtsreihe hatte II. der Kronenstamm Fortgang nur in den Kindern Hartmuts V (36 K). 1. Hartmut VI (47 K), der Aeltere, 1330—1372. 2. Hartmut VII (48 K), der Jüngere, 1351 bis vor 1370. 3. Else. 4. Anna. 5. Petze. III. Jerusalem. Schwankender Güterbesitz. Hartmuts VI Grabstein in der Burgkapelle zu Kronberg. II. 1. Hartmut VI (47 K). EINE erste Frau war Elisabeth von Stralenberg (über Schriesheim an der Bergstrasse). Ihrem Grabstein zu Eberbach nach starb sie am 5. Februar 1338. Das dort eingemeisselte Wappen ist eine nach oben rechts gewendete Lanzenspitze, Beileisen, im goldenen Felde. Der Erzbischof Heinrich von Mainz hatte in seinen Kriegsnöten die Burg Stralenberg und Stadt Schriesheim für 8000 Pfund Heller an Hartmut (VI) von Kronberg und seine Hausfrau verpfändet. Am 3. April 1346 löst der Erzbischof beide um 12,000 Pfund Heller wieder ein. Für Korn- und Weinvorräte, Geschütze und Bliden (Bailisten), die Hartmut mitverkaufte, war Heinrich weitere 1000 Pfund Heller schuldig. Am 28. November 1346 erklärt Hartmut: „wenn der Erzbischof mir dafür 100 Pfund Heller (10 Prozent) Zinsen beweisen (sicher- jggl stellen) will, so will ich das Haus Roneburg (bei Büdingen) JplfP ihm wieder ausantworten." Im Jahre 1350 zog Hartmut VI (47 K) als Pilger nach Jerusalem. Dort gab, am heiligen Christfeste, Matheus de Roya, genannt Flamigus und Herr von Gryan, am heiligen r Grabe dem Ritter Hartmann von Cronenberg senior und seinen Erben, auf dessen Bitte, seinen Helm (Helmkleinod), nämlich den „Kopf eines schwarzen Ebers in einer Krone," nach Belieben zu führen. Da der Eberkopf auf den vorhandenen Siegeln niemals erscheint, ebensowenig auf Hartmuts Grabsteine in der Burgkapelle zu Kronberg, so wird es nur ein Geschenk „zur freundlichen Erinnerung" gewesen sein. Nebenhöfe in Eschborn. Hartmut VI f 24. September 1372. 91 Im Jahre 1355 hatte der Gegenerzbischof Gerlach (von Nassau) mit seinem Wettbewerber Heinrich Frieden gemacht und war im Besitze des Stuhls. Er „freit" am 23. Mai 1355 dem, selbst am 23. Juli 1330 „gefreiten" Hartmut „dem eldisten" seine mütterlichen Besitzungen zu Heppinheim. Sie wurden dadurch der unteren Gerichtsbarkeit entzogen. Am 24. März 1355 bewittumt Hartmut VI (47 K) von Kronberg der ältere, seine zweite Frau Alheid, Tochter des Grafen Heinrich von Nassau-Beilstein, mit 342 Pfund Hellern auf das Bintheimer und Kes- selstadter Gut (zwei Nebenhöfe) in Escheburnen. Der Erzbischof Boe- mund von Trier, als Lehnsherr, (wovon?) stimmt zu. Hartmut VI war jedenfalls ein kapitalkräftiger Herr. Aus den Jahren 1356—1365 liegt eine Reihe von Urkunden vor, über Geldgeschäfte die er, als Gläubiger, mit dem Erzbischof Gerlach abschliesst. Im Jahre 1359 betraf den gestrengen Hartmut VI ein kostspieliges Missgeschick. Er wurde Gefangener des edlen Herrn Ulrich von Hanau und musste sich mit 6000 Gulden Schätzung lösen. Das war in der Ordnung. Er bezahlte binnen Monatsfrist. Nachgehends aber wurde Grabmal Hartmut vi. Hartmut wegen derselben Schuld vor dem Gerichte des Landvogts Wigand von Segershusen nochmals verurteilt und fühlte sich gemüssigt, nochmals zu zahlen. Warum? erfahren wir leider nicht. Am 24. September 1372 ist Hartmut VI gestorben. Sein kunstreicher und wohlerhaltener Grabstein steht in der Burgkapelle zu Kronberg an der Altarwand rechts: ano dni MCCCLXXII, VIII Kln. Oct. o. Dns. Hartman de Croneberg. cujus an. re . . escat in pace. 92 Hartmut VII -J- vor 1370. Elsas, Annas und Petzes Heiraten. II. 2. Hartmut VII (48 K), der jüngere. Er stammte aus Hartmuts V zweiter Ehe mit der edlen Frau Else von Weinsperg. Daher bedurfte er keiner „Freiung." Hartmut VII erscheint 1351 als Besitzer der Burg Tannenberg, gemeinsam mit seiner Mutter und mit Herrn Ulrichen von Hanau. Seine erste Frau war vermutlich eine edle Walburg von Isenburg- Büdingen. Am 6. Dezember 1368 bewittumt er seine zweite Frau Nese Kemmerer (Agnes Kämmererin von Worms, genannt von Dalberg) mit 1000 Pfund Heller auf den Hof zu Windeck (in der Wetterau) der „mye von myner mudir seligin uff irstorbin ist, . . . myn rechtlich eigin sint mynes ersten wibis dod" (die ebenfalls darauf bewittumt gewesen war). Hartmut VII muss bald darauf gestorben sein, jedenfalls vor Ab- schluss des kronberger Burgfriedens vom 11. Juli 1370. Er hinterliess keine Kinder. Seine Grabstätte ist unbekannt. II. 3. Else Hartmuts V Tochter war verheiratet mit Gilbert Low von Steinfurt. II. 4. Anna Hartmuts V andere Tochter war mit Eberhard Wambold von Umb- statt verheiratet. II. 5. Petze (Petra, Petrissa) erscheint 1361 als die Frau Gernands von Schwalbach (bei Niederhöchstadt). III. Unbestimmbare Glieder der Sechsten Geschlechtsreihe. 1. Else (Elisabeth) von Cronenberg war (1337—1351) mit Werner von Bellersheim-Rockenberg verheiratet. Ihr Grabstein liegt in der Kirche zu Rockenberg in der Wetterau. Vermutlich hangt mit ihr der Bellersheimsche Besitz vor Kronberg zusammen, von dem sich der Name noch in der Feldlage unterhalb der katholischen Kirche: „Bellersheim" auch „Boltzheim," erhalten hat. Petrus II -j- 1363. Seine flandrische Frau. 93 III. 2. Petrus II (61a U) de Cruonenberg. Er hat sich seine Frau aus Flandern geholt. Sie war die Tochter des Messire Renar Mashere, seigneur de Schoenvorst et de Montjoie, und der Tochter N. des seigneur de Wildenbergk „mariee ä Monsieur Pierre de Cruonenbourg." Jeder Zweifel ist durch das, im alten Miroir de Noblesse von 1398, eingezeichnete Wappen des Kronenstamms ausgeschlossen. Petrus II starb am 27. April 1363, liegt im Kloster Eberbach begraben, „hinten unterm letzten Bogengänge." Dieser Teil der Kirche ist jetzt abgeschoren, ausgeweiht und im Innern zerstört. III. 3. Oswalt (45a U) Edelknecht, erscheint und verschwindet im Jahre 1347. IV. Grosse Geldgeschäfte der Kronberge mit Erzbischof Gerlach von Mainz. Siebente Geschlechtsreihe. I. Flügelstamm. A. Zwei Söhne Walters VII (41 F): B. Zwei Kinder Franks Via (46a F): 1. Frank VII (49 F) 1330—1385. 1. Ulrich I, der Rote (51 F) 1339 86. 2. Johann II (50F) 1337 bisvor 1370. 2. Margret,heiratetjohannlll (56K). I. A. 1. Frank VII (49 F). M 20. Januar 1345 erwerben die Brüder Frank VII und Johann II von Cronenberg ein Zweiteil des Zehntens in Helbelings- hausen, ein ausgegangenes Dorf zwischen Kronberg und Falkenstein. Franks Frauen waren: 1. Katharina vor 1355, 2. ihre Schwester Anna Lorette von Reiffenberg (J- 1367). Frank, ebenso wie sein Vetter Hartmut VI, waren dem Erzbischof Gerlach von Mainz vielfach mit finanziellen Gefälligkeiten zu Diensten, wodurch sie ihn in seinen Kämpfen und Friedensschlüssen um den mainzer Stuhl unterstützten. Bekanntlich finden solche Gutthaten meistens ihren guten Lohn in sich selbst. Diese Kämpfe Gerlachs von Nassau mit Heinrich von Virneburg hingen imgrunde mit den Gegensätzen zwischen Kaiser und Papst, insbesondere zwischen Ludwig dem Baier (f 11. Oktober 1347) und seinem vom Papste unterstützten Gegenkönige Karl IV von Luxemburg zusammen. Der Friede trat erst 1353 ein, nachdem Erzbischof Heinrich zu Eltville gestorben war. In der Sühne zwischen Kuno von Falkenstein, dem „Pfleger des Stifts zu Mentz" und Erzbischof Gerlach hatte letzterer 40,000 Gulden zu zahlen. Diese verschafften ihm grösstenteils Hartmut VI und Frank VII. Solche wüste Zeiten wirkten übel verweltlichend und verwildernd auf die mainzer höhere Geistlichkeit. Deshalb muss, am 18. März 1359 Verweltlichter mainzer Klerus, 1359. Die Kronberge Kapitalisten. 95 aus Koblenz, der Kaiser Karl IV den Erzbischof Gerlach dringend vermahnen: seinen Klerus zu reformiren. „Welcher Kanon hat denn die mainzer Geistlichkeit dispensirt, dass sie aus dem Patrimonium Christi Spiele und Turniere ausrichten, ein kriegerisches Kleid mit goldenem und silbernem Besatz tragen und ritterliche Stiefel, dass sie Haupt- und Barthaar wachsen lassen; nichts sieht man an ihnen was auf geistliches Leben deutet." Der jugendliche Primas der deutschen Kirche mochte wohl selber ein derartiger clericus irregularis sein. In diesen krausen Rahmen sind die vielfachen Verbindungen der Kronberge mit dem Erzbischofe einzusetzen, von denen wir jetzt zu berichten haben werden. Ihren urkundlichen Niederschlag bilden meistens Geschäfte und Gefälligkeiten in klingender Münze: Darlehen und Bürgschaften. Diese beweisen jedenfalls soviel — und das ist der wesentliche Zweck ihrer Mitteilung —: dass die Kronberge schon damals in ihrer persönlichen und sozialen Stellung hervorragende und sehr vermögliche Leute waren, die es wahrlich nicht nötig hatten: ihren Unterhalt oder auch nur ihr Wohlleben als Heckenreiter im Stegreife hinter dem Zaune oder im Busche zu suchen. Der Erzbischof leiht, stellt Bürgen, verspricht abzuzahlen, verlängert, verpfändet. Seine Schuld an Frank VII und Frau Anna Lorette steigt 1355 auf 3000 kleine florentiner Goldgulden. Vorläufiger Abschluss : Bewilligung geräumiger Zahlungsfristen. Augenscheinlich fand sich seiner kurfürstlichen Gnaden Kasse auch nach deren Ablauf nicht gefüllter, denn am 17. November 1355 entlehnt Gerlach abermals von Frank VII 1200 Gulden und am 16. April 1356 belehnt er den Ritter „wegen seiner geleisteten Dienste" mit dem Lehen zu Schonenberg (Schönberg) in dem Dorfe, dem Dinghofe und was dahin gehört, und zu Hoeste (Höchst) die Votye (Vogtei) und zu Kirchdorf (Kirdorf bei Homburg) „daz dorf und gerichte und was darin gehört, zu Sohn und Tochterlehen." Derartige Neubelehnungen geschahen schon damals häufig gegen eine sehr beträchtliche Kapitalzahlung (Lehnware, laudemium); sie sahen also einem Kaufgeschäfte sehr ähnlich. Deswegen Hess sich der vorsichtige Vasall und Gläubiger Frank VII nur auf ein Erblehen ein, bei dem die Nachfolge der Erbtöchter eintrat. Am 2. Dezember 1356 ward endlich eine Konsolidirung des erzbischöflichen Schuldenwesens durchgeführt. „Zur Einlöse" von Burg 96 Franks VII fromme Stiftungen; -j- 5. Dezember 1382. Klopp, Stadt Bingen, dem halben Zoll zu Ehrenfels und Dorf Lorch, die alle an Kuno von Falkenstein verpfändet waren, wurde eine Anleihe auf die erzbischöflichen Tafelgüter aufgenommen. Die Darleiher waren: Engelhard von Hirtzhan, Hartmut VI (47 K) und Frank VII (49 F) von Cro- ninberg. Die stillen Teilnehmer des Geschäftes in Frankfurt treten nicht ans Licht. Im Jahre 1364 leihen die beiden Vettern dem Erzbischofe abermals 14,000 Goldgulden. Am 25. Dezember 1371 ver- fasst Frank VII sein Testament „zu Cro- nenburg in der Burgk." Sein einzig genannter Sohn Walter (VIII, 53 F) erhält sämmtliche Allodialgüter und Forderungen, auch alle „Trinkfasse wie man die nennen mag." Frank macht Stiftungen für die zwei Altäre in der Kirche, namentlich für den „Fron-Altar zu Cronenberg." Sechs Pfund Wachs jährlich stiftet er in den Ruthartshain. Die zwei Kirchen zu Schönberg und Oberhexstadt erhalten je ein Pfund Heller Ewiggeld; ebenso das Kapitel zu Eschborn; auch in Rödelheim, Wiesbaden, Rambach sind die Kirchen bedacht. Frank VII starb am 5. Dezember 1382. Sein Leichenstein steht in der Burgkapelle zu Kronberg, rechts vom Eingange. Anna Lorettas Grabstein liegt mit der Jahreszahl 1367 in der Mitte der Kapelle. I. A. 2. Johann II (50 F). Seine Gattin war Hebele (Hedwig) Marschallin von Waldeck. Im Jahre 1337 finden wir ihn auf dem Turnier der „Ritterschaft am Rheinstrom" zu Ingelheim. Im Jahre 1370 war er bereits tot, wenigstens hat er am „Entscheid" aus diesem Jahre keinen Anteil mehr. Kinder scheinen nicht nachgeblieben. Seine Grabstätte ist unbekannt. Grabmal Frank VII. V. Ulrich I (51 F), der grosse Vicedom des Rheingaus. I. B. 1. Ulrich I (51 F). Er war der einzige Sohn des frühverstorbenen Frank Via (46a F) und der Sophia von Reiffenberg. Während wir bisher die Kronberge, auch da wo sie den Kaisern und Erzbischöfen dienten oder gegen letztere auftraten, wesentlich mit ihren eigenen Angelegenheiten: Erwerb und Erhaltung, beschäftigt fanden, greift Ulrich I von leitender staatsmännischer Stelle aus in die gesammten öffentlichen Verhältnisse des Erzstiftes Mainz hervorragend ein. Seine nähere Verbindung mit Kurmainz beginnt urkundlich zu Aschaffenburg am 18. Oktober 1339, wo Erzbischof Heinrich III den Edelknecht Ulrich von Cronenberg für 70 Pfund Heller zu seinem Burgmann in Ronneburg annimmt. Da Ulrich damals bereits volljährig gewesen sein wird, so war er spätestens 1317 geboren. Dieses erste öffentliche Auftreten des jungen Kriegsmanns fiel in die Zeit der Kämpfe Ludwigs des Baiern gegen fast alle Welt. Die allgemeinen Landfrieden, die der König verschiedentlich gebot, folgten sich wie Welle auf Welle; sie hoben gegenseitig ihre Wirkung auf; sie entbehrten der vollziehenden Gewalt. Diese zu ersetzen wurden mehrfache Landfriedensbünde, zur IR gelangen jetzt zu der weitaus kraftvollsten und wirkungsreichsten Persönlichkeit, die bis zu dieser Zeit und noch für ein ferneresjahrhundert dem Stamme der Kronberge entsprossen ist: 98 Gertrud von Bellersheim, 1348. Ulrich verpfändet sein Burgteil. Selbsthülfe, in den einzelnen Landschaften am Rhein und Main geschlossen ; so auch 1337 in der Wetterau. Die wetterauischen Städte Frankfurt, Gelnhausen, Friedberg und Wetzlar stellten, mit Ludwigs Genehmigung, ein Heer auf um den Frieden zu schützen, zugleich dem Kaiser dort einen festen Stützpunkt zu geben. Selbstverständlich suchten die vier Städte alle achtungswerten oder bedenklichen nachbarlichen Streitkräfte zu sich heranzuziehen. Deshalb schloss, am 13. November 1341, Frankfurt mit denen von Kronberg ein Bündnis auf zwei Jahre, unter „Oeffnung" ihrer Burg. Das offene Haus war, bei damaliger Kriegführung mittels Burgen, von grösserer strategischer Bedeutung als die Hülfe im offenen Felde. Ulrich heiratete, um 1348, Gertrud von Bellersheim, Tochter Philipps zu Niederweisel und Gambach (bei Butzbach). Ihre Mutter war Lucard Halber von Högern. Am 11. Mai 1348 bewittumt Ulrich, unter Genehmigung der Ganerben, seine Frau Gertrud mit 400 Pfund Heller auf die Güter in den Dörfern Nordenstadt, Medenbach und Wildsachsen, die vom Kloster Altmünster, in Mainz, zu Lehen rührten. Daraus hatte sie, nach damaligem Zinsfusse, als Wittwe jährlich 40 Pfund Heller zu beanspruchen, gleich 320 Goldgulden; ein sehr hohes Wittum das auf erhebliche Wohlhabenheit hinweist. Ulrich bethätigte sich zunächst als Parteigänger des Erzbischofs Heinrich gegen den Nassauer Gerlach. Am 3. Juni 1348 geloben Walter (VII, 41 F) von Cronenberg und seine Söhne: Frank (VII, 49 F) und Johann (II, 50 F) Ritter, den Grafen Adolf und Johann von Nassau Brüdern: für ihren neven (Vetter), Ritter Ulrich „vor sin deyl huses zu Cronenberg mit allen den rechte das dar zugehoret, ze antworten (einzustehen) oder als viel geldes zu geben als unse uberman uf sine eyt sprichet — was das hus wert sy, obe (falls) die brieffe nit ge- halden wurden, die der vorg. (enannte) her Ulrich den vorg. greben unsern hern darüber geben hait. Und were auch sache (der Fall) das her Konrad von Kirkel oder her Ulrich egen (ehegenannt) stürben, das got wende, bynnen dissen iaren als die brieffe haldent (dauern), die unse herren vorg. von hern Ulriche hant, so en sal disse briff nymme dogen (taugen), noch kyn macht me (mehr) han." Ulrich I hatte damals für das Lösegeld des mainzer Domherrn und Pröpsten zu Speyer, Konrad von Kirkel (ein Herrengeschlecht von Ulrich und Konrad von Kirkel gegen Kuno von Falkenstein, 1349. 99 der Mosel) den Grafen von Nassau gutgesagt; dafür hatte er seinen Anteil am Flügelstammhause (Burg-Plan, Abschnitt IV, n) auf Burg Kronberg eingesetzt. Hiezu gaben seine Vettern ihre Einwilligung. Ulrich war seit 1339 zum Erzbischof Heinrich III gestanden. Er trat, nachdem sein Herr vom Papst Clemens VI, im Jahre 1346, ex- kommunizirt und des Erzbistums verlustig erklärt war, in ein gleichartiges Dienstverhältnis zu dem jungen Erzbischofe Gerlach von Nassau. Diesem arbeitete der Stiftsprovisor Kuno von Falkenstein entgegen; nicht minder dem Domherrn Kirkel, als dessen Vertreter während seiner Gefangenschaft Kuno gewählt war. Nun lesen wir in der mainzer Chronik: „Der vorgenannte Erzbischof (Gerlach), obgleich er vom Klerus vielfache Aufforderungen erhielt, verteidigte dennoch diesen sehr lau weil er sich möglichst wenig einmischte und seiner körperlichen Bequemlichkeit nachlebte; weil er berechnend und schwächlichen Leibes war und seine Geschäfte einigen, weniger gebildeten (minus eruditis), Männern überliess. Damals war sein erster Ratgeber: Ulrich der rote von Cronenberg." — Danach scheint es: dass der thatkräftige und geschickte Laie, des Erzbischofs „vertrauter Rat" ohne den er nichts unternahm, bei der gelahrten Pfaffheit wenig beliebt war. Im Jahre 1349 strebte Kirkel immer noch nach Wiedereinsetzung in sein verlorenes mainzer Provisorat. Dazu suchte ihm Ulrich auf folgende Weise zu verhelfen: ,Jener von Kirkel war durch Herrn Kuno um 8000 Gulden ausgelöst; nun dachte er die mainzer Kirche wieder zu gewinnen. Kuno wollte sie aber nicht wieder ausliefern bevor er nicht von Konrad Ersatz für seine Verluste und Gefahren (bei dessen Befreiung) erhalten hatte. Als Kirkel dieses sah, sann er Uebles gegen Herrn Kuno, mit Beihülfe Ulrichs von Cronenberg, der Vizedom und Coadjutor des Herrn Gerlach von Nassau war. So kamen sie überein: wie sie den Herrn Kuno fangen wollten, tot oder lebendig. Sie schlichen sich (28. Oktober) nach Aschaffenburg, drangen bei stiller Nacht in die Burg und bis an die Kammer des Herrn Kuno. Als dieser sah dass er verraten werden sollte und Ulrichen von Cronenberg also laut rufen hörte: „wer Herrn Kuno herbeischafft, tot oder lebend, erhält 100 Gulden," da Hess er sich am Betttuch durch ein enges Fenster in den Burggraben hinab und entfloh also vor Tages Anbruch A. D. 1349." Uebrigens war dieser Falkensteiner ein ebenbürtiger Gegner für sein 7* 100 Ritter Kuno, der gewaltige Provisor von Mainz. Nachbarskind, den Kronberger. Ein gewaltiger Kriegsheld von ausserordentlicher Körpergrösse und Kraft. Im Reiche hiess er nur: Ritter Kuno. — „Er war ein herrlich starker Mann" — sagt die limburger Chronik - „von Leib, Person und von allem Gebeine und hatte ein gross Haupt, ein breit Gesicht, einen bescheidenen Mund, die Nase breit, mit einem grossen Kinn und einer hohen Stirn; hatte auch eine grosse Brust und stund auf seinen Beinen als ein Low, und hatte gütliche Geberden gegen seine Freunde, und wenn er zornig war so bauseten und floderten (loderten) ihm seine Backen und stunden ihm herrlich und weisslich und nicht übel. — Er stand dem Erzbischof Henrico so stark bei, dass er alle heftig verfolgte so dem Gerlaco gehorsam waren; alles Gefäll und Einkommen der Geistlichen, die nicht mit ihm waren, zog er ein und nahms zu seinen Händen, also dass er in dem Jahre 1353: 4000 Fuder Wein und auf die 40,000 Malter Frucht zusammen brachte. Die des Papstes Gebot wider Henricum den abgesetzten Bischof gehorsam waren, verjagte er alle, zum Theil liess er sie ertränken oder sonst tödten. Er zerriss die päbstlichen Brief . . . bekam einen grossen Zulauf, weil er seinen Herren, Henrico und Ludovico dem Kayser, welche beide im Bann waren, so beständig anhing und sich gegen den Pabst so gewaltig aufflaimt." - Nachdem Friede im Erzstifte geschlossen, stand Ritter Kuno bei der Erstürmung der Burg Gretenstein (Villmar gegenüber, an der Lahn bei Limburg) unter dem Viztum Ulrich, von Landfriedenswegen (1359), an der Spitze der Stürmenden und „wurde gar sehr geworfen, dass ihm sein Antlitz mit Schweiss und Blut rann." Von den im Raubneste gefangenen Rittern wurden zehn sofort gehenkt; einer wurde, als minderschuldig, begnadigt und entlassen damit er seinen Helfershelfern den Ausgang berichte. Die Verbündeten bauten darauf an der Lahn, gen Runkel zu, zwei „neue Häuser" und beschlossen: „dass Herr Ulrich von Cronenberg Erbeburggrefe daruff soll sein; und demselben Burggrefen sal man geben, diese nehisten zwei Jare, alle Jare sechshundert Gulden, und darnach erbeclichen (erblich) vierhundert Gulden, daz er die zwey hüszere behuden und bewaren soll dem Riehe, den fursten, den Herren und den Steden, und darezu sal man ym geben drw (3) Jare alle Jare tusent gülden, (ihn) zu verbunden." — Uebele Schaarkunst der Frankfurter. Der Rheingau. 101 Vor diesem festen Platze hatten damals die Frankfurter böse Erfahrungen über ihre mangelhafte Schaarkunst (Taktik) und Disziplin zu machen. „Ihnen war ein Bollwerk übergeben das man mit vielem Blut den Feinden abgewonnen. Unbekümmert um des wachsamen Feindes Nähe zechen sie, bis nach Mitternacht alle berauscht in tiefen Schlaf sinken, aus welchem die wenigsten wieder erwachten. Denn kaum bemerkten die Belagerten von den Türmen herab die Todtenstille in dem Bollwerke, so wagten sie einen Ausfall, erstiegen die Brustwehr ohne Mühe und stiessen gegen 40 Bürger in bewustlosem Rausche nieder." Ulrich war schon seit 1349 Gerlachs ernannter Vicedom im Rheingau. Er hatte für die lebenslängliche Verleihung des Amtes seinem gnädigen Herrn 1000 Goldgulden zinsfrei vorgeschossen. Wirklich thätig wurde er dort jedoch erst 1354, nachdem Kuno und Gerlach gesühnt waren. Der Rheingau, dieser gesegnete Garten Deutschlands, erstreckt sich von Niederwalluf den Strom hinab bis Lorch und steigt in wechselnder Breite den dahinter emporragenden Teil des Taunus, das „Rheingauer- gebirg" hinan. Schon sehr frühe, unter Kaiser Otto I (961), war der Gau aus einem Königsgute ein erzbischöflicher Besitz geworden, jedoch mit geschlossener Selbständigkeit und eigener uralter freier Verfassung. Das Ländchen war ungewöhnlich dicht bestanden mit „besseren" Ministerialen (melioris parentelae) als Burgmännern. Es werden ihrer 58 eingeborene Geschlechter aufgezählt; davon blüht heute keines mehr. Der Rheingau war stets stolz darauf, dass in ihm „die Luft frei mache." Wenn „eine Henne (Zeichen der Leibeigenschaft) über seine Mauer flog," so erwarb der eingewanderte Fremdling binnen Jahresfrist die Freiheit. Seit dem elften Jahrhundert und vor allem durch die Cister- zienser der Abtei Eberbach, gegründet 1131, waren die Wälder gerodet, die Südhänge der Anhöhen mit Reben bepflanzt. Nachdem die alten Rheingrafen verschwunden, wurde die Ausübung der Landesherrschaft und Vogtei einem Statthalter übertragen, der als die „Vices domini gerens": Vicedom hiess. Das Vicedomat wurde bald lehn- bald amtsweise vergeben, selten unentgeltlich, meist gegen Vorschuss einer guten Summe Geldes an die erzbischöfliche stets trockene Kasse. Das Amt des Viztums, der auf der landesherrlichen Burg (Alta- villa) zu Elfeld sass, umfasste so ziemlich alles: allgemeines Landgericht, 102 Ulrich, 40 Jahre lang Vizedom des Rheingaus. Verwaltung des Landeseigentums namentlich des Waldes; Wahrung aller erzstiftischen Gerechtsame, Landeshaushalt, Landfrieden, Geleit, Judenschutz; Haltung eines „reisigen Zeugs auf Selbstkost und Ebenteuer" (eigene Gefahr), Oberbefehl über die Landfolge „während Reise und Orlog (Krieg);" überhaupt: „alles was der Landesherr selbst zu thun schuldig wäre;" also: der allmächtige Minister im Rheingau. Die baare Besoldung war gering: 40 Gulden jährlich. Die herkömmlichen beträchtlichen Naturalnutzungen mussten für das lästige Amt entschädigen. Sie bestanden in: Schutzhafer, Erbgülten, Mühlenschweinen, Wein- Frucht- und Kappen (Kapaunen)-zinsen, Beholzigung aus dem Kammerforste auf der Höhe, Jagd auf sämmtlichen Gaurevieren, Rugeanteile von Forst- und Dorffreveln, in vielen Klöstern Atz und Herberge. Dagegen kostete ihn der Vorschuss von 1000 Gulden an den Erzbischof: 100 Gulden jährlich. Gleichzeitig war der Vizedom Ulrich seines Herrn „vertrauter Rath." Mit dem Rathswesen hatten die Erzbischöfe derzeit ihre liebe Not. Die Geistlichen waren durchgängig die gewandteren und gebildeteren Geschäftsleute, die Weltlichen meistens nicht einmal mit dem Federkiel ausreichend erfahren. Dagegen aber führten die Laien eine kräftige Faust und sassen fest im Sattel. Die dienstliche Verpflichtung wurde nur auf gewisse Jahre eingegangen oder auf gegenseitige Kündigung. Daher steter Wechsel. Selten ragten Verdienste so hervor, dass das Verhältnis ein lebenslängliches wurde, wie bei staatsmännischen Sternen erster Grösse gleich Ulrich von Cronenberg, der gegen vierzig Jahre in dieser Stellung ausdauerte. Wir werden jetzt Ulrich 1 durch eine längere Reihe mannigfaltiger wichtiger und heikler Staatsgeschäfte begleiten können, wobei sehr zahlreiche unbedeutendere archivalische Nachrichten übergangen sind. Wir werden dabei sehen: dass damals ein Minister nicht nur aus dem stillen Heiligtume seines Kabinettes anordnete, sondern auch mit eigener Hand ausführte und dabei oft die eigene Haut zu Markte trug. Am 3. Januar 1354 beurkunden Antelmann von Graswege, Ritter und Rath, mainzischer Amtmann zu Bokenheim und Ulrich von Cronenberg, Vitzdum in dem Ringkauwe, Ritter, deren Volk im eppsteiner Dorfe Nied, bei Höchst, übernachtet und leicht geplündert hatte, dem Herrn von Eppstein zu seiner Satisfaktion und Beruhigung: dass diese Einführung wohlhabender Juden. Beraubte Kleriker. 103 Einquartierung mit besonderer Bewilligung seines Amtmanns zu Königstein, nicht etwa aus eigenem Rechte des Erzstiftes Mainz geschehen sei. Ob die Einquartierung den „Plunder" mitgenommen? erfahren wir nicht. Schon 1356 hatte Gerlach, aus Nürnberg wo er an der „gülden Bull" mitarbeitete, „Gottlieben einen Juden der zu Bischoffsheim (bei Mainz) gesessen was, in unsern Schirm und Geleyde genommen." Dieser erhielt Vollmacht: andere Juden zu bereden, in das Erzbistum zu ziehen, „und han Ulrich von Cronenberg, unserm Viztum in dem Ringgauwe, und den vorgen. Gotliebe auch die Gewalt gegeben, daz sie den Dienst, den uns die vorgen. Juden tun sollent, messingen (ermessen) und machen sollent nach allir bescheidenheit nach ire mögen, (wie sie es mögen). Dieser Dienst bestand in Gewährung sanfter Zwangsanlehen für die prachtliebenden Landesherrn. Im Jahre 1357 richten einige Kleriker von Lübeck, die unfern Babenhausen (bei Dieburg) ausgeplündert waren, nachstehende klägliche Liquidation an : „Domine Ulrice de Cronenberg, Vicedomine Ringaviae reverende. Folgendes ist uns abgenommen. Erstens: 57 Gulden baaren Geldes. Ebenso : ein Pferd mit Sattelzeug, 30 Gulden wert. Ebenso: ein doppelter Mantel, ein einfacher Mantel, nebst zwei anderen Mänteln, einem Ueber- kleide und einer neuen Joppe; das alles 10 Gulden wert. Ebenso: eine goldene Kette, mit einem goldenen Ring mit einem Saphir und einem silbernen Stiel (?). Das alles 6 Gulden wert. Dann ein Mantelsack, gewöhnlich: Watsack genannt, mit Inhalt als: Kleider Leinen Stiefel und verschiedene andere Dinge, 8 Gulden wert. Und drei Schwerter und drei Gürtel und drei Pilgertaschen, 6 Gulden wert. Dies wird beschwören D. Heinrich von Franckenfort, Vicar der Kirche zu Aschaffenburg, unser dafür bestellter Sachwalter." Darunter: „Von Seiten der bei Babenhausen beraubten Kleriker." Auf der Rückseite: „Memorial der spoliirten Geistlichen von Lübeck." Vermutlich bestand bei Babenhausen mainzer Geleit. Ob und wie den Lübeckern ihr Recht geworden? — ist nicht überliefert. Am 12. Mai 1357 erfuhr Ulrich I einen neuen dauernden Gnadenbeweis des Erzbischofs Gerlach, nachdem er diesem auf den Reichstagen zu Nürnberg (1355) und Metz (1356) zur Seite gestanden. Hier wurden, auf dem grossen Reichshofe, die sieben letzten Kapitel der ■■■■■■ Iji ( » I t ! f f. l ' ■>!' & I 104 Ulrich, mainzer Erbtruchsess und Lehnsmann. goldenen Bulle (eine Sammlung von Verordnungen) durch Karl IV verabschiedet und verkündet. Die Auszeichnung des „Ministers" bestand in der Belehnung mit dem Erbtruchsessenamte des Erzstiftes Mainz. In Ulrichs Patent hierüber heisst es: „Tun kunt und bekennen, daz wir anegesehen haben manigfeldigen getruwen nutzbaren annemen Dienst, den uns und unserm Stifte der streng Ulrich von Cronenberg Ritter, unsir Vitzdum in dem Ringawe, unsir und unsirs Stifts liebir getruwe, lange Zyt getan hat und noch in kunfftigen Zyten tun mag, und han demselben Ulrich und sinen rechten Libeslehnserben unser und uns egent. (eignenden) Stiftes erbe Truchs- seissenampt daz uns und unserme Stifte ist ledig worden . . . geluhen und lyhen mit diesem brieve, ewiclich zu behaldin und zu besitzin, mit allemdem rechte daz darczu gehöret . . . Geben zu Eltvil . . Anno 1357. Mit dem Erbtruchsessenamte waren verschiedene Güter verbunden, namentlich „der Burgkberg zu Wolfskel." Dadurch wurden die Kronberge fortan mit des Erzstiftes Frieden und Unfrieden eng verknüpft: als Hauptleute zum Schlagen, als Teidigungs- leute (Unterhändler) zum Vertragen. Hiezu kam das Lehnsband. Ihr vasallitischer Hülfedienst war genau bestimmt: eine Gleve. Diese taktische Einheit bestand in 3 Hengsten und 3 Glevenern, von denen einer zu Schild und Wappen geboren sein musste. Der Lehnsherr verpflegte und stand für den reisigen Schaden (an Pferden und Waffen), wenn nicht ausdrücklich bestimmt wurde: es gehe auf des Helfers, Dieners oder Lehnsmanns Ebenteuer, (avanture, Gefahr). Den Nutzen und Vorteil der Fehde „was angewonnen war," teilten die verbündeten kriegführenden Mächte. Die Helfer hatten sich mit der „reisigen Nähme die sie wegführen konnten," mit dem Plunder zu begnügen. Der Kriegslehendienst musste in Person geleistet werden und zwar von einem „Ledigmann, der gegen jeden und alle zu dienen frei war." Der Gerichtslehendienst der Erbämter, als Beisitzer im Lehenoder Kammergerichte, war unbeliebt; er galt als einigermassen entwürdigend: „kein Helmbusch, mit einer Feder hinter dem Ohr zugleich, möge zum Fenster hinausgucken." Der Hofdienst war, in müssigen Stunden, gesuchter. Man schmauste weidlich. Um sich seinen Anteil zu sichern kam man mit grossen Landvogt in Hessen, Westfalen, Thüringen und auf dem Eichsfelde. 105 Gläsern bewehrt zu Hofe. Hohe Feste waren: Huldigung dem neuen Erzbischof; dessen Konsekrirung und Beerdigung; Kaiserkrönungen, Reichstage, Konzile. Der Erbetruchsess diente, neben seinem Amte als Schüsselträger, vor allem als: Erbmannenrichter, (Truchsiz, zu Gericht Sitzer, Drost, vornehmer Rat). Ihm gehörte das Silbergerät worin er beim Einzüge des neuen Erzbischofs die Speisen auf dessen Tafel setzte. Dieses Recht wurde 1424 mit 200 Gulden vergütet. Einen so begünstigten und thatkräftigen hohen Diener des ersten Reichsstandes hielten sich alle die kleinen Nachbaren gern zum Freunde. Am 4. März 1358 thut Ulrich der Vicedominus kund: dass Herr Ulrich von Hanau ihn zum Burgmann auf Schloss Wonickin (Windecken) angenommen, mit 10 Pfund Heller (80 Goldgulden) jährlich. So sahen die damaligen Orden und Dosen in Brillanten aus, die an den leitenden Minister grösserer engbefreundeter Nachbarmächte verliehen wurden. Im Jahre 1362 schliessen die Grafen von Schwarzburg und die Grafen und Herren zu Hohenstein (am Harz) ein Schutzbündnis mit Ulrich von Cronenberg, Landvogt des Erzbischofs von Mainz in Thüringen. Hieher und auf das Eichsfeld hatte sich sein amtlicher Wirkungskreis ausgedehnt. Seine neue Bestallung lautet: Wir Gerlach - bekennen, dass wir den Vesten Ulrich von Cronenberg, Vitztum in dem Ringawe, unser Land und Leute die wir in Hessen, Westvalen, Sassen, Doringen und uff dem Eichssfelde — — mit allen Gulden (?) Gerichten bevolen han." - Das Amt dauerte so lange als Gerlach lebte. Um den obersten Rath unbefangener und zuversichtlicher in der Ausführung seines Dienstes zu machen, verspricht Gerlach (1363) dem Vicedom Ulrich und seiner Frau Gertrud: wenn Ulrich niederliege oder gefangen werde, so möge Frau Gertrud oder ihre Erben einen Vormund kiesen „der uns globin und sweren soll, und solde dann unser amptmann sin an des Ulrich statt als lang biss dasz wir ihn ledig und loisgemacht." Am 1. Juli 1363 erhält Ulrich einen Turnos (Anteil) am Zolle zu Gernsheim, so lange bis die Summe 300 Gulden beträgt. Am 24. Juli 1364 erklärt Ulrich, als Landvoigt des Erzbischofs von Mainz, an Otto von Rüsteberg: das deutsche Ordenshaus zu Alt- 106 Ulrich gefangen. Freiung von Schloss und Stadt Kronberg, 1367. Stadt Mühlhausen solle ungestört im Besitze des Rosenhains bleiben. Rosengarten, Rosenthal waren im Mittelalter sehr verbreitete Namen für heitere freundliche Thäler und Anlagen, wohl durch die Kreuzzüge eingeführt; Rosenkultur wurde darin nicht unbedingt getrieben; schon das Nibelungenlied singt davon. Wir übergehen zahlreiche Nachrichten von laufenden Regierungsgeschäften des Ministers Ulrich Rufus. Die Ehrungen dafür blieben nicht aus: Am 19. September 1365 wird, dem Vater zur Ergötzung und Erholung, einer seiner jüngeren Söhne, Ulrich II (54 F) damals Student der Rechte in Bologna, zum Propste des Stiftes St. Victor in Mainz gewählt. Im Jahre 1367 ernennt Kaiser Karl IV Ulrichen von Cronenberg zu „unserm lieben Getrewen und Rate." Damals trat auch die Zusicherung des Erzbischofs von 1363 in Wirkung. Gerlach erklärt zu Aschaffenburg am 9. Oktober 1367: „Als Friderich von Hohenryet der Junge Ulrichen von Cronenberg, unsern Vitztum in dem Ringauwe, gefangen hatte und yn schetzit an 3600 Gulden, von der ansprach wegen als er uns zusprach, von Frau Katharine von Bickenbach siner elichen Hausfrauwen wegen (also um eine Schuldforderung an den Erzbischof selbst): das wir darumb mit ime gütlichen verrichtet und gesunet sind." Man erfährt leider nicht: wie hoch der Erzbischof seinen Minister schätzte und auslöste. In demselben Jahre 1367, am 31. März, gewann Ulrich eine, für ihn und sein ganzes Geschlecht wertvolle kaiserliche Belohnung: die Freiung von Schloss und Stadt Kronberg, wodurch die Herren der Burg zu reichsunmittelbaren Gerichts- und Landesherren erhoben wurden: „Wir Karl . . . tun kunt . . . das wir angesehen haben ganze stete trew die wir allezeit vestigklich und unuebertroffenlich befunden haben an dem edeln Ulrich von Cronenberg vitztum in dem ringanaw, unsern lieben getrewen und heymlichen Rathe und ane andern sinen Ganerben zu Cronenberg, und auch von flissig getrew Dinste, die derselbe Ulrich und sine Ganerben zu Cronenberg uns und dem Riehe dicke (vielfach) und unvertrossenlich getan haben, stetig tun und auch nuz- lichen tun wollen und mugen in künfftigen ezigten (jetzigen) ziten . . . . , ihnen gnade getan dass sie in dem Sloss zu Cronenberg, das von uns unnd dem Riehe zu lehen rurt, gerichte und siben scheffen ewigklich haben mugen und das dieselben zu Cronenberg und in allen den Städten Blutgerichtsbarkeit und Marktrecht in Kronberg, 1367. 107 da das Gericht hintrifft, um Schuld, Rent, Gülte, Nutz und Gefälle, um Scheltwort, Frevel, Unrecht und um ander Sachen, alle auch die Leib und Guth mit ain oder ihr (irgendeinem oder ihnen) ainsbesander antreffen ... als des lands recht sich heischet; und umb des solche gerichte und rechtvertigkeit Furgang gentzlich haben muge, so haben wir den ganerben zu Cronenberg . . . erlaubt daz sie . . . galgen, stochke und halsgericht haben mugen und tun richten von unser und des richs wegen." Die Verleihung der Blutsgerichtsbarkeit beweist die ausgezeichnete Stellung der Familie. — „. . . Alle die izunt bürgere sin zue Cronenberg oder noch burger da werdent in kunfftigen ziten, geistlich oder weltlich lüde, cristen oder iuden . . . haben sullen alle die rechte, fryheit unnd gnade die unser und des richs burger zu Frankinfurt jetzo habent oder noch gewinnent, (also: Frankfurter Recht). . .; von bete wegen des egenannten Ulrichs gunnen (wir) in, mit craft diz brifs, das sie in icglicher wochen an der mitwoch einen wochenmark halten zu Cronenberg . . . in aller wise als . . . zu Frankinfurt recht und gewohnheit ist. . . " Die Marktgerechtigkeit war ein kaiserliches Reservatrecht, musste also verliehen werden. Frankfurt wehrte sich stets gegen die Entwicke- lung grösserer Märkte in den Nachbarstädten. Karl bestätigt dann auch den, soeben unter den Ganerben abgeschlossenen grossen Burgfrieden von 1367. Da dieser sich wesentlich mit dem Burgbau beschäftigt, so wird er im Abschnitte IV abgehandelt werden. In die Verleihung des frankfurter Stadtrechts an das Dorf Kronberg war auch dessen Ummauerung begriffen. Uebrigens sind die ältesten erhaltenen kaiserlichen Lehenbriefe erst von 1429 und 1442. Sie begreifen: Burg, Stadt und Thal (Dorf) zu Cronenberg, das Dorf Eschborn und die gemein (gemeinschaftlichen) „armen Leute" (Leibeigene) darin und darzu gehörende, mit allen ihren Herrlichkeiten, Wäldern, Wassern, Weyden, Nutzen, Renten, Diensten, Gerichten, Land und Leuten und aller anderen Zugehörung. —" Das Jahr 1369 war für Ulrich von einem Unglücksstern beherrscht. Es gab eine Fehde zwischen dem Grafen Walram von Sponheim und dem Herrn von Bolanden. Diesem letzteren „stellte sich entgegen Ulrich von Cronenberg, Vizedom und Hauptmann des Rheingaus, mit 600 Bewaffneten von dort, und es gab eine grosse Niederlage beim Dorfe Sprendlingen (bei Kreuznach); aber Ulrich war nicht siegreich. Nach- 1 108 Die widerwilligen Falken, 1369. Erzbischof Saltarellus. dem mehr als 300 Rheingauer getötet waren, wurden 16 Ritter gefangen, die sich später mit viel Geld lösen mussten. Ulrich aber kam aus der Niederlage zu den Seinigen nicht ohne Schaamröthe heim. Davon die im Rheingau betrübt, überhäuften ihn mit Vorwürfen und Schmähungen und erklärten ihn für einen „ribaldo et proditore," und verklagten seine Handlung beim Erzbischof." Ribaldi: eine ärmliche ausgerüstete Truppe für ein wagehalsiges Unternehmen; dann überhaupt: Landstreicher, Taugenichts. — Wie Gerlach den Handel aufgenommen, wird nicht erzählt. Ulrich aber meinte hinterher: „mit widerwilligen Falken seye nit gut beitzen." Am 1. Oktober 1372 ward ein vorübergehendes Bündnis mit Frankfurt geschlossen. Frank VII, Ulrich I und Johann III verpfänden der Stadt für 1000 Pfund Heller ihren Teil an Schloss und Stadt Kronberg und dem Gerichte zu Eschborn. Die Ursache, Wirkung, und Dauer des Vertrages ist unbekannt geblieben; der Kronenstamm war nicht betheiligt. Am 12. Februar 1371 starb Erzbischof Gerlach in Aschaffenburg. Zu Eberbach wurde er begraben. Das Domkapitel wählte Adolf von Nassau, Gerlachs Neffen und 19 Jahre alt. Kaiser Karl IV liess, durch den Papst, seinen Vetter Johann von Luxemburg einsetzen. Dieser zog am 10. Juni 1372 festlich in Mainz ein, starb aber schon am 7. April 1373. Er wurde ebenfalls in Eberbach beigesetzt. Wiederum wählte das Domkapitel den jungen Adolf von Nassau, der unterdessen Bischof von Speyer geworden war. Der Papst aber ernannte den Markgrafen Ludwig von Meissen, Bischof von Bamberg. Nun folgten längere heftigste Kämpfe, da Adolf im Besitze der festen Plätze des Erzstiftes war. Ludwig erhielt, 1381, zum Ausgleich, das Erzbistum Magdeburg. Er starb schon Jahres darauf eines, für einen der höchsten Kirchenfürsten Deutschlands nicht üblichen Todes. Am Fastnachtssonntag war er auf einem Balle im Rathstanzhause zu Kalbe an der Saale. Beim Tanze, seiner Leidenschaft (er dankte ihr den ehrenden Beinamen: „Saltarellus"), „begreiff her eyne erbar frawin an synen Arm"; da sah er plötzlich mit Entsetzen rings um ihn her die Flammen aufleuchten. Die Knechte die „mit den bornenden wischin (Strohfackeln) uff des tanscehus luchtin unde die wische von der treppin under sich worffin, da lagin undir leere vaz . . dy enprantin." Der Der neue junge Herr und der alte Minister, 1382—84. 109 Feuerschein verbreitete sich im Augenblick durch den ganzen Saal. Der Erzbischof „lif mit er yn dem derrenge dy treppin abe;" diese krachte unter der Last zusammen, ihrer 300! stürzten hinab, mit ihnen Seine Gnaden; „quam uff synen koph und vil sich tod, unde dy frowe blib lebinde. Viele springen aus dem Fenster, brechen Arm und Been. Das war grot jammer van ropen und schriende: „o we mines jungen lives," etliche: „o we dat ich jue geboren wart". — Nun war Adolf I, im Alter von 30 Jahren, unbestrittener Herr der Erzdiözese Mainz. Zunächst regierte er mit dem allmächtigen Minister seines Oheims weiter. Ulrich hatte gegen Ludwig für Adolf gefochten. Vielleicht traute der Alte der Standhaftigkeit des jungen Herrn nicht so ganz. Aus dem Jahre 1374 haben wir zu diesem Verdachte zureichenden Grund durch folgende Urkunde aus Speyer vom 2. August: „Wir Adolff von Gots Gnaden Bischoff zu Spir und Vormund des Stiftis zu Mentz, bekennen öffentlich mit diesem Briefe, dass wir Ulrich von Cronenberg, Vitztum in dem Ringkau und lieben Getreuen, geridt und globet, und globen und redin in guten Truwen in diesem Briefe: dass wir uns mit Hrn. Lodewigen von Missen, Bischof zu Babenberg, nicht richten oder sünen sullen nochen wollen, in keinewys von dem Stifte zu Mentz zu kommen, dann mit vorgen. Ulrichs Willen und Ver- hengnisse (Einwilligung) Vermutlich gab es eine Friedenspartei (die päpstliche), die auf Adolfs Verzicht hinarbeitete. Der alte eiserne Ulrich aber verlangte: Aushalten! Am 30. Juni 1384, also nach kaum 2 Jahren ertönt bereits ein schriller Missklang zwischen dem jungen Herrn und dem alten Diener. Letzterer wurde öffentlich „desavouirt." Die Urkunde lautet: „Wir Adolf bekennen: . . . umb solichen Brieff den Ulrich von Cronenberg, unser Vitzdum in dem Ringauwe, dem hochgeborenen Hermann Landgraf zu Hessen gegeben hat, darynne Wir verzihen (verzichtet) sollen haben uff soliche Hulffe, die der hochgeborene Furste, Herr Otto Hertzoge zu Braunschweig uns und unserme Stiffte, von Verbundnisses wegen, tun solde widder den obgenanten Hermann; Des bekennen Wir und sprechen als wir billich sollen, daz Ulrich von Cronenberg . . . denselben Brieff als einen ungerechten (unrichtigen) Brieff dem egen. Hermann geben hat one unsern willen, wissen und ver- 110 Ulrich in Eberbach. 1386. hengnisse getan und gegeben hat; als daz auch der vorg. unser Vitzdum vor viel Grafen Herren Rittern und Knechten, liplichen (leiblich) zu den Heiligen geschworen und uns des entschuldigt hat. Datum Treyse 1384." Vielleicht war dieser Schwur der letzte Beweis der Ergebenheit, mit der Ulrich seinen jungen Herrn aus einer nicht mehr durchsichtigen Klemme zog. Vielleicht war es das alte Lied von abständig gewordener Weisheit und jugendlichem ungeduldigen Nachwüchse in der kurfürstlichen Umgebung. Für uns endigt hiemit des „rechten Armes" dreier Erzbischöfe irdisches Wirken. Im Jahre 1386 ging er zur ewigen Ruhe. Auf dem Kirchhofe des Klosters Eberbach „unter der grossen Linde" wurde Ulrich I bestattet. Den nüchternen Abschluss seines machtvollen Lebenslaufes bildet die Rückzahlung der 1000 Gulden, die Ulrich für das Vicedominat vorgeschossen, an die Wittwe Gertrud, am 6. Dezember 1386. Auch sie ruht „unter der grossen Linde." Beider Grabsteine wurden dort vor etwa 100 Jahren noch gelesen. Die Linde ist längst gefallen. Der ehemalige Friedhof zu Eberbach dient jetzt auf seiner, die versunkenen und vergessenen Gräber schützenden Oberfläche der nützlichen Gemüsepflanzung für die Strafanstalt, die leider noch heute dieses grossartige Denkmal der romanischen frühgotischen Bauzeit verschändet. VI. Die Kronberge werden durch Walter VIII (53 F) die weiblichen Vorfahren der souverainen Häuser: Preussen, England, Hannover, Bayern, Sachsen-Weimar, Hessen, Sachsen-Coburg-Gotha, Mecklenburg-Strelitz. a* Noch: Siebente Geschlechtsreihe. II. Kronenstamm. Drei Kinder Hartmuts VI (47 K): II. 1. Johann III (56 K), 1367- 1404. II. 2. Grede. II. 3. Elisabeth. II. 1. Johann III war mehrmals verheiratet: 1382 mit Margret vom Flügelstamm, Schwester des Vicedoms Ulrich; in späteren Jahren mit Kunigunde von Oberstein. Er war Burggraf zu Eltville 1367- -1399. Dieser Stellung lagen Darlehne an die stets geldbedürftigen Erzbischöfe von Mainz zugrunde. Im Jahre 1391 schuldete ihm Erzbischof Konrad: 4000 Gulden. Im Jahre 1383 kauft Herr Hans von den Nonnen zu Tiefenthal (bei Neudorf im Rheingau) das Haus Höhen-Reiff zu Mainz, dann der Kronbergerhof genannt, „auf dem Eck der jetzigen Gymnasiumsgasse." Nach dem Rechnungsbuche der Turniergesellschaft „zum Esel" war Johann von Cronenberg im Jahre 1394 deren König. Seine sieggekrönte Abwehr der Stadt Frankfurt und seine Zwiste mit seinen Söhnen werden alsbald erzählt werden. II. 2. Grede war verehelicht mit Johann Marschall von Waldeck-Yben, bei Kreuznach. Am 27. November 1367 hat sie ihre Heiratsgüter zu Hochheim, Seil- 112 Die reiche Frau Elisabeth Erbach-Kronberg. Achte Geschlechtsreihe. furt und Rüsselsheim (alle am Main gelegen) verkauft und das Geld in der Gemarkung von Lorch angelegt. Dieser Vorgang liefert ein Beispiel: dass das Heiratsgut der Töchter häufig in Grund und Boden bestand. So erklärt sich zumteil das rasch wechselnde Auftreten und Verschwinden des Besitzes an Gütern und Gülten. Der rasche Umsatz macht jede annähernd vollständige Uebersicht über den Güterbestand der Kronberge in einem bestimmten Zeitpunkte einfach unmöglich. Zudem sind die Urkunden höchst vereinzelt und zersplittert auf uns gekommen, mithin geben sie nur völlig abgerissene Nachrichten über die wirtschaftlichen Umsätze und sonstigen Bewegungen. II. 3. Elisabeth. Von ihr berichtet die gräflich Erbachische Historie: Elisabeth, Gemahlin (des Schenken) Eberhards des Aelteren von Erbach (IX, 1372 bis 1425) Tochter Hartmuts (VI, 47 K) von Cronenberg, der die Meerfahrt nach Jerusalem (1350) gethan. Sie brachte dem Hause ein ehrliches an Dannenbergschen (Tannenburg) Gütern zu, so dass die Erbachische Güter gar ausnehmend vermehrt und ihren Nachkommen einen reichen Seegen hinterlassen hat." Im Jahre 1405 hatten die Kronberge eine Bescheinigung auszustellen: dass Elisabeths Sohn, Hans Erbach, von der Mutter her edler Abkunft sei. Dieses Bedenken bezog sich auf die Grossmutter Margarethe von Heppenheim. Man erkennt hier den Unterschied des Standes zwischen Reichs- und landesherrlichen Ministerialen. Elisabeths Nachkommen sind 1472 im Erzstift Köln und 1459 in Essen aufgeschworen, wo nur hoher Adel zugelassen wurde. Die Unterscheidung des hohen Adels vom mittleren und niederen tritt in den Urkunden aus dieser Zeit durch die Titulatur scharf hervor: Dominus Ulricus de Croninberg. — Eberhardus Dominus de Erbach. Die jetzt folgende Achte Geschlechtsreihe greift bereits, jenseit 1400, in das nächste 15. Jahrhundert hinüber. Sie wird hier kurz namentlich vorgeführt, da ihre Glieder in der Mehrzahl schon an der grossen Familienthat beteiligt waren: dem Kampfe mit Frankfurt. Es ist die letzte Geschlechtsreihe der mittelalterlichen Kraftmenschen. Wechselnde Bündnisse mit Frankfurt. 1380. 113 I. Flügelstamm. A. Fünf Kinder Franks VII (49 F): I. A. 1. Walter VIII (53 F), 1348—1402. I. A. 2. Jakob I (53a F), f vor 1367. I. A. 3. Philipps I (53b F), 1370—1381. I. A. 4. Elsa (Margret) heiratet Hans Rüde von Collenberg, J - 1395. I. A. 5. Lysa heiratet Johann Waldecke, gen. Saneck, 1364—1398. I. A. 1. Walter VIII (53 F). Er war verheiratet: 1. mit Gezele (Geze, Gertrud) von Hatzfeldt; 2. seit 1398 mit Elisabeth Frau (Edle) von Runkel. Am 9. August 1370 verleihen die Ganerben von Reiffenberg den dortigen Einwohnern einen Freiheitsbrief. Ihn siegeln auch Walter VIII (53 F) und Philipps II (53b F) von Cronenberg, Brüder; sie waren durch ihre Mütter, beide Reifenbergerinnen, dort eingeerbt. Die Geldgeschäfte Walters und Gezeles mit dem Erzbischof Adolf I laufen durch mehrere Jahre bis 1389; sie steigen bis in die Tausende. Bei diesen Umsätzen erwarb er Burg Steinheim am Main. Im Jahre 1380 schliessen Rath und Bürgerschaft von Frankfurt ein Bündnis mit Walter VIII und Hartmut VIII (59 K) nebst ihren Söhnen und Erben, zu gegenseitiger Beihülfe, jedoch ohne Baarzahlung. Es war auch nicht von Bestand, denn bald darauf ist abermals Fehde; dann wiederum geloben die Kronberge: Oeffnung ihrer Burg und Befehdung aller Feinde des Rathes gegen ein nicht genanntes Jahrgeld. Dieser fester gekittete Bund hielt etwas länger, bis zu Ende des Jahres 1388. Uebrigens nahmen nicht immer alle Kronberge an allen ihren Spähnen Teil. Zuweilen waren einzelne die neutralen Vermittler oder standen auch ganz abseits. Walter VIII war ohne Zweifel ein Geschäftsmann im grossen Stile.; seine Kapitalumsätze erscheinen sehr bedeutend. Er lebte häufig auf seinem ansehnlichen „Kronberger Hofe" zu Frankfurt und hatte zweifellos gute Beziehungen zur dortigen hohen Finanz. Weit lebendiger und nachhaltiger aber ist seine Bedeutung für die späte Nachwelt geworden; denn durch seine und Elsen von Runkels Tochter Anna wurde er der gemeinsame weibliche Vorfahr der souve- 8 114 Walters Nachkommen auf den Thronen. rainen Häuser: Preussen, England, Hannover, Bayern, Hessen, Sachsen- Weimar, Sachsen-Coburg, Mecklenburg-Strelitz. Die beglaubigte Ableitung dieser erlauchten Abstammungen wird der nächste Abschnitt III bringen. Walter VIII starb 1398. Wahrscheinlich liegt er in der Mitte der Burgkapelle. Auf dem völlig abgetretenen Steine ist nur noch zu entziffern: M. C. C. C. nonag .... (139?). I. A. 2. J ako b I (53a F) wird nur einmal erwähnt als mit Luzia von Sturmfeder verheiratet. Er muss vor 1367 gestorben sein. Grabstätte unbekannt. I. A. 3. Philipps I (53b F). Wir lernten ihn als Ganerben von Reilfenberg, 1370, kennen. Sonstige Schicksale und Grabstätte unbekannt. Wahrscheinlich war er geistlich. Er führt auf dem Helme die mütterlichen „Ohren" der Reiffenberge. Burg Reiffenberg. VII. Burg Reiffenberg und Hattstein. Die grimmigen Löwen. IE nahen Beziehungen der Kronberge zu diesen Nachbaren machen es wünschenswert, sie und ihre Wohnsitze wenigstens flüchtig vorzuführen. Nordwestlich vom Feldberge, nahe dem römischen Pfahlgraben erheben sich am Nordrande eines rauhen unwirtbaren Thaies auf der steilen äussersten Spitze eines Felsrückens die einsamen Trümmer des Schlosses Reiffenberg. Ein Graben, über zwanzig Meter ~ ' ' tief, mehr als hundert Meter lang und sieben breit in den Felsen gehauen, trennt die Burg vom Hinterlande; hier schnitt zudem eine dreifache Mauer ab. Aus dem wüsten Ruinenfelde erhebt sich ein runder Turm gut dreissig Meter hoch, nicht fern von ihm ein etwa fünfundzwanzig Meter hohes viereckiges Gebäude (Palas?) Ueberbleibsel der Mauern auf der südwestlichen Angriffsseite zeigen eine Stärke von vier Metern. Der Name der gewaltigen Burg ist wohl am richtigsten vom altdeutschen „reif" (kalt) abgeleitet: der kalte Berg. Hier tritt urkundlich 8« 116 Die grimmigen Löwen, im Jahre 1267 ein Geschlecht auf, das nicht zu den Dynasten gehörte, das aber die kleine Herrschaft Reiffenberg frei von jeder Landes- und Lehnshoheit besass, das sogar später ausserhalb der mittelrheinischen Reichsritterschaft stand. Sein Wappen war: im silbernen Schilde drei rote, von rechts oben nach links unten laufende Balken, meistens mit einer Brücke im Schildshaupte; als Helmkleinod zwei Ohren. Um 1340 war Reiffenberg bereits ein Ganerbenhaus, das Eigentum von vier, deutlich unterschiedenen Stämmen. Ihre erste grosse Fehde, mit Philipp dem Stummen von Falkenstein (1347), wird später in Königstein berichtet werden. Vielfach waren die Reiffenberge der Stadt Frankfurt verbunden, so: 1380, 1444, 1460. Oefter noch waren sie der Städte grimmige Feinde, so: 1377- 1380 in deren Fehde mit Ulrich I von Kronberg und seinen Söhnen, wovon wir übrigens näheres nicht wissen. Der Rath beschloss damals: „Wer der Stade Fiende eynen fahet, der eyn Hauptmann ist, mit Namen Herr Ulrichen von Cronenberg oder Herr Philipse (II) oder Franken (VIII) sin sone oder Henne (Hans) von Riffenberg . . . dem vil der Rad . . . hundirt Gulden geben; wer aber eynen der uff syne eygen Hengiste sitzet, fahet, der nit ein Hauptmann ist, dem will der Rad zehin Gulden geben; wer aber eyn gewapent reisige Knecht fahet, dem vil der Rad vier Gulden geben, und wer eynen armen mann (Hörigen) fahet, dem will der Rad einen Gulden geben." — Auch die Ritter-Gesellschaft „mit dem grimmichen Löwen," deren Hauptmann in dem Niederland (im Gegensatz zum Oberrhein) Johann von Reiffenberg war, nahm Teil; sie sendete am 16. August 1380 einen Absagebrief an die Stadt wegen des Unrechts das sie gethan hätten „Ulrichen von Kronenberg, Vitzdum in dem Ringow und Franken sine sun" . . . und an Johann von Reiffenberg . . . und Walter (VIII) von Kronenberg (Ganerbe zu Reiffenberg) „wenn sie nun unsere Gesellen sine in dem Lewen und wie (wir) sie, von Gesellschaft wegen, nit gelassen mügen, .... herumb so wollen wir Frank Heinrich von Mont- fort hre zu Tetnang, Ulrich Grave zu Würtemberg Kung der Gesellschaf mit dem Lewen zu Swaben, Lutringen, zu Elsaz, zu Franken; und Ulrich von Hohenloch, Ott von Hachberg (Hochberg), Markgrave Hans von Hachberg .... fünf Grafen von Zollern, .... Herren, Ritter, Knechte . . user (euer) Find sien." gestiftet in Wiesbaden, 13. Oktober 1379. 117 Ihnen schlössen sich an: Graf Hugen von Hailgenberg, Herzog Lüne von Tegk, Graf Hans von Wirtemberg der junge und Graf Friedrich von Helfenstein. Die gross angelegte Fehde kam jedoch damals noch nicht zum Ausbruche, man sieht indessen: wie stark sich der Adel, den Städten gegenüber, organisirt hatte. Die Löwengesellschaft war gestiftet zu Wiesbaden am 13. Oktober 1379. Sie bezweckte: gegenseitigen Schutz des hohen und niedern Adels wider die Städte. An der Spitze standen vom Mittelrheine: Wied, Katzenelnbogen, Nassau, Isenburg; dann: Ulrich I, Johann III (56 K), Walter VIII, Frank VIII (52 F) von Cronenberg, drei Reiffenberge und andere. Der Bund sollte bis 1382 gelten. Die Ritter trugen goldene, die Edelknechte silberne Löwen. „War eine Gesellschaft auf dem Rhein von Grafen, Herren, Rittern und Knechten, die nannte sich die „Brummenden Löwen" und darin war der von Würtemberg auch und der schwäbischen Ritter und Knecht viel, und die waren Feind der Stadt Frankfurt (1380) und zogen für sie und drungen die Stadt dazu, dass sie musste mehr denn 26 Gefangene (von des Bundes Leuten) losgeben und ledig sagen ohne Heller und Pfennig. Die Löwen waren von Kält (?) und währeten nit long." Der Ritterbund zum Löwen dehnte sich in sehr kurzer Zeit vom Fusse der Alpen bis an die Nordsee aus. „Der Bischof von Strosburg und vil andern Herren machtent sich in die Löwengesellschaft; dis ent- sossent (entsetzten) sich etliche Stette an dem ryne und trugent ane mit den von Strosburg, Ehenheim (die kleinste aller deutschen Reichsstädte), Sletzstatt, Hagenowe, Wissenburg, Spore (Speier), Mentz, Wurmesse, Frankefurt und andern Stetten, das sii sich gesamene verbundent, den vorgenanten geselleschaften zu widerstünde, und das hies der rynesche Bund." Der Flügelstamm der Kronberge gehörte zwar seit 1379 zum Löwenbunde; der Kronenstamm aber hatte in demselben Jahre die Burg gegen einen gewissen Sold der Stadt Frankfurt „geöffnet," auch sich verpflichtet: deren Feinde zu bekämpfen. Alle diese wechselnden Beziehungen sind hülflos verworren. Im Jahre 1406 gab es wieder Unfrieden mit Walter von Reiffen- berg. Er trieb den Frankfurtern 22 Hämmel fort, beraubte auch die 118 Die blutigen Viehfehden zwischen Reiffenberg und Frankfurt. Messkaufleute. Vor Gronau (bei Bensheim) nahm ihnen, 1411, Philipps von Reiffenberg 600 Schaafe. Dagegen trieben, 1413, der Stadt Diener 78 Kühe und 31 Ziegen vor Reiffenberg fort. Gegen diese wurde ein, bei Kloppenheim niedergeworfener frankfurter Bürger und Gärtner ausgewechselt. Nach längeren vergeblichen gegenseitigen Beschwerden vor Kaiser Sigismund gelang, 1413, drei Brüdern Reiffenberg ein ganz besonderes Heldenstück. Von Frankfurts Thoren trieben sie den Messfremden 300 Schweine, den Bürgern 139 Kühe und 100 Hämmel weg. Derart dehnte sich die Fehde, ohne wesentliches Vergiessen von Menschenblut, noch längere Zeit hin. Im Jahre 1419 wurde sie gesühnt. Keiner durfte wieder anfangen ohne ein ganzes Jahr vorher „in irem uffen versiegelten Brieffe die Fürwort uffgesagt zu haben." - Nördlich von Reiffenberg im dichten Walde lagern auf einem Felsenhügel die spärlichen Trümmer der kleinen Burg Haustein. Sie soll von Hatzicho (Hatto) von Reiffenberg im zwölften Jahrhundert gebaut sein; so früh dass seine Linie den Namen des neuen Wohnsitzes annahm. Sobald diese Zweigniederlassung auftaucht, ist sie ein gefährliches Raubnest. Auch zu den Vettern Reiffenberg standen die Hatt- steiner nicht immer verwandtschaftlich. Im Jahre 1363 ward Friedrich von Haustein, Hauptmann der Stadt Limburg, von den Reiffenbergen rühmlich erschlagen; denn er war so stark, „dass er eine Ohm Wein (etwa 300 Liter) aufhob und aus den Spunten trank." Im Jahre 1393 entbot der Landvogt des Landfriedens am Rhein, Schenk Eberhard von Erbach: Mainz, Trier, Pfalz, Falkenstein und die Wetterau zu einem Strafgerichte über die Quälgeister im Neste Haustein. Frankfurt sendete 38 Mann nebst Gleven; dazu sechzig Schützen in Barchent und rot und schwarz Tuch gekleidet, sammt drei Pfeiffern. Sie führten Zelte, Panier, viel wagen und auf dreissig Karch (Karren): Fleisch, Wein, Stockfisch, Brod von Korn (Roggen) und Waitzen; Hafer, Erbsen, Breimehl, Zwiebeln, Wachs zu Kerzen, Lichter mit sich, und eine grosse Büsse sammt Munition. Ein Priester mit einer Lade, Brodtüchern und andern Zubehör zu unsers Herrn Leichnam fehlte nicht. Der Schöff Jakob Klobelauch und zwei frankfurter Ratsherren zu Pferd begleiteten den Zug. Aehnlich die anderen Verbündeten; es waren „wohl tusend wagen und karren." Die Städte hatten „grosse Büxen, deren schoss eine sieben oder acht Zentner schwer;" „do gingen Burg Hattstein 1393. Pougna pro patria! 1431. 119 die grossen Bossen an, der man numme gesehen enhatte uf ertrich von solcher grosse und von swerde" .... „und wisset auch daz man mit den Bussen, die man itzund hat, dicke (häufig) und feste durch das Hus schisset." Burg Hattsteins Niederlage erschien unvermeidlich. Aber die Befehlshaberschaft und Schaarkunst der Belagerer entsprach nicht ihrer Ausrüstung an Proviant und Geschütz. Die einzelnen Kontingente gehorchten nicht des Königs Landfriedens-Hauptleuten. Die Belagerten wehrten sich tapfer und wurden sogar von den mitbelagernden Falkensteinern mit Waffen und Lebensmitteln heimlich versehen; deren Leute zogen ohne Urlaub ab. Bald fehlte in der Wildnis Nahrung und Munition; Fürsten, Söldner, Ritter, Knechte liefen davon. Erst im Jahre 1431 wurde Burg Hattstein vom Vicedom des Rheingaus, Adam von Allendorf erstürmt. Der Haupträdelsführer Dietrich von Hattstein nannte Allendorf und die anderen Führer im damaligen höflichen Briefstile: „verzagte Schälke (Knechte), ehrlose treulose Bösewichter und Lügner." Dietrich muss dabei nicht ohne einige klassische Bildung gewesen sein. Seine Briefe beginnen: Pougna pro patria! — Wir kehren von diesem kleinen Ausfluge nach Kronberg zurück. VIII. Allerlei Politik und diplomatischer Stil. Der entartete Wilhelm II (73a U). Noch: Achte Geschlechtsreihe. I. B. Die zweite Linie des Flügelstamms bildeten die Kinder des Vicedoms Ulrich I: I. B. 1. Frank VIII (52 F) verbrachte sein Leben bis zu hohen Jahren, in rühriger öffentlicher Thätigkeit. Diese war wesentlich dem Dienste der Erzbischöfe von Mainz: Konrad II (von Weinsberg, 1392- 1396) und Johann II (von Nassau, 1397- 1419) gewidmet. Zur Ausgleichung bedeutender Geldvorschüsse war er, von 1392 an, Amtmann des Schlosses Hofheim (bei Höchst). Dort baute er aus eigenen Mitteln so reichlich an der Befestigung, dass er dafür, am 25. Februar 1400, durch eine Anweisung über 6000 Gulden auf die Rheinzölle zu Ehrenfels und Lahnstein entschädigt werden musste. Am 14. März 1404 wird ihm, für abermals 1000 Gulden, das mainzer Amt Dypurg verschrieben. Frank VIII verpflichtet sich 1405 dem Erzbischof Johann II zur Fehde gegen Hessen. Sie war dadurch veranlasst, dass bei König Wenzels Absetzung (1400) Herzog Friedrich von Braunschweig zu seinem Nachfolger gewählt war. Als der Herzog und sein Schwager, Kurfürst Rudolf von Sachsen heimritten, wurden sie bei Fritzlar vom mainzer Statthalter im Eichsfelde, Graf Heinrich von Waldeck und von mainzer Lehnsleuten überfallen. Nach hartnäckigem Gefechte wurde Herzog Friedrich niedergemacht. Der Verdacht dieser Unthat blieb auf Erzbischof Johann II haften, denn alsbald wurde dessen Kandidat Pfalzgraf Ruprecht unbeanstandet zum Könige gewählt. Trotz der Rechtfertigung Der ungeschminkte Markgraf von Meissen. 121 durch den Statthalter Waldeck, der die That auf sich und seine Gesellen nahm, befliss sich der Markgraf Wilhelm von Meissen in einem öffentlichen Aktenstücke einer sehr wenig geschminkten Sprache über den hohen geistlichen Fürsten: . . . „Und alz" der Erzbischof „uns nenet synen Schulmeyster, alz wist, dasz wir zu ny keyner Schule gegangin habin, daz wir leyder weder Schriben noch Lesen können; und uns were leyd, daz wir Solche Schulen gesucht hetten, da wir gelernt hetten solche Tugke alz Er gelernt hat. In den Tugken und Künsten, die er kan, wir ny Schuler noch Meister gewest syn, als er ist ... . wie er sich in dem Gescheffte mit dem von Lyningen gehalten hat, der zum Erzbischoff gekoren waz, an deme er Meyneide swur .... Ouch habt ihr, und Lande und Lute, wol irfarn, wie Herzog Friedrich von Braunschweig unser Ohm, dem Gott gnade, der zum Kurfürsten Fürsten und Herrn geen Frangkenfort verboten wart, und ander Fürsten und Herrn gefangen und geschindt (beraubt) worden. . ." Franks VIII Frauen waren: 1. „Filia" Schönberg von Wesel; 2. Anna von Hatzfeldt. Seine Ruhestätte ist in der Burgkapelle. Auf seinem Steine unter der Empore ist heute der Name kaum zu erkennen; dazu der Ohrenhelm der Grossmutter Sophie. Öfter las im Jahre 1763: „unter der Orgel": Ao. Doni. 1422(9?) o. Dns. Francko de Croneborck, pace. amen. I. B. 2. Philipps II (54 F). Er erscheint von 1370—1388. Im Jahre 1374, auf dem Turnier, zu Esslingen, ist er zur Helmteilung verordnet. Im Uebrigen bleibt seine Gestalt völlig dunkel. I. B. 3. Ulrich II (57 F). Es ist bezeichnend für die damaligen Misbräuche und Unsitten in der höheren mainzer Geistlichkeit, dass Ulrichs öffentliches Auftreten, nachdem er schon als Knabe Kanonikus in Mainz geworden, sofort mit seiner Wahl zum Propste des Stiftes St. Victor, im Jahre 1365, beginnt. Er war damals erst Subdiakon. Noch mehr: er wird gewählt während er noch zu Bologna „mit löblichem Fleisse die Rechte studirt." Wir finden Ulricus und Baltherus (Walter IX, 58a F) de Cronenberch, mit ihrem Magister Hermannus de Pomoerio (?), aus der Diözese Mainz, 122 Der gewandte Propst Ulrich II, Student in Bologna 1366. im Jahre 1366 als Studenten bei der germanischen Nation der Universität Bologna eingeschrieben. Sie bezahlten 10 Pfund weniger 6 Heller an Gebüren. Im Jahre darauf, vom 18. Januar 1367 bis 9. Januar 1368, war Ulrich: „Prokurator nationis Germanicae." Von dort trat er unmittelbar in sein Amt als Propst von St. Victor. Der Erzbischof Konrad II (von Weinsberg) war 1390 gewählt. Es scheint dass Ulrich II sich hiebei bewährt hatte. Denn sofort nach der Wahl, noch aus Winsperg am 27. Februar 1390, erhebt Konrad „pri- marias preces," die erste unabschlägliche Bitte des neuen Landesherrn, für den Sohn des hochverdienten Vicedoms, Herrn Ulrich von Cronenberg wegen zweier weiterer Pfründen: erstens in dem Kloster zum Ruprechtsberge (über Bingerbrück), gleichzeitig im Kloster Ulnhusen (Aulhausen) bei Assmanshausen. Am 9. Mai 1393 erhält Ulrich II, Domherr, einen Schuldbrief vom Erzbischof Konrad über 200 Gulden, die bereits seinem Vater auf den Zoll zu Gernsheim verschrieben waren. Im Jahre 1397 war abermals Wahl in Mainz. Ulrich II erscheint unter den Wahlkommissaren. Sie entschieden sich für den Domherrn Gottfried von Leiningen. Ein anderer Domherr indessen, der uns schon bekannte Johann von Nassau, begab sich still und eilig nach Rom, mit guten Reisewechseln versehen. Er wandte beim heiligen Vater eine kraftvolle Handsalbe von 70,000 Dukaten an und Bonifaz IX ernannte ihn zum Erzbischofe. Gottfried wollte sich widersetzen, aber der Papst drohte den etwa ungehorsamen Domherren mit Sperrung ihrer Tem- poralien und laudabiliter se subjecerunt. Dem reuigen Sünder Ulrich wies der neue Erzbischof 50 Gulden, für 10 Jahre, auf den Zoll zu Ehrenfels an: „wegen ausgezeichneter Dienste." Schon im Jahre 1381 hatte der Propst Ulrich auf die Pfründe der Kapelle im Rudharteshain über Kronberg verzichtet, mit der er beliehen gewesen war. Sie gehörte zur Kirche St. Peter extra muros in Mainz. Statt seiner erhält die Pfründe: Johann, Sohn des Konrad Sartoris (oder: des Schneiders) zu Kronberg. Ulrich starb 1403. Seine Begräbnisstätte ist unbekannt. I. B. 4. Dietrich II (58 F) war 1386 Domherr zu Trier, auch 1390—1397 Kanonikus und Sänger zu Aschaffenburg; 1391 Pfarrer zu Eschborn. Grabstätte unbekannt. Die von Bommersheim. Hartmut VIII. 123 I. B. 5. Walter IX (58a F) hatte 1366 zu Bologna studirt; später war er Geistlicher zu Lorsch. I. B. 6. Die Tochter Bingel war, 1360, verheiratet mit Heinrich von Langenau, von der Lahn. Diese Familie erlosch 1613. I. B. 7. Ulrichs I Tochter Grede war verheiratet (1375- 1386) mit Wolf von Bommersheim. Ein uralter Ort. Schon 792 erhielt Kloster Lorsch dort eine Schenkung. Der fränkische Herzog Eberhard, Bruder König Konrads I (911—919) war in Bommersheim ansässig. Nach seinem Sturze schenkte, 948, Kaiser Otto I den Besitz an die Abtei Hersfeld. Die von Bommersheim, auf dem dortigen Fronhofe, erloschen 1498. Als ein arges Raubnest in Frankfurt übel beleumdet, wurde die Burg dreimal: 1376, 1382, 1391 zerstört. Noch: Achte Geschlechtsreihe. II. Kronenstamm. Drei Söhne Johanns III (56 K) und der Margarethe vom Flügelstamm, Schwester Ulrichs I: II. 1. Hartmut VIII (59 K) der Aeltere, 1371—1412. II. 2. Johann IV (70 K), 1396—1401. II. 3. Hartmut IX (73 K) der Jüngere, 1396—1406. Ihre Erlebnisse fallen wesentlich in das nächste, 15. Jahrhundert. II. 1. Hartmut VIII der Aeltere (59 K). Seine erste Frau war Lorchen vom Ohrenstamme, Tochter Walters VIII (53 F). Ueber seine zweite Frau Else Hattstein liegt folgende Nachricht vor: 1413. Wolf von Bommersheim, seine Ehefrau Else und Katherinchen Hartmuts (VIII) sei. Schwestertochter (Mutter unbekannt) stiften der Kirche zu Kronberg ein Seelgeräthe für das Gedächtnis des Hartmut sei., der Eisens Hauswirt war. Er starb also spätestens 1411. Sein Grabstein liegt in der Mitte der Burgkapelle. Umschrift: AN.(ID)US O (ctobri) S. O. HARMOTH . . . Darin nur noch erkennbar: Kronen- stammhelm und Dalbergwappen. 124 Wilhelm II und die Klüppel von Elkerhausen. II. 2. Johann IV (70 K). Mit seiner Frau Katharina Cämmererin von Worms, genannt von Dalberg hatte er eine Tochter Elisabeth, die mit Friedrich von Fleckenstein (im Elsass) verehelicht wurde; sie starb 1416. II. 3. Hartmut IX, der Jüngere (73 K). Alles was wir von ihm selbständig wissen, fällt in das nächste Jahrhundert. III. Unbestimmbare Glieder der Achten Geschlechtsreihe: III. 1. Anna von Kronenberg, 1385 verheiratet mit Hans von Rosenberg, ein Geschlecht aus dem badischen Franken. III. 2. Wilhelm II (73a U). Ein wenig würdiger Namensvetter seines ruhmreichen Vorfahren aus der Schlacht bei Göllheim, erscheint Wilhelm II in recht bedenklicher Gesellschaft. Die Klüppel von Elkerhausen verübten aus ihrer Burg an der Lahn eine ganz unmässige Wegelagerei. Der streitfrohe Erzbischof Balduin von Trier hatte deshalb schon 1353 die Burg „berennt" und ihre Herren dadurch zur Uebergabe bewogen, dass er unmittelbar davor einen Galgen errichten Hess. Trotz diesem Memento betrieb das nächste Geschlecht der Klüppel im wiederhergestellten Neste das ahnherrliche Geschäft auf ausgedehntester Grundlage weiter. Im Jahre 1385 hatten die benachbarten Herren, um diesem Unwesen zu steuern, auf dem anderen Lahnufer eine gemeinsame Burg hergestellt: die Steuerburg, später Sternburg genannt. Die Klüppel aber legten die Steuerburg in Brand und trieben ihr Handwerk ungesteuert ärger denn zuvor. Mit ihnen ritt Wilhelm von Cronenberg. Aus Neu-Elkershausen „ward geschindet und beraubt das ganze Land." Erst im Jahre 1390 zogen der Graf Philipp von Nassau-Saarbrücken und der Graf von Katzenelnbogen, Landvogt der Wetterau, „mit grosser Macht und Gewalt vor Elkerhusen." Allein trotzdem sie „mit grossen Büchsen und Bley den (Bailisten) und anderen Sachen" wohlbewehrt waren, Burg Elkerhausen zerbrochen, 1390. 125 erwies sich die feste Wasserburg dennoch als durch Sturm nicht zu nehmen. Man hungerte sie also aus „und schlugen gegenüber eine andere Burg Grafeneck auf und herrschten von da die Burg Elkerhausen mit grossen Büchsen, mit Bleyden und andern Sachen, bis sie die Burg gewonnen." Nachdem von den zähen Klüppeln viele umgekommen und die anderen entkräftet waren, gelang es endlich den Grafen: „am Abend des 1. Juli 1395, die Burg und das Thal (Dorf) Elkerhausen mit rechter Gewalt zu gewinnen." Sechzehn Mann waren noch übrig; man war so grossmütig, sie „ihres Lebens zu verschonen." Ob der entartete Wilhelm II darunter war, wird nicht ausdrücklich berichtet; wohl aber: „Dieser Verstörung freute sich Alt und Jung und danketen Gott, dass es zerbrochen war." — Von Wilhelm ist sonst nichts zu melden. Seine Stellung unter den Kronbergen ist dunkel. Als Ganerbe kommt er nicht vor. IX. Die grosse Fehde mit Frankfurt. *£ Schlacht bei Kronberg am 14. Mai 1389. Kostspieliger Friede. R vereinigen jetzt in unserer Erzählung die siebente und achte Geschlechtsreihe der Kronberge zu ihrer ruhmwürdigsten beutereichsten Gesammt - Kraftleistung: zum Kampfe mit der benachbarten „kaiserlichen Stadt" Frankfurt. Rings um diese, wie um einen stetig mächtiger anziehenden Mittelpunkt, vollzog sich von nun an, für zwei Menschenalter, das äussere Leben der Kronberge in Bündnis und Zerwürfnis, Friede und Fehde. Das Verhältnis wurde beherrscht von dem allgemeinen politischen und wirtschaftlichen Gegensatze, der auch heute noch, nur in völlig veränderter Form, unsere Welt bewegt: von Stadt und Land, Handel und Ackerbau, Grosskapital und Grossgrundbesitz. Frankfurt hatte im 14. Jahrhundert einen gewaltigen Aufschwung genommen. Zwei Kaiser: Ludwig der Baier (1314—1349) und Karl IV (1349—1378), beide durch schwache Hausmacht hülfsbedürftig, hatten ihre Stadt, die „villa regia," mit monopolistischen Handelsprivilegien überschüttet: sie hatten ihr innere politische Selbständigkeit, Einfluss nach aussen, dadurch wachsenden Reichtum verliehen; zugleich aber auch hatten sie ihr natürliche, also unausweichliche Gegner erweckt. Friedlose Zeiten am Main und Rhein. 1367 1392. 127 Mit und durch Erschöpfung der kaiserlichen Macht entwickelte sich die „gerechte Selbsthülfe" zum thatsächlichsten Faustrecht. Den kaiserlichen Landfrieden „war nicht zu trauen;" sie blieben ein Stück Pergament. Das gesegnete Franken wurde zur Wüste. Die Mainzer Chronik berichtet 1367: „Um diese Zeit wurden die Leiden der Menschen auf der Erde so vermehrt, so dass jeder den andern, den er auf dem Felde oder auf den Wegen traf, anfiel" . . die „Räuber schonten keines; sie behandelten gleich den Geistlichen und den Bauer. . . Das gemeine Volk lebte viehisch; . . und alle Wanderer in Schwaben und am Rhein, wo ehedem Frieden herrschte, hatten Furcht." — 1370: „Da herrschte Kriegshader in allen ringsum benachbarten Landstrichen, so dass keiner wagte unbesorgt aus den Mauern der Stadt Mainz . . hinauszugehen." — 1389: „In jenen Tagen waren . . um den Rhein die Königsstrassen und die öffentlichen Wege so sehr verlassen, dass Gras auf ihnen wuchs wie auf guten Wiesen." — 1392: „So gross war die Anzahl der Räuber um den Rhein, dass niemand unbesorgt eine halbe Meile zu gehen wagte; im Laufe der Zeit wurden an verschiedenen Orten viele gefangen und gerädert." Geistliche und weltliche Fürsten, Stifter, kleine Landherren, Städte: sie alle trugen ihre „Spähne" (Spannungen) mit der Waffe aus. Jeder suchte sich dafür, zu Schutz und Trutz, gleichgestimmte handfeste Freunde. So entstanden einerseits die Städtebünde: der rheinische und der schwäbische. Andrerseits thaten die Fürsten sich mit dem hohen und niedern waffenkundigen Adel zusammen. Was damals zu Hattstein und Elkerhausen geschah, wiederholte sich im kleinen und grossen überall. Es war das alte Lied vom „Hammer und Ambos." Das wüste Treiben warb seine faustfestesten Kräfte vor allem in dem zahlreichen verkommenen ritterlichen Proletariate. Dieser Krieg aller gegen alle wird in folgenden gleichzeitigen Versen Hugos von Trimberg geschildert: „Ein vogel den anderen izzet, „ein tier daz ander frizzet, „ein visch den andern slindet (schlingt), „ein mensch daz ander schindet „an leib, an eren, an gute, „mit ungetrewen mute." 128 Der grosse Städtekrieg. 1388. Döffingen und Pfeddersheim. Wenzels Landfriedensversuche von 1384 und 1387 konnten unmöglich Früchte tragen, denn er begünstigte dabei die Städte allzu offen. So griffen deren Gegner zur Selbsthülfe und es entbrannte 1388 der „grosse Städtekrieg." Die Städte traten zuerst angreifend auf. Frankfurt sandte dem schwäbischen Bunde etwa 50, dem rheinischen etwa 270 Pferde. Aber die Städte fochten nicht mit Glück, auch nicht mit ausreichender „Schaarkunst." Graf Eberhard der Greiner von Würtemberg schlug die schwäbischen, am 25. August 1388, bei Döffingen aufs Haupt. Viele Frankfurter wurden gefangen. Ebenso brachte der Pfalzgraf Ruprecht den rheinischen Bündlern, bei Pfeddersheim unweit Worms, eine blutige Niederlage bei. Abermals wurden fast sämmtliche Frankfurter niedergeworfen. Der Pfalzgraf Hess 60 Gefangene zu Alzey in einem Kalkofen verbrennen. Ihrer nächtlichen Verheerungen in seiner Pfalz eingedenk sagte er: „Ir hant uff mich gebrant by Nacht, so will ich er- licher thun und will uch by Tage burnen." Nun war die Stadt Frankfurt selbst hart bedroht. Der Sturm entfesselte sich mit einem Regen von Fehdebriefen: des Herrn Ulrich von Hanau, der Reiffenbergen und 43 anderer Adliger. Die Kronberge schrieben am 8. Januar 1389. Als den ihnen feindseligsten Mann im Stadtregimente beschuldigten sie Johann von Holzhausen den älteren. Am 20. Januar 1389 nimmt der Pfalzgraf Ruprecht die Ritter: Johann III (56 K), Walter VIII (53 F) und Frank VIII (52 F) von Cronenberg zu Helfern an gegen die Städte, besonders gegen Frankfurt. Flüchtlinge aus den rheinischen Bundesstädten hatten dort Aufnahme gefunden. Thörichterweise erhitzten sich an ihrer wilden Rachgier die Bürger, uneingedenk der jüngsten warnenden Kriegserfahrungen und der bedrohlichen Nähe des gefürchteten Pfalzgrafen. Zudem befand sich die Stadt selbst in schlechtem Verteidigungsstande. Die alten Bollwerke hatte man verfallen lassen; die neuen, nach der Stadterweiterung von 1333 begonnenen, waren noch nicht wehrbar; sie wurden erst 1423 vollendet. Die Kronberge galten als die Häupter und Führer der Feinde; ihre Burg war deren nächster Sammelplatz. Der erste vernichtende Stoss sollte daher diese bedrohlichen Nachbaren treffen. Im Februar 1389 zogen die Bürger aus Frankfurt und verbrannten, als Vorspiel des Der Frankfurter Macht zieht gegen Kronberg. 12. Mai 1389. 129 grossen Krieges, den kronberger Hof in Wallau und eines ihrer Häuser vor Niederhöchstadt. Seltsamer Weise bestimmte ihnen Frankfurt gleichzeitig einen Sühnetag, aus dem Vertrage von 1380 vor Schiedsrichtern nach Rödelheim. Die Kronberge jedoch verstanden jetzt jenen Vertrag anders: am 12. März 1389 machten sie eine umfassende Berennung auf Sachsenhausen und begingen, wie der Rath klagte: „widder Got und widder Recht grossen verderblichen Schaden mit Brande .... und han" (im städtischen Landgebiete) „ihr ein Theil Kirchen geschindt und die Pforten, Thore und Häuser auf den Kirchhöfen gebrannt und geschindt." Nun rief der Rath, durch Mahnbrief vom 18. März 1389, die Bundesgenossen auf. Die Antworten sind nicht erhalten, ausser von Gelnhausen ; dieses bittet vielmehr seinerseits um Hülfe gegen Ulrich von Hanau. Zuzug ist kaum erfolgt. Zur Rache für jenen Angriff Hess man anfangs Mai, durch den städtischen „Furschützen" (Schiesskundigen mit Brandpfeilen) Heinrich Becker von Niedererlenbach und seine Gesellen, elf prächtige Wälder um Kronberg niederhauen und schälen. Durch solche Erfolge gehoben beschloss Frankfurt: in hellem (heilen, ganzen) Haufen vor Kronberg zu ziehen und das friedens- brecherische Nest einfach zu zerstören. Am Mittwoch, 12. Mai 1389, in der Frühe kam es zum Ausmarsche. An der Spitze ritt Herr Winter von Wasen, der sich der Hauptmannschaft unterzogen ; um das Stadtbanner drängten sich kampflustig die angesehensten Geschlechter mit ihren Knechten: vier Holzhausen, ein Glauburg, zwei Frosch und mehrere andere. Der ältere Bürgermeister Jeckel Lentzel befehligte die Zünfte der Metzger, Schuster, Sporer, Hufschmiede, Schneider, Bäcker, Schlosser, Gerber. Sie zeigten auf ihren Fahnen die Wahrzeichen ihrer Gewerbe, weiss im roten Felde. Den dritten Haufen : die Söldner, Knechte und Zugezogenen befehligte der andere Stadthauptmann: Philipp Breder von Hohenstein (aus dem Aarthale bei Bad Schwalbach). Ihre Fahne wies den schwarzen Reichsadler im roten Felde. Die Zünfte erschienen gar stattlich mit Zelten und Heerwagen. Auch einige „Büxen" führte der „reisige Zeug" mit sich, nebst den sie bedienenden Furschützen. Die lange schwerfällige Kolonne belief sich auf zweitausend Wohlbewaffnete zu Fuss und Ross; es war viel fremdes geworbenes Volk dabei, denn nach der Zählung von 1387 hatte Frank- 130 Erster Ausfall der Kronberge gegen Fronrode wird zurückgeworfen. furt nur 2742 männliche Einwohner über zwölf Jahren. Bei Rödelheim gingen sie über die Nidda; von dort durch Sossenheim, Eschborn, Sulzbach, Schwalbach in's Kronthal. Der Marsch folgte der alten frankfurter Landstrasse zum Taunus und zur Lahn. Beiwegelang plünderte und verbrannte man einige zur Hand gelegene feindliche Bauerhöfe und verheerte mutig den herrlichen Wald weiter. Sie „schedigenten ihre viende mit Brande und wolten der von Croneberg Walt dobi han abge- howen." Denn „Sengen und Brennen ziert den Krieg, wie das Magni- ficat die Vesper." So langte die Truppe erst abends beim kronbergischen Gute Fronrode (Schaafhof) im Westen von Burg und Stadt an. Der Umweg sollte eine Kriegslist sein; man hoffte, dass in dem damals ringsum dicht bestandenen Waldgelände der Heereszug sich völlig unbemerkt an die Burg werde heranschleichen können. Selbstverständlich hatten dennoch kronberger Hintersassen aus den Überfallenen Dörfern längst die Kundschaft in die Burg gebracht; der Wächter auf dem hohen Freiturm hatte den Feind rechtzeitig angeblasen; als Notzeichen für die verbündeten Nachbaren waren die Feuerkörbe ausgehängt, die bei Tage durch Rauchsäulen sprachen. „Das machten sich die Herren von Croneberg up, mit etlichen ihrer Helffern." Plötzlich stürmt die Besatzung in ungestümem Ausfalle aus „dem Thal (Dorf) von Cronenberg," also aus der Eichenpforte und dann im Kronthale herab. Jedoch ihre Zahl, etwa einhundert Ritter und Knechte, ist allzu gering; sie werden zurückgeworfen, ein Teil gefangen. Herr Winter schickt diese ersten Trophäen nach Frankfurt. „Es gelogent die (gelang denen) von Frankefurt ober zum ersten mole, und vingent der Herren etwie vill und wondent (wendeten), mit frohen widder heim zu fahren." Andern Tages, am Donnerstag 13. Mai, richten sich die siegesfrohen Reichsstädter zur strammen Belagerung ein ; man sucht die Burg enger einzuschliessen, indessen bleibt deren, durch den dichtverwachsenen „Hain" geschützte Nordseite frei; sie zu umfassen ist der Feind weit zu schwach. Man bringt die Geschütze in Stellung, sengt und brennt, plündert, zerstört 8 Morgen Weinberge, schält die wertvollen Bestände von edlen Kastanien. Am Freitage, 14. Mai sollen die „Büxen" spielen. Die Belagerten indessen hatten schon am Mittwoch Boten zum verbündeten Pfalzgrafen Ruprecht um eilende Hülfe geschickt. Von 13. Mai Ruhetag. 14. Mai Niederlage der Frankfurter vor Kronberg. 131 Oppenheim war er in zwei Tagen heran. Er führte 200 Gleven Reiter, denen sich hanauische anschlössen; ebenso waren Kuno von Reiffenberg am Platze und Eckart Klüppel von Elkerhausen, nebst anderen Freunden. Die Frankfurter, in falscher Sicherheit, hatten stets nur den Berg hinauf, nicht aber hinter sich in die Ebene beobachtet. Die Nachmittagssonne stand schon niedrig im Westen, da erscheint eilends im Lager ein Reitender: „der schlimme Pfalzgraf ist nah!" Nun Aufbruch. Zunächst werden die kostbaren grossen Büxen zurück gesandt. Auf Steinbach zu geht es, den gradesten Weg nach Hause. Jedoch schon im Thalzuge zwischen Kronberg und Steinbach stossen die, von Höchst heraneilenden pfälzischen Panzerreiter in den, mit Gepäck Beute und Wein schwer geladenen, lockeren Zug der Reichsstädter. Unfreiwillig machen diese Halt, dann Front nach Westen, gegen die Abendsonne. Ihr Fussvolk versucht den grossen quadratischen Gewalthaufen zu bilden. Die feindliche schwere Reiterei greift ebenfalls geschlossen an. In wütendem Einbrüche wird von mehreren Seiten auf die Frankfurter gestossen und gehauen. Dieser Zusammenprall der Massen erzeugt an dem schönen Mainachmittage einen ungeheuren Staub. Da stürmen abermals die Kronberge, jetzt aus dem südlichen Stadtthore hervor und fallen in den rechten Flügel der ungeübten Städter. Auch die schlecht bewachten Gefangenen haben sich befreit, bewaffnet und dem Feinde in den Rücken geworfen. Es waren wehrlose Bauern aus den kron- bergischen Dörfern die man gebunden, als leichte Beute, mitgeschleppt hatte. Das Treffen der Frankfurter wird auf diese Weise durchschnitten und bald wendet sich alles von der „Walstadt vor Cronberg" in wilder Flucht der Heimat zu; der vordere Teil des Zuges über Steinbach nach Praunheim, der rechte Flügel sucht die alte frankfurter Landstrasse auf der kürzeren Linie über Eschborn zu gewinnen. (Karte des Niddagaus, Abschnitt I). Wo jetzt die neue Bezirkstrasse nordöstlich dieses Dorf gen Oberursel verlässt, ereilte den wirren fliehenden Haufen sein Schicksal. Dort zeigt sich rechter Hand eine sanfte Bodenerhöhung; diese Feldlage heisst noch heute: der „Streitplacken" oder das „Haderfeld." Sie hat sich als letzteres später durch ihre kriegerischen Bodenfunde ausgewiesen. Das Ende war: Niederschlagen. Noch weit mehr aber massenhafte wertvolle Gefangene und kostbare Beute. Imgrunde 9* 132 Stadtbanner erbeutet. Sechshundert ein und zwanzig Gefangene. war es auch damals gar nicht so leicht, seinen Mann umzubringen, wegen der umhüllenden schweren Rüstung. Die Chronik schildert den Verlauf der Schlacht also : „So kument ze Hant (alsbald) des Hertzogen (von Baiern) Harst, der zu Oppenheim lag, auch herzu gerannt, mit 200 Gleven und mit einem grossen Geschrey und mit Heerhörnern und slahent an die von Franckefurt; so kehrent sich die uch umb, die gefangen und gesichert worent, und slahent uch an die von Franckefurt, . . so fingent si ze Hant ane zu fliehende in die Statt." Die Besiegten hatten ihr Stadtbanner, drei Rüstwagen, gegen einhundert Tote und sechshunderteinundzwanzig Gefangene verloren; unter letzteren anscheinend die hellen Haufen der Metzger- Bäcker- Schlosser- und Schusterzunft. Viele andere, über diese später urkundlich verbriefte Zahl hinaus, waren wohl alsbald gegen die kronbergischen Gefangenen vom 12. Mai ausgetauscht oder hatten sich aus eigenen Mitteln selbst gelöst; so der Bürgermeister Jeckel Lentzel. Unter jenen 621 waren auch der Schultheiss, Herr Winter von Wasen, und sein Banner. Walter VIII von Kronberg gab für beide dem „Niederwerfer" sofort auf der Walstatt einen „Weinkauf" von 100 Goldgulden. Zwei Holzhausen, die „vordersten im Streit," wurden verwundet bei dem Banner gefangen. Dass überhaupt so viele Flüchtlinge die Stadt erreichten, das dankten sie der eingebrochenen Nacht. Hätten die Verbündeten ihren Sieg weiter verfolgen können, so wäre es ihnen wohl nicht allzu schwer gewesen, sich der fassungs- und wehrlosen Stadt zu bemächtigen. Die Zahl der Verwundeten muss ansehnlich gewesen sein. Der Wundarzt Meister Johann zog für Behandlung „der Stadt Freunde die vor Cronenberg niederlagen," vom Rathe über 150 Goldgulden. Die Kronberge, mit Recht stolz auf ihren Sieg, wünschten dessen Gedächtnis ihren Nachkommen sichtlich zu überliefern. Im Saale des „hohen Hauses" (des Kronenstamms) auf der Burg hing noch 1707 (?) ein „grosser uralter Teppich" auf dem von kunstreichen Händen der kron- berger Edelfrauen die Schlacht gewirkt war, mit der Schrift: „Das ist der Streit der geschehen ist da man zählt nach Christi Geburt 1389, auf der h. Märtyrer Tag Nerei, Achilläi und Pancratii, das ist 12. id. zwischen Cronberg und Frankfurt bei Steinbach." Ist diese Inschrift Der Teppich und das alte Schlachtbild auf Burg Kronberg. 133 wörtlich wiedergegeben, so wurde der Teppich jedenfalls zu einer Zeit hergestellt als die Ueberlieferung des Jahrestages nicht mehr lebendig war. Später, jedenfalls nach 1500, als der Aufsatz des Freiturms auf der Burg bereits stand, Hessen die Kronberge ein Oelbild auf Leinwand anfertigen, das noch heute zum Inventare der Burg gehört. Eine etwas veränderte Wiederholung auf Leinwand (oder auch das Original) befindet sich im historischen Museum der Stadt Frankfurt. Das Bild, nahezu 2 Meter breit und 1,30 Meter hoch, ist in eine obere und untere Hälfte geteilt; die obere stellt die Schlacht im freien Felde vor. Ganz oben rechts die Andeutung einer Ansicht von Frankfurt. Der Kampfplatz ist ein Abhang vor dem Taunus: links ein unbestimmtes Dorf mit Kirche. In der Mitte der Streiter flattert über dem Schultheissen das Reichspanier, in Rot der (im 14. Jahrhundert noch nicht) zweiköpfige Adler mit einem langen Wimpel, darin Legende: geschehen Ano 1389. Hinter diesem Panier eilen die Flüchtenden gen Frankfurt. Die Söldner sind in die Stadtfarben gekleidet: weiss und rot, senkrecht geteilt. Sie führen drei Banner mit dem Reichsadler. Dann folgen die Fahnen der Zünfte, weiss und rot; darauf die Zunftzeichen der Sporer, Schlosser und Schuster. Eine Schaar Reiter jagt von links den Flüchtlingen nach. Im Vordergrunde bewegen sich 22 geharnischte Ritter zu Pferde, die Helme mit Federn geschmückt, was der Kriegsrüstung des 14. Jahrhunderts keineswegs entspricht; denn derzeit trug man im Kampfe meistens den breitkrämpigen Eisenhut mit Augenlöchern. Auf den Schilden führen sie das Wappen der Kronberge. Soviel waffenfähige Männer hatte damals das Geschlecht nicht zu stellen; wir kennen als wahrscheinliche Kampfgenossen nur: Walter VIII (53 F), Frank VIII (52 F) und Philipps II (54 F) vom Flügelstamme; Johann III (56 K) und seine drei Söhne: Hartmut VIII (59 K), Johann IV (70 K) und Hartmut IX (73 K) vom Kronenstamme. Ohne Zweifel nahm auch der unartige Wilhelm neben seinem Freunde Eckard Elkerhausen an dem Ernstspiele Teil. Den Kronbergen folgt eine grosse Schaar Krieger mit 3 Bannern: Kronberg, Pfalz, Hanau. In der Mitte Kampfgewühl. Die frankfurter Reiter zeigen keine Wappen. Die Ritter und Knechte von Kronberg tragen das ihrige auf den meistens roten Wämmsern. Vorn eilt ein Wagen mit der Zunftfahne der Schreiner, dem Hobel, zur Stadt; davor vier Schimmel, darauf Tote und Verwundete. Hinten liegt ein niederge- 134 Die Inschrift der alten Schilderei. brochener städtischer Rüstwagen, daneben die Fahne der Schmiedezunft; zu seiner Seite zwei geharnischte Wachen. Dieser Wagen wird angegriffen; das Pferd eines Kronbergers stürzt verwundet zu Boden; der Reiter steht daneben mit gezücktem Schwerte. Hinten aus der Stadt Frankfurt eilen zwei Wagen hervor, mit je drei Pferden bespannt; davor zwei Reiter dahinter ein dritter. Die Fliehenden melden den Insassen das Unglück. Einer von diesen reckt von erhöhetem Sitze die Hand aus gegen sie, wie befehlend oder sie beschwörend: umzuwenden. Der untere Teil des Bildes zeigt uns den Kampf um das Stadtbanner: rotes Fahnentuch mit oberer weisser Einfassung und dem weissen Adler. Achtzehn geharnischte Frankfurter verteidigen es mit ihren Speeren; auf ihrer Rechten Fussvolk mit Armbrüsten im Anschlage. Gegen diese kämpfen fünfzehn Ritter mit eingelegten Speeren; sie führen das pfälzische Banner. Vier haben auf dem Schilde das Wappen Kronberg, einer: Vilbel, einer: Elkerhausen. Unterhalb dieser Gruppe liegen Verwundete, Schilde, Streitäxte, Hellebarden, Helme, Harnische. Links flüchtet bereits ein frankfurter Knecht, baarhaupt, mit den Pferden seiner noch kämpfenden Herren; zwei zu Fuss und waffenlos folgen ihm. Weiter links ein Wald in dem Männer mit Aexten die Bäume schälen; im Hintergrunde ein brennendes Dorf: Hinweis auf die frankfurter Frevel. Rechts, auf dem Berge, Burg Kronberg mit aufgesetztem Freiturme; dorthin bewegt sich ein Zug: vier berittene Pfeiffer, ein dichter Haufe blutender Gefangener, hinter diesen zwei Reisige mit Speeren und geschlossenem Helm. Rechts unten unbewaffnete gefesselte kronbergsche Bauern. Zwischen den zwei Feldern des Bildes liest man folgende Reime: Als man zahlt 1389 Jahr Den 12. May, das ist Wahr, Als die Herren mit den Städten Einen Tag zu Egra (Eger) halten thäten Vor Königen, des Krieges wegen, Wie der am besten beizulegen; Zu solcher Zeit Frankfurt die Stadt Nicht wenig sich gerüstet hat. Zweitausend stark zu Fuss und Ross, Mit Wagen, Wehren und Geschoss, Die Edlen von Cronberg mit Gewalt Zu überziehen und Dämpfen bald, Modernes Kampfbild. Waffenstillstand zu Heidelberg, 2. Juni 1389. 135 Sammt andere Feinden und Hilfer mehr. Zogen also fort mit ihrem Heer. Etlich Hoff und Dorffe sie da verbrannten Die Bäume bald für Muthwill schalten. Als die von Cronberg das vernahmen Sie sich darauf nich lang besannen Und boten bald dem Feind die Spitz. Doch geriets nicht wohl in erster Hitz, Denn die von Frankfurt gar stark waren Und wollten mit Sieg wieder heimfahren. So kommt des Pfalzgrafen Horst zu Hand, Der zu Oppenheim war, zugerannt; Wohl mit anderthalbhundert Gleen Auch Heerhörner und ein gross Gethön. Schlugen sämmtlich in die Frankfurter frey Schlugen's in die Flucht mit grossem Geschrei Wie wohl der Frankfurter doch mehr war Denn der Cronberger Schaar. Der Zeit blieb dahz (daselbst) bald und schwind Manch Frankfurter Mutter libes Kind. Sechshundert wurden gefangen, Zu Cronberg geführt zu Händen. Also der Frankfurter beste Macht Herniederlag in dieser Schlacht. „Also schlug," sagt die limburger Chronik, „der kleine Hauff den grossen Hauff nieder. Das war nicht Wunder, Dann der grosse Hauffe flöhe und der kleine stritte. O Frankfurt! Frankfurt! gedenke dieser Schlacht!" — Neben die Schilderei aus der ältesten frankfurter Malerschule stellen wir die Darstellung eines Meisters der modernen kronberger Zunft, des Professors Norbert Schrödl: „Kampf Hartmuts VIII von Kronberg und Johanns d. j. von Holzhausen um die abfahrende frankfurter grosse Büsse." Im Stadtarchive zu Frankfurt ist ein Verzeichnis über 612 Gefangene aufbewahrt, die später auf Stadtkosten ausgelöst wurden. Davon sassen in Kronberg: 218; die übrigen in Hanau, Babenhausen und an anderen Plätzen. Bei den Frankfurtern war das Kriegsfeuer damit einstweilen ausgebrannt. Die Zünfte zogen wohl vor: „bei ihrem Leisten zu bleiben." Zunächst wurde, am 2. Juni 1389, zu Heidelberg eine Sühne (Waffen- 136 Ehrengericht zu Frankfurt über die Gefangenen. stillstand) gemacht, jedoch waren die Gefangenen davon ausgeschlossen.' Dann ward schleunigst über die Schätzung (Lösegeld) verhandelt. Am 22. August 1389 hatte man sich dahin geeinigt: dass Frankfurt sich nicht weitergegen Pfalz, Hanau und die Kronberge rächen und binnen 5 Jahren den Verbündeten ein Lösegeld für die Gefangenen von: 73,000 Goldgulden zahlen wolle. Die nach Frankfurt zurückkehrenden 612 Gefangenen hatten sich d ort einer strengen Untersuchung über ihr Verhalten am 14. Mai 1389 zu unterwerfen. Dadurch sollten nicht nur die Schuldigen und Feigen biosgestellt, sondern auch die Tapferen und Ehrenhaften gerechtfertigt werden. Herrn Winter von Wasen wollte die Stadt nicht auslösen; er verlor die Hauptmannsstelle, jedoch nicht ohne seinen heftigen Widerspruch gegen ungerechte Verurteilung. Die Demokratie hat ja stets unglückliche Heerführer als Verräter gebrandmarkt, anstatt ihre eigene Thor- heit anzuklagen. So heisst es auch hier in der Chronik: „Man meint, dass die Frankfurter durch Verrat unterlagen." Bei der Untersuchung handelte es sich vor allem um den Verlust des Stadtbanners. Die darüber eingezogenen Zeugnisse sprechen von der allgemeinen Flucht nach Frankfurt, und wie die Flüchtigen an verschiedenen Orten, namentlich zwischen Kronberg und Praunheim bei Eschborn, zwischen Kronberg und Frankfurt bei Steinbach, und vor Kronberg selbst besiegt seien. Es war also eine Hetzjagd mit Umzingelung einzelner Haufen, die ganze Linie entlang. Der Ehrenzeugnisse, von vormaligen Kampfgenossen und auch Gegnern ausgestellt, liegen noch mehrere vor. Als Muster mögen hier zwei folgen: 1. eines Freundes: „Ich, Richwin Breder edilknecht irkennen uffinlich mit diesem Briefe . . .: umb soliche nyderlage als zusschen Franckfurd und Cronenberg geschehen ist, das mir kuntlich und wissentlich ist, daz Johann von Holtzhusen der junge ... in der nyderlage vor der baner nyder lag und gefangen ward uff dem wale (Walstatt) als ein bidderbe man." . . 2. eines ehemaligen Gegners: „Ich, Eckhardt von Elkirhusen . . . : solche Niederlage als geschehen ist zwischen Frankfurt und Cronenberg, alsbalde als der Streit Teilung der73,000 Gulden zwischen Pfalz und den Kronbergen, 21. Jan. 1390. 137 da geschehen war und die von Frankfurt den Streit verloren hatten, da sass ich auf meinem Hengste und ritt auf der rechten (ursprünglichen) Wahlstad, da fand ich bei einander stehen auf dem Wale . . . und Johann von Holzhausen den jungen und ihre Gesellen bei zehen oder zwelff; dieselben waren auch die nächsten und vordersten in dem Streit die ich des Tages sähe, und Sprech das uff mein Eydt." Die Teilung des grossartigen Lösegeldes ging nicht völlig glatt vor sich. Es schwebte noch eine alte Feindschaft zwischen den zwei, durch die allgemeine politische Lage zusammen geworfenen Waffenbrüdern: Hanau und Kronberg. Der Pfalzgraf suchte zu vermitteln um das Geschäft baldigst abzuschliessen. Der Hanauer schied deshalb formell aus und am 21. Januar 1390 vollzieht der Pfalzgraf Ruprecht mit den Kronbergern folgende Schlussrechnung: „Wir Ruprecht - wegen der 73,000 Gulden haben wir uns mit Johann (III), Walter (VIII) und Frank (VIII) von Cronenberg geeinigt, von des geltes wegen. Mit namen des obgenannten gelts sollen zu wynckauff (Belohnungen an Freunde in der Not) gefallen von gemeynem gelde vier- dusent gülden Danach sol von gemeynen gelte der gefangen atzunge bezalt werden, in des von Hanauwe sloszen und zu Cronenberg, als unsere Frunde (Schiedsmänner) von des (dieser) rechenunge geschieden sin (entschieden haben), wo (wenn) ez nit mynre (minder) werden mag. Auch sollent die obgenannten von Cronenberg vom gemeynen gelt zu sün teil VI m gülden abrichten. Auch soll Walther von Cronenberg von gemeynem Gelt wider werden hundert gülden, die er dar geluhen hat den, die banyr brachen und den hauptmann (Winter von Wasen) fingen. Item was darüber des gemeynene geltes blibet an der obgenanten summe, daz sol halbs gefallen uns und unsern erben und das ander halpteil den obgenannten von Cronenberg und ihm erben. Doch sollen wir von unserm teil, daz uns geburt, den obgenannten von Cronenberg, zu fruntschaft und wollust, dusent gülden und einen gülden geben, an den schaden und habe, die sie des tags genommen han, da die von Franckfort nyderlagen Der Goldgulden berechnet sich auf etwa 9 Mark; das Lösegeld betrug also etwa 650,000 Mark. Bereits am 1. März 1393 waren die 138 Johann III Stadthauptniann in Frankfurt; erstürmt Höchst, 1391. letzten 12,000 Gulden abbezahlt. In diesem Geschäfte hatten die Besiegten entschieden die stärkere Hand. Der Stadt gesammter Schaden aus ihrem kopflos unternommenen und ungeschickt ausgeführten Kriegszuge wurde auf 100,000 Goldgulden berechnet. Sie musste das Geld zu 10 und 12V» Prozent anleihen, namentlich auf Leibrenten die sie gegen Kapital verkaufte. Noch ein Jahrhundert später seufzten die Urenkel über den Steuerdruck wegen der Schulden, in die sich ihre wagehalsigen Urgrossväter durch die verfehlte Spekulation auf Kronberg gestürzt hatten. Der Flügelstamm war bereits am 17. März 1390 mit Frankfurt gesühnt. Erst am 12. März 1395 schloss Johann III (56 K) für den Kronenstamm ein Bündnis mit der Stadt auf vier Jahre ab. Er wird die frankfurter Bürger und ihre zwei jährlichen Messen beschirmen und verteidigen, in Fehdefällen auf Verlangen Hauptmann sein; „wo Gott Glück gäbe, dass sie Feinde niederwürfen" sollen Beute und Gefangene geteilt werden. Auf Kriegsmärschen erhält Ritter Johann ein Nachtgeld von 1 Gulden, jeder Knecht 5 Schilling Heller; sollte der Ritter gefangen werden so empfängt er 700 Gulden Entschädigung; ausserdem ein Jahrgeld von 1000 Gulden. Damit Johann in der Stadt wohne, mietet der Rat für ihn einen Hof in der Neustadt um 26 Gulden. Als er dann pflichtmässig den Main aufwärts zieht, den Messfremden zu ihrem Schutze entgegen, wird er vom mainzer Vitztum zu Aschaffen- burg überfallen, beraubt, gefangen; wahrscheinlich hatte er das städtische Geleitsgebiet überschritten. Frankfurt hilft bei seiner Auslösung. Schon im nächsten Jahre trug das Bündnis den Frankfurtern reiche Zinsen. Der Erzbischof Johann II von Mainz hatte, neben der ihm bereits verbotenen Zollstätte zu Höchst, eine neue im benachbarten Kelsterbach am Main angelegt. Diese Dreistigkeit reizte selbst den trägen König Wenzel soweit auf, dass er den wetterauischen Städten und dem Landvogte befahl: die Zölle als Strassenraub abzuthun. Ehe aber diese schwerfällige Maschine sich in Bewegung setzte, hatten die flinken Kronberge, Johann III und seine Söhne, sich mit ihrer kriegsgewohnten Mannschaft nach Höchst geschlichen. Sie erstiegen die Burg, verbrannten den Ort, erschlugen kurzer Hand die Besatzung. Der Main war wieder frei für Frankfurts Handel. Seine undankbaren Geschichtsschreiber melden spöttisch: „dieses Mal verdienten die Krön- Reichstag in Frankfurt, 1397. Schützenfest in Kronberg, 29. Sept. 1398. 139 berge nichts dabei": ein durchaus unbegründeter Vorwurf! denn sie erbeuteten in Höchst „nahe an sechzig reissige gesattelte Pferd." — Im Jahre 1397 zeigte sich einmal wieder das heilige Reich zu Frankfurt in all seiner Pracht und Herrlichkeit; Johann III, als der Stadt oberste Militärperson, hatte alle Hände voll zu thun. Ein Reichstag wurde gehalten. König Wenzel war geladen, blieb aber in Prag sitzen. „Leicht mochte ein Ausländer, der Frankfurt in diesen Tagen besuchte, die Deutschen, ihrem Aufwände nach, für das reichste Volk der Erde halten." Die Kurfürsten „zwei und dreissig Fürsten und Herzoge, über einhundert und fünfzig Grafen, gegen dreizehnhundert Ritter, dreitausend siebenhundert Edelknechte und gegen fünfthalbhun- dert andre vornehme Leute (meist Pfaffen und Doctores) waren in Frankfurt versammelt; der vielen Kaufleute, Juden, Gewertschen (Kau- wertzinen-Trödler, von „kaufen" und „wert"), Spielleute, Pfeiffer, Trompeter und Lustigmacher nicht zu gedenken." Vor allem hat sich Leopold, Herzog von Oesterreich, durch grossen Aufwand ausgezeichnet: „Der lag da mit grosser Herrlichkeit, als dass er thät rufen: Wer da wolt essen, trinken und seinen Pferden Futter haben, um Gott und um Ehre (umsonst), der käme zu seinem Hof; und gab alle Tage für viertausend Pferde Futter. Auch war da der Landgraf Hermann von Hessen, mit mehr denn fünfhundert Pferden, der Markgraf von Meissen mit zwölfhundert Pferden u. s. w." Alle diese Herren waren Kandidaten für die Königswahl, denn man redete bereits von Wenzels Absetzung. — Im Jahre 1398 schloss das wehrhafte aber nicht minder gastfreie, feuchtfröhliche und fremdenfrohe Städtlein Kronberg das Jahrhundert mit einem allgemeinen Schützenfeste. Die Einladung und das Programm haben sich erhalten. Deren Uebertragung ins Neudeutsche lautet: Unsern freundlichen Gruss zuvor, liebe Gesellen. Wir lassen euch wissen, dass wir wollen zu Cronenberg schiessen um ein Kleinod wert 13 Gulden auf nächsten Michaelistag. (Sonntag, 29. September.) Am Abend (zuvor) soll jedermann in der Herberge sein und sollen sehen den ersten Stand, der ist 150 Schritt. Und wenn alle Schützen gesehen I: ' I II ; j;';:'. 140 Die fröhlichen Schiessgesellen zu Cronenberg. I II i'Ü MM haben, so sollen sie mit 10 Schritt näher treten dürfen, beim Schiessen. Und wer der beste ist mit der Armbrust, des eigen soll es sein. Darnach, am anderen Tage (Montag, 30. September) wollen wir schiessen um einen apfel, 5 Gulden wert, und wer den gewinnt des eigen soll er sein, und der Stand soll den Mittag sein 140 Schritte, und haben alle die Schützen das gesehen, so sollen sie mit 8 Schritten näher treten, und wer zum Besten kommt soll ein Flanellkleid haben. Damit ihr zu diesem Schiessen kommt, geben wir der Junker In- siegel von Cronenberg, das wir dieses Mal gebrauchen, um diesen Schein zu bekennen. Am 6. September. Von uns schiessgesellen zu Cronenberg. 1398. Dritter Abschnitt. Die Morgendämmerung der neuen Zeit. 1399 bis 1500. I. Burg Tannenberg 1399. - II. Neunte Geschlechtsreihe. Uebergangs- menschen. — III. Falkenstein und Königstein. — IV. Frank der Reiche und Alte. Anna, die Stammmutter der acht souverainen Häuser. - V. Schloss Rödelheim. Die Ohren. - VI. Der lustige Domherr. Weis- tum zu Eschborn. VII. Zehnte Geschlechtsreihe. Der Strumpf im Kirchenfenster. Die zweite Turnierzeit. - VIII. Das Rätsel des Schlangensteins. IX. Frank des Reichen Erbschaft. Weistum zu Schönberg. Oertliches aus Kronberg. — X. Elfte Geschlechtsreihe. Sinken der Reichsritterschaft. — XI. Friedliches Leben, zu Hause und in Frankfurt. I. Burg Tannenberg. S vierzehnte Jahrhundert schloss mit einem, für den Kronenstamm zwar bedeutsamen jedoch keineswegs löblichen kriegerischen Ereignisse: der Eroberung und Zerstörung von Burg Tannenberg über Jugenheim an der Bergstrasse. Sie war ursprünglich ein Besitz der edlen Herren von Bickenbach. Deren Erbtochter brachte die eine Hälfte an die Schenken von Erbach; die andere erkauften, 1330, Hartmut VII (48 K) von Kronenberg und Ulrich von Scharpenstein (über Kiedrich). Bald wurde das Schloss ein Ganerbenhaus, das zu Ende des 14. Jahrhunderts etwa zwanzig Miteigentümern gehorchte: Katzenelnbogen (Darmstadt), Hanau, Erbach, Johann III (56 K) von Cronenberg und noch zehn andere Namen. Jeder der Mitherren hielt dort reisige Knechte unter Befehl von Burgmannen: rittermässigen unbemittelten Leuten, die im Solde der Ganerben standen. Etwa um 1396 Hess sich Hartmut IX (73 K), der jüngere, auf Tannenberg nieder. 144 Familienfehde 1396. Hartmut IX im Raubneste Tannenberg, 1399. In demselben Jahre muss eine Familienfehde unter den Stämmen des Hauses Kronberg sich abgespielt haben. Denn damals verglichen sich Diedrich Herr zu Runkel, Walters VIII Schwager, und Frank VIII (52 F) von Cronenberg einerseits, mit Johann III (56 K) und seinen Helfern andrerseits, dahin : Johann soll während gewisser Zeit seinen Söhnen, Henne (Johann IV, 70 K) und Hartmud dem jungen (IX, 73 K) nicht gestatten : die Gegenpartei aus den väterlichen Schlössern zu befehden. Bei Ausbruch eines Krieges während dieser Zeit, wobei die Fürsten (Lehnsherren) nicht „Hobetlude" wären (wo also die Ritter sich auf eigene Rechnung schlugen), soll Johann III jene beiden Vertrag- schliessenden nicht schädigen ; „es were denn daz sie (die Fürsten) in dem felde sich ruffende oder stridende wurden, so mag jecglicher by sine hobetmanen oder by siner banir blieben, und soll das den verbünd nit krenken." Um Hartmut IX sammelte sich auf dem Tannenberge ein Haufe gleichgestimmter ritterlicher Mannen nebst kriegserfahrenen Knechten. Bald konnte kein Kaufmann mehr ungeschädigt die Bergstrasse entlang ziehen. Man schleppte sogar die „Schatzungsmässigen" (Vermögenden) auf das Felsennest, zur Erpressung einer reichlichen Lösung. Allerdings waren mehrere Ganerben mit diesem Misbrauche der Burg nicht einverstanden; nach bestehendem Rechte jedoch konnten sie nur ihre Mannen herausziehen und sich unbeteiligt verhalten. So hatte Erbach für seinen grossen Anteil nur noch vier Knechte oben, Hartmut dagegen ihrer zwanzig. Zu Anfang des Jahres 1399 zählte die Besatzung 56 Mann, darunter einen Bäcker, Zimmermann und Thorwart. Der bösartige Unfug ging weiter. Endlich riss aller Welt die Geduld. Am 11. April 1399 traten zu Boppard der Erzbischof Johann II von Mainz und sein Freund der Pfalzgraf Ruprecht zusammen: „Wir thun kund, dass wir wegen der sonderlichen Räubereien, Unthaten und grossen Beschädigungen, die an unser beider Landen, Leuten und Unterthanen, und auch anderwärts auf des Reiches Strassen in mancherlei Weise von Schloss Tannenberg lange Zeit geschehen sind und täglich geschehen, uns wider dies Schloss verbunden haben. . . . Und wenn wir Tannenberg genommen, sollen wir es unverzüglich brechen und zerstören; und sollen wir beide, oder unsere Nachkommen, auf der Stätte oder dem Berg Rüstung des Landfriedens* Hartmuts Hellerbrödchen und neue Handbüchse. 145 kein ander Schloss oder Festung bauen, oder jemand wieder zu bauen gestatten." . . Jeder will „sin Berfryt (eine hohe Belagerungsmaschine mit Stockwerken) mit ym" haben und kommen „mit lutden (Leuten), Bussen, Blyden (Wurfmaschinen), Geschutzwerke und anderes Gezug, als sich darczu heischet und nogt ist." Den zwei Kurfürsten gesellten sich zu: die Erzbischöfe von Trier, Köln und der Bischof von Speyer, der Herzog Leopold von Oesterreich, Graf Eberhard von Würtemberg und Graf Philipp von Nassau-Saarbrücken, „Landfoit dez Landfriedens am Ryne." Frankfurt wurde ermahnt: „auf ihre Kosten ihre Diener sammt denen von Friedberg und Gelnhausen ausrücken zu lassen und sie spätestens in der Nacht vom 7. auf den 8. Juli in Oppenheim zu stellen, damit am Dienstag 8. Juli alle nach Tannenberg ziehen." Die Stadt beteiligte sich durch „30 Mann mit Gleven," sowie durch 53 und einen halben (?) wohlgewappneten Schützen; ausserdem aber machten sie ihre grosse Steinbüchse mobil. Die Stadt Mainz stellte 2 grosse Steinbüchsen; Worms und Speier ihre 2 grössten Bliden. Jedoch zeigte Frankfurt, mit vorsichtiger Rücksicht, die Rüstung bei Zeiten seinem mächtigen Verbündeten Johann III von Kronberg an und verwahrte sich gegen alle etwaigen Ansprüche aus dieser Feindseligkeit gegen seinen Sohn und seine Burg. Schon am 27. Juni schlug der allzeit fertige Pfalzgraf Ruprecht sein Lager am Fusse des Tannenbergs auf; am 28. sandte er den Fehdebrief in die Burg, am 29. brachte er seine grosse Büchse hinauf, am 30. Juni wurde der Berfryt aufgeschlagen, am 1. Juli der erste Sturm versucht jedoch abgewiesen. Hartmut IX entsprach seinem Taufnamen. Am 2. Juli langten der Erzbischof von Mainz und die kleinere frankfurter Büchse an. Man kam überein : dass der Pfalzgraf und die frankfurter Geschütze von der einen Seite, die mainzer und der Erzbischof von der anderen die Burg angreifen sollten. Der Pfalzgraf drang bis an den Graben des Schlosses vor und verschanzte sich dort. Die Belagerten beschossen ihn mit kleinen Bleikugeln und mit Steinen von der Grösse eines „Hellerbrödchens." Dieses Volumen war damals augenscheinlich erheblich gefährdender als heutzutage. Hartmut IX führte bereits die neuen, seit 1388 auftretenden Handbüchsen ; eine solche wurde zu unserer Zeit im Schutte der Zisterne auf Tannenberg gefunden. Sie zeigt die verkleinerte Form der damaligen 10 146 Frankfurts grosse Busse auf dem Marsche. Pulvergeschütze; das Rohr ist 27,3 Centimeter lang, 17 Millimeter weit. Es hat ein Zündloch und eine Tülle für einen zur Handhabe dienenden Stock, der etwa wie ein Besenstiel eingesetzt wurde. Mit glühendem Eisendraht wurde die Ladung entzündet. Am Sonntage 6. Juli, Morgens 3 Uhr, war die grosse Büchse von Frankfurt abgerückt. Der Pfalzgraf hatte darüber an den Rath, am 29. Juni 1399, geschrieben: „— und unsser Bussemeister Henne, von Wachenheim, hat ein Zöge (Aufzug) gemacht, daz er meinet: ob man dieselbe uwer Busse nit gar off den Berg mit Fihr (Fuhrwerk) geführen möge; als fere (sofern) er lange seile habe, die starke sin, damit (die Büchse) für Tannenbg. lassen füren."- Der Rath bittet den Erzbischof von Mainz: „ ir reisigen Dienern den unsze, mit der grosse Bussen und ihre Getzug, entgein zu schicken biz geyn Ederss- heim (bei Bad Weilbach), daz (weil) han wir itzund virnommen wie daz etwaz samelunge und zuridunge zu Cronenberg sy." Es wurde also von dort her ein Ueberfall befürchtet. Indessen die Busse traf wohlbehalten in Gernsheim ein und stand am 8. Juli pünktlich unter dem Tannenberge. Ueber die schwierige Leistung, sie hinauf zu schaffen, berichten Syfrit Schwertfeger und Johannes Hungen an den Rath: „ der Berg zu dem Huse (Tannenberg) ist czumal geye (jäh) und hoch und ist czumal crodelichen (beschwerlich) hinoff zu kommen; da mer mossen ane die Buhzen alleine czwentzig Pferde und ane die Laden (Ladung) czwey und dryszig Pferde han, und gedun (thun) daz eyn gantzen Dag käme (währte), und gehöret werlichen grosze Erbert (Arbeit) darzu, dan daz Huhz ist zumal gut und kan man ner me zu kommen (nicht mehr dazu kommen) dan zu eyner syten. . . . Auch bedunkt uns, daz die grossen bussen dem huse wol schaden bringen, wan man sie dene huse bringet wie nahe man will. . . . Auch sullt ir weyssen, daz hie ist mer myn Hr der Hertzoge (Pfalzgraf) und unss gnädiger Hr von Mentze, und seit (sagt) man, daz vil weretlich (werte) Hr sal kommen. Auch salt ir weyssen daz mer (wir) nakeit (ohne Schutzwaffen) sind und mossen zumalen nae (nahe) mit den Berg henant, den mer han net Scheyrmess (Schirmdächer), also als andere Lude hant, dan mer lassen eyn machen und mossen uns gedreusten (dessen erdreisten), iz kost was iz kost, daz (damit) mer mit ander Lude zu (oben heran) kommen." Tannenberg erstürmt und gesprengt; 21. Juli 1399. 147 Aus den Steinbüchsen konnte man mit weitreichendem Horizontalschusse Bresche legen, wozu die alten im Bogen fliegenden Gewerfe selten tauglich waren. Indessen erforderten diese unbeweglich festliegenden Geschützrohre ein annähernd gleich hohes und für einen umfänglichen Wagentross zugängliches Angriffsgelände. Auf Räder wurden sie erst durch Kaiser Max I gesetzt. Die Umständlichkeit des Ladens erlaubte täglich nur einige wenige Schüsse. Neben den Steinkugeln warf man auch lange steinerne Bolzen, die mit Eisen beschlagen waren. Nun begann das ernstliche Feuern. Am Montage 14. Juli hatten bereits die erfahrenen Büchsenmeister von Frankfurt eine Bresche im Turme erzielt. „Die Busse that einen schoss, daz der Stein in dem thurm blieb stecken; der ander, daz ein groz loch in den thurm geht." Am nächsten Montage, 21. Juli, wurde die Burg gestürmt. Hartmut und sein Haufe hatten schon 8 Mann eingebüsst. Sie wehrten sich würdig der alten kronberger Art; aber die Uebermacht gewann. Gefangen wurden noch 48 Kämpfer; unter ihnen waren nur 5 unverwundet. Von kronberger Knechten waren 5 geblieben, für die 15 übrigen leistete Johann III Urphede. Der böse Hartmut durfte sich getrösten: „Viel Feind viel Ehr." Die Sieger zerstörten, der Verabredung gemäss, das Raubnest von Grund aus. Der mächtige Bergfried wurde „ausgebrannt." Die Zwischenböden und die oberste Plattform schlug man durch, um Luftzug herzustellen. Zugleich wurden alle seitlichen Oeffnungen verstopft; der innere Raum ward mit brennbarem Zeuge: Reisig und Pech ausgefüllt und dieses vom untern Eingange her angezündet. Durch die grosse Hitze dehnte sich die Luft im Turme plötzlich sehr stark aus; sie fand keinen raschen Seitenausgang, sprengte die Mauern und warf das Bauwerk in wenigen massigen Stücken um. Vielleicht half auch Schiesspulver nach. Der Brunnen wurde verschüttet; dadurch bewahrte er bis in unser Jahrhundert eine Reihe wertvoller kulturgeschichtlicher Beweisstücke; unter anderen die ältesten glasurten und nischenförmig gestalteten Ofenkacheln, und seltene silberne Bracteaten die ein Kreuz trugen: Kreuzheller, Kreuzer. Die fachwerkenen Wohnhäuser brannten nieder, mit ihnen die gehoffte Beute. Nur die geweihete Burgkapelle blieb stehen. Von jenem Tage an lag Tannenberg in Schutt und Trümmern, bis heute. Die friedfertigen Ganerben hatten das Nachsehen. Aber 10» 148 Wandergefangenschaft. Ritterliches Stegreifleben. die menschenleere Stätte wurde im Laufe der Jahrhunderte von der Sage bevölkert. Noch jetzt „webbert" es in der Ruine; man hat dort — wie die Leute erzählen — selbst um die helle Mittagszeit höchst unheimliche Erscheinungen gesehen: einen schwarzen Hund, sogar — ein weisses Schäfchen Die Gefangenen wurden, mit monatlichem Wechsel, im Gewahrsam des Landfriedenshauptmanns Grafen Philipp von Nassau zu Kirchheim - Bolanden, des Erz- bischofs Johann II zu Eltville und des Pfalz- grafenzu Heidelbergbehalten. Jedoch scheint es als ob die feindseligen Gefühle dieser Hüter des Gesetzes gegen den Störenfried Hartmut nicht sehr tief gewurzelt hätten. Vielleicht war auch das ganze Unternehmen mehr eine landespolizeiliche Massregel zum Heile der steuerzahlenden Untertanen und des eigenen Grundriss der Burg Tannenberg. A. Bergfried. B. Aeltestes Wohngebäude. c. ^ D. . Keller jüngerer Wohngebäude. E. ' F. \ Mutmassliche Kapelle und G. f Priesterwohnung. H. Zisterne. I. Pförtchen in den Zwinger. K. Zwinger. L. Ausfallpförtchen. M. Inneres Thor. N. Aeusseres Thor. O. Eingangsraum z. Eckthürmchen. P. Zimmer. Q. Offene Laube. R. Vorhof. S. Noch zu durchsuchende Stelle mit Mauerresten. T. Keller. U. Ausfallpförtchen. V. Stelle an welcher eine der gross- GeleitegeSChäfteS gewe- ten Steinkugeln die Mauer traf und vor ihr liegen blieb. SGfl , clls VOF1 gCFCChtCT W. Angefangene Bauten zum Schutze a p 11 -t des Burgwegs. Aufwallung ihrer sitt- x u. y. waii und Graben. liehen Entrüstung gegen Z. Burgweg. o o ö aa. weg nach jugenheim. den friedlosen Krön- BB. „ „ Seeheim, d. Ludwigs- höhe etc. berger und seine Hei- CC. „ „ der Mathildenhöhe. p t ip • i rershelrer eingegeben. Das vielberufene „Raubritterwesen" war ein von Friedrich Barbarossa gezüchtetes Unkraut, der 1187 zu Nürnberg ein Gesetzbuch des Faustrechts aufrichtete. Selbsthülfe und Fehde waren aus der uralt germanischen Blutrache hervorgewachsen und durch die Schwäche der Staatsgewalt genährt. Mitwirkte die Dürftigkeit des Adels durch Zersplitterung des endlos geteilten Erbgutes und durch übermässigen Auf- Alle Welt wegelagert. König Ruprechts kläglicher Römerzug, 1401. 149 wand bei Heeresfolge und Turnieren. Thomas Murner, in der „Narrenbeschwörung," lässt den Stegreifritter sich also rechtfertigen: „Aller adel weiszt im Landt: „Wann wir schon kein Erbteil handt, „Wir kynnendt uns der armut weren, „Allein von diesem sattel neren. „Und lerendt unsre jungen Kinder: „von dem sattel suppen kochen." Uebrigens war die Wegelagerei nicht etwa eine ausschliessliche Standessünde ungeratener oder bedürftiger Junkersöhne. Das Gewerbe trieben auch viele bürgerliche Raubgesellen. Städtische Söldner, zusammengelaufenes Gesindel, verbannte Bürger, ausgeplünderte Bauern: alle friedlosen Leute ergriffen, aus Not oder aus eigenem Triebe, diesen letzten Nahrungszweig auf der Heerstrasse. Nachdem der Rädelsführer Hartmut IX über ein Jahr in der wandernden Gefangenschaft gebüsst hatte, verbanden sich seine Brüder: Hartmut VIII und Johann IV zu seiner Befreiung. Was diese kostete? wird nicht berichtet. Er schwur „zu den Heiligen": Urphede und Landfrieden; damit wurde er am 6. Oktober 1400 entlassen. Von da an scheint er in der Zurückgezogenheit gerastet zu haben, wenn auch keineswegs mit stetem Wohlverhalten. Im Jahre 1401 unternahm der, inzwischen zum Könige erwählte Pfalzgraf Ruprecht den unvermeidlichen Römerzug. In seiner Gefolgschaft ritt, als Nr. 134 des Mannbuches: Johann (IV, 70 K) von Cronenberg; er führte 10 Gleven mit sich, wovon 2 zur königlichen Leibwache eingestellt waren, und erhielt als Sold 250 Gulden. Auch dieser Feldzug Ruprechts war allerdings kurz, leider aber ebenso unrühmlich. Am 14. Oktober 1401 hielt der König bei Trient Heerschau über 32,000 Mann zu Fuss und Ross. Am 21. Oktober wurde er bei Brescia gründlich geschlagen weil die schwerfällige deutsche Reiterei den beweglicheren Italienern nicht gewachsen war. Darauf zogen Oesterreich und Kurköln heim. Das übrige Heer verlief sich so ziemlich, wegen Hungers. Am 30. Oktober war Ruprecht mit seiner Leibwache zurück in Trient. Als er im Frühjahre 1402 wieder in München einzog, sang das Volk auf offener Strasse Spottlieder über den König, der „ohne Geld ohne Ehr, ohne Krone ohne Heer" heimgekehrt sei. Von da an hören wir nichts mehr von Johann IV von Cronenberg. 150 Sühne zwischen Johann III und seinen Söhnen, 1406. Am 12. Januar 1406 wurde auf Burg Kronberg abermals eine schwere Familienfehde gesühnt: Cronenbergischer Tädigungsbrief. Johann von Isenburg Here zu Büdingen, Johann und Friedrich von Riffenberg u. a. m. han „einen mudelichen (mündlichen) grunt- lichen und bestlichen beredt getedinget zwuschen Johann (III, 56 K) von Cronenberg, Ritter, dem alden und Hartmut (VIII, 59 K) von Cronenberg dem alden (älteren) und Hartmut (IX, 73 K), dem alden (älteren) sinen Bruder, und die da mitde begriffen und verdacht sin: daz die gruntlichen von beyden parthien gesunet sollen sin, und eynen lutern birzick (lautern verzieht) uff ein and thun um alle geschiecht die sich under yn erlauffen, als Hartmut der aide und Hartmut der junge ihren vater Johann vorgemelt gefangen hant, biss uf dissin hutegen tag, datum dieses brieves." . . . Die Schiedsrichter haben „eynen satz" unter den Ganerben zu Cronenberg gemacht: „ob es immer kommen mochte under yn, daz ir eyner an den andern griffen wurde, oder wolde yn leidigen oder scheddegen an syme übe oder gude, derselbe der den frabel also tede .... sulden die andern ganerben kommen und yn daz heissin abethun. Und ist der Broch (Bruch) also hoch, an dotslegen unter den Ganerben oder an Hennegebunge (Uebergabe) des Schlosses Croneberg (an Dritte), so mögen sie yn darzu virstossen dez Schlosses Cronenberg sines teils und sal daz sten und bliben ane alle Argeliste und Geverde. . . Johann (III), Walter (VIII), Franke (VIII) und Hartmud (VIII) der aide, ritter, han disse vorgeschrieben stucke, punckte und artickeln in truwen gelobt." Hartmut IX, der im Eingange als streitende Partei genannt wird, fehlt bei der Sühne. Nach diesem Briefe scheint es: als ob die Teidigungsleute das Unrecht nicht ausschliesslich auf Seiten der Söhne gefunden haben. Der alte Johann muss bald darauf gestorben sein, denn 1407 erscheint seine dritte Gattin, Kunigunde von Oberstein, als Wittwe. Vielleicht trug die junge Stiefmutter der ungeratenen Söhne zur Schürung des Familienzwistes wesentlich bei. Die beiden Hartmute waren die letzten vollblütig mittelalterlichen Gestalten ihres Geschlechtes. II. Uebergangsmenschen. 2* JCHON die nächsten Nachkommen Franks VIII (52 F) und Walters VIII (53 F), die Glieder der Neunten Geschlechtsreihe des I. Flügelstamms erscheinen als Uebergangsmenschen zur neueren Zeit, die in diesem Jahrhundert allgemach empordämmerte. Keine persönliche Kraftthaten mehr. Der Einzelne wird unwillkürlich das eingeordnete Glied der allgemeinen, militärischen und politischen, von den Fürsten geführten Masse; der kleine Adel beginnt zu sinken gegenüber der aufsteigenden Macht der grossen Landesherren. Diese Durchschnittsmenschen sollen nun in verdienter Kürze vorgeführt werden. Aus Gründen der Anordnung des einigermassen spröden und verwickelten Stoffes stellen wir hier den jüngeren Zweig II. des Flügelstamms voran. II. A. Kinder Franks VIII: II A. 1. Philipps III, der ältere (63 F). A. 2. Philipps IV, der jüngere (64 F). A. 3. Philipps V, der kleine (65 F). A. 4. Johann V (66 F). A. 5. Gella. A. 6. Gertrud. A. 1. Philipps III (63 F) der ältere. Seine Gattinen waren: 1. Anastasia Edle von Westerburg (1428). Nach ihr hiess sehr wahrscheinlich der grosse Hof des Flügelstamms, westlich am frankfurter Thor zu Kronberg: die Westerburg. 152 Neunte Geschlechtsreihe. Flügelstamm, Zweig II. 2. Adelheid Schenkin von Erbach, Tochter der reichen Elisabeth von Kronberg (1440). Philipp III erscheint 1403 auf dem Turniere zu Darmstadt. Frank VIII muss hoch bejahrt gestorben sein, denn erst im Jahre 1424 teilen seine beiden Söhne, die Philippse III und IV, ihr Ererbtes. Philipp IV, der jüngere, erhält unter anderem: die Hälfte des Rosenthals vor dem frankfurter Thore zu Kronberg „gehn St. Wendelyn gelegen" (Kirche auf dem Schäfereiberge über Schönberg, also den östlichen Teil). St. Wendelin, ein schottischer Prinz, wurde in der Gegend von Trier Klausner, dann Schäfer, endlich Benediktinerabt zu Tholey, starb 1015. Um sein wunderthätiges Grab wurde die Stadt St. Wendel gebaut. Er ist Fürbitter gegen Viehseuchen. item : Wiesen, gegen den Hain, nördlich der Burg gelegen, item: die Helle und den langen Stall; letzterer unterhalb der Helle „bei der Werth" gelegen, zwischen der Landstrasse Kronberg- Königstein und der Eichgasse; item : Höfe in Sossenheim, Wallau und in Hofheim neben der Kirche. Philipp III, der ältere, erhält: alle Burglehne; den Hof zu Aschaffenburg. — Der Kaldenfels (Kalkbruch), gelegen undewendig (am Fusse) der Hellen zu Cronbergk, ist gemein. Der Garten vor der Burg (dort wo jetzt der neue Burgweg hindurchführt) ist gemein. Eine Reihe weiterer unklarer Einzelheiten übergehen wir. Im Jahre 1426 wird die Hälfte von Rumpenheim am Main an die Herren von Hanau verkauft; sie besassen bereits den andern Teil. Im Jahre 1428 macht Philipp Frieden mit den Herren von Westerburg. Im Vertrage heisst es: „die Getödteten sollen vor unsern Hergott gestellt werden." Im Jahre 1453 war Philipp III bereits tot. Seine Grabstätte ist unbekannt. III. Falkenstein und Königstein. M 9. Juli 1434 belehnt Philipp Graf von Nassau-Saarbrücken den alten Philipp (III) von Kronberg und seinen Bruder (Phi- l\ lipp IV) „mit der Gemeinschaft zu Nö- rings und dem Berge zu Nörings, da auf A\ das Schloss Newen Falkenstein ufgebauet ist, mit aller seiner Zugehört wie das von Alters her zu der Grafschaft zu Nörings gehört hat und wie wir (Nassau) es von der Grafschaft Boland geerbt haben." Am südwestlichen Abfalle des Altkönigs schaut von schroffer Höhe ein einsamer dachloser Turm auf Kronberg und den Niddagau herab; der letzte Zeuge vom Dasein der mächtigen Burg Falkenstein, mit ihrem vollen geschichtlichen Namen: die Nuwefalkstein geheissen. Wir hörten von den Grafen von Nüring, den Gaugrafen an der Nidda. Ihre Burg lag auf der Stelle des jetzigen einsamen Turms. Das Geschlecht starb 1174 aus. Die Erbtochter Lucard heiratete den edlen Herrn von Münzenberg in der Wetterau. Zugleich brachte sie ihm die Burg Königstein zu. Deren Erben wurden, wiederum durch Heirat, die Herren von Bolanden und Falkenstein; sie wohnten am Donnersberge in der Rheinpfalz. Im Niddagau besassen die Bolanden die Dörfer Nieder-Hexstadt und Oberliederbach. In letzterem belehnte, 1190, Werner II die Söhne Walters I von Hesschburnen. Philipp I von Bolanden erheiratete, 1255, aus der Erbschaft der Münzenberge die Herrschaften Nüring und Königstein am Taunus. Die verfallene Burg Nüring stellte er wieder her und nannte sie, nach dem alten Stammsitze 154 Die Kronberge Lehnsmannen auf Neu-Falkenstein. am Donnersberge: Newe Falkstein. Die Bolanden wurden von den Grafen von Sponheim beerbt. Deren Lehnsmannen auf Neu-Falkenstein waren 1388 die Kronberge. Philipps (I, 54 F) und Frank (VIII, 52 F) von Cronenberg gehen so sagt das alte sponheimer Mannbuch - „von uns zu Lehen den Noringes halben, den man nennt die Nuwe- falkstein." Die andere Hälfte besassen 1382 die „Hatzstein." Weiter wanderte die Lehnsherrschaft über die Burg, durch Erbtöchter, an die Grafen von Nassau. Sie machten aus dem Besitze ein Ganerbenhaus. Dreissig Minuten Weges vom Falkenstein, gen Westen, lagert auf einem, vereinzelt aus der Thalebene aufsteigenden massigen Felsblocke die weitläufige Ruine der einstigen Festung: Königstein. Königstein, 16. Jahrhundert. Hier war fränkischer Königsboden. Das Schloss tritt zuerst 1256 als „Kuningestein" auf. Von den Nüringen kam es durch die Münzenberge an Philipp I von Bolanden-Falkenstein. Mit dem Erzbischof Werner von Trier starb 1418 dieses Geschlecht aus. Die Herren von Eppenstein erheirateten Königstein. Von seinen späteren Beziehungen zu den Kronbergen werden wir zu ihrer Zeit hören. II. A. 2. Philipp IV der jüngere (64 F). Verheiratet war er mit Anna von Handschuchsheim. Philipp macht in den Urkunden meistens gemeinsam mit seinem älteren Bruder von sich reden. Ueber ihn allein wäre zu berichten: dass er etwa 30 Jahre lang (1425—55) sich in Geldgeschäften mit den Erzbischöfen von Mainz und den Eppsteinern bewegt. Die Pfandschaften dafür erhält er „amtsweise" ; so zu Diepurg, Buczpach, Steinheim und Nieder-Olmen. Burgfrieden der Ganerben zu Neu-Falkenstein, 1453. 155 Philipp IV war im Jahre 1453 einer der fünf Burgmeister von Falkenstein. Ausser ihm sassen noch vier Kronberge in der Ganerbschaft nebst 4 anderen Familien. Am 22. Februar schloss diese zahlreiche Gemeinschaft einen Burgfrieden, aus dem einiges der Mitteilung wert ist: „Kein Ganerbe soll den andern Mitganerben in ihr Ambt (Berechtigung) greifen, er hätte ihm das vorab geklagt zu dreyen Tagen und sechs Wochen. Wehr es aber, dass unsre einer oder mehr dem anderen an seinen Leib geriffe und freventlichen von dem Leben zum todt brachte, was doch nit sein soll in kein Weiss, der soll seinen Theil für sich und seine Erben zu ewigen Tagen an dem obgenannt Schloss verlohren han und soll dazu niemändig und verlass seyn." . . . „Wehre es aber, dass einer den andern freventlich verwundet und blutrissich mächte, das doch auch nit seyn soll, so sollen unsre Burgmeister denn oder die, die das thaten, von stundt schreiben, so (damit) sie das ermahnt oder gewehret würden. Und (sollen) den oder die mahnen: uff stundt vorzügliche gehn Mayntz oder Franckfurt mit seinem selbstleibe und einem Knecht und zwey Reissigen sofortt in ein offen Herberg ... , , , , , ,, Philipp IV und Frau Anna; 1477. (zu) halten und darinnen bleiben ein halb Jahr lang und bussen. [Die Busse bei dieser milden Gefangenschaft bestand in den Zehrungskosten]. Und wan die Buss also geschehen wehre, so soll er denen oder den, die also Kläger wehr, wandel und kehrunge thun nach erkenntnis der Fünfen oder des mehren theil darunter, von dem obgenannten Schloss." Philipp IV starb am 25. Dezember 1477 in hohem Alter; Anna von Handschuchsheim am 4. September 1464. In der Stadtkirche zu Kronberg fanden sich, vor ihrer Verwüstung und Ausplünderung, „auf der äusseren Seite der Flügel des Fronaltars 156 Philipps IV und Annas von Handschuchsheim Grabstein, 1477. zwei gemalte knieende Figuren in gewöhnlicher Kleidung. Der Mann hat den Cronbergischen Flügelschild, die Frau aber das Handschuhheimische Wappen vor sich liegen." . . . (Oetter.) Vorhanden ist noch der Grabstein in der Mauer nördlich am Triumphbogen. Die Arbeit ist in hohem Relief kunstvoll ausgeführt. Zwischen dem Paare schwebt ein Engel mit dem Veronicatuche ; darüber ein anderer mit beider Wappen: Kronberg-Flügel und Handschuchsheim. Der Mann steht über einem liegenden Löwen (Stärke), die Frau über einem Hündchen (Treue). Umschrift: Ano dm M°CCCC°LXIII1. Am . Distag vor. usz . liebe . frauve . tag . geburt (4. September 1464) starb Ane vo Hezenhe . He . Philipp 5 Frau vo Kroberg . der . got. gnade . a . Ano dm M°CCCC°LXXVII (25. Dezember 1477) am . dorstag . des . hilge . cristag . i. de . Schlachtmat (?) i . mittag . starp . de . streng . her . Philipps . vo . Kroberg . ritt. d . got. gnad . Beide Gestalten sind von den Knieen abwärts ergänzt; zu Anfang dieses Jahrhunderts waren sie frech verstümmelt worden; man meisselte die Unterbeine ab um einen Kirchenstuhl hart gegen die Mauer zu rücken. II. A. 3. Philipp V (65 F), der kleine, wurde zu Michaelis 1418 als Student in Erfurt eingeschrieben; 1430 war er Domherr zu Mainz. II. A. 4. Johann V (66 F) war Geistlicher auf St. Jakob zu Mainz. II. A. 5. Die Schwester Gella war verheiratet mit Philipps zu Frankenstein. Die Herren von Frankenstein trugen, mit ihrer Burg über der Bergstrasse, von den Grafen von Katzenelnbogen ein absonderliches Lehen. Gegen eine jährliche Kornrente von 12 Maltern hatten sie, auf Anfordern der Stadt Darmstadt, dorthin mit einem besonderen Boten einen Esel zu schicken, auf dem diejenige Frau, die gegen Epheser 5,23 gefehlt hatte, [die Weiber seyn unterthan ihren Männern, als dem Herrn], nach Urteil und Recht durch die Stadt reiten musste und zwar: „verkehrt, statt des Zaumes den Schwanz in der Hand." Das darmstätter Esellehen der Frankenstein. 157 War der Mann in offener Fehde geschlagen worden, so hatte er das Thier selbst zu führen; war er jedoch hinterlistig überfallen so dass er sich nicht wehren konnte, dann führte der Frankensteiner das Eselein. Im Jahre 1538 forderte das Gericht „der bösen Hundert" (der Strafpolizei) den „eesel und den Mann daruff zu schicken" . . . „dan wir konnten es nit ungestraft lassen, uff dass das ubermutig, stolz und bose weibes gewalt mag underdruckt werden und nit weiter einreisst." - II. A. 7. Schwester Gertrud heiratet 1404 Philipp von Sachsenhausen. IV. Frank IX der „Reiche" und „Alte." Anna die Stammmutter der acht souverainen Häuser. l. 1. 2. 2. a. b. IR wenden uns jetzt zum älteren Zweige I. des Flügelstamms: I. B. Kinder Walters VIII (53 F): 1. aus erster Ehe mit Gezele (Mechthild) von Hotzfeld: Lorchen, Gattin Hartmuts VIII (59 K). Hebele, seit 1387 Gattin von Werner Collings, 1405 Wittwe. 2. aus zweiter Ehe mit Elisabeth Edler von Runkel: Frank IX (62 F). Anna. I. B. 2. a. Frank IX (62 F) Er muss bald nach 1370 geboren sein. Verheiratet war er: 1. mit Gertrud von Hotzfeld; sie starb, 1405, ohne Nachkommen; 2. um 1410 mit Katharina Edlen von Isenburg; sie starb 1465. Ihr einziges Kind war: Elisabeth, verheiratet 1433 an Johann Grafen von Solms. Frank starb 1461, also gegen 90 Jahre alt. Im Jahre 1406 kommt der väterliche „Erbteilungsbrief zwischen Walters (VIII) von Cronbergk Ritters seligen zweierlei Kindern" zur Ausführung. 1. a. Lorchen erhält die väterlichen Anteile an verschiedenen Schlössern: Cransberg, Ronneberg, Rospach, Wehrheim. 1. b. Hebele wird nicht bedacht. Wahrscheinlich war sie durch ihr Heiratsgut bereits abgefunden. 2. a. und 2. b.: der Sohn Frank und seine Schwester Anna bekommen: Franks IX reiche Erbschaft. Stammmutter Anna heiratet 1408. 159 anderthalbhundert Gulden Gelts (Rente) zu Caynberg (in der Wetterau) und Steinheim; und 11,000 Gulden die der Kurfürst von Mainz (Johann II, von Nassau 1397 -1419) schuldete; 5000 Gulden die Philipps Graf von Falkenstein schuldete; 2000, und 1000 und 1000 und 2500 und 1900 Gulden „uff den Caynbergk" und 112,000 (!?) Gulden. Auch alle Dringkfasse. Frau Elsze (die Wittwe) erhält ein Straussenei, Lorchen das andere. Was im Burgbann und Burgfrieden zu Kronberg (an Alloden) liegt, bekommt der Sohn Frank. Auch abgesehen von wahrscheinlichen Zifferfehlern in der Abschrift des letzten Willens war es eine ungewöhnlich reiche Erbschaft. Wir werden jetzt vernehmen : wie Frank IX mit des Vaters hinterlassenem Pfunde wucherte, und wie weit es der gewaltige Landerwerber in diesem Geschäfte während der nächsten 60 Jahre brachte. Dabei ist eine stattliche aber allzu einförmige Reihe kleiner laufender Geldgeschäfte unterdrückt worden, die dieser grösste Finanzmann seines Geschlechts keineswegs verschmähte. Am 13. September 1408. Eheberedung zwischen dem Edlen Junghern Eberharten zu Eppenstein und Jungfrauwen Annen, Hern Walters von Cronenberg selig Dochter. Anna wurde in dieser Ehe eine der weiblichen Stammmütter der erlauchten souverainen Häuser: Preussen, (Baiern), England, Hannover, Hessen, Sachsen-Weimar, Mecklenburg-Strelitz und Sachsen-Coburg- Gotha. Sie ist in dreifacher Abstammung die direkte Vorfahrin des hochseligen Kaisers Friedrich, ebenso in anderer dreifacher diejenige I. M. der Kaiserin Friedrich, also in sechsfacher die weibliche Stammutter Seiner Majestät des Kaisers Wilhelm II. Dieses ergiebt das nachfolgende Stammregister: Eberhard > Ivon E 'ach I Georg II In Erbach I Georg Albrecht I von Erbach I Erbach I Erbach I Georg Ludwig I von Erbach Sophie Albertine ©o Ernst Friedrich I von Sachsen - Hildburghausen. | Elisabeth Albertine ©O Karl I von Mecklenburg-Strelitz uise Margarethe ©O Ludwig Eberhard von Oettingen Joachim Ernst von Oettingen Albert Ernst 1 Fürst von Oettingen Chris te Luise ©s Ludwig Rudolf von Braunschweig-Blankenburg hitoinett Amalie ©o Ferdinand Albert II von Braunschweig-Wolfenbüttel Ii a 1 i e' Karl II, Grossherzog von Mecklenburg-Strelitz I Charlotte'' 5 " 5 1- ©3 Georg III K. von England, Hannover Augus Wilhili von P? eussen Ffiedricl Bilhelm I König II IPreuss i IB- L u i s e * 2. (Königin von Preussen) I Friederike Königin von Hannover I Eduard Herzog v. Kent ©3 Victoria von S. C. G. I Königin Victoria v. E. I Ernst August König von Hannover r K. Ffiadrich Wilhe Pi Isen I Luise vi ißtrelitz* K. Georg V von Hannover Kaiser Abstammung * Kaiser Friedrich 3 mal durch: Kaiserin Friedrich 3 mal durch: 1. Luise Amalie von Braunschweig-Wolfenb. 1. Königin Charlotte von England (Strelitz) 2. Königin Luise (Strelitz) 2. Herzogin Victoria v. Kent (Sachsen-Saalfeld) 3. Kaiserin Augusta (Weimar) 3. P. C. Albert von Sachsen-Coburg-Gotha also Kaiser Wilhelm II: 6 mal. IUI von Prinz Wilhelm I Karl I von Braunschweig -W olfenbüttel | Amalie ©3 Ernst August von Sachsen-Weimar I Sophie Antonie CO Ernst Friedrich von Sachsen - Saalfeld Franz von Sachsen-Saalfeld ^lm I G König Princess Marie K. Max II v. Bayern , Karl August von Weimar I Karl Friedrich von Weimar I f Augusta * 3. Kaiserin und Königin Ernst I von Sachsen-Coburg- Gotha I A1 b e r t * * 3. P. C. Victoria**2. ©O Eduard** Herzog von Kent I Königin Victoria von England \ König Otto I Friedrich III, Kaiser und König I Victoria Kaiserin und Königin Wilhelm II Kaiser und König 162 Die Eppensteine. Franks Eidam: Graf Johann von Solms, 1433. Die Burg der Eppensteine steht über dem Lorsbachthale, in geringer Entfernung westlich vom Staufifen. Ihr sagenhafter Gründer Eppo, ein Riesenbesieger, weist auf den Schimmelreiter Wodan hin ; Eppo = Pferd, (hoppe, hobby). Aus diesem alten Dynastengeschlechte ging eine Reihe fester und unruhiger Männer hervor, allerdings nicht immer sehr lautere Karaktere aber: Kraftmenschen ! Vor allen übten die fünf Erzbischöfe von Mainz aus dem Hause der Eppensteiner die stärkste Einwirkung auf Deutschlands Geschicke. Jetzt gehört die grossartige Ruine wiederum den, während langer Jahre aus der Herrschaft durch Kurmainz rechtswidrig vertriebenen Stolbergen von Wernigerode. Am 28. Mai 1402 verheiratete zu Andernach der Erzbischof von Köln, Friedrich von Saarwerden, seine Schwestertochter an den Grafen von Diez. Da war Turnier und Hoftag. Als Frank IX damals „zu eyme ritterlichen Schymphe zu Ander- nache gewest, ist er ufif des fryen Rines Stromme von Wilhelm von Richenstein (Falkenburg) und Sifrid Basthard von Runkel angegriffen, geslahen, gefangen, ihe Habe und Kleinode genommen, wider Ere und recht (ohne Fehdebrief)." Die drei geistlichen Kurfürsten vereinigen sich um, zur Sicherung der Stromfreiheit (ihrer Rheinzölle), Burg Richenstein zu erobern. „Eincher Frommen (Nutzen) an Gefangenen soll gemeinsam sein." Der Ausgang ist unbekannt. Im Jahre 1429 siegelt Frank IX, als Zeuge, ein eigentümliches Geschäft. Erzbischof Konrad III von Mainz (1419—36) Hess die Juden in etwa einem Dutzend seiner Stiftstädte gleichzeitig gefangen setzen und ihr Hab und Gut beschlagen. Nach den darauf von den Beschlagenen ausgestellten Urkunden that er dieses: „um argwohne und Unwillen, so er um sachewillen die ihn dazu bewegeten, gein uns . . . gewonnen hatte." In ihren Briefen verzichteten sie auf jeden Schaden; er gab sie frei und das Ihrige ihnen zurück, — jedoch unter Rückbehalt ihres baren Gold- und Silbergeldes. Das war die damalige Form der Zwangsanleihen, deren der hohe Herr wohl für Palliengelder und Handsalben in Rom dringend bedurfte. Johann Graf von Solms empfing, 1433, die Mitgift seiner Frau Else, Franks IX Tochter, mit 6000 Gulden; nur ein Tropfen von dem Franks Abrundungskäufe in Rödelheim, seit 1435. 163 Reichtume, der durch sie den Solmsen zuströmen sollte. Else starb schon am 13. Dezember 1438; sie hinterliess einen Sohn und Erben: Kuno Solms. Ihr Gatte starb 1457. In der Stiftskirche zu Lieh stehen die zwei Grabsteine. Am 2. Februar 1440 finden wir „Ffrank von Cronenberg der ehe" unter den zahlreichen Zeugen der Urkunde, in der die Kurfürsten dem Herzoge Friedrich von Oesterreich kund thun: dass sie ihn einstimmig zum Römischen König, „ob Got wil, zu kunfftigen keyser" erwählt und gekorn haben. Während der Jahre 1435 —1446 betrieb Frank IX den grossen Landkauf, aus dem er Schloss und Gut Rödelheim schuf. Zuerst erwarb er vom Kapitel der Kirche U. L. F. zu Liehe dessen Hof zu Redeln- heym nebst dem Zehnten dort und die Cyriacikapelle vor Reddeinheim. Er selbst war bereits Ganerbe in dieser Reichsburg. Der licher Hof wurde der Kern einer Abrundung, die nach und nach alles verschlang was überhaupt vor Rödelheim käuflich war; es folgten zahllose Geschäfte über andere dortige kleine Burgsitze; über Mühle, Fähre, Fischwasser in der Nidda; über Anteile am Dorfe und Gerichte. Gleichzeitig und fast nebenbei erwarb Frank vom Grafen Dietrich von Seyne die Hälfte des Schlosses und der Stadt „zum Hayne in der Dryeich," südlich bei Frankfurt, um 12,000 Gulden. Die Stadt Frankfurt, wachsam gegen jede benachbarte steigende Macht, trat bei diesen Geschäften, von 1442 an, als Mitbewerberin auf, so dass manche Käufe, namentlich von Burg- oder Gerichtsanteilen, nur gemeinsam zustande kommen konnten. Auch hatten beide Teile Anlass gute Freundschaft zu halten, denn Frank war Besitzer eines, vom Vater ererbten grossen Freihofes in der Stadt. Dieser liegt noch heute zwischen dem kleinen Hirschgraben und der Weissadlergasse (Nr. 16). Ersterer war ein Teil des alten Stadtgrabens von 1150; der Hof stiess also auf die Ringmauer. Ihn besass bereits Johann II (50 F) von Croninberg (1330—70), der kinderlose Oheim Walters VIII (52 F); 1382 wird der Besitz genannt: „Herrn Walters von Croninberg Hof in dem Rosendael gelegen." Diese Gegend der Stadt hiess so von uralten Zeiten her; die dortigen Sitten waren übel berüchtigt. Denn im Jahre 1493 verzeichnet das Bürgermeisterbuch: „Es solle Philipsen Oistertag des maiers huszfrauwen, wo sie iren (unsittlichen) handel nit abstellen 164 Franks Ankäufe in Assenheim. Johannes de Capistrano, 1451. wolle, in (das verrufene) Rosenthal ziehen, oder der Rat gedenkt sie ungestrafft nit zu lassen." Vom alten Frank vererbte der Hof auf seinen Enkel Graf Kuno Solms. Noch heute ist er im Besitz seiner Nachfolger zu Rödelheim. Im Jahre 1446 hatten Kuno, Herr zu Westerburg, Jakob II (76 F) von Cronenberg (ein Sohn Philipps III, 63 F) und andere auf dem Maine, zwischen Frankfurt und Mainz, Cölner Bürger angegriffen ohne Fehde anzusagen, und sie nach Westerburg geschleppt. Die Städte Cöln und Frankfurt verbünden sich mit Franke von Cronenberg senior, sie zu befreien. Erzbischof Diedrich von Mainz und Frank greifen Burg Molsberg (am Westerwalde) an. Frank . . . stellt dazu 15 Reiter und 10 Fussgänger, Der Erzbischof „ „ 25 „ „ 11 „ Frankfurt . . „ „ 20 „ „ 8 „ Cöln .... ,, ,, 25 ,, ,, 11 „ 85 Reiter 40 Fussgänger. Wir haben hier den Massstab des militärischen Machtverhältnisses. Nach einigen Verwüstungen rings um Molsberg wurde der Spahn 1448 zu Koblenz gesühnt. So war damals der übliche Verlauf der gerechten Fehden. Im Jahre 1447 beginnen die Verhandlungen über Franks IX neuen Schlossbau vor der Burg Rödelheim. Am 29. September 1448 kauft er von Gerard Grafen von Seyne dessen Anteil, zu fünf Sechsteln, an der jetzt Solms-Rödelheimschen Herrschaft Assenheim nebst fünf umliegenden Dörfern für 20,000 Gulden. Ebenso gehörte die Burg zu Fauerbach bei Friedberg Franken IX. Am 22. August 1451 zu Speyer werden der Deutschmeister Jost von Venningen, Graf Reinhard von Hanau und Frank von Cronenberg zu „Gemeinern" (Schiedsrichtern) in den Streitigkeiten zwischen Kurpfalz und Kurmainz bestellt. Ueber alle diese weltlichen Geschäfte wurde das wichtigste, die Sorge für das Seelenheil, nicht vergessen. Das bezeugt eine Urkunde des Johannes de Capistrano, vom 20. Juli 1451, für Frank und Catha- rina von Cronenberg, worin denselben allerlei religiöse Wohlthaten zugesprochen werden; auch wird ihnen die Erlaubnis erteilt: in ihren Wohngelassen die Messe zu hören falls sie verhindert sind die Kirche zu besuchen. Franks IX Standeserhöhung; •]• 5. März 1461. 165 Dieser Minoritenbruder Johann war zu Capistrano, nahe bei Aquila, als der Sohn eines adligen deutschen Söldners am 25. Juni 1385 geboren. Er ist eine der merkwürdigsten Erscheinungen jener Tage. Hochberühmt ward er durch seine feurigen Türken- und Busspredigten im Jahre 1451, sowie durch seine Kämpfe und seinen Tod an der Seite des streitbaren Mathias Corvinus, 1456. Im Jahre 1454 hatte er zu Frankfurt auf dem Römerberge unter gewaltigem Zulaufe gepredigt; das Volk nannte ihn den: „Helgmann, heilich man." Er war ein Werktätiger Bussprediger. Am 10. August 1452 verbrannte er in Nürnberg an sündhafter Luxuswaare: 3612 Spielbretter, mehr als 20,000 Würfel, Kartenspiele ungezählt und 72 Schlitten. Am 5. März 1461 stirbt der alte Frank, der grosse Geld- und Landhändler, zuletzt allgemein „der Reiche" zubenannt. Gegen sechzig Jahre lang hatte er gearbeitet um sich und seinen Schwertmagen einen grossen möglichst geschlossenen Herrensitz zu schaffen, der die Kronberge unter die wetterauischen Grafen und Herren erheben sollte. Dafür sind Anzeichen schon aus dem Jahre 1429, in einem frankfurter Berichte aus Wien vorhanden. Im Adels-Archive zu Wien findet sich sogar die Urkunde über Verleihung des freien Herrenstandes, durch Kaiser Sigismund (1410—37), an Frank von Cronberg. Man erfährt leider nicht: warum derzeit diese Erhebung unausgeführt blieb? Vermutlich weil und solange der Sohn fehlte. Und das Ergebnis all der Mühe und Arbeit? — Ein männlicher Leibeserbe blieb dem reichen Manne versagt; seinen sauern Erwerb gewannen nicht seine Ganerben; ein Enkel aus fremdem Geschlechte, Sohn seiner einzigen bereits 1438 gestorbenen Tochter, führte alles von dannen was nicht Mannlehen war. n V. Schloss Rödelheim. Die Ohren. Franks IX Schloss; stand von 1448 — 1802. K«j3fö*teUAS Lebenswerk Franks IX war die Schöpfung des Schlosses unc * Gutes Rödelheim gewesen. Diese uralte römisch-frän- kische, jetzt wiederum in neuem Aufblühen sich dehnende Ansiedelung ist ein so eigentümliches Gebilde altdeutscher Rechts- und Baugeschichte, dass es sich wohl verlohnt: ihre Schicksale etwas zu verfolgen. Radilenheim tritt zuerst, im Codex Laureshamensis, 788 ans Licht. Es war eine Centene, Centmark, die ursprüngliche Gemeindeverbindung der freien Einwohner. Nach und nach gewann hier die auswärtige Geistlichkeit grossen Besitz. Königliches vorbehaltenes Gut finden wir ebenfalls, wie fast aller Orten rings um den Kammerhof Frankfurt. Im Jahre 1219 schenkt der Kaiser Friedrich II dem Deutschen Orden die dortige Kapelle sammt ihrer Mitgift an Land, Zehnten und Leibeigenen. Die Burg zu Rödelheim erscheint von vorn herein als ein Ganerbenhaus. Bei zusammentreffendem Vorteile der Inhaber und des Königs Rudolf I wird dieses, am 24. Mai 1276, zu einer Reichsburg erhoben, nach dem Vorbilde des nahen Friedberg. Ein Jahrhundert später hatte Maler Sebold Fyol conterfait den Neubau zu Redelnheym abe, 1446. 167 das „Schloss" zu Rödelheim den Karakter der Reichsburg und alle Bedeutung für das Reichskriegswesen bereits wieder eingebüsst. Jeder Ganerbe besass nicht nur einen ideelen Anteil an der Burg als Ganzes, er eignete darin auch einen besonderen örtlich abgegrenzten Fleck. Ueber diesen verfügte er als Eigentümer, allerdings unbeschadet der Rechte jedes anderen Ganerben und der Gesammtheit. Diese Anteile waren an Fremde verkäuflich geworden. Das „Reichs-Schloss" zu Reddelnheym stand an der Stelle, die jetzt von einem Halbkreise verschiedener Gebäude eingefasst ist und: der „Viehhof," früher wohl: „Fürhof, Vorhof" genannt wird. Vor diesem Platze, von der Stadt aus, finden wir die alte Kapelle des heiligen Cyriacus. Die gezwungene Gemeinsamkeit zwischen Frankfurt und Frank IX führte naturgemäss zu Streitigkeiten. Im Jahre 1446 Hess letzterer sein Stück Reichsschloss einreissen, als zu alt und eng; mit den Steinen begann er ohne weiteres ein grösseres festeres Schloss zu bauen, zwar innerhalb des Burgfriedens aber an ganz anderem Platze; an eben der Stelle wo jetzt das gräflich Solms'sche Gutshaus steht. Der Raum dafür war durch die Ankäufe gebildet, die Frank „zu Redeinheim vor der Burg" gemacht hatte. Diesem Neubau widersetzte sich Frankfurt alsbald sehr entschieden, weil er „wider den Burgfrieden" sei. Der Rath redete zunächst „dem lieben Junker Francken" gütlich zu: solchen Bau unterwegen zu lassen, denn er mache ihn „feste und stark mit thornen (Türmen) kemenaden und graben, das dem Rade am ersten also nit forgegeben ist worden." Der ehrsame Rath war danach offenbar vom lieben Junker durch Vorlage eines nicht völlig zutreffenden Planes hinters Licht geführt worden. Da Zureden nicht half Hess der Rath, 1446, durch den frankfurter Maler Sebold Fyol eine Zeichnung über den dermaligen Befund in Rödelheim anfertigen. Im Rechenbuche dieses Jahrs findet sich folgender Eintrag: Sab. post nativ. Christi (Samstag nach Weihnacht) 2 Pfund (Heller = 16 Gulden) Sebold maier, daz Sloss Redelnheym, so vil itzund davon gebuvett ist, abezu conterfaiten und abe zu malen." Dieses farbige Kunstwerk hat sich erhalten; es ist wohl eine der ältesten uns überkommenen architektonischen Zeichnungen eines Profanbaus. Sie wird umstehend ohne Farben vorgeführt; dazu ein Grundriss, den Sebold seinem bauleitenden Zunftgenossen ver- li* 168 Franks IX Streit um Rödelheim, 1446, dankt haben wird. Darauf beschloss der Rath: die Sache vor „König, Fürsten und Herren" (den Reichstag) zu bringen. Dem Könige ward vorgestellt: ein solcher Bau ist einmal den Gunstbriefen der Stadt von Kaiser Ludwig dem Baiern, 1322, entgegen, nach denen innerhalb eines Umkreises von fünf Meilen kein burglicher Bau errichtet werden durfte. Dann aber gefährdet er auch das Reich, „weil bei zwiespältiger Königswahl, wenn die Könige vor Frankfurt im Felde liegen müssen, der eine Teil sich leichtlich in dem Schlosse festsetzen könne." Reichsburg Redelnheym mit dem beginnenden Neubau, 1446. Kaiser Friedrich III übte diesmal ausnahmsweise rasche Justiz. Noch in demselben Jahre, am 31. Juli 1446, befahl er dem Franck von Cronenberg, bei schwerer Strafe und Verlust der Reichslehen: das neue Schloss abzubrechen. Frank legte sich aufs Verhandeln. Ein Rechtstag zu Nürnberg wurde angesagt: Frank, der ergraute Geschäftsmann, kannte den Gerichtsgang im heiligen Reiche; er erschien einfach nicht. Neue Ladungen ergingen, nun nach Wien vor das kaiserliche Kammergericht. Frank wandte weitere verzögerliche Behelfe vor und brachte 1448 mit der Stadt, deren frischer Kampfesmut inzwischen erloschen war, einen Vergleich zustande, den der friedfertige Kaiser alsbald bestätigte. Dieser Vergleich ist imgrunde etwas komisch: Frank und seine Hausfrau verkaufen der Stadt ein Zehntel ihres neuen Baus, Schlosses und Fürhofs Rödelheim um 1000 Gulden. Sie räumen ihr — nicht etwa einen entsprechenden Teil des Schlosses sondern das Haus ein, und Friede mit Frankfurt, 1448. 169 das hart an der vordersten Pforte gen Frankfurt zu, neben dem Mar- stall stand. Dieses Gelasses aber soll die Stadt nicht zu stetem täglichen Wesen und Haushalt, sondern nur wenn es nötig sein wird, als ihres eigenen Hauses gebrauchen. Das Ehepaar übernimmt allein die bauliche Unterhaltung und die Beschützung des (gemeinsamen) Schlosses, gegen eine jährliche Hülfe von zwölf Gulden. Allerdings sollen seine Amtleute Türmer und Wächter zugleich der Stadt schwören . . ., aber der kluge Frank blieb dennoch der alleinige Herr in seinem Hause. Seitdem herrschte Friede und Freundschaft zwischen Frankfurt und Frank bis zu dessen sanftseligem Ende im Jahre 1461. Die alte Reichsburg geriet mittlerweile völlig in Verfall. Die Ganerben gaben sie auf als eine zwecklose Last; sie verliefen sich. Die Baumeister hatten 1480 nur noch „die Brücken vor der Dalporten (Dorfpforte) von newen zu dremen (mit Bohlen zu belegen), dem Steindecker das Dach uff der Dallporten zu stoppen." Im Jahre 1550 heisst es, zum Schlüsse: „das alte zerfallene Geschloss zu Rödelheim." Frank des Alten neues Schloss war ein Fachwerkoberbau auf schweren, noch heute durchaus standfesten Kellerkreuzgewölben; praktisch und standesgemäss. Das Hauptthor, nach Osten dem Dorfe zu, war durch zwei Türme geschützt. Der Bau hatte sich bis zum Anfang des 19. Jahrhunderts erhalten. Der östliche und südliche Flügel waren allerdings schwer angeschossen als der tolle Christian von Braunschweig, 170 Katharinas von Isenburg Grabstein mit dem Grafentitei, 1465. im Juni 1622, durch die Wetterau mordbrennend zu seiner Niederlage gen Höchst zog. Endlich aber erwies sich, nach 350 Jahren, der ge- sammte Oberbau als unheilbar altersschwach. Ein neuer sollte ihn ersetzen auf den alten Fundamenten. Vor dem Abbruche, 1802, fertigte man die auf S. 166 wiedergegebene Abbildung an. Die dort erscheinenden Nebengebäude sind jetzt verschwunden. - An der östlichen Grenze des Parkes steht die ururväterliche Gerichtslinde, eine dicke kurze stumpfe unförmliche Masse trockner abbröckelnder Borke, aus der oben noch einige schwächliche Zweiglein mit zwerghaften Blättern spriessen, wie einzelne letzte Härchen auf einem dürren Greisenhaupte. Hier hegten die ältesten Herren von Rödelheim das Centgericht und der Baum zählte bereits einige Jahrhunderte als Frank ihn in den neuen Burgplatz einparkte. In der ehemaligen Cyriaci - Kapelle, jetzt evangelischen Kirche, liegt vor dem Altare der kunstvoll in Bronze gegossene, noch wohlerhaltene Grabstein der Katharina von Isenburg, Franks des Alten Hausfrau. Sie starb am 21. Dezember 1465. In ihrer Grabschrift lesen wir: Catha- rina . de. Isenburg. relicta . Franc. . . Coms. de Cronberg, fundatrix hujus ecclesiae. Der Titel: Coms (= Comitis) erscheint auffällig. Er ist, soweit wir wissen, von Frank selbst niemals geführt. Hangt er mit der früheren Erhebung in den Herrenstand zusammen, die Frank vielleicht fallen Hess, weil er sie keinem Sohne übertragen konnte? Oder war es nur eine Höflichkeit des Steinmetzen und Giessers? Frank der Alte selbst ruht in der Stiftskirche zu Lieh. Sein Grabstein in Hochrelief steht in der Wand, jetzt hinterm Pfarrstuhle. Der Stein trägt keinerlei Titel, nur den Namen; er zeigt eine Helmkrone in der zwei „Spitzen" stehen. Schon Walter VIII hatte dieses Kleinod von seiner Mutter Reiffenberg angenommen. In alter Zeit wird es Die Eselsohren 171 „Ohren," von neuen Heraldikern: „Eselsohren" genannt. Dass eine derartig groteske und herabwürdigende Haupteszierde, bei allem gesunden Sinne unserer Vorfahren für derben Humor, als ernsthafter Helmschmuck willkürlich gewählt sein sollte, ist von vorn herein nicht glaublich. Der deutsche Esel und seine Ohren genossen von alters her derselben symbolischen Wertschätzung wie heutzutage. Die „Ohren" treten bei süddeutschen Geschlechtern ziemlich häufig auf. Bei vielen stehen zwischen den zwei Ohren: zwei Büffelhörner. Damit wäre wohl das Rätsel gelöst. Die ursprüngliche altgermanische Bekleidung mittelst der Büffelhaut zierte und schützte den Kopf durch die Hirnschale, den „Grind" und die Hörner des Uren. Von dort gelangten letztere unmittelbar auf den Helm. Nach Plutarch trugen schon die kimbrischen Reiter auf den raudischen Feldern (101 v. Chr.) Helme mit Thierköpfen. Ein schlagendes Beispiel für diese Urform ist auf dem Wappen der Freiherrn von Gumppenberg erhalten. Neben den späteren heraldisch stilisir- ten Hörnern fiel die Haut mit den Ohren fort; sie wurde von den Franks IX Grabstein mit den Ohren. kunstreichen Ehrenholden, um die Zeiten der Kreuzzüge, durch die farbenreiche gegen die südliche Sonne schützende Helmdecke ersetzt; der Helm selbst ward mit sinnreichen Zugaben „lustig geschmückt." Dort wo nur das Ohrenpaar blieb, zog man diese dürftige Helmzier, den fehlenden Hörnern nachstrebend, verständnislos in die Länge, bis sie dem Eselsohre äusserlich nachwuchsen und endlich dafür galten. Gumppenberg-Wappen. Am Eisernentbor-Turme zu Mainz. 1420. Noch: Neunte Geschlechtsreihe. II. Der Kronenstamm wurde fortgepflanzt in den K indern Hartmuts VIII (59 K): II. 1. Walter IX (68 K). II. 2. Hartmut X, der Gelehrte (69 K). II. 3. Johann VI (71 K). II. 4. Frank XI (77 K). II. 5. Getza (Mechtild) heiratete Michel von Seinsheim. II. 6. Lorch (Lorichia) heiratete Sigmund von Thüngen. II. 7. Margarethe heiratete Eberhardt Rüdt von Gollenberg. II. 1. Walter IX (68 K), vermalt mit Margarethe von Hirschhorn. Sein einziges Kind Anna heiratete Ulrich von Rosenberg. Walter war Amtmann und oberster Hauptmann des Erzbischofs Konrad III von Mainz im Lande Buchen, auf der alten Burg zu Fulda. VI. Der lustige Domherr. Weistum zu Eschborn. Der hochwürdige Domherr Johannes VI. 173 Als solcher hatte er Streitigkeiten mit dem dortigen Fürstabte. Am 29. September 1429 beklagt sich der Abt Johannes gegen den Rath zu Frankfurt: „Walter beschuldigt mich in den dortigen öffentlichen Trinkstuben: ich habe dem Kronberg das Seine nehmen lassen. Darum hat er sogar meinen Jägermeister und andere meiner Leute gefangen." Der Abt bittet: „der Rath möge diese Erklärung auf den Trinkstuben (der Geschlechter) verlesen lassen." Dieser antwortet fein und fürsichtig: „er habe davon durchaus nichts gehört." — Im Jahre 1441 war Walter IX bereits tot. Grabstätte unbekannt. II. 2. Hartmut X (69 K) der „Gelehrte." Als Hartmannus de Cronenberg, Mogunt. dioc. war er 1416 in Heidelberg immatrikulirt. Leider ist uns von seiner Gelehrsamkeit keinerlei Erbteil zu gute gekommen. II. 3. Johann VI (71 K). Nach der Matrikel der ehemaligen Universität Erfurt bezahlte dort Joh. de Kronberg für seine Einschreibung 10 groschen; 1400, Mich.(aelis). Dann wurde er, nach damaliger Unsitte, baldigst Domherr in Mainz. Die mehr oder minder fetten Temporalien dieser Pfründen dienten zur Versorgung überzähliger lästiger Söhne. Der Volkswitz nannte sie: Gottesjunker. Ihr Lebenswandel entsprach vielfach ihrer Lebensreife. „Dann ich habs selber ouch gesehen, das man kindern in der Wiegen die noch im pfuch (pfühl) der Windeln liegen, ein solches ampt verliehen hat, darin (darunter) ein ganzes stiffte stat. Sie künnent ietz ein fund erdenken (fund = bursa, Einnahme) mit gaben, mieten, grossen schenken; Tumherrnpfründ ein kind erwerben, Damit der gotsdienst muosze verderben. - — Der priester laszt sich nit beniegen (begnügen) Mit sim stand und will jetz kriegen, Beizen, reizen (zu Felde ziehen), luffen, jagen Und das Jägerhörnlein tragen, Als das zuostat dem edelmann." Wir wollen nun vernehmen: wie der hochwürdige Domherr Johannes von Kronbergk, der seit 1412 als solcher urkundlich auftritt, 174 Der Geistlichkeit Gebaren in Mainz, 1420. seinen geistlichen Pflichten nachlebte. Die „Düringische Chronik" erzählt, anno 1420: „Desselbigen jahres reit einer von Kronbergk, der an thumherre zu Mentz was, mit seynen brudern durch die genannte stat mit 40 Mannen, die hatten alle schapil (Kränze) uff und sungen durch die Stadt, über den Fischmark eyn teil das andere teil reit vor den bars- fussen (Karmelitern) abe, vor das Kaufhus, zu der iserlin (eisernen) porten uss bis an den Reyn. Nu hatte der von Kronbergk bestallt mit den schiffen, dass sie beiten (warten) sulden, und so der Herren von Mentz dyner gwemen, die sulde man obirfuren (mit Gewalt), unde gab en darumher ir Ion. Alsso nu die huffen beide an den Reyne hilden, da gyngk der Burgermeister zu dem Kronbergk, unde bot der Kronbergk ihm zu trinken an ....; her mochte nicht getrinken. Alsso nu die an den Fischmarte hilten und sahen, das yhnn yre pferde yn die schiffe gezogen hatten, da vyngen sie wen sie mochten, unde ranten mit dem zu schiffe. Die Bürger wereten sich vast. Der von Kronbergk vieng den burgermeister und fürte in mit zu schiffe, unde die von Kronbergk wereten (sperrten) die tor gar sere unde schössen drei burger tot und furthen den Burgermeister mit keyn (gen) Kronbergk uf das slosse. Das clageten die burger von Mentze yrem Bischöfe, genannt Konrad Reyngrafe, der machte und schickte den burgermeister los. Das geschah nach Ostirn." — Vom 22. September 1422 wird eine Sühne Walters IX (68 K), des mitgerittenen Bruders des Domherrn, mit der Stadt Mainz und Waffenstillstand bis Ostern 1423 gemeldet. Der Erzbischof Hess durch seinen Protonotar, Magister Petrus von Lyns, den Ueberfall am „ysern dorlin" untersuchen. Den Ausgang erfahren wir leider nicht. Zur Erläuterung dieses höchst ungeistlichen Gebahrens möge dienen: dass damals seit Jahren Zwietracht, Unruhen und Gewaltthat in Mainz herrschten, zwischen Geschlechtern und Bürgern, zünftigen und patrizischen Bürgermeistern, zwischen dem Kurfürsten Johann II (von Nassau, 1397- 1419) und der Stadt. Bei diesem höchsten Geistlichen Deutschlands war der bekränzt reitende, in den Gassen singende, trinkende und fechtende Domherr in die Schule gegangen. Am 12. Januar 1415 ritt Erzbischof Johann in Konstanz zum Konzil ein, mit 8 Grafen vielen Rittern und 600 Pferden; er selbst „ganz Wirtschaftsbetrieb in den Domherrnhöfen, 1430. 175 gewappnet mit allem Harnisch bis auf die Füsse, das alle geistlich Herren unziemlich bedaucht, dat er also reisig als ein Ritter einritte, wan doch alle geistlich Fürsten und Herren, welch Standes und Würdigkeit die waren, einritten in ihren ziemlichen geistlichen Kleidern, ohne allen Harnisch und Verwappnung." Im Jahre 1427 hub die Hussitennot an. Der Erzbischof mahnte zum Reichszuge. Den Transsumpt (Ausfertigung) beglaubigt Johannes von Cronenberg Canonicus. Gleichzeitig war er Scholaster im Stifte zu Aschaffenburg. Dort tritt er zuerst 1431 auf, als Verwalter des Gutes Windelstein im Walde Spesshart. Auch für eigene Rechnung betrieb er zu Mainz die Landwirtschaft. Am 11. September 1436 erhält Johann, Domhere zu Mayntz, die Vergünstigung: „sein im Hause gezogenes Vieh in des Stiftes Wälder und Weiden zu treiben ; aber kein fremdes und er darf es nicht anderswo kaufen." Aus diesem Gesichtspunkte des Mein und Dein werden auch die Streitigkeiten zwischen Stadt und Klerus in Mainz menschlich erklärlich, sogar berechtigt; sie waren wirtschaftlicher Art, was die Gemüter stets am tiefsten zu entrüsten pflegt. Der Rath beschwerte sich, (1430) beim Konzil zu Basel: „Ihre Weine schenkt die Geistlichkeit bei offener Thüre aus (ohne Ungeld zu entrichten), stellt merkliche Zeichen vor ihre Hauser, und auch etwan in die Kirchen, zu Urkund dass man Wein daselbst schenke; sie hält Knechte, die die Weine vor ihren Häusern, dazu auf allen Plätzen, öffentlich ausrufen, und gestattet dass Fremde und Heimatlose in ihren Höfen sitzen und Wein trinken, und es geschehen darin zu Zeiten viel unziemlicher Dinge, Spiele und verloren (falsche) Eide, so dass sogar Menschen in ihren Höfen todt geblieben sind, wiewohl doch darin alle (nur) löbliche und nit solche unziemliche Dinge geschehen sollten." Uebrigens herrschte zu jenen Jahren im Reiche ganz allgemein die grenzenloseste Anarchie. Johann VI (71 K) starb am 22. April 1439 zu Aschaffenburg. Dort stand im Kreuzgange der Stiftskirche: „St. Christophorus, ein ihm zur Rechten kniender Priester (im Kleinen), unten in denen Ecken des Steins das Cronbergische Wappen mit der Cron zur Rechten, und das Cronbergische Wappen mit denen Esels-Ohren zur Lincken." Die Umschrift lautete: Anno dni MCCCCXXXIX.die XXII 0 mensis aprilis obijt venbilis dns Johannes de Kroneberg Maguntin & Aschaffen- 176 Weistum über der Kronberge Herrenrechte in Eschborn, 1444. bürgen . Eccliar . Canoicus . & Scolastic' . cui' . aia . requescat in pace amen. Ebenso stellte Johanns ehemaliges grosses Epitaph im Doms- umgange zu Mainz den heiligen Riesen und Landsknecht dar, vermutlich seinen erwählten Schutzpatron. Daneben die Wappenschilder. An seinem Gedächtnistage wurden zur Präsenz 10 Achtel Roggen geliefert aus dem Hofe Berkersheim an der Nidda bei Höchst. IL 4. Frank XI (77 K) Im Jahre 1409 finden wir ihn als Student in Erfurt eingeschrieben, noch im Knabenalter. Er heiratete, 1429, Agnes von Stockheim zu Helbringen. Er starb 1467, sie 1472. Dieses Paar setzte den Kronenstamm fort. Frank von Cronenberg der jüngere erhält, 1430, für alle seine Schäden in den Feldzügen gegen Hessen und gegen die Ketzer in Böhmen, eine erzbischöfliche Verschreibung über 1000 Gulden. Im Jahre 1444 baute Frank XI am damaligen „hohen Hause" des Kronenstamms den Stiegenturm (3 des Plans zu Abschnitt IV), der allgemein die „Grete" genannt wurde, (von grede, gradus). Ueber der Thür des jetzigen Kronenstamm-Schlosses sind sein und seiner Frau Wappen eingemauert. Im Jahre 1447 Hess sich Frank der jüngere, Herrn Hartmuds (VIII) seligen Sohn, zu Eschborn unter den Linden ein Weistum über die dortigen Besitzungen seines Geschlechtes erteilen. Es lautet: „Wer die dry Bürge (Ober- Mittel- Unterburg) zu Cronenberg inn hat, dem bekennen sie dienst und beed ann dem dorpe Eschborn. Junker Frank (XI) hat das halbteil (des Kronenstamms) am dorpe, Gericht, Wasser (Fischerei und Mühle) und Waide. Vom grossen Zehnten hat Junker Frank (XI) 1 Haufen und vom 2ten Haufen J /e. Dieser (2te Haufe) gehört Frank (IX) dem alten und Philippse (III, 63 F) dem alten (also dem Flügelstamm); der 3te dem Pastor zu Eschborn. Ebenso '/2 und 1 /e an den Diensten und Fuhren. (Die Erklärung dieser Anteile wird im Abschnitte IV (Burgbau) folgen.) Junker Frank (XI) hat im Dorfe zwei freie Höfe: Frank (IX) der alte einen, Philipp der alte einen; St. Stephan zu Mainz einen. Altfreie und zuerworbene Höfe in Eschborn. 177 Nur diese 5 Höfe sind ursprünglich frei (davon vier das alte Eigentum der Herren von Eschborn). Etliche (andere) Huben sind noch gefreiet; des alten Frank (IX) das Gut (Hofstätte) und Huben, so er von Sanecken gekauft; (zurückgekaufte Ausstattung seiner Vatersschwester Lysa Kronberg, die Johann Waldeck von Saneck geheiratet hatte). . . . Philipp (III, 63 F) und sein Sohn (Johann VII, 74 F) haben Güter von Hansen von Waldenstein gekauft, die zuvor den von Bommersheim gewest (Heiratsgut der Schwester seines Vaters, Grede); die hätten gedienet und gebedet bis auf den heutigen Tag (also ursprünglich unfreies Land). Vermutlich Hess Frank XI diese Feststellung vornehmen um gewissen Bestrebungen der Allodialerben Solms des alten Frank IX zu begegnen, mit denen schon damals Erbstreitigkeiten in sicherer Aussicht standen. Der Nachlass Franks IX (62 F) des „Reichen" war grossartig, fast übermässig; der Erbgang höchst verwickelt durch die langjährige Vermischung und Verschmelzung von Lehen und Allod in dem ausgedehnten Güterhandelsgeschäfte. Schwere Streitigkeiten zwischen seinem Spillmagen, dem Enkel Kuno Solms, und seinen Schwertmagen den Kronbergen waren damit unvermeidlich gegeben. Für letztere bildete die Erbschaft zu dieser Zeit die wichtigste Aufgabe. Ehe wir jedoch in diese juristische Fehde eintreten, ist das neue Geschlecht vorzustellen, das inzwischen auf Burg Kronberg herangereift war. VII. Der Strumpf im Kirchenfenster. Die zweite Turnierzeit. 3* Zehnte Geschlechtsreihe. I. Flügelstamm. A. Drei Kinder Philipps III (63 F): I. A. 1. Jakob II (75 F), 1453—1489 (erster Ehe). I. A. 2. Frank X (76 F), 1444—1491 (zweiter Ehe). I. A. 3. Tochter „Filia", verheiratet mit Johann von Sickingen. I. A. 1. Jakob II (75 F) |)M 22. April 1453 wird er Diener auf Lebenszeit des Erzbischofs 'J Diederich (Erbach) von Mainz. Nach dessen Tode (1459) jgj dient er dem rechtmässigen Nachfolger Kurfürst Dieter II (von Isenburg). Der Pfalzgraf Friedrich I (der Siegreiche) hatte damals des Gegen-Erzbischofs Adolfs II (von Nassau) Partei ergriffen. Er schlug (am 4. Juli 1460), den Erzbischof Dieter und seine Verbündeten bei Pfeddersheim (unweit Worms) aufs Haupt. Unter den Gefangenen war Jakob von Cronenberg. Dieter hat wohl dessen „Schätzung" bestritten, denn 1461 wird er abermals des Erzbischofs Diener, mit 5 bis 6 Pferden und einem Jahresgehalte von 40 Gulden rheinisch. Am 11. Dezember 1461 „öffnen" Jakob, Philipps IV (64 F) und Hartmut XI (84 K) dem Erzbischof Dieter Burg und Stadt Kronberg gegen 200 Gulden. Gleichzeitig etwa wurde dieser vom Papste gebannt und abgesetzt, weil er die in Rom einseitig von 10,000 auf 21,600 Gulden erhöheten Palliengelder nicht bezahlen wollte. An seine Stelle ward sein Mitbewerber Adolf II (von Nassau) ernannt. Mittlerweile hatte der Pfalzgraf Friedrich, der selbst in der Reichsacht und im Kirchenbanne lebte, Die Kronberge fechten bei Pfeddersheim 1460. 179 sich Dieters angenommen. Dieser musste (1461) dem neuen Verbündeten einen beträchtlichen Teil der Bergstrasse verschreiben, der dann bis 1623 pfälzisch blieb. Zwischen den beiden hohen Seelenhirten setzte es nun Mord und Brand, in der Stadt Mainz und im Erzstifte ab. Am siegreichen 30. Juli 1462, bei Seckenheim, fochten alle streitbaren Kronberge für Friedrich und Dieter. Jakob II ist am 9. Dezember 1479 Hauptmann der Stadt Frankfurt mit 400 Gulden Gehalt; 1478 bereits Gesell auf Haus Frauenstein, wird er am 15. Februar 1480 Gesell auf Haus Fimburg. Seine Frau war Irmina Kriegk von Slitz. Er starb 1489; seine Grabstätte ist unbekannt. I. A. 2. Frank X (76 F) Im Jahre 1440 empfängt Frank X, der junge, vom Erzbischof Jakob von Trier 2 Huben Tandes vor Eschborn zu Fehen. Eine archivalische Klarstellung dieses Verhältnisses hat nicht erreicht werden können. Franks X Ehefrau war Maria Waltbod von Ulmen. Durch sie erwarb er seines Schwiegervaters kurkölnisches Fehen, die Oberburg zu Ulmen in der Eifel oberhalb Cochem a. d. Mosel, am 2. März 1452. Der Besitz vererbte sich auf seine Nachkommen bis zum Aussterben des Flügelstamms 1617. Frank X starb 1491; seine Grabstätte ist unbekannt. Noch: Zehnte Geschlechtsreihe. Flügelstamm. I. B. Kinder Philipps IV (64 F) des jüngeren: I. B. 1. Johann VII (74 F). I. B. 2. Ulrich III (67 F). I. B. 3. Philipp IVa (67a F). I. B. 4. Frank Xa (67b F). I. B. 5. Karl I (67c F). I. B. 6. Tochter "Filia I" heiratet Sigfrid Schelm von Bergen. I. B. 7. Tochter „Filia II" heiratet Eberhard von Rosenberg. I. B. 1. Johann VII (74 F). Er gehört zu den wenigen hervorragenden Kronbergen dieses Zeitalters. Im Jahre 1441 ehelichte er die Tochter Hennes von Erlebach- 180 Schlacht bei Seckenheim, 1462. Wilbach (Weilbach). Die Stadtkirche zu Kronberg war, im Jahre 1763, in einem Fenster mit dem hier ersichtlichen Figurenpaare geziert. Es stellt den noch jugendlichen Johann VII und seine Frau: „Filia" von Erlebach-Wilbach vor. Das ungewöhnliche Wappen ihres Geschlechts ist ein mit Feh bedeckter, hier gekrönter Strumpf. Am 9. Juni 1447 schloss Johann einen zweiten Ehebund mit Clärchen von Langenau. Im Jahre 1467 heiratete er, als dritte, Katharina von Reiffenberg; sie starb am 14. September 1479. Während sein Bruder Ulrich III im Mai 1460 als mainzer Burggraf von Starkenburg bei Hemsbach blieb, focht Johann am 4. Juli desselben Jahres unter dem siegreichen Pfalzgrafen Friedrich bei Pfeddersheim gegen Jakob II und die anderen Kronberge. Bald folgte dergrosseTagvon Seckenheim. Kaiser Friedrich III hatte, 1461, die Vollziehung der Acht gegen den Pfalzgrafen und den Erzbischof Dieter sowie die Einsetzung Adolfs von Nassau in Mainz dem Markgrafen von Baden, dessen Bruder: dem Bischof von Metz, und dem Grafen Ulrich von Würtemberg übertragen. Diese, durch den ihnen weit überlegenen, kühnen und schlauen Pfalzgrafen getäuscht, glaubten ihn fern in Bayern und drangen sorglos mit starker Heeresmacht von Süden her sengend und verwüstend in die Pfalz ein, um vor allem Heidelberg zu erobern. Einstweilen Hessen sie ihr Fussvolk südlich dieser Stadt stehen und machten behuf fernerer Verheerung des offenen Landes mit etwa 800 Rittern und Knechten einen übereilten Vorstoss gegen Norden. Sie ahnten nicht im mindesten, dass der Pfalzgraf ihnen heimlich auf den Fersen folgte, mit 600—700 Reitern und 2000 Fussgängern. Er Hess sie unbehelligt bis südlich von Seckenheim vordringen, wo sie in Johann VII und Filia Erlebach-Wilbach, 1441—46. Jakob II, Hartmut XI, Johann VII bei Seckenheim. 181 den Winkel zwischen Rhein und Neckar eingekeilt waren. Dort brach er plötzlich mit seiner Reiterei aus dem, damals ringsum gebreiteten Schwetzinger Walde hervor und schnitt ihnen jeden Rückzug ab; sie waren „als die schaff im pferich verspart." Die Pfälzer rückten in Schlachtordnung „furbasz, mit nus zlaub uszgerecket, gezeichnet und bestecket." Der Kampf war hartnäckig; die Gegner, in der Falle, wehrten sich mit dem Mute der Verzweiflung. Des Pfalzgrafen Leibwache bestand aus den erlesensten Rittern, „die uff den fürsten zarten sollten halten und warten;" unter ihnen Jakob II und Hartmut XI von Kronberg. Besonders ausgezeichnet aber wird in den Chroniken und Liedern: Johann VII. Seit 1461 war er Burggraf der wichtigen, jetzt pfälzischen Feste Starkenburg. Er gehörte zu den 44 edlen Herren, an denen der Pfalzgraf vor dem Angriffe den Ritterschlag vollzog; Friedrich selbst nahm die Würde von Wiprecht von Helmstadt. Damals war ihre wiederholte Gewinnung vor einem Kampfe üblich geworden. In Michel Beheims Reimchronik heisst es über die hervorragenden Kämpen bei Seckenheim: „Her Symon ich von erst vermerk mit ihm her Hanns von Kronenberg, Bolshover, faut zu Heydelberk, zu Starckenburg burggraue, her Lutz Schott, amtmann zu Winsperg; kam auch dem hern zu houe (hofe)." Die Lage wurde zunächst bedenklich; der Pfalzgraf verlor sein Pferd. Da griff das inzwischen herangerückte pfälzer Fussvolk von den Flanken her ein und stach mit seinen langen Spiessen über ein Hundert der feindlichen Hengste nieder. Nun senkten sich die drei fürstlichen Banner. „Arm kriecht han sich auch nit gespart mit hawen und mit stechen, sie lugten in (ihnen) gar wol zum bart, sie wollten zen (Zähne) auszbrechen. ja wol ein zang! darnach nicht lang erhub sich grosses zahlen, Damit sie liefen ser herzu und schlugen in den häufen, gleichwie ein metzger schlecht ein ku, on gnade schlugens draufe; wer in zu teil ward, der trug feil sein haut mit manchen kerben; da mancher bauer dor here (daher) rang es wer gewesen in ein heil, mit kolben, spiescze und gablen. ob (wenn) sie all musten sterben." Damit ging es zwar gnädig ab, ähnlich wie am 14. Mai 1389 bei Kronberg; nach den Verlustlisten der Besiegten lagen 6 Edle und etwa 35 Knechte tot auf der Wahlstatt. Gefangen wurden 130—140 Edle und 12 Johann VII, König des gekrönten Steinbocks, 1480. 183 gegen 250 Knechte; viele schwer Verwundete wurden in der Stadt Heidelberg verpflegt, unter ihnen die zwei badischen Fürsten. Auf dem Schlachtfelde gründeten 1684 französische Ausgewanderte eine Ansiedelung; sie heisst, dem siegreichen Pfalzgrafen zu Ehren: Friedrichsfeld. Im Jahre 1471 belagerte und eroberte der Pfalzgraf die feste Stadt Wachenheim. Unter den zahlreichen Gefolgsmannen nennt die Reimchronik: hern Hansen von Kronberg. „Uff sant Vitstag (15. Juni) und dinstag noch sant Johanstag (25. Juni) sint durch den marschalk von Lomsheim, durch Otten von Wingarten, bei Billicken (Billigheim) in der landvogthei, hern Hansen von Kronberg und Wiganden von Din- heim im felde eintzlingen (einzeln) funff edel und XIX reisiger Knecht nidergewurffen." .... „By Meyntz warf Herre Hans von Cronenberg nydder . . . item Anderis Scherer." Gegen Ende Novembers 1474 verhandelt Kaiser Friedrich III zu Frankfurt mit den kurpfälzischen Gesandten Götz von Adelsheim und Hans von Kronenberg wegen Durchzuges durch die Pfalz. Er wollte die heldenmütige Stadt Neuss entsetzen, die Karl der Kühne mit 56 vergeblichen Stürmen berennt hatte. Statt der Entscheidungsschlacht kam dort am 15. Juni 1475 der Friedensvertrag zustande und die Verlobung des Kaisersohnes Max mit dem Fräulein Maria von Burgund. Für das deutsche Reichsheer, unter Albrecht Achilles, verlief der ganze Handel höchst beschämend. Die Basler Chronik meldet: Der römische Kaiser bezog im Jahre 1475 ein Lager vor Neuss; bei ihm lagen unter anderen: Graf Schoffritt (Gottfried) von Liningen und sein Neffe (Vetter) von Kronenberg. Wir treffen Johann VII vielfach auf den Turnieren: zu Mainz 1480, als König des „gekrönten Steinbocks" und „zur Helmtheilung verordnet;" ferner: zu Heidelberg 1481, zu Stuttgart 1484, zu Bamberg 1486 und auf dem letzten allgemeinen Turnier zu Worms, 1487. Der angesehene alte Herr war stets von einem Kreise jüngerer Vettern umgeben. Diese späten nach langer Ruhe wieder aufgenommenen Turniere bezweckten eine politische korporative Vereinigung der Reichsritterschaft, die jedoch damals bereits unausführbar war. Deshalb hatte man den landsässigen Adel ausgeschlossen; jedenfalls konnte er keine 12* 184 Die Turniere des fünfzehnten Jahrhunderts. „Danke" erwerben. Die Spiele selbst werden als eine rohe Karrikatur der glänzenden Hohenstaufenzeit bezeichnet. Das verrufene Turnierbuch des pfalz-baierischen Herolds Georg Rüxner fälschte, um der Eitelkeit der Reichsritterschaft zu schmeicheln, die Vergangenheit in wahrhaft grossartiger Weise. Es Hess die Turniere durch ein förmliches Reichsgesetz Heinrichs 1 (919 — 936) eingeführt sein und be- Feinste Gesellschaft. völkerte sie mit freierfundenen Namen, Wappen und Ereignissen. Hans Sachs, ein Verehrer der Turniere berichtet über seine eigene Zeit eingehend . „Auch hat man Danke dann gegeben Den besten Rennern und besten Stechern, Den ritterlichen Spiesszerbrechern. Und nach dem Tanze man in Ehren Die halbe Nacht tat zechen und zeren. So hatte der Turnierhof End. Am Morgen jeder heimwärts zog Mit seinem Briefe, seinem Weibe, Und liesz sich in's Turnierbuch schreibe." Der Franken und Hessen Raufhandel in Darmstadt, 1403. 185 Eine absonderliche Anschauung der damaligen Belustigungen in der feinen Gesellschaft giebt das nebenstehende Bild nach einem Teppich im Germanischen Museum. Nicht immer jedoch verlief das so friedlich. Im Jahre 1403 hatte der Graf Johann von Katzenelnbogen zu einem Turnier in Darmstadt geladen. Kurz vor Beginne des Ritterspiels: „begab es sich, dass etliche fränkische und hessische Edel- leute auf dem Gesellenhofe bei Wert- heim sich beim Trünke verunwilligten, und die Franken den Hessen: „dasz sie vom Stegreif lebten," die Hessen den Franken: „dass sie ihren Adel durch Kaufmannschaft befleckten," auf das Heftigste vorrückten." Als nun das Stechen begann „rottirten sich alle Hessen und Franken, schickten sich zur Wer, ver- gaszen alle Turnierordnung und schlugen so streng auf einander, dass weder die Grieswärtel (ältere Ritter die Polizei übten) noch die Prügelknechte sie scheiden konnten. Viele blieben auf dem Platze, davon dieser alte Reim noch übrig: Zu Darmstadt in den Schranken blieben 9 Hessen und 17 Franken. — In vorgerückten Jahren war Johann VII kurpfälzischer Amtmann zu Oppenheim, 1484; er starb 1488. Beigesetzt Johann VII und Frau Katharina. ist er in der Stadtkirche zu Kronberg. Der Grabstein meldet: Ano . dm . M°CCCC°FXXXVIII. mitwoch . na . S . orsel. tag (22. Oktober 1488). starp . d . streg. h . has von Kroneberg . ritte de got gnedg . un . barhz . si . Ano . dm . M°CCCC°LXXIX . uf. dors- tag . nest. na . Sat Mathe . tag (23. September 1479). starp . de . erba . frav . kateri vo rffebeg . hr . haszen vo Kroberg. ritters . husfrav. de . got. gnd . Wappen: unten links Handschuchsheim, Johanns Mutter; rechts Greiffen- clau, Katharinens Mutter; oben zwischen beiden das Allianzwappen: Kronberg (Flügel) und Reiffenberg. VIII. Das Rätsel des Schlangensteins. I. B. 2. Ulrich III (67 F), ein unruhiger Mann, der den grösseren Teil seiner Zeit und Kraft auf den Sattel verwendete. Seine Frau war Anna Riedesel von Eisenbach. Schon 1441 liegt er in Fehde mit Gottfried von Eppstein und plündert dessen Dorf Schlossborn. Am 31. Mai 1453 ist Ulrich mainzischer Burggraf zu Starkenburg, mit 400 Gulden Gehalt; ebenso in den Jahren 1458—1460. Sein Ende fand Ulrich ebenfalls im Sattel. Die Speier'sche Chronik meldet aus dem Jahre 1460, Kreuzwoche, vom 18. bis 24. Mai: „Dar nach am dritten tage da kamen die Meintzschessen wol mit 3 hundert pferden, und auch vil buersz volckes mit in, vor das dorflfe Hempspach, lyt an der Bergstrassen, und wolten daz dorff anstoszen, und stiszen wol zwey oder drue huser an. In dem machten sich die gebuer (bauerschaften) off, und warent der Switzer (Söldner im pfalzgräflichen Dienste) auch vil by innen, und erslugent der Meintzeschen wol 30 zu tode der warent wol 8 edeler, der waz einer von Kronberg. . ." In Widders Beschreibung der Kurpfalz steht zu lesen: „Bei Laudenbach an der Bergstrasse, dicht an der nach Hemsbach ziehenden Landstrasse, steht der „Schlangenstein," ein runder aufgerichteter, 6 bis 7 Fuss hoher Stein. Darauf ein Ritter im Jagdkleide, den eine Schlange in den Rücken beisst." Diese Sage hatte den im Laufe von vier Jahrhunderten verwitterten moosbedeckten, verstümmelten, halb in den Erdboden versunkenen weichen roten Sandstein überwuchert. Als aber in neuester Zeit die Forschung dem altersgrauen Zeugen säubernd näher trat, ergab sich das hieneben erscheinende Bild. Ist der Schlangenstein Ulrichs Ruhestätte? 187 Die Inschrift hat trotz verschiedener gelehrter Bemühungen nicht ausreichend entziffert werden können: Anno : d : MCCCCLX : an : sanct: r uffinastag : ericht: v : mainz : d : velue : d : cronb : MCCCCLX : f: ulrich : vo : Cronberg : s : sele : g : s : saro : (ging sine sacro) heim. Der, etwa 1,5 Meter hohe und 0,5 Meter breite Schlangenstein ist der Sockel eines ehemaligen Cru- cifixes, gesetzt zum Andenken an den Erschlagenen. Ein viereckiges Loch oben im Steine ergiebt: dass dort das Kreuz eingelassen war; auf der Rückseite sind die Löcher für die Klammern zu sehen. Der, links vom Beschauer knieenden Figur fehlt augenscheinlich der rechte Arm, ohne dass ein Bruch noch erkennbar ist. In Laudenbach sagen die Leute: „Die Schlange hat dem Ritter im Schlafe den Arm abgestossen." Ist dieser absichtlich als fehlend dargestellt, so legt die Figur die linke Hand aufs Herz. Ihr gegenüber steht der Schild des Flügelstamms. Die sogenannte Schlange ist das Spruchband aus dem Munde des Knieenden. Spuren von Buchstaben sind darauf nicht mehr wahrzunehmen. Nach anderer Erklärung ist sie ein Baum mit Aesten, an den der Knieende sich lehnt. Figur und Schild stützen sich auf Wülste, die oben in einem kreisrunden Ornamente zusammentreffen. Die Inschrift läuft in vier Bändern. St. Rufinastag wird der Tag sein, an dem das Denkmal gesetzt wurde, der 19. Juli. Ein mit der h. Ruf- fina verwechselbarer Tagesname ist in der Kreuzwoche nicht vorhanden. Ob Ulrichs III irdisches Teil unter diesem Steine, an ungeweiheter Stätte ruhet, oder ob hier nur ein Denkmal steht? ist zweifelhaft. Ein 188 Zehnte Geschlechtsreihe. Kronenstamm. aus der Kirche zu Kronberg entwendeter Grabstein, jetzt Treppenstufe vor einem Hause am Doppes, scheint Ulrichs Namen zu tragen. Der „Schlangenstein" birgt noch heute sein ungelöstes Rätsel. 1. B. 3. Philipp IVa (67a F). Am 13. Juli 1438 wird er Amtmann der Herrschaft Eppstein. I. B. 4. Frank Xa (67b). Er liegt zu St. Christophorus in Frankfurt begraben, wo er 1490 starb. E B. 5. Karl I (67c). Nur höchst undeutlich vernehmen wir ein einzig Mal den Schall seines Namens. Noch: Zehnte Geschlechtsreihe. II. Kronenstamm. Vier Kinder Franks XI (77 K): II. 1. Hartmut XI (84 K). II. 2. Johann VIII (85 K). II. 3. Walter X (86 K). II. 4. Susanne heiratete Eberhard Wamboldt von Umstadt. II. 1. Hartmut XI (84 K). Hartmut XI war ritterlicher Burgmann zu Oppenheim ; sein dortiger Ansitz ist nicht bekannt. Seine Ehegattin war, 1468, Elisabeth von Sickingen. Erstarb bereits 1472, führte den Stamm fort; sie starb 1479. II. 2. Johann VIII (85 K) wurde zu Mainz geistlich, dann Prior des Predigerordens (Dominikaner) in Heidelberg, später in Frankfurt. Dort im Kloster wurde ein grosses Gradual (Psalmenbuch), von seiner Hand geschrieben, aufbewahrt. Dem Konvente zu Mainz schenkte er 100 Malter Korns für Wiederaufbau der Kirche und des Klosters, die am 28. Oktober 1462 bei der Erstürmung der Stadt durch Erzbischof Adolf II (von Nassau), nebst 150 Häusern, niedergebrannt waren. In dieser Mordnacht ging ein grosser Teil der alten gothischen Profanbauten in Mainz unter. Johann VIII starb im höchsten Alter am 8. Januar 1536. Sein Epitaphium war 1727 noch im Dome zu Mainz vorhanden. Die schöne Terracotta in der Stadtkirche. 189 II. 3. Wa 1 ter X (86 K). Am 20. Dezember 1434 wird Walterus Franconis (XI, 77 K) de Kronberg, dyöc. Mogunt, als Student in Heidelberg immatrikulirt, ebenso in Köln, zwischen dem 28. Juni und 9. Oktober 1438. Weiter ist nichts bekannt; vermutlich war er einer der zahlreichen still - bescheidenen Geistlichen des Geschlechtes. — Von die- serGeschlechts- reihe des Kronenstamms besitzt die dortige Stadtkirche ein hervorragendes Kunstwerk, in der Mauer des Chors an der Epistelseite: Der Tod der Maria (etwa 1460 70). Ein Hochrelief, in Thon mo- dellirt, gebrannt und leicht bemalt. Maria auf dem Sterbebette, umgeben von den zwölf Aposteln. Oben über den Wolken das Brustbild Christi; er trägt ihre Seele — in Gestalt eines Kindes — auf den Armen; zu beiden Seiten je zwei kleine Engel. Unten vor dem Bette knieen Stifter und Stifterin 190 Die Thürflügel des Rahmens. in kleinstem Maassstabe, mit dem Kronenstammwappen: Hartmut XI, f (jung) 1472 und Elisabeth von Sickingen, f 1479. Der ungewöhnlich fein gearbeiteten Terracotta wird französische Herkunft beigelegt. Sie sitzt in einem Holzrahmen, den vorn zwei hölzerne Flügel verschliessen. Auf diesen ist fast der gesammte derzeitige Kronenstamm in Oelfarbe dargestellt. Links, in üblicher £;.J jHfc' 1 ?;■/: ° Vergrösserung, die Jungfrau I auf dem Halbmonde mit immggr I Strahlenkrone und Christus- •#' kind. Ihr Mantel wallt über ■glll f % • ■Wffli c ' en anderen Thürflügel hin- ' fc^SSSl^Bi'wr'*9 H ab; sein Saum wird von JgSgzzjmW r T jHs ,-^^H : S m K J d SSSIMI einem Engel ausgespannt ge- " w H h tragen. Zu den Füssen Mail mm I rias knieen zwei Ritter: 1. Der jüngere, Hartmut XI (84 K) ist als der Stifter des Bildes anzusehen, da er augenscheinliche Aehnlich- keit mit der männlichen Figur auf der Terracotta zeigt. tfj t rrr rl V* knieende Ritter ist der Va- mhiihiii ii ii ~ __ ter Frank XI (77 K). Seine Frau war Agnes von Stockheim. Er starb 1467, sie 1473. Rechts, unter dem Schutze des Mantels der Jungfrau knieen acht Figuren, die sich ziemlich genau mit den damaligen Gliedern des Kronenstamms decken. 3. Der ältere Mann, mit roter Kapuze, darf als Hartmut X (69 K) der Gelehrte, der jüngste Bruder Franks XI, angesprochen werden. Seine geistliche Qualität ist nicht ermittelt worden; er starb 1473. 4. Der ältere baarhäuptige Mann vor ihm, in unritterlicher Kleidung, wäre alsdann einer der beiden bereits vorverstorbenen Brüder Franks XI. Entweder Walter IX; er war kinderlos, verheiratet mit Margarethe von Hirtzhan und bereits 1441 gestorben. Oder wir dürfen auf Johann VI (71 K), den lustigen Domherrn in Mainz, mutmassen, der bereits 1439 verstorben war. Allerdings zeigt keiner von beiden die Maler: Fyol (?). Wiederhersteller: Norbert Schrödl. 191 auf solchen Bildern üblichen Totenzeichen: Sterbehemd oder Kruzifix in den Händen. 5. Ein jüngerer bärtiger Mann. Franks XI einzige Tochter Susanna war verheiratet mit Eberhard Wambolt von Umbstadt. 6. Ein junger bartloser Mann: Johann VIII, Franks XI jüngerer Sohn, Prior des Predigerordens in Heidelberg; er starb erst am 15. Januar 1536. 7. Ein zweiter junger bartloser Mann: Walter X, jüngster Sohn Franks XI ; von ihm ist Näheres nicht bekannt. 8. Im Hintergrunde eine ältere Frau: Agnes von Stockheim, Franks XI Gattin; sie starb 1473. 9. Eine junge Frau: Susanna Wambolt. 10. Hartmuts XI Frau und Mitstifterin: Elisabeth von Sickingen f 1479. Die Stiftung des Kunstwerkes ist, mit Wahrscheinlichkeit, zwischen 1467 (J- Franks XI) und 1472 (f Hartmut XI) zu setzen. Das Bild ist ein gutes Schul- oder Werkstattgemälde in Anlehnung an die kölner Meister der Verherrlichung Mariens. Als Künstler wird einer der frankfurter Maler Sebold oder Konrad Fyol vermutet, die damaligen populärsten Namen in der freien Stadt. Ihre Erhaltung verdankt die Tafel einem doppelten Ueberzuge von Kreide, mit dem die protestantische Aufklärung den „Aberglauben" überzogen hatte. Die Wiederherstellung gelang dem kronberger Meister, Professor Norbert Schrödl. IX. Franks des Reichen Erbschaft. Oertliches aus Kronberg. IE leiblichen und Lehnsvettern des alten Frank hatten wohl zwei Jahrzehnte über die billigste Dauer eines Menschenlebens hinaus Geduld zu üben ehe das reiche Erbe ihnen wirklich anfiel. Friedlichen Erwerb durften sie nicht erwarten; die Masse war allzu verworren; der einzige Allodialerbe, der Enkel Graf Kuno Solms hatte den Vorteil des Besitzes und verfuhr nach dem klugen Grundsatze: „halt was du hast." Eine weitere Schwierigkeit lag in der Verteilung der ausgesonderten Lehnstücke unter die beiden Stämme der Kronberge. So wütete denn offene Fehde mit Solms von 1461- 1463. Jedoch gab es kein Blutvergiessen; nur Tintenströme entflossen den Federkielen der Mundbaren (Anwälte). Es handelte sich um die Reichslehen, um mainzer, triersche, katzenelnbogische, pfälzer, solmsische und eine Reihe anderer kleinerer. Die solmsischen hatte der Enkel, als durch seines Grossvaters und Vasallen Tod eröffnet, kurzerhand eingezogen. Nach zwei Jahren des Streites schloss man Frieden unter folgendem Schiedspruche: 1. Aller Besitz im Burgbanne von Kronberg wird als Reichslehen anerkannt. 2. Der „Burgstadl" zu Eschborn war „vorhin ein Wald und ist der Anfang des Dorffs Eschborn geworden, da (wo) das Dorff seinen Ursprung hatte." Er bleibt, als Reichslehen, mit dem zugehörigen Lande und der Schäferei den Kronbergen; ebenso fast alle dortige Lehen des Erzstiftes Mainz. 3. Im Dorfe Schönberg liefert Graf Kuno die solmsischen Lehne als solche, die kurmainzischen als solmsische Afterlehne aus. Er über- Die Kronberge als Vasallen des Vetters Solms. 193 lässt den „Stämmen" den Berg Schönberg; auf ihm den Dinghof mit dem Hofgerichte über das Dorf; dazu 74 Fuder Mist jährlich für die herrschaftlichen Weinberge, 24 Kapaunen (von den Leibeigenen), die Mühle unten am See (unterhalb des Bahnhofes) und allerlei anderes. Die Belehnungen und Afterbelehnungen waren damals schon eine leere Form geworden. Die Kronberge geberden sich dabei mit vollem, fast komischen Ernste als hochgräfliche getreue Vasallen. Den Vetter Kuno tituliren sie: „unsern lieben gnädigen Junker," „mein gnädiger Herr," der uns „gemeiniglich begnadigt hat." Der älteste, Philipp IV (64 F) schwört in die Seele seiner mitbelehnten Vettern einen ebenso umfassenden als inhaltsleeren Eid : „alles das zu thun, das man ihrem Herren von solcher Lehen wegen von recht und gewohnheit pflichtig zu thun sind" . . . „so dick (oft) sich das gebüren wird." Der Titel: „gnädiger Junker" oder „Herr" für einen vom hohen Adel war damals eine leere Floskel geworden. Er enthielt keinerlei Untertänigkeit. Die schwäbischen verbündeten Reichsstädte sagen, 1411 : „dass wir übereinkommen seyn mit dem edeln, wolgeboren, unserm gnädigen Herrn, Grafen Friederich von Hohenzollern" . . . (folgt dessen Bestallung) . . . „die wyle er uns dienen soll." - Die Auseinandersetzung unter den Stämmen und ihren Zweigen geschah also : Die Nachkommen Philipps III (63 F) erhielten das ganze Flügelstammhaus auf der Burg. Der Zweig Philipps IV besass das Haus, das über den, heute noch unverfallenen, geräumigen Kellern in der Mittelburg stand und sich an die Südostecke des Freiturms lehnte. (Burgplan, w). Damit wurden endlose Streitigkeiten vorläufig ausgetragen, deren Mutter die enge verzwickte Gemeinsamkeit gewesen war. So spricht der Graf von Hanau, 1457, als Schiedsrichter: „umb die artikele alle entscheyden wir sie in der gutlichkeit, das des eyn gantze luter viertzige (Verzicht) von beyden teyln sin sal. . . . Und heraff (hierauf) so sal aller Unwille wie sich der byssher zcuschen beyden obgenanten parthien verlauffen und gemacht hait, ess sy mit worten und mit werken, gentzlich abe . . . sin, one alle geverde und argeliste." Den Hof: die Helle erhielt Johann VII (74 F). Endlich fällt in die Teilung der Frankschen Erbschaft: die Heuscheuer auf dem Duphause (Taubenhause); ein kleiner Wirtschaftshof 194 Landwirtschaft in Schönberg, 1488. an der Strasse längs der Stadtkirche, die noch heute der „Doppes" heisst. Er diente zur Ersparung mühsamer Bergfahrten mit den reichen Futtervorräten aus der Duphauswiese, dem Rosenthale und den Westerbachswiesen; letztere sind unter dem jetzigen Bahnhofe zu suchen. In diesen Lagen fand sich auch ein ausgedehnter Betrieb von Fischteichen. Ein anschauliches Bild aus dem damaligen landwirtschaftlichen Verkehre zwischen Gutsherren und Bauern giebt uns. ein Weistum der Schöffen von Schönberg, betreffend die Lieferung des Weinbergdungs, aus dem Jahre 1488: „ . . und dennselbenn mist sali man auch holen und ussfiren vier- zehen tage vor oder nach sanct Martinstagk (11. November) unnd ab (ob) der, der denn selben mist fort, denn wagen so schwere geladenn hette, dass yn die pherde nit anziegenn mochten, so mag der, der denn myst gibt, dar uff stigenn unnd mit eyme karste oder hockenn dess mists hierabe ziegenn, so lange bis die pherd wole fortan komen unnd ziegenn mogenn" . . . Wenn der „dinckmann" (Schultheiss) das Heumachen im Bruell anzuordnen hat „dass sollenn die herrn iglichem dinckmann in sunde (besonders) vorkundenn zu huss: wann solichs zu thun zyt sy, unnd als dann sollenn sie allsambt komenn, unnd geschege is dann, dass einer oder mehe ussblieben, denn oder die hette der dinckmann zu büssen iglichen vor zwenntzig phennige, .... unnd wann sie dass haw gemacht hann, so sollen die herren denn Schonn- berger bornn als foll brotts schneidenn lassenn, dass einer ungeverlich ein messer daruff worfft unnd dass selbe messer daruff ligenn blibt unnd nit under feit, unnd darzu sollenn sie ein „fless" voll winess gebenn, als sie zwene an einer stangenn dragenn mögen ; do ist by zu mirkenn, dass sie nit kleine muss sin." Gleichzeitig erfahren wir: dass auf dem Berge zu Schönberg bei St. Wendelin (dem Schutzpatron der Hirten) eine Clause stand, darin Clusener (Beguinen) wohnten. Noch jetzt ist dort der Platz des alten im vorigen Jahrhundert abgebrochenen Kirchleins, des kleinen Friedhofes ringsum und, unmittelbar daran, der „Clus" bekannt. Diese „Schwestern vom gemeinsamen Leben" hatten damals allein in der Stadt Frankfurt 67 Häuser. Aus den Ratsprotokollen der Stadt Kronberg. 195 Einiges Licht auf die inneren Zustände im Städtchen Kronberg und auf dessen Beziehungen zu seinen Herren werfen folgende Einzelheiten, die aus den Ratsprotokollen im Druckwerke: „Alte Verfassung der Burg und Stadt Cronenberg. Im Jahre 1748" ausgelesen sind. Die Stadt selbst ist auf diese einzige Geschichtsquelle beschränkt; übrigens ist ihre Vergangenheit urkundlich dunkel, da im Brande des kron- berger Rathauses, 1792, und bei der Sprengung der Festung Königstein, 1796, die Archive vollständig vernichtet worden sind. 1432. Im Rate sassen auch einige Adelige: Ruprecht von Buches, Edelknecht und Cuntz von Bruchhausen. Sie waren kronbergische Burgmannen. Gebot: alle belachte Dach (Holzschindeln) abezuthun und forter guth gezuntte (gebrannte) erde Dache zu machen. 1435. Marktpolizei. Den Hökeren wurden ihre Heringe und Stackfische beschaut; wenn schlecht so wurden sie ihnen gepfendet, namentlich wenn sie ire heringe oder stackfish wessern mytt keller- wasser (um sie frischer und schwerer erscheinen zu lassen). Es gab: Fleischschetzen, Gewichtschau, Brodbesehen; „wann das Brod nitt geregt (gerecht) ist, so sail man den pfenden vor V fl. und das Brodt zerschneiden, auch den Fremden dye stiek umb gots wiln geben." Unterm 20. April 1435 lesen wir im Rathsprotokoll: „Ein löblich bewerte Gewonheit die ist zuehalten vor ein Recht." — Darunter: „Von Zweytrachtt." „Item haben unszer hern uf den obgenandten tag beschloszen, dasz niemandt den andern soll freventlichen heyssen liegen (lügner), bey verlust einsz Gulden an Bauw (gemeine Kasse). Item wer ein Meszer über den andern zucht, der soll verloren haben iiij Gulden dem Bauw. Item wer den andern wund schlegt der soll dasz hoechst (höchste Busse) verlohren haben dem Bauw." 1459. „Item were es Sach, das man das Herehorn blese und unser Hern Fehde hetten, das ere eyner dye Borger hysse ihme zu folgen, so sailn sye ime folgen eyn halb Meyl Wegs, als fern das derselbe Her selber zu Fuss oder off eyn Esel = Pfertigen by den Borgern syn und bliben soil, und wil er sye wyter foren, so sail er sye off Wagenn und off seyn Koist (Kosten) foren und sye versorgen nach nottorff't mit allum Koisten." Den kaiserlichen Heereszug aber 196 Das Buch: „Alte Verfassung." Burgbaupflicht. mussten die Ganerben allein bestreiten; die Stadt weigerte sich : den Ansatz dafür in des Baumeisters Rechnung durchgehen zu lassen. 1478 im Sommer. Herr Hanss (Johann VII, 74 F) war Baumeister, von Her Philipps (IV, 64 F) seines Vaters seligen wegen, der in seinem Baumeisterambt (1476) gestorben. Vertreten waren auf dem Rathause: alte Stadt, neue Stadt, Thal. Hans „hatt die Rinckmauer umb die Burgk gehn Her Philippsen über (nördlich) widder lassen machen und ein Gang (Wehrgang) gemacht; hat die under Baumeister beschieden, dazu Kalk zu bestellen, aus Offenbach." Diese bestellten dafür die Dienstkarren der Bürger. Der Bürgermeister behauptete dagegen : „dass unsz gebühre, nit zu dienen oder helffen zue bauwen zue der Burgk. Es sei dass ein neuw ingang." — Das Buch: „Alte Verfassung" wurde im Jahre 1748 aus dem städtischen Archive als Parteischrift zusammengestellt um dem Landstädtchen Kronberg, seinem damaligen Landesherrn Kurmainz gegenüber, eine annähernd unmittelbare Stellung zu erstreiten ; selbstverständlich war diese Behauptung geschichtlich durchaus unhaltbar und ebenso erfolglos. X. Sinken der Reichsritterschaft. Elfte Geschlechtsreihe. Nachrichten über die Lebensläufe dieser Reihe sind höchst dürftig und kaum mitteilenswert. Es war damals eine grosse ^1^^^ Stille vor dem Sturme, der mit der Wende des Jahrhunderts die Kronberge packen und tief erschüttern sollte. Die Menschen sind Kinder ihrer Zeit und diese Zeit ist thatenlos gewesen. Das Mittelalter war versunken. Das fünfzigjährige dumpfe und stumpfe Regiment Kaiser Friedrichs III (1440—93) lagerte über Deutschland wie eine hinbrütende Schlummerpause zwischen zwei schweren Arbeitstagen. Der tüchtige einzelne ritterliche Mann hatte keine persönlichen Ziele mehr, also auch kein Feld sich geltend zu machen. Das Waffenhandwerk gestaltete sich zum technischen Gesammtberufe. Die Burg hatte, dem Feuergeschütze gegenüber, ihre auf den Nahkampf berechnete Wehrbarkeit verloren. Ihre Herren, die alten Reichskämpen, gingen folglich abwärts in ihrer militärischen Kraft, damit auch in ihrer staatlichen Bedeutung, und zwar im notwendigen Wechselverhältnisse zum Aufsteigen der landesfürstlichen Macht. Es lag das in der geschichtlichen Herkunft der Reichsritterschaft. Nachdem der letzte Hohenstaufe, Konradin, 1269 ermordet war, stellten sich die Vasallen der Herzogthümer Schwaben, Elsass und Rheinfranken, die in der landesfürstlichen kaiserlich gewordenen Hand ihrer staufischen Stammesherzoge gestanden hatten, unmittelbar unter Kaiser und Reich: die Ritterbürtigen und die Prälaturen, Städte und Dörfer. Alsdann verbanden sich im 14. Jahrhundert die rittermässigen Geschlechter unter dem Schilde des Löwen und St. Georgs, um „niemand als dem Kaiser unterthänig zu sein und herkömmlicher Maassen zu dienen, übrigens aber ihre persönliche Freiheit und die Unmittelbarkeit ihrer Güter mit ver- 13 198 Reichsritterschaft und Landesfürsten. einten Kräften zu verteidigen." Sigismund erklärt, zu Nürnberg 1422: „dass der gedachte Bund weder Kaiser noch Reich zuwider sei noch sonst jemanden auf irgend eine Weise zu nahe trete." Sie organisirten sich in Franken, Schwaben und am Niederrhein. Im Jahre 1495 erlangten sie das Recht: ihre Hintersassen mit der Reichssteuer, (Türkensteuer, subsidium charitatis) zu belasten. Ferner waren sie frei von Zöllen und Einquartierung, auch ihre Güter von landesfürstlicher Hoheit eximirt. Der westphälische Friede sicherte ihnen die nackte Reichs- unmittelbarkeit; die korporative Reichsstandschaft errangen sie nicht. Die rheinische Ritterordnung wurde 1662 von Kaiser Leopold bestätigt. So vegetirten sie in ihrer Nichtigkeit weiter bis zur Auflösung des heiligen römischen Reiches deutscher Nation. Ihrer hülflosen Zersplitterung gegenüber hatten sich die geschlossenen territorialen Herrschaften langsam befestigt. Die Lehnsherren waren Landesherren geworden. Sie arbeiteten stetig an der Abrundung ihrer Gebiete. In die Stellen ihrer grossen Vasallen traten bezahlte Amtmänner. Als Mittelpunkt des Landes erscheint der fürstliche Hof mit seinen Aemtern. Dessen Beamte und Vertraute werden regelmässig um Rat gefragt. Dieser „Hofrat" oder „heimliche Rat" wächst im 15. Jahrhunderte zu einem geschlossenen Kollegium heraus: zu einer Kammer. Die alten Gerichtssprengel werden Verwaltungsbezirke. Die Landstände wirken zwar mit: bei Gesetzgebung, Richterwahl, Besteuerung. In der Regierung aber strebt immer mehr das ihnen feindselige Element des „Doktor juris" empor. Das Bündnis der Burgen Friedberg Kronberg und mehrerer anderer, von 1495, verpflichtet sie ausdrücklich: bei Schiedsgerichten niemals einen Doktor oder Licentiaten der Rechte gebrauchen zu wollen. — Hart an der Wetterau breitete sich die Landgrafschaft Hessen zu immer ansehnlicherer Grösse aus. Unter Kaiser Karl IV (1347—76) wurde sie ein Reichsfürstentum. Landgraf Wilhelm, der Vater Philipps des Grossmütigen, erbte Katzenelnbogen (Darmstadt) und vereinigte (1500) alle Nebenlinien. Endlich wurde auf dem Reichstage zu Worms, am 7. August 1495, unter Kaiser Max I der „ständige Landfrieden" verkündet und zu dessen Wahrung das ständige Reichskammergericht niedergesetzt. Damit war das Recht der Selbsthülfe und Fehde gesetzlich aufgehoben. Die bald auch für die Kronberge bedeutungsvollen Worte des Landfriedens lauten: Der „ständige Landfrieden" vom 7. August 1495. 199 „Niemand soll den Andern befehden, berauben, fahen, überziehen, belagern; niemand ein Schloss, eine Stadt, einen Flecken, ein Dorf oder einen Hof mit gewaltiger That einnehmen, mit Brand oder auf andere Weise schädigen. Die Uebertreter, von was Stands und Würden sie wären, sollen in die Acht verfallen, also dass ihr Leib und Gut allermänniglich erlaubt, alle ihre Lehne dem Lehnsherrn verfallen, alle ihre Schuldforderungen, Freibriefe und Rechte ab und todt sind. Es sollen ihnen Alle, die es auf frischer That inne werden, nacheilen und sich ihrer bemächtigen; gegen solche aber, die mächtig sind oder mächtige Beschützer haben, soll sich der Beschädigte an das Kammergericht wenden und dies es dem römischen König und den Ständen melden, aber zugleich auch selbst gegen die Friedenstörer verfahren." - Nach diesem flüchtigen Ausblicke ins Allgemeine kehren wir zurück zur Elften Geschlechtsreihe. I. Flügelstamm. I. A. Söhne Jakobs II (75 F) und der Irmina Kriegk von Slitz: I. A. 1. Karl II (78 F). Ans Licht tritt er 1498 als Patron der Stadtkirche zu Kronberg und 1499, als er die Stadt Frankfurt um Herleihung eines Zeltes für das „Gesellenschiessen" zu Kronberg ersucht. Er lebte noch 1510; sein namenloser Sohn starb als Kind. I. A. 2. Jakob III (88 F). Seine Frau war Apollonia Echterin von Mespelbrunn. Dieses Geschlecht aus dem Spessart brachte der ausgezeichnete Bischof Julius von Würzburg zu ehrenvollem Klange. Schon 1492 war Jakob III frankfurter Amtmann zu Bonames; er wird uns im nächsten Jahrhundert näher treten. Er starb 1558 in Hessen. Grabstätte unbekannt. I. A. 3. Otto IV (78a F). Otto de Cronenberg, Scholaster in Aschaffenburg, wurde am 18. Juni 1495, auf der Rückreise von Rom, in einem „S. Clericum, in terra Sinensium" genannten Orte meuchlings erschlagen. 13« 200 Philipp VI (82 F) kurpfälzer und kurmainzer Marschall 1485 1510. I. A. 4. Quirin (79 F). Von ihm werden wir im nächsten Jahrhundert vernehmen. Er starb zu Kronberg 1535. Grabstätte unbekannnt. Der Zweig I. A. stirbt aus. 1. B. Sohn Franks X (76 F): 1. B. 1. Frank XII (80 F). Als kölnischer Vasall zu Ulmen wird er 1509 belehnt. Er war, um 1477, verheiratet mit Margarethe von der Leyen, ein rittermässiges Geschlecht von der Mosel ursprünglich von Gondorf geheissen. Sie stiegen bis zu napoleonischen Rheinbundsfürsten empor. Frank XII setzt den Stamm fort, stirbt 1520. I. C. Söhne Johanns VII (74 F): I. C. 1. Philipp VI (82 F) ward 1485 kurpfälzischer Marschall und Amtmann zu Oppenheim; später, nach 1507, kurmainzischer Marschall. Als ersterer, etwa: Oberstallmeister und Generallieutenant, hatte er an Gehalt: Freie Wohnung auf der Strahlenburg über Schriesheim an der Bergstrasse; 35 Malter Korn; 2 Wagen Heu; 300 Gebund Stroh; 3 Fuder Wein; 16 Gulden baar. Er erwarb eine Reihe bedeutender Güter: vom Pfalzgrafen Sauerburg und Sauerthal bei Lorch um 1000 Gulden, einen Hof „das Newe Kloster" zu Oppenheim und andere. Auch gab er dem Flügelstammhause zu Kronberg seine jetzige Gestalt und dem Freiturme seinen Aufsatz. Zu Bamberg auf dem Turnier, 1486, holt sich Philipp VI, in der Gesellschaft vom gekrönten Steinbock, „den vierten Dank in das Rheinland." Ebenso tritt er hervor im Jahre 1487 zu Regensburg und Worms. Im Jahre 1509 gehörte Philipp VI zu den ritterlichen Ratsmannen von Oppenheim, worüber später gehandelt werden wird. Er war verheiratet mit Katharina von Bach, Miterbin der Herrschaft Bintzburg bei Offenburg. Philipp VI starb 1510. Seine Grabstätte ist in der kronberger Stadtkirche. Katharina starb am 19. Oktober 1525 zu Oppenheim und ward dort in der Katharinenkirche beigesetzt. I. C. 2. Johann X (83 F) war Domherr in Mainz, 1487. Er starb am 23. März 1505. Seine Grabstätte war im Dom: „das Brustbild eines Geistlichen, der ein Johann IX (87 K) Viztum in Aschaffenburg; 1476—1506. 201 grosses Buch hält. Umschrift: „Anno Domini M.CCCCC V , die XXIII mensis Martii Ven. Dns. Joannes de Cronberg, Canonicus huius Eccle- siae, cuius anima . . . Wappen in den vier Ecken des Steins: Cronberg. Reiffenberg (Mutter). Handschuchsheim (erste) Schoenberg von Wesel (zweite väterliche Grossmutter). Jetzt ist sie, mit zahlreichen anderen, verschwunden. I. C. 3. Walter XI (81 F), Deutschmeister zu Mergentheim und Administrator des Hochmeistertums in Preussen, eines der hervorragenden Glieder des Geschlechtes Kronberg. Sein Wirken fällt in das nächste Jahrhundert. I. C. 4. Katharina heiratet Hansen von Dalberg, J* 1510. I. D. Johann Xa (83a F), der Sohn Ulrichs III (67 F) und der Anna Riedesel, wird einmal, neben seinem Vater 1452, erwähnt. Vielleicht war er geistlich und derjenige, der 1482 als Domkapitular in Mainz vorkommt. Grabstätte wahrscheinlich in der Burgkapelle vor dem Altare. Noch: Elfte Geschlechtsreihe. II. Kronenstamm. II. 1. Johann IX (87 K). Im Jahre 1476 war er noch unmündig. Später finden wir ihn als kurpfälzischen Amtmann zu Oppenheim; am 21. März 1489 als mainzer Amtmann in Höchst; endlich als lebenslänglichen Viztum zu Aschaffenburg. Seine Würden hatten sich erfreulich gehäuft, denn am 10. September 1482 bekennt er: dass Landgraf Heinrich von Hessen ihn zu seinem „Hofdiener" angenommen und ihm Hofkleidung und Schutz wie anderen Mannen und Dienern zugesichert habe. — Man könnte dabei an eine Art von Kammerherrnwürde denken. Johann IX heiratete 1483 Clara von Helmstadt, aus einem reichsfreien Geschlechte des Kraichgaus. Er starb am 19. April 1506; seine Gattin im Jahre 1525. Ihr gemeinsamer Grabstein in der Burgkapelle zu Kronberg, rechts vom Altare, wird im Leben ihres Sohnes Hartmuts XII, Abschnitt V, vorgeführt werden. XI. Friedliches Leben zu Hause und auswärts. M Schlüsse dieses Abschnittes werden einige Nachrichten darüber willkommen sein: wie die streitbaren Kronberge in diesem Jahrhundert häuslich und friedlich lebten; wie sie in Feld und Wald wirtschafteten; wie sie ihre Gäste ehrten; wie sie in Frankfurt festlich bankettirten und auf der Messe ihre Gulden sitzen Hessen. Wir werden sehen: in ihres Wesens Grunde waren sie, nach diesen Seiten hin, ungefähr ebensolche Menschen wie wir heutzutage; der Unterschied lag hauptsächlich in den Formen. Zu Hause. Allerdings kennen wir das Innere des Hauses und das alltägliche häusliche Leben jener Zeit noch nicht genau und allseitig; jedoch haben sich mancherlei Einzelheiten erhalten. Die Einrichtung der Wohnung entsprach den damaligen Bedürfnissen; diese forderten allerdings vieles nicht, was heute notwendig geworden ist. — Wie der Tag verfloss? Die feste Grundlage unserer Zeiteinteilung fehlte: die Uhr; höchstens behalf man sich mit einer Sand- oder Wasseruhr. Bereits tragen die häuslichen Einrichtungen für Wohlbehagen und Schmuck einige Spuren der neuen Zeit. Der Kachelofen ist seit dem 14. Jahrhundert allgemein geworden. Ihn umgeben breite Sitze auf Bänken und Truhen, bedeckt mit kunstreich gewirkten oder gestickten Kissen. In der Mauer finden wir Wandschränke; zugleich zahlreiche geschnitzte bewegliche Spinden, zum Einhängen der Gewänder; Konsolen mit Bretterbörten, auf ihnen Kannen und Krüge; Waschbecken mit „gieszfas und kellterlen," daneben ein schön gesäumtes „hantczwehel." In die Fenster sind grünliche Butzenscheiben gefasst; Wände und Decke tragen Täfelungen aus heimischem Eichenholze; der Hausrath in Zinn, Kupfer, Holz, Glas er- Hausrat und Gastfreiheit auf Burg Kronberg. 203 scheint reichlicher und zierlicher. Die Schlafgelegenheit aber, und was sich daran knüpft, ist noch höchst anspruchslos und urwüchsig; indessen werden bereits bewegliche Badewannen benutzt. Vor allem aber fehlt die wesentlichste Quelle unseres häuslichen Wohlbehagens: die kräftige, ständige Erleuchtung; jedoch finden wir am Schlüsse dieses Zeitabschnittes bereits den eisernen Leuchter für Talglicht, nebst Lichtscheere. Die Kronberge waren Leute aus der damaligen besten Gesellschaft. Sie standen in der vordersten Reihe des niederen Reichsadels; mit zahlreichen Herrengeschlechtern waren sie blutsverwandt, an Besitz und Einfluss vielen überlegen. Am Hofe der Hohenstaufen hatten sie sich frühzeitig emporgearbeitet, bei allen Nachfolgern ihr Ansehen wohl erhalten. Keine frankfurter Nachricht nennt sie, in der zweiten Hälfte dieses Jahrhunderts, als der Stadt Plagegeister oder auch nur als deren ehrliche Leinde. Sie waren die ersten Räthe und Diener bei Erzbischof und Pfalzgraf. Ihre Söhne Hessen sie, nach Gelegenheit, im Gefolge eines berühmten Kriegsmannes oder gar an fremden Höfen ritterlich erziehen, die zukünftigen hohen Geistlichen auf fernen Hochschulen wissenschaftlich bilden. Ihre reich ausgestatteten Töchter wurden in Haushalt und Nadelwerk unterrichtet, mitunter auch im Lesen, Schreiben und Lautenspiele. Also fein herangewachsen waren sie stark begehrte Ehefrauen. Das Leben auf der Stammburg ist unter den Stämmen nicht immer einig, aber innerhalb der Familien ehrbar und achtungswert; wir hören nirgendwo etwas vom Gegenteile. Die Gastfreiheit für zahlreiche Freunde und Fremde, als: fahrende Ritter, Studenten, Pilger, Spielleute und Hausirer, war fast eine heilige Pflicht. Ihre Erfüllung entsprach der uralten Sitte des Weinlandes. Der Gast wurde zunächst mit Bad und Kleiderwechsel gepflegt. Beim festlichen Mahle in der grossen oberen Halle zogen sich die Tische den Wänden entlang; die Gäste sassen nur an den Aussenseiten; querüber lief eine erhöhete Ehrenbank; die vierte Seite war offen. Den freien Mittelraum nahm der „Kredenz" ein; um ihn bewegten sich die Diener und die heiteren Aufführungen zur Unterhaltung der Tafelnden. Zinnerne, auch silberne Humpen gehörten zum Geräte; Gabeln waren noch eine Seltenheit, sie bildeten sich nach und nach aus den kleinen Bratspiessen für das Geflügel; zuerst ein- dann mehrzinkig. Löffel und Messer finden wir allgemein im Gebrauche; jeder Gast führte sein Essbesteck mit sich. 204 Anstandsregeln bei Tische nach Hans Sachs. flböc menfcb fo bu 5u tifdy tri! (Jon Dan l)f"b folw ge mafcberx bau fi.angn?gel$ymmm aud) nir tr>ol Dir man bcymlicb abfcbneyben foll Jimlifd) frgt öicb nit oben an Derbwßuimer iröils bannfelbec bau Dtf&ncbeyung nrt rergiß jfrra (Seitenamert beb an rnnb iß Dadttßenanfabenlaß D«nad)i§jüd)rtglrd)cr maß Cht fünwbv ober fexvifd) fdbmarj tlltvngefhJra nad) bem ßiot pl au, iDaabufeingfcbir rmbfloffenrbnfi £) tancc fpey ferner ^'büttomunöefeywoibcnler mmisoollem mnnbr yfey mefjig 0c\rinn bei* fcbüffel "it geftreffi^ iDer aller lerfi" brin ob beut Cifcb 5erfd)neyb baß fleyfd) vnb piid)bie vifd) X)nnb Pewe mir nerfd)loffen munör 0cblag iiir bi< $ung auß gleich eim bunbt 3ü erfleu/tl)ü nir geygig fd)lrncPen X)nnöwifd>beiimuiTbrehe bu wilt ttinefen iDce bu mt fcbmalrjig macbß ben wein Ct incP fittlid) rnnb nir hxijl bnrein Tböaudtnirgrolßcn oberPteyften 0d)ur bid) aud) nir rnnb feyam trcyfTen 0er3büpjlid> rngcfd)iitet niber 25uncf Perm anbetrrt tfitrincUn wibetr Juli Pein glas mir bem anbernnidjr Wurff aud) auff niematibt bein gcfid)t 2llo ob bu mcrtfefl a uff fein efjcn IDer neben biram tEifd)tft gtjefleri SbCrt jrcc nlt mit bein ££lpogen ©itj aufFgencbter fein gefebmogm HucP nir bin rnnb her auff ber pencP fDaebu ntrmad)e|f eingelernt iDem fuß laß vnterm Z'\fd) mt gampem jDar3Ü but bid) rot allen fchampern lX>0Jten/nad)reöen/gcfp6f unnb lachen 0cy etbar lid> mit allen |ad;en , piilerey lag bld) nir merefeu Tbä aud) nyemanöt auff baber ßerefen (5e3encfam Ctfcbgarrbelfiat . 0ag nidtfö barob man gtatren bat £)mibtbü bf'cb aud) am Cifd) nie fd)neüqett iDas anbete mt rorölrcbüfcbeuQen (Beemtrmbjaufen innbernaffen JDao jen (hkert folfu bid) maffenn jm Eopff fol tu bieb aud) nir Ftaweti ■Dergleyd) follen Jundftavo r»nb Jratvcn Had) feynemflod) bmunberfifeben 2lns (Ojcbtücb |olI (Td) uiemanbr rt>ifd)en 2lucb leg bein Popff nit inn bein benbt £en bid) nit binben an bic tvenbt Äi^öaßbae malbatfeirtaüggancf iDenn fag (Bott beimlid) lob t> nb bauet 23er birbeut fpeyfe I)ar6efd)erbt 2iuß t)etfeclid)cr banbr etnerbf 2Daciiad) folru »om 0fd) auffftebd 23ein b*nb wafebeu r nb triber gen 2ln bein getveeb rnnb atbeyf febrorr 0ofpud)ctban0 0ad;6 0d)dbmacber. IPolffgang Kefd> foimfcbneybcr« iunö'rnbctg. Es gab zwei Mahlzeiten: am frühen Morgen und am späten Nachmittage, etwa um sechs Uhr. Alle Fleisch- und Fischgerichte wurden in stark gewürzten Brühen mit Pfeffer und Saffran (Cappar) aufgetragen. Wysz Win, roid Win und Waldmeister. 205 Ueber die geistigen Getränke unserer Vorfahren ist schon vom Hofe der Hohenstaufen berichtet worden. Die grosse Streitfrage des „fränkischen" und „hunnischen" Weines findet im Jahrhundert der aufdämmernden Bildung unserer Vorfahren endlich eine entscheidende Lösung. In einer rheinischen Urkunde von 1438 heisst es: „duo plaustra vini hunici et unum plaustrum vini franci." Die gleichzeitige Uebersetzung lautet: „zwei fuder wysz wins und eyn fuder roid wins." Ferner wird bezeugt, dass das Getränk mit dem absonderlichen Namen: „Reynfan oder Reynfal" ein istrischer Wein ist: vinum Rabiole, aus Prosecco bei Triest. Endlich erwähnt der Botaniker Jakob Theodor Tabernaemontanus (von Bergzabern) lobpreisend „das Kreutlein Waldmeister, auch Herzfreund, von die Leut in Wein zu legen." Vieles im Trinken vertragen zu können war eine Tugend und ein Ruhm; wer nicht bis zum frühen Morgen aushielt der wurde ausgelacht. Die Frauen nahmen Teil und nicht nur mit verschämtem Nippen. Sie sassen gern gepaart und tranken mit ihrem Genossen aus demselben Becher. Wie der Mann das Schwert verzechte, so oft die Frau den Schleier vom Haupte. Die Trinkbücher auf den Burgen zeugen davon; noch an Philippine Welsers Tafel auf Schloss Ambras sassen, um 1550, Heldinnen die den Dreimaass-Humpen meisterlich handhabten. Nach Tische gab es zunächst einen höfischen Tanz: einen feierlichen Umgang im Saale mit einer oder zwei Damen. Dann folgte der Reigen, eine Art von Kuss-Polonaise, wobei man sich durch hohe und weite Sprünge auszeichnen durfte. Die Zuschauer sangen das Tanzlied und klatschten den Takt mit den Händen. Garten, Feld und Wald. Der Garten, das eingezäunte und dadurch bewachte (gegardete) Stück Feld, trug vielfältige Blumen, besonders Rosen und Lilien; für die Hausapotheke Kräuter und Wurzeln. Man säete: „kohl, ronkel, petersilien (heisst man ein kochkraut), reban (?), cibölle, knoblauch, kabaz, magsam (Mohn) hanf und hanfsam." Lauben schützten gegen den Sonnenbrand. An Obst gab es im Bungert (Baumgarten): Kirschen, Nüsse, Aepfel, Birnen und Quitten. Diese Bäume hinderten nicht die Weinpflanzung; ein und dasselbe Ackerstück trug gewöhnlich Getreide, Wein und zahlreiche Nussbäume für die Oelmühle. Die „Käste," Edelkastanie, eine 206 Viehzucht und Landwirtschaft. Hinterlassenschaft der Römer, breitete sich in den Wäldern rings um Kronberg. Seit dem 11. Jahrhundert wird sie urkundlich genannt. Man röstete sie, schnitt sie aber zuvor auf damit sie nicht platze. Nach dem Codex Laureshamensis lieferte schon im 8. Jahrhundert Heckestat dem Kloster Flachs. Im Jahre 804 finden wir Wingerte und Bungerte vor Eschborn. Die Eiche und Buche im Walde zählten damals zu den Fruchtbäumen, der Schweinemast wegen. Das Schaf tritt seit dem 11. Jahrhundert in der Wetterau hervor, greifbar und in Heerden seit Ende des 13. Jahrhunderts. Mehrere hundert Stück hielt die Gutsherrschaft auf dem Schönen Berge, zu Fronrode und zu Eschborn; alle umliegenden Feldmarken unterlagen dem Weidegange. Die Allmende-Genossen durften bis zu 30 Stück für die Hube unter den gutsherrlichen Stab treiben. Das Rind fand ebenfalls seine Weide auf den Waldblössen, jedoch diente es noch nicht zum Zuge. Diese Arbeiten verrichteten kleine Pferde der westerwälder Rasse. Flachs, Gänsefedern, Wolle und Bienen gehörten in den Wirkungskreis der Hausfrau. Die landwirtschaftlichen Gebäude standen auf den kronberger Höfen zahlreich aber klein. Sie waren aus Fachwerk, verschalt und mit Stroh gedeckt. So baute das frühere Mittelalter allgemein. An Getreide bestellte man Hafer; er gab Brod, Grütze und Pferdefutter; wenn geröstet: Hundekuchen. Das Brod aus Roggen (hier: Korn genannt) war ein Luxus des Herrentisches. Die Gerste diente zum Brauen; von Hopfenzusatz wird nichts gemeldet. Der Wald nahm in der damaligen kronberger Wirtschaft und Nahrung eine weit wichtigere Stelle ein als heutzutage; wegen Weide, Mast und Wildbahn. An den gemeinsamen Waldungen blieb der Name der alten „Marken" hangen. Die weitaus bedeutendste unter ihnen war die unmittelbar benachbarte Hohe Mark. Dieser weite Bergwald, etwa 60,000 Morgen (15,000 Hektaren) haltend, war zur Zeit der Karolinger (814) kaiserlich, das Jagdrevier für den Palas zu Frankfurt. Unter den entfernt lebenden sächsischen Kaisern wussten die Nachbaren den Wald an sich zu bringen. Der oberste Waltpode war der Herr auf Schloss Hoenburg (Homburg): der Markenwälder und ihre Gerichtsherren. 207 Eppensteiner. Dem jährlichen Märkergeding sass er vor. Im Jahre 1494 heisst das Weistum: „Wer Homburg mit Recht inne hat, ist Oberst, Herr und Waldbote." Sein „Recht" ist, dass er „alle Ubertrybe und Gewalt stüren und schirmen soll, und auch selbst lassen." Aus einem „Instrument, aufgerichtet über die Hohe Mark auf der Auwe vor Oberursel," (unter den noch heute dort stehenden alten Eichen) am 14.Juli 1484, erfahren wir: Gegenwärtig für Frankfurt war Juncker Jakob (II, 75 F) von Cronenbergk, Amtmann zu Bonamesse, derzeit Märkermeister. Beteiligt war Johann (VII, 74 F) von Cronenbergks Hof zu Obern Heckstatt mit einem halben Wagen Holz. Unter den Strafen wegen Waldfrevel wird eine aufgeführt, die heutzutage nicht mehr im Reichsstrafgesetzbuch zu finden ist: „Item, es soll niemands Bäume in der Mark schelen; wer das thät, dem soll man seinen Nabel aus seinem Bauch schneiden und ihm mit denselben an dem Baum näihlen, und denselben Baums Sche- ler um den Baum führen, so lang biss ihm sein Gedärm alle aus dem Bauch gewonnen (gewunden) seynd." — Ueber 30 Dörfer hatten an diesem Waldgebirge Anteil. Die Herrschaften Königstein, Falkenstein, Kronberg besassen ihre besonderen Marken, vermutlich schon in frühester Zeit für sie abgeteilt; Kronberg gemeinsam mit 8 Dörfern, darunter die beiden Hexstatte und Eschborn. Die Märkerordnungen sind die ältesten Forstgesetze. Sie schreiten drakonisch, aber nur abwehrend, gegen Ueber- griffe und Verwüstung im Walde ein. Neukulturen kennen sie nicht. Ein eigentümliches Gericht, gehalten von Johann IX (87 K) von Kronberg, fand am 25. November 1495 statt. „In einem Walde bei Oberhöchstatt, der dem Ritter Johann von Kronberg gehörte, war die Feiche eines gewissen Peter Hoffmann aus Niederhöchstatt aufgefunden, der sich dort an einer Eiche erhängt hatte. Nach ländlicher Gewohnheit lag es den Herren von Kronberg, als Eigentümern und Gerichtsherren ob: „mit ihren Bürgern die Leiche zu richten und zu verbrennen." Sämmtliche Schultheissen der kronberger Orte, sowie der von Nüring, Rödelheim und Schwalbach waren geladen und erschienen. Im Forstorte Rothlauf fand das Gericht und die Vollstreckung statt. Ueber die gesammte Prozedur nahm ein Notar das unendlich umständliche Protokoll auf. - Eine alte frankfurter Nachricht sagt: „Selbstmörder wurden anfangs verbrannt; als aber das Holz im Preise stieg, fanden sie ihr Grab im Main." 208 Feste in Frankfurt. Das gesellige Leben des 15. Jahrhunderts hatte nur geringe Aehn- lichkeit mit dem unsern. Die Stände und Geschlechter sonderten sich weit schärfer; Kunst und Wissenschaft drangen nicht mildernd ins tägliche Leben ein; der Sinn für Natur schlief. So gestaltete sich wohl das geräuschvolle massenhafte Zusammensein nicht sehr anregend und erquicklich. Neben den kirchlichen Feiern boten sich den Kronbergen Tänze und Schmäuse zu Frankfurt; indessen fielen sie selten. Häufung der Speisen und Getränke war Hauptsache. Die dabei übliche Kleidertracht der Männer und Frauen zeigt sich kostspielig. Ein gewöhnliches Frauengewand bezahlte man mit 9 bis 10 Goldgulden. Der Stoff war reich und schwer, die Mode wechselte nicht minder sprunghaft als jetzt. Selten findet man das Prachtgewand einfarbig: rechts schwarz — links weiss oder rot; oft viererlei Farben. In solchem Glänze der Gewänder und Kleinodien erlustigten sich die Edlen der Umgegend bei den Banketten der kaiserlichen Stadt. Reichstage, Wahlen und andere Staatshandlungen, dazu die Nähe des Kurerzkanzlers in Mainz, hatten Frankfurt zum Mittelpunkte des damaligen politischen und geselligen Lebens in Deutschland erhoben. Allerdings vollzog sich der Verkehr der feinen geputzten Gäste in den Gassen vermittelst Holzschuhen, des unergründlichen Schmutzes halber. Ueber die Herrentrinkstuben zu Frankfurt, die Gesellschaften von Haus Limburg und Frauenstein, wo die Kronberge Mitglieder und häufige Gäste waren, hat uns der Stubenmeister Jacob Rohrbach genau unterrichtet. Er erzählt von der Fastnachtszeit des Jahres 1465: „Uf sontag estomihi und den montag (16. und 17. Februar) aszen mann und frawen des abends auf der Stuben und danzeten nach dem abentessen öffentlich im husären (area, Hausflur). — Uf dienstag (18. Februar) assen frawen und mann zu mittag uf der Stuben und gleich nach dem essen giengen sie in einer procession gen Sachsenhausen in das Teutsche haus, und da danzet man dreimal, und nach dem ersten danz gab man zu trinken firn win, und nach dem andern danz gab man dresenei (Confect) und nuwen win, und nach dem dritten danz scheidet man von stund und giebt jeglicher person, man und frawen, ein par bröderchen, und darnach gehet man zu sanct Johann, da danzet man nicht sunder (nochmals), und giebt da zu essen rostige heringe Die Herrentrinkstuben. Geistliches Spiel und Festmahl in Frankfurt. 209 und kappes (Kapaunen) und darnach gebrodes und firn und nuwen win, und darnach gehet man zu sanct Antonius, da danzet man wider druwe mal, und nach dem ersten danz giebt man confect und wisen win und nach dem andern danz lepkuchen und roden win; nach dem dritten danz scheidet man, und dann giebt man jeglicher frawen und jung- frawen ein par bröderchen und ein messer, und also gehet man wieder auf die Stuben Limburg. Jacob Rohrbachs Tagebuch berichtet ferner: „Am 4. Juni, dem zweiten Pfingstfeiertage 1498 wurde hier vor dem Rathhause, das „der Römer" heisst, auf einem Gerüst, das deshalb erbaut worden war, ein Spiel gefeiert, bei dem 280 Personen, gut gekleidet und, wie sich ziemt, geschmückt, betheiligt waren. Sie spielten aber an jenem Tage zuerst das Opfer Abrahams, die Geschichte der Susanna, vom reichen Mann und armen Lazarus." „Der Pfarrer von Obern-Eschersheim, der vorher den himmlichen Vater gespielt hatte . . . begann, die Person Christi vorstellend, die Leidensgeschichte. Sie dauerte bis zum 7. Juni. Er hing zwei Stunden am Kreuz. Am 11. Juni luden die Spieler den ganzen Rath zum Frühstück; er gab ihnen zwei Ohme Wein und 20 Goldstücke. Am Magdalenentage (22. Juli) betheiligten sich an der Prozession auch die Mitspielenden in ihren Kostümen . . . fünf stellten den Heiland vor: als Gefangenen, Kreuzträger, Auferstandenen. . . Am 3. Juni 1500 gab der frankfurter Canonicus Jacob Rohrbach selber ein Festmahl. Die Speisen waren: 1. Erdbeeren mit Zucker; 2. in jede Schüssel 4 Hühner und ein Stück Hammelfleisch gedämpft mit Cibeben grossen & kleinen Rosinen Muscat & Muscatblumen; 3. gesotten schotten (süsser Quark); 4. in jede Schüssel 4 junge Hühner, eine Hammelkeule, eine halbe Gans mit Sauce; 5. Käse & Kirschen. Abends: Kirschen, Confect, Rettig. 2 Milchgerichte: zwei molken das ein in der schusseln, das anda uss den haffen zu trinke. Man pries wohl das heimische Gewächs im Rheinweinliede: Wein, wein von dem Rein Du gibst medicein Lauter, claar und vein, Für trauren; schenk du ein! Dein varb gibt gar lichten schien. Trinck, guot Kätterlein Als cristall und rubin. Mach rotte wängelein. u. s. w. Aber man trank daneben mit Vorliebe süssen Wein aus Malmasie und Rummenie; vor allen war der Rainfall oder Reynfall hochgeschätzt. 210 Fürstliche Hochzeit. Ritterspiele. Im Jahre 1498 wurde in Frankfurt eine fürstliche Hochzeit ausgerichtet und, nach altem Brauche, viele Tage lang durch Schmaus, Turnier und Tanz gefeiert. Der Erzbischof Friedrich Hermann von Köln, ein Prinz von Hessen, vermählte seinen Neffen, Wilhelm den älteren, mit der kurpfälzischen Prinzessin Anna. Kurköln hatte fünfhundert, der Pfalzgraf eintausend sechshundert Pferde im Gefolge. Bei den Ritterspielen gewann der junge Geschlechter Ambros von Glauburg den Dank. Zugleich erwies er sich als ein feiner Höfling. Als er den Herzog von Braunschweig in den Sand schnellte, warf er sich selbst ebenfalls eilends zur Erde nieder, um mit dem Besiegten „die Schamröthe zu theilen." Die Stechbahn auf dem Berg (Römerberg) wurde von den Zünften bewacht, denen man Wein und Fleisch in Ueber- fluss reichte. Auch der Rath ward gut bedacht. Jeder „Rathsfreund" bekam 10 Mass guten Weins und 3 Mass echten Malvasier. Ausser ihnen schmausten als fröhliche Gäste: die Haupt- und Amtmänner, Prälaten, Priester und Mönche, Komture (von Sachsenhausen), Edel- leute und andre ehrbare Männer. Der Wein war hunnisch und fränkisch; befördert wurde der Durst durch Gerichte wie: gepfefferte Kuheuter und Rindszungen, Käse, gesalzene Pricken und Häringe: „Damals gingen volle Humpen herum, jetzt: Langeweile." Das Zutrinken war arg im Schwange, „eine böse Sitte die den Nüchternen zur Völlerei nöthiget und das Trinken in einen rasenden Wettkampf verwandelt. Weder Reichsgesetze noch Exkommunikation können das Volk davon entwöhnen." In der Wormser Chronik heisst es, 1495: „Es haben sich auch die edelleut mit saufen auf diesem Reichstag ziemlich säuisch gehalten; eins abends waren ihrer 24 zum schwanen, die aszen einander rohe gäns zu mit federn, fleisch und anderm, und trunken und verwüsteten 174 mass weins, denn sie zwungen einander mit wein . . .; der imbiss kost ob 200 fl, zerworfen wohl bei 100 gläser." Messen und Spielhäuser. Eine ganz besondere Anziehung übte Frankfurt durch seine jährlichen zwei Messen. Die Stadt verlangte dafür freie Strassen, trat aber eifersüchtig hindernd entgegen, als gleichartiger Wettbewerb für die Städte: Mainz, Braunschweig, Nürnberg erschlossen wurde. Dort kauften und verkauften die Umwohner: Wollstoffe, Leinwand, Pferde, Wein, seit Messfreuden und Spielhäuser in Frankfurt. 211 1440 gedruckte Bücher und, vor allem: bar Geld. Aber es handelte sich nicht allein um das Warengeschäft. Die auswärtigen Neugierigen verzehrten auf der Messe viele blanke Gulden. Sie staunten dabei allerlei Wunderdinge an: Fechtmeister, Wundärzte, Seiltänzer, Puppenspieler; wie auch heute noch die sogenannten gebildeten Leute auf den Jahrmärkten sich an ähnlichem unsaubern Trödel ergötzen. Im Jahre 1443 sah man dort einen lebendigen Elephanten; 1450 sogar einen Strauss. Während dieser Erntezeit waren alle Verbote: gegen offene Wirtschaften nach Mitternacht, gegen Waffentragen und Strassenlärm, ausser Kraft gesetzt. Selbst die in der Reichsacht waren sicher; ihr Geld duftete alsdann keineswegs übel. Das Messopfer durfte in Gegenwart von Exkommunizirten gefeiert werden; in den Fasten durften die Fremden: Eier, Butter, Käse, sogar Fleisch essen. Beutelschneider, und zwar ihre schlimmste Gattung: die Spielhalter, waren willkommen. Im frühreichen Frankfurt fehlte es ihnen nicht an einfältigen Kunden. Der Rath verkaufte selbst die Würfel (damit sie richtig fielen); in einer einzigen Messe oft gegen 8000 Stück. Die Erlaubnis: Bank zu halten, wurde an Unternehmer verpachtet. Das Spielhaus Heissenstein trug der Stadt messentlich 400 Goldgulden. Später war die heisseste Spielhölle „zum Schwanen" in der Neustadt. Zeitweilig wurden, im Jahre 1432, diese Häuser geschlossen. Damals erging sogar ein allgemeines Spielverbot, aus Furcht vor der heidnischen Gottesgeissel: Hussiten. -- Wir sehen: „Fremdenindustrie" war von jeher beliebt und lohnend am Rhein und seinen Nebenflüssen. Geschlechtertanz in Frankfurt a. M. Vierter Abschnitt. Bauwesen und bildnerische Kunst in Burg und Stadt. 1220 bis 1550. A. Die Burg: I. Die Oberburg. — II. Die Mittel- und Unterburg. Burgfriede von 1367. Henrich Grasslocke. Das Schloss in der Mittelburg. Das Kronenstammhaus. Das Flügelstammhaus. Die Unterburg. Allerlei Nebenbauwerke. Die Burgkapelle. B. Die Stadtmauern: Erste, zweite, dritte Ummauerung. Zinnen und Wehrgänge. C. Die Stadtkirche zu St. Johannes: Der Chor. Denkmale. Das Schiff. Bauzeiten. Denkmale. Altäre. Häuser am Doppes. D. Drei alte Steinwälle im kronberger Walde: 1. Das Bürgel. 2. Die Hüner(n)burg. 3. Der Ringwall auf dem Altkönige. Gesamtbild. UF den nächstfolgenden Blättern soll versucht werden: aus den zerstreuten, höchst lückenhaften und meist unklaren archivalischen Nachrichten, sowie aus den Ergebnissen der örtlichen Untersuchungen durch bewährte Kenner der geschichtlichen Baukunst, den Ent- wickelungsgang der Burg Kronberg, der Stadtbefestigung und der Stadtkirche zu St. Johannes bis zu ihrem Abschlüsse aneinander zu reihen. Die Schöpfung auf dem Felsblocke, deren Ueberreste wir als malerische Ruine und Halbruine bewundern, wurde um 1230 begonnen und um 1550 abgeschlossen. Aus dieser dreihundertjährigen Zeit liefert sie wertvolle Beispiele für die Grundsätze und Leistungen unserer bauenden Vorväter. Die Stadtmauern sind in drei deutlich unterschiedenen Absätzen hergestellt von 1330—1461. Sie sind zwar im Jahre 1714 geschleift, aber in den Grundzügen ihres Laufes noch sicher zu verfolgen. Die Stadtkirche, im Chore aus dem 14. Jahrhundert stammend, erhielt ihre jetzige bauliche Gestalt um 1450. N A. Die Burg. Im Eschborner Weistum von 1447 heisst es: „die dry Bürge zu Croneberg." I. Die Oberburg. IR treten in den Hof des „Schlosses" über Kronberg durch das untere Thor (t des Burgplans). Alsbald erkennen wir: dass die gesammte Anlage in verschiedene, den massigen Serezitgneis- Felsblock krönende und von ihm absteigende Abschnitte zerfällt. Den ältesten Kern der Ansiedelung bildet die „Oberburg." Von ihrer Gründung, zwischen 1220 und 1230, haben wir keinen gleichzeitigen Bericht. Jedoch setzen bereits die Urkunden jenes Jahrhunderts ihr Dasein voraus. Mit ihrem Namen: „Croninberc" bezeichnen sich am 19. Juli 1230 Glieder des Geschlechtes derer von Eschborn. Seit dem 29. Dezember 1254 sind von ihnen verschiedene Urkunden „in valle Croneberch" (im Dorfe) ausgestellt oder sie nennen den Namen des Ortes. Schon im Jahre 1255 stand dort ein, für Gäste mit feineren Ansprüchen zum „Einreiten" Die Oberburg. Eingangsthor. Berchfrit. 217 annehmbares Wirtshaus. Es war wohl eine der frühesten kulturellen Gründungen an dem gastfreundlichen Platze. Eingehende beschreibende Erwähnung findet die Burg zuerst in den Verträgen (Burgfrieden) ihrer Ganerben (Gemeinerben) aus den Jahren 1367, 1370, 1378. Danach hat die Oberburg im Grundplane ihre ursprüngliche Gestalt bewahrt. Die fast dreiseitige Baufläche liegt auf dem höchsten, daher sichersten Punkte des Felsblocks. Hie und da zeigen sich am Gesteine Spuren von Ab- meisselung, vorzüglich gegen Südosten, an der Angriffsseite. Im Norden schützte (hegte) der Hain (Hagen) die Angriffsfläche; ursprünglich ein dichtes Dorngestrüpp oder ein verflochtener Busch, ein „Gebück" von niedergebogenen Buchenästen. Gegen Süden bildete das, vom Altkönig und der Hüner(n)burg abfliessende Wildwasser eine steil abfallende sumpfige Niederung, eine „Helle" (von: hohl). Wir durchschreiten den Burghof (Bp. t) und betreten die Oberburg von Westen her auf einer wohl später hergestellten Steintreppe. Durch den Thorturm (Bp. 1) führt ein Eingang mit Tonnenwölbung. Darüber lag die älteste Burgkapelle, ein viereckiger Raum mit einem, nach Osten auf den Burghof austretenden, halbrunden Chörlein: der Altarnische. Rechts und links von dieser barg eine kleine Wandvertiefung die Altargeräte. Der Raum hatte eine Balkendecke deren Löcher noch in der Mauer wahrzunehmen sind. Auf dieser Kapelle sassen turmartig mindestens zwei andere Stockwerke mit spitzem Dache, wie noch ein Stich von Daniel Meissner aus dem Jahre 1626 darstellt. In ihnen befand sich das Schutzgewölbe. Sie dienten zur Verteidigung der darunterliegenden Pforte bevor die Mittelburg (das Schloss) stand, und zur Aufbewahrung von Waffen. Im Brandschutte auf dem Fussboden der Kapelle fanden sich etwa sechzig Armbrustpfeilspitzen. An diesen westlichen Thorturm schliesst sich nach rechts und links die Kernmauer der Oberburg (Bp. 6 und 9). Gerade gegenüber, auf der östlichen Angriffsseite, ist sie von ihrem äusseren Fusse 12,40 Meter hoch aufgeführt gewesen. In der Südostecke dieser wehrbaren „Schildmauer" (Bp. 5) steht, auf der Spitze des Felsens, der „Berchfrit" oder Bergfried (Bp. 4). Schon seit ältester Zeit wird er hier: Freiturm (der „rechte" eigentliche Turm also: der bedeutenste) genannt. Im allgemeinen ist er dem Bergfriede auf dem Burgstadl zu Eschborn (Abschnitt I) gleichartig. Hier aber ist seine umfassendere Aufgabe: 218 Freiturm. Seine Stockwerke. Verliess. vom beherrschenden Punkte der Oberburg über Stadt und Umgegend zu wachen; die östliche und südliche Ringmauer zu seinen beiden Seiten zu verteidigen; endlich: wenn der Feind bereits in den Burghof eingedrungen ist, den Insassen als letzter Zufluchtsort zu dienen wo sie ihren „Frieden bergen" können. Indessen gilt diese Ableitung des Wortes als zweifelhaft; vermutlich wurde der Name aus einer orientalischen Bezeichnung nach dem Klange im fränkischen Ohre verdeutscht; denn in den Kreuzzügen lernten die abendländischen Christen vom heidnischen Feinde den dort uralten Festungsbau. Der Berchfrit ruht auf gewachsenem Fels. In alten Zeiten stand er noch erheblich höher über dem Hofe der Oberburg, denn dort liegt heute der gewachsene Urboden unter einer Kulturschicht von mehr als einem Meter. Der quadratische Freiturm stieg ursprünglich nur etwa 20 Meter auf, bis zur Höhe des Absatzes; der obere eingerückte ebenfalls quadratische Fortsatz, bis zur Dachspitze gegen 18 Meter hoch, ist um 1500 hinzugefügt. Er wurde jedoch nicht einfach aufgesetzt, sondern in Form eines quadratischen Schachtes hart an der Innenseite des älteren Turms, zu dessen Verstärkung gegen Pulvergeschütz, vom gewachsenen Felsgrunde hinaufgemauert. Der Berchfrit ist jetzt vom Erdboden bis oben zum Absätze durchaus hohl. Früher enthielt er mehrere Stockwerke, die teils durch Balkendecken teils durch steinere Wölbungen geschieden und durch ein Loch in jedem Fussboden auf Leitern zugänglich waren. Vor etwa 25 Jahren erst zerstörte man, in höchst unverständigem und unbescheidenem Eingriffe, sämmtliche Zwischendecken um eine bequeme Holztreppe für aussichtsbedürftige Spaziergänger hinauf zu führen! Das unterste, in den Baugrund vertiefte Turmgeschoss ist gegen aussen vollständig abgeschlossen; dort befand sich das „Verliess." Die Gefangenen, und ihnen nach ihre spärlichen Nahrungsmittel, wurden durch eine noch vorhandene Oeffnung in der Deckenwölbung hinuntergelassen. Bei Querschnitt des Freiturms. Inneres und Aeusseres des Freiturms. 219 neuester Ausräumung fanden sich Thonscherben und geringe, nicht sicher bestimmbare Knochenreste. Darüber folgt das erste Geschoss. In diesem liegt, gegen Norden, der äussere Eingang zum Bergfrit; eine Rundbogenthür, 5 Meter über dem Erdboden. Sie ist 1,75 Meter hoch und 0,70 Meter breit; aussen findet sich rechts und links je eine quadratische Höhlung; darin sassen Konsolen zur Befestigung des hölzernen Podiums für die beweglichen Steigleitern. Innenwärts sind die Löcher für die Sperrbalken noch sichtbar. Der Eintrittsgang ist durch die ganze Mauerdicke flachbogig gedeckt; er führt bis zu einer südlichen Rundbogenthür die auf einen aussen umlaufenden Wehrgang mündete; die Köpfe seiner hölzernen Tragbalken sind an der Südmauer des Freiturms noch sichtbar. In der inneren westlichen Mauer dieses runden Raumes sitzt eine Wandnische, von Steinpfosten umrahmt; auf dem Sturze ist die Jahreszahl 1500 eingemeisselt. Danach sind die Verdickung des Turms und der Aufbau seines Fortsatzes unter der Regierung des pfälzer Marschalls Philipps VI (82 F), f 1510, und des mainzer Vizedoms Johanns IX (87 K), -f 1506, ausgeführt. Dieser Raum scheint Holzdecke getragen zu haben da keine Gewölbansätze sichtbar geblieben sind. Ueber dem zweiten Geschosse lag das tonnenförmige Schutzgewölbe. Seine Scheitelhöhe war: 3,90 Meter, die Grundfläche des Raums etwa 3,20 Meter im Geviert. Dieser erhält sein Licht von der Südseite durch ein quadratisches Fenster mit Steingewänden in kleiner Nische. Das dritte Geschoss ist 3,18 Meter hoch, 3,60 Meter im Gevierte und mit einem Kreuzgewölbe überdeckt. Der Freiturm ging ursprünglich nur bis zu diesem Geschossboden. Er trug eine Plattform mit breiten Windbergen und Scharten; diese wurden später zu Fenstern übermauert und vervollständigt, so dass jetzt in der Mitte jeder Seite, auf 1,60 Meter Höhe, zwei fast quadratische Fenster mit Steingewänden je eine Nische füllen. Durch den Fortsatz des Turms, der von hier aus in der Mitte empor- schiesst, ist diese ehemalige Plattform zu einem breiten überdachten Umgange ausgestaltet. In ihrer Nordwestseite zeigt sich eine Kaminanlage, denn hier hauste der Turmwächter. Ueber den zwei Fenstern der Südseite finden wir zwei steinerne Wappen eingelassen: dasjenige Hartmuts XII vom Kronenstamme (100 K), Sohns von Johann IX und seiner Frau Anna vom Flügelstamme, Tochter Philipps VI; sie 220 Turmwächters Tagelied. Die östliche Schildmauer. heirateten 1510 und beendigten den bedeutenden mehrjährigen Bau der beiden Väter. Unter der Auskragung des Wehrganges läuft ringsum ein Rundbogenfries. Im nordöstlichen Eck ragt oberhalb der Fenster ein Gusserker (Pechnase) hervor, grade über der untern Eingangsthür; daneben eine „Heimlichkeit." Der Bogenfries wiederholt sich oben am Turmfortsatze; auf diesem liegt jetzt der oberste Umgang zwischen den Zinnen und dem Dachhelme. Wenn auch von so steiler Ueberhöhung der unten am Turme stürmende Feind nicht mehr wirksam zu bekämpfen war, so bedurfte man dennoch dort des Verkehrs um das durch die Brandpfeile entzündete Dach löschen zu können. Im Turmfortsatze ist ebenfalls nach jeder Himmelsrichtung ein Fenster angebracht. Rechts und links des südlichen stecken zwei eiserne Kanonenkugeln in der äusseren Mauer; es sind hessische, sie schlugen hier am 14. Oktober 1522 ein. An einem südlichen kleinen Ausbau des Dachhelms hangt frei eine Glocke ohne Klöppel; eine zweite dortige soll in der Nachbarschaft nützliche Verwendung gefunden haben. Hier hielt der Turmwächter stete Umschau. Den Anbruch des Tages hatte er durch sein Lied zu verkünden, das Herren wie Knechte zum Aufstehen mahnte: „Des morgens do es tagete, der wechter mehre sagete; Er rief von den zinnen : „ich sehe daz lant brinnen." Der Wächter: „sine tageliet sanc, daz im sin stimme erklanc von grozem done. er sanc: es taget schone, der tag der schinet in den sal, wol uf! ritter überal, wol uf! ez ist tag." An den Freiturm schliesst sich die von aussen etwa 12,50 Meter hohe, 2 Meter starke Schildmauer (Bp. 5), deren Felsunterlage äusser- lich zu Tage steht. Sie konnte also vom Angreifer nur sehr schwer untergraben und zum Einstürze gebracht werden. Die davorliegende östliche Angriffsfläche ist durch Ausbrechen des Gesteins künstlich vertieft. Die Schildmauer hatte für den alltäglichen Verkehr einen Absatz (Zinnengang) unter dem obersten dünneren Teile der Brüstungsmauer, „brustwere." Dieser ist verschwunden; auch Spuren eines hölzernen Palas. Fünfeckiger Turm auf der Nordspitze. Zisterne. 221 Wehr- oder Laufganges, als Balkenlöcher u. s. w., sind im Vorhandenen nicht mehr sichtbar. Unter Mauerhöhe stand, nicht an den Freiturm gelehnt, der Palas, die niedrige Kemmenate, ein Fachwerkbau. Die dort aus der Schildmauer vorstehende Steinreihe diente zum Auflegen der Balken des ersten Stockes. Die nördliche Spitze der dreieckigen Burgfläche wird verteidigt durch einen schweren fünfeckigen innen gewölbten Turm (Bp. 7). Seine Mauer hält durchschnittlich 2,65 Meter. Er ist kasemattirt, hat jetzt oben eine Erddecke mit niedriger Brüstungsmauer und zwei horizontale bogenförmige Scharten, Maulscharten, für liegendes Geschütz. Eine gleiche ist nachträglich daneben in die Schildmauer (Bp. 5) gebrochen worden. Dieser Turm hatte anscheinend zwei Stockwerke. Die Radirung von 1626 zeigt ihn höher als die Schildmauer und gezinnt; er beherrschte das nördliche und östliche Angriffsfeld. Zwischen diesem (7) und dem Thorturme (1) stand, längs der Ringmauer (6), ein zweites leichtes Wohngebäude, dessen Balken für den ersten Stock auf noch sichtbaren vorspringenden Steinplatten ruheten. Den südlichen Abschluss der Oberburg bildet wiederum die Ringmauer (1, 2, 4) bis zum Freiturm. Sie war früher jedenfalls erheblich höher als jetzt und gezinnt. Im Eck (bei 2) befindet sich ein vorspringendes flankirendes Halbtürmchen. Unter diesen liegt eine, 4 Meter tief in den Fels getriebene Zisterne. Jetzt ist sie trocken; damals aber als der Hain im nördlichen Thale gehegt wurde und am Altkuning hinauf in den geschlossenen Bergwald überging, sind wohl die Massen des, im Erdboden durch die Serezitschichten sich herabdrückenden Wassers ganz anders ständig und reichhaltig geflossen als gegenwärtig. Dort stand auch (3), der uralte Mantelbaum (Föhre), der bei der Entwaldung des Felskopfes von den Bauleuten verschont geblieben war, wie wir bald hören werden. Der gesammte Karakter der Oberburg ist: in beschränktem Räume dürftige bäuerische Unterkunft und Lebensweise. Die lebendige Burg mit ihren einförmig hohen, zumeist fensterlosen schlichten Mauern, den drei stumpfen Türmen und dem knapp hervorragenden Palasdache, war unzweifelhaft weit weniger malerisch als ihre heutige dachlose Ruine mit dem kräftig und beherrschend hervorstrebenden Freiturme. Dass eine 222 Aeussere Ringmauer. Zwinger. Mauertürme. Aeltester Eingang. Zerstörung durch Feuer stattgefunden hat, wissen wir aus dem Brandschutte im Thorturme. Die Zeit wird nicht gemeldet. Gleichzeitig mit dem Aufbau der Oberburg wurde höchst wahrscheinlich die äussere Ringmauer, die Zwingermauer, ringsum geführt. Sie lief, in der Hauptsache, auf der rothen gebrochenen Linie a 1 bis a 13 des Burgplans. Im Westen steckt diese Mauer jetzt, von a 1 bis a 3 , im Kronenstammhause. Der Raum zwischen der Kern- und Ringmauer hiess: der Zwinger. Diese Anlage schob den direkten Angriff auf die Oberburg hinaus; sie ebenfalls war durch die Kreuzfahrer vom Oriente heimgebracht. Sie diente nicht nur als Verdoppelung der Verteidigungslinie sondern namentlich auch zum Unterbringen der notwendigen Wohnungen für alle Dienstmannschaft, der Stallungen für die Dienstpferde und sonstiger Wirtschaftsgebäude. Diese lagen zunächst der Zisterne y. Im Zwinger sorgten auch die Herren der Burg für ihre Grabkapelle (5). Wir dürfen am wahrscheinlichsten vier viereckige Türme für die Verteidigung dieser äusseren Ringmauer annehmen: im Nordwesten bei m, im Südwesten bei r; letztererwird als „Schaale" bezeichnet: die drei nach aussen gekehrten Seiten waren gemauert, die vierte innere nur in Holz verschalt; das Werk führte den besonderen Namen: Hatzstein. Der Zweck dieser inneren Verschalung war, dass der von dort zurückweichende Verteidiger das Holzwerk ausbrannte um dem Angreifer die Verwendung des Turmes zum Angriffe auf die Innenseite unmöglich zu machen. Vermutlich stand auch noch ein Turm gegen Südost, etwa am Platze des Pforthauses. Diese drei Türme sind verschwunden. Der vierte dagegen bei b, steht noch heute; er bildet jetzt den Eingang des Kronenstammhauses. Der älteste Weg zur Burg stieg, vom Thale aus, in der „alten Burgstrasse" auf, wandte sich dann bei a 7 westlich, umging den Fuss der ihn beherrschenden Ringmauer, bog bei a 4 nach Norden um und trat bei a 2 durch eine Thür im westlichen Turm (b) durch die westliche Mauer ein. Diese älteste vorgothische Thür finden wir im Kellergeschosse des westlichen Schlossflügels, des „Kronenstammhauses;" trotzdem liegt sie heute noch weit höher als die ihr zunächst angrenzende Fläche des, sie im Westen und Norden umziehenden Zwingers, des „Hirschgrabens." Zu ihr stieg also der ursprüngliche Burgweg zuletzt steil empor. Die gesammte Anordnung entsprach der Regel: dass der Oestliches Pforthaus, gebaut um 1450 und 1690. 223 anrückende Belagerer dem Verteidiger der Burg die rechte, nicht durch den Schild geschützte Schulter preisgeben sollte. Das jetzige Hauptthor der Burg bei t, auf der Angriffsseite wurde wohl nicht früher als etwa 1450 hergestellt. In einem kronberger Ratsprotokolle von 1478 lesen wir: „so haben sie (die Herren) in kurtzvergangenen Jahren die Pfort an der Burgk lassen welben und ein Pforthausz daruff machen lassen, darzu alles die Gemein nicht darzugethan hatt." Das Pfortthor t war also ursprünglich das Fehlen des trocknen ein unterge- ^ A St "X. indessen durch die steile Abschüssigkeit des Geländes erklärt, auf dem der Angreifer ansteigen musste. In dem einen der zwei schweren Thorflügel war ein enges Einlassthörle, auch „Mannloch" genannt, um Das nur ordnetes Pfört- chen — viel leicht neben dem südöstlichen Zwingerturme — das erst später entwickelt wurde, als die Mittelburg sich aufbaute und den ältesten westlichen Eingang versperrte. Daher auch Pforthaus das gleichzeitige Eindringen mehrerer Menschen zu verhindern Flügelthor war von innen durch einen Sperrbalken gesichert. Von sonstigen Vorrichtungen für die Verteidigung, als: Fallgatter, Scheitelloch im Thorgewölbe und Pechnase ist an dem jetzigen, erst kurz vor dem Jahre 1692 neu wiederhergestellten Gebäude keine Spur zu finden. Der später vorzuführende Stich Daniel Meissners von 1626 giebt dem älteren Pfortthore ein steiles Dach; vom Burghofe aus führt eine, jetzt steinerne, Treppe hinauf. Nähere bauliche urkundliche Nachrichten aus dem ersten Jahrhunderte der Burg, etwa bis 1340, fehlen vollständig. 224 Angriffswaffen des mittelalterlichen Burgenkrieges. Uni die damaligen Grundsätze des Festungsbaus zu durchschauen, wird es nötig sein, sich der gleichzeitigen Angriffswaffen kurz zu erinnern. Sie waren sämmtlich auf den Nahkampf berechnet: von den „Widdern" (Mauerbrechern), den „Blyden" (bailisten), dengrossen Steinschleudermaschinen, dem bewegbaren Bergfrit, Wandelturm der an die Mauerhöhe der Burg geschoben wurde, den Steigleitern und Schutzdächern der Belagerer, bis zu den Handbogen und Pfeilen. Kampf aus der Ferne, nicht Mann an Mann, galt für unritterlich. Die Neuerung der weitertragenden Armbrüste (arculistae) wurde noch 1139 vom Papste Innozenz III auf dem lateranischen Konzile untersagt, als „ein tückisch, unritterlich Ding;" nicht minder bei Strafe des Bannes: „jene totbringende und gottverhasste Kunst des Baues von Wurf- und Pfeilgeschützen gegen katholische Christen zu üben." Im Jahre 1215 wurde jedem Geistlichen verboten: „mit Armbrustschützen und dergleichen Blutmenschen kirchlich zu verkehren." Alles vergebens. Die Schützen gewannen die Oberhand, genau wie heutzutage die mehrwertige Geschütztechnik, und brachten es bald zur ehrsamen Zunft. Endlich erschienen die „grossen Büchsen" und, als ihre Verkleinerung, die Handbüchsen nicht lange vor 1400. Wir lernten sie vor Tannenberg kennen. II. Die Mittel- und Unterburg nach dem Burgfrieden von 1367 und den Entscheiden von 1370, 1378. 3* )ER Flügelstamm als Ganerbe des Reichslehens folgte um 1250, während der wilden kaiserlosen Zeit, seinen Vettern auf die neue sichere Hochburg. Für ihn musste ein zweiter Bauplatz im nächsten Anschlüsse an die enge und nicht weiter ausdehnbare Oberburg gefunden werden. Nach den Burgfrieden von 1339 und 1344 waren Mauern, Türme, Thore, Brunnen und Wege gemeinsam. Wer bauen wollte, durfte dem Berchfrit auf mindestens Sperrlänge, etwa 2 Meter, nicht nahe kommen, die Zugänge nicht versperren durch Vorbau oder „Ueberhang," oder „ein schädliches Loch machen in unsere Ringmauer," sagt der Burgfrieden von 1339. So wurde denn, höchst wahrscheinlich vom gemeinsamen Stammvater aller späteren Flügel, Frank IV (26 F; 1253—1287) auf dem westlichen steilen Abhänge des Serezitblockes innerhalb der Ringmauer ein annähernd geebneter Fleck hergestellt und hart am tiefen guten Brunnen bei k mit allerlei wandelbaren Häuschen besiedelt, die anfangs wohl aus Fachwerk und Schindeln bestanden haben werden. Später, vor 1330, erbauten dort Walter VII (38 F) und Elisabeth von Ingelheim eine stattliche „Schaalenkemenate," „steinenschaalen," deren Südfronte wir uns aus Bindwerk und mit Brettern verschalt vorzustellen haben; daneben die Küche (o) und das Backhaus (p). Ihnen folgte bald dorthin, aus der Oberburg, der ebenfalls raumbedürftig gewordene Kronenstamm. Das Väterhaus wurde dann von Dienstleuten bewohnt. Wann es verlassen und zerfallen ist? — wissen wir nicht. Nur der gemeinsame Freiturm ward sorglich erhalten; er beherbergte seinen Wächter bis in dieses Jahrhundert. Hartmut V (35 K) errichtete, zwischen 1318 und 1332, etwas westlicher die Kemenate b 1 226 Die Mittelburg. Jagdhirsche. Rodehof. Helle. Judentempel. „dat grote Hus," angefügt an den westlichen Turm b; daneben Küche g und Backhaus g 1 . Diese gemeinsame Baufläche wurde gleichzeitig, als Mittelburg, durch die Mauer tz—tz abgeschlossen. Aus ihr führte ein unteres Thor bei h in die Unterburg und eine obere Pforte, etwa bei q, zur Oberburg. Von Norden gelangte man durch ein Notpförtchen g 1 in den Zwinger; ausserhalb seiner Mauer führte hier eine Laufbrücke, die „Eppichbrücke," über den trockenen äusseren Graben. In späteren Zeiten hiess der nördliche und östliche Zwinger: Hirschgraben. Dort wurden jung eingefangene und gezähmte Hirsche gehalten, deren spätere Aufgabe das Anlocken von Hochwild war. Das häusliche und landwirtschaftliche Bedürfnis hatte unterhalb der südlichen Ringmauer zwei Nebenhöfe geschaffen: 1. den Rodehof, der seinen Namen von einem uralten, in den Fels gerodeten, im Keller heute noch vorhandenen Brunnen ableitet; er war von Johann II (50 F) um 1350 gegründet. 2. Die Helle. Sie war ein stattliches Anwesen wie noch heute ersichtlich, ihre Entstehung folgende: „Ein vornehm Stück an dem Hause: die Helle, ist vor Zeiten der Kalltenfells (Kalkfels) genannt gewesen. Dieses und die ehemalige Judenschule bilden jetzt die Helle." Philipp III (63 F) hatte 1436 das dort stehende Kelterhaus gekauft, Ulrich I schon vor 1367 das Judenhaus (den Tempel an der Juden- jetzt Eichengasse). Der Name: „Helle" hat, in Verbindung mit „Tempel" zu allerlei sonderbaren Deutungen Anreiz gegeben. Helle ist die altdeutsche Form für „Halde;" sie bedeutete damals: einen steil in's Thal, namentlich in ein Wasserthal abfallenden Hang also eine „Hohle" im Gelände. Der Abraum vom Kaltenfels, wo vermutlich ein Kalknest erschlossen war, ebenso der Ausraum aus den Baugruben auf der Burg wurden ins Thal hinabgeworfen; sie verlängerten Halde. Tempelherrensage. Rodung des Thaies Croninberc. 227 und verflachten nach und nach den Abhang, endlich bildete sich am Fusse der Halde ein Hügel. Diese kennen wir noch jetzt als: Schutthalden, während der Hang selbst und die Tiefe den Namen verloren haben. — Oberhalb Mainz stieg, in alten Zeiten, am steilen Rheinufer ein Gelände auf, gegenüber der Mainmündung. Es hiess im Mittelalter: „die Rynhald" Rheinhalde. Später prangte dort das berühmte Lust- schloss „Favorite;" jetzt überdecken den Hang die „Neuen Anlagen." Bei Kelsterbach am Main, unterhalb Höchst, heisst der steile Uferhang: die Helle. In Rüdesheim nennt sich eine der vorzüglichsten Lagen: „Engehöll;" Schiersteins bester Wein wächst, an einem südlichen steilen Hange, in der „Hölle." Der „Tempel" war freigeworden, seitdem die von Ludwig dem Baier am 21. April 1330 bewilligten 12 Schutzjuden wieder aus Kronberg verschwunden waren. Im Burgfrieden von 1344 werden sie noch erwähnt; sie wohnten in der benachbarten „Judengasse," jetzt: „Eichengasse." Die zweite Judenschlacht zu Frankfurt und Umgegend war 1349. Ulrich I besass 1367 die Judenschule, die damals leer stand. Im Jahre 1390 werden die fränkischen Judenschulden kassirt. Im Jahre 1414 finden wir die nutzbaren Fremdlinge abermals noch nicht wieder an Ort und Stelle. Mehreres über die Rückkunft dieser Weltwanderer in das gelobte Land Kronberg wissen wir nur insofern, als dass im Jahre 1437 das Städtlein von einem grossen Brandschaden heimgesucht wurde, und dass seine Herren zur Aufhülfe einen Steuererlass gewährten; daneben auch ein Moratorium „für die der Judenheit schuldig sind." Eine örtliche Sage leitet die „Helle" von irgend etwas „Heiligem" ab, verbindet damit den „Tempel" und macht aus beiden einen uralten nebelhaften Templerhof. Leider steht dieser Legende die Geschichte verneinend gegenüber. Die Tempelherren waren überhaupt in Oberdeutschland sehr selten zu finden. Der Orden wurde unterdrückt im Jahre 1312, um dieselbe Zeit als das Dorf Croninberc sich soeben aus dem Walde herausrodet. Zu etwas besonders Heiligem hielten bekanntlich die Templer überhaupt wenig nähere Beziehungen. Von sehr früh an, schon im 13. Jahrhundert, waren im „Thale" (im Dorfe am südlichen Fusse der Burg) Hörige und andere Ansiedler angesetzt worden, die ein Waldstück urbar machten und gegen „Rodezins" 228 Der grosse Burgfriede von 1367. besassen. Durch ihre Fronden und Dienstfuhren wurde der Burgbau ausgeführt, jedoch in dem Maasse, dass die „Herren ere Karn vor unssere Dienstkarrn wollen lassen gehen." Weiterhin: vor Eschborn und Hoechstadt, müssen die Ortsherren Weidegerechtigkeit besessen haben, denn im Jahre 1300 finden wir bereits ihre Schäferei „zu Schonenberg." So war etwa — unseres geringen Wissens — der Zustand, als die erste uns erhaltene zusammenhangende Nachricht über die baulichen Verhältnisse auf und an der Burg zu Kronberg niedergeschrieben wurde : Der grosse Burgfriede vom 24. Februar 1367. Wir, Franck (VII, 49 F) von Cronnberg und Walther (VIII, 53 F) myn sone, und Ulrich (I, 51 F) von Cronnberg vitzdum in dem Ringauwe und Franck (VIII, 52 F) myn sone, uff eyne syten - Hartmudt von Cronnberg (VI, 47 K) der alte und Johan (III, 56 K) myn sone, und Hardtmut von Cronnberg (VII, 48 K) der junge, des alten Hart- mudes bruder uff die ander syten, bekennen vor uns und alle unser erben und nachkommen, das wir von beyden syten eintrechlichen unser frunde, zu funff gemeynen mannen, gekorn und gestalt han, mit namen herrn Conrade von Bomersheim, Erwin Lewen (Low von Steinfurt) Gotfride von Stogkheim, Johan Brendeln (von Homburg) und Wyfriede von Werberg, ritter, umb alle anspräche zweyunge und miszhellunge, die sich zusehen uns erlauffen hant und uff dissen hutigen dag; also wie sie uns darumb richten mit mynne (güte) oder mit dem rechten, das wir das stede und veste sollen halden. 1. Zum ersten sprechen wir, die vorgenanten funff, eintrechlichen und ungezweyet, zu eyner mynne mit beyder partye willn und wissen, umb den flecken uff der oberstin bürg (3) der da vnverbuwet liegt, da der mandelbaum uffe stunt (mantel = Kiefer, Föhre) vnd angeet an dem rechten thorne (Hauptturm, 4) vnd windet (wendet sich) an dem cappelthorne (1), das der sal ligen in gemeynschafft vnvirbuwet ewic- lichen, itz enwere (wäre) dan mit willn vnd wissn der ganerben die darzu gehorent. 2. Item vorbas (ferner): mee (mehr) nyderwert in der andern bürg, so sprechen wir um soliche schalen-kemenade (Bp. n), als her Franck und Her Ulrich hant, die ir ist, die an dem burne (k) gelegen ist, das sie die mögen uszrucken und buwen drye fusze gein dem wege (j—j) Teilung der Gebäude in der Mittelburg. 229 als lange als das husz ist von eyme ort an den andern, gen den (für die) dryen fuszen, die der aide Hardtmut (VI) und der junge Hardtmut (VII) (ihnen) wyderlegen (entschädigen) sollen an ihrer kemenaden. (Sie hatten deren Vater, Hartmut V (35 K, -f 1234), einen Streifen von 3 fuss geliehen „da he daz grote Hus (b) mähte." Uebrigens ist nicht ganz klar: ob sie nur das obere Stockwerk um drei Fuss sollten vorkragen dürfen oder aber das Haus selbst um drei Fuss vorbauen? Wol ersteres, da der Brunnen frei bleibt.) 3. Item vorbas mee: so mögen sie den uberhang (vorgekragtes oberes Stockwerk der kemenate n) vber dem burne buwen als er von alder gebuwet ist, doch also, das der ganck (j- j) under dem vberhange zu dem borne gemeyne sy, vnd das das rad (des Ziehbrunnens) sine gangk möge habn zu des bornes notdorfft. 4. Auch sali des vorgnanten Francken unnd Ulriches und irer erben die hoffestadt (o) sin gen der schalen (n) vber, da die kuchen uffe stunt, bit uff die (untere) porten (h), ane (ohne) funff fusze vbert- werich (querüber); die soln vorn an der muren (tz) die den wegk (den gemeinsamen Wehrgang i—i) heldet und sollen die lenge vtzen gen (hinaus gehen) bit an den wegk, der uff die ubirnburg geet (durch die obere Pforte g). 5. Item is das beymen husz (p, Blockhaus) hern Francken vnd hern Ulriches, das gein der steinen schalen (n) vber den wegk (j) liget, vnd sali der pleck, der von dem beymen huse (p) gen der porten (h) wert (wärts) stoszet, auch ir sin, als verre (so weit) als wir das mit kuntschafft (Merkzeichen) gezechent han ; und was da vorbas gen der porten (h) blybet, das sal gemeyne blyben zu der porten, ydermann zu sime rechten. 5. Auch sprechen wir dye vorgenanten funffe, das der fleck von dem beymenhuse (p) bit an die kemenade b der zweyer Hardtmudt vnd irer erben sal sin, da der junge Hartmut eyn backhus (g) und eyn kuchen (g 1 ) uff sten hat. (Die Küchen waren besondere, vom Wohnhaus getrennte einstöckige Gebäude, wegen der Gefahr der offenen Feuerstelle.) 6. Auch ensal der vorgnant her Franck unnd her Ulrich keynen buw über den gemeynen weg (j) thun von der steinen schalen (n) bit zu dem beymen huse (p). 15 230 Dritte Burg, Zwinger, Schale Hatzstein, Burgkapelle, Rodeburn. 7. Vorwart me in der dritten bürg (Unterburg), da man ews (aus dem Thore h) geet, zu der rechten hant als der zwinger angeet, der sal vollen geen vor der zweyer Hartmude huss bis an die ringmure (a 5 ) und obendig der brücken (h 1 ) zu der linkethen hant bit an den fels gein dem thormichen (2), da der mandelbaum stunt. 8. Auch sollent die zwene Hartmude vnd ihre erben des flecken (x) zusehen ir beyder marstalle (v) und dem zwinger nieszen vnnd nuezen vnirbuwet (unbebaut). 9. Auch sal die schale (r), (so) man von Hatzstein nennet, und der fleck (r—s) vorwert bit an die kirchen, allen ganerben gemeyne sin. 10. Auch sprechen wir umb die bone (Bühne, Empore) in der Kirchen (Burgkapelle s), das die her Franck sali innehan, als lange bit das man ime synen buw abe geleget (abgeschätzt und bezahlt) oder bewiset wird, als recht ist, das man sie (die Empore) von gemeynem gelde gebuwet habe. 11. Auch sali des pherrers hoff (s 1 ?) eyme pherrer eweclichen blybn in gemeynschafft (der Ganerben). (Das Pfarrhaus lag wahrscheinlich westlich der Burgkapelle und wurde später in deren Verlängerung einbezogen). 12. Auch sali der plaen (freier Platz, Zwinger) in der bürgen (Unterburg) gemeyne sin zusehen allen hofesteden. 13. Item sprechen wir umb den roden burn (y, in den Felsen getrieben), das her Hartmudt von Cronnberg der aide (einen) weg darzu gebn sal (neben seinem Marstalle v), vnd den burn halbn uffenen (die Hälfte des Wasserbezuges freigeben) sal, das man desgenieszen möge, mit zwein eymern darzu gen solle und darab (davon) zu geende (ein hinreichend breiter Pfad für Begegnende, jeder mit zwei Eimern) ane geverde; er gewise dann, als recht sy, das von recht kein weg darzu gen soll, und der burn (y) durch recht sin sey. 14. Item umb die blancken (Plancke, Holzwand ausserhalb der Burg) die der aide Hardtmut gebuwet, die hat er abetun, vnd mack (machen) den flecken (Platz) umbgrieffen (eingefriedigt) mit einem möglichen (passenden) zune, der der bürg unschedlichen ist (bei der Verteidigung), vnd wil er vorbas die hofestede (vor der Burg) behalten, so sali jahrs (jährlich) da von thun, von der rüden (Quadratrute) nach marezal (nach dem allgemeinen Satze für Rodezins), als ander burger, den gemeyne hoffe- Nebenhöfe. Die Flügel sind Herren des Burgberges zu Eschborn. 231 stede in der stat verluwen (verliehen) sin. (Diese Hofstatt wird auf dem Gelände zu suchen sein, über das jetzt die „neue Burgstrasse" läuft.) 15. Vorbas me so sprechen wir, was gartten oder hoffestede sie begriffen (gerodet und eingefriedigt) haben, sint dem male das die stat (die Altstadt) begrieffen (abgegrenzt) wart vom ruwen walde, das sie davon thun sollen von der rüden nach marczal als ander burger, den denen itz geluwen (ausgewiesen) ist, vnd sali das gelt an die stede (Stadt) gefallen, da ander ir gemeyne gelt hene gefeilet, die hoffestede sin virluwen oder nit. 16. Auch ist geredt umb die Judenschule (neben der Helle; diese erstreckte sich bis zur unteren Hellgasse; s. Stadtplan), die her Ulrich der vitzdum inne hat (sie lag etwa zwischen der jetzigen neuen Hauptstrasse und der Eichengasse, ehemals Judengasse): das er die behalden magk vnd davon thun von der rüden nach marczal, als ander burger. Also wer es, das juden (wieder) her gen Cronn- berg quemen, und der schule bedorfften, so solde man hern Ulriche sine besserunge abelegen (abschätzen), als bescheydelich were, und solde (das Gebäude) zu einer gemeynen judenschule lassen liegen als sie vor gelegen hat. 18—22 beschäftigen sich mit ländlichen Grundstücken und Waldungen; diese sind nicht mehr festzustellen. 23. Item als man zusprichet hern Francken (als dem Haupte des Flügelstammes) umb den burgberg zu Eschborne, sprechen wir: hat den her Franck herbracht, so laszen sie yn und sine erben bilche (billig) sitzen als lange bis das sie oder ire erben yme den angewinnen (ab- prozessiren) als recht ist. 24. — Unklar. 25. Auch sprechen wir umb das vngelt zu Cronnberg: wer da win schencket, (auf seinem städtischen Wirtschaftshofe) das der vngelt (Weinzins) sali geben, wan das mer teil der ganerben sich unter einander besagent (verabredet) hant, das ietz also in geredt sy worden (das jetzt also beschlossen ist). 26. — Unklar. 27. Item sprechen wir, als her Ulrich und her Franck vordem widderlegunge (Ersatz), als der grabe und die stratzen vber sie (ihre Grundstücke) gemacht sind uswendig der stede (Altstadt) muren, wo 15» 232 Henrich Graszlockes deil in der Burg. der grabe und die stratze vber sie geent, was der flecke cinses hat gegeben, das kuntlich ist, und als viel als yn des cinses abe ist gegangen, den solln yn her Hartmudt der aide vnd der junge halb widderlegen (vergüten) als viel als des cinses ist gewest, und sollen das uszwendig der Stadt thun (jedoch) innewendig der banzune (der burgfriedens- grenze) Sämmtliche Schiedsrichter und Parteien haben ihre Siegel angehängt; diese sind leider verloren. Von den Gebäuden und Plätzen in der Mittelburg sind die auf dem Burgplane mit c und 1 bezeichneten im Burgfrieden von 1367 nicht erwähnt. Mit ihnen beschäftigen sich die Entscheide des Grafen Johann zu Nassau-Merenberg vom 11. Juni 1370 und des Ritters Eckhard von Elkerhausen vom 15. Juli 1378. Zu solchen schiedsrichterlichen Einigungen gaben die verwickelten und gedrängten Raumverhältnisse in der Mittelburg stets erneueten Anlass. Graf Johann entscheidet: „Zum ersten han wir sie gericht um Elenrich Graszlockes deil, das sie mit einander verpfant hain (als Pfand besitzen), darumb sie zweyung hatten, als (also) bescheidendlichen: das Hartmude (VI) und Johann (III, 56 K) syn sone sich bekant hain, dasz dasz husz, das do steet in der mittern bürg zu Cronberg (Bp. c) zusehen Francken unnd Ulrichs husz (n) unnd Hartmudts husz (b 1 ), unnd heiszet das bagkhusz, alszwyt alsz das bagkhusz begriffen hait (sich erstreckt) mit syme buwe, dasz dasz Henrich Graszlockes sy, unnd sollen die vorgenannt Hartmudt unnd Johann sich des husz gebruchen, als lang als des vorgenanten Henrich Graszlockes deil pandis (zu Pfände) steet. Darwidder sollen die vorgenanten Franck (VII, 49 F) und Walter syn sone, Ulrich und Franck (VIII, 52 F) syn sone, die hoffstat (1) die zusehen (diesem Backhause c und) Francken und Ulrich lieget, gebruchen, die auch des vorgenanten Henrich Grasslockes ist, als lang als syn deil pandis stet." Eckhard von Elkerkausen vervollständigt, am 15. Juli 1378, diesen Entscheid also: „Wege der Hoffsteete . . die Heinrich Grasslockes waren . . han ich sie entschieden mit einem Isern nale (Nagel), der in des Backhaus (c) Wandt geschlagen ist zu einem Zeichen; alsso ist, dasz dasz Ober- Der eiserne Nagel. Die Graszlocke von Cronenberg, 1303. 233 teil des Neyles (was oberhalb des Nagels liegt), mit dem beymen huse (p) hiefür (künftig) biss gen der pforten (h) (also nördlich der Linie c, p, h) Herrn Francken unnd Herrn Ulrichs unnd ihrer erben syn soll. So soll das Niederteil des Neyles (die untere Abteilung nach Süden) bis an hern Johanns huse, hern Johanns (III) syn und sinen erben." (Hartmut VI war zwischen 1370 und 1378 gestorben.) Wer war Heinrich Graszlocke, auch: Graslock von Kronberg genannt? Schon im Jahre 1303 erscheint ein Graysloch als „von Cronenberg," und zwar durch Heirat und weibliche Abstammung. Diese muss bereits im voraufgehenden 13. Jahrhundert angeknüpft gewesen sein. Ganerben waren sie nicht. Dass Henrich mitten im Reichslehen auf Burg Kronberg angesessen war, ist nicht allzu auffällig, denn grade in diesen finden wir zu jener Zeit noch weibliche Miterbfolge. Henrich Grawislocke von Cronenberg hat unterm 30. März 1368 seinen mütterlich ererbten Anteil an Kronberg und Eschborn „und was sie diesseits Mayntz han" an seinen „neven" (vetter) Hartmut VI (47 K) um tausend Pfund (Heller) frankfurtisch verkauft. Seine Vorfahrin war vom Flügelstamme und Erbin zu einem Sechstel vom Anteile dieses Stamms gewesen. Denn das Eschborner Weistum über den dortigen Herrenbesitz, vom 11. Juli 1447, spricht dem Rechtsnachfolger des Käufers Hartmut VI: Frank XI (77 K), vom Zehnten '/3 und vom zweiten Drittel, das dem Flügelstamme zustand, vorab u 6 zu; „den dritten Hauffen nimptt der pastor zu Eschborn." Ebenso hatte der Kronenstamm von den zwei Schultheissen im Dorfe „den einen Schullesen allein zu setzen und zu entsetzen, und den andern Schullesen hatt er auch in gemein mitt Junker Francken und Junker Philipszen (den Häuptern des Flügelstamms) zu setzen." Heinrich Graslockes Besitz war zweifellos Lehen, denn es wird darüber unter den Kronbergen für den Fall paktirt, dasz er „abginge an lehens erben." Nach einer Urkunde vom 24. Juni 1382 führt er das Wappen des Flügelstamms noch im Schilde, jedoch „uflf dem Helm einen schwarzen Morenmenschen": eine schwarze Büste ohne Aermel und Arme, in rotem Gewände, mit rot-weisser Kopfbinde. Umschrift: S. HEInricI de CRONEBERG. Es war stets die Hauspolitik der Kronberge : weibliche Nachkommen wieder aus der Ganerbschaft zu entfernen; sie waren hierin gewarnt durch das üble Beispiel ihrer Vettern zu Reiffenberg. 234 Stich Daniel Meissners von 1626. Die Freiherren Groschlag von Dieburg (bei Darmstadt) sind zu Anfang des 19. Jahrhunderts in die Grafen von Lerchenfeld-Köfering ausgestorben. Urkunden haben sie diesen nicht vererbt. Die Entwickelung des Baus in der Mittelburg durch Umgestalten und Erweitern, je nach verändertem Bedürfnisse verfeinertem Zeitgeschmacke und steigendem Wohlstande, schritt während der nächstfolgenden Jahrhunderte stetig vor, bis zum Abschlüsse um 1550. Alsdann gewährte Burg Kronberg, darunter die Altstadt, ungefähr das Bild wie es 1626 durch den Stich Daniel Meissners festgelegt ist. Vergleichen wir diese Ansicht mit der Gegenwart, so ergiebt sich: der fünfeckige Turm auf der Oberburg war damals bereits ohne Spitzdach und gezinnt; die Schneckengiebel an der Mittelburg müssen kurz nachher aufgesetzt sein; der östliche Thorturm war beträchtlich höher als jetzt, er wird sogar als das Kronenstammhaus überragend dargestellt; die vom Treppenturm des Flügelstammhauses ausgehende, die Mittelburg abscherende Mauer lief bis zur Kapelle, es ist darin eine Pforte angedeutet, vermutlich die dem Schlosse näher stehende bei t; im allgemeinen erscheint die Lage und Höhe einzelner Gebäude verschoben, wohl um sie auf dem Bilde zu zeigen. Zwar haben die, inzwischen abermals verstrichenen Jahrhunderte und die Bequemlichkeit der Nachlebenden im Städtchen für den Bezug von Baumaterial, wirksam an Dach Fach und Gemäuer genagt und gebröckelt. Aber das Gesammtbild ist dennoch bis heute stehen geblieben. NACH DANIEL /AEISNER 06ifc) Burg und Teil der Altstadt, 1626. Das Schloss in der Mittelburg, a* IR wissen nicht: wann die zwei jetzigen grossen, fast rechtwinklig an einander gedrängten, äusserlich aber nicht völlig verschmolzenen Wohngebäude — zusammen später: das „Schloss" genannt — errichtet sind. Wohl aber wissen wir aus ihrem eigenen Zeugnisse: dass sie nicht nach einem einheitlichen Plane und in einer ununterbrochen fortlaufenden Bauzeit neu aufgeführt sind. Ihre jetzige Gestalt erhielten diese Häuser etwa von 1400—1550, abgesehen von den, vermutlich nach 1626 den drei Schmalseiten aufgesetzten modischen Schneckengiebeln. Beide Bauwerke aber zeigen in ihren Kellerund Erdgeschossen so zahlreiche und bedeutende gotische Teile, dass wir sagen können: mit dem Wachstum des Geschlechtes nach dem 14. Mai 1389, bis zum Anbruche seiner höchsten äusseren Blütezeit gegen 1550, haben die Enkel stets, vergrössernd und verbessernd an dem Werke ihrer Vorfahren umgestaltet und weiter gebaut. Was vor alters an dieser Stelle stand waren niedrige Fachwerkhäuser, die sich hinter die Ringmauer dukten. In ihrer jetzigen Gestalt ragten die zwei „hohen Häusser" weit darüber hinaus; sie waren also keine wehrhaften Gebäude mehr gegen schweres Geschütz. Die Zeit des Nahkampfes und der wehrbaren Festigkeit der Burg Kronberg war längst vorüber als sie ihren Dachstuhl erhielten. Das Kronenstammhaus. ER Eingang ist durch den Turm 3 (Nebenplan: Schloss). Dieser zeigt 4 Ecktürmchen und, nach dem Burghofe zu, eine Pechnase. Diese wird ihm später angehängt sein, nachdem seine ursprüngliche westliche Aussenseite verbaut war. Im Erdgeschosse, dessen gesammter innerer Raum (1) 17 Meter lang auf 10 Meter tief ist, waren die Wachträume und Vorratskammern. Links neben dem Eingange (durch 3) stand ein grosser Kamin, dessen Schornstein noch vorhanden ist. In dem, durch die Schurwand 8 abgeteilten nördlichen Räume befand sich die Küche. Man kochte am offenen Herde, auf Feuerböcken (brantreider) für die Holzscheite. Der Rauch wurde vom Herdmantel gefangen und in den Schornstein geleitet. Die Wände der Räume zeigen selbstverständlich keinen Schmuck. Die Entstehung dieses Geschosses fällt zweifellos in die frühere gothische Zeit (Hartmut V, vor 1330). Es wird getragen von gewölbten Keller- Der sogenannte Rittersaal. 237 räumen; in ihnen findet sich bei 15 (unter dem Turme 3) die uralte frühgotische Thür (S. 239), die ursprünglich den westlichen Eingang in die Burg vermittelte (Stadtplan a 2 ). Den grössten Teil des ersten Stocks füllt der sogenannte „Rittersaal" aus (ein neuer Name aus diesem Jahrhundert) ; nördlich über der Küche war auch hier eine, jetzt beseitigte, Abscheerung. Nach Westen hat er drei gleichgrosse Bogenfenster, die wohl nachträglich erweitert sind. Diese Gleichförmigkeit, wie auch die Achsenstellung wurde für denselben innern Raum stets eingehalten, während in der Aussenfronte lediglich das Bedürfnis jedes Gelasses massgebend war. Dem entspricht die abweichende Form des vierten, früher abgeteilten Fensters. In den Nischen des Saales befanden sich steinerne gotische Sitze. Neben dem stattlichen Kamine führen Stufen zu einem innerraume des Eingangsturms 3; dieser hat im ganzen sieben Geschosse, die verschiedenartig gewölbt und eingedeckt sind. Die Wände des grossen Saales waren einfach geweisst und vielfach mit farbig gemalten Wappen und Inschriften verziert von denen nur noch vereinzelte sehr schwache Spuren vorhanden sind. Hier hing auch wohl der grosse Teppich mit der Darstellung des Sieges vom 14. Mai 1389. Die Decke war in Holzwerk, der Fussboden in Estrich hergestellt; er wurde mit Matten und Binsen belegt. An der südlichen Schmalwand springt in allen Stockwerken ein Erkerturm (4) vor; er diente als Hauskapelle, was die Reste der Wandmalereien bezeugen. Der Altar war der h. Dreifaltigkeit geweiht und der fungirende Altarist besonders dotirt. An der Südwestecke führen einige Stufen in der Mauer schräg aufwärts ins Freie. Dort lag ein Vorbau aus Holz, dessen Tragkonsolen und die Balkenköpfe in ihren Löchern noch sichtbar sind. Er sollte den Fuss der westlichen Mauerecke loth- recht schützen, da hier kein Verteidigungsturm Rittersaal. 238 Wehrgang an der Südwestecke. Die Grete gebaut 1444. stand. Von diesem Wehrgange aus wurden, durch Gusslöcher im Boden, Steine, Feuerbrände, siedendes Pech, kochendes Wasser auf den bis unten vorgedrungenen Feind hinabgeschleudert. Derselbe grosse Saalraum im zweiten Stock ist schmucklos. Er war durch leichte wandelbare Fachwerkwände abgeschoren, die im Laufe der Zeiten kamen und gingen; sie dienten als Schlafräume. Hier wird das „Fürstenzimmer" mit Schlafzimmer genannt. An der Wand ist das Wappen des Kurfürsten, Johann Schweikard (Kronberg) von Mainz zu sehen. Die Verbindung der Stockwerke wurde durch innere Holztreppen hergestellt, deren ehemaligen Platz an der Nordwand des Rittersaales die stützende Konsole (bei 8) anzeigt. Erst im Jahre 1444 ist die steinerne Wendeltreppe (7) unmittelbar am Eingangsturme (3) eingebauet: Eine jetzt verschwundene Steintafel meldete: „Anno Domini 1444 in den Mertz hat Franck von Cronnberg der junge (XI, 77 K), Herrn Hartmanns (VIII, 59 K) seligen Sohn, diese Stege tun machen." Das Wappen des Erbauers und seiner Gattin, Agnes von Stockheim, war eingemeisselt. Diese neue Anlage hiess damals allgemein: die Grete; (Grede von gradus, Stufen). Franks XI Enkel, Johann IX (87 K) hatte „an" diesem vorspringenden Turme (7) „Fenster," also entweder in ihm bei 9, oder nächst daneben in der Hauswand bei 10. Diese belästigten das gegenüberliegende Haus des Flügelstamms. Auch hatte er gegen dieses Haus eine Scheidewand (auf der Grenze) gezogen. Hierüber entstanden Streitigkeiten mit dem alten Johann VII (74 F). Diese wurden am 24. Mai 1474 dahin geschlichtet: „dass Fenster und Scheidewand bleiben sollen." Hieraus dürfte sich ergeben: 1. als der Treppenturm 7 im Jahre 1444 vor das Kronenstammhaus eingebaut wurde, hatte dieses bereits seine völlige jetzige Ausdehnung bis zur Linie 11 a , ll b , 14; 2. damals stiess das Haus des Flügelstamms (Seite 240) noch nicht hart an das Kronenstammhaus, weil sonst die Fenster bei 9 oder 10 und die scheidende Grenzmauer unmöglich gewesen wären. Aus der Südostecke des Turms 3 führen im ersten und zweiten Stocke Thüren ins Freie auf einen ehemaligen Balkengang (Balkon 12) dessen Konsolen noch sichtbar sind. In dem wenig tiefen Wohnhause Wehr- und Laufgänge an der Hofseite. 239 war nicht wohl Raum für Gänge und Treppen; daher wurden an der Hofseite vorgekragte hölzerne Verbindungsgänge aus dem Wendeltreppenturm von 1444 hergestellt. Der Thürsturz von Mainsandstein am Rittersaale im ersten Stocke dieses Turms trägt die Jahreszahl 1543. Dieser Stein fand, nach einer zuverlässigen Autorität, am Taunus erst im 16. Jahrhunderte bauliche Verwendung. Zu den älteren Bauten im Kronenstammhause ist Basalt aus der Nähe, aus Brüchen im Taunusvorlande: Homburg u. s. w. benutzt; ebenso Rotliegendes aus Vilbel als Haustein. Danach "hätten 1543 grössere Umbauten im Schlosse des Kronenstamms stattgefunden. Es war das die Zeit, als Hartmut XII wie wir in Abschnitt V hören werden — nach zwanzigjähriger Vertreibung in das Erbe seiner Väter (1541) zurückkehrte. Leider hat sich in den ältesten Teilen des Hauses eine Jahreszahl bis jetzt nicht auffinden lassen. Die älteste Eingangsthür. Das Flügelstammhaus. W^TwjlER finden wir im ganzen die ähnliche Anordnung wie im platzes nach Westen entspringt; daher ist das Erdgeschoss aufgetreppt und wird durch die äussere steinerne Stiege 13 betreten. Besonders beachtenswert ist die gotische Küche zu ebener Erde. Der Kamin und Rauchfang darin sind von einem solchen Umfange, dass davor ein ganzer Ochse am Spiesse gebraten werden konnte. Hier finden wir an der Vorderwand den uralten Ziehbrunnen (16) der schon im Burgfrieden von 1367, unter k, besprochen ist. Im Saale des ersten Stocks steht noch heute ein wohlerhaltener spätgotischer Kamin. Vom Stiegenturm (6) führt eine Thür auf den ehemaligen Wehrgang hinter der Mauer tz—tz, durch die der Hof der Mittelburg abgeschlossen wurde. Dieser Stiegenturm (6) trägt die Jahreszahl: 1504 in die letzte Stufe der Wendeltreppe eingehauen. Danach hat der pfälzer Marschall Philipp VI (82 F), ein reicher und vornehmer Herr, dem Flügelstamm- 'A Kronenstammhause. Die Keller liegen jedoch bedeutend höher als dort, was aus dem ursprünglichen steilen Abfall des Bau- Gotische Küche. Der älteste Ziehbrunnen. Die Westfront. 241 Gotische Küche und ältester Ziehbrunnen. hause seine jetzige Ausdehnung und Gestalt gegeben. Der Bau wurde nach Westen erweitert, unmittelbar ans Kronenstammhaus gerückt und mit diesem durch einen kleinen Vorplatz, sowie durch Treppen in Keller Küche und erstem Stocke, innerlich verbunden. Hinsichtlich der Aussenseiten beider Gebäude nach dem Schlosshofe zu darf auf die Zeichnungen verwiesen werden. Den Südgiebel des Kronenstammhauses krönt der eiserne Feuerkorb. Bei Tage gab er seine Alarmzeichen und Hülferufe vermittelst der Rauchsäule. Diese Feuerzeichen waren schon bei den Römern, den Limes entlang, gebräuchlich. Die Westseite hat vier Reihen nicht auf Achsen stehender Fenster; diejenige im grossen Saale ist gotisch, die dritte Reihe aus dem 17. Jahrhundert. Diese zahlreichen Oeffnungen sind wohl erst später nach Bedarf eingebrochen; übrigens war die Westseite durch die städtische Ringmauer und den steilen Abhang an ihrem Fusse ausreichend geschützt. Erkerartige Vorbauten, mit durchbrochenem Boden zum Werfen und Giessen, dienten gegen Breschelegung am Mauerfusse. Solche finden wir mehrfach an der langen Nordfront beider Gebäude. Im Erdgeschosse des Kronenstammhauses, in der alten Küche, findet sich in der Mauerdicke eine kleine Lauftreppe ; sie führt auf eine ausgekragte Koneinen Steinerker; sole vorhanden, von diesem ebenso die ist noch mtrrttec * "A ... ~ A V steinerne 242 Die Nordfront. Wehr- und Laufgang zur Oberburg. Schwelle und pyramidale Bedachung. Im grossen Saale des ersten Stockes führte aus einer Mauernische eine Thür auf einen kleinen Vorbau, der durch Konsolen gestützt war. Dort findet sich ein, über den Fussboden beträchtlich erhöheter gewölbter Raum. Wahrscheinlich für das Archiv. Eine Thür führte von hier auf einen grösseren Vorbau, der wohl der Verteidigung diente. Der Fussboden des Erkers war von zwei Doppelkonsolen getragen; daneben sind die Köpfe zweier Holzbalken in der Mauer noch sichtlich; die Spuren eines ehemaligen sattelförmigen Daches treten im Verputze der Mauer hervor. Im zweiten Stock: zwei Thüren mit Doppelkonsolen, rechts und links je ein Balkenkopf. Im dritten Stock bemerken wir zwei Fenster mit einfachen Profilen aus rotem Sandstein und mit Angeln für, spätere, Aussenläden. Vor der Zeit der Glasfenster waren alle Läden innen angeschlagen. Im Flügelstammhause hat die grosse Küche hier nur ein kleines vergittertes Fenster; im anstossenden kleinen Tonnen- raume, der Vorratskammer, und im grossen Gelasse rechts vom Eingange, der Wachtstube, findet sich je ein etwas grösseres. Im grossen Saale des ersten Stockes sind zwei kleine Fenster; auf dem Vorplatze zur Verbindung mit dem Kronenhause ist eine kleine Thür mit vorspringenden Doppelkonsolen erkennbar. Am Ostgiebel führte aus dem grossen Saale eine Thür auf den ehemaligen Wehr- und Laufgang über das nördliche Burgpförtchen hin zur Oberburg. Dieser soll wieder hergestellt werden. Die Nordwestecke. Die Unterburg. ER Abfall vom Kronenstammhause bis zur südlichen Ringmauer war ursprünglich weit steiler, dadurch stand deren Innenseite viel höher zu Tage; durch die Anlage der Gartenterrassen wurde die Mauer erheblich angeschüttet, auch wurden ihre oberen Zinnen und Scharten nach und nach beseitigt. Nachstehende Bauwerke lassen sich hier feststellen: 1. Bei a 5 (Bp.) Reste eines flankirenden Halbturms; bei a 4 stand wahrscheinlich die „Schaale Hatzstein." 2. Bei v 1 sehr geräumige und wohlerhaltene Kellergewölbe. Auf ihnen erhob sich eine Fachwerk-Kemenate des Flügelstamms „uff dem Thorhause," es wird 1555 zuletzt erwähnt; damals erhält Kaspar II (107 F) die Erlaubnis: ein „Bäuche (Bp. v 2 ) hinder meinem Haus an meiner Küchen bis an den Freyenthurm zu bauen, dergestalt, dass der gemelte Frey Thurm unbeschädigt, ungebrochen und angelochert bleib." Das Gebäude, mehrfach „das hohe Haus" genannt, ist bis auf die Keller verschwunden. Die Spuren seiner Anlehnung sind am südöstlichen Eck des Turms heute noch ziemlich hoch hinauf sichtbar. Wahrscheinlich schloss das „Bäuche" auch den Rodebrunnen (Bp. y) ein. Es finden sich auf dessen Gestein Spuren von eingebleitem Eisen. 3. Im Vertrage von 1457 heisst es: der Stall (Bp. w) an den Marstall gebuwet, soll dem Kronenstamm bleiben. 4. Die Wasserleitung aus den oberhalb Kronbergs liegenden Wäldern, die auch das gegenwärtige Geschlecht lebhaft beschäftigt, war 244 Wasserleitung für Burg und Stadt. schon damals Gegenstand der Fürsorge. Unterm 11. März 1550 wurde zwischen den Stämmen und der Stadt vertragen „wegen Herabfuhr des Wassers, das aus dem Hayn durch Röhren in das Schloss geleitet wird in die Stadt, so „... uff die Schirn läuft" (ein Wasserbecken auf dem Platze den die Streitkirche (jetzt Apotheke) einnimmt: „Auf Bürgerkosten eine Stube oder Abschlag nahend hinder den Hayn zu machen .... vom Schloss soll das Wasser in den steinen Kasten uff der Schirnen laufen. Messene Kranen sollen angebracht werden, die man jederzeit uf und zu thun möge; bis (es) zwischen unser beider Stämme von Cronbergk zwei Häuser, an und bei der Frankfurter Pforte, in ein andere Abschlag laufe, mit zwei messene Krane, von dene wir die Stämme von Cronbergk, jeder zum halbe Theil, solch Wasser in unsere erstbenannte zwey Häuser, oder in unsere beide Garden und Rosenthal vor dem Frankfurter Thor, oder unseres Gefallens leiden mögen. Der erste Abschlag soll sein : hinter dem Hayn; der zweite auf der Burg; der dritte am Frankfurter Thor; unter letzten ein Trog, das Vieh zu tränken Allerlei Nebenbauwerke. In den wiederholten Verhandlungen und Schlichtungen des 15. Jahrhunderts werden eine Reihe von kleineren Wirtschaftsgebäuden genannt: Hüsunge (Nebenhäuser), Kelterhäuser, Backhäuser, Ställe u. s. w. Es waren wandelbare Bauten aus Holz oder Bindwerk mit Stroh- oder Schindeldächern. Wir hätten sie teils auf dem südlichen Abhänge unter der Mittelburg zu suchen, wo jetzt die zwei alten Gartenterrassen liegen. Im Jahre 1550 standen dort bereits die „Linden und der Weinstock." Dort stiess man bei Nachgrabungen auf allerlei verwirrtes unbedeutendes Gewölbe- und Fundamentgemäuer. Die Mauer zwischen Garten und Zwinger vom Kronenhause zur Kapelle erscheint bereits 1626. Andere wirtschaftliche Bauwerke lagen in dem geräumigen Gelände nördlich des Rodehofes: „der Garten under der Burg gegen den Rothenhofe," der auf dem Stadtplane als „Burggarten" bezeichnet ist. Jetzt wird er von der „neuen Burgstrasse" durchschnitten und ist mit allerlei fremden zudringlichen Wohnhäusern besetzt, die das Burgbild von dort aus schwer schädigen. Die Burgkapelle. ER östliche Chor und älteste Teil des Schiffes standen bereits 1342, wie die im Grundsteine des St. Nikolaus- und Katharinen-Altars gefundenen Gegenstände ergeben. Bei Herstellung dieses Hauptaltars fand sich ein völlig schmuckloses bleiernes Reliquienkästchen. Darin lagen: 1. Ein Pergamentstreifen, 18 Centimeter lang, 5,5 und 2 breit, der folgende Urkunde trägt: Nos frater Albertus dei gracia Ybrinensis ecclesie episcopus, vices venerandi in Christo patris de' domini domini nostri Henrici archi- episcopi moguntini in pontificalibus gerentes recog nostimus per pre- sentes quod hoc altare consecravimus in honorem saneti Nicolai et be- ate Katarine cooperante nobis gracia spiriti saneti Actum anno domini MCCCXLII dominica die qua cantabatur Letare. Uebersetzung: Wir Bruder Albertus durch Gottes Gnade Bischof von Ibora (in partibus, an der Küste von Kleinasien, Weihbischof von Mainz), als Stellvertreter in pontificalibus des in Christo ehrwürdigen Vaters und 16 246 Stiftungsurkunde und Reliquien im Altare der Burgkapelle. 1342. Herrn, unseres Herrn Heinrich Erzbischofs von Mainz, bekennen durch Gegenwärtiges, dass wir diesen Altar zu Ehren des heiligen Nicolaus und der seligen Katarina unter Beistand der Gnade des heiigen Geistes geweihet haben. Geschehen im Jahre des Herrn 1342, am Sonntage wo gesungen wird Letare (10. März). 2. Ein kleinerer Pergamentstreifen, etwa 8 Centimeter lang, 1,5 hoch; darauf steht: „Nycholay episcopis et confessoris"; daran ist mit weissem Faden ein, ebenfalls mit Faden zu .. einem Beutelchen zusammenge- schnurtes Stückchen rote Seide - genähet; in diesem finden sich kleine Knochenreste, vermutlich also eine Reliquie des h. Nikolaus. Dieser war unter Konstantin d. Gr. Bischof zu Myra an der Küste von Kleinasien, er starb dort am 6. Dezember 327. Fromme Kaufleute aus Bari entführten, 1087, die wunder- thätigen Reliquien des Heiligen aus der mohamedanisch gewordenen Kathedrale. Am 9. Mai 1087 landeten die heiligen Gebeine in Bari; schon am ersten Tage ihrer Ausstellung wurden dort dreissig Gläubige von verschiedenen Krankheiten geheilt. Das Knochenpartikelchen auf Burg Kronberg war daher ein seltener und für die frommen Bewohner höchst wertvoller Besitz. 3, 4 und 5. Drei Glasfläschchen, etwa 7 Centimeter hoch; diese sind verschlossen; ihr ehemaliger Inhalt ist unbestimmbar. 6, 7 und 8. Drei Wachssiegel, deren Inschriften nicht mehr zu entziffern waren. Die Burgkapelle ist einschiffig und flach gedeckt. Augenscheinlich wurde sie später, durch Hineinziehen des kleinen (Pfarrers-?) Wohngelasses, nach Westen hin verlängert. Sie war zum Begräbnis der Herren des Ortes und für Totenmessen bestimmt. Im Innern jetzt durchaus kahl, ist sie nur noch durch ihre Grabsteine bemerkenswert. Die ältesten, bis etwa zum Schlüsse des 14. Jahrhunderts, sind in Flachrelief gehalten, weil man sie in den Fussboden einfügte. Grabsteine in der Burgkapelle. 247 Die Figuren und Ornamente wurden in den Stein eingeritzt oder durch Vertiefung des Grundes ausgespart. Alsdann kamen die Hochgräberauf; das führte zu erhöhter Verzierung mit Relief oder zur Figur in voller Gestalt. Die Steine wurden nun an die Wände gestellt. Später machte man Epitaphien aus Stein und Holz; sie bezeichneten nicht die Stelle des Grabes sondern wurden als Gedenktafeln in dessen Nähe, oft auch ohne allen Zusammenhang mit der entfernten Ruhestätte aufgestellt. Auf diesen brachte man Portraits, dann Ahnenwappen und Stammbäume an. Fast alle bedeutenderen Grabsteine der Burgkapelle, soweit sie heute noch vorhanden, sind in Zeichnung und Beschreibung bei den einzelnen, auf ihnen dargestellten Familiengliedern gegeben. Sie sollen daher hier nur übersichtlich kurz aufgezählt werden: 1. Südlich neben dem Altare: Hartmut VI (47 K); f 1372. 2. Nördlich neben dem Altare: Frank VII (49 F); f 1385. 3. Neben diesem: sein Sohn Philipps II (53b F); f 1381. 4. Neben diesem, an der Nordseite der Kapelle, der jetzt verschwundenen Kanzel gegenüber: Johann IX (87 K) von Cronbergk, mit seiner Frau, Clara von Helmstadt; er starb 1506, sie 1525. 5. Neben diesen: Hartmut XII und seine Frau Anna (100 K); er starb 1549, sie 1551. 6. Unter der Empore an der Westseite eine geharnischte Figur mit der Umschrift: Anno Domini M . . . o . . Dns Francko de Cronebork . . pace amen; höchst wahrscheinlich: Frank VIII (52 F); er lebte von 1367 bis nach 1429. Im Fussboden der Kapelle, vor dem Altare, liegen drei flache, fast völlig abgewetzte Grabsteine. Folgendes ist auf ihnen entziffert: 7. Mil . . CCC . . nonag . . . (139.?). Hier ruht sehr wahrscheinlich Walter VIII (53 F), der Ahnherr der acht souverainen Häuser 16* Frank VIII. 248 Noch Grabsteine und Totenschilder. Altäre. (S. 160), der einzige in den neunziger Jahren gestorbene Kronberg; Wappen und alles übrige ist verschwunden. 8. 1485 (?) 24 Sept. obiit venerabil. dominus, mil Rechts unten Flügelwappen, die übrigen verwischt. Wahrscheinlich Johann X Kronberg (83a F) Sohn Ulrichs III (67 F) und der Anna Riedesel; 1482 Domkapitular in Mainz. 9. Figur in Harnisch, mit Topfhelm und Kronenstammkleinod. Inschrift: An . . (id)US. jOctobris?) S. O. HARTMVTH . . . Wappen: rechts grösser, Kronenstamm; darunter kleiner: ein nach links steigender Löwe (?) und Dalberg. Jahreszahl abgewetzt. Wohl Hartmut VII (48 K); er starb zwischen 1367 und 1370; seine zweite Frau war: Agnes Kämmerer von Worms. 10. Quadratischer Stein, etwa in der Mitte der Kapelle. Inschrift: „1620, Johann Dieterich Cellarius (Keller) Cronbergensis Fieri Curabat." Er hatte vermutlich hier eine Bauausführung besorgt. Im vorigen Jahrhundert fand Oetter, nach seinen „Wappenbelustigungen," noch folgende jetzt verschwundene Steine und Tafeln vor: 11. Grabstein der Anna Loretta Reiffenberg, zweite Gattin Franks VII (49 F) f 1367. 12. Grabstein des Franziskus von Kronberg (117 K) 1605. 13. Totenschild Johanns IX (87 K) -j- 1506. 14. Totenschild der kleinen Anna Kronberg; J- 2. Mai 1549.- Im Jahre 1550 enthielt die Burgkapelle folgende bepfründete Altäre. 1. St. Nikolaus und Katharinen Altar, uff der linken Hand bei dem Predigtstuhl (nördlich); 2. Ruthers (Antonius) Altar, der in einer Kapellen im Ruterswald und jetzt zerfallen, gestanden; 3. St. Margarethen; 4. St. Sebastian; 5. St. Cosmi und Damiani. — Die Pfründe der ersten vier Altäre hatte Herr Eytel von Kronberg (106a F) Domherr in Mainz (J* 1563). f B. Die Stadtmauern. IE Ringmauer der Burg „Kernmauer" a 1 —a 13 ist in ihren ursprünglichen und wesentlichen Teilen bereits im 13. Jahrhundert hergestellt. Stadtmauern und Stadtrechte wurden von Ludwig dem Bayer und Karl IV am Rhein entlang sehr freigebig verliehen um den die Orte beherrschenden Adel zu gewinnen. Unterm 21. April 1330 erlaubte König Ludwig der Bayer seinem getreuen Hartmut (V, 35 K) die- Ummauerung des damaligen „Thals" (dörfliche Ansiedelung). Diese älteste Stadtmauer lief (auf dem Stadtplan) in der weiss-roth gebrochenen Linie, von a 13 —a 14 zum Eichenthor. Dieses trug ursprünglich vier Ecktürmchen und einen hölzernen verschalten Wehrgang. Von dort weiter zum ehemaligen Haubornthor, das im Südwesten zu suchen ist. Dort stand, im Jahre 1370, „der zun für der hohen pforten gein dem heuborn zu." Dieses Thor führte in das Rosenthal: ein Garten „gegen den Häwborn," dessen Lage rechts und links der jetzigen frankfurter Strasse zu suchen ist. Es zerfiel in das grosse und kleine Rosenthal. Der Name wurde im Mittelalter vielfach auf eine frische anmutige Lage angewendet ohne dass Rosenkultur getrieben zu werden brauchte. Die älteste Stadtmauer lief weiter zur Judenpforte C 1 ; von dort wahrscheinlich früher auf der Linie A 1 —A 2 nördlich, später wurde sie, wegen des Baus der Stadtkirche zu St. Johannes, auf die Linie B- B 1 —B 2 verlegt. Die dort im vorigen Jahrhundert unterhalb der Kirche noch stehende Mauer war „33 Schuhe 7 Zoll hoch und 574 Schuhe durchaus breit, geht bis an die Strasse, wo sie en Profüll abgeschnitten ist". Der jetzige Kirchturm war augenscheinlich ein Stadtmauerturm. Im Laufe der Hauptstrasse lag bei B 1 das „alte frankfurter Thor," davor eine Zugbrücke. Bei B 3 zieht sich diese älteste Mauer nach Nordost und 250 Aelteste Stadtmauer um 1350; zweite vor 1400. mündet bei a 10 in die Ringmauer der Burg ein. Dort sind die drei Flankirungstürme: a 10 , a 12 , a 13 in ihrem Unterteile noch wohlerhalten. Von letzterem an hatte sie eine Ausbuchtung nach a 14 . Der also umschlossene Teil bildete die Altstadt. Vor der nördlichen Mauer, etwa von a 14 —a 8 lief ein trockener, noch verfolgbarer Graben. Darüber lag, zwischen a 12 und a 13 , vor der Pforte q 1 , die „Ebichbrücke;" sie führte in den Hain. Die zweite Ummauerung setzt, auf der rot-blau-weiss gebrochenen Linie, an der Judenpforte (C 1 ) ein, zieht nach Osten zum „neuen frankfurter Thor," von dort gegen Nordwesten und verbindet sich bei C 3 mit der ältesten Stadtmauer. Sie um- schloss die „Neustadt." Ue- ber ihre Errichtung wissen wir nur, dass im Jahre 1399 Johann III (56 K) einwilligt: seinen Hof in der Nuwen- stadt nicht bis gegen die Ringmauer der Stadt zu mauern da, nach älterer Ueber- einkunft, Freiwege (eine Lan- Heutiges Eichenthor, Schale. Innenseite. zenlänge breit) den Mauern entlang bleiben sollen. Später, im Jahre 1461, beschliessen die Ganerben: die alte frankfurter Pforte und die Haubornpforte eingehen zu lassen. Dafür wollen sie zwischen ihren beiden Hofstätten in der neuen Stadtmauer eine neue Pforte erbauen. Diese war das spätere „frankfurter Thor;" es verschwand zu Ende des 18. Jahrhunderts. Die Hofstatt des Kronenstamms beherbergt jetzt die Oberförsterei. Dem Gehöfte gab Walter XIII (116 K) die heutige Ausdehnung und Be- Dritte Ummauerung, vor 1461. Brustwehren, Zinnen, Scharten. 251 grenzung. Sein Name, mit der Jahreszahl 1571, steht über beiden Ausgängen. Ihm gegenüber, also oberhalb des jetzigen Schützenhofes, lag die grosse Hofstatt des Flügelstamms: Westerburg. Ihr Name dürfte sich vielleicht an die erste Hausfrau Philipps III (63 F), die edle Anastasia von Westerburg knüpfen. Das Thor selbst, von den beiden herrschaftlichen Höfen rechts und links eingeschlossen, war, nach den Grundmauern zu schliessen, in seiner letzten Gestalt ein Doppelthor; dazwischen ein kleiner Barbekan. Die „dritte Ummauerung" knüpfte ebenfalls an die Judenpforte an, zog in der blauen gebrochenen Linie westlich zur Thalpforte, von dort in scharfem Bogen nach Norden zur ältesten Stadtmauer bei a 14 . Die Anlage muss im Jahre 1461 wehrbar gewesen sein, da sonst die Haubornpforte nicht hätte beseitigt werden können. Diese drei Stadtmauern und die in ihnen stehenden Türme sind, ausser denen nördlich der Burg, nach 1704 allmälig verfallen und niedergelegt; die Gräben sind den Bürgern zu Gemüsegärten ausgewiesen. Nur dort können wir noch Bruchstücke erkennen, wo diese als Stützmauern dienen (Eichenthor, S. 250 rechts vorn) oder wo ein alter Turm unter einem neuen Wohngebäude hervortritt. Deshalb ist auch keine Spur der Brustwehren, Zinnen, Scharten, Wimperge und Wehrgänge erhalten. Für letztere haben wir jedoch gleichzeitige benachbarte Musterstücke (aus Butzbach in der Wetterau), die hier zur Veranschaulichung eingeschaltet sind. Die Brustmauer des Wehrganges war meistens 2 Meter hoch und 0,60 Meter stark. In der Mitte der Windberge befand sich ein lothrechter, nach aussen er- Wehrgang in Butzbach, weiterter Schlitz, eine Scharte zum Hinausschiessen. Auf dem Zinnengange war meistens eine Verbreiterung nötig für den ungehinderten Verkehr der Verteidiger. Hiefür wurden an der Innenseite starke Stein- Wehrgang. 252 Hölzerne Wehrgänge. Flankirungstürme. Konsolen vorgesehen. Auf diesen oder auf Pfeilern und Bögen (Bp. 4) ruhete das hölzerne Gerüst des Wehrganges (3). Vielfach lehnten sich die Wehrgänge auf den Mauern an Türme (3); dadurch wurde ihre Widerstandskraft erhöhet. Diese Gänge waren gewöhnlich bedacht; bei herannahender Kriegsgefahr wurden sie abgedeckt um den Kämpfern freiere Bewegung zu gestatten und Feuersgefahr zu vermeiden. War aber der Feind bis an den Fuss der Mauern vorgedrungen, alsdann hörte die Zinnenverteidigung auf. Deshalb brauchte man Flankirungstürme um die Aussenseite der Mauer zu bestreichen. Von diesen haben wir um Burg und Stadt zahlreiche kennen gelernt. BURCPt^N. KKlÄRUNCj ^ LTHORTUR'VrrK'APEfcE .aZISIERNE*W«fn 3mNTELBAUAY L.F-REITURTA . B.b.^.KERNmUER T.FÖNfECtOCjER TUT^I. 8 /PAL AS» . ERKBRUlSCi. I3ER . mTEUONTERBORG. STAÜTPIAN. A .Rl NqttAUEF^D 30RG B.ÄLTESTER TUR*V. Bi .KEnENP-TEü.KRONNEU- STAATE VC*)- C.HEINRICH qRASSLDCKES BACKHAUS (KK PF0RJHA05?- ^>CHE|DEL!NIEd.-ZW»I TEILE DES JETZiqEtS SCHLOSSES E.E .TETZIQER SWIPSSTEILP.K. F.F. •• '• Cj. BACKHAUS . (K.^ qi. KÜCHE. . (KO H. UNTERE PFORTEt.UNTE-Jt Ht. BROCKE. I .qENEINSA / TcR i fÖNPPO& BREITER WEHRqANCfDCutt K.ZIEHBRUNNEN (KjlF.) L .HEINRICH dasse.g(na- den) und gunsten alle Hartmuts Thätigkeit als Sickingens Etappenkommandant. 295 Später erklärte zwar Sickingen : die Ebernburg sei, als ein der Pfalz offenes Haus, gar nicht für den Krieg verwendet worden. Hartmut sollte dadurch als unbeteiligt gedeckt werden. Indessen hatte er von dort aus dennoch allerlei Thätigkeit entfaltet, die nähere Betrachtung fordert da sie für ihn verhängnissvoll wurde. Vor allem fielen dem Landgrafen verschiedene Briefschaften aus Hartmuts Feder in die Hände; sie wurden Nicolausen von Minkwitz abgenommen, der mit 1500 „Braunschweigern" (Söldnern) Franzen zu Hülfe ziehen wollte. Um die Mitte Augusts war Minkwitz persönlich in Mainz beim Hofmeister Frowin von Hutten. Am 17. August suchte ihn Hartmut dort vergebens auf und schickte ihm dann durch jenen am 18. nachstehende Marschroute: „Sunder guther friendt. Ich fug Euch wissene, dass mein Vetter Frantz der Meynung ist, der Knecht halbenn, die ir im pringen solt, (sie standen noch in Hessen) das ir mit dennselbigen uf Collen den nechsten zuziehen sollen ; daselbst wurde er euch eynen under Augen schicken, damit ir bericht werden, wo ir über Rein, oben oder unwendig Collen, am nutzlichsten und geschicktesten uberkhomen möget; darneben werden ir auch einen Reissigen Zeug (Reiterhaufen), der zu euch stossen wurdet, haben, und euch füren wurdet sicherlich zu meinem fettern Franzis, wie dasselbig der hoffmeister (Hutten), mit dem ich davon von meins vettern wegen beschlossen, in seinem schreiben Euch berichten werdent. . . In Eilen min handt. Hartmud von Cronenberck. Ausserdem fanden sich auf der Ebernburg, nach deren Kapitulation im Sommer 1523, verschiedene briefliche Anweisungen Sickingens an Hartmut, sowie Berichte des letzteren über Kriegsgeschäfte während der Belagerung von Trier. Franziskus schreibt auf dem Rückzüge aus Thalfingen am 16. September seinem Hauptmann zu St. Wendel Philipp Bredern: „Was du vor gelt hast, desglychen das dir Hartmann von Cronbergk geschickt hat, schaff alles verwahrlich nach Ebernburg. . . . Des Minkwitz Hauptmanns halb, den lass uff Ebernburg zu ziehen, umb daselbst weiter am sichersten zu mir wissen zu khommen und wol verneinen, wo ich sei." Demnach sass Hartmut auf der Ebernburg keineswegs als ein Neutraler ausserhalb des Kriegsschauplatzes; er beschaffte vielmehr von dort, gewissermaassen als Etappenkommandant, dem fechtenden Heere Zuzug und sonstige Unterstützung. 19* Eroberung von Kronberg. Stellung des Pfalzgrafen im Südwesten. III. Eroberung von Kronberg, Oktober 1522. Ende Septembers hatten die drei „Kriegsfürsten" zu wtff' Oberwesel einen für ihre Gegner verhängnisvollen Plan festgelegt. Sie wollten vor allem Sickingens Reihen lichten, seine Freunde und Helfer strafen, den übrigen Adel schrecken, ihn selbst vereinsamen. Die Beteiligung an Sickingens Landfriedensbruch gab, nach der kaiserlichen Verordnung von 1495, den drei Fürsten als beauftragten Vollstreckern, für ihre Selbsthülfe eine, gegen jeden Widersacher ausdehnbare, daher für alle, als Helferund „Zuleger" bedrohliche Handhabe. Zunächst wandte sich der Rachekrieg gegen Hartmut und sein Kronberg. „1522 zu Ende Septembers ist . . . eine grosse rüstung gewesen vom Pfalzgrafen, Landgrafen und Bischof von Trier, so dasz viel Stätt schloss und dörfer gefloht haben all ihr haab in die Stadt frankfurt; niemand hatt gewust, wo gäntzlich hin." Hartmut ward völlig überrascht durch diese nächste und gefährlichste Bedrohung. Er hatte kaum Zeit, sich mit einer Handvoll Reiter nach Kronberg hinein zu werfen. Von allen Ganerben fand er dort nur den Vetter Quirin (89 L). Dessen Bruder Jakob III (88 L) lebte seit 1520 als kurfürstlicher Vizedom in Mainz. Hartmuts Bruder Hammen (100 K) war seit 1519 tot, der Schwager und Vetter Kaspar I seit 1521, nachdem er noch in dem unglücklichen Feldzuge Sickingens gegen Grabmal Kaspars I und seiner Frau Katharina. Hartmut sucht zu verhandeln. 297 Kronberg F. Kronberg F. Mezieres als dessen Rottmeister gedient hatte. Sein und seiner Frauen Grabstein findet sich in der Stadtkirche zu Kronberg an der nördlichen Mauer; er steht auf dem Löwen, Katharina auf dem Flündchen; es sind besonders gut ausgeführte, fast ganz runde Bildnisfiguren. Darunter, auf einer besonderen Tafel las Oetter, der unsere Abbildung bringt, im Jahre 1763: Anno Dni MDXX1 Sambstags unser lieben Fraue tag geburt (14. September) starb der erenvest Caspar von Cronberg dem Got gnade Anno Dni MDLXIII, den XXVI Martii; starb die ersame und dugent- hafftige Frau Katerin geborn vo' Cronberg, der Got ge. Der Stein wurde also erst nach Katharinas Tode gesetzt. Ob sie selbst darunter ruht? steht dahin, da sie nach Kaspars Tode noch zweimal ausserhalb Kronbergs verheiratet war. Anscheinend hat der das Denkmal setzende Sohn, Kaspar IX (105 F) die Nachehen ignorirt. Die Tafel hat am Anfange dieses Jahrhunderts dem praktischen Bedürfnis an vermehrten Kirchenstühlen weichen müssen. Die drei geistlichen Herren: Walter XI (92 F) der Komtur zu Frankfurt; Simon (97 F) der Domscholaster zu Mainz, und der Domicellar Johann Kaspar 1 und Frau Katharina. Philipp VII (101 K), falls er damals noch lebte, kamen nicht in Betracht. Hartmut versuchte zunächst: die über ihn heraufziehende Wetterwolke durch Verhandlungen abzuleiten. Vor allem wandte er sich, Dinstags nach Francisci am 7. Oktober, an den jungen Landgrafen den er als seinen Hauptfeind betrachten musste. Ihm überlässt in einem Schreiben aus Bacharach der Pfalzgraf das Vorgehen gegen Hartmut. Er sei der Schuldigste. Es seien aber „noch mehre gemainer in Cron- bergk, gegen deren etlichen nit so viel Ursach, als gegen Hartmut, gehabt werden mach." Schon beunruhigten Philipps Reiter die nächste Bach 298 Brief an den Landgrafen, 7. Oktober. Umgebung von Kronberg. Hartmut schreibt: „Dies fordern tags haben E. f. G. Diener der streyffende rott mir ein Knecht, genannt Hans Müller, niedergeworfen und zu Epstein ins wirtshauss betagt." Hartmut hat schon um des Gefangenen Erledigung geschrieben, ist jedoch bis jetzt ohne Antwort. Ebenso hat des Landgrafen Amtmann den unmündigen Kindern des verstorbenen Kaspar das Dorf Wasserbiblis (bereits am 27. September) weggenommen das, mit Wolfskeel, das Wittum der Schwiegermutter (Katharina von Bach) bildet. Und dazu wird Hartmut noch täglich verständigt und gewarnt: das der Landgraf „für Cronen- bergk ziehen und das zu erobern unterstehen wolle, dem ich aber bis (itzt) noch kein Glauben geben." Er kann sich an nichts erinnern „das e. f. g. ich zu solichen höchsten Ungnaden Ursach gegeben" . . . „oder das ich auszerhalb des, so ofentlich vertragen (die hessische Fehde von 1518) widder e. f. g. gehandelt oder getan hett; darzcu zu diesen leufften widder mein gnedigsten hern von Trier auch (Mannschaft) nit geschickt." Hartmut beruft sich auf das Reichsrecht, wonach niemand „(h)abs und guts entsetzt ohne furgeende Heyschung und furforderung, überzogen oder vergewaltigt werden soll. . Mit ihm aber wird verfahren „als ob ich offener vheind oder erclerter echter war." Jedenfalls verlangt er den Grund zu wissen. Sollte die Ungnade ihm daraus erwachsen sein „dasz ich frantzen von sickingen gegen meinen gnedigsten Herr von Trier gedient hab, so geschee mir daran yn onrecht." Er hat nicht vom Kurfürsten, als dessen lehenmann, ihm zu Dinsten erfordert werden wollen, „die wyl dan Frantz mein nahverwenter freundt ist, . . . und (habe ich) darum mein lehen verlassen." Gegen den Erzbischof hat er nicht gefochten; „wol mags aber sein, das ich allein in meiner person (ohne Diener) mit andre in Ebernburg gewest bis Frantz widderumb an- heymisch kommen." Das ist nicht strafbar. Er ist beim Landgrafen verleumdet. Deshalb bittet er: ihn „dem Verunglimpfer vor Gericht mit seiner Antwort entgegen zu stellen." Der Landgraf wird ihn gewiss, gegen allen fürstlichen Brauch, nicht überziehen, umsomehr als Cronn- bergk „des heiligen Reichs eigenthumb, nit allein mein sondern ander meiner vetter lehen ist, die des Landgrafen und Erzbischofs Diener" und „einssteils onerzogen onsprechende (unmündige) Kynder sein!!" Hartmut ist nicht in kayserlicher acht; und wenn der Landgraf klage gegen ihn hat, „so erbit ich mich verhöre oder gutlichs richten Hessischer Fehdebrief. 299 vor kays. Mat. unser aller herr," oder vor Erzherzog Ferdinand, dem Reichsregiment, allen Churfürsten, den Herzogen von Sachsen und Mecklenburg, und „zu überfluss vor e. f. g. selbs Räthe und diener, nem- lich vor grav Johan von Konigstein" und einer Reihe hessischer Edel- leute und Vasallen. „Was dan gegen mir rechtlich erkannt wird, dem will ich meins theils geloben und ungewigert nachkommen. . . . Und bit heruf e. f. g. gnedige beschrieben widderantwurt. Hartmudt von Cronnbergk. Als solche erhielt der Schreiber wenige Tage darauf den Hessischen Fehdebrief zugeschickt. Er lautet, mit einigen Abkürzungen : „Wir Philipp etc. thun dir Hartmut von Cronbergk hiemit offenbar kund und zu wissen Nachdem Franciscus von Sickingen neulich verrückter tage den ehrwürdigsten . . . herrn Richart Ertzbischofen zu Trier etc. und seiner lieb Erzstifft lande und leuthe gewaltiglich und schwerlich, widder die gülden Bulla des heilig Rhö. Reichs (und) gegen Kaiser Friddrich ussgekinnten (verkündigten) Landfridden gerichts- ordnung und alle Billigheit überzogen . . . und mirglich (merklich) beschedigt und verheert hat; daruff uns Rom. Keys. Maj. unser aller- gnedigst Herre und des heilig Reichs zu Nürenberg verordnet Regiment gemeltem . . . unsern hern und freundt von Trier . . . mit hilfif zutzu- zihen, . . . auch widder zuvor gedachten Franciscus von Sickingen, seinen anhang, enthalter, zuleger, helffer, gedienter, furschuber, unter- schleuffer und dieser Sachen rathgebens und andershalb Verwanten, als achter friedbrecher und mutwiller weitter handeln und trachten, zu helfen, — ernstlich gepotten und befohlen hat: dem wir dann under- thenigen, gepurlichen gehorsam zu leisten und volge zu thun uns als fürsten des Reichs schuldig erkent und haben derwegen obgenannt unser Her und Freundt von Trier, der hochgeborene Fürst her Ludwig Pfalzgraf bey Rhein Hertzog zu Bayern, des h. r. R. bede Churfürsten und Wir . . . uns zu hilff zusammen gesetzt und begeben Wann du nun in obgenants Franciscus von Sickingen hilff und rat gewesen, auch noch seins anhangs bist und deswegen als mitachter, friedbrüchiger und mutwiller unläugbar und mit vilen antzaigungen begriffen und erfunden wurdest, wollen wir uns . . . für uns und unser Eddellehenleut, Graven, Hern, Ritterschaft, Diener, Helffer und Helffers- Helffer und sonst alle die unsern gemeyniglich, so wir itzt bey uns 300 War Hartmut noch hessischer Lehnsmann? haben oder hiernach zu unser hilf? vermögen uffbrengen und gehaben werden, ob (falls) wir ichts (etwa) gegen dir deinen dienern und den deinen (gemäss dieser) fürwarnung handeln und mit thatt angriffen würden, in wasserley gestalt das sich begeben mocht, keins ussgeschieden, offintlich gegen dir, wie uns und den unsern das gepuren wil sol und mag, abversagt und verwahrt haben; und davon dir noch jemandt anders, hohen oder niedern Stands, in oder ausserhalb rechtens, in keiner weisse zu antworten schuldig sein. Sonder uns das, also wie obsteet, unser ehren nothdurfft nach genugsam verwarnt und abgesagt haben. Dass wisse dich zu richten." Die hie und da verwickelte und schwer absehbare Satzfassung ist durch vielfache Korrekturen von des Landgrafen eigener Hand in dem Kanzleientwurfe hervorgerufen, der für vorstehende Abschrift aus dem Staatsarchive zu Marburg benutzt wurde. Gleichzeitig werden „alle und jede von Cronbergk und andere, so daselbst mit Hartmann in ganerbschaft, gemeinschaft sitzen und wyl haben" verwarnt. — Behuf Eröffnung der Feindseligkeiten , so erzählt Hartmut später, habe Philipp „zur selbigen Stund als er den Fehdebrief geschickt zwei Dörfer eingenommen, gepluntert und verderpt: Eschborn, in der Gemeinschaft von Cronbergk gehörig, das an der Kongsteinisch eigenthumb und mein lehen, ist genannt Ni der Heck stat." Von keinem der Schreibenden wird in diesem scharfen Briefwechsel eines sie selbst verbindenden Lehnsnexus gedacht. Nun steht aber urkundlich fest: 1439. Frank von Cronenberg (XI, 77 K) der junge, lässt dem Landgrafen Ludwig von Hessen auf: „Zwo hübe landes, die sein eigen und gantz fry, gelegen im Gerichte zu Eschborne." Er wird damit wieder belehnt und des Landgrafen „getruwe Mann." 1459. Franks Sohn, Hartmut XI (84 K) empfängt dasselbe Lehen. 1472 ebenso dessen Sohn Johann IX (87 K). 1481 und 1489 „sind es vier Hufen Landes uf dem Hofe zu Eschborn im Dorfe" (also nicht auf dem Fronhofe). Dafür wird er hessischer Burgmann zu Urburg (Auerburg in der Wetterau). 1507 wird derselbe Lehenbrief für Hartmut XII ausgestellt. Dieses Lehensverbandes wird im Jahre 1522 nicht mehr gedacht; es muss wohl im hessischen Kriege, 1518, aufgeschrieben und nach Hartmut an den Pfalzgrafen; die Ganerben an den Landgrafen, 12. Oktober. 301 dem Frieden zu Darmstadt nicht wieder erneuert sein. Wer jedoch im Jahre 1522 diese Grundstücke besass: ob Hessen oder Kronberg? hat nicht ermittelt werden können. Der Pfalzgraf Ludwig hatte ebenfalls einen förmlichen „Verwarnungsbrief" zugestellt. Hartmut wandte sich, um gerechtes Gericht bittend, nicht nur an ihn selbst sondern auch an die „graven, freyherr, Ritter, Edeileute, Burgermeister und gemeynen des pfalzgrevischen feit lagers" unter denen er zahlreiche Vettern und Freunde wusste. Er weist darauf hin: dass sein Haus „widder die pfalz nie gehandelt," sondern in deren Dienst „zu vile malen ir leyb blut und gut dargestreckt. Wie woll auch ich in sunderheit, bei itz myn gnedigsten herrn pfalzgrave Ludwig Churfürsten von jugent uff erzogen" (Ludwig V, geboren 1478, kam 1508 zur Regierung) „und sein churfürstlichen gnaden nach mynem verstandt und vermögen alwege zu dienen bereyt und willig gewesen (als Amtmann in Oppenheim), so hat doch sein chur- fürstlich gnaden mir am gestrigen tag (8. Oktober) ein ofne verwarnungs- brief zugeschickt, on alle(s) furgeeende beschrieben beklagen oder forde- rung: Und als ich bericht bin, so zeugt sein churfürstliche gnaden alsbaldt mit heerschcrafft mich zu beschiddigen." Es ist „wider die Reichsordnung, das solches ungehört geschehe." Hartmut bittet: vor der pfälzischen Gefolgschaft gehört und gerichtet zu werden; dieses Erbieten „doch under turken, heyden, judden, und wie man sagen möcht, in der hellenn solt ongesehen bestettigt sein." „Dann solt ich ( ungehört) darüber gerennt werden, so wäre es ja cleglich und ein jeder bidermann erschrecklich , der gleichen zu gewarten. . . Donstag nach Francisci (9. Oktober)." Auch die kronberger Ganerben: der alte Frank XII (80 F) Kaspars I Vater, der Vizedom zu Mainz Jakob III (88 F) und Quirin (89 F) erliessen, am Sonntag nach Francisci (12. Oktober) ein höchst bewegliches Schreiben an den Landgrafen Philipp. Sie verfolgen darin den gleichartigen Gedankengang wie Hartmut; sie beteuern: dass sie an dessen Unternehmungen völlig unbeteiligt sind, und versichern: wenn ihr Vetter etwas „getan, dadurch er sich in pen und straff des landt- friedens verwirkt hat, und ... in die acht denunzyrt wurde, so wollten wir uns gegen seynen theyl und gutern in Cronnberg halten, wie dieselbig Ordnung, die E. f. G. selbst bewilligt und versiegelt haben, auszweyst." . . 302 Schwache Haltung des Reichsregiments, 14. Oktober. Am 6. Oktober suchten „auf Hartmanns Bitte," der Graf Eberhard von Königstein und der Komtur Walter Kronberg beim Landgrafen freies Geleit an, um bei ihm „ein Werbung zu thun," mit underthänig bith: E. F. G. wollen uns darin gnediglich hören." Gleichzeitig hatten „die von Cronberg" das Reichs-Regiment angerufen. Seine Hülfleistung erwies leider nur allzu deutlich seine eigene Hülflosigkeit. Kein Befehl! Ferdinandus teilt das kronbergsche Gesuch den drei Fürsten mit und erläutert seine Einmischung schlicht und bescheiden: „Wiewohl wir nu nit zweifeln, Euer lieb und fe. ge. wyssen sich dem landfrieden und anderer des Reichs Ordnungen hierin wol gemäss zu halten. Aber damit desto gewisser und eigentlicher gehandelt, auch bey E. Lieb, und fe. ge. haubtberürten Landfrieden und Ordnung nichts zuwider geübt, auch niemants unschuldiger in solchem beschwert werde, haben wir fruntlicher guter und undertheniger Meynung Ew. lieb u. fe. ge. dies erwiedern und solichs nit verhalten wollen. Geben zu Nürenberg, 14 tag des monats Octobris, anno 22. Ferdinandus. Statthalter, Fürsten und ander Verordnete Räthe des keys. Regiments am heiligen Reich. Hievon bekamen „die von Cronberg" eine Abschrift „des vor- sehens, dieselben (Fürsten) werden sich in solchem halten . . . was billig und recht," und sie waren ohne Zweifel „sehr erbaut davon." Von der rechtswidrigen Exekution gegen Hartmut vor Verhängung der Acht war im Erlasse keinerlei Rede. Hartmut sagt später: Das Reichsregiment hat „den fürsten kein mandat gethan (wie sy schuldig warent gewesen), sondern nit mehr denn ein schlechte pittschrift den fürsten zugeschickt." Alle diese beweglichen Zuschriften blieben ohne Erwiederung. Die drei Fürsten hielten das Heft in der Hand und hatten beschlossen: den übermütigen Reichsrittern fortan nur noch mit ihrer „ultima ratio," den grossen Büssen zu antworten. „Am Donnerstag, 9. Oktober, von mittag 12 bis abents umb 5 Uhr, ist Pfaltzgraff Ludwig Churfürst in Frankfurt geritten, hatte 4 Fähnlein unter seinem wappen und 1 fähnlein, daran is gestanden das Reichswappen, ein Adler; hernach viel wägen Anmarsch der Fürsten gegen Kronberg, 7—11. Oktober. 303 mit probanden (Proviant), geschutz 19 stuck, 3 heuptstuck da an iglicher zogen 16 phert. Ist in das frawen Closter (Liebfrauenstift) gezogen, daselbst die Nacht und andern Tag (10. Oktober) still gelegen. Ist das Geschrey giwest, er wolle vor Kronberg zygen, davor die Zeit (schon seit dem 7. Oktober) gelegen ist der Landgraff von Hessen; darzwischen ist viel bittens gewesen von denen von Konigsteyn, H. Walthern von Cronenburg Comthurn, und andern Hern und eddeln, abber nichts vorfangen, sundern den andern tag, Samstag 11 Oktober wieder mit synem zeug uf gewest und nach Cronburg; daselbst syn Lager angeschlagen, in meynung die zwen lanzheren (Landesherren) Pfalz und Hessen, Cronburg zu gewynnen." Die Stadt Frankfurt nahm nicht Partei; das heisst: der Landgraf schrieb an den Rath: „sie möchten den ihrigen gestatten, Hafer Wein Brod und andere Lebesmittel zum feilen Verkaufe in das Lager zu führen." Der Rath bewilligte selbstverständlich alles und vergönnte auch den Handwerkern, vornehmlich den Schlossern und Waffenschmieden, dass sie im Lager arbeiten durften. Auch Frau Anna, Hartmuts Gattin, mit ihr die Gräfin von Königstein und andere edle Frauen ritten in's Lager. Umsonst! Pfalz und Trier gaben schöne Worte; der siebzehnjährige Landgraf, hochfahrend und jugendlich scheu, Hess die Damen gar nicht vor. Philipp wollte, „Rache nehmen darum, dass Hartmann von Cronenburg nicht allein Franzen zu seinem aufrührerischen und unbefugten Unternehmen viel Vorschub und Beistand gethan, sondern dass er auch den Landgrafen in seinen jungen Jahren, beneben Franzen und für sich selbst, bekriegen helfen." „Wer hat sich" — sagte er — „meiner erbarmt als ich noch ein Knabe war? Es bleibt dabei: nachdem Hartmut wider das Recht und gegen die Reichsgesetze unsern Freund von Trier beschädigt hat, wollen wir ihm sein Gut und Blut nehmen." Der Erzbischof brannte nicht minder, dem Schriftsteller Hartmut seine ketzerischen Offenherzigkeiten einzutränken; der Pfalzgraf war ein ruhiger Mann, dem seine Zeitgenossen wegen seiner Milde im Bauernkriege (1525) „den Friedfertigen" nannten. Aber er ging mit als Verbündeter, trotzdem ihm seine Gefolgschaft im Lager sehr ernste Gegenvorstellungen gemacht hatte. Der pfälzer Marschall allerdings, Joachim von Seckendorff, „war Hartmuts Gegner und fiel über alle ritterlichen Besitzungen her." 304 Peter Tendels und des Kanonikus Königstein Belagerungs-Berichte. Die nun folgenden Ereignisse vor und in Kronberg hat ein Zeuge und Mitleidender, Peter Tendel, niedergeschrieben; vermutlich ein höherer Diener Hartmuts. Sein Bericht wird ergänzt durch das gleichzeitige Tagebuch des Kanonikus Königstein zu Frankfurt. „Nit an süffzen," so beginnt Peter, „han ich hie bey die bele- gerunge und eroberunge kronenbergks bischrieben. Uff Sambstag nach Dionysii Anno 1522 (11. Oktober) zogen die drei Fürsten, Richard Bischoff zu Trier (seine Haufen standen abseits bei Neuenhain und Soden), Fudwig Pfaltzgrave und Philips Fandgrave zu Hessen, mit andern, nemlich H. Wolfgang des Pfaltzgraffen Bruder, mit Heereskraft grosser menge volcks vor kronbergk. 160 bürgere ungeverlich, mit der priesterschaft, gerust und ungerust sind die zyt in kronbergk gewest, als von huse zu huse gezelt. Item XX reisigen, FX landsknecht; item XXX buren von eschborn und niederenhexstadt; ungeschickt, fule, igen- willige buren. Und lag der Fandgraff mit syme Volk by den aywen Holtz" (Eibe = Taxus) „neben und ober dem Galgen" (Bild S. 234, Hintergrund; vom neuen Friedhofe bis hinunter in das Thälchen das der kron- berger Bach durchläuft; dann hinauf, hinter dem Schönberge entlang bis nördlich des Weges nach Oberhöchstadt), „so dasz man uss Cronenberg in syne Fager, beum und Berge halber, nit wohl schissen kunte. Wart doch dem fürsten durch syne gezelt uf Sampstag (11. Oktober) geschossen und ime der synen ein deyl umbracht, als man sagt;" denn Hartmut „wehrete sich tapfer mit Schiessen und anderm." „Die Pfaltz- grevischen hatten ir Fager im Geyersberg" (westlich der Strasse nach Frankfurt dem Friedhofe gegenüber, dort wo jetzt das neue Krankenhaus sich erhebt), „in des pherners (Pfarrers) wingarten (Pfaffenstück) und vor her Peters wingarten vor dem Reyne" (Rain). Das Fager zog sich nördlich hinauf bis unter dem Abhang Bellersheim, über dem jetzt die katholische Kirche steht, nahe unter die Stadtmauer und die Burg, „dass man in ihr Fager nit schissen kunnte." Uff den genannten Tag nachmittag umb 2 Uhr deth man 3 schössen (eiserne Kugeln) in Cronenberg mit halben Schlangen, zweene widder den fryen Thorn, (wo sie heute noch stecken) und 1 widder Junkher Franken huss (östliche Ecke des nördlichen Schlossflügels, nach der Oberburg zu); dethen kein Schaden, und man sagt, der Fandgraff hätte sie selbst gedan. Uff Sondag (12. Oktober) schoss man nit ins schloss; Stellung der Belagerungsbatterien. Beschiessung 11.—14. Oktober. 305 sie hatten aber gearbeidet an den schantzkörben und Hessen keinen Zuhen (Zaun) vom Lager an bis zu St. Wendelin." (Eine nun verschwundene kleine Kirche oben auf dem Schönberge, wo damals und schon seit dem 14. Jahrhundert die grosse herrschaftliche Schäferei betrieben ward; jetzt liegt dort Herrn de Ridders Landhaus und Park. St. Wendelin war der Schutzpatron der Hirten; nach dem Kirchlein wurde kurz der ganze Schäfereihof genannt.) „Auch (blieb) kein pfale in den wingerten im newen Berg und Geyersberg bis an das Pfaffenstück (hinter der jetzigen katholischen Kirche). Denselben Sontag zu obent zu 4 Uhrn machten sie eine schantz- grawen von der Muren an von junker Hartmuts garthen by der franck- further Portzen (am Kronenstammshofe vergl. den Stadtplan); bis an den heiligen Stock der stet unden am pfaffenstück (seit der Reformation sämjarftlich verschwunden), als man de wegk aben geth by Bleichenbachs wingart, mit schantzkerben undt grossen undt kleinen geschutz wol versorget, und geschähe solche arbeid alle in einer Nacht; sagten: es hätten 500 man gearbeid, und man mocht kein arbeid hören vor Drommelschlagen; und phyffen sie sich auch selbst mit in der Arbeit; und das was des Pfaltzgraven Schantz. Die Landgrevischen hatten ein schantz uff dem Schilmsstück by saint Wendel (der Name hat sich verloren. Schilm heisst: Abdecker, aber auch: Pest; schelmig = schimmelig, faulig), by dem grossen Kestenbaum (edle Kastanie) in des langen schmits garthen und by saint Wendel hinter der Muren (des Schäfereihofes) alss man nach Schenberg geht." Der äusserste rechte Flügel der landgräflichen Stellung und eine seiner Batterien standen auf der Erhöhung des Bodens etwa 200 Meter oberhalb der Villa Spiess. Dort heisst die Lage noch heute: „lange Aecker" und „Schmidts Garten." Hinter den Mauern von St. Wendelin stand eine andere Batterie; dann zog sich der linke Flügel durch das Thälchen nach dem Galgenfelde. Beide Batterien waren im Offensivhaken aufgestellt und gaben ein konzentrisches Feuer auf die Burg. Die Luftlinie von „der Schmidt" bis zur Burg ist über 2000 Meter. Nach „Heilmann: Bayerische Kriegsgeschütze" gab ein Erhöhungswinkel von 45 Grad die grösste Schussweite. Die Kugel aus einer zwanzigpfündigen Schlange flog dabei 1972 sechsschuhige Ruthen veronesischen Maasses, gleich 4 Kilometer; bei 30 Grad: 1872 Ruthen, gleich 3,7 Kilometern. „Schossen mit Schlangen 306 Quirin Kronberg kapitulirt statt Hartmuts, 15. Oktober. Huldigung der Stadt. widder den frankforther Thorn (Thorturm). Item 1500 reisige hat der landgrave gehabt. Item 600 der pfaltzgrave; item 400 der Bischof von Trier; man sagt warlich, die fursten vor kronbergk byenander gehabt haben: reisig krieger und buren dry dusent. . . „Uff montag nach Dionysii (13. Oktober) morgens frühe hüben sie an zu schissen bis uff dinstag nach mittage, alszu uhn unterlass, dasz man im flecken sich nit woll halten kunte, an schaden, zu der wehre; und die grossesten stein, so sie in flecken schössen, woge eyner doch nit mehr dann 95 punt und worn ysern stein." Die damaligen Geschützkaliber waren: Hauptbüchse, 1 Hauptstück, schoss Steine von 100 Pfund Gewicht Metze (halbe) „ „ „ 50 „ „ Fierteilbuchse, Quartane, Kartaune „ „ 25 „ „ Die eisernen Geschützkugeln treten in Deutschland am Ende des 15. Jahrhunderts auf. „Ist des abends der Bischoff von Trier auch zu in ins Lager kommen, und also den gantzen tag viel schoss gethan. Frawen, jung- frawen und kinder sind ausz Cronburg kommen und durch Landgraven gefryet worden; sunst ist kein gnad gewest. . . ." Darnach haben die Kronbergkische, nämlich junckher Quirin edelknecht (es war kein Her mehr in Kronbergk), und die burger und Rethe dem Pfalzgrave den Flecken wollen uffgeben, alss ein vicarien des Reichs; er wolts aber nit alszo annemen, und die andern fursten wollten es auch nit gestaden. Item den mitwoch dar nach, den 15 Oktober, was regen wetter, als dass sie nichts mochten thun, sunder den Tag war die sach angestellt und durch Edelieut furbitt ist Cronburg (zu Gnaden) ufgenommen worden und den 3 lantsfursten eingeben." . . „Uff den Mittwoch gaben junckher Quyrin obgenannt (er dets aber nit gern) undt die burger einmüthiglich den flecken uff." . . „Den Dornstag, war St. Gallentag den 16 Octobris, namen die genanden dry fursten Cronbergk in eigner Person, undt holdunge (Huldigung) von den Burgeren; hielten vor dem Rathuse eben nahe by der muren (der ältesten Stadtmauer, nahe unter der Stadtkirche) am garthen (des Kronenstamms) mit ziemlichen Volk, reisigen undt anderen; geredten den Burgern durch ihren redner: „die by allen yren gewonnheiten und freyheyten zu lassen;" setzten also bald junckher Cyriachum von Darmsingen zu eym Ambtmann und Joh. Scherer, der Hartmut flieht mit Familie in der Nacht des 13/14. Oktober. 307 vor schultheiss und Bawemeister was, zu ihren dryen fursten gemeinem Keller; besetzten und belagerten (belegten) den flecken mit 60 Lantz- knechten, inen zu verhüten und zu wachen; iglicher Fürst legt 20, und die drieben muthwillent genug mit priestern und bürgeren und sunder- lich mit mir Peter Denteln; worfen mir for, wie ich junckher Hart- muden gewillig gewese wer undt in verfurt; als sie eigentlich von den buren von Schwalbach erfahren hatten." „In dieser belagerung undt noten name nimandt in Kronbergk myglichen (merklichen) schaden am lybe dan zwene, nemlich Wyrnher Ackermann, ein reisig Knecht, wart uf der muren geschossen mit einer büssen, starb am 30 October, und uff Dinstag nach Dionysii (14. Oktober) ward Eucarius von Hoflfem (Hofheim) geschossen, der blieb lebendig." Hartmut war zur Zeit der Uebergabe schon weit von Kronberg. Dem erfahrenen Kriegsmanne konnte die Haltbarkeit der ausgedehnten Stadtbefestigungen mittelst einer Handvoll unsicherer Knechte und Bauern gegen eine dreissigfache Uebermacht und zahlreiches schweres Geschütz von vorn herein nicht zweifelhaft sein. Die Zeiten der Burgen waren dahin. „Was ainest nit zu erobern was, das getraut man iez nit wol zu erhalten." Es wäre also baare Thorheit gewesen: sich durch Ausharren in Kronberg bis ans Ende, dem feindseligen Belieben der Häupter des Ueberfalls blindlings auszuliefern. Ihr bitterer persönlicher Hass drohete ihm schwere Haft und ungemessene Vermögensopfer für seine Freiheit. Nur in ungehinderter Bewegung konnte er, für sich und seinen Stamm, Gerechtigkeit gegen die drei fürstlichen Landfriedensbrecher bei Kaiser und Reich erwirken, zugleich den Vetter Franziscum und die übrige Freundschaft aufrufen. Zudem hatte er Frau und Kinder, auch seine alte Mutter aus dem Bereich der feindlichen Kugeln zu schaffen. Er entwich daher mit ihnen in der Nacht vom Montag 13. zum Dienstag 14. Oktober. Uebelgesinnte oder der Sachlage unkundige Geschichtschreiber haben ihm deshalb Mangel an persönlichem Mut vorgeworfen. Ihrer hochgemuten Forderung zu entsprechen wäre einfach sinnlos gewesen. Nach einer viel verbreiteten und nachgeschriebenen Sage sollte Hartmut durch einen geheimen Gang aus der Burg gen Nordwesten entkommen sein; letzerer sei bei einem neueren Strassenbau aufgefunden. Genaue Ermittelungen aber ergaben, dass auch hier die Lokalphantasie frei gewaltet hat. Weder Ein- noch Nächtliche Flucht durch den Hain nach Königstein. Kronbergs Fall erregte gewaltiges Aufsehen und vor allem: Schrecken unter Sickingens Helfern und „Zulegern." Zunächst fühlte sich der Kurfürst Albrecht von Mainz bedroht; er hatte Richards Gesuch um Hülfe nicht entsprochen. In seiner vollständigen Wehrlosigkeit schloss er schon am Sonnabend 18. Oktober zu Frankfurt einen „freundschaftlichen" Vertrag mit seinem Herrn Amtsbruder von Trier. Das heisst: er vergütete ihm 25,000 Gulden auf den durch Franz im Erzstifte verursachten Schaden. Aehnlich verfuhren die drei Verbündeten gegen andere Herren, da man sich zur Zeit an Sickingen selbst noch nicht erholen konnte. „Darnach synt kommen die Grafen, han auch müssen brocken." Die drei Fürsten vereinigten sich gleichzeitig, am Sonntage, 19. Oktober, zu Frankfurt über ihr neues gemeinsames „Eigentum": „dass keiner unser Schloss und Stadt Cronberg verpfänden, versetzen, verändern und beschweren solt ohne der anderen Wissen und Willen." Ulrich Huttens offener Brief an den Pfalzgrafen, Oktober. Ausgang konnte endeckt werden. Bekanntlich ist eine so schwierige und ausgedehnte technische Anlage weit leichter von der Legende erfunden als vom Maurer ausgeführt. Auch ist ein solcher Gang, früher wie später, in der Baugeschichte der Burg durchaus unbekannt. Zudem war Kronberg im Norden der Burg überhaupt nicht vom Feinde eingeschlossen. Unmittelbar daran grenzte der dichte Waldort Hain. So bot es weder Gefahr noch auch nur Schwierigkeit; bei Nacht auf bekannten Bergpfaden nach dem befreundeten Königstein zu entweichen. Huttens und Sickingens Fehdebriefe an den Pfalzgrafen. Oktober, November. 309 Selbstverständlich bedienten sich auch Hartmuts Freunde ihrer WafPen. Zunächst trat der allezeit streitfertige Ulrich Hutten auf den Kampfplatz. Schon im Oktober 1522 erliess er einen offenen Brief an den Pfalzgrafen Ludwig. Dieser hatte ihm einen Diener „als Strasz- räuber" töten und Ulrichs Habe, insbesondere seine Bücher, nehmen lassen. Von der persönlichen Beschwerde aus geht Hutten alsbald mit einem äusserst heftigen allgemeinen Angriffe vor: „Meynst dich also mit unserem (der Ritterschaft) Raub zu füllen. Under welchen dir am aller mynsten geziempt, Frantzen von Sickingen zu uberziehen. Dan er hat dir etwa (ehemals), sonderlich und vor anderen, lieb und thienst gethan. . . Es ist aber dein beger, gut zu haben und uns zu unterdrücken, so gross, dass du leichtlich alle danck- barkeit zurück setzest. . . Wer ist aber, den nit erbarme, auch an deinem hof und in der schar deines thienst volckes, das du Hartmut von Cronbergk, den unschuldigsten und frömmesten in unserm Orden, on alle verschuldt und ursach, besitzung aller seiner hab und güter beraubt? Es ist zu achten, die weil du den also zugericht, dastu hin- fur deine räuberische hend von keiner Unschuld entzihen . . . werdest. Hierumb, o wie ein schöner Vicarius des Reichs, Verfechter der ge- rechtigkeit, beschirmer des Landfriedens bist du! . . . Und dir ist nit unwissen, das ich tyrannen zu verfolgen geborn bin. . . Billicher sal ich dich nennen: eynn alter ubelthatigsten straszräuber und mörder. . . Aber ich für eynn öffentlichen krieg " Hartmut war auf seiner Flucht mit den Seinigen ungefährdet bei Sickingen zu Landstuhl in der Rheinpfalz angelangt. Noch stand Franziskus aufrecht als Herr seiner Burgen Truppen und Helfer. Wenn auch von den Mauern Triers abgewiesen blieb er doch immer den drei Fürsten der zu fürchtende Feind. Auch ihn empörte im tiefsten des Pfalzgrafen Ludwig unbegründete Feindseligkeit gegen Kronberg. Sein Fehdebrief, vom 10. November 1522, spricht diese Gefühle deutlich aus: „Euch dem . . . thue ich Franciscus von Sickingen, Rom. Key. Mt. chamerer und heuptmann zu wissen, nachdem euer churfurstlich durch- leuchticheit Hartmans von Cronenberg als meyns nahgesipten freunds, usz Ursachen das er mir ainhengich sein sulle, über alles sein eirbars, glychen billichs, rechtmeissig überflüssig erbieten und bitten, aller orde- nongh entgegen, on dasz er noch syne voraltern soligs umb euer chur- 20 310 Vetter Quirin gegen die drei Fürsten vor dem Reichsregimente, Dezember 1522. fürstlich durchleuchticheit oder dene vorfahren nie verschult sondern wol ir lyp und güt in der Pfalz högsten nöten, wie das am thage und offenbär, treuwelich zugesetzt und deshalb das ihre verloren, veindt worden ist" und da Sickingen selbst angegriffen sei, auch auf verschiedene Schreiben keine Antwort erhalten habe, „so ich dan ab solichen euer ch. d. ungnedigs gemüt und furhaben, meynenthalb unverschuldet, geghen den adel und myr verneine, dairdurch noittreng- lich (notgedrungen) zur geghenwere verursacht wurde:" so verwart Sickingen sich gegen den Kurfürsten und die ihm hilflich gewest. Ludwig gab beiden keine briefliche Antwort; er sagte nur, in seiner bedächtigen Ruhe: „ich habe dich zum Franz gemacht; ich will dafür sorgen, dass du wieder zum Fränzchen werdest." Genug, alle diese nachträglichen harten Worte der Freunde waren keine Schläge; sie führten den Flüchtling nicht nach Kronberg zurück. Die Fürsten blieben unerbittlich entschlossen: „solche der Edelleute bewiesene Pracht (Ueber- mut) zu strafen." .... „In Summa, die Edelleute stehen klein und wollten: das Bier wär noch im Fass." Die Eroberer Kronbergs hatten an Ort und Stelle zunächst mit dem Vetter Quirin (79 F) abzurechnen. Von seinem Vorleben wissen wir wenig. Er war einer der Söhne Jakobs II (76 F) und der Irmina Kriegk von Slitz. In einem Häuschen auf dem grossen Hofe „Westerburg" am frankfurter Thore scheint Quirin sein stillbescheidenes Wesen in engsten Glücksumständen getrieben zu haben bis er, gegen Willen und Wunsch, im Oktober 1522 an das Licht der grossen Oefifentlich- keit und der Geschichte gezogen wurde. Wie dieser Zusammenstoss des armen kleinen Junkers mit den drei mächtigen Kriegsfürsten verlief, ergeben die Akten des Rechtsstreites, den er gegen jene schon im Dezember 1522 beim kaiserlichen Reichsregimente anstrengte, ohne Zweifel mit Hülfe seiner Vettern, des Komturs Walter und des Domscholasters Simon : Die drei Beklagten hätten „des Reichs Eigentum, sein und seiner Vettern Lehn erobert und verwüstet, ihn seiner fahrenden und liegenden Hab entsetzt, Wälder und Weingärten verhauen, die Stöcke mit den Trauben abgeschnitten; auch ihn, als er dort noch sechs bis sieben Tage habe bleiben wollen, aus Cronnbergk gedrungen." Alsbald erging ein erstes bedingtes Mandat an die Fürsten: „Quirin zu seinem Teil in Schloss und Stadt wieder einzusetzen; sie Verurteilung der drei Fürsten und deren Wirkung, 1523. 311 sollten auch seine Dienstleute ohne Lösegeld freilassen oder ihre Einreden bis zum 20. Januar 1523 in Nürnberg einbringen und Bescheid vom Regiment erwarten (gez.) Ferdinandus. Die Fürsten Hessen sich durch drei Doctores juris vertreten. Dieser dreifachen Weisheit entsprechen die freierfundenen Winkelzüge ihrer schriftlichen Verteidigung: Nicht sie haben den Landfrieden gebrochen sondern Quirin, denn er ist „bei Sicking und Hartmann zu fehdlichen Handlungen verwannt gewesen." Er hat seine Knechte und Pferde mit vor Trier gehabt. Dann hat er „den geächteten Hartmud in Cronburg beschirmt und sich damit, als ein Hauptmann in derselben Besatzung, den Drei zuwider gestellt." Daher ist er ebenfalls der Acht verfallen; sie haben nur die Handhabung des Landfriedens vollzogen. Quirin erwidert: „Als Sicking vor Trier zog war ich mit schwerer Krankheit beladen gewesen; ich besitze kein Pferd, hatte auch nur einen Knecht zu meiner persönlichen Aufwartung. Ich habe auch die Friedbrecher nicht geetzt und gedrenkt da ich mein leben lang nicht Hauss gehalten, stettig bei offenen Wirten gezeret. . . Sobald der Landgraf den Fehdebrief durch einen Trumeter in Cronberg gesandt und ich erfahren habe, dass Hartmann ein Friedbrecher sein solle, habe ich diessen aufgeboten, Cronberg zu verlassen. Darauf Hartmann mit seiner Hausfrauen ausgewichen. Ich habe dann das Reichslehen verteidigt da ich mit niemandem nichts zu thun gehabt, auch niemands Absagebrief erhalten. Erst nach der Uebergabe haben mich die Fürsten in Cronberg nicht mehr haben wollen und einen andern in meine Behausung vor dem Thor vorsetzt. Dadurch bin ich in Armut gesetzt. . ." Die drei Doktoren spinnen, im anmutigen Wechsel mit Quirins Anwalt, das gelehrte Gezänk und ihre, aus der Luft gegriffenen that- sächlichen Behauptungen endlos fort. Schliesslich das Erkenntnis: „Quirin soll schwören: dass er weiland Franz von Sicking und seinen Helfern wissentlich durch sich selbst und durch die Seinen nicht geholfen. Dann soll er gehört werden." Quirin schwur. Die drei wurden verurteilt: ihn binnen 6 Wochen zu seinem Teil in Cronberg wieder einzusetzen. Gegeben in Nürnberg am 30. Juni 1523. (gez.) Ferdinandus. Die Ausführung dieses unbedingten Befehls gestaltete sich also: Nach Sickingens Untergang, im Mai 1523, hatten die drei Sieger die gesamte „Name" geteilt. Der Landgraf Philipp Hess sich von seinen 20* 312 Der Landgraf alleiniger Herr in Kronberg. Quirin dort, 1. September 1533. Miteroberern: Kronberg Eschborn und Niederhöchstadt als „alleiniges Eigentum" übertragen. Quirin lehnte eine gütliche Verhandlung in Kassel ab. Der kaiserliche Lehnsherr verschwand vollständig im Schatten des Reichsregiments. Für den biederen Quirin ist dennoch später zur Ausgleichung etwas geschehen, wohl durch Vermittelung seines Bruders Jakob III. Der Landgraf bekannte nach längerem Zögern: er habe in Wahrheit die Sache nicht gründlich gewusst. — Quirin starb am 1. September 1533, unangefochten und kärglich versorgt, in seinem Häuschen. Er hinterliess seinem Bruder Jakob seinen Anteil an der Hofstatt Westerburg, dazu etliche Pferde und Kühe. Seine Grabstätte ist unbekannt. Jakob III, ein gereifter Kriegsmann und Beamter, wurde vom Zusammenbruch des Hauses Kronberg weniger dummehrlich überrascht als sein einfacher Bruder. Seit 1520 war er Vizedom zu Mainz mit 350 Gulden Besoldung, auch Hofrichter mit 50 Gulden und zwei Hofkleidern jährlich, also ein Mann des praktischen Lebens. Am 7. Oktober 1522 meldet er, aus Mainz, dem Ritter Hermann von Hatzfeld: „Myn gancz guttwillig und frundtlich dinst alles Vermögens zuvor, ernvester bessunder günstiger gutter frundt. Ich hab uher schreiben verstanden, geb uch dar uff zu erkennen, das Thrier, Pfalcz und Hessen mit heresgewaldt sych vor Cronberg gelegt und thar sthen, das zu notten und zu erobern über keisserlichen uffgerichten lantfriden, den sei selbst haben helffen machen; Francken, meins bruder und mein, auch Caspars selgen gelassen armen weissen, an (ohne) und sonder alles verschulden; auch das unsser aller erstgenanter keiner all unsser tag mit allen dreihen fursten nei nichts zu schaffen gehabt auch nichts arges zu inen wissen zu versehen bis sei vor Cronberg gewesst, dan sei unsser keinen nei beschriben beschicket ader erfordert umb etwas dein nach gros; wir haben uns auch aller gnaden versehen und sein vast von inen allen be- lehent; ab (ob) dis geschieht an unss als armen unschuldigen ritterluden zu loben ader zu schelten sei? geb ich einen icklichen verstendigen zu ermessen; befel den gewaldt got und der zeitt, zu got verhoffendt, der werd sullicher sachen gnedigen radt schaffen. Diss hab ich uch uff uher schreiben, dem ich als ein verdorbner zu deinen willig, nit wollen bergen, verhofens, ir werdet mit mir als dem unschuldigen ein mittleiden haben. Datum dinstags nach Francisci anno eteetera XXij. Jacob von Cronberg. Jakob III an Herrn. Hoczfelt, 1522; macht Vertrag, verkauft seinen Lehnsanteil 1523. 313 Am 16. Oktober dankt er „Dem ernvesten Hermann von Hoczfelt hern zu Wildenberg j meinem insondern gunstigen guten frundt" ablehnend für dessen Rath: „Frundtlich vester bessunder gunstig gutt frundt. Ich hab uher schreiben und getruhen gutten radt im allerbesten verstanden, mich des uffs höchst van uch bedancken, mit erbitten sullichs meins armen ver- dorbnen Vermögens umb uch und dei uhern mit höchstem fleis zu ver- dinen. Das aber ich uff iczt der viher curfursten und fursten zu Franckfort bei einkomen und mich da selbst erscheinen, etwas wei ir mir, meim hern von Thriher nit zu Ungnaden, vermircken (vorschlagt) etc: dar uff geb ich uch gutter meinung zu erkennen, wei auch (zu-)vor: das ich Thriher, Pfalcz und Hessen, allen curfursten und fursten, meinen un- gnedigen hern, — woldt got ich mocht gnedig mit warheit schreiben, — zu sullicher gewaltsamen that ich doch nei ursach geben hab; mag auch mit keiner warheit gesagt werden, das ich der dreiher fursten keinem ei (je) zugegen gewest noch auch nei keinen buhern (bauherrn) erzornt; was mir aber dar über begegnet, muss ich, als der nit weitther kan, got befellendt in hoffnung, der kondt dis und al ander Sachen zum bestem wenden; findt mich uch zu dinen willig; eilendts uff Galli anno etc. XXij. Jacob von Cronberg. Erst am 30. Juni 1523 war für den vorsichtigen Mann die Zeit zum „Vertrage" gekommen. „Die drei Fürsten haben damals von Jakob von Cronbergkh sein Theil und Gerechtigkeit an Schloss und Stadt, auch dem Dorf Eschborn, erblich erkauft. Der Landgraf ist dafür 6000 Gulden allein schuldig." Ausserdem zahlen er und seine Erben „an Jakob und Appollonia, geborene Echterin, hundert Gulden jährlich an Gold aus ihrer Kammer, auf beider Lebenszeit." Jakob hatte nur eine Tochter Martha, die an Friedrich von Bergen, genannt Kessel, verheiratet war. Die im Verkaufe liegende Lehensfelonie, wodurch er seinen Anteil am Reichslehen verwirkte, brachte ihm daher keinen fühlbaren Nachteil. Jakobs Quitungen über Abschlagszahlungen des Landgrafen Philipp auf die Kaufsumme laufen bis 1546. Auch wurde er später dessen Amtmann. Er starb am 25. März 1558. Seine Erben waren seine Enkel: Friedrich von Bergen genannt Kessel und die Ehegattin des Kaspar Trott zu Solz. 314 Alle Proteste der Kronberge verlaufen im Sande. Auch die anderen Kronberge sassen nicht ruhig unter der räuberischen Vergewaltigung. Katharina von Kronberg - Bach , Hartmuts Schwiegermutter forderte, unterm 16. November 1522, den Hof zu Wolfskeel zurück, der seit ihres Mannes (Philipps VI, 92 F) Tode, (1510), ihre „abgeteilte lybzucht" sei. Die landgräfliche Kanzlei erklärte sich darüber nichtwissend. Aber die alte Dame erwiderte ohne Umstände: „der Landgraf möge sich danach bei seinem Lantschreiber zu Dornberg erkundigen, der ihren Hof ingenommen habe." Vorläufig indessen konnte sie nirgendwo rechtliches Gehör finden. Nicht minder protestirte der Domscholaster Simon Kronberg (97 F), als Vormund der Kinder seines Bruders Kaspar I (96 F) und im Namen seines alten Vaters Franks XII (91 F), gegen die gewalttätige Besitznahme. Er lehnt die vom Landgrafen angebotene „billige Abfindung" ab; „das würde meiner Gerechtigkeit abbruchthun." Im Januar 1523 liess ihn der Landgraf nach Kassel laden um sich zu vergleichen. Simon erklärt sein „erscheinen oder Handelung bey E. f. G. unfruchtbar." Später, im Sommer 1523, fand eine Begegnung in Frankfurt statt. Dort machte der Landgraf befriedigend klingende Zusagen. Am 1. März 1524 erinnert Simon. Der Landgraf fordert nun eine Dienstpflicht mit 6 bis 8 Pferden. Simon besteht auf Zulassung ohne Bedingung, „wie zu Frankfurt verabredet sei." — Damit brechen jegliche Verhandlungen ab bis zum allgemeinen Frieden 1541. IV. Hartmut der Bekenner und Schriftsteller. IR haben bis hieher Hartmut wesentlich in der Rüstung des streitbaren Kriegsmanns kennen gelernt. Nachdem der heimatlose Flüchtling uns auf seinen nächtlichen Pfaden einstweilen entschwunden ist finden wir Müsse: ihn im friedlicheren aber nicht minder streitbaren Gewände des bekennenden Schriftstellers zu betrachten. Diese Seite des merkwürdigen Mannes ist ohne Zweifel die hervorragende. Sie ist die nachhaltig wirksame geworden. Sie lebt noch heute fort. Sie hat ihm eine dauernde aufrichtige herzliche Verehrung im evangelischen Lager, ebenso eine bittere persönliche Gegnerschaft im andern erworben, während seine Kämpfe mit Landgraf Philipp schon nach zwei Jahrzehnten rechtlich ausgetragen undäusserlich erloschen waren. Die Sache des wittenberger Augustiners beschäftigte auf dem Reichstage zu Worms, seit Januar 1521, alle Gemüter. Am 26. März wurde Luther selbst dorthin entboten. Seine Reise war ein Triumphzug. Die Sachsen holten ihn ein; tausende drängten sich zu um den einzigen Mönch zu sehen; der Domtürmer blies Fanfare. Der Nuntius Aleander berichtete damals nach Rom: „von zehn Deutschen sind neun protestantisch und der zehnte ist mindestens antipäpstlich. Selbst die Bäume und Steine, nicht nur die Menschen, rufen in Worms: Luther!" Aleander konnte dort kaum eine Wohnung bekommen; „man tilgt meinen Namen an der Hausthür und verübt tausend Unverschämtheiten." Und das ist höchst glaublich, denn Luther hatte nur klar und systematisch ausgesprochen, was in Deutschland vor ihm unzählige Seelen dumpf und unklar empfunden hatten: die Verweltlichung der damaligen Kirche und die finanzielle Ausbeutung der Nation durch Rom; ein Zustand der uns Jetztlebenden kaum noch begreiflich erscheint. Der Protestantismus war also bereits seit mehreren Geschlechtern innerhalb unserer 316 Der Ablasshandel. Hartmuts Erweckung in Worms, 1521. katholischen Kirche erwachsen. In der reformatorischen Bewegung trat dieses Seelenbedürfnis reif und wirksam an den Tag. Der Anstoss zur befreienden That gab der Ablass, den ernste Menschen schon längst einen „Mord der Seelen" genannt hatten. Albrecht aus dem Hause Brandenburg, seit 1510 - mit 20 Jahren Erzbischof von Magdeburg, war 1514 in Mainz vom Kapitel vornehmlich deshalb gewählt worden, weil er sich verpflichtet hatte: die Palliengelder mit 20,000 Goldgulden aus eigener Tasche an die Kurie zu entrichten. Er lieh diese Summe vom Bankhause Fugger. Für die Rückzahlung vereinbarte er mit dem Papste Leo X, aus dem grossen Kaufmannshause der Medici, den Ablassvertrieb in seinen beiden Erzdiözesen gegen ein Pachtgeld von 10,000 Goldgulden bar und der Hälfte des Ertrages aus dem Geschäfte. Fuggersche „Commis" begleiteten die geistlichen Ablasskrämer, führten die Rechnungen und Kastenschlüssel. Von solchen Tröstern gespendet wurden die Tröstungen der Kirche unausweichbar verächtlich und so ward der elende Mönch Tezel der Hebel zu einer der grössten Umwälzungen in der christlichen Welt. Auch in Hartmuts frommer und patriotischer Seele hatte die wittenberger Botschaft feste Wurzeln geschlagen. Erregt durch die allgemeine fieberhafte Spannung über das Schicksal des kühnen Augustiners und seiner Lehre, schrieb der neu Erweckte von Worms aus eine sehr merkwürdige Epistel an den verehrten Vetter Franz. Dieser hielt sich dem Reichstage fern weil er mit der Stadt noch nicht gesühnt war. Der Brief, Hartmuts erstes theologisches Schriftstück, ist eine Entladung des soeben eingesammelten Zündstoffes. Er zeigt sofort den ganzen Mann in seiner kindlichen biblischen Gläubigkeit, in seinem einfachen freudigen Opfermute, in seiner reinen Vaterlandsliebe; zugleich noch in seinem damaligen treuherzigen Glauben an den jungen Kaiser als Kirchenreformator: „Lieber Vetter, mich zwinget die Wahrheit Christi . . dir . . als einem Diener Gottes zu schreiben, betreffens die Sach des Heils aller Menschen, die Gott mit seiner Menschwerdung . . . hat erlösen wollen." Hartmut hofft: „dass der Allmächtig Gott werde wunderbarlich Gnad allen Christen Menschen thun und wirken durch dasz hochadelich Blut unsers Keysers Caroli" . . . und dass er „mehr Ehre und Lob zur . . . Hartmuts Epistel an Sickingen, aus Worms 1521. 317 Mehrung der gantzen Christenheit erlangen werde, denn kein Keyser, dieweil die weit gestanden hat." Hartmut behandelt alsdann zunächst die „Antichristliche Verführung." Der Antichrist ist in uns selbst geboren. . . „Wiewol der Bapst, als dasz oberst Antichristlich Haupt, mit seinen Bischoffen, Pfaffen und Mönchen hierin fürnehmlich Antichristus und seine Jünger sind, so mögen wir bey andern uns doch auch nit davon entschuldigen" . . . ,,dasz sind unsere eigene erdachte Werck wider Gottes Gebot. Nemlich die grosse mennige der Stifftung der Kirchen, Clöster, Seckten, Wallfahrten und dergleichen Zulassung der geistlichen Wahr, umb Geld zu verkauffen; und hat sich der Geitz so weit damit eingemischt, dasz Bapst, Bischoff und die man geistlich nennet, ganz erblindet sind, und also der Bapst der ein Vicarius Christi soll sein, der ist worden Antichristus und Vicarius des Teufels. . . Denn der ist ein Narr, der in sich selbst vertrauet." . . . Der Kaiser möge nun „nach aller notturft und mit der that handeln. Auch dergleichen an den Bapst in der höchsten gütigkeit versugen, dem- selbigen mit grund der Heyligen Schrift und Christus selbs rundt aufzeigen, dass der Bapst wahrhaftig kein anderer, dann ein Statthalter desz Teuffels und selbs Antichristus ist. . . . Wo aber der Bapst nicht gehorsam sein wolle . . . „mag der Keyser die Antichristische Güter, die itzund geystliche Güter genannt, gebrauchen nach aller notturft. Dazu werden unsere geystlichen Fürsten mit allen Clöstern und Pfaffen helffen und darstrecken müssen Was bedarff der Keyser sich vor dem Bapst oder allen seinen Helfern zu förchten?" . . „Dasz ich mich aber diser Sachen so hoch anneme und zu hertzen gehn lasse, dasz wird mir für eine Thorheit zugerechnet; dasz ich auch gern also seyn lassen will, aber mit Gott dem Allmächtigen ich mich bezeug, dasz ich aus keinem gehässigen Gemüht thu, vielmehr dem Bapst . . . zum besten. . . . Und wollt Gott, dasz ich einen Tod deszhalben leiden solt und die Sach damit auszgericht sein, dasz dadurch der Bapst und alle Menschen zur erkäntnisz der rechten Wahrhait kommen möchten. Ich wollt solches mit der hilff Gottes williglich annehmen. . . . Lieber Vätter, dise Erinnerung, die ich in mir stecken gehabt, hab ich dir zu thun nicht erlassen wollen, der Hoffnung, du werdest Solchem weiter und Gott unserm Herrn gefälliger und fruchtbarlicher 318 Hartmut in der Periode seiner religiösen Traktate, 1521—22. nachdenken, denn ich in meinem einseitigen verstant vermach zu vollbringen. . . . Hartmuth von Cronenburg. Die nächste Absicht dieses kleinen Traktates über des Kaisers Kirchengewalt war: des damals bei Kayserlicher Majestet viel geltenden Vetters vorsichtige Zurückhaltung gegenüber der Reformpartei anzufachen. Jedoch war die Wirkung nicht allein auf Sickingen berechnet. Das Schriftstück wurde unterm 13. Oktober 1521 gedruckt und flog in alle Welt hinaus, zu Geistlichen und Laien und zum jungen Kaiser selbst. Damit schwamm Hartmut in der reissenden Strömung der religiösen Flugschriften jener Tage; immer stärker empfand er die heilige Pflicht: öffentlich die evangelische Wahrheit zu bekennen. In diesem begrenzten Kreise bewegt sich zunächst seine litterarische Thätigkeit; seine gedruckten Schriften und wenigen erhaltenen Briefe drängen sich in die Jahre 1521 und 1522 zusammen. „Sie bezeichnen mehr als jede biographische Abhandlung den religiösen Karakter und das Streben des ausserordentlichen Menschen. Man erkennt in ihnen ein tiefes, nur den reinsten und erhabensten Gefühlen aufgeschlossenes Gemüt; eine glühende Liebe der Freiheit und Wahrheit, wie sie selten in dieser Zeit gefunden wird; einen unendlichen Hass gegen alle Heuchelei und Schlechtigkeit der Menschen; und all dies mit einer Zugabe von Schwärmerei und Bekehrungseifer, der man naive Uebertreibungen, hie und da überspannte Ansichten und einseitige Urtheile natürlicherweise nachsehen muss und wird." „Hartmut besass eine starke Gefahrfreudigkeit und ein kindliches Gottvertrauen, aber nicht genug politischen Scharfblick und ausgebildete Uebersicht der allgemeinen Verhältnisse, um ihren innern Zusammenhang zu erkennen. Er teilte diesen Irrtum mit vielen andern seiner begeisterten Freunde und vielen der ausgezeichnetsten Zeitgenossen. Er hielt jedermann derselben Begeisterung fähig, die sein Herz ergriffen, und hatte (oft) keinen (sachlich klaren) Begriff von den Personen, an welche er in derselben sich wendete." Später kämpft er mit der Feder für das eigene Recht, um sein und der Seinigen geraubtes Gut. Aber in jener ersten Zeit war der Grund seiner schriftstellerischen Thätigkeit ein rein religiöser, sein Gegenstand und Ziel: die Rückkehr der Christenheit zum geläuterten Hartmuts Begabung, Bildung, Stil, Wirkung auf die Massen. 319 Glauben, zur „Lauttereyzum Bibelchristentum. Hieraus leitet sich ab: der Hass gegen das damalige Papsttum und seine Auswüchse; der Wunsch: Deutschlands politische Kräfte zur Abschüttelung dieses Joches in Bewegung zu setzen. Darum ist er der treueste Anhänger des grossen Wittenbergers. Dessen anfängliche litterarische Umgangsformen: die des im Kloster der Bettelmönche gebildeten „deutschen Bauern und Bauernsohnes" kommen auch bei seinem Schüler zur Anwendung. Es scheint, dass nicht alle religiösen Schriften Hartmuts gedruckt und erhalten sind. Zu ihnen gehören auch die, für die Oeffentlichkeit bestimmt gewesenen Privatbriefe; die aufgefundenen sollen hier herangezogen werden um ein allseitiges Urteil über Hartmuts persönliche Beziehungen und allgemeine Bildung zu gewinnen. Letztere war nicht die der Humanisten. Deren damalige Grundlage, das Latein, hatte er am Hofe zu Heidelberg nicht erlernt. Er war auch nicht verstandesscharf, witzbegabt und geistvoll wie Ulrich Hutten. Seine gegnerischen Beurteiler haben ihn deshalb: „einen beschränkten Kopf" und sein öffentliches Auftreten „Eitelkeit" genannt, da sie seine Gesinnung nicht anfechten konnten. Aber grade seine naive, häufig flache aber stets herzenswarme Breite wirkte auf die Massen; sie war volkstümlich. Durch sie hat er die Glaubensreinigung im Volke kräftig und nachhaltig gefördert. Den damaligen Vertretern des alten Glaubens hat er allerdings ernstlich wehe gethan. Gleichzeitig mit dem Briefe an Sickingen erliess Hartmut aus Worms ein ähnliches rechtfertigendes und zugleich ernst mahnendes Schreiben an den Oheim Walter. „Ableynung des vermeintlichen unglimpffs, so dem andechtigen hochgelerten und christenlichen Vatter, Doktor Martin Luther, Augustinerordens etc. von vielen zugelegt, jndem als er unshern Vatter den Babst ein Vicary des Teufels und Antechrists etc. genannt hat." Das einzige bisher ermittelte Exemplar, aus der k. Bibliothek in Dresden, zeigt einen Holzschnitt auf dem Titelblatte: ein Prediger im Gespräch mit einem Ritter, und auf der Rückseite desselben Titelblattes einen zweiten Holzschnitt: zwei Ritter mit Fähnlein in der Hand auf der Zinne eines Turms. Das Sendschreiben trägt das Datum: 6 November 1521, es füllt 17 gedruckte Quartseiten. 320 Epistel an den Komtur Walter von Kronberg, November 1521. Der Brief beginnt: „dem erwürdigen hern Walthern von Cron- bergk teutschordens Chumthur zu Franckfurt etc. meynem früntlichen liben hern und vettern, Erbieten ich Hartman von Cronbergk . . Hartmut hat sich vorgenommen: seinem Vetter zu schreiben „wie er es versprochen, um Luther in Schutz zu nehmen als habe dieser in der Bezeichnung des Bapstes als Vikar des Teufels, Antichrist und dergleichen zu viel gethan." „ . . . Wir sollen nicht auf unsere Weisheit vertrauen, sondern uns »einig und demütiglich« in die Gnade Gottes ergeben und die Weisheit bei Gott suchen." . . . „Dazu müssen wir Acht haben auf die Werke, die Gott dem Herrn am gefelligsten sind und darauf der ganze christliche Grund steht. Das ist: Gott lieb haben aus aller Kraft des Leibs, des Gemüths und der Seele, und den Nächsten gleich uns selbst. . . Daraus folgt: „dass der Bapst und die Seinen einen teuflischen, allergefährlichsten Weg gehen ... zu der grausamen Hölle. . . Deshalb hat Dr. Luther die süsse brüderliche Liebe gegen den Bapst und alle Menschen sicher erzeigt, denn (dadurch) dass er dem Bapst und uns allen die »lauther Warheit« mit so grossem Craft und Fleiss gesagt." . . „Die wahre Weisheit lehret Dr. Luthern: dass ihm nützer ist, des Bapstes und aller seiner Anhänger Ungnad und Strafe zu leiden, denn dass er die Wahrheit Christi verschweigen sollte. . ." „Auf den grossen Reichstagen wird der Nutzen und die Notdurft des Reiches „uff das höchst betracht und bewegt" ins besondere der Ablass und andere „beschwerungen als kauffmansgeselschafften und der glychen;" aber es geschieht nur mit menschlicher Weisheit; wenn zuvor „auch ein paar Messen von dem heiligen Geist oder sonst gesungen werden; aber unsere Herzen lassen wir stehen wie sie sind. Jeglicher betrachtet seinen Gewinn oder Nutzen höher als den seines Nächsten. . . Dadurch werden nur alle Sachen „ein wenig ärger." Kaiser und Fürsten sollen aber erkennen: dass des Papstes Gewalt „von Gott unlydlich ist." Darauf würde von selbst folgen: dass alle „beschwerung und Schätzung, womit der Papst und die Seinen uns beladen haben, von selbst fallen. . . Uebrigens hat uns Gott einen so blinden Hirten unserer eigenen Sünden halber gegeben." . . . Durch sehr umständliche, ungelenke und vielfach sich wiederholende Beweisführung über diesen Satz gelangt Hartmut zu dem HBSI Gegen die „Juristenbücher." Epistel an den jungen Kaiser, 1521. 321 Schlüsse: „wir sollen dem Bapste alle bisherige unbillige Schätzung brüderlich verzeihen, ihn aber ermahnen: dass er fortan von allem unbilligen Geitz und dem teuflischen Wege abstehe." Darauf wendet sich die Epistel nach Worms zurück: „Man sagt, dass die Weisen recht können kleine Thorheiten begehen; also mag unsern Hochweisen auch geschehen sein, die auf dem Reichstage in Worms so kindisch in der Sache gegen Dr. Luther gehandelt; denn ein wahrhaftigerer christlicher Lehrer hat ohne Zweifel in 1000 oder viel mehr Jahren nicht gelebt." — Es folgt eine Lobrede auf Luthers Mut und Ueberzeugungstreue, mit der er „das Licht frey angezündet" habe. . . . Hartmut fordert zu christlichem Gebete auf: dass Gott dem Kaiser Carolum . . . die hohe Gnade thun wolle, ihn zu erleuchten. Dann wird aller Eigennutz schwinden, und nicht mehr soviel auf die „Juristenbücher" gesetzt werden; denn die christliche Liebe mag die unendliche Juristerei nicht erleiden, in welcher kein Entschaft zu finden ist." . . Ein jeder soll seine Sachen an etliche fromme Personen zu rechtstellen (genossenschaftliche Schiedsgerichte, wie von alters her), die ihrem Gewissen nach Recht sprechen und damit aus der Sache und weiteren Kosten helfen, welche die Hauptsachen zuweilen nicht wohl ertragen mögen und zu nichts anderm nütz sind, denn zur Erhaltung und Mehrung eines eigennützigen und untreuen Haufens der Prokuratoren und ihrer Gesellen. Darunter mancher Biedermann ist, der solches selbst erkennt." Jedoch für die persönliche Bekehrung des damals bereits im reifen Mannesalter und in der altgewohnten Anschauung festgewurzelten hochkonservativen, persönlich kühlen Ordensgebietigers und zukünftigen Deutschmeisters, der „Säule des Ordens," war es zu spät. Vielleicht hatte Hartmut auch nur eine Rechtfertigung des eigenen Standpunktes und eine Ausgleichung des persönlichen Verhältnisses beabsichtigt. Noch während des wormser Tages, vermutlich nach dem 13. Februar, dem Beginne der Verhandlung: ob der Bannbulle „Exsurge Domine" gegen Luther die Acht folgen solle? jedenfalls vor dem, vom Kaiser auf den 8. Mai vorgefälschten Achtedikte vom 25. Mai, richtete Hartmut einen offenen Brief an den jungen Kaiser selbst. In seiner jetzigen Gestalt erschien das Druckstück erst gegen das Ende des Jahres 1521 ; 322 Hartmuts und der Eberburger politischer Idealismus gegenüber dem Kaiser. vermutlich ist es im Herbste überarbeitet und erweitert. Jedenfalls ist bezeugt: dass Hartmut in Worms persönlich eine Schutzschrift für Luther dem Kaiser überreicht hat. In jenen Frühlingstagen hofften die Ebernburger noch auf die Wunderkraft des Wortes bei dem jungen Herrn. Sickingen wollte gern seinen Jahrgehalt von 2000 Gulden darum geben, wenn er den Kaiser dahin bringen könnte: „Luthers Schriften etwa in französischer Uebersetzung zu lesen." Eine treuherzige deutsche Selbsttäuschung über diesen kaltgründigen diplomatischen Geist, der damals zu Worms durch Aleander insgeheim das Bündnis mit Leo X gegen Franz I verhandelte und an demselben 8. Mai vollzog. Das junge Haupt Deutschlands war ein Ausländer, kein deutscher König sondern stets ein universaler Kaiser. Von dem was die tiefsten Tiefen der deutschen Volksseele aufregte, blieb er völlig unberührt. Er handelte nur nach Erwägungen, die aus seiner spanisch- italienisch- österreichischniederländischen Erziehung und Politik erwuchsen. Die Schrift athmet volles Vertrauen. Der Stil ist zwar immer noch unbehülflich wie der eines Anfängers, aber warm und herzlich: „Gib Raum dem wahren Knechte Gottes Doktor Luthern, das Wort Gottes zu predigen, welcher tausend Menschen zu dem wahren Brunnen Christi geführt hat." Das Bild des Brunnens wird dann über mehrere Seiten hin ausgesponnen. „Sollte der Bapst nicht einsehen, so muss der Kaiser Gewalt brauchen die er von Gott hat." Diese soll namentlich zur Säkularisation des geistlichen Gutes verwertet werden; ein sozial - politisches Motiv für das damals die Zeit noch nicht gekommen war. Gleichzeitig verspricht Hartmut dem jungen Kaiser: „dein gross- mütiges Kriegsvolk, das jetzt durch die Menge des Goldes und Silbers nicht wohl zu erfüllen ist, würde einen unüberwindlichen Mut fassen; Leib und Gut würden sie willig für dich mit fröhlichem Gemüt einsetzen. . . . Grössere Thaten werden sie sich unterstehen gegen deine Feinde und sie auch zu Ende führen, wenn Du in Wahrheit ein Diener Gottes bist. . . . Sie würden sich sättigen lassen „mit leidlichen Besoldungen" ; ihr Eigennutz würde sich wandeln, „in die süsse brüderliche Liebe." . . . Das waren allerdings etwas stark ideale Zumutungen an den jungen Herrn. Wie hoch aber damals die Flut der Hoffnungen auf Epistel an Papst Leo X. Herbst 1521. 323 völliges Gelingen der „Lauterei" gehen durfte, dafür möge ein deutscher Kirchenfürst zeugen: der Erzbischof Albrecht von Mainz, Primas Germaniae, schrieb im Juli 1521 an den Papst Leo X: „Seit der Bannbulle und dem Achtedikte ist die Zahl der Lutherischen gewachsen. Sehr wenige Laien halten noch ehrlich zur Geistlichkeit; sehr viele Priester begünstigen Luther und schämen sich, die römische Kirche zu unterstützen." Vom Herbste 1521 an entfaltet sich Hartmuts grosse literarische Thätigkeit. Am 2. November sendet er die beiden, an Karl V und an Sickingen gerichteten Briefe im Drucke seinem Freunde Hans von Dölzig, kurfürstlich sächsischem Marschall und Rath zu Saalfeld, dem er in Worms als Luthers Hausgenossen näher getreten war. Dieser und Spalatinus verteilten Abzüge. Dölzig urteilt dabei: „dieweil die beiden Schriften bei vilen Gelahrten und Layen annemlich und des Ansehens sind, dass sie ein christliches treumeinendes Herz und edles Gemüt anzeigen und dass es Hartmuth mit allen Ständen der Christenheit gut meine. . . ." Sie vermittelten auch Hartmuts erste litterarische Verbindung mit Luther auf die Wartburg. Gegen diese und zahlreiche verwandte Druckerzeugnisse jener Tage erging, unterm 26. Dezember 1521, zu Frankfurt eine verständliche kaiserliche Antwort; der Befehl: wider diejenigen Buchdrucker einzuschreiten die angeblich lutherische Bücher vertrieben. In derselben Herbstzeit des Jahres 1521 hatte Hartmut die „Kühnheit," als „einer aus den geringsten Dienern meines Herrn Jesu Christi" sich geraden Weges an den Papst Leo X zu wenden. Man kann schwerlich behaupten dass diese Zuschrift, an unseren Kurialien bemessen, ehrerbietig oder auch nur höflich anhub: „O Leo! dein Pabstthum steht wahrlich auf einem bösen faulen Grunde: das Haus so darauf gebaut wurde, mag vor den Winden und Platzregen ganz nicht bestehen. Denn solches steht wahrscheinlich auf dem allerfaulsten bössesten Grunde, dem Teufel, der ein Vatter der Lügen ist." — Hartmut ermahnt und bedroht dann den Adressaten in 15 Artikeln über das Thema: „Lass dein Reich nicht von dieser Welt sein." Jedoch kam sein ehrliches — zeitgemäss rohes — Deutsch dem h. Vater Leo nicht mehr vor Augen und Ohren. Er starb am 1. Dezember 1521. Der in Deutschland als Flugblatt herausgelassene Brief 324 Sendbrief an Papst Hadrian VI, gedruckt 1523. wurde später von Grund aus umgearbeitet und stilistisch wie logisch verbessert. Dann erschien er, an den Nachfolger auf Petri Stuhle, Hadrian VI gerichtet, 1523 zu Wittenberg im Druck. Eyn Sendbrieff an Babst Adrianum dar inn mit Christenlichem warhafftigem [ grundt angezaygt wirf ein sicherer haylsamer weg zu aussreüttung aller ketzereyen, und zu hayl | samer rettung gantzer Christenhait von des Türcken tyranney. Von Hardmudt von Cronbergk. Wittemberg M.D.XXIII. „Babst Adrianus, Ich Hartmudtvo Cronbergk, als ein offentlicherbekan- ter diener Jesu, wünsch dir die warhafftig er- kantnus gottes und dein selbst, nemlich in summa die ewige Seligkeit. Und nach dem ich etliche Schriften hab lassen auszgeen, darinnen ich dein person" (das Papsttum insbesondere), treffenlich mit der war- hayt angetastet hab, und dasselbig umb aller Christen notturfft willen, die biszhere durch das Bapstumb zu Rom ausz sunderlicher verhencknusz gottes, unser sünd halbe verfüret seind, wölche aller grewlichste verfürung uns zu vor von got vilfeltigklich verkündiget ist durch den aller höchsten Christum selbst, un ander hailigen propheten und Aposteln Christi." „Die weil sich aber die letzte von got vorhayssene zukunfft Christi hertzu neheret ... so muss vo nottwegen volgen, das sollichs Bapst- tumbs falscher erdichter gewalt, als todt, eyn endt haben muss, in <öm fm&ömff oft ;ßabft 3önaiuT/oar' inn imc CtKijlertlidpcm nMrbafftigctn grutibc aiigcjaf gc tritt cm ficfjcrcr l|ämcr rrcg jb mißreütttmg Aller Ec^crrf cti/rnb }U fxVfU fämcr rettung garttjer Cf)!iflcnt>ait roil t>co Ciittfct) rftrttincf. sonitdartmiiotvon iCronbergk. Wittemberg. Verzicht auf das Patrimonium Petri. Hartmut fürchtet nicht „die auffeure." 325 kraft der klaren Zusag gottes, wie dz verkündiget wirt mit grundt der ewagelische schrift, durch (die) die mensche von got gelert seind, bey diesen unsern zeyten in Teutschlandt." Als „ain sichere heylssame ertzeney auff deyne offenbare und auffgedeckte wunden" rät er dem Papste: „dass du mit guttem willen abtrettest von aller herschafft und reychtumb des Babstums zu Rom und machest dir freunde von dem bössen verfluchten gut." Adrian möge zuerst den Kaiser und den König von Frankreich versöhnen, „und deszhalb dein Herrschaft genant das Patrimonium Petri" unter sie teilen. Der Reichtum der Geistlichkeit, der „kainen christlichen grundt nit hat" . . . „aller Bistum, Stifft und Clöster" solle gegen den Türken verordnet werden, „zu ainer rettung unserer christlichen brüder ... zu wasser und zu land." Neben dem Kreuzzuge schlägt Hartmut dem Papste eine evangelische Türkenmission vor; „dardurch were gentzlich zu verhoffen, der Türck wurde willigklich zu dem warhafftigen glauben tretten" wenn er vernehme: „das unser glaub auf den ainigen grundstain Christus . . . gestellt, nitt auf Rom. . ." Hartmut fürchtet allerdings: „ob du gleich . . . zu warhafftiger bekantnusz aller irrung kommen werest und deszhalbe understeen wurdest den rechten weg zugeen, so wurde dir solichs zu schwere sein. Und were deszhalb zu besorgen, So die glyder des Babstumbs ain solichs von dir mörken wurden, so werest du der ge- ferligkait deines Lebens in sicherer fare, als durch gifft oder andere Schickung zu dem tode. . ." Der Schluss lautet: „Den Bebstlichen glidern ist kain hoffnung zu haben, das wir teutschen in aynig gehorsam gegen sollichem babstumb kommen werden, dann in teutschland sein unzelich vil, wölche die warhait in dem Ewangelio . . . begriffen haben, under wölchen ich der geringsten ayner bin. Und von solcher warhait . . . vermag uns alle teuffelische oder menschliche gewalt nitt füren. Wir wissen das menschen in iren zusagen feelen mögen, aber got mag uns nit feien. Und . . so bin ich versichert, das auch alle feyndt wider iren willen mich zu sollicher höchsten gnad gotes fürdern müssen. Und darumb alle Verfolgung, so mir an leyb un gut gegenwertigklich oder künfftigklich zusteen mag, das ist alles zu meinem höchsten vortayl und gnad von gott. . ." Deshalb fürchtet sich Hartmut nicht vor „der auffeure," die aus seinem Briefe kommen möge, da er seinen Frieden in der „wyderwertickeit" findet. . . . 21 326 Hartmut schreibt die kaiserliche Pension auf. Brief an die Bettelorden, 1522. Der Brief richtete sich im wesentlichen gegen die damalige Praxis der katholischen Kirche als eines italienischen Institutes zur Ausbeutung Deutschlands; er fordert die Freigebung aller Güter der toten Hand. Das Schreiben wurde deshalb dem Papste vom Verfasser überhaupt nicht zugesandt; seine Wirkung war auf Deutschland berechnet. Da die „Last der bäpstlichen Wunden" öffentlich sei, so hat Hartmut „disse schrifft durch eynen truck aussgehen lassen," . . . „sunder ich acht vor fruchtbarlicher das dir solliches durch deyne anhenger . . . zugesendet werde." Das Sendschreiben fand die weiteste Verbreitung. Es ist mehrmals aufgelegt und wohl auch nachgedruckt, wie die abweichenden Rechtschreibungen in den zahlreich erhaltenen Exemplaren bezeugen. Alsbald nach dem Wormser Achtedikte gegen Luther und seine Schriften hatte Hartmut dem Kaiser seine Dienstpflicht, davon er jährlich 200 Gulden gehabt, aufgeschrieben „da er dem nicht dienen wollte" so meldet Luther seinem Melanchton am 12. Mai 1522, „der auf jene Gottlosen hört" (vornehmlich auf den Herzog Georg von Sachsen, Luthers starren Widersacher). Wir stehen jetzt auf dem Höhepunkte von Hartmuts religiösliterarischer Thätigkeit. Am 25. Januar 1522 schrieb er den Brief an die vier Bettelorden (Dominikaner, Franziskaner, Karmeliter, Augustiner). Diese waren und betrieben etwas völlig anderes als die jetzigen hochachtbaren Orden für fromme Liebeswerke. Sie sollten nach ihren Satzungen kein Geld anrühren, bezogen indessen jährlich über eine Million Gulden. Man half sich mit der Ausrede: der einzelne Mönch dürfe nichts besitzen, wohl aber der Orden als solcher. In Hartmuts Epistel waltet ein herzlicher schlichter Ton: die christliche brüderliche Liebe zwingt ihn, derhalben er nicht unterlassen kann, ihnen „eine brüderliche Ermahnung zu thun: wollet von euch austreiben oder einen Zaum anlegen euren Klosterbrüdern, die ohne allen Grund der h. evangelischen Schriften sagen: die Lehre Doktor Luthers sei ketzerisch und wider Gott." . . Sie wollen Hartmuts Schrift nicht verachten . . als von einem schlechten Laien geschehen Denn die christliche Wahrheit soll von den Christen, die sich der Taufe verjahen, nicht verachtet werden, obschon solches durch die allergeringste Creatur gesagt würde. Bischoff Hartmudt. 327 Auch diesen Brief, in ursprünglicher uns nicht mehr vorliegender Fassung, sandte Spalatin an Dölzig. Er lobt Hartmuts Schriften; die Drohungen aber müssten daraus gestrichen und dafür Bibelstellen angeführt werden. Aus diesen Tagen ist ein Brief Hartmuts an den Herzog von Lothringen, vom 6. Juni 1522, zu erwähnen, der im marburger Staatsarchive liegt. Er beschwert sich darin über Justizverzögerung in einem Erbschaftsstreite seiner Mutter beim Hofgerichte zu Nancy. Des Schreibers eigenhändige Unterschrift lautet: Hartmudt von Cronnbergk. Darunter steht, von anderer Hand, augenscheinlich als Spott: „der frum und christliche bischoff des ganzen reinstrom." V. Hartmut und Dr. Martinus. ^^S||^€3UTHER war am 6. März 1522 wieder in Wittenberg einge- troffen. Mit Melanchton und Spalatin hatte er von der Wartburg aus regen Briefwechsel geführt. Hartmuts zwei Schriften lagen ihm vor. Er überschickt sie, am 24. März, dem Freunde Spalatin um sie zu kürzen und ihm alsdann „von anderer Hand abgeschrieben," zurück zu senden „denn die unsrigen achten sie allzu gering; falls ich nicht deinen Namen und dein Urteil davorsetze (praetexam) kann ich sie nicht wohl veröffentlichen." Zwar billigte Luther nicht alles in Hartmuts Sendschreiben, namentlich nicht die Aufforderung zur Waffengewalt; der Verfasser selbst aber war ihm der Mund des vom Evangelium ergriffenen Adels, der Wiederhall von Luthers „Ansprache." Er sandte daher, um Mitte März, durch Hanns von Berlepsch das berühmte „Missive" an Hartmut: „Ich danke meinem Gott für die Gunst und Gnade, so Euch gegeben ist an der Erkenntniss der christlichen Wahrheit, dazu auch die Lust und thätige Liebe zu derselben ; denn man spürt wohl, dass eure Worte aus Herzensgrund und Brunst quellen und beweisen, dass nicht, wie in Vielen, das Wort Christi allein auf der Zunge und in den Ohren schwebt, sondern ernstlich und gründlich im Herzen wohnt." Zugleich aber verkündet ihm Dr. Martin aus eigner Erfahrung mit prophetischen Worten: dass er „der Gallen und des Essigs, d. i. der Verlästerung, Schmach und Verfolgung gewarten" müsse. „Sie werden euch um meines Namens willen in den Bann thun." . . . Der Sendbrief schliesst sehr karakteristisch: „Die Rechtschaffenen glauben nicht an Luther, sondern an Christus selbst. Das Wort hat sie und sie haben das Wort; den Luther lassen sie fahren, er sei ein Bube oder heilig. . . . Mit denen halte ichs auch. Denn ich kenne selbst auch Luthers Missive, März; Hartmuts Antwort an Luther, April 1522. 329 nicht den Luther, will ihn auch nicht kennen; ich predige auch nichts von ihm, sondern Christo. Der Teufel mag ihn haben, wenn er kann; . . Grüsset alle unsere Freunde im Glauben, Herrn Franzen und Herrn Ulrichen von Hutten. . Martinus Luther D. „Ist also" sagt Spangenberg, „dieser Brief D. Luthers . . . nicht eine kleine Zierde dem gantzen Ritterlichen Geschlechte deren von Cronberg, wenn sie ihn 1 dafür erkennen und an- nehmen wollen." (Im fck ; J|HPl fahre 1594 war Johann ■SL V WdSBmi Schweikard I, ein En- ■ kel Hartmuts, wieder- , im ..f mirir: IÜ um hoher katholischer X. Geistlicher zu Mainz.) Hartmut dankt in einem nigen und demütigen Schreiben von derEbern- burg Montag nach Pal- I marum 14. April 1522: „Am liebsten" versi- H chert er, „würde er Lu- thern einen Vater nen- I nen; da aber der Herr a das nicht haben wolle, AV' ; c"' : ' so halte ich ihn für mei- IHJBplPpPr^HB^xl' nen allet liebsten Bru- Portrait Hartmuts XII aus späteren Jahren, der." Der Brief bezeugt Maler unbekannt. vollsten Anschluss an den gewaltigen Reformator „Ich will in Hülfe Gottes lieber mit euch und andern um des allmächtigen Herrn und seiner Wahrheit willen von der Welt verschmähet und durchächtet werden und leiden was dem allmächtigen Herrn gefällt, denn dass ich aus der wahren christlichen Brüderschaft und von Christo ausgeschlossen werde. Er endigt mit echtem nationalem Stolze: „Gott hat uns Deutschen sein göttliches Wort und die unwiderstehliche Wahrheit vor anderen Nationen offenbart. Die Kunst des 330 Hartmut an Dölzig und Spalatin; April 1522. Drucks, daraus der ganzen Welt Trost und Seligkeit kommen mag, ist im deutschen Lande erstlich erfunden. Dazu mögen wir nicht läugnen: wir haben die himmliche Schrift und Wahrheit im guten klaren Deutsch, daraus der allerärmste sein Heil alsowohl hören und verstehen mag als der allerreichste." — Der gewaltige Wittenberger hatte Hartmuts Seele ganz und gar gewonnen; sie tönte nun wie ein Instrument in des Künstlers Hand. Gleichzeitig, am 15. April 1522, berichtet Hartmut den Freunden Dölzig und Spalatin über die Fortschritte des Evangeliums in seiner FJeimat. „Ich weyss euch sunderlichs nichts neuwes zuschreyben, dan das durch gnad gottes das wort gottes in vilen menschen so starck einwurzelt, dasz ich acht nit muglich sein, got wolle dan sein gnad wider entziegen, das weder die menschen oder teufel unss dasselbig auss denn hertzen reyssen mögen. Alle (reformatorischen) bücher die zu franck- fort inn der mess gewest, hat man freyhe feyl gehabt, onangesehen die acht prif. Dess philipus (melanchton) und die postil doctor martinus hab ich zu teutsch funden und sunst vill gutz dings." Hartmut sieht in eine unruhige Zukunft, will aber nicht zweifeln. „Der himmelisch her und vatter stehet unsz vor allen schaden; so wir etwass szeinent halben vorliren, so wurdet unsz dasselbig hundertfaltigk wider herstattet. Der herr, der sollichs vorsprochen, magk nit ligen; alleyn will er von unss haben, dass wir ime, als der ewigen warheit, festigklich glauben und vortruwen sollen und nit zweyfeln." Kaiser, Könige und Fürsten vermögen ihre verheissungen nit stets zu erfüllen, das sey „probert an vilen, sunderlich in grossen crigshandelungen; aber der himmlische Kunnigk is almechtigk und warhafftig . . . wellicher demselbigen vor- trauwet der wurdet nit daran vorliren." . . . Dieses felsenfeste Gottvertrauen sollte bald an ihm selbst erprobt werden und bei ihm kein leeres Wort bleiben. Das Schreiben schliesst: „Item die von Dalbergk, desgleychen frantz von sickingen haben mir sunderlich befollen, so ich potschafft zu euch hab, dass ich euch iren willigen dinst zuschreyben soll. Hartmudt von Cronbergk. Der Verkehr dauerte fort. Am 29. Mai 1522 schickte Hartmut an Luther die von ihm entworfene neue Kirchenordnung für Kronberg zur Kirchenordnung für Kronberg. Die Bestallung. 331 Prüfung. Das Stück ist uns nicht erhalten geblieben. Es trat, nachdem Hartmut vertrieben war, nicht in Wirksamkeit. Die Neuerung dürfte wesentlich in der Einführung der deutschen Sprache beim Gottesdienst bestanden haben; das Abendmahl in beiderlei Gestalt stand damals noch nicht im Vordergrunde des Streites. Dazu fügte er ein anderes litterarisches Erzeugnis: die Bestallung. Sie übertrifft alle früheren Auslassungen Hartmuts durch die Mystik ihres Inhaltes. Die gesamte gläubige Christenheit wird, unter der Form einer kriegsmännischen artikulirten Bestallung, als ein einiges Kriegsheer dargestellt, befehligt vom allmächtigen Könige Jesu Christo, kampfbereit gegen die verstockten Feinde des Wortes Gottes. Zu besserem Verständnisse mögen einige Artikel folgen: 2. Item so verspricht der himmliche König seinem Kriegsvolk den Dienst nicht eine Zeit lang, sondern frei ewiglich. 5. Item es soll kein Unterschied sein der Besoldung halber zwischen den Kriegsleuten, sie seien zu Ross oder Fuss, unter Kaiser Fürsten Herrn und unter den allerverächtetsten Armen; denn welche Person glaubt oder vertraut, der hat; und wer nicht glaubt wird Nichts haben an der himmlichen Besoldung, er sei Herr oder Knecht. 11. Welcher solchen Artikelsbrief nicht halten würde, der mag sich frey versehen, dass er von dem obersten himmlischen Herrn und Hauptmann ausgemustert werden soll. Schluss 15. Damit dass ein Jeglicher ganz gewiss und sicher sein möge über Alles, was in diese vorgemeldete Artikeln der Bestallung begriffen ist: so sollt ihr wissen, dass solcher bestätigt und confirmirt ist durch das Wort Gottes und den Tod Christi, versiegelt mit seinem Blute." Diese Schrift verfolgte nebenbei auch den praktischen Zweck: bei Sickingens in neuer Werbung heranziehenden Kriegsvölkern, deren Neigung zum Rauben und Brennen bekannt war, Gottesfurcht und Gottvertrauen zu erwecken. 332 Hartmut an Luther, aus Landau August 1522. Die „Brüderliche Vereinigung" zu Landau wurde am 13. August 1522 geschlossen. Am nächstfolgenden Tage schreibt Hartmut aus Landau, an den verehrten Wittenberger: „Lieber Herr und Bruder in Christo. Ich will euch nit verhalten, nachdem mein Prediger zu Cronbergk (Michael Stiefel, ein Flüchtling aus Esslingen, dem Hartmut die Pfarre verliehen und die Ehe erlaubt hatte) das Büchlin, das Ir »De abroganda missa« habt lassen usziehn, mir gedeutscht hat und (von) dem ich verhoff, (dass es) nutz pringen soll, so dasselbige in den truck komme; habe herumb solichs zu trucken verschickt einem evangelischen Doctor, mit einer schrift welcher ich euch abschrifft schicke; dieselbe wirdt dar fornen auch gedruckt werden." „Wither schick ich euch hiemit ein gedruckte schrifft, die Franz von Sickingen an sinen Schweer gethan hat (Diether von Handschuchs- heim, Schwiegervater des ältesten Sohnes Schweikard Sickingen); dorin ihr seinen geist spuren moget. Der geist gottes un der gerechtigkeit haben langer Zeit, und vor zehen Jaren, zu Ebernburgk in Franzen Haus gehauset; das bin ich gewiss, der gütig gott wolle solichs forder mit gnaden mehr erleuchten und erhalten. Allen Tag leset man zu Ebernburgk ein stuck der Episteln und Evangelien unter der Mess zu deutsch, und nach der Mess einen Profeten; desgleichen Abends zu der Salve Zeit." „Item, Das Wort Gots nimmt ziemliche Mass an etlich ortten bei uns zu; daneben aber wirt es an ettlich ortten hart vertrucket. Deshalb ich besorge, dieselben vertrucker seien von got her, vielleicht zu Irer (eigenen) gräulichen straff. Der wille gots wirdt seynen fürgangk haben.. . Datum uf Durstag nach Laurentii. Anno 1522. Hartmudt vonn Cronbergk." VI. Hartmut und die Frankfurter. |ACHDEM er die zwei Spitzen: Kaiser und Papst angerufen S wandte sich Hartmut an das christliche Volk selbst und zwar, g in den ersten Monaten des Jahres 1522, zunächst an die angeerbten Untertanen seines Geschlechtes: die Einwohner von Kronenberg. Das Schreiben ist dadurch veranlasst, dass Hartmut als „ein Mitoberer gemeldeten Fleckleins für alle und jeglichen Einwohner Kronenbergs sonderliche Sorge zu tragen hat. Sie alle sind seine lieben Brüder und Schwestern in der allergnadenreichsten Brüderschaft so wir in der Taufe erlangt haben." Er verwirft „Kirchengepränge, Heiligen Anrufen, Wallfahrten, Summa Summarum: alle Seligkeit, alle Gnade und ewiges Leben stehet einig auf unserm Erlöser Christo." Er verwarnt sie gegen die allerschädlichsten Wölfe in den Schafskleidern die „das päbstliche Antichristus Regiment als für christlich in allen Kirchen gepredigt und bestätiget" haben. . . . „Unser Glaube und Versicherung ist aus dem Evangelio von einem jeglichen begehrenden Leser oder Zuhörer ganz leicht zu verstehen und zu vernehmen. Die Summa und die Erfüllung unseres christlichen Glaubens ... ist: dass wir Gott lieb haben sollen aus ganzer Kraft und den Nächsten gleich uns selbst; darinnen steht die ganze Summa evangelischer Lehre und Gebot." Einfacher und erschöpfender kann selbst der tiefsinnigst gelehrteste Theologe diese „Summa" seiner Gemeinde nicht aufrechnen. Hartmuts Standpunkt ist hier fast konfessionslos, puritanisch und zugleich pietistisch anklingend, johannäisches Christentum; eine reine Seele, deren Frömmigkeit allerdings von einem guten Teil damaliger derber Streitfreude belebt wurde, gleichwie seine Vorbilder: Ulrich Hutten und Dr. Martinus selbst. Welche Wirkung Hartmuts Vermahnung damals auf seine Brüder und Schwestern zu Kronberg gehabt? ist heute nicht mehr zu ermessen. Jedenfalls erwiesen sie sich ein und zwei Jahrhunderte später als hervor- 334 Prediger Hartmann Ibach in Frankfurt. Dompfarrer Dr. Peter Meyer. ragend standhafte und zähe, kampfesmutige Evangelische gegen damalige mainzer jesuitische Rückbekehrungsränke. In Frankfurt hatte Luthers Anwesenheit, gelegentlich des Reichstags zu Worms (1521), mächtig gezündet. Im Jahre darauf war Hartmann Ibach, ein Barfüsser Mönch, der sich der neuen Lehre zugewandt, in der Stadt aufgetaucht. Die Pfleger des Katharinenklosters, Hamann von Holzhausen und Johann Frosch Hessen ihn in dessen Kirche am zweiten Fastensonntag Invocavit, 9. März 1522, die erste evangelische Predigt halten, über den Text: „der Ehestand ist den Geistlichen, gleich den Weltlichen, erlaubt." Ibach erregte eine solche Bewegung, dass ihm die zweite Predigt am nächstfolgenden Sonntage Reminiscere, 16. März, auf Befehl von Mainz her untersagt werden musste: „Ibach, als ein Geistlicher, solle in guter Verwahrung nach Mainz gebracht werden, sich dort zu rechtfertigen oder Strafe zu leiden." Hiegegen traten drei wetterauer evangelisch gesinnte Ritter auf: Marx Lösch von Möhlheim, Georg von Stockheim und Emmerich von Reiffenberg. Sie beschwerten sich lebhaft beim Rate. Hartmuts Name steht nicht unter dem Briefe, aber die Schrift war unter seinem Insiegel versandt. So wartete die andächtige Gemeinde vergeblich auf Ibachs Predigt. Wohl aber lief ein vollkräftiger Sendbrief Hartmuts von Kronberg ein, an den „ehrbaren, gestrengen, fürsichtigen und weisen Rath;" ein „Warnungsbrief vor den falschen Propheten und jenen reissenden Wölfen, die ihre Schafe nicht zu weiden suchen nach dem lautern Worte Gottes . . . ., die uns falsch leeren: dass die Armen den reychen Pfaffen und Mönchen Almussen sollen geben; so sie uns leeren: Kirchen bauen, köstliche Bild machen, grosse Glocken, köstlich Gemäld, köstlich Tabernakel machen; in ihren Clostern Messe, Vigilien und Bruderschafften stiften, und alle dergleichen unzählige Werke, die sie leeren, die doch den Nächsten keinen Nutzen bringen und denen Gott veyend ist." . . Schliesslich wendet sich Hartmut gegen den Pfarrer von St. Bartholomäus (Dom): Dr. Peter Meyer, der erklärt hatte: „es sey nicht weislich, dass ich betreffend den christlichen Glauben schreibe;" aber Meyer habe „deshalb eine unnütze Sorge." Absender verlangte öffentlichen Anschlag seines Sendschreibens am Römer. Der „fürsichtige und weise" Rat hatte den befreundeten und „strengen" Junker durch dessen Diener und Boten Paulus Wysselen Hartmuts offener Brief an den Rat von Frankfurt. 335 mündlich beschieden: hätte er etwas an die Geistlichkeit in Frankfurt, so möchten sie es selbst ausmachen und andere damit unbekümmert lassen. Daraufhin besorgte der getreue Paulus den öffentlichen Anschlag der Warnschrift an der Fahrpforte (am Main). Bei der Bürgerschaft fand Kronbergs Brief desto mehr Beifall. Die heftige derbe Schreibart, die bittere Verhöhnung des gehassten Pfarrherrn Meyer, die eingestreuten Bibelsprüche — Beweise die damals über alles galten - vermehrten die Gährung der Gemüter. Flartmuts Brief wurde auf allen Zunftstuben vorgelesen und dort lange Zeit als ein Heiligtum bewahrt. Der Verfasser ging und ritt in Frankfurt seit Jahren ein und aus; vormals ein gefürchteter jetzt ein verehrter Mann. Verstärkt durch solchen Helfer stand alsbald die evangelisch gesinnte Bürgerschaft so drohend vor dem Pfarrhofe von St. Bartholomäus, dass die Geistlichkeit Sturm läutete. Nachmittags bestieg Ibach abermals die Kanzel. Er forderte: „die geistlichen Pfründen und Almosen sollen den Armen und Dürftigen gegeben werden." Dieser zweiten Predigt wohnte Dr. Peter Meyer in Person bei; sie sagte ihm so wenig zu, dass er unmittelbar darauf gen Mainz entwich. Am Sonntage Judica (6. April) predigte Ibach, zum dritten Male, sehr scharf gegen Heiligendienst. Darauf musste er Frankfurt verlassen. Nach allerlei Fahrten wurde er Pfarrer zu Sonnenwalde in der Niederlausitz, damals eine Minkwitzburg. Dort werden wir Hartmut als Ibachs Gast finden. Im Jahre 1529 berief ihn der Landgraf Philipp nach Marburg, „daselbst er sich der Lehre Zwingiii vom H. Abendmahl nahe bei gethan." Die drei oben genannten Ritter droheten jetzt der unnachgiebigen Geistlichkeit von Frankfurt mit Gewalt. Sie forderten die Bornheimer auf: dem Klerus den Zehnten nicht länger zu leisten. Hartmut handelte milder. Er sandte dem Pfarrer Peter Meyer einen christlichen Prediger zu, damit auf Pfingsten (8. Juni) in St. Bartholomäus eine rechte evangelische Predigt gehalten werde. Meyer lehnte diese ungebetene Unterstützung ab. Nun fragte ihn Hartmut am Pfingstmontage: „welcher mass ir die warhafftig Christlich leer Doctor Martini Luthers sunder allen grünt der heyligen geschrifft (euch) understeen (steht) under zu- trucken?" Er wirft dem Pfarrer vor, dass er „dem evangelio . . grosse schmacheit (sich) understehe zu beweysen durche ewere falsche teuffelische 336 Federkrieg mit Dr. Peter Meyer. und menschen erdachten leren, die ir unverschampt öffentlich predigen." Meyer möge ihm aus der heiligen Schrift anzeigen: „auss wölchen Ursachen wir dem Bäpstlichen Regiment glauben oder volgen sollen?" Der Pfarrer antwortete kurz und bündig: 1. ein Prediger habe sich bei ihm nicht gemeldet; 2. „wer aber jemants, der sich Hess duncken, ich hett zu vil oder zu wenig gethan (in seinen Predigten), so hab ich einen ordentlichen Richter, do mag man mich ansprechen, da will ich antwurt geben." Hartmut wurde jetzt, uff Samstag nach Pfingsten 14. Juni, allerdings sehr deutlich: die Frage wegen des Predigers sei gleichgültig; aber dazu kann er nicht schweigen, dass Meyer ihm jede Antwort weigert. „Auch als ir schreiben, wie ir das heylig Evangelium dreyzehen jare zu Franckfurt gepredigt habt, daruff sage ich: das ir das nit gepredigt habent in massen wie Christus geboten." . . . „Ir habt nitt allein, eueren geytz noch (nach), die schoff wider gottes gebott geschoren und bösslich aussgesogen, sunder auch ... die heylsame weyd Christi mit füssen vertretten. O was grossenn seelmördens habt ir in den dreyzehn Jaren gethann." Meyers Morden sei „viel gräulicher als das eines leiblichen mörders." . . . Meyer wies, am Mittwoch nach Trinitatis 18. Juni, seinen hartnäckigen Ankläger nochmals, sehr vernünftiger Weise, an „meinen ordentlichen Richter, meinen gnedigisten herren von Mentz." Nach diesem geschickten Ausweichen Hess Hartmut den Briefwechsel drucken und schrieb ihn mit einem erläuternden Vorworte dem Rate von Frankfurt zu. Meyer beschwerte sich bei diesem „wider das ungeziemliche gewaltige Fürnehmen des Junkers." Der Kurfürst Albrecht beschied beide Teile wiederholt zu sich nach Aschaffenburg um den Streit zu schlichten. Hartmut aber kam nicht; er Hess die Sache unausgetragen weil ihm die Vorbereitungen zu Sickingens Feldzug gegen Trier völlig in Anspruch nahmen. Die Wirkung seiner Schriften in Frankfurt war für die reformatorische Bewegung gewaltig. Sie regte tief auf und förderte dauernd. VIL Wanderjahre. 1522 bis 1528. $•> LS Hartmut in der Nacht vom 13. zum 14. Oktober 1522 seinen Fuss auf die Eppichbrücke vor dem oberen Notpförtchen der Väterburg setzte, um die Seinigen durch die Taunuswälder nach Königstein zu flüchten, begann der vierunddreissigjährige Mann ein fast zwanzigjähriges unstätes Wanderleben. Er war aus Heimat und Wohlstand vertrieben. Jetzt aber zeigte er sich, nach seinen Werken, als der lebendige Bekenner des reinen Evangeliums: gefasst und gottergeben, aber nicht in kopfhängerischer fatalistischer Schlaffheit sondern mutvoll im Handeln, trug er die ihm auferlegte schwere Bürde. Wir wollen ihn auf seinen häufig geheimen Wegen begleiten, soweit sie wieder aufgespürt werden konnten. Hartmut wandte sich, mit Mutter Frau und Kindern, von Königstein zunächst gen Landstuhl zum Vetter Franz. Dieser rüstete; er wollte seine drei fürstlichen Feinde warm empfangen. Hartmut übernahm es, neue Bundesgenossen zu werben und die alten in Bewegung zu setzen. Während der nächsten Monate ritt er durch das Allgäu und Schwaben bis nach Böhmen hinein. Dort trat er mit dem mächtigen Geschlechte der „Slicken" (Schlick) und mit „Hainrichen von Khunritz (Könneritz), Hauptmann zu Jochamstall, in persönliche Verbindung. In Böhmen ging es damals bunt zu. Der junge König Ludwig II weilte meistens in Ungarn; so trieb der Adel Politik auf eigene Hand. Stets fühlte sich, seit der Hussitenzeit, Deutschlands Osten von einem überraschenden böhmischen Einfalle bedroht. Im pfälzer Kriege war er wirklich ausgeführt worden. Hartmut sollte die Kraft des Stosses der drei Fürsten gegen Sickingen durch Beunruhigung der Oberpfalz in ihrem Rücken brechen. Jedoch scheint er bei den Böhmen nur Freundschaft und einige Unterstützung mit Geld gefunden zu haben. Er warb 338 Brief an die Böhmen. Erster Rittertag in Schweinfurt, November 1522. dort für seine Sache durch einen geharnischten Aufruf: „Ein christlich Schrift an alle Grawen und Edelen und alle einwohner der Krön zu Beheim, von einem unschuldigen verjagten von Adel. Hartmann von Cronbergk." Der allgemein gehaltene Brief, worin er seinen Fall vorträgt und seine Unschuld zu erweisen sucht, fordert sie auf: den Papst zu ermahnen; wenn das aber fruchtlos: mit den Waffen vorzugehen, „dass sie in die fosstapfen ihrer altern treten wollen." Hiedurch hatten die drei Fürsten Wind von Hartmuts Treiben erhalten. Sie schrieben nun ihrerseits abmahnend und warnend an die bedeutenderen böhmischen Städte und an Herzog Karl von Monsterberg in Schlesien, obersten Hauptmann im Königreich Böhmen. Letzterer antwortet ziemlich kurz: „Er werde nichts gegen die Reichsordnung und den Landfrieden beginnen. Sie möchten aber gleichzeitig einige Beschwerden zwischen Böhmen und ihren Unterthanen (in der Oberpfalz) abstellen." Die Städte Prag Pilsen und Budweis erwiedern: „sie hätten Hartmann nicht gesehen und wüssten nichts von ihm." Am 25. November 1522 ward ein grosser Rittertag zu Schweinfurt gehalten. Sickingen forderte dort zum Widerstande gegen die Fürsten auf. Hartmut war abwesend; er schrieb und legte dar: „wie er über alle Rechtserbieten, welche Türken, Juden, Heiden, ja die Hölle zufrieden stellen müssten, vergewaltigt sei." Beide fanden innigste Teilnahme; aber die dort vertretenen Kräfte waren nicht zum gemeinsamen Schlage zusammenzufassen; es blieb bei frommen Wünschen für den bedroheten Sickingen. Höchstens ermannte man sich zum Beschlüsse einer Beschwerdeschrift an das Reichsregiment, in der die „Ritterschaft, Grafen und Herren zu Schweinfurt versammelt," ihrem bedrückten Herzen Luft machten. Aus dem umfangreichen Aktenstücke darf hier hervorgehoben werden: Vor allem wird geklagt: über die Rechtlosigkeit der Kleinen vor den Gerichten der Landesherren. Die hohe Gerichtsbarkeit sei ein Werkzeug der rohesten und plumpsten Willkür der Mächtigen zur Unterdrückung der Rechte und Freiheit der Schwachen. Das Reichsregiment lasse sich dieselbe Parteilichkeit zu Schulden kommen. Wo ein armer Edelmann Hülfe sucht „da gibt man ihme schwerlich (kaum) einen schlechten (einfachen) Sendbrief, worin man die Sach leis anrührt.'" Die „trewe Vermanung." Hartmut in Basel, bei Erasmus. 339 Sie bitten: „dass diejenigen, die vielleicht Franz von Sickingen gedient, nicht gestraft werden. Der Erzherzog wolle bedenken: dass Franz von Sickingen kays. Mjt. unsers allergnedigsten Herrn öffentlichen veldt- haubtman eine gute lange Zeit her gewest, dass er früher mehrmals kriegs- volk zu k. M. namen und besoldung angenommen und bezahlt hat. Deswegen sei auf sein Werben der Adel ihm zugezogen. Als die „abforderung" gekommen seien sie, wiewohl mit nicht geringem Schaden, abgezogen; es sei also keine vorsätzliche Verachtung des Landfriedens gewesen." . . . Bei dieser Federleistung hatten die Beschwerden ihr Bewenden. Hartmut selbst vertrat gleichzeitig die Sache seiner Standesgenossen: der „Edelknechte, wie sich unsere Voreltern genannt," in einer Flugschrift: „Eine trewe Vermanung an alle stende und geschickten auff dem Reichstage ystzund zu Nürnberg, von einem armen verjagten vom Adel, mit beger, solch vermanung und trewen rath zu hören, bedenken und anzunemen; von aller Edlen wegen, die keinen stand im Reich haben. Datum an S. Catherinen (25. November) Anno 1522." Sein persönliches Missgeschick wird darin kaum erwähnt. Für die Wintermonate zog sich Hartmut mit den Seinigen über Strassburg nach Basel zurück. Am 28. November meldet Glareanus, Professor an der dortigen Universität, an Zwingli die Anwesenheit: „Hutten ist hier bei uns; ebenso der edle Mann und wahre Christ von Cronenberg. Ich habe niemals einen Menschen gesehen, der so grosses Elend ruhiger getragen hätte. Denn obwohl er — wie alle sagen vom Pfalzgrafen völlig unschuldig aus allen seinen Gütern vertrieben wurde, so beklagt er doch diesen Verlust nicht im Geringsten und tröstet diejenigen, die ihn trösten sollten." Erasmus traf dort im Winter 1522/23 ein. Er schreibt am 1. Februar 1523 an Laurinus: „Cronenberg, des Franciscus Schwiegersohn, besuchte mich zweimal. Sein Geist und seine Rede hat mich wirklich wunderbar ergötzt. Denn er zeigte sich als einen lauteren Mann ohne Falsch, aber mit viel Verstand (ingenio) begabt." Erasmus war einer der geistvollsten und verstandesnüchternsten Menschen, die je gelebt haben; um so gewichtiger ist sein Urteil über seines Gastes Begabung. Hier erliess Hartmut, unterm 9. Dezember 1522, um die republikanischen Schweizer zunächst für das Evangelium und dadurch für Unterstützung Sickingens zu gewinnen: 340 Briefe an die Eidgenossen, an die Strassburger. „Ein kurtz treüwe Christliche vermanung, an die Eydgenossen von Hartmudt von Cronbergk." Darin heisst es: „Viele wissen es und auch ich habe es erfahren, wie der Dienst der grossen und kleinen Fürsten der Welt ist, dass die wahrhaftigen treuen Diener der grossen Fürsten nicht allein keine Belohnung, sondern nicht einmal Dank für ihre treuen Dienste finden. . . Aber einen richtigen Lohn dieser Welt habe ich empfangen von etlichen Fürsten, von denen ich beweisen kann, dass ich ihnen wahrhaftige treue Dienste geleistet habe, treuere als irgend einer ihrer gewaltigen Räthe." Er nennt: Pfalz und Trier. Das wäre nun allerdings wohl auf den Pfalzgrafen einzuschränken. Sein Trost über seine Beraubung ist: „warum sollte, da solches von Gott zugelassen wird, ich als ein geringerer Diener Gottes davon befreit sein. . . Ich begehre und will keine Gnade von diesen ungerechten Fürsten; sie können mir meine zeitlichen Güter nicht länger fern halten als es Gott will.". . . . Um diese Zeit hatte zu Strassburg in den Neuwahlen des Rates die evangelische Partei gesiegt. Hartmut begrüsste diese Wendung durch einen offnen Brief an „Meister und Rath in Strassburg." Das Stück erschien dort in der Druckerei „zum Steinbock" und ging an die Wittenberger. Luther erwähnt es im Januar 1523 gegen Spalatin: „Du wirst Kronbergs Brief gedruckt aus Strassburg erhalten. So schrieb er selbst mir bei der Uebersendung." Es heisst darin: „Und meine Vertreibung giebt mir mehr Freude und wahren Frieden als Schmerzen. Und das billiger Weise, so ich weiss, dass es unsers himmlischen Vaters Wille und Gefallen ist. Dazu tröstet mich, dass ich ganz unverschuldet von den drei Fürsten verjagt worden bin. Und die Ursach dafür ist, dass ich ein öffentlicher Diener bin des Evangeliums Christi, meines Erlösers. Derselbe kann und wird mich schadlos halten und irret nicht, ob das der Welt und dem Teufel leid sei." Damals trugen sich Sickingen und die niedergeworfenen Reichsritter mit Hoffnung auf Strassburgs Hülfe; diese jedoch werden nicht angedeutet. Sickingens und der ganzen Partei schwer bedrohete Lage Hess Hartmut während des Winters 1522/23 nicht lange in Basel müssig sitzen. Wir finden ihn in Konstanz beim Domherrn Johann von Botzheim, der sich dem Humanismus und der neuen Lehre zugewandt hatte. Am 25. Januar 1523 erschien er auf dem zweiten grossen Rittertage zu Zweiter Tag in Schweinfurt. Vergebliche Klagen der Ritterschaft. 341 Schweinfurt. Ihrer sechshundert sollen dort eingeritten sein. „Der Adel, sampt den graffen, die Zeit erzürnt was des Kriegs halber geschehen vor Cronberg, hättens gern gerochen." Aber dem Willen fehlte die stählerne Spitze. Die drei Fürsten leugneten dort durch ihre „Redner": dass sie den Adel unterdrücken wollten; daneben hielten sie ihre allgemeinen Anklagen gegen Hartmut aufrecht ohne sich auf seine besonderen Klagepunkte einzulassen. Hartmut Hess durch seine Prokuratoren die von der Ritterschaft ihm aufgegebene Widerlegung verlesen; er konnte es nur bis zum Beschlüsse einer Fürbitte bringen. „Welliche schrifftliche Clag," erzählt Hartmut, „von der gedachten fürsten botschafft ganz unverantwort bleiben. Und soliche mein clag ist durch ein botschafft, die mit trefflicher zal usz der ritterschafft verornet, alsbald gen Nürnberg geschickt und daselbst der versamlung des Römschen reyches und dem keyserlichen und reichsregiment durch gemelter ritter- schaft treffentlich botschafft, neben onderen der ritterschaft Werbungen uberantwort worden." Das Reichsregiment mahnte die Ritterschaft ab von jeglicher That; gleichzeitig sagte es ihr seinen papiernen Schutz zu. Uebrigens „giengen alle Ire anschlege zurück, also das sie one endtschaft widder von einander mussten scheiden." Jeden Gedanken an bewaffnete Hülfe verbot die drohende Haltung des schwäbischen Bundes. Eine sehr lebendige Illustration zu dem damaligen Standpunkte und der Gesinnung der Kleinsten im Reiche giebt Götz von Berlichingen als er, zu Heilbronn gefangen, bekennen soll: dass er sich „gegen Kaiser und Reich rebellischer Weise aufgelehnt." Dawider bricht er los: „Das ist nicht wahr, ich bin kein Rebell, habe gegen Ihro Kaiserliche Majestät nichts verbrochen, und das Reich geht mich nichts an. Kaiser und Reich! Ich wollt, Ihro Majestät Hessen Ihren Namen aus so einer schlechten Gesellschaft. Was sind die Stände, dass sie mich Aufruhrs zeihen wollen! Sie sind die Rebellen, die mit unerhörtem geizigem Stolz mit unbewehrten Kleinen sich füttern und täglich Ihro Majestät nach dem Kopf wachsen. Die sinds, die alle schuldige Ehrfurcht ausser Augen setzen, und die man laufen lassen muss, weil der Galgen zu theuer werden würde, woran sie gehängt werden sollten. . . Tret einer auf und zeug! Hab ich wider den Kaiser, wider das Haus Oesterreich nur einen Schritt gethan? Hab ich nicht 22 342 Hartmut in Wittenberg; dann vor dem Reichsregimente in Nürnberg, 1523. von jeher durch alle Handlungen gewiesen, dass ich besser als einer fühle was Deutschland seinem Regenten schuldig ist, und besonders was die Kleinen, die Ritter und Freien, ihrem Kaiser schuldig sind?" - Aus Franken zog Hartmut nach Sachsen. Am 23. Februar 1523 meldet Melanchton an Spalatin die bevorstehende Ankunft. Unterm 25. schreibt Luther aus Wittenberg an Spalatin: „Hartmann von Kronn- berg ist, in Gesellschaft mit dem Grafen Albert von Mansfeld, bei uns und beide haben wir im Kloster zum Frühstück gehabt; der Mann der so Grosses erduldete, steht noch völlig fest im Glauben." Melanchton war ebenfalls gegenwärtig. Ohne Zweifel gewährten diese Begegnungen dem schwer geprüften Flüchtling eine kräftige Herzstärkung. Von dort kehrte er nach Basel zurück, wo er auch während der Belagerung von Landstuhl sass. Am 7. Mai hatte Sickingen ausgerungen. Mit ihm brach die Reichsritterschaft unter dem Territorialfürstentum vollständig und für immer zusammen. Knapp mag es damals bei den Flüchtlingen in Basel hergegangen sein, denn 1523 verkaufen Frau Clara und ihr Sohn Hartmann von Cronenberg an Jakob Nuhussen, SchefFen zu Frankfurt, 66 Achtel Korngülte auf 6 Hufen Landes zu Berkersheim, um 710 Gulden wiederkäuflich. Erst 1537 konnte Hartmut diese verpfändete Rente einlösen. Im Anfange des Juni 1523 hat — wie ein böhmischer Freund mitteilt — „der ertzhertzog Ferdinandus Hartmann und Schweickardten {Franzens von Sickingen ältesten Sohn) uff ihre clag zu ihme vor das Reichsgericht gefordert und daneben ein frey sicher gelait geschickht. Nun haben sy nit in ratt (räthlich) finden khunen, das sy all paidt zum ertzhertzog weren geritten (sie waren beide Aechter), und ist allein Hartmann verritten und erzaigt sich Ferdinandus ganntz recht geschaffen." „Nachvolgentz," so berichtet Hartmut selbst, „hab ich solich mein clag auch schrifftlich gethan den durchleuchtigsten ertzherzog ferdinando als den Statthalter Keys, maiestat. Darauff sein durchleuchtigkeit un fürstlich gnad mich vor das keis. u. reichsregiment bescheiden, darauff ich vergangnen summer vor Laurentii (10. August) usz gehorsam persönlich zu Nürnberg . . . erschinen, und den gewalt der fürsten, so sy gegen Cronberg, des reichs eigenthum . . . unn mir geübt, nach der lenge erzelet . . . mit der underthenige bit, mir als enen von adel, den all sein hab unn güter . . mit unrechter gewalt genommen, zu verhelffen." Hartmuts mündliche Verteidigung. „Ain Christliche schrifft," 1523. 343 Hartmut verteidigte sich mündlich mit Stolz und Freimut. Er erzählte: welche Gewalt ihm geschehen; er bat: ihm und seinen Vettern wieder zu ihren Gütern zu verhelfen. — Umsonst! — Nach der Eroberung von Landstuhl und Ebernburg hatten die drei Sieger sich in die Beute geteilt. Dabei war dem Landgrafen Philipp alle Nähme auf dem rechten Rheinufer zugefallen. Er Hess sich in Kronberg persönlich erbhuldigen, konfirmirte den Einwohnern vermittelst ausgestellter Reversalien, d. d. Cronenberg 16. Juni 1523, ihre alten Privilegien Freiheiten und Gewohnheiten; zugleich führte er dort und zu Eschborn die hessische lutherische Reformation ein. Das Reichslehen war anscheinend für ihn gar nicht vorhanden, von Mutung keine Rede. So hülflos war das Reichsregiment, dass Ferdinand nicht wagte: dem jungen gewaltthätigen Herrn, dessen fürstliches Würdegefühl durch den Erfolg damals ins Uebermass gesteigert war, einen Zaum anzulegen. Nachdem Hartmut endlich erkannt, dass er in Nürnberg abermals nur „schlechte pittschrift" an die Fürsten zu erwarten habe, „hab ich kein hoffnung mögen haben, etwas nützliches vor Keys, unn reychs regiment uszurichten und bin darumb uff den abscheid, so mir von den Keys, regiment worden, desmals nach sant Laurentij tag (11. August) von Nürnberg abgescheyden." Wahrscheinlich schadete auch Hartmut selbst seiner Sache, als er im Schlüsse seiner Rede das Reichsregiment, den Erzherzog einbegriffen, für Luthers Lehre zu gewinnen hoffte. Er war nun einmal von Natur ein Schwärmer dem sein eigen Wort: „Gottes Wort" bedeutete, kein praktischer Politiker. Die Wirkung seiner Rede hatte er durch Schrift und Druck zu verstärken gesucht. Vom 24. Juli 1523 haben wir eine neue Flugschrift Hartmuts: Ain Christliche schrifft und vermanung an alle Stendt des Römische Reychs, von mir Hartmud vo Kronberg, zum lob gottes un zu nutz allen Christen. 22* 344 Letzter Angriff gegen die hohe katholische Geistlichkeit. Hartmut erwähnt darin die gleichzeitigen Ereignisse nicht. Seine Schrift, die „Allen und jeglichen hohen und nydern Stenden in dem ganzen Römischen reych erleuchtung" wünscht . . . und ihnen „ainen gewissem sichern weg anzaygen" will ,,dardurch wir sunder allen Zweyfel den gemainen nutzen aufrichten mögen," ist ein neuer rückhaltloser umfassender Angriff gegen die höchste katholische Geistlichkeit. „Christus hat durch seine Aposteln auff das klärest bezeuget, dass die Bischoff in kaynen weg herren sollen sein über das Christlich volck, sondern allain knecht und diener. . . . Darauss erfindet sich offenbarlich die allerhöchst und grewlichst verfürung, da die geschrifft und das Evangelium von sagt; dann unsere vermainten herren, der Bapst unnd die Bischoff gebieten, das wir sy für die höchsten herren halten sollen; . . . unnd ir lebenwandel und wesen ist gantz nach Teuflischem Betrieg ge- richt unnd iren bracht haben sy gefürt mit dem Allmüsen und sawren schwaysz der armen, der wiwen, unnd armen waysen . .; und regiert in dem ganzen vermaynten gaystlichen standt der Teuffei durch seinen gayst gewaltigklich." Er spricht dann für Säkularisation der Stifter und Klöster. Dabei berührt er, wohl mit etwas allzu idealem Gedankenfluge, einen sehr heiklen Punkt, an dem später die jesuitische Gegenreformation beim deutschen Adel mit ungeheuerm Erfolge einsetzte. Wenn der Adel fürchte „dass wegen des ir standt geschmelert werde, durch die maynung der Kinder, die alle erbtayl haben wollten so ihnen die stifft und Klöster abgegangen werendt," so seien bei den Edlen Römern auch keine Majorate gewesen. Die übrigen Söhne sollten kleinere Landwirte werden gleich den „ehrlichsten höchsten Heiden" des römischen Staates. „Solt nicht ainen adlichen gemüt lustiger seyn in ainem Ackerbawe zu arbeiten, des ainer gleych den edlen Römern billich eere haben solt, dann in stetiger füllerey essens und trinckens zu bleyben; So doch die füllerey ain wurtzel und Ursprung ist der untugent des adels." . . . Vielleicht lag die Sache des neuen Evangeliums vor dem Reichstage minder ungünstig, seit der redliche und gebildete, apostolisch einfache Hadrian VI auf dem päpstlichen Stuhle sass. In seiner, allerdings mehr aufrichtigen als politisch zweckmässigen Instruktion für seinen Gesandten am Reichstage zu Nürnberg, den Nuntius Chieregati, findet sich nachstehendes bemerkenswertes Geständnis über den da- Papst Hadrians VI Geständnis über den damaligen Zustand der Kirche. 345 maligen Zustand der Kirche: „Wir wissen wohl, dass an diesem heiligen Sitz schon seit Jahren vieles Verabscheuungswürdige vorgekommen ist, Misbräuche in geistlichen Dingen, Uebertretung der Gebote, und dass Alles zum Bösen verkehrt worden ist. Kein Wunder also, wenn die Krankheit vom Haupte in die Glieder, von den Päpsten in andere niedere Prälaten gefahren ist. Wir alle, Prälaten und Geistliche, sind ab vom rechten Wege, und es ist schon lange keiner gewesen, der Gutes gethan, auch nicht ein einziger!" Aber zwischen diesem vertraulichen Selbstbekenntnisse und Hartmuts grundstürzendem Programme gähnte doch immer ein unüberbrückbarer Abgrund; wenngleich damals Karls V Diplomat J. Hannart Vicomte von Lombeck dem Kaiser berichtete: „et certes comme suis pour vray averty, la plus part desdicts du regiment sont grandz lutheriens." Hadrian regierte nur vom 9. Januar 1522 bis 14. September 1523. Er war gebürtig aus Utrecht, Professor in Löwen, Lehrer Karls V, mönchisch streng, bedacht auf Abstellung der kirchlichen Missbräuche und Zurückführung des unter seinem prachtliebenden Vorgänger verweltlichten römischen Hof- und Staatswesens zu apostolischer Einfachheit; daher war er dort stark angefeindet. Aber ohne tiefere Einsicht in die Forderungen der Zeit und zu doktrinär theologisch, arbeitete er erfolglos, auch allzu kurze Zeit um dauernd zu wirken. Dass dieses unerschütterte Eintreten gegen die drei mächtigsten geistlichen Kurfürsten und ihren Anhang, vor allen gegen den sieg- und hassreichen Richard von Trier, das weltliche Anliegen des Vertriebenen vor dem Reichstage nicht fördern konnte, liegt auf der Hand. Auch wird es gleichzeitig ausdrücklich bezeugt. Caspar Hedio, damals noch Geistlicher in Mainz später einer der strassburger Reformatoren, schreibt an Capito in Strassburg, am 15. Mai 1523. „Ich beklage den unglücklichen Hartmut, der keine Hoffnung der Rückkehr nach Cronberg hat, wenn nicht etwa einige durch den Kaiser ist, den er jedoch durch seine Schriften sich wahrscheinlich entfremdet hat, oder durch den Grafen (Wilhelm) von Nassau." Und derselbe Hedio aus Wittenberg vom 17. September 1523, an Wilhelm Nesen in Frankfurt a. M.: „Ueber die Angelegenheiten der Adligen kann ich nichts schreiben. Hartmuds Schicksal beklage ich aufs tiefste, der jetzt mit Frau und Mutter in Basel sitzt. Seine Sache stände besser, wie seine Vettern meinen, wenn 346 Hartmuts letzte Apellation an den allgemeinen Reichstag, 1524. er sich der Schriften enthielte, die — wie es jenen scheint — nicht sehr fruchtbringend sind. Sie wünschen, dass „Philipp (Melanchton) oder noch besser Martinus seinen feurigen Geist davon zurückriefe, schon seiner Kinder wegen." Hartmut, der von Nürnberg nach Basel zurückgekehrt war, erkannte gegen das Ende des Jahres 1523 nach vielfachen Eingaben Bitten und Beschwerden, dass seine Sache an der Hülflosigkeit des Reichsregimentes gescheitert sei. Er richtete daher eine Art von Appellation an den „Reichstag zu Nürnberg versammlet." „Eine ernstliche schrifft an all stend des Römischen reychs. Von Hartmudt von Cronberg. Darinnen meniglich vernemen mag den übergrossen unrechtlichen ge- walt und Verfolgung, so denen von Cronberg wider alle recht u. über zu vil hochs erpieten begegnet." Geben uff samstag nach dem nuwen jars tag, 2. Januar, anno 1524. Hartmut erzählt darin seine Leidensgeschichte: wie die drei Fürsten ihn unversehens überfallen und ihm das dreimal erbetene rechtliche Gehör verweigert haben. Er bezeichnet „des geistlichen Stands fürsten," als solche, die ihn „mit ungnad, nyd un hass so hart verfolgen." Diese allein haben „etliche fürsten umb die ichs nit verschuldet," angeregt „meine vyend zu werden." Da er nun persönlich gegenüber diesen Feindschaften, nach seinen üblen Erfahrungen beim Reichsregimente, keine Wiedereinsetzung in Kronberg erwarten darf, so ist er bereit: „vor einem ordentlichen gericht alle myne hab und güter, sampt aller forderung der lehen und eygen güter, unwiderruflich minen eelichen Kindern, so ehest ich das gethun kann, übergeben und gentzlich inhendig machen . . . damit mein vettern von Cronberg, ouch mein mutter weyb und kinder sich dester weniger von mir zu clagen haben, das sy meinenthalben in verderben blyben müsten." Die Frauen und die Vettern waren mit seinem Märtyrertume nicht einverstanden. Die Reichsstände ersucht er inständig: seinen Vettern und seinen Kindern, die völlig unver- Hartmut bei Ulrich von Würtemberg in Mömpelgard. 347 schuldet litten, die von den drei Fürsten geraubten Güter gesetzlich wieder zu Händen zustellen, und die Räuber nach dem Landfrieden zu bestrafen. Würden aber die Fürsten eine Klage an den Reichstag bringen, „so erbiete ich mich, sollichs ze verantworten wie eynem frommen zusteet. ... Da die gemelten drei fürsten sampt iren helffern keinen grund, fug oder recht irer geüpten handlung gegen mir gehabt, so sag ich frey: das kein lebendiger mensch, er sey hoch odr nieders stants, mich eyniger unredlicher unbillicher oder straffbarer handlung und that mit einiger warheit beschulden mag. . . Er bittet: „sich obgemelte ungebürliche thetliche handlung mit ernst zehertzen zefassen" und „mir hieruff gepürlich antwort by disem botten zugeben" und sich: „Darzu der pflicht und peenen" zu erinnern, „darinnen sich die stend des reychs nach inhalt der landfriden sunderlich verstrickt, verpflichtet und gebunden haben." Eine Erwiederung enthalten die Akten des Reichstags nicht, that- sächlich geschah zweifellos gar nichts. Mit dieser Ermahnung und Warnung an alle Stände, „an das Volk selbst," verstummt Hartmuts schriftstellerisches Wort, das beim „Kaiser" angehoben hatte. Er und sein Geschlecht blieben auch ferner in Hangen und Bangen. Während des Herbstes 1523 hatte Hartmut, mit anderen geächteten fränkischen Edelleuten, den Weg von Basel nach Mömpelgard gefunden, wo der vertriebene Herzog Ulrich von Würtemberg Pläne zur Wiedereroberung seines, ihm von Oesterreich und dem schwäbischen Bunde entrissenen Landes schmiedete. In Schwaben hielt er noch, als einzigen festen Stützpunkt, den Hohentwiel. Die Vermittler gingen heimlich hin und her. Vom November 1523 liegen mehrere Briefe vor, die Hartmut dem Herzog aus Basel schrieb: Berichte über allgemeine Politik und über den letzten fränkischen Rittertag in Schweinfurt. Er spricht von seinem Plane: nach Spanien zum Kaiser zu gehen; er hofft, sich „da vill Hillfs und Drost zu versehen." In seinem Briefe vom 10. November 1523 tröstet Hartmut den unruhigen Vertriebenen über die Unzuverlässigkeit des Königs Franz I von Frankreich: „Mir gefällt übel an dem König, dass er, obgleich er es wohl hat E. f. G. Geld Geschütz und Pulver vorzustrecken, dies nicht thut und E. f. G. ganz schlecht (schlicht) abfertigt. Aber vielleicht wird des Königs Untreue E. f. G. Glück sein. Denn sollte es ihm übel gehen . . , 348 Hartmut in der öffentlichen Disputation zu Basel, 14. Februar 1524. wie es wohl anzunehmen ist wenn er sich nicht mit der Zeit anders dazu schickt, so wäre E. f. G. nützlicher und auch zu raten, auf dem gewinnenden Teil zu sein Hartmut bittet den Herzog um besondere Aufträge, arbeitete also damals schon für dessen Zwecke. Dem pfälzer Kurfürsten erschien diese wühlende Thätigkeit der geächteten Ritter so bedenklich, dass er unterm 20. Juli 1524 den Statthalter Erzherzog Ferdinand bittet: gegen Schweiber von Sickingen, Hartmann von Cronberg, Hans von Erlikeim und Anhänger einzuschreiten, die Württemberg, den Elsass und die Pfalz unsicher machen. Ebenso ersucht, unterm 3. November 1524, der Pfalzgraf Ludwig die Stadt Basel: die daselbst sich aufhaltenden Schweyker von Sickingen, Hartmann von Cronberg, Hans von Erlickein und ihren Anhang auszuweisen; indessen ohne Erfolg. Nun stürzte auch das Reichsregiment zusammen „unter dem gemeinsamen Anstürme der Altgläubigen und der Landesfürsten." Karl V berief ein neues Regiment nach Esslingen; allein es kam ebenfalls nicht zur Blüte, da die Stände die dafür ausgeschriebenen „Römermonate" nicht einzahlten. Dadurch übte Hartmut auf die spätere kirchliche Reformation in Würtemberg einen vorbereitenden Einfluss. Er gewann den Herzog durch eigenes Wort und Luthers Schriften für die neue Heilslehre, noch bevor Ulrich, als Gast des Landgrafen, 1529 dem Religionsgespräche zu Marburg beiwohnte. Am Invocavitsonntage, 14. Februar, 1524 war Hartmut in Basel anwesend. Oecolampadius leitete dort eine öffentliche Disputation über die Priesterehe. Er bat Kronberg, als einen mit der reinen Lehre wohlvertrauten Mann, um seine Meinung. „Obwohl," sprach Hartmut, „ich nur ein Laie und an Einsicht der Geringste bin unter den anwesenden Brüdern, so haben und lesen wir Laien doch das heiige Evangelium in gutem Deutsch und wissen folglich: dass das, was die würdigen Herren, unsere Brüder, mit vielen Anführungen aus der heiligen Schrift erzählt haben, die gründliche göttliche Wahrheit sei. . . Solches will ich als öffentliches Bekenntniss zur Steuer der Wahrheit allezeit sagen und, wie sichs gebürt, frei bekennen." Auf theologische Einzelfragen Hess er sich grundsätzlich nicht ein. Im Frühjahre 1525 drohete der grosse Bauernkrieg. Herzog Ulrich hatte, von Basel aus, mit den gährenden schwäbischen und schweizer Bauernkrieg. Hartmut abermals in Böhmen, bei Ibach in Sonnenwalde, 1525. 349 Bauern angeknüpft. Sein Agent war der Dr. Ulrich von Fuchsstein, eine etwas rätselhafte und wandelbare Figur. Gleichzeitig unterhielt Ulrich Verbindungen mit den unruhigen Böhmen. Zu diesen schickte er den dort bereits bekannten Hartmut Kronberg mit Frowin von Hutten und Schweickard von Sickingen, den drei im Jahre 1522 Vertriebenen. Ihre Aufgabe war abermals: die Böhmen auf die Baiern zu hetzen, um der Unternehmung Herzog Ulrichs von Osten her Luft zu machen. Die baierische Regierung wurde hierüber, wie zahlreiche Gesandtschaftsberichte an den Herzog ergeben, ängstlich besorgt. In Böhmen sollte ein grosses Heer aufgestellt werden; namentlich die dortigen Bauern brannten vor Begierde: „den Baiern am Zeuge zu flicken." Pfalz, Trier und Hessen wollten deshalb: „die Krön zu Beheim überziehen . . . . dass sie fürgeben sollen, wie von vielen Jahren her ihre Feind und Beschädigen in der Krön zu Beheim gehalten worden, und nicht allein, dass sie heimlich gehalten worden, sondern sie reiten öffentlich im Land um, und dass sie auch zu Prag öffentlich zehren (in Gasthäusern leben) und zu Prag aus- und einreiten, wenn sie wollten, und dass ihnen auch viel Geleit gegeben werde." Der Kriegsplan scheiterte an Ulrichs Mittellosigkeit, denn sein Gönner, König Franz I, wollte kein Geld daran wagen. Auch Ulrichs Pläne in Würtemberg wurden zu Wasser. Als seine schweizer Mietsknechte hörten: dass am 24. Februar 1525 siebentausend ihrer Gefährten für Franz I von den Deutschen bei Pavia erschlagen waren, verging ihnen einstweilen die Lust, fremde Händel auszufechten. Sie eilten ihren heimatlichen Bergen zu, mit ihnen der Herzog. Vermutlich nahm Hartmut seinen Rückweg aus Böhmen durch Sachsen. Wir finden ihn zu Sonnenwalde in der Niederlausitz beim dortigen Pfarrer, seinem ehemaligen Schützlinge Ibach. Sehr wahrscheinlich hatte er den Kurfürsten Johann und den Herzog Heinrich von Sachsen zu Vermittlern mit Landgraf Philipp gewinnen wollen. In Sonnenwalde erhielt er einen „Trostbrief" Spalatins, der nicht mehr erhalten ist; wohl aber Hartmuts Antwort von dort aus dem Sommer 1525. Ihr Gedankengang läuft also: Die zeitlichen Freuden sind unbeständig; sie nehmen meistens durch einfallende Widerwärtigkeit ein kurzes Ende in Traurigkeit. Der Christ weiss aber: dass alle Widerwärtigkeit und Verfolgung von Gott dem 350 Hartmut an Spalatin; in Oppenheim, 1525; Syngrammastreit, 1526. Vater, und solches dazu aus seinem weisen Rath und väterlichen guten Willen, uns zugeschickt wird, darum auch alles, es sei süss oder bitter, den Gläubigen zum Besten dienen muss. So kann Gott auch die aller- trübste Traurigkeit in die grösste Freude verwandeln; sie dient zu unserm Heil, daher ist sie ganz gering und nichtig zu achten. . . „Eben so glaube ich, dass dem Kaiser und Erzherzog Ferdinand alle Kosten, Mühe und Arbeit auf dem Zug nach Mailand ganz leicht sei, wenn (da) der König von Frankreich dadurch so hart niedergelegt ist" (Schlacht bei Pavia, 25. Febr. 1525) „und hätten die Sieger den Sieg vorher gewusst, so wäre ihnen ihre ganze Arbeit, Hunger, Frost sehr gering erschienen. Wir aber wissen unsern Sieg so gewiss, als hätten wir ihn schon jetzt in der Hand." . . . Hiemit schliessen Hartmuts im Druck erhaltenen religiösen Schriften. Spuren von ihm und von Ibach haben sich in Sonnenwalde nicht erhalten, da Kirche Kirchenbücher und die ganze Stadt im dreissig- jährigen Kriege von den Schweden gründlich eingeäschert wurden. Hartmut hatte sich um diese Zeit mit den Seinen zu Oppenheim auf seinem „Nuwen Kloster" niedergelassen. Es muss inzwischen zum Vertrage mit dem Lehnsherrn des Hofes, dem Pfalzgrafen gekommen sein. Jedoch ist darüber nichts erhalten. Von nun an schläft seine schriftstellerische Thätigkeit ein. Sei es weil seine Annäherung an das Kaiserhaus, gegenüber den Landesfürsten, zunimmt; sei es aus Rücksicht auf Kinder und Vettern. Wohl konnten auch die inzwischen entbrannten, spitzfindigen leeren Streitigkeiten der reformatorischen Theologen seinen rein evangelischen Eifer abkühlen. Im Syngrammastreite, der 1526 entbrannte, sprach er sich für einfaches Festhalten am Worte des Erlösers und mündliche Verständigung aus, statt Wechsels von Druckschriften. Der Streit drehte sich um die Worte: „Dies ist mein Leib." In seinem Verlaufe hatten vierzehn schwäbische Prediger gemeinsam (in einer Zusammenschrift: „Syngramma Suevicum") ihre Abendmahlstheorie der reformirten wie der lutherischen entgegengestellt. Hartmut legt seinen Standpunkt über diese, noch heute theologisch nicht minder umstrittene Frage in einem Schreiben aus Speyer, vom 3. September 1528 (also vor dem entscheidenden marburger Religionsgespräche, 29. September 1529) seinem „Freund und Bruder, dem maister Casparn Glasern" vor, der ihm zuerst geschrieben hatte. Kaspar Glacius, Glatz, Hartmuts Schreiben an Kaspar Glacius über das Abendmahl, 1528. 351 Vicar zu Orlamünde, war grade um diese Zeit stark in die Abendmahlshändel mit seines Vorgängers Karlstadt Anhängern verwickelt. Hartmut betrachtet zuerst die Läuterung der Gläubigen durch Leiden. Dann heisst es weiter: „Ich hab der zwaiung halben, so unser gelerten im nachtmal desz herren haben, aller tail gelerten mainung vil gelesen und gehört. Aber ich bekhenn mich frei, das mir ir mainungen von allen parteien nit verstentlich ist; es vermags mein verstant ir mainungen nit erraichen; aber darneben bedunkt mich der text im newen testament aller vier evangelisten und Paulus seiend nit schwer zu versteen, doch allain den rechten glaubigen. Ich kan ia daran nit sundigen so ich glaub, das Christus leib und sein plut den glaubigen im nachtmal da sei, warlich zu essen und zu trinken; und wie aber Christus da sei, ist nit not auszzugründen; allain so ich das wort hab durch das, so ich ime glaub (dadurch dass ich daran glaube), so hab ich unzweifel im brot und wein den leib und das plut warhaftiklich gaistlich und durch desz glaubens gaist versichert. Was ligt mir daran, das ich nichts anders sehe noch vile (fühle) äusserlicherweis, dann prot und wein, so doch Christus, das ewig wort, von mir geessen würdet durch den glauben in Christo, etc. Hartmann von Cronbergkh." Das mystisch dunkle Rätsel der „geistigen Gegenwart" erscheint hier von dem kindlichen Gemüte des einfältig Gläubigen zwar nicht gelöst, aber doch einfacher und uns modernen Laien verständlicher umgangen zu sein, als es durch die krausen wittenbergschen Hauptschlüssel erschlossen werden sollte. In die damalige Verirrung der protestantischen Kirche, in ihre streitsüchtige und spitzfindige theologische Philosophie passte der evangelische Gefühlsmensch Hartmut nicht mehr. Ihm fehlte dazu einmal das schwer belastende Rüstzeug damaliger Gelehrsamkeit. Dann hielt er auch — gleich uns Nachlebenden — die Reformatoren weder für Heilige noch für unfehlbar. T Aeusseres Stillleben. 1528 bis 1533. SfiS^ARTMUTS Mutter ^ rau Clara v. Helm- Stadt hatte seit ihres Gatten Johanns IX Tode, 1506, ihren Wittwensitz im Rodehofe zu Kronberg vor der Burg gehabt. Nach der Verjagung finden wir sie mit ihrem Sohne in Basel, 1524 bei den Vettern Dalberg in Hernsheim, 1525 beim Vetter Komtur Walter XI (94 F) in Sachsenhausen. Am 16. April 1525 errichtete sie dort, „im deutschen Hause oben in des Commenthurs Stube," ihr Testament. Frau Clara will in Kronberg neben ihrem Mann begraben sein. Zu ihren Erben setzt sie Hartmuts und seiner Schwestern Kinder ein. Hartmut erhält nur eine goldene Kette. Die Schwiegertochter Anna bekommt allen Hausrath, der „im Rodenhaus, ihrem Widdemses zu Kronberg" bei ihrer eiligen Flucht am 13. Oktober 1522 zurückgelassen war. Frau Clara starb 1526. Man erfährt durch das Inventar, auf Grund dessen der hessische Amtmann den Nachlass auslieferte: wie ärmlich eine vornehme und bemittelte Wittfrau in jener Zeit eingerichtet war. Dazu die engen und niedrigen räumlichen Verhältnisse der alten noch vorhandenen Wohngelasse im Rodehofhause, die heutzutage keines auch nur massig wohlhabenden kronberger Ackerbürgers würdig wären. In der unteren (besten) Stuben: 2 Tisch, davon einer verschlossen; 1 Sitzbedlin mit Küssen; 4 Salzkandern; 1 missing gissfas und becke; 4 missing leuchter; 1 zinn handtwass im schrank; 1 neuen eisernen offen, ist noch nicht aufgeschlagen; 1 koppern Schwenkkesslin; u. s. w. Der Weinvorrath war ansehnlich gewesen als die Hessen einrückten. Ausserdem forderte Frau Anna Güter zurück, die Hartmut Rodebrunnen. Rodehof unter Burg Kronberg. Leben im Schatten. Hartmut beim Kaiser in Spanien, 1527; erster Lichtblick. 353 ihr vor der Eroberung für ihr Eingebrachtes von 3000 Gulden verkauft habe. Ob der Landgraf hierauf einging? erfahren wir nicht. Von 1526 an tritt während einiger Jahre Hartmut nicht mehr im deutlich erkennbaren Zusammenhange seines Thuns und Treibens vor die Oeffentlichkeit. Wir können daher nur einzelne abgerissene Nachrichten über sein Stillleben hier kurz verzeichnen. Im Jahre 1526 schreibt Capito aus Strassburg an Oecolampadius: „Hartmut von Kronberg war heute bei mir zu Tische und das Gespräch hat viele Stunden gewährt, so dass mir nicht viel Zeit zum Schreiben bleibt. Der Herr wird den Mühseligkeiten dieses so standhaften Mannes auch wohl einmal ein Ende machen." Der Komtur Walter, der 1526 zum Deutschmeister gewählt wurde, schreibt dem Landgrafen Philipp gar beweglich: „Hartmut ist nun aus all dem Seinigen vertrieben; damit sind zugleich seine Hausfrau und seine unmündigen Kinder ohne festen Wohnsitz, weshalb sie im Elend umherziehen und, wenn sie nicht „bessere Gnade" erlangen, in gründliches Verderben kommen müssen." Im nächsten Jahre, 1527, schien ein günstiger Umschwung sich anzubahnen. Nach der „Flersheimer Chronik," geschrieben vom Bischof Philipp (Flersheim) von Speyer, Franz von Sickingens Schwager, hatten dessen Söhne: Hans und Franz Konrad mit Hartmut von Kronberg, damit sie „mit Kay. Mat. zu Vertrag khämen . . desshalben durch (über) Mailand Kay. Mat. in Hispanien gesuecht." Und mit Erfolg. Unterm 5. Mai 1527 erging aus Valladolid ein kaiserlicher Befehl an das Reichskammergericht in Speyer: auf Hartmuts Supplik zu verfahren und den ihm zur Last gelegten Landfriedensbruch zu untersuchen. Erzherzog Ferdinand erhielt die Weisung: „Landgraf Philipp soll unser und des Reichs Eigentum Cronnbergk wieder herausgeben." Dem bedächtigen Pfalzgrafen war augenscheinlich nicht ganz wohl bei dieser Wendung; er drängte unterm 1. November 1527 beim Landgrafen: dass sie sich wollten durch ihre Räthe vor dem Gerichte oder Reichs-Regimente zu Speyer gemeinsam vernehmen lassen, auch alle Trier betreffenden Briefschaften Hartmuts dort vorlegen. Erst am 30. September 1528 folgte ein „bedingtes" Mandat an die drei Fürsten: entweder Kronberg, „das du wider Reichsrecht und Landfrieden uns dem rechtmässigen Herrn vorbehälst" herauszugeben, und 354 Die Fürsten vor dem Reichsgerichte, 1528. Kaiserliches Mandat gegen sie, 1530. den Kauf mit Jakob Kronberg rückgängig zu machen oder beim Kammergerichte Recht zu nehmen. Erwiederung am 9. Dezember 1528: Sie hätten von dem Handel wegen Kronberg und den Landfrieden für das Reich grosse Kosten gehabt; sie behielten daher Kronberg einstweilen in Besitz um deren Erstattung abzuwarten. So wurde die Handlung weiter verschleppt bis, am 11. August 1530, der Kaiser, auf dem Reichstage zu Augsburg, dem Landgrafen, der sich heimlich von dort entfernt hatte, ein „unbedingtes" Mandat nachsandte, „bey pen 100 Mark lotigs Goldes, dass du binnen 6 Wochen Schloss und Stadt Cronnberg genzlich abtrettest." Aber auch dagegen wusste der Erzbischof „ein gescheidter und gewandter Kopf" dazu studirter Jurist, am 13. Oktober verzögerlichen Rat: sie wollten den Kaiser selbst „durch besseren mündlichen Bericht belehren," „denn sie hätten vielmehr Dank von den übrigen Reichsständen zu erwarten." So tief stand damals die kaiserliche Ohnmacht den grossen Fürsten gegenüber, dass diese mit derartigen leeren Ausflüchten allen scharfen Befehlen trotzen durften. Zwischendurch taucht, zum ersten male, ein Vergleichsprojekt in den Akten auf: Kronberg soll hessisches Lehn werden; Hartmut soll das beim Kaiser erwirken, alsdann wiederum Wohnung „in der Stadt" und alle Nutzungen haben. Diese versöhnlichere Stimmung des Landgrafen erwuchs ohne Zweifel aus seiner allgemeinen Politik. Denn am 22. Dezember 1530 wurde der erste Vertrag zu Schmalkalden abgeschlossen. Dieses „christliche Verständnis" gab den Evangelischen erst das Rückgrat der politischen Macht. Es erweiterte und verstärkte sich stetig. Am 23. Juli 1532 wurde der Nürnberger Religionsfriede verkündet. Es liegt nahe, dass der Landgraf wünschte: die starke protestantische Partei in der Reichsritterschaft zu gewinnen. Jedoch war er noch nicht bereit: seinen Raub vollständig herauszugeben. So erreichte Hartmut einstweilen nur: dass der Kaiser ihn 1532, auf besondere Verwendung des Erzherzogs Ferdinand, von der Reichsacht lossprach. In demselben Jahre finden wir Hartmut als Abgesandten Ferdinands beim Grafen Wilhelm von Nassau. Er hatte diesem nach einigen Berichten — im Auftrage des Kaisers das „Collier" des Hartmut der Acht entlassen, 1532; im Rate zu Oppenheim, 1533. 355 goldenen Vliesses zu überbringen; nach anderen hatte er nur anzufragen: ob der Nassauer es annehmen würde? Das Halsband sollte ihn vom Schmalkaldener Bunde fern halten. Der also Begnadigte lehnte jedoch den Orden ab, da die dogmatischen Zugeständnisse in dessen Statuten seinen evangelischen Grundsätzen widerstritten. Im Jahre 1533 wird Hartmut zu Oppenheim vom Pfalzgrafen Ludwig dem Friedfertigen in den Rat berufen. Dieser bestand von altersher aus 12 Bürgern und 12 Rittern. Letztere Würde war unter den adligen Burgmannen der Veste Landskron ausgestorben. Deshalb ergänzte sie der Landesherr aus den ritterbiirtigen Junkern. Einer dieser Nichtritter war Hartmut. Trotzdem er von früh auf ein Kriegsmann gewesen, hatte er dennoch den Ritterschlag niemals irgendwo genommen. Dieser war damals bereits eine lediglich höfische „Zier" geworden, wie heutzutage ein Kammerherrnschlüssel oder ein sonstwie erhöheter Rang und Titel ohne Inhalt. In der Einung der wetterauischen Reichsritterschaft zu Friedberg, im Frühjahre 1522, führen unter den sechzig namentlich aufgezählten Anwesenden nur noch sechs den Titel „Ritter" hinter ihrem Namen. Zeitweilig mag dennoch die Hoffnung: jemals wieder in die alte Stammburg einzuziehen, wohl tief gesunken sein; denn wir erfahren dass, im Jahre 1534, Hartmut und Frau Anna der Stadt Frankfurt, der damaligen Herrin von Sulzbach bei Soden, ihren dortigen 35 Morgen grossen Weiher, den sie 1522 angelegt hatten, um 2400 Gulden verkaufen. Hartmuts Ketzerei und Aechtung hatten sein Verhältnis zu seinen rechtgläubigen Standesgenossen und insbesondere zum Vetter Deutschmeister Walter — wie wir wissen — nicht wesentlich getrübt. Am 26. Mai 1535 setzt dieser ihn, mit den Komturen zu Mainz und Frankfurt, als Schiedsrichter über Spannen und Irrungen zwischen den Eppsteinern, Nassauern, Soimsen und Hanauern. IX. Friedensverhandlungen. Hartmuts Schwester Lorichia Dalberg. 1534 bis 1541. M Jahre 1534 versuchten der hessische Marschall Hermann von der Malsburg und der Kanzler Feige von neuem auf der bisherigen Grundlage zu vermitteln. Diese Bemühungen entsprangen abermals aus des Landgrafen grosser Politik dem Kaiser gegenüber. Denn um dieselbe Zeit hatte Philipp eine persönliche Zusammenkunft mit Franz I in Bar le duc, nachdem er Würtemberg für die anti- habsburgische Partei mit den Waffen, und zugleich durch den wieder eingesetzten Herzog Ulrich für die Sache der Reformation gewonnen. Hartmut kam scheinbar entgegen: „er würd dazu geneigt sein; sie mögten aber selbst erachten, dass sollichs beim Kaiser schwer zu erlangen sei; wenn aber der Landgraf es beim Kaiser und bei den Vettern durchsetzt, wollt er es ihm gefallen lassen." Dagegen bietet er jetzt, für sich und seine Ganerben: „Erböffnung der Burg und Stadt Kronberg an Hessen." Der Landgraf möge dabei bedenken: dass Hartmut „nie Räch gegen ihn gesucht, sondern die Sach Gott befohlen und schon schwer gelitten hat." Das Jahr 1535 brachte unserm Heimatlosen ein seltsames unerfreuliches Abenteuer, das seine eigne Familie und die Dalberge in beschämende Trübsal versetzte. Am 6. September 1535 schreibt Luther an Spalatin : „Hartmut von Kronberg ist in Wittenberg und sucht seine Schwester. Diese, eine (bis dahin) erbare Frau und Wittwe, ist von einem Juden geehelicht und entführt worden." — Es handelte sich um Walpurga Lorichia die, etwa 1500 geboren, im Jahre 1516 an den viel älteren Wolfgang Dalberg, genannt der Schiekel (Schieler), als dessen zweite Gattin verheiratet und bereits am 18. Februar 1527 Wittwe, mit zwei Töchtern und einem Sohne, geworden war. Wolfs Bruder, Philipp Frau Lorche entflieht aus Hernsheim mit dem Juden Jakob. 357 Dalberg war mit Katharina Kronberg, Kaspars I Wittwe, verehelicht. Acht Jahre lang lebte Lorche als stille ehrsame Wittib, scheinbar nur der Erziehung ihrer Kinder. Zu Anfang des Jahres 1535 erkrankt sie und beschliesst, mit Vorwissen eines Vetters, Wolf des jüngeren, Dalberg: sich in die Kur des Doktors Hermann, den sie aus Heidelberg kannte, nach Köln zu begeben. Um die Mitte des März bricht sie auf und fährt, in Begleitung einer jungen Magd und eines Bauern aus Hernsheim, nach Bingen. Hier lässt sie den Wagen zurückgehen, ändert ihren Weg und reist mit ihren Begleitern über Mainz nach Frankfurt; von dort weiter gen Norden. Acht Tage darauf regt sich bei den Vettern Wolf und Friedrich von Dalberg einige Besorgnis um die Kranke in Köln. Sie schicken einen Boten zum Doktor Hermann; dieser weiss nicht das Geringste von Frau Lorche. Am 4. April bringt der endlich zurückgekehrte Bauer einen Brief der Reisenden, der an Friedrich Dalberg und an ihre Schwester Katharina Kronberg, Klosterfrau zu Liebenau, gerichtet ist: Lorche befindet sich in Erfurt; sie gesteht „mit kläglicher Schrift:" dass sie sich heimlich wiederverheiratet hat, guter Hoffnung ist und um Jakobi (25. Juli) niederkommen wird. Ihre Ehe ist allerdings nicht standesgemäss; sie will jedoch die Thatsache nicht verheimlichen, da ja die Verheiratung ihr frei stehe. Lorche erbietet sich: gegen einen „ziemlichen Pfennig" alle Staatskleider und Kleinodien auszuliefern, da sie dieser sich jedenfalls entledigen will. Ihre Kinder, die sie bei ihrer Schwester im Kloster Liebenau zurückgelassen, empfiehlt sie dem Wohlwollen der Verwandten. Wolf und Friedrich Dalberg, mit ihnen der Bruder Hartmut XII, verlangen in ihrer Erwiederung zunächst eine zuverlässige Auskunft darüber: mit wem Lorche verheiratet sei? Sie versprechen: sie standes- mässig zu versorgen, falls sie ihr Verhältnis auflöse und zu ihren Kindern zurückkehre. Nun erklärt sich Lorche offen: sie hat sich mit einem Juden Jakob verheiratet; sein Vater heisst Alexander; beide wohnen zu Gross-Gerau unter dem Landgrafen von Hessen. Zwar hat Jakob bereits eine Frau und vier Kinder; jedoch ist es ihm nach jüdischem Gesetze nicht verboten, die eine zu verlassen (vermittelst des Scheidebriefes) und eine andere zu nehmen. Lorche hat niemand lieber als diesen Juden; schon seit drei Jahren steht sie mit ihm im Verhältnis; sie 23 358 Lorche incognito bei Dr. Luther in Wittenberg. kann ihn nicht verlassen; man möge das ihre Kinder nicht entgelten lassen." Lorche war in Erfurt mit ihrem Geliebten zusammengetroffen und von ihm nach Wittenberg gebracht. Hier blieb sie einige Monate und gab einem Kinde das Leben. Sie hatte den Dr. Luther aufgesucht, ohne ihm ihren wahren Namen zu nennen. Er war „von angeblichen Nonnen und anderen fahrenden Frauenzimmern" vielfach hintergangen und getäuscht worden — wie er seinem Freunde Justus Menius in Eisenach schreibt — und dadurch sehr misstrauisch. Er kam daher der dunklen Fremden nur mit grosser Vorsicht entgegen, wurde aber bald durch ihre Persönlichkeit sehr für sie eingenommen. Nun unterstützte er sie mit Rat und That, suchte sie in ihrem Jammer zu trösten und stand bei dem Kinde Gevatter. Gegen Menius nennt er sie ein „vortreffliches Weib;" sie sei „jedenfalls aus edlem Geschlechte." Als Lorche zu Anfang Augusts Wittenberg verlässt um in Eisenach durch Menius ein Unterkommen zu finden, empfiehlt Luther sie dem Freunde sehr angelegentlich: „als eine Unglückliche die vielleicht gefehlt hat, an der er aber Samariterdienste üben soll." Luthers Menschenkenntnis hatte ihn diesesmal nicht völlig getäuscht, denn wenige Tage darauf tritt Hartmut Kronberg bei ihm ein; er hat die Spur seiner Schwester bis dorthin verfolgt. Von ihm erfährt Dr. Martin den Zusammenhang und wendet nun seine ganze Beredt- samkeit und Autorität auf um den Bruder milde zu stimmen. Hartmut verspricht: die Schwester aufsuchen und für sie sorgen zu wollen. Luther meldet das am 24. August an Menius. Dieser soll Lorche trösten und Hartmut, wenn er bei ihm eintrifft, an sein Versprechen erinnern. Wenn Lorche, dieses „vortreffliche Weib," sich ihm voll anvertraut hätte, so würde er sie viel früher ihren Verwandten wieder haben zuführen können." Hartmut durfte sein Versprechen um so leichter geben, als inzwischen der Hauptstein des Anstosses aus dem Wege geräumt war. Die Verwandten hatten beschlossen gehabt: die Unwürdige zwar nicht an Leib und Leben zu strafen, unter allen Umständen aber sie von dem Juden zu befreien. Sie wenden sich um Beihülfe an den Kurfürsten Johann Friedrich von Sachsen, auf dessen Gebiet sie ihre Suche zu halten haben. Der „Zufall" will, dass die Dalberg-Kronbergschen Ab- Jakob in Thüringen niedergemacht, Lorche von Hartmut heimgebracht. 359 gesandten dem Juden, der ihnen persönlich bekannt ist, irgendwo in Kursachsen auf offener Strasse begegnen. In seinem Aeussern erscheint er als ein Edelmann zu Pferde, im verbrämten Rocke, den Hut mit Zindel überzogen und mit einem Federbusche geschmückt. Die Unterredung mit ihm ergiebt: dass er Lorche vor sechs Tagen in Wittenberg verlassen hat. Damit ist seine Persönlichkeit festgestellt; zu seiner gewaltsamen Festnahme haben sie nicht die Macht. Da sie ihn mithin lebendig nicht heimliefern können, so entschliessen sie sich kurzer Hand: ihn kalt zu machen. Und das wird sofort ausgeführt. Sie stechen ihn vom Pferde, binden dieses an einen Baum, lassen den Erschlagenen und seine Wehr daneben liegen, nehmen ihm nur sein Geschmeide nebst einem silbernen Dolche und verschwinden. — So etwa lautet die einfache rechtfertigende Meldung Wolf Dalbergs an den Kurfürsten Johann Friedrich. Weitere Folgen hat die Rachethat, soviel wir erfahren, nicht gehabt. Nicht einmal Mitleid fand der arme Jakob. Luther erwähnt sein Ende in zwei Briefen an Spälatin, vom 24. August und 6. September 1535: „Jener Jude, ihr Verführer, hatte einen sehr schlechten Namen, ebenso wie schon seine Eltern und man meint in Wittenberg: dass er mit vollem Rechte getötet sei." Auch Spalatin giebt Lorchen immer noch den Ehrentitel: „honestissima mulier." Ueber ihre ferneren Schicksale erfahren wir: nach Jakobs Tode hatte sie sich vor ihren Verwandten aus Eisenach bis nach Schlesien geflüchtet. Von dort wurde sie „friedlich zurückgerufen" und vermutlich irgendwo in der Heimat still untergebracht. Weiter war über die zweifache Wittwe nichts zu ermitteln; nur meldet die Flersheimer Chronik: dass Lorche Dalberg im Jahre 1547 nicht mehr lebte. Wir kehren zur allgemeinen Geschichte jener Tage zurück. Im März des Jahres 1536 brach Franz I in Savoyen ein. Karl V antwortete im Juli durch einen doppelten Angriff auf Frankreich. Aber sein Heer in den Niederlanden musste, nach vergeblicher Belagerung, von Peronne abziehen; er selbst, aus Mangel an Vorräten, nach grossen Verlusten die Provence wieder räumen. Hartmut war bei dem Nordheere im Gefolge des kommandirenden Grafen von Nassau. Der Landgraf Philipp hatte augenscheinlich den beraubten Sickingen und Kronbergen wie auch dem Kaiser gegenüber kein reines Gewissen und was noch bedenklicher ist: kein sicheres Machtbewusstsein mehr. Unterm 23» 360 Hartmut in des Kaisers Heer vor Peronne, 1536. 13. August schreibt er an die „Dreizehn" (den regierenden Körper) zu Strassburg: „Wir mögen euch ernstlicher Wolmeinung nit pergen, dass uns allerlei treffliche (zutreffende) anzeig und warnung zukommen: dass der von Nassau, (wegen ihres Streites über die Katzenelnbogensche Erbschaft), die Sickingen und Hartmann von Cronenberg des entlichen gemüts und willens sein sollen, nach dem itzigen kaiserlichen Zuge und Vollendung desselben Kriegs, mit Verwilligung kai. Mat., uns mit der That anzugreifen und zu beschedigen; dem wir doch, sovil die kai. mat. angehet, keinen Glauben geben." Es sei nöthig, gut aufzupassen. Da nun seine eigenen Kundschafter „zu viel aufsehens haben" (beobachtet werden), so dass sie nichts sicheres erfahren können, so soll Strassburg ihm den Gefallen thun „einen frommen redlichen und geschickten Menschen in des von Nassau Lager schicken, der fürr und fürr daselbst verharre und sich umb alle gelegenheit erkunde." Der Kundschafter Strassburgs schreibt dem Landgrafen am 24. August aus dem nassauischen Lager bei Brüssel; später, am 23. September, erstattet er in Marburg mündlichen beruhigenden Bericht. Damals hat sich Hartmut längere Zeit am Hofe der Statthalterin Erzherzogin Margarethe, Schwester Karls V, in Brüssel aufgehalten um seine und der Sickingen Sache zu betreiben. Auch die Ganerben, mit Ausnahme des sohnlosen Jakob III (88 F), hatten sich der hessischen Gewaltherrschaft in Kronberg keineswegs unterworfen. Sie lagen anhaltend vor dem Reichskammergerichte und verhielten sich schroff abweisend gegen jedes Anerbieten erniedrigender Abfindung. Es ist ein Brief Kaspars II (107 F), des Sohnes Kaspars I (96 F) und der Katharina Kronberg, an den Landgrafen, vom 20. Juli 1537, erhalten. Der daraus sprechende rechtsbewusste Mut des jungen Vergewaltigten gegen den übermächtigen grossen Landesfürsten und sein offener würdiger Protest gegen die übergreifenden Regierungsmassregeln der hessischen Büreaukratie verdienen volle Anerkennung. Er ist in Cronberg kürzlich wegen Geschäfte gewesen und hat dort unter anderem vernommen „wie das E. F. G. unser gemeinen Bürgern daselbst geschrieben mit gnediger und ernstlicher Beger: E. F. G. Vorwarnung zum Bürgereidt (den Inhalt des Eides) so sie bisher gepflegt und gethan haben, etwas weither zu strecken." Kaspar Kaspar II Kronberg an Landgraf Philipp, 1537. Bachsche Erbschaft, 1538. 361 als „ein junger" findet „dass solliche puncten uns von Cronbergk, auch unser gemeynen Burgerschaft, nit wenig beschwerlich, auch widder alt Herkommen, geprauch und Uebung, und insonderheit des Verstands (Einverständnisses), so gemeyne Burgerschaft mit uns von Cronbergk von langen Zeiten her gehabt, auch von Romische Keysern und Königin, und noch itzo als unser rechten Obern und Lehenherren, herpracht hatten. Bei der Gewinnung haben E. L. den Bürgern zugesichert: sie bei ihren alten Freiheiten und Herkommen zu lassen." Kaspar bittet, ihm seinen Brief zu verzeihen, die Sache nochmals untersuchen und die Burgerschaft bei ihrem alten Herkomen gnedigst bleiben zu lassen. Caspar von Cronbergk. Im Jahre 1538 starb Jörge von Bach, der letzte seines Stamms, Mutterbruder von Anna Gattin Hartmuts XII, von Katharina Kron- bergk Wittwe Kaspars I (96 F), dann Philipps von Dalberg, jetzt drittmalig verheiratet mit Friedrich von Fleckenstein, und von Vero- nica vermählt mit Philipp von Nippenburg. Diese drei Schwestertöchter waren des Oheims Erbinnen in der grossen Herrschaft Binzburg bei Offenburg. Die Verhandlungen unter den Schwestern, mit den verschiedenen Lehnsherren und über allerlei sonstige Ansprüche dauerten einige Jahre und führten Hartmut mehrfach auf längere Zeit nach OfFenburg. Hartmuts XII zweiter Sohn, Hartmut XIII (103 K), damals frankfurter Amtmann zu Bonames, machte im Jahre 1539, zu Hohen-Königs- berg im Elsass, Hochzeit mit Barbara von Sickingen Franzens Enkelin, 1522 zu Basel geboren, wo ihr Vater Schweikard als Flüchtling lebte. In demselben Jahre wurde, zu Lautterburg im Elsass, eine Ehe- beredung zwischen Georg I von Kronberg (106 F) und Margarethe von Fleckenstein, Wittwe Ludwig Dalbergs, vollzogen. Dabei waren persönlich vereinigt: Hartmut XII, der Deutschmeister Walter, der Dom- scholaster Simon, der Bruder des Bräutigams: Kaspar II. Lfm diese Zeit begann Hartmuts Trübsal sich ernstlicher zu lichten. Schon im Jahre 1537 hatten sich der Kurfürst Johann Friedrich und der Herzog Moritz von Sachsen, mit ihnen die dem schmalkaldener Bündnisse zugewandten wetterauer Grafen, beim Landgrafen für den hart geschlagenen Glaubensgenossen verwendet. Durch die Zeit war 362 Philipp gereift, friedlicher gesinnt. Hartmuts Supplikation, 1537, Philipps Sinn gemildert; er begriff mehr und mehr die überwiegende politische Notwendigkeit der Einigung unter allen protestantischen Ständen gegenüber der kleinlichen persönlichen Genugthuung aus der Gewaltthat gegen die Kronberge. Er war jetzt ein gereifter Mann von hervorragendem Verstände; keineswegs „grossmütig" aber von grossem Mute, nämlich: Kraft des Wollens, zugleich aber von starker Selbstwilligkeit. Luther schrieb von ihm: „Der Landgraf ist ein Kriegsmann, von Person klein aber im Rath und Verstand mächtig und glückselig." Sein Geheimerat Sigmund von Boyneburg gestand dem Doktor Martin: „Lieber Herr Doktor, unser Vermahnen hilft nicht; was er fürnimmt, da lässt er sich nicht von bringen." Die Thaten seiner jungen Jahre beurteilte Philipp nicht mehr allzu günstig: „er wollte, dass alle diejenigen, so dazu gerathen und geholfen, dass er durch den Kaiser mündig gemacht, der Engel hinführe, der vom Himmel herabgefallen sei" und: „Wäre gut dass wir alle auch das unordentliche Leben des Ueberfressens, Banktirens und Saufens uns mässigten und abstellten." Unser uraltes Nationallaster war damals wieder besonders bös im Schwang, namentlich an den Höfen. Unterm 8. Juni 1537 wandte sich Hartmut, nachdem seine Freunde abermals vorgearbeitet hatten, durch seinen Schwager Riedesel geradezu mit einer „Supplikation" an den Landgrafen. Sie war ihm wohl recht sauer geworden; der Eindruck der Schrift ist gequält, langatmig und ohne wahrnehmbaren Fortschritt in der Entwickelung: „Dieweyl mich christliche pflicht zwingt, bei e. f. g. gnad und vertragk unterthenigst zu suchen und dann hiebefor hoch und niedere persohnen vielfaltiglich meynenhalben angesucht, so will ich auf christlichen grundt den höchsten procurator Christum e. f. g. vor mich darstellen. . . . Christus wird unss verzeihen, so wir uff solliche Mass unss mit dem nechsten ver- sünen werden." . . . Der Landgraf stellte unterm 28. Juni gegen den Statthalter Sigmund von Boyneburg als Grundlage eines Vertrages abermals auf: „Hartmut möge Kronberg als hessisches Mannlehen empfangen und darüber vom Reich Verwilligung bringen." Das indessen war allzu unerreichbar beim Kaiser um ernstlich gemeint zu sein. Gleichzeitig antwortete Philipp eigenhändig, augenscheinlich bei gutem Humor und wie die Katze mit der Maus spielend: Der Landgraf schreibt persönlich an Hartmut, 28. Juni 1537. 363 „Lieber Hartmut. Ich hab gelesen deine Supplication und christlich Vermahnung, an mich gethan. Nun weiss Gott, dass ich dir im Herzen nicht feind bin, obgleich du es um mich wohl verdient. Bin auch geneigt, dass die sach christlich und ehrlich möge vertragen werden." . . . Ich darf jedoch als gute Obrigkeit „nichts an mir vermindern lassen, . . habe schwere Kosten und viel Bluts aufgewandt." Niemand darf mir Schuld geben können, „dass ich das Eroberte so leichtlich von mir kommen Hess, eher als der schade ausgefolgt wäre." . . „Und darumb wirst du nit allein dich, als ein Christ wie ich dich mer- mals rumen höre, bedenken, sondern mich und meine underthan und nach kommen auch. . . Dan mich bedünke, du siehst und suchst allein die liebe des nechsten und gots gebot uff deiner seite, da dirs wol thut; du must aber herwieder, der liebe art nach, auch das meine (suchen), wie Paulus sagt: „Ein jeglicher such nit das seine, sunder was eines andern ist." „Wo du nun so christlich sein wild als ich zu dir hof, musst du" . . . erwägen . . . „was mir nachrede und Unwillens bei meinen underthanen folgen würde. Auch bedenken, und dich der massen in die sach schicken, dass ich auch nicht mich kann mit dir vertragen und darin deiner bracht oder hoffart (wilches ich dir doch zu nachtheil nit schreiben wil) nit mehr ansehen denn gotts ehr, bruderliche versünung des nechsten; und ist not dass ich dich deshalb mit der schrift oder exempel der schrift in diesem meinen schreiben belästige. Dann ich dafür halte, du sie genugsam gelesen und verstanden hast, das so billich ist das einer vergebe, darwidderumb der ander auch nachlass; als nimpt man dir den Rock so gipp den mantel darzu. Das ich doch nit geneigt bin, dich ganz zu entplossen sondern gnediglich zu halten, und hab darum meine Rete befolen, dir mein gemüt hieneben antzuzeigen; wo du nu nit zu gar prachtig (bist) und den alten Adam hast zu heischen (fordern), so würd diesser sach wol guder radt funden werden, sie on eine sonder verderplichen oder deiner ehren nachtheilig (Bedingung) zu vertragen, und magst mir warlich glauben, das ich dir mit der that vergelte, dan nu hat ich wol weiter kegen (gegen) deinen leib und güter zuhandeln gehapt, und wil hiemit dir wünschen in got gnade, dass du dich in dissem handell so christlich und vertreglich, wie das der liebe nach sich gepurdt, haltest, wie ich dann auch zu thun geneigt, und 364 Widerstand der Flügelvettern und des Kaisers, 1538—39; Stockung. (was du) als ein Christ von myr begerdt, auch selbst zu thun schuldig bist. — Bis gott bepholn. Donnerstag (nach) Johannis (28. Juni). An Hartman von Cronbergk. Philips 1. Z. Hessen." Die Verhandlungen zogen sich durch dieses und das nächste Jahr bis zu 1539 hinaus, da Hartmut immer noch die Zustimmung seiner Vettern vom Flügelstamme und des Kaisers zur hessischen Afterbelehnung beschaffen sollte. Beide Beteiligte weigerten sich dessen. Die Sache wurde hin und wieder gezerrt. Der Landgraf verlangte Ersatz der von ihm an Jakob III für dessen Anteil bezahlten Summen. Die Vettern Kaspar II und Georg I Kronberg wollten nichts nachlassen; sie hätten den Landgrafen nie beleidigt und keine Eile, zum Vertrage zu kommen. Die Erböffnung für Hessen wollten sie bewilligen. Inzwischen hatte Hartmut im September 1538 auf Einladung des Pfalzgrafen in Frankfurt vor den drei Kriegsfürsten gestanden; bald darauf scheint er bereits zu Kronberg in der Stadt, auf seinem Hofe am frankfurter Thor gesessen zu haben. Das Schloss, so berichtet der hessische Amtmann an den Landgrafen: sei „so verfallen dass es mit 2000 Gulden kaum wieder zum Bauen und Wohnwesen zu bringen sei." Am 8. Dezember 1538 verhandelte Hartmut abermals zu Frankfurt mit dem hessischen Kanzler Faige. Dann unterzeichnete er unterm 22. April 1539 zu Glessen den Entwurf eines Vertrages. Philipp schreibt seinem Amtmann Helwig von Lauterpach: Es sei Vertrag mit dem Cronbergk bis auf kaiserliche Genehmigung verabredet. Philipp befiehlt: „dass du Hartmud von Cronbergk die Abnutzung von allen gemein Cronbergk gehörigen Gütern, so zu seinem Theil und den anderen von Cronbergk zustehen, auch Jakob von Cronbergk gewesen, diss Jar lang halb folgen lasst, und weithers unseres Bevelhs, wie du es ein ander Jahr damit halten sollst, gewartest." Hartmut war im Laufe der langen in Unruhe verbrachten Zeiten zwar noch nicht alt an Lebensjahren, aber mürbe im Widerstande geworden. Er bedurfte der Ruhe und wollte seinen Kindern die volle Nutzung der Kronenstamms-Hälfte sichern. Die jungen Vettern dagegen, Georg und Kaspar beharrten im Widerstande. Sie erwirkten unterm 24. April 1539 eine kaiserliche Ladung des Landgrafen vor das Kammergericht in Wimpfen, um sich zu verantworten: „weshalb er Cronbergk Der strassburger Reformator Bucer greift vermittelnd ein, 1539. 365 nicht an das Reich herausgegeben habe." Dieser richterliche Anlauf hatte jedoch, wie üblich, dem grossen Landesfürsten gegenüber keinen Fortgang. Am 23. September 1539 befiehlt der Landgraf seinem Amtmann Alexander von der Tann: er soll sich nach Michaelis in Oppenheim einfinden und die Sache mit Hartmut verhandeln helfen. Am 16. Dezember meldet Hartmut dem Landgrafen: er sei in Ladenburg mit den Vettern zusammengewesen, die Verhandlungen seien jedoch gescheitert. Sie wären wohl gänzlich versumpft, wenn Hartmut nicht einen neuen mächtigen Bundesgenossen gefunden hätte in seinem alten Freunde von der Ebernburg, dem strassburger Reformator Bucer. Dessen Streben ging dahin: alle protestantischen Stände des Reiches im schmalkal- dischen Bunde fest zu verknüpfen. Daher arbeitete er beim Landgrafen auf Versöhnung mit der Reichsritterschaft und den kleinsten Reichsgrafen in der Wetterau. Im Frühjahr 1539 schrieb der Kaiser, der sich mehr und mehr zum Widerstande gegen die schrankenlose Selbstwilligkeit der Landesfürsten gedrängt fühlte, eine Tagfahrt nach Frankfurt aus. Dort trafen der Landgraf Philipp und sein alter Gegner Hartmut abermals zusammen; es kam zwar zu einer befriedigenden Aussprache aber immer noch nicht zum Abschlüsse. Bucer nach Beckers Weitgeschichte, war gegenwärtig gewesen. Dann hatte Hartmut in Strassburg mit diesem sich verständigt. Am 28. Mai 1539 schreibt Bucer aus Strassburg an den Landgrafen: „Hartmudt von Cronbergs halben hab ich von ihm selb hie gehört mit grossem rhumen, wie E. f. g. in selb so gnediglich angesprochen (in Frankfurt) und von Frantzen hendelen gefraget heben, und was er für Ursachen seinen vehden furgewendet habe, des habe er E. f. g. ein- feltigen bericht gethon, so fil er gewust. E. f. g. habe ihn aber daruff vermahnet, sich solicher faul zugetrunger (zugetragener?) Sachen hinfur zu entschlagen, des er dann on das vorlengist gewillet gewesen sei. Dann ich in selb zwar anders nie vernomen habe, dann alsz der wohl erkenne, das die Sachen, die Frantz zu seinen vehden gehabt, fil zu gering gewesen sind zu solichem schweren zug und hendlen, die Frantz 366 Bucer verhandelt mit dem Landgrafen, 1539—40. gefüret hat. Ob aber Hardtmudt sich des abscheuens ob disen vehden bei E. f. g. nit so wohl (nicht stark genug) hat vernemen lassen, acht ich, sei daher komen: er hat Frantzen, alsz der warlich, die vehden auszgeschlossen, ein gar teurer, frommer, gottseliger mann gewesen, der besserung der kirchen und polici im reich gar gern gesehen hette, gantz lieb gehabt. Derhalben er in auch, so fil möglich, gern entschuldiget, und nemlich (namentlich) dessen, das im wurdt, wie ich auch selb erkenne, mit gewisser onwarheit zugelegt: alsz solte er gedacht haben, sich in fürstliche hocheit zu erheben, und gemeine ordentliche oberkeiten abzuthun. Aber alsz ichs zu Franckfort meermals erfaren, so besorge ich wol, Hartmut hat bei E. f. g. nit alles mit grossem betrachten, wo und wie er stände und wohin alles verstanden werden möge, geredt. Er ist warlich frommer und redlicher dann weltgescheid und gewarseim. E. f. g. bitte ich, sie wolle seine reden meer der ein- falt dann einigem stoltz zuschreiben." Die eigentliche Ursache lag gewiss in Hartmuts Edelsinn, der ihn hinderte den untergegangenen Jugendfreund auch nur im geringsten zu verleugnen. „Die Begnadigung wird dem Landgrafen selbst zu grossem Vorteil gereichen. Die Sickingen und Hartmut sind leut ... die auch gern sehen, dass es in den kirchen und sust recht und eerlich zu gienge, ob sie wol auch die gemeinen mengel der junckherrschafft und ihre besonder feel habe." Der Landgraf erwiedert aus Zapfenburg, 24. Juli 1539: . . So viel Hartmann von Kronberg betrifft, seind wir dem, wie es zu Frankfurt abgeredt, nachzukomen willig. Aber wahrlich besorgen wir, es sei in allen Ständen Ufsehen uf andere, und sich selbst nit; auch dass ein jeglicher nit pleibe in dem Beruf, darin ihme gepurt; die Fürsten wollen König sein, der Adel und Graven wollen Graven und Fürsten sein, die Städte zum Theil feiern auch nicht, die Hoffart ist ja so gross bei ihnen als bei anderen, und darumb folgt auch solch Unordnunge in der Welt." Erst am 16. Juni 1540 schickt der Landgraf an Bucer die inzwischen mit Hartmut zu Schmalkalden abermals verabredeten Artikel mit dem Begleite: dass er der Abrede zu Schmalkalden, sonderlich auch seiner (Bucers) Fürbitte willen, gern wollte einmal zu Ende sein, damit er getrost beten möge: „Vater vergib uns als wir vergeben unsern Schuldigern." Der Eingang des Vertrages klingt indessen noch streng, Widerstand der jungen Vettern. Domscholaster Simon f 1540. 367 ja! erbittert: „Wiewohl Hartmann und Kaspar von Kronberg gegen den Landgrafen schwerlich gehandelt, so will doch seine fürstliche Gnade die mannigfaltige Bitte, so von Chur und Fürsten, neben andern, gegen s. f. G. geschehen sind, auch das, dass Hartmann „vor ainen evangelischen Mann hochlich gerumbt wirdet," ansehen und göttlichem Befehl nach, dass s. f. G. ihrem Nächsten verzeihen und vergeben sollen, folgende Mittel .... zulassen. . . . Bucer antwortet am 8. Juli: die unüberwindliche Schwierigkeit liegt in den jungen Vettern Kronberg, Kaspar und Georg. „Man hat inen getrewlich furgehalten, das E. F. G. inen ihres vaters halben (Kaspars I in der hessischen Fehde) meer ongnedig zu sein Ursachen hatten, dann gegen Hartmut .... noch beharren sie, alss junge raue und freidige (freche) gesellen, vorab der eine (Kaspar), uff irem sinn, weyl sie der sachen wol auss zuwarten haben und in keinem besonderen mangel irer güter stehn, wie Hardtmut." . . . Sie besassen die kölnischen Lehne, die ihre zweite Grossmutter Maria Walpod von Ulmen in die Ehe mit Frank X (75 F) gebracht hatte; dann die Hälfte der Herrschaft Binzburg bei Offenburg, mainzer Lehne u. s. w. „Meinen sich zu behelffen des Vertrags, den ir vatter gegen E. F. G. erlanget, daruff der Landtfrid zu Worms uffgericht .... und dem allen nach inen, alss onschuldigen kindern, mit (der gewaltsamen Wegnahme von) Cronberg, Wasserbibliss und dem Zehend zu Gelnhausen erst solich (neue) beschwernuss zugestanden." Sie meinen, „sie thun one das fil" (durch die Erböffnung und den Verzicht auf die ihnen seit 18 Jahren vorenthaltenen Früchte), „und das ire vorfaren umb kein gut noch gelt je haben thun wollen." Der Landgraf möge nun „um der Vettern härtigkeit halb," Hartmut der „fürwar für sich alle seine tage ein on- schedlich frommer man gewesen", nicht „langer hangen lassen." . . Den jungen Brüdern fehlte damals bereits der Rat ihres weltreifen Vaterbruders und früheren Vormundes, des mainzer Domscholasters und Domherrn zu Trier: Simon (97 F). Er starb am 15. Juli 1540, sechzig Jahre alt. Sein Schild hing als Memorie im Dome zu Mainz mit folgender Inschrift: „Clauditur hac tellure Simon Cronbergius heros, Palma SchÖlasti- cörum, gloria magna patrum. Gloria pieridum, Germaniae gloria Cleri, Aureus ast artifex, praxitelis manibus." 368 Simons Grabscbriften. „Von dieser Erde hier wird eingeschlossen der Held Simon Cron- berg, die Palme der Scholastiker, der hohe Ruhm seiner Väter. Der Ruhm der Musen, der Ruhm des deutschen Clerus. . . Nicht minder ein vorzüglicher Künstler mit des Praxiteles Händen." Er ruht in derselben Gruft mit seinem, am 26. März 1505 dort beigesetzten Vatersbruder, dem Domherrn Johannes X (83 F). In der Mitte ihres gemeinsamen Grabsteins steht auf einer Tafel: „Dem Scholaster Simon von Cronberg, dem persönlich und öffentlich berühmtesten Manne, ist dieses Monument zu seinen Ehren und seiner Tugend halber nach den Zeugnissen der Guten und dem Urteil der Weisen gegeben; die Vollstrecker seines letzten Willens haben es machen und aufstellen lassen. Er starb 1540, im Monat Julius XV." — Bucers Vermittelung Hess nicht nach. Der Landgraf antwortete ihm aus Spangenberg am 15. Juli 1540. . . . „Wir befinden, je mehr wir weichen je mehr man uns zu weichen treibet, und verstehens dahin, dass man uns in nöthen zu sein erachtet und meint, uns zu dringen." ... Er verlangt zunächst eine Anzeige: „wen Cronenberg der offnung halber für lehenherrn will ausnehmen. Dann uff die weise halten die von Cronberg: einen jeden, wen sie gelüstet, für einen lehenherrn zu bekennen, mochtens auch die lehenherrn sein die uns ungelegen." . . . Das Zugeständnis der hessischen Afterbelehnung war inzwischen fallen gelassen. Am 20. Juli 1540 sendet Bucer dem Landgrafen den Entwurf über die Erböffnung und den deshalb zu schliessenden Burgfrieden. Hartmut werde dadurch schwer belastet, da er „disser sachen halber nit weniger dann umb 30,000 Gulden kommen seie." Er hatte den Flügelvettern für die Einwilligung in die Erböffnung: ll,000 Gulden zu vergüten. „Ausserdem muss er die, von Hessen auf Wasserbiblis gemachte Anleihe dem Agenten Helfmann allein zurückzahlen" ... so war er (Uebersetzung) Die Wappen in den vier Winkeln sind: Cronberg (c. a. Vater). Helfenstein (väterliche Grossmutter). Leyen (Mutter). Mauchenheim genannt: Bechtolsheim (mütterliche Grossmutter). Bucer ermüdet nicht. Hartmut am Hoflager in Brüssel, 1540. 369 dennoch ziemlich gestraffet nach dem er sein tag (ehemals) ein bösser Krieger gewesen." . . Am Schluss heisst es: „Hartmut vertröst mich herlicher dienste, die sie (seine Söhne und er) E. f. g. frei gewisslich leisten werden. Es sind leut, die aus freier liebe fil meer thun dann man inen mit geding dorffte zu muten. So möge es E. f. g. dannach auch wol furstendig sein, under disem Adel (Reichsadel) getreue leut zu haben, die etwas vermögen. Der Herr wirke und helfe." Diese Erwägung des politisch - konfessionellen Vorteils für den Landgrafen führt Bucer, unterm 8. August 1540, nochmals weiter aus. ,,.... ist mein underthenig bitt, sie wollen ire begnadigung ein mal enden. Dann warlich ich das vor gott red: wie die Sachen allenthalben stehn und lauten, so hielt ichs E. f. g. wol zu rahten sein, ein solchen Adel noch mit mererem zuhanden zu gehen, und weiss: es werde etliche bosswillige nit wenig hindern und E. f. g. merglich furdern. . . . Dann Hardtmut und seine söne getrew sind und warlich etwas vermögen. . . Seine jungen vettern . . . sind junge freidige riche gesellen und haben leut, die gern . . . was E. f. g. nutz sein möge, hinderten." Die Flügel waren katholisch geblieben. „Das ist Hardtmut leydt, der des Evangelii halben E. f. g. gern fil leut günstig machet und anhengig. Sollten E. f. g. allein wissen: was er zu Hagenow gestritten und was ungnad er dabei erlanget, sie wirden im noch ein grosseres thun, dan er begeret." In Hagenau fand 1540 ein „Religionsgespräch" zwischen Zwinglianern und Lutheranern statt. Die abgeänderten Entwürfe gingen mehrere Male durch Bucers Hände hin und wieder. Er betont stets Hartmuts, der „sehr getrewe," guten Willen und die härte der jungen Vettern. Als die kaiserliche Genehmigung zum Oeffnungsvertrage beanstandet und auf den bevorstehenden Reichstag zu Regensburg verschoben wurde, schreibt Bucer, am 25. Dezember 1540: Hartmut sei deshalb an das kaiserliche Hoflager in Brabant geeilt, jedoch ohne Erfolg. (Der Kaiser war dort aus Spanien eingetroffen um den protestantischen Aufstand in Gent zu dämpfen). „E. f. g. wollen umbs herrn willen bedenken, so sie disse leut doch begnaden wollen, dass sie inen die begnadigung lassen also ein mal in geniess kommen und zu lieb werden, alss sie (selber) gottes begnadigung zu befinden und zu niessen begern." Der Landgraf mochte sich dessen gerade damals wohl be- y, !•• ' I 1! 1 , y^U ^p^, ijW? **>*r VjtfW,^vt» %®£rw' Vv-> ^ , \, r^**? ^X\ W ^V* V:: . , ■ . ' ! A /V J /? / -■'" ' "• ''" v ""- A-U^' v^ v- S/Tz/^ /' ^* S^iyH-yn^f i ( fGU /£- m 1 Qsl - ~£y ^ -Z. (~ t-s. "\?<> "- \ c_ r- <». ~2- V 1 ~ ~ -/>iL-t L y^ 1 44*^%^ •jM«f **vW- £M>-*i 4 i . Wl w., , . 'V" /vu • ,- "ii ^ * * *V' , *** <> *' ^**-V/ »#*•* n /7 i - i ■' /7 v0i/t *-< , '--i.> , 4)i-V A^ ; / / ' V (+.***[ jft**" ^* r ' Cwr£ I fr Die sechs Unterschriften des FriedeierÄges von Kassel, 2. November 1541. sonders bedürftig empfinden, wegen seiner bedenklichen Doppelehe. „Der mann wirdt alt und wirdts doch nit so lang niessen mögen, weil dann E. f. g. umbs herrn willen die begnadigung beschlossen haben." - Hartmut ist — so mahnt Bucer wiederholt im Jahre 1541 - an der Verzögerung unschuldig; er „will gern nouh K. Mt. verwilligung erleyten, wie er doch darumb in Brabandt so lange am Hove gewesen;" der Kaiser aber hat die Entschliessung aufgeschoben bis er selbst nach Regensburg kommt. Auch ist dieselbe nicht erforderlich solange noch die Cronberge und nicht andere Vasallen im Reichslehen sitzen." Aber der Landgraf bleibt hart: „Hartmut soll sich noch einmal um den Consens bemühen, denn es wäre uns schimpflich und verkleinerlich ein solch Ding also liderlich hinzugeben." X. Friede und Heimkehr. 1541 bis 1548. jACHDEM die kaiserliche Genehmigung zur Erböffnung endlich unterm 25. April 1541 erreicht war, wurde am 2. November 1541 zu Cassel der Vertrag von allen Beteiligten vollzogen. Seine, uns schon bekannten, wesentlichsten Bestimmungen waren: 1. Kronberg und Eschborn bleiben Reichslehen. 2. Hessen erhält dort das beschränkte Erböffnungsrecht. 3. Die Kirchenordnung des Landgrafen, gemäss der Augsburgischen Konfession, bleibt bestehen. Sollte den Kronbergen darum eine Anfechtung begegnen, so will Hessen sie schützen. 4. Hartmut trägt dem Landgrafen 4 Hufen Eigengut vor Eschborn, im niederen Felde gegen Sossenheim, zu Lehen auf und empfängt es als solches zurück. (So war er dennoch wiederum seines langjährigen Todfeindes Vasall geworden.) 5. Wegen Wasserbiblis wird vertragen: dass die Kronberge die Hälfte vom Hause und Gute bekommen; dass Hartmud für die Wiedereinlösung dem Pfandbesitzer Licentiaten Helfmann 6600 Gulden zahlt; endlich: dass Centgericht und Obrigkeit bei Hessen bleiben. Das Original des Vertrages, in der Hofbibliothek zu Darmstadt, trägt die Unterschriften Hartmuts XII, seiner zwei Söhne: Philipp VIII (102 K) und Hartmut XIII (103 K). Der dritte Sohn, Walter XII (104 K) 372 Philipps Zweifel an seinem Besitzrechte. Wiedereinleben der alten Herren. war noch minderjährig. Sodann die der beiden widerspänstigen Vettern: Georg I (106 F) und Kaspar II (105 F); endlich die des Landgrafen Phi- bracht; also dass Cronberg, Schloss und Stadt, soviel Hartmann zugestanden hat, mit allem Zubehör in unsere Hand kommen ist." Das widerspricht ohne allen Zweifel der thatsächlichen Depossedirung sämmt- licher Ganerben. Wurde diese etwa jetzt stillschweigend als rechtswidrig zugestanden? Als der hessische Amtmann aus Kronberg abzog, liess er dort einige alte Gefällbücher zurück. In demjenigen von 1533 findet sich ein wirtschaftlicher Spruch, wenn auch nicht grade: der Weisheit, der hier die hessische Zeit friedlich abschliessen mag: „Zer ich so Verderb ich, Spar ich so sterb ich. Besser gezerrt (gezehrt) und verdorben, Dan gespart und gestorben. —" Für Hartmut galt es nun zunächst: sich in der alten Heimat mit den jungen Vettern wieder einzuleben. Während der Fremdherrschaft hatte der hessische Amtmann zu Eppenstein über Kronberg gewaltet. Hier war in den einundzwanzig Jahren vieles verfallen, verkommen, verloren, gestohlen. Das Schloss selbst war eine Halbruine. Aber auch die übrigen Besitzungen bedurften neuer Verteilung, damit die ungewisse und verderbliche gemeinsame Wirtschaft endlich einmal aufhöre. Ueber all dieses wurde am Freitage nach Oculi, 17. März 1542, vor dem Deutschmeister Walter als Schiedsrichter, zu Speier zwischen den Stämmen von Kronberg ein „Burgfrieden" errichtet. Sein um- lipp. Der Kaiser bestätigte dieses Instrument. Karls V Unterschrift. Eigentümlich steht nach dem Vertrage die Frage des landgräflichen Besitzrechtes. Er sagt selbst: „dass wir, der Landgraf, auch für Cronberg geruckt und dasselbe zu Ihrer (Pfalz und Trier) und unserer Hand Wiedereinleben auf Burg Kronberg. 373 standlicher Inhalt ist indessen für eingehende Mitteilung nicht mehr wesentlich genug. Hartmut scheint sich dann der Wiederherstellung seines Schlossflügels gewidmet zu haben. Nach der Jahreszahl 1543 rührt der Laufgang um den ersten Stock von ihm her. Auch der Doppelgrabstein seiner Eltern in der Burgkapelle wird aus dieser Zeit sein. Ebenso sein Portrait- bild, jetzt in Schloss Friedrichshof (S. 329). Einige Verschönerungen jedoch als: die Schnecken an den gothischen Treppengiebeln, die Temperamalereien im sogenannten Rittersaale wurden erst von seinem zweiten Sohne, Hartmut XIII, ausgeführt. Auch den vernachlässigten Gütern suchten er und Frau Anna wieder aufzuhelfen. Im Jahre 1544 geben sie 25 Morgen Ellern oder Wasen auf dem Driesch, zum Hofgute Fronrode gehörig, an Hermann Dopff und 27 andere Kronberger in Erbleihe, zur Anlage von Weingärten, gegen einen Jahreszins von 20 frankfurter Hellern vom Morgen. Beim Kaiserstanden die Kronberge fortan in Gnaden. Am 9. Juni 1545 erhalten sie eine kaiserliche Belehnung mit dem Bergwerksregal in Burg Stadt und Thal Kronberg. Dass sie dort den Bergbau betrieben, ist nicht bekannt geworden. Vermutlich wurde das Recht erworben um andere zudringliche Schürfer und Spekulanten auszuschliessen. Hartmuts damalige Handschrift wird aus seinem Briefe, an einen Unbekannten, vom Montag nach Sebastian, 21. Januar 1544, hier wiedergegeben. Die Entzifferung lautet: „Meyn freundlich Dinst zuvor liber freunt. uff den abschyde Ich mit euch zu Franckfort genommen, hab Ich mit fleyss gesucht under meynen brifen nach dem alten Briff so Ich vor meyner verjagung gesehen, aber Ich hab ihnen nit finden künden, und wie Ich euch gesagt, hab Ich dozumall gehört, wie derselbig priff uff meyne altern (Voreltern) und daneben noch ayner uff den alten francke soll ausgepracht sey bey eynem römischen kayser. wo sollichs also gescheen were, acht Ich so sollent denen, so uf dem alten Francke ausgepracht were, zu Liehe bey andern alten meyne gnedige Hern von Sülms prifen finden mögen, mir ist woll angedenk dass für meyner verjagung ich eyn priff gehapt, uff mey altern eyne Sage(?). Ich habe aber nit sonders geacht, alleyn dass mir noch ingedenck ist dass mir dozumall müntlich und mit keynem priflichen scheyn bericht gethan, wie desgleychen ey freyhungs priff uff den alten 24 Hartmuts Selbstschrift vom 21. Januar 1544, Der Kronberge Undankbarkeit gegen den Landgrafen, seit 1543. 375 Francke uff ey mall ausbracht soll seyn. weytter werd ich euch nit wissen anzuzeyge. Sollichs hab ich euch, zu Liehe darnach zu suchen, haben nit wollen verhalten; meyn briff war ey cleyner lateynischer priff meynes behaltens uff Hern Hartmudt vo Cronberg stehend, der des alten Francke Schwester gehapt deren mutter eyne von Hotzfelt, aber dess alte Francke Mutter eyne von runckel gewesen. Datum uff mon- tag nach Sebastiani xliiii. Hartmudt von Cronbergk. Allerdings gingen Bucers gutgläubige Versicherungen über die eifrigen „herrlichen" Dienste, die Hartmut und seine Söhne dem Landgrafen freiwillig leisten würden, nicht in Erfüllung. Und das war im Grunde selbstverständlich. Wenn der alte Vater auch äusserlich treu zu seinem erzwungenen Worte stand: so hielt er nicht minder fest an seiner Lehenspflicht, an seinem Rechte, an des Landgrafen Unrechte; so waren doch seine Söhne, vor allen aber die zwei Flügelstammsvettern fast zwanzig Jahre lang ihres Erbes gewaltsam beraubt gewesen und endlich nur durch den Druck Kaiser Karls V und der allgemeinen politischen Verhältnisse, notdürftig und wesentlich verkürzt, in ihr gutes Recht wieder eingesetzt. Zur thätlichen Dankbarkeit gegen den Landgrafen konnte kein Kronberg innern Drang fühlen, noch band ihn dazu äusserer Zwang. Andrerseits führte sie die Lehenspflicht und die gegebene Lage der kleinen Reichsunmittelbaren zum Kaiser, als ihrem einzigen Beschützer gegen die Landesfürsten. So finden wir Hartmut alsbald wiederum gut kaiserlich und reichsritterlich gesinnt; zwei seiner Söhne fechten 1552 als kaiserliche Offiziere gegen Kurfürst Moritz von Sachsen und Philipp von Hessen. Bereits im Jahre 1543 fand Landgraf Philipp Ursache zur Klage über kronbergische Undankbarkeit. Er war bemüht: das von seinen Vorfahren gegründete und reich ausgestattete Spital des Deutschen Hauses in Marburg wiederum stiftungsmässig für protestantische Geistliche und für sechzig Kranke einzurichten. Dagegen wollte die, in Burg Friedberg angesessene mittelrheinische Reichsritterschaft auch ferner das protestantische „ritterliche Spital" des Deutschen Ordens beibehalten. Hartmut Xll war unter den Vorständen der Genossenschaft. Der Landgraf an Bucer, Cassel 4. November 1543. . . . „Darbei können wir nit unerindert lassen, das wir uf ewer anhalten den Hartmann von Cronberg widerumb begnadet und zu dem 24* 376 Die drei Versorgungsanstalten der rheinischen Reichsritterschaft. seinen haben kommen lassen. Nun gibt er uns itzo darfur den rechten lohn der undankbarheit, dann er beneben andern vom adel, sonderlich in des Marpurgischen compthurs sach, gegen uns heftig ingelassen." . . . Der Landgraf verlangte: „gemäss unserer vor altern fun- dation die armen des hospitals, auch die pfarren und kirchendiener" — wie von altersher — „mochten noturftig unterhalten werden." . . . „Wir besorgen, es werde nit geschehen, da . . . auch dem adel der sich sonst vor gut evangelisch usgibt, als Hartmann von Cronberg, unser Ordnung zu Marpurg hoch zuwider ist." . . . Etliche vom Adel, „darunter wir diesen Hartmuth gewisslich der vornehmsten einen achten," haben dem Landgrafen in dieser Sache beim Kaiser „weidlich und hoch eingeschenkt." Bucer erwiedert am 24. November 1543: „Hartmuden von Cronberg wollen E. f. g. nit verdenken das er sie irget solte verklagen, deren er eer und wolfart, warlich alles seins Vermögens, begert zu befordern. Was er bey E. f. g. hab gehandlet, dazu hat in das Frid- bergische burgrecht getrieben. Gepetten hat er, gepetten; weyter Werdens E. f. g. gewisslich nit erfaren. Doch will ich das erst, so ich kan, von im erkundigen: ob er etwas wysse, das andere vom adel in der Sachen weyters gethan hetten. Warlich der Theutschen meyster (Walters von Kronberg Nachfolger Schutzbar-Milchling) ist selb böss genug." Der Landgraf lässt, am 18. Dezember 1543, die Entschuldigung Cronbergs wegen des Friedberger Burgfriedens dahingestellt sein. Wenn auch der Deutschmeister sich widersetzt, so hätte doch Hartmut, „als evangelischer Mann" sich nicht beschweren sollen. Auf Hartmuts mündliche Versicherungen über sein „gemuet" gegen ihn gibt der Landgraf „nit hoch," nach dem „wie er sich gegen uns erzaiget und beweiset." Schliesslich sucht Bucer, am 8. Januar 1544, Hartmut nochmals zu rechtfertigen, „der sich jetzt des fridbergischen burgerrechten, so fil E. f. g. belanget, entschlagen hat." Der niedere Adel in den protestantischen Ländern war allerdings damals in bedenklich abgleitender Lage. Seine althergebrachten Versorgungsanstalten gingen ihm fast sämtlich durch die Säkularisationen verloren. Um so ängstlicher war die Reichsritterschaft bestrebt: sich die ihrigen zu wahren, was sie in der Komturei Hessen auch bis 1803 durchgesetzt hat. Dazu gehörten vor allen: 1. Der Deutsche Orden. Von diesem wird der nächste Abschnitt VI berichten. 2. Die zweite dieser Landgraf Philipp geächtet. Die Erböffnung kassirt, 1547. 377 grossen Versorgungsanstalten: die Reichsburg Friedberg soll im Abschnitte Vll kurz betrachtet werden. 3. Das Mainzer Domstift und seine Anhängsel: Worms und Speyer. Hier wurde wesentlich nur niederer Reichsadel aufgenommen. Die Pfründen waren beträchtlich. Domprobst, Dechant, Domscholaster und Domsänger bezogen, ausser ihren Curien: 10 -12,000 Gulden; die Domherren: 1500—2000 Gulden. Im Grunde gewährten jedoch diese Versorgungen den Familien selbst keinen dauernden Nutzen; sie lähmten den Sparsinn, Hessen die Majoratsstiftungen vernachlässigen und zwangen: in einem engsten Kreise zu heiraten. Das kronbergsche Geschlechtsregister enthält binnen zwei Jahrhunderten: neun Heiraten mit Dalberg, dazu die gleichartigen mit den Sickingen u. s. w. Seit 1545 bereitete sich der schmalkaldische Krieg vor. Am 20. Juli 1546 verfiel Landgraf Philipp selber, als eidbrüchiger Rebell, in die Reichsacht. Wohl zweifellos fühlte Hartmut inneren protestantischen Zusammenhang mit dem Geächteten, denn der schmalkaldische Bund war im Wesen eine religiöse Parteiorganisation. Am 21. Februar 1547 hat Kaiser Karl V die Oefifnung, so der Landgraf zu Hessen in Cronberg gehabt, wiederum aufgehalten und cassirt. „Wir hatten Philippsen der sich nennt »Landgraf zu Hessen,« unsern und des Reichs offenen Echter . . eine Erböffnung auf dem Hause Cronberg gestattet. Nun aber solche Oeffnung nicht allein den ge sammten von Cron- berg Erben sondern uns und dem heiligen Reiche an ^unser Eigenthum ganz beschwerlich u. nachteilig; zudem das sich ^gemeldeter Aechter hiervor und i insonderheit in dieser seiner.. I werenden höch- 'sten Rebellion, 'Empörungu. Aufruhr gegen uns der- fnassen eingelassen, erzeigt und gehalten, dass Das kaiserl. Siegel, er sich nicht allein dieser, sondern aller anderen unsere Gnaden und Gutthaten als undankbar unwürdig und unfähig gemacht und derselben dadurch entsetzet hat. . . Darum aus dieser und anderen redlichen Ursache haben wir die Oeff- nungsbewilligung wieder aufgehebt. . . . Carol." 378 Die Kronberge wieder kaiserliche Offiziere. Das Interim 1548'49. Nachdem 1548 der Friede hergestellt war bitten den gnädigen Kaiser „alle von Cronbergk: da Cronbergk Sr. Mt. Eigentum und bei der Eroberung alles Geschütz fortgeschleppt worden, sonderlich vier gute Schlangen nach Giessen gekommen, so möge der Kaiser von seinem Geschütz, das noch zu Frankfurt ist, ihnen nach Gefallen einiges geben, damit Cronbergk für den Kaiser besser verwahrt sei und sie Sr. Mt. desto stattlicher dienen können." Der loyalen Bitte wird entsprochen sein, denn wenige Jahre darauf (1552) konnte wiederum kronberger Geschütz für des Kaisers Dienst nach Frankfurt geführt werden. Zwar hatte Hartmuts zweiter Sohn, Hartmut XIII, während des schmalkaldischen Krieges, für sich selbst den Kaiser um Aufhebung der mit dem Landgrafen geschlossenen Erböffnung gebeten gehabt; dem kaiserlichen Widerrufe aber haben die Kronberge niemals praktische Folge gegeben. Sie hielten mit Recht des Landgrafen Acht für eine vorübergehende und hüteten sich vor seinem geschwinden Zorn. Hartmuts letzte Tage beunruhigte noch das bedenkliche Augsburger Interim, vom 15. Mai 1548, mit dem „Schalk hinter ihm." Sein Eifer, es in Kronberg einzuführen, war begreiflicherweise sehr lau. Noch unterm 27. Juni 1549 muss der Erzbischof Sebastian von Mainz ein Mahnschreiben an die Stände seiner Erzdiözese, darunter auch an die Vettern Hartmann und Kaspar von Kronberg erlassen: „das Interim anzunehmen und seinen Bestimmungen Folge zu leisten." XI. Das Familienbild. Das Ziel der Pilgerfahrt. U Neujahr 1549 wurde dem würdigen Ehepaare auf Burg Kronberg eine Freude bereitet, an der auch wir noch Teil haben. Mutter Anna erhielt als Angebinde von ihrem zweiten Sohne Hartmut XIII und dessen Frau Barbara Sickingen das damals hergestellte Familienbild, das durch ungewöhnlich glückliche Umstände in seltener Farbenfrische und guter Erhaltung auf unsere Tage gekommen ist. Die älteste Nachricht über dieses bemerkenswerte Kunstwerk stammt erst aus dem Anfange dieses Jahrhunderts. In dem „Handbuch für Reisende am Rhein, von dem Grossherzoglich Bad. Hofrath u. Historiograph Aloys Schneider" (1812/13) heisst es S. 141, in Rüdesheim: „Das Brömsersche Stammhaus, der Familie von Couden- hoven gehörig, liegt oben im Flecken." Die sogenannte Vorderburg liegt nächst dem Markte mitten im Flecken. Hier sass von altersher ein „de domo" genanntes Geschlecht der Ritter von Rüdesheim; von diesen fiel es an die Brömser. „In einem alten gothischen Vorsaale sieht man einen Tisch mit Bildnissen aus der Familie Cronberg und der Aufschrift:" (Diese folgt später genauer.) Kurz darauf betrat Goethe, auf seiner Herbstreise am Rhein, am 1. September 1814, das Brömserhaus in Rüdesheim. In dessen Mittelhofe am Brunnen konnte er das Alianzwappen Brömser-Kronberg (Flügel) betrachten (Abschnitt VII). Seine Erinnerung an „Im Rheingau Herbsttage" berichtet: „Hierauf besuchten wir in Rüdesheim das Brömsersche Gebäude, welches zwar merkwürdige aber unerfreuliche Reste aus dem XVI. Jahrhundert enthält. (Goethe schätzte bekanntlich Renaissance und Barock gering). Nur ist ein Familiengemälde der Herren von Kronenburg, von 1549, in seiner Art besonders gut und der Aufmerksamkeit aller Freunde des Alterthums und der Kunst würdig." Das Familienbild vom 1. Januar 1549. Wie der „Disch" dorthin gekommen? — liegt ziemlich klar. Er befand sich, laut den Inventarien, nicht im Nachlasse eines der beiden anderen letzten Ausläufer des Kronenstamms. Demnach war er unter den Das Familienbild von 1549; jetzt auf Schloss Johannisberg. Nachkommen von Hartmuts XII jüngstem Sohne Walter XII (104 K) an Hermann I (131 K) übergegangen. Dessen Tochter Maria Margarethe, von seiner ersten Frau Anna Sidonia Brömser, überlebte ihre sechs Brüder; sie war die Gattin ihres Vetters Adolf Karl von Bettendorff. Dieser hatte durch seine Mutter das Brömserhaus geerbt, seine Frau brachte Das Familienbild wandert nach Rüdesheim und auf den Johannisberg. 381 das Familienbild hinein. Von den Bettendorff erbten beides die Coudenhove; sie verkauften das Haus an die Stadt Rüdesheim und schenkten das von Goethe wertgeschätzte Bild dem Staatskanzler Metternich, der ebenfalls, durch Anna Eleonora, Anna Sidoniens Schwester, ein weiblicher Nachkomme der Brömser war. Die Tafel wanderte auf den Johannisberg. Dort hing sie lange Jahre an untergeordneter dunkler Stelle, vergessen, beinahe verschollen. Erst der jetzige Besitzer hat das bedeutende Altertum wieder ans Licht und zu Ehren gebracht; er hat dessen Nachbildung erlaubt. Eine Restauration war nicht erforderlich, denn sowohl die Eichentafel als die Malerei darauf traten aus vieljähriger verstaubter Dunkelheit wiederum fest und frisch an den Tag. Nur unten links ist ein unerheblicher schmaler Riss im Holze. Die Tafel ist 114 Centimeter hoch, 132 Centimeter breit und 3 Centi- meter stark. Ueber die auf dem Gemälde dargestellten Personen, sowie über die Bedeutung der Komposition kann kein Zweifel obwalten: sie ermahnt Hartmuts und der Frau Anna nächste Nachkommen zur Gottesfurcht und Einigkeit. Jedem Familiengliede flattert sein Name im kleinen Spruchbande ums Haupt. Die lebendigen Portraitgestalten und ihre Bekleidung geben dem Bilde einen bedeutenden kulturgeschichtlichen Wert. Ihre allgemeine Anordnung erinnert deutlich, durch Verteilung der Figuren und der Spruchbänder, an die Tryptichon-Altaraufsätze der Gothik. Die drei grossen Spruchbänder versinnlichen die Dreiteilung. Der mittlere etwas erhöhete Bogen giebt das Feld für das Oberbild. Zu unterst ist die Predella oder Altarstaffel durch sechs Pilaster in fünf, mit gemaltem buntem Marmor ausgekleidete Felder geteilt. Davor links das herkömmliche Sockelgemälde. Im oberen Bogenfelde: die Dreieinigkeit. Gottvater sitzend, mit der dreifachen päpstlichen Krone, hält den toten Sohn auf den Knieen; darüber, im Spruchbande selbst, die Taube. Im Mittelbilde die alte starke Dame, in schwarzem talarartigen Gewände ist: „Anna geborn von Cronberg Hartmudts von Cronberg des Eltern Hausfrau." In dem umrahmten Schilde rechts neben ihrem Kopfe steht zu lesen: „Ano doni 1549 ward mir Anna vo Cronberg disser disch von Meinem son Hartmüden und Seiner Hausfrauen meiner Dochter Bor- bera geborn vö Sickingen zu einem Glückselig Neuen Jahr geschenkt." 382 Die einzelnen Figuren. Das war die alte Beschenkzeit, an deren Stelle später Weihnachten trat. Seiner Frau zur Linken steht: „Hartmut von Cronberg der Elter," im Harnisch, den Kommandostab in der Rechten. Die Aehnlichkeit mit dem Portraitbilde zu Schloss Friedrichshof ist schlagend. Er wendet sich gegen das linke Seitenfeld zu seinen Söhnen: 1. „Philips von Cronberg" (VIII), ebenfalls im Harnische, den gleichen Stab in der Linken; er horcht auf des Vaters Wort. Zwischen beiden: Philips ältestes Söhnchen „Philips von Cronberg" (IX). Der Knabe trägt in linker Hand ein Windmühlspiel, genau so wie unsre Kinder sie noch heute umlaufen lassen. 2. Hartmudt vo Cronberg der Jünger" (XIII), ebenfalls in Harnisch und mit Kommandostab. Vater und beide Söhne hatten Reiterkompagnien als Rottenmeister geführt. Er kehrt sich nach links seinem jüngsten Bruder zu. Vor Hartmut XIII sein ältestes Söhnchen „Francis- cus von Cronberg;" mit Peitsche in rechter Hand reitet er auf dem Steckenpferde. 3. „Walter von Cronberg" (XII), erheblich jünger, in den Zügen dem Vater auffallend gleich. In der linken Hand trägt er einen kleinen Reiterhammer, auch Raben- oder Papageienschnabel genannt, eine im 16. Jahrhundert besonders beliebte Sattelwaffe und bis zur Einführung der Sattelpistolen (etwa um 1550) allgemein üblich. Oft war er reich verziert und in so geringen Abmessungen hergestellt, dass er mehr als ein Abzeichen ritterlichen Standes denn als eigentliche Kriegswaffe gelten kann. Während diese fünf Köpfe den persönlichen Eindruck von Por- traits machen, auch die Figuren leidlich in Verbindungsgesetz sind, erscheinen die beiden Schwiegertöchter an Frau Annas Rechten in ihrer steifen Anordnung und völligen Gleichheit als mehr hergebrachte Typen wohlgestalter vornehmer junger Frauen. Augenscheinlich haben sie dem Maler nicht gesessen. Die nächste ist „Clara geborne von Lantsperg Philips (VIII) von Cronberg Hausfrau." Auf ihrem Arme ihr jüngstes Kind: ,Johann Friedrich von Cronberg" (XIII); zu Füssen ein Töchterchen „Margarethe von Cronberg." Unter ihr das Landsberg-Wappen. Die zweite junge Frau ist „Barbara geborn vo Sicking, Hartmudts von Cronberg Hausfrau" auf ihrem Arme die kleine „Anna von Cron- Die Spruchbänder. 383 berg;" sie starb am 2. Mai desselben Jahres und ist uns aus Abschnitt IV (Stadtkirche) bereits bekannt. Wir werden ihr in Abschnitt VII wieder begegnen. Zu Barbaras Füssen die ältere Tochter „Margarethe von Cronberg" mit Puppe im Arm. Dazu das Wappen der Sickingen. Unten in der Predella erscheinen noch zwei Gestalten: ein Greis und ein Narr. In den Ecken des Bildes finden sich die eigenen und mütterlichen Wappen der Schenkgeber: links Hartmuts XIII: Kronberg K, Kronberg F; rechts Barbaras: Sickingen, Handschuchsheim. Die grossen fliegenden Spruchbänder lauten: 1. über der Dreieinigkeit: „Höret, höret die Stimm Euers Gottes und heren: Wer mich forchtet liebet und tut Eren Und sein Herz zu mein Gebot tut neigen Dem will ich Genad und Güte erzeigen. Auch ime mit Gnad und Glück beywonen, Darzu mit meynem segen belonen. Hinwider aber der menschen Miszetadt Straff ich in den vierten Gradt." 2. Der Vater Hartmut spricht, oben links, zu seinen Söhnen: „Euch meine Kinder will ich leren Gott in forcht und lieb zueren, noch Seinen Gebotten fleyzig zu wandlen ehrlich und uffricht alzeit zu handien. Zu allem Guten Sein geflisen, Das werdt ir in vill weg Geniessen. Solche rat üb' euch zu guten treuen, Es würt euch warlich nit gereuen. 3. Frau Anna wendet sich, oben rechts, an die Schwiegertöchter und Enkel: „Ihr Kinder folgend eurem Vater gut, Auch einiglichen zu leben euch befleisen tut Bei rechter Zeit und zimlichem weg Mit Rat zu sparen seit treg. Gott thut alzeit anruffen und eren, So wird er euch neu Segen meren." 4. In dem schönen ausdrucksvollen Greise unter den Söhnen dürfen wir Hartmuts getreuen alten Diener: Paulus Wysselen erkennen. Wir 384 Der Diener und der Narr. Hartmut -j- 7. August 1549. begegneten ihm schon 1522 als Boten an den Rath von Frankfurt. All die langen Jahre der Wanderschaft hindurch war er seiner Herrschaft auf Flucht und Irrfahrt treu gefolgt, die Knaben hatte er gehütet und zu Männern aufziehen geholfen. Er versucht vergebens: ein Bündel Stecken vor seinem rechten Kniee zu zerbrechen; vereinzelte Stecken liegen gebrochen zu seinen Füssen umher. Sein Spruch an seine jungen Herren lehrt: „Alss ich die Stecklin ongebunden Sach (sah), Gar leichtlich ich ein jedes zerprach. Da ich aber die gebundenen prechen wollt Fast weit es mir am Anschlag follt Also wa (wo) ir werdent einig pleiben, All Sachen mögt ir Glücklich treiben. Wa ir euch aber werdent trenen So tue ich euch Gar nit mer Kenen. Glaubt mir, der lang gewonet hat Bei dissem Haus mit treuem Rat." 5. Die letzte Figur, links neben dem alten Paulus, ist der Narr. Ein solcher war derzeit die besondere Liebhaberei vornehmer Herren; er war Mode. Wenn nun auch wohl in Wirklichkeit kein lustiger Rath auf Burg Kronberg hauste und der Kopf nichts portraithaftes zeigt, so erscheint er dennoch hier als sinnreicher erheiternder Abschluss des Bildes. Er fügt zum Ernste den Humor: „Ho ho Ich lass euch alle sagen und Singen. Ich weiss aber: so mein schellen klingen, Werden sich disz Junggesellen auch losz bewege Und zum Zeiten mein Kapen anlegen. Aber gek doch nit zu (allzu) geck, dasz wer noch gut. Gott bescher euch allen ein guten mutt." Der Meister der Tafel hat sich darauf nicht eingezeichnet; er ist unbekannt geblieben. Die Kunstmaler wanderten damals viel rheinauf und ab; auch Tischplatten wurden, nicht nur als Werkstattbilder, sondern auch von besseren Meistern vielfach angefertigt. Eine solche von Hans Sebald Beham befindet sich jetzt in Louvre. Beham starb 1550 in Frankfurt a. M. Am 7. August 1549, im 61. Lebensjahre, ging Hartmut der Bekenner zur ewigen Ruhe ein. Sich und den Seinigen hatte er das irdische Sein und Frau Annas Grabmal in der Burgkapelle. 385 Dasein weidlich unruhig gemacht. Seine treue Anna folgte ihm am 14. April 1551. Vierzig Jahre lang waren sie mit einander in Sonnenschein, und noch weit mehr in Sturm, vereint gewesen. In der Schlosskapelle, rechts vom Altare, wurden sie bestattet. Dort stand ihr Denkmal unversehrt, jedenfalls bis zum Jahre 1763. Damals wurde es in den Oetterschen „Wappenbelustigungen" beschrieben. Zu jener Zeit diente die Kapelle schon seit mehr als 100 Jahren (1624) dem Gottesdienste der kleinen katholischen Gemeinde. Erst später also ist der Stein frevelhaft zertrümmert. Die aus der Fläche sich abhebenden Köpfe und Hände wurden abgeschlagen und verschwanden. Vor etwa zwanzig Jahren ward eine vermauerte Blende auf der Empore der Kapelle aufgebrochen; zahlreiche steinerne Bruchstücke kamen darin zum Vorschein; sie gehörten zu Hartmuts XII Denkmale; die beiden Köpfe fehlten. Die örtliche Sage schreibt diese Schändung verspätetem Glaubenshasse zu. Wir dürfen sagen: mit Unrecht. Zunächst war nach 1763 der fünfzigjährige konfessionelle Kampf in Kronberg bereits verglommen. Es wäre fast widersinnig anzunehmen: dass damals ein Katholik an seinem langjährigen geweiheten Gotteshause durch eine Bilderstürmerei, die sogar des Kruzifixes nicht schonte, sich so schwer versündigt haben sollte. Zudem wäre nicht zu erklären: weshalb die abgehauenen Gliedmassen in der Blende sorgfältig geborgen wurden und nur die zwei Köpfe verloren gingen? Die brutale That muss daher auf die Rechnung der französischen Besatzung geschrieben werden, die um 1796 verschiedentlich auf der Burg sich eingenistet hatte. Es ist überliefert, dass sie darin höchst verderblich gehaust haben. Ein Bericht von 1798 sagt: „Da der Eingang auf das alte Schloss zu Kronberg nicht wohl verschlossen werden kann, so geschah es während der Anwesenheit der französischen Truppen, welche theils allda ihre Fechtschule hielten, theils ihre Gefängnisse einrichteten, dass verschiedentlich an den Gebäuden Muthwillen verübt wurde." Ihr, in Deutschland nie zu vergessender, nationaler Zerstörungstrieb warf sich damals vor allem auf zwei Gegner ihrer freiheitlichen Errungenschaften: die Aristokraten und die katholische Kirche. Da sie zu dessen Betätigung, vorzugsweise in den Stiftslanden am Rhein, Schlösser auszubrennen und Kirchen zu verwüsten beeifert waren, so liegt es nahe: dass sie in einer katholischen Schlosskapelle doppelten Anieiz 386 Des Grabmals Entweihung und Wiederherstellung. fanden. Hartmuts Denkmal war der geeignetste Angriffspunkt da es frei herausgearbeitete Teile darbot. Diese wurden abgeschlagen und die zwei Köpfe fortgeschleppt, vermutlich zu weiterem frevelhaften Unfuge. Die übrigen Bruchstücke waren liegen geblieben, sie wurden von den Verwaltern des Kirchleins geborgen und dadurch für die Nachkommen gerettet. Unter 11 Messidor, Jahr 4 d. fr. R. (29. Juni 1796) hatte Jourdans Proklamation den dortigen Landen die „Sicherheit des Eigentums gewährleistet." So wurde sie gehandhabt. Mit den Bruchstücken ist von kunstreicher Hand eine mühevolle Wiederherstellung des Denkmals versucht worden; manches musste nach ähnlichen Mustern ergänzt werden. In unserem Bilde (S. 389) sind Hartmuts und Frau Annas Köpfe nach den später aufgefundenen Portraits berichtigt. Nun kniet das würdige Paar wieder einander gegenüber unter dem Cruzifix, er gepanzert neben ihm seine Handschuhe. Die Einfassung zeigt zierliche Pilaster des Renaissance. Die Inschrift am Fusse lautet: „Anno Dni 1549, den 7 August ist der edell und Ernvest fro' Hartmud von Chronberg der elter, Hernjohans selige Son, seins alters i 61 Jahr, und folgents ano 1551 den 14 Aprillis die edell und dugenthaft Fraw Anna von Chronberg, irs alters im 55., die beide eheleute über die 40 Jar bei einander in der ehe gelebt, von dieser weit seliglich verschieden. Got der Amechtic woll inen beiden ein fröhliche ufferstent- nus verlihen. ame." Ueber Hartmuts Haupte ist zu lesen: Du Lamm Gottes, welches hinna' (hinnahm) Aller Welt Sünd am Creuzsta' Durch den Tod ist ewigs Lebe Allen Glaubigen gegeben, Daruf ich dan mein Hofnung stelt, Da ich noch lebt' in dieser Welt. Ueber Frau Anna: O Mitler zwischen Gott und mir, Lob, ehr und danck sey daru' dir, Bist für uns Sünder gestorbe' An de Creutz, und uns erworbe Versoenung gen den Vatter dein, Und uns erlost vo' Hellischer Pein. Des Professors Asclepii Barbati Panegyricus auf Hartmut. 387 Ueber dem Crucifixe heisst es: Hi hanct ama Creutz mein geübter Son An dem ich ein Wolgefallen hon, Wer in hoert und sein Wort glaubt, Wird meiner Gnaden nit beraubt, Sonder haben ewigs Leben. Werd euch von seint wegen geben. Die Gruft unter Hartmuts und Annas Grabstein ist äusserlich nicht mehr erkennbar; wahrscheinlich ist sie, wie manche andere der Kronberge, in der Jammerzeit der Kriege durchwühlt; heute ist der Staub, mit der heimatlichen Erde vermischt, unter den Steinplatten des Fussbodens geborgen. Die neuesten Arbeiten in der Kapelle haben diesen Platz pietätvoll in seiner Ruhe gelassen. Hartmuts Totentafel in der Stadtkirche lautete, nach Oetter: „Ano Dni 1549 den 7 Augusti starb der Edel und Ernvest Hartmut von Cronberg der Elther hot vielen Leuden gutz gethan. Gott wolt zue in sein gnaden han." Wie Hartmut seinen evangelischen Zeitgenossen erschien, dafür sprechen folgende Zeugnisse: Bald nach Hartmuts Tode erschien ein „Panegyricus" auf Hutten und Sickingen aus der klassischen Feder des Professors „Nicolaus As- clepius Barbatus Cassellanus" zu Marburg. Die Muse öffnet dem Dichter den Olymp, er sieht dort alle bedeutenden Männer der Reformation an sich vorüberziehen. Da der Professor in sehr hohem Alter 1571 starb, so wird er Hartmut noch gekannt haben. Es heisst in dem Gedichte : „Hartmut, der Kronberger, benachbart der Mercur-Seite (Handelsstadt Frankfurt) trug dessen (Sickingens) vergoldeten Stab voran. Ihm duftete vom gerechten Munde die honigfliessende Rede, und der Herrliche trug das Antlitz aufrecht für die Freiheit; er zeigte die rechte Seite, die rechte Hand, alles recht; die Brust erkennbar am sanften Lächeln; das schwärzliche Haar mit spärlichem Weiss vermischt. Alles würdest du an ihm bewundern, alles verehren. Und da Scheelsucht ihm fern war, so bewegte er seine gerechten Augen in heiterem Glänze. So war die Seele des Mannes, so sein Herz, so der Geist des Beredten, wie aus seiner ehrlichen Brust ihm die Worte flössen." 388 Zeugnisse der Zeitgenossen und Nachlebenden für Hartmut. Ranke sagt von Hartmut: man kann ihn „als ersten, im Stil einer spätem Zeit frommen, vollkommen überzeugten Lutheraner betrachten." Nach den Zeugnissen seiner Zeitgenossen, nach seinen Schriften Thaten und Leiden, war er eine offene ehrliche lautere Seele. Berechnung, Verstellung, Verleugnen seiner Ueberzeugung war ihm fremd. Leicht erregbar, entzündlich, raschen Entschlusses, rührig in Ausführung, feurig in Hoffnung, ergeben in Trübsal, tief und echt fromm, mehr Gemütsmensch als scharfen überlegenen Geistes wie seine Freunde Sickingen und Hutten. Die Begeisterung riss ihn fort zu kühnen sanguinischen Erwartungen, zu reinherziger Schwärmerei. Zugleich trug ihn eine seltene gleichmütige Standhaftigkeit im Harren und Dulden. Kein Fehlschlag machte ihn verzagt. Er hielt fest; er war stets bereit, als ein Nachfolger der Apostel und Märtyrer, Gut und Blut für seinen Herrn und Heiland hinzugeben. Sein Glaube war auf die heilige Schrift gegründet; aus diesem Borne hatte er das Wasser des Lebens getrunken. Puritanisch, im besten Sinne pietistisch, abgewandt allem äusserlichen, dogmatischen zelotischen hierarchischen Menschenwerke auf beiden kirchlichen Seiten, setzte er das Wesen des Christentums in die Liebe. Mit gleicher inniger Liebe hing er an seinem deutschen Vaterlande; das Heil aber seines Volkes suchte er in einer idealen Kirche. Während seines stürmischen Jugendkampfes kannte er nur Himmel und Hölle, nicht die — einzig mögliche — irdische Mischung aus beiden. Und stets war er fertig: mit wahrhaft ritterlichem Mute diese ideale Ueberzeugung in heiliger Einfalt vor Kaiser und Reich, vor Papst und Orden, zur Zeit und Unzeit, mit feurigen überquellenden übereifrigen Worten zu bekennen. So darf er den wirkungsreichen Bahnbrechern der Reformation zugestellt werden. Spangenberg, im: „Adelspiegel" (1594) konnte mit vollem Recht von ihm bezeugen: . . „ist Hartmut von Cronberg das Evangelium ein grosser ernst gewesen, darob er auch hefftig und doch auch mit Verstand geeivert. . . Alle seine wort und reden von der Religion giengen aus grund und brunst seines Herzens . . . das er sogar frewdig und ungeschewet die göttliche Wahrheit bekandt . . . mit der that und schrift für und gegen alle weit." Hartmuts Bedürfniss und Streben nach Wahrheit. 389 Von den Mängeln und Verfehlungen seines Urteils, von seiner karaktervollen Einseitigkeit gilt Goethes Wort: „Irrtum verlässt uns nie, Doch führet ein höher Bedürfnis Immer den strebenden Geist Leise zur Wahrheit hinan." Hartmut von Kronberg war eine feine Natur in roher Zeit. Er verdient unser warmes ehrendes Andenken als eine der anziehendsten und liebenswürdigsten Gestalten aus jenen stürmischen Tagen, als eine der edelsten Blüten des damaligen deutschen Adels. Grabmal Hartmuts XII und der Frau Anna in der Burgkapelle zu Kronberg. 25 Sechster Abschnitt. Walter XI von Kronberg (94 F), der erste „Administrator des Hochmeistertums in Preussen, auch Meister Deutsch Ordens in deutschen und welschen Landen," zu Mergentheim. 1479 bis 1543. I. Komtur zu Frankfurt, 1509—1526: Niedergang des Deutschordens in Preussen. Hochmeister Albrecht von Brandenburg. Innerer Verfall des Ordens in Deutschland. Walter Komtur zu Sachsenhausen 1506. Rathsgebietiger der Balley Franken 1520. Der Hochmeister Albrecht weltlicher Herzog in Preussen 1525. Bauernkrieg um Mergentheim. II. Deutschmeister, 16. Dezember 1526; Reichsfürst und Administrator, 26. Juli 1530: Kämpfe gegen Herzog Albrecht und im Innern des Ordens, seit 1530. Residenz Mergentheim. Landgraf Philipp und die h. Elisabeth, 1539. Gesetze gegen Judenwucher, 1540. Kampf gegen den Ordensverfall. Münzen und Medaillen. Karl V Gast in Mergentheim, 1541. III. Tod. Beisetzung. Denkmal. Nachruf: Walter f 3. Februar 1543. Leichenbegängnis. Grabmal aus Peter Vischers Werkstatt. Seine Wanderungen. Walters Karakterbild. REITS imjEingange des Abschnittes V haben wir diesen zweiten bedeutenden Mann aus dem kron- berger Geschlechte|genannt, der im damaligen öffentlichen Leben ■ Deutschlands eine hervorragende politisch-religiöse Kampfstellung einzunehmen berufen ward; gleich Hartmut XII mit hohen Ehren, aber auch gleich ihm gegen überlegene Gewalt, daher ohne endlichen Erfolg. Der „Orden des Hospitals St. Marien der Deutschen in Jerusalem" war 1190 bei der Belagerung von Akka durch deutsche Kaufleute aus Lübeck gestiftet, vom Papste Coelestin IV bestätigt. Er erhielt als Kleidung den weissen Mantel mit schwarzem Kreuze. Im März 1226 übertrug Kaiser Friedrich II dem Hochmeister Hermann von Salza das Kulmer Land und Preussen, für den Fall der Eroberung, als Reichslehen. Das 14. Jahrhundert war die äusserliche Blütezeit des Deutschen Ordens in Preussen geworden. Damals zählte er, ausser den „Ordens- gebietigern" Beamten und Geistlichen, mehr als 3000 Ritterbrüder. I. Komtur zu Sachsenhausen. 394 Niedergang des Ordensstaates in Preussen. Ordensbesitz in Deutschland. Die ordentlichen jährlichen Einkünfte von den 1200 Geviertmeilen, 55 ummauerten Städten und mehr als 20,000 Dörfern betrugen über 800,000 Rheinische Gulden. Innerlich jedoch war dieser Ordenstaat seinen ursprünglichen Zwecken und Pflichten bereits entfremdet; dadurch war er morsch geworden. Er brach 1410, in der Schlacht bei Tannenberg gegen Polen, jählings zusammen. Nach längeren Schwankungen wurde 1436 der „Ewige Frieden zu Breschke" (Brest) geschlossen. Zwanzig Jahre darauf hatte der hinsterbende Orden den letzten Kampf gegen den Erbfeind Polen und die mit ihm verbündeten aufrührerischen Ordensstädte sammt dem landsässigen Adel, auszufechten. Er unterlag; im Frieden von Thorn musste er Westpreussen abtreten, Ostpreussen als polnisches Lehen empfangen und dem Könige von Polen als des Ordens Schirmherrn den Treueid leisten. Im Jahre 1498 ward der Herzog Friedrich von Sachsen als Hochmeister „postulirt und inthronisirt." Er verweigerte den Huldigungseid mehrere Jahre lang. Hiezu wurde er von Kaiser und Papst ermutigt, da die Ordenslande „Lehne des Reiches und diesem zu Unrecht durch den Frieden von Thorn entzogen" seien. Herzog Friedrich lebte in Sachsen und starb zu Meissen 1510. Sein Nachfolger wurde 1511 der junge, 1490 geborene Markgraf Albrecht von Brandenburg, Sohn des Markgrafen Friedrich von Ansbach- Baireuth und der Sophie von Polen, einer Tochter König Kasimirs und Schwester König Sigismunds; zugleich war Albrecht Vetter des Kurfürsten Joachim I von Brandenburg und des Kardinals Albrecht, Kurfürsten von Mainz. Im Gegensatze zu dem territorial geschlossenen Ordenslande waren die deutschherrlichen Besitzungen innerhalb des Reiches unendlich zersplittert und von fremden Landesherrlichkeiten umklammert, so dass ein kompakter ritterlich-priesterlicher Staat sich nicht hatte bilden können. Von Meissen bis Burgund und Elsass, von Niedersachsen bis zur Etsch lagen die Güter verzeddelt umher. Man schlug sie an: auf 40 Quadratmeilen mit etwa 88,000 Einwohnern. Jedes „Haus" stand unter Verwaltung eines Komturs, nebst ihm untergeordnetem Hauskomtur; ferner: Trappier (für das Mobiliar), Tressler (Schatzmeister), Ueberreiter (Güter- Verfall des Ordens in Deutschland. Walter XI, Komtur in Sachsenhausen, 1509. 395 inspektor und Zinsheber); dazu die entsprechende Priesterzahl. Sämmt- liche Komtureien wurden in zwölf Ordensprovinzen oder Balleien zu- sammengefasst. Dieser gesammte Besitz hatte sich aus frommen Schenkungen angesammelt und aus Ankäufen mit deren Erträgen. Im Grunde waren also die Deutschherren hier nur grosse Herrschafts- und Güterbesitzer mit allerlei Hoheitsrechten. Die priesterliche Seite trat mehr und mehr in den Hintergrund seit der Orden als ein „Hospital" (Armenhaus) für jüngere Söhne des deutschen Adels verwertet wurde, das sogar innerhalb dieses Standes, durch die Ahnenproben, zu Gunsten einer künstlich verengten Gruppe abgeschlossen war. Der alte Hans Sachs sagt in einem Fastnachtsspiele: „In der teutschen herrn orden wir kamen Wir assen und tranken und sassen zamen (zusammen) Und lobten St. Martin allwegn." St. Martin war der verchristlichte Reiter Wodan. Zu Martini gab es den ersten neuen Wein, dann wurde „Martins Minne" getrunken. „Martinsmann" hiess ein Zecher; St. Martin loben: trunken sein. Die Martinsgans gehörte zum Wodan; sie war das Bild der glänzend weissen auf dem Wasser schwebenden Sonne, bevor man Schwäne kannte. Die Sonne „der schönste Wasservogel der Welt" wurde im Winter vom „Schützen" erlegt und verspeist. Im Volke lief der Spruch: „Kleider aus, Kleider an, Essen, Trinken, Schlafen gahn; Ist die Arbeit so die Deutsch-Herren han." Der Segen der fruchtbaren Arbeit ruhete nicht mehr auf dem Orden; daran ging er selbst zu Grunde. Die Kronberge hatten seit dem 13. Jahrhundert ihren nächsten Anschluss an die benachbarten Balleien Hessen und Franken. Ihr Zugang hatte sich indessen dort nicht besonders hervorgethan. Im 16. Jahrhundert aber erwuchs aus Kronberg den Deutschherren einer ihrer ausgezeichnetsten, geschichtlich bedeutendsten Meister in der Person Walters XI. Er war, als jüngerer Sohn Johanns VII (74 F) und der Katharina von Reiffenberg, im Jahre 1479 auf der Väterburg geboren. In den Orden trat er 1502. Schon 1506 Hauskomtur, rückte er 1509, mit 30 Jahren, zum Komtur des wichtigen Hauses Frankfurt auf. 396 Kommende Frankfurt am Main. Hochmeister Albrecht von Brandenburg, 1511. Diese Kommende war besonders reich begütert, um Frankfurt und in der Wetterau mit 30 bebauten Höfen; sie wurden zu Landsiedelleihe (Zeitpacht) ausgethan und standen unter Aufsicht eines Ritters: des Ueberreiters. Der neue Kommendator Walter überkam hiedurch, alsdann durch die Beziehungen zur Stadt Frankfurt, endlich durch vielfache besondere Aufträge des Deutschmeisters, zahlreiche und wichtige Dienstgeschäfte. Schon damals machten die ländlichen Arbeiter um Frankfurt den Arbeitgebern Schwierigkeiten. Im Zinsbuche des Deutschen Hauses lesen wir: „Man muss zu dieser Zeit den Arbeitern lohnends geben was sie wollen, und sie thun doch: was sie wollen." Der junge Hochmeister Albrecht fand die schwierigsten Verhältnisse vor. In Deutschland standen ihm Deutschmeister und Orden durch ihr Streben nach Unabhängigkeit entgegen. Namentlich war- hier das Bewusst- sein der Verpflichtung zu Opfern für Erhaltung des Ordenslandes thatsäch- lich geschwunden. Albrechts zweite Schwierigkeit erwuchs aus der Abhängigkeit Preussens von Polen. Der Huldigungseid des Hochmeisters wurde alsbald auch von ihm gefordert. Zunächst suchte er Hülfe im Reiche. Indessen die österreichische Hauspolitik verlangte damals gute Beziehungen zum polnischen Nachbar. Unter dem Adel am Rhein, in Franken und Baiern fand Albrecht nur gleichgültige Lauheit. Ueberall im Stiche gelassen zog er ins Ordensland; seinen Bruder Kasimir schickte er, 1512, nach Petrikau (Petrokow) zur Ausgleichung mit dem Könige. Hiebei erschien, als Abgesandter des Deutschmeisters Adelmann, der Komtur zu Frankfurt Walter von Kronberg. Die Verhandlungen zerschlugen sich. Der Verlauf der Ereignisse in Preussen während der nächsten Jahre berührt keinen der Kronberge persönlich. Kaiser Max schickte, im Jahre 1515, statt der erbetenen Hülfe nur strenge papierne Verbote: das Reichslehen unter die Krone Polen zu stellen. Der Papst hatte ebenfalls nur salbungsvolle Worte zu spenden. Nun wollte der Hochmeister den Krieg gegen Polen aus eigenen Kräften beginnen. Die Entwickelung verlangsamte sich jedoch durch Polens Kämpfe mit dem Grossfürsten von-Russland und durch das päpstliche Gebot eines fünfjährigen Waffenstillstandes. Walter tritt in diesen Jahren nur selten persönlich ans Licht. Unterm 21. September 1517 erteilt Kaiser Max ihm und dem Schul- theiss von Frankfurt Martin von Heusenstamm eine Instruktion als Ge- Walter Rathsgebietiger der Bailei Franken, 1520. 397 sandte an die Herzoge von Cleve. Es betraf ein Heiratsprojekt für deren Schwester Anna, die spätere Gemahlin Heinrichs VIII von England. Gleichzeitig waren beide Männer, wie wir wissen, Friedensstifter zwischen der Stadt Frankfurt und dem gefährlichen Franz von Sickingen. Im Jahre 1517 errichtet der Ordenskomtur Walter von Kronberg in Frankfurt a. M. eine Bruderschaft „zu Ehren der allerseligsten Jungfrau und des h. Sebastian." Gleichzeitig erbaut er auf der Südseite der Deutschordenskirche zu Sachsenhausen, rechts vom Eingange, die Kapelle des h. Sebastian. Im Jahre 1519 schickte der bedrängte Hochmeister seinen Rat, Diedrich von Schönberg, an den Rhein wegen eilender Hülfe; „ein erlosen man, des hoemeisters underhembt," nennt ihn Walter. Dieser hatte Sickingen auf zwei Jahre zum Dienst gewonnen. Als bereiter Teilnehmer wird, nebst anderen, Hartmut von Kronberg genannt. Allein der Deutschmeister war wegen der Subsidien schwierig. Endlich verstand er sich dazu: die Summe beim Komtur von Frankfurt niederzulegen und durch ihn Zahlung leisten zu lassen, wenn der Hochmeister wirklich Soldtruppen in Bewegung setze. Die Sache verlief im Sande. Im Jahre 1520 wurde Walter „Rathsgebietiger" der Bailei Franken. In diesem Jahre stand der König Sigismund mit einem grossen Heere bei Thorn. Albrecht versuchte einen verzweifelten Widerstand. Jedoch die deutsche Geldhülfe blieb aus; die angeworbenen Söldnerhaufen zerschmolzen bald, weil der Sold nicht bezahlt werden konnte. Abermals trat ein mehrjähriger Waffenstillstand ein. Als Sickingen im September 1522 gegen Trier zog, wurde auch Walter als hessischer Vasall, wir wissen nicht: wie fern? zur Lehensfolge nach Darmstadt gerufen. Er erwiederte pflichtmässig: der Deutschmeister habe ihm befohlen, sich zu Hause zu halten. Er bleibe daher „in Cronenbergk und nechst dazu." Trier, dessen Lehnsmann er ebenfalls sei, habe ihn auch erfordert: „zu kommen oder zu schicken." Diesem erkenne er sich vor anderen zu dienen schuldig und habe ihm 4 Knechte und pferde geschickt. Er bitte daher: „ihn diesmal zu übersehen. Vor allem müsse er seinem Orden gehorchen." Das sehr unbedeutende triersche Lehen soll vor Eschborn gelegen haben. Am 14. Oktober 1522 wurde „durch Walters furbit Cronbergk ufifgenommen und den drei Kriegsfürsten übergeben." Im Jahre 1523 hielt sich der Hochmeister wiederum in Deutschland auf, jetzt unter persönlicher schwerer Geldbedrängniss; er hatte 398 Preussen wird, auf Luthers Rat, weltliches polnisches Lehnsherzogtum, 1525. im eigentlichen Wortsinne „nichts zu leben." Schon wiederholt war Albrecht vom Papste aufgefordert worden „zu einer gründlichen Reformation des Ordens an Haupt und Gliedern." Da wurde er in "Nürnberg durch den evangelischen Prediger Osiander für die Kirchenreform und das Evangelium gewonnen. Er besuchte den Dr. Luther in Wittenberg und hörte dessen Rat: „Er soll die alberne und verkehrte Ordensregel zur Seite werfen, eine Frau nehmen, Preussen in ein weltliches Fürstentum oder Herzogtum verwandeln." Seit einigen Jahren war das neue Evangelium bereits in Preussen eingedrungen. Die dortige Verbindung des Ordens mit Rom hatte sich schon seit längerer Zeit gelockert; nur bei Besetzung der Bistümer wurde das Land mit Palliengeldern, Annaten u. s. w. schwer besteuert. Im Jahre 1524 steigerten sich noch Mangel und Not um den Hochmeister, er ward so- Der Deutschmeister verweigerte alles und jedes, da das Gerücht laufe: der Hochmeister wolle lutherisch werden. Dieser wurde sogar deshalb von seinem Untergebenen, der nach Unabhängig- Herzog Albrecht v. Preussen u. Frau. keit strebte > beim Pa P" gar persönlich von Schuldhaft bedrohet. Aus Berner, Gesch. d. preuss. Staates. s te verklagt. Der h. Vater drohete ernstlich mit Bannfluch. Nun beschloss Albrecht: abzudanken. Schon traten in Preussen Ordensbrüder aus; sie durften sich im Mantel nicht mehr öffentlich sehen lassen. In diesem äussersten Notstande bot ihm Polen: Abtretung Westpreussens; in Ostpreussen Lehenspflicht gegen die Krone Polen, mit Erbbelehnung für das gesammte Haus Brandenburg. Albrecht nahm an und schloss den Frieden zu Krakau am Tage nach Palmsonntag (10. April) 1525. Gegen die Reichsstände rechtfertigte er diesen Schritt: er habe ihn aus Not und schwerer Bedrängnis gethan, „weil ihn Kaiser und Reich verlassen." Luther schrieb damals: „Siehe das Wunder! Im vollen Laufe und mit vollen Segeln eilt das Evangelium nach Preussen." So etwa lautet die Auffassung und Darstellung dieses weltgeschichtlichen Vorganges aus dem preussisch-evangelischen Lager. Anders natürlich erscheint der Verlauf in der Beleuchtung durch den Orden in Deutschland. Uns ist darüber „des Ordens secretarii Gregorii Spiezen Walters eigenhändige Zusätze zu Spiez: Bericht u. s. w., Bauernkrieg 1525. 399 Bericht vom Preussischen krieg und regierung markgrafen Albrechts zu Brandenburg hochmeisters," erhalten mit Zusätzen „manu propria des Herrn Teutschmeisters Walters von Cronberg." Im allgemeinen wird dem Hochmeister darin absichtliche Täuschung des Ordens und Erwirkung der Unterstützung, oder doch der Versuch dazu, unter falschen Vorspiegelungen vorgeworfen. Ueber den Geldpunkt bemerkt Walter: „Das Meisterampt, sampt der Baley Franken, Marpurg und Thüringn Tewtsch Ordensz, hat über die II mahl hundertt Tawssent Guld uffge- wandt. Deshalb dass Meisterampt schwer in Verderbe kommen bey zeyten und Regierung her Ditherichss von Gleen." Gregorius Spiez und sein Mitarbeiter schliessen in berechtigter Erbitterung: „10 April 1525, Montag nach palmarum hat er des ordens habit abgelegt, das Land Preussen zu lehen gemacht und sich volgendt mit des newen Königs zu Denmargk dochter verhayrat. Der teuffei geb ime gluck dazu. Amen." Der vollendeten Thatsache stand der Orden in Deutschland ratlos gegenüber. Zugleich lähmte ihn der Bauernkrieg. Vor allen die deutschherrischen Bauern am Neckar stürzten sich auf die Häuser ihrer Herren. Erst nach Monaten wurden die Bauern niedergeschlagen; viele ergriffen gemartert und hingerichtet. Die Ordensorte mussten schwer für die Frevel büssen, die sie nicht verhindern gekonnt. Klüger hatte der Komtur zu Sachsenhausen beim Herannahen des Sturmes lavirt. Er stellte sich, kraft seines Bürgerrechtes in Frankfurt, unter des Rates Schutz, bat um zeitige Warnung falls Gewalt drohe. Zugleich aber Hess er sämmtliche Verbriefungen packen und mit dem besten Teil der fahrenden Habe in Sicherheit bringen. Als das „Artikuliren" auch gegen ihn sich richtete da brach er, als Beweis seines Gutwillens, ein Haus an der Mainbrücke ab, das angeblich der Stadt schädlich stand. Er verzichtete auch auf mancherlei Dienste, Steuern, Ungelder und Gülten; namentlich beschränkte er die, besonders unpopuläre Ordensschäferei um Frankfurt auf 1000 Stück. So leitete Walter den Sturm von den ihm anvertrauten Hause und Gute ab, das allein in Sachsenhausen 450 Morgen Feld und Wiesen hielt. Nun ermannte sich auch der alte Deutschmeister. Auf dem Reichstage zu Speyer trat für ihn der Landkomtur in Franken Walter von Kronberg mit heftiger Klageschrift und scharfen Antrag auf Aechtung gegen den abtrünnigen Hochmeister auf. II. Deutschmeister, 16. Dezember 1526. )ER hochbetagte kranke Deutschmeister fühlte sich der Not der Zeit nicht mehr gewachsen. „Dietrich von Cleen hat auf Sonntag nach St. Lucien (15. Dezember) im Jahr 1526 ein Capitel gen Mergentheim beschrieben. Den Erschienen wurde zu erkennen gegeben „dass Seine fürstliche Gnaden den Ordensgeschäften nicht mehr nach Nothdurft nachhängen könnten; damit nun dem Orden und dessen Obrigkeit kein Einbruch irgendwo geschehe, hätten dieselben samt dero Gebietern nachgedacht und ihrethalben für gut Einen angesehen, der in Hoffnung zu Gott dem Allmächtigen, seines Herkommens Stands Wesen und Tapferkeit halben, dem Orden ehrlich sorgfältig treulich und nutzlich vorstehen möchte, hat auch denselben alsbald benamset . . . den Komtur von Frankfurt." . . . „Darauf ist Herr Walther von Cronbergk einhelliglich angesehen und publicirt." Am 18. Januar 1527 wurde er vom Kaiser Karl V zu Nürnberg als unabhängiger Reichsfürst bestätigt. In demselben Jahre verlieh ihm ein kaiserliches Dekret, d. d. purgos in Kastilien 6. Dezember, die Würde und Stelle eines „Administrators des Hochmeisteramtes in Preussen." Als solcher wurde er zu Augsburg, am 26. Juli 1530, mit allen hochmeisterlichen Rechten feierlich unter dem umständlichsten Reichspompe belehnt. Von dreihundert Grafen, Herren, Rittern und anderen vom Adel auf Rossen und einer glänzenden Dienerschaft umschart, erschien Walter „in einem schönen Talar von weissem Damast mit weiten Aermeln; Walter Deutschmeister und Administrator. Albrecht mit Reichsacht bedroht. 401 auf Brust und Rücken war das güldene Creutz zu sehen. Ihm voraus wurde eine schwarze Fahne mit dem weissen Kreuze, eine weisse mit dem güldenen und den französischen Lilien getragen. Nachdem er auf das Evangelienbuch in des Kaisers Händen geschworen, wurde ihm die kaiserliche Blutfahne (wegen des Fahnenlehens) zu berühren, überreicht, ebenso die weisse Ordensfahne. Beide wurden dann nach altem üblichen Brauch über die Brucken (Tribüne) hinab unter das Volk geworfen. Nach diesem rief ein Ehrenhold, Germania genannt, zum Ritterschlage auf und es wurden ihrer fünf oder sechs zu ritterlicher Würde begnadet." So ernst es der Kaiser auch wohl mit dieser Belehnung meinen mochte, so geringen Eindruck machte sie auf diejenige Partei im Reiche, die Herzog Albrechts Schritte billigte. Johannes Crotus meldet letzterem: „Viele Leute treiben ein Gespött darüber und verlachen es. Ich wollte, ich wäre in Preussen und hätte die Weile Heller zum zählen, ehe dieser neue Hochmeister dahin kommen wird. Doch soll man es nicht ganz verachten." Vorsichtigerweise hatte Karl V gleichzeitig dem polnischen Gesandten zugesichert: die Belehnung des Deutschmeisters solle dem Könige von Polen und seinen Rechten unabbrüchig sein; er werde „ihm nicht zuwieder sein." Trotzdem erklärte der Kaiser andrerseits, in seinem gewohnten Doppelspiele, auf den Antrag des Deutschmeisters gegen den „Abtrünnigen im pharisäischen Kleid:" unterm 14. November 1530 den Vertrag von Krakau für aufgehoben, ungültig und nichtig; er erliess an Albrecht das Mandat: das Ordensland dem Administrator sofort abzutreten oder binnen neunzig Tagen vor dem kaiserlichen Kammergerichte zu erscheinen um seine „Ursachen und Beweise" für den Besitz des Landes darzuthun. Wofern solche aber nicht für rechtmässig und genügend befunden würden, die Poen der Reichsacht über sich verhängt zu sehen. Der neue Hochmeisteramts-Verweser übernahm eine dornenvolle, ja: unlösbare Aufgabe. Den in der Wurzel erschütterten verstümmelten verschuldeten, in dronenhafter Nichtsnutzigkeit und innerem anarchischem Ungehorsame verkommenen, von den mächtigen evangelischen Fürsten nur noch mit Missgunst und Widerwillen geduldeten Orden sollte er wieder einrichten, — neubauen. 402 Mergentheim dauernde Residenz. Veste Neuhaus. Er nahm seinen dauernden Aufenthalt in Mergentheim. Von dort aus wurde er des „Ordens dritter Wiederhersteller." Diese Kom- turei, eine der ausgedehntesten und reichsten, war entstanden aus dem „Marienhain" durch andauernde Stiftungen des alten und mächtigen Herrengeschlechtes Hohenlohe. Schon um 1050 Hauptort im Tauberthal wurde Mergentheim bis zum Ablaufe des 13. Jahrhunderts nach und nach dem Orden vergeben und später fortlaufend durch Ankäufe abgerundet. Oestlich der Stadt, wo später der Hochmeister Kurfürst Clemens August von Köln das jetzige Schloss baute, lag die alte Ordensburg. Die Schlosskapelle barg mit einem Bauer und einem Gewappneten als Schildhaltern dargestellt ist. Der letzteren Bedeutung ist nicht klar. Vielleicht stehen sie in Beziehung zu folgender Nachricht aus dem Bauernkriege: „Die deutschen Landsknechte wollten sich vielfach gegen die Bauern nicht schlagen; sie meuterten fast vor jedem Zusammenstosse. Im Ries führten die Bauern ein Fähnlein, auf dem ein Landsknecht und ein Bauer sich die Hände zum Bunde reichen." Vielleicht ist der Bauer ein Baumeister? Die Abbröckelung des Ordens war so tief eingedrungen, dass ein Gebot ergehen musste: Ritterbrüder und Priester sollten sich ordentlicher und gebürlicher Tracht befleissigen: in Hemden Röcken und die Gruft mit den Grabmälern der deutschen Hochmeister; ihre Bildnisse, darunter das des ersten: Walters von Kronberg, werden jetzt im Schlosse aufbewahrt. Inzwischen war 1531 ein Türkenzug zu organisiren, auch waren die im Bauernkriege zerstörten Ordenshäuser aufzubauen. Die Wiederherstellung der Veste Neuhaus über Mergentheim ist durch ein Basrelief in rotem Sandstein am Eingange der Südseite der jetzigen Ruine verewigt, auf dem des Deutschmeisters Wappen Basrelief. Innere Reformen. Albrecht vom Reichskammergericht geächtet, 1532. 403 Mänteln Wamsen und Hosen von unverbotener Farbe, unzerschnitten (ungeschlitzt) und unverbrämt; auch beim Ausreiten sich der Federn enthalten; in Häusern und Städten ihre Mäntel tragen wie es alt Herkommen sey; im Felde an ihren Kleidern angenähte oder mit Silber umlegte Kreuze führen, damit das „unverweislich" (tadellos) sei und niemand dadurch ein Aergerniss gegeben werde. Das Reichs-Pönal-Mandat vom 14. November 1530 hatte Albrecht dem König von Polen als seinem Lehnsherrn vorgelegt. Dieser verbot ihm einfach: vor dem Kammergericht zu erscheinen. Der Herzog wies die Schmähungen und Verunglimpfungen des Deutschmeisters gegen seine Person und die neue Glaubenslehre mit dem gebührenden Unwillen zurück. Zugleich wurde eine „Apologie" verfasst, an der die Gelehrten zu Wittenberg und der Kurfürst von Sachsen mitarbeiteten. Luther beurteilte sie und schloss sein Schreiben: „Darum mit solchen Leuten zu handeln das Beste ist: kurz und fest hindurch und sich nicht von den Hauptgründen (abseits) führen zu lassen. Ew. fürstl. Gnade sei nur getrost und lasse sich solches nicht bekümmern. Gott wird's wohl machen. Hätten sie nicht hievon zu plaudern, so müssten sie ein anderes haben; so haben sie so mehr diess, als ein anderes. Dem Teufel kann niemand sein Maul stopfen, er muss plaudern." Am 19. Januar 1532 that der „Administrator" einen grossen Schritt vorwärts. Auf seinen Betrieb wurde vom Kammergerichte der „illegitime Besitzer (Preussens), ob Contumaciam, unterm freyen Himmel in die kaiserliche Acht erkläret." Der Administrator nahm nun die hochmeisterlichen Kammerballeyen in Besitz und Verwaltung; er brachte auch eine „Konstitution" zustande, in der die Landkomture schärfer beschränkt wurden. Gleichzeitig führte er Kämpfe mit dem Landkomtur von Böhmen, mit der Balley Lothringen, mit dem Rate der Stadt Nürnberg, der an der dortigen Ordenskirche zu St. Jakob den evangelischen Prediger Jakob Frosch verordnet hatte. Walter erfuhr sogar den Schmerz, dass in den Ordenskirchen zu Frankfurt und Ulm bei Gottesdienste die Messe abgestellt wurde. Auch fehlten bereits in vielen Ordenshäusern die Priesterbrüder. Auf dem Reichstag zu Regensburg, 1532, protestirte ein Gesandter des Königs von Polen ernst und unwillig gegen die Aechtung. „In Preussen seien alle Leute Christen. 404 Federkrieg Polens, Albrechts, Walters und des Kammergerichts, bis 1536. Wolle der Deutsche Orden wider die Ungläubigen kriegen, so solle er in's heilige Land ziehen, oder nach Ungarn, aber nicht wider die Gläubigen in Preussen und Polen." Walter wies in einer Gegenschrift nach: dass das Verfahren des Kammergerichtes in den Rechten völlig begründet sei. Diesem formellen Standpunkte gegenüber legte Albrecht, in seiner „Apologie" dar: dass er nur dem materiellen Zwange gewichen sei, nachdem das Reich und der Orden ihn im Stiche gelassen. Die Acht wurde wirklich am 27. August 1532 zu Speyer wiederum auf zwei Jahre suspendirt. Der Deutschmeister musste sich zwar äusserlich fügen; er erkannte indessen die Suspension einfach nicht an. Jetzt stand der König von Polen in Konflikt mit dem Kammergerichte. Der Kaiser geriet in arge Verlegenheit, da er das Gericht zu Gehorsam bringen sollte. Der Deutschmeister war gegen den „falschen Pharisäer" unermüdlich; immer wieder gingen Briefe und Botschaften: an den römischen König Ferdinand, an die Reichsfürsten, an das Kammergericht. Aber sie hatten wenig Wirkung mehr. „Das Kammergericht nimmt Geld und schreibt dafür Briefe; die Deutschen Herren laufen, bitten und flehen, werden aber zur Zeit nicht gehört." . . „Die Deutschen Herren sind selbst unter einander nicht einig; jeder strebt nur nach einem guten Amt und nach fetter Weide. Sie haben selbst zu wenig Vertrauen in ihre Sache; sie habens im Sinn, nur nicht in der Tasche." So schrieben damals Zeitgenossen. All diese Urteilsbriefe, Achtserklärungen, Gesandtschaften nach Wien und Rom kosteten dem Orden schweres Geld. Im ganzen wurden „27 Stück Teutscher und Lateinischer Schriften und Dokumenten hinc inde gewechselt." So hatte Herzog Albrecht wohl vom Deutschmeister und vom Orden wenig mehr zu fürchten trotzdem am 15. März 1536 sogar seine sämmtlichen Unterthanen in Preussen, Land und Leute, in des Reiches Acht vom Kammergericht condemnirt wurden, da sie dem Reichsächter Markgrafen Albrecht noch ferner gehorsam waren. Die Stadt Mergentheim war dem jeweiligen dortigen Komtur leibeigen. Sie bat um Aufhebung. Man erwog im Kapitel: „dass solche Kampf mit Landgraf Philipp um die Reliquien der h. Elisabeth, 1539. 405 Leibeigenschaft nicht einen überaus rechtmässigen guten Anfang und Grund habe, die Aufhebung aber zuversichtlich dem Deutschmeister und dem Orden zu Lob, sowie der Stadt zu besonderm Gut und Aufnahme kommen werde." Gegen eine ewige Rente von 15 Gulden wurde die Bürgerschaft frei und ledig gegeben. „Zu der Stadt gemeinem Nutzen und Noth- durft" verlieh Walter ihr den Bezug des dritten Teils des Ungel- des (Weinabgabe) im Jahre 1538. Das schlimmste Ungewitter brach imjahre1539 über das Ordensheiligtum zu Marburg, die St. Elisabethkirche,herein. Der Deutschmeister Walter hatte dort gegen den alten Feind seines Hauses und Glaubens abermals einenge- Grabmal der h. Elisabeth. rechten aber sieglosen Kampf zu bestehen. Am 16. Mai Hess der Landgraf Philipp dem Landkomtur in Hessen, Wolfgang Schutzbar genannt Milchling, ankündigen: er werde am nächsten Sonntage Exaudi (18. Mai) in der Ordenskirche die erste evangelische Predigt halten lassen, alsdann dort das Abendmahl (in beiderlei Gestalt) empfangen. Am 17. Mai erging der fernere Befehl: „das Begräbnisdenkmal und den Sarg zu öffnen, in denen damals die Ueberreste der h. Elisabeth von Thüringen, der Ordenspatronin, verwahrt und gehütet wurden; die Reliquien sollten alsdann aufs Schloss gebracht werden." Die verschiedenen Berichte über die nun folgenden Vorgänge sind sehr abweichend gefärbt. Die Absicht des Landgrafen war, nach seinen eigenen Worten: „die Abgötterei 26 406 Der Landgraf lässt Schrein und Sarg öffnen. und Ketzerei, so bisher damit getrieben, zu verhüten." Die Form seines Verfahrens erscheint auch hier, wie häufig, gewaltthätig übergreifend und durch spöttischen, nicht würdigen Scherz verletzend. Diese Kunde hatte eine gewaltig zudrängende Menschenmenge in die Kirche gelockt. Das altberühmte Monument, aus Eichenholz und mit stark vergoldetem Kupfer überzogen, stellt ein gothisches Haus dar, mit Säulen geziert und einem steilen Dache; etwa 2 Meter lang, 0,60 breit und 1,10 hoch. Ursprünglich stand es, mit einer besonderen kleinen Kapelle überbaut im nördlichen Kreuzflügel; damals aber befand es sich schon seit langen Zeiten in einer, dem östlichen Hauptchore später angefügten Nebensakristei, der „Custorey." In diese gelangte man durch drei wohlverwahrte Thüren; der Schrein selbst war überdies noch mit einem besonderen eisernen Gitter umgeben. Eine spätere „Deduction" in den Ordensakten schildert den Verlauf der Handlung im wesentlichen also: „Nachdem der Landgraf mit zahlreichem Gefolge eingetreten war, hatte Milchling, um den Zudrang der Menge abzuhalten, die äusserste Thür wieder schliessen lassen. Niemand der im Innern Anwesenden vermochte das eiserne Gitter um das Denkmal zu öffnen; denn der Komtur selbst weigerte sich dessen und warf, in unwilliger Empörung, die Schlüssel von sich. Da auch der Küster sich anstellte als ob er nicht aufzuschliessen verstände, befahl der Landgraf: »Schmidt Schlosser und Schreiner, auch gross Hammer und Meisel zu bringen;« war aber die Custorey zugeschlossen, konnten inwendig nit heraus- schliessen, also dass man die Schlüssel zu den hohen Fenstern auswerfen und von aussen herein schliessen muest." Während sie die Handwerker erwarteten, „ward Sein Fürstl. Gnaden sagen: »wan man in der Custorey Hungers sterben müest, wollten wir den Land- Comthur am ersten essen;« sagt der Land-Comthur: »es müste einer ihn erst fragen, ob und wan Er geessen seyn wollt«." „Nachdem das Gitter und der Schrein durch die Handwerker geöffnet waren, berührte Philipp den darin sichtbaren Sarg mit den Worten: »Das walt Gott! das ist St. Elisabethen-Heiligthum! mein Gebeines ihre Knochen! Komm her, Muhme Eis! das ist meine Aelter- mutter!« Dann zu Milchling! »Herr Commthur, es ist schwer; wollte wünschen, dass es eitel Kronen wären; es werden der alten Ungarschen Gulden seyn.« Worauf der Komtur: »er wüsst nicht was darinnen Die Gebeine sollen zerstreut werden. Der Würfel. 407 sey; er sey seine Lebtage nicht so nah dabei gekommen, und wollte Gott, er wäre auch jetzt nicht so nahe dabei." „Hierauf holte der Landgraf die in einem, ungefähr fünf Viertel Ellen langen, mit rothem Damast überzogenen Kistlein verwahrten und in rothem Damast eingewickelten Reliquien der heiligen Elisabeth aus dem Begräbniss-Monumente heraus und übergab sie seinem anwesenden Statthalter von Collmatsch. Dieser reichte sie seinem Bedienten, der solche in einen »bei sich gehabten Futtersack steckte« und auf das Schloss zu Marburg tragen sollte mit dem Befehle: »sie dort im Beinhause der Kapelle St. Michaels zu zerstreuen«." „Hinter dem kleinen Sarge fand sich seltsamer Weise ein Würfel. Der Landgraf bemerkte in seiner spöttischen Art: »Was man vorne geopfert, das haben die teutschen Pfaffen hinten wieder verspielt«." Indessen dürfte diese sonderbare Nachbarschaft wohl eine tiefere Bedeutung gehabt haben, wenn man ein anderes gleichartiges und gleichzeitiges Vorkommnis dazu heranzieht. Im Jahre 1512 wurde, vor Kaiser Max I, zu Trier die „wohlversiegelte und wohlversorgte Kiste aus Holz und Helfenbein geöffnet, worin der h. Rock seit etwa 300 Jahren unberührt aufbewahrt wurde. In der Kiste, auf der tunica, fand man einen grossen Würfel, mit dem die Soldaten um das Kleid des Herrn gespielt hatten." Hier diente der Würfel augenscheinlich zur Beglaubigung des Rockes; allerdings kam dieser absonderliche Zeuge bei den Ausstellungen von 1845 und 1895 nicht wieder zum Vorschein. Ueber falsche Reliquien klagte bereits der h. Augustinus; namentlich die Passionsgegenstände waren in unzähligen Wiederholungen vorhanden. „In dem Reliquienschreine zu Marburg fehlte am 18. Mai 1539 das Haupt der heiligen Elisabeth. Nach langem Weigern zeigte der Land-Kommenthur den Wandschrank in der Sakristei, worin dasselbe sich zuletzt befunden habe. Man öffnete und fand wirklich den Schädel der Heiligen, mit eben derselben goldenen Krone geziert, die Kaiser Friedrich II der Leiche im Jahre 1236 verehrt hatte, Das Haupt lag in einem goldenen Becher, ebenfalls ein Weihgeschenk des Kaisers. Beides wurde mit den übrigen Reliquien aufs Schloss getragen." Der Statthalter muss jedoch seines Herrn Weisung wegen Zerstreuung der Gebeine nicht genau nachgekommen sein. Im Jahre 1540 befahl 26' 408 Die Reliquien verloren, 1540. Portrait Walters XI. S. Elisabeths in ihren Sarg zurückzulegen und dem Orden wieder auszuliefern. Damals allerdings entschuldigte sich Philipp mit der Unmöglichkeit: sie wieder aus den übrigen Gebeinen herauszufinden. Als er jedoch, 1548, des Kaisers Gefangener zu Oudenarde war und alle Ursachen hatte seinem Gewalthaber zu Willen zu sein, da stellte es Karl V, von Madrid aus, auf unablässige bittere Beschwerde des Deutschmeisters Walter von Kronberg, dem Landgrafen: die Heiligthümer Die Reliquien wiedergefunden, 1548. 409 sich heraus: dass der Statthalter den Befehl seines Herrn nicht vollzogen, sondern den Futtersack ungeöffnet heimlich vergraben hatte. So wurde es möglich, die echten wunderthätigen Reliquien dem Orden zurückzugeben. Der Landkomtur Johann von Rehen bescheinigte am 12. Juni 1548 die Aushändigung der Krone, des Bechers und folgender Gebeine: „ein Haupt mit einem Kienbacken, item fünf Röhrlein, klein und gross, item eine Riebe, item zwei Schulterbeyn und sonst ein breit beyn." Diese Reliquien wurden indessen nicht wieder in das Monument gelegt sondern, angeblich an unbekannter Stelle, neben dem Hochaltare vergraben. Jetzt sind sie dort längst verschollen und, wie es scheint, in alle Welt zerstreut. Manche davon wurden vom Orden selbst an andere Kirchen und Klöster — auf inständiges Bitten — verschenkt. So soll sich ein Schulterblatt in Ungarn, der echte Kopf in Breslau befinden; ein anderer wird in Besangon verwahrt. Der letzte Rest soll im dreissig- jährigen Kriege aus der Kirche entführt sein. Gleichzeitig lebte der Deutschmeister in unausgesetzter Abwehr gegen den Landgrafen und zahlreiche andere fürstliche Nachbaren über Steuern und Belastungen der Ordenshäuser, Gerichtsbarkeit und andere Freiheiten des unbeliebten, nicht mehr geachteten, höchstens noch beneideten Ordens. Dazu steter innerer Zwist und Unfriede, Empörung, Zerfall. Die Häuser waren meistens tief verschuldet, man schrieb das vor allem dem „Juden-Wucher" zu der, trotz strenger Verbote auf den Reichstagen, von den „nagenden Juden" fortdauernd mit den Ordensbrüdern und den Untertanen betrieben wurde. „Als der theure Held vernommen, dass etliche Juden undjüdinne einige dess Ordens Unter- thanen, Wuchers halben, an das Kaiserl. Hof-Gericht zu Rottweil gefordert, dieselbe in die Acht gebracht und sich auf dess Hof-Richters ernstliche Befelch in ihre Güter, liegend und fahrend, Lehen und eigen, einleiten und einsetzen lassen, woraus dann nicht allein erfolgt, dass ihrer viel Weib und Kind verlassen und davon entweichen müssen," so hat Walter dagegen, aus Mergentheim unterm 20. September 1540, eine scharfe Verordnung erlassen: Niemand solle fortan mehr, weder heimlich noch öffentlich, von Juden etwas entlehnen, mit ihnen handeln, ihnen Güter oder Gerechtsame verpfänden, bei Vermeidung der Wucher- 410 Verbot des „Juden-Wuchers." Walters Medaillen und Münzen. strafe, nach Gestalt und Gelegenheit einer jeglichen Ueberfahrung (Ueber- tretung), an Leib und Gut. Wer solches in Erfahrung bringe solle es des Ordens Amtleuten anzeigen. Wer dem zuwider handle, sei es Christ oder Jude, dem solle vor keinem Gericht Recht noch Bezahlung gestattet werden." Auf dem Reichstage zu Speier, 1542, erwirkte Walter zesse des Ordens, sich den Landkomturen gegenüber selbständig zu stellen suchten. Es kam sogar vor, dass Ritter, die „sich in die Welt thaten und ehelich beweibten," dabei „Ordensgüter an sich zogen." Walter lässt zu Mergentheim eine neue Münzstätte errichten, in der Pfennige und Batzen geprägt wurden. Die auf Walter 1528 geprägte Medaille mit dem Bildnis, dem Wappen undderlnschrift: „Es bleib in gedechtnus, so lang Got wil" und der 1535 mit denselben Emblemen und derselben Devise geschlagene Thaler sind merkwürdig. Beide sind vorzüglich gestochen in Joh. Dav. Koehler's Historischen Münzbelustigungen. Im Jahre 1540 verlautete es, dass zwischen Polen und dem Kaiser abermals Verhandlungen wegen Aufhebung der preussischen Acht stattfänden. Sofort richtete der Deutschmeister eine neue Beschwerde an den römischen König Ferdinand. Die Antwort lautete wenig tröstlich. Ebensowenig die mündliche des Kaisers „trotz trefflicher Beherbergung Kaiser Karls V und des römischen Königs Ferdinand I im Residenz- sogar ein Reichsgesetz: „dass kein Jud auf Pfänder, Kleinodien, Kleider, Betten, liegende Güter den Deutschordensuntertanen Geld borgen, diese wegen Schulden bei den Gerichten gar nicht belangen könne — um dem zum Ruin der Unterthanen arg eingerissen Wucher ent- gegenzutretten." Uebrigens verkauften damals sogar die Komture vielfach Ordensgüter auf eigene Faust, nachdem sie, in dem allgemeinen Zersetzungspro- Walter erliegt seiner unmöglichen Aufgabe. 411 schlösse zu Mergentheim," die der schwachen Ordenskasse mehr denn 700 Gulden kostete. Karl verwies auf den nächsten Reichstag. Gleichzeitig bedauerte er, in seiner zweisprachigen Weise, seinem Bruder Ferdinand gegenüber der für Albrecht eintrat: „Wollte Gott, es wäre in unserer Macht, das Dekret (der Acht) ohne Gewalt oder Injurie ganz aufzuheben, wie wir diess Euer Durchlaucht wegen gern thun wollten." Aber er könne es nicht, ohne seinen Eid auf die Reichsverfassung zu verletzen! Auf dem Reichstage zu Regensburg (1541) verhandelte man abermals über die „Suspension der Acht." DerDeutsch- meister, selbst anwesend, suchte mit allerlei Gründen zu erweisen: dass diese ohne Verletzung der Rechte des Ordens nicht zulässig sei. Jedoch man suspendirte EU . viw °s S- wiederum auf ein Jahr und ernannte einstweilen Kommissare zur Ver- mittelung. Unter diesen schweren Mühen und Sorgen war der 61jährige Walter vor der Zeit verbraucht worden, niedergebrochen durch die Sisyphusarbeit: ganz allein das in den Grundmauern wankende Haus zu stützen. Dem Landkomtur von Sachsen der um taugliche Ritterbrüder bat, die Aemter zu versehen, hatte er antworten müssen: es sei ein solcher Mangel an rechtschaffenen Personen, dass „man sich mit Besetzung der Hausämter kaum zu flicken und zu helfen wisse." In dieser Not Hess er die Verwaltung mehr und mehr durch bezahlte weltliche Beamte führen. Der schon schwer leidende Deutschmeister hatte in diesem Jahre 1542 einen letzten tiefen Kummer. Er liess den Hauskomtur zu Nürnberg Philipp von Weingarten, durch drei Komture als Kommissare, seines Amtes entsetzen; man sollte ihn „heimlich bestricken und als Gefangenen fortführen." Dem aber widerstand der Rat, als einem Eingriffe in seine Gerichtsbarkeit; er nahm sogar seinerseits die drei Komture gefangen die dann unverrichteter Sache wieder abziehen mussten. Es handelte sich um Reinigung des dortigen Deutschen Hauses von einer hübschen Weibsperson: „die silberne Schnur" genannt, die heiraten zu wollen Weingarten in Verdacht stand. III. Tod, Beisetzung, Denkmal, Nachruf. GEN dieser und anderer gerechter Beschwerden hatte Walter, rastlos thätig trotz seiner Gebrechlichkeit, auf den 3. Februar 1543 ein Grosskapitel in Speyer ausgeschrieben. Er selbst jedoch konnte es nicht mehr abhalten. Nach mehrmonatlichem Krankenbette starb er zu Mergentheim am 4. April 1543, wie es heisst: an der Pest. „Sein Leichenbegängnis fand am 30. April 1543 mit grossem feierlichem Gepränge statt, zu welchem sich auch seine Verwandten: Hartmann XII (100 K) und Kaspar II (105 F) von Cronberg dahier einfanden." In der Trapponei-Rechnung des Jahres 1543 heisst es: „VI fl. IUI Pfund 3 pf hatt Hartman und Caspar von Cronberg mit 8 Pferden III Tag verthan für stallmiet schlaff und unterm tag trunk, auch morgen supp und essen, als sie hier uff mein gnäd. h. seligsten gedächtnis uff den dreysigsten hier waren; dem wirth zum fuchsen zahlt am Tage Erasmi (3 Juni)." Ueber die Bewirtung der leidtragenden Gäste hat sich keine Nachricht erhalten, jedoch dürfte sie einem gleichzeitigen Leichenschmause für einen anderen hohen geistlichen Herrn wohl nicht nachgestanden haben. Beim Leichenbegängnisse des Erzbischofs Richard von Trier, 1531, wurde an den vier vornehmsten Tischen aufgetragen: „Vorgebrats mit Rosinen Grünkraut mit Tauben Pastete — Kappaunes Grünfleisch Grüner Salm - Gänsebraten - Forellen Ochsenzunge — kalte Pastete. Weins und Brods genug." Das Epitaphium aus Peter Vischers Werkstatt. Seine Wanderungen. 413 „Der Leichnam wurde in der Schlosskirche ausser des Chors beigesetzt und zum Gedächtnis das kunstvolle metallene Epitaphium neben dem Predigstuhl aufgestellt." „Nach Erbauung der noch gegenwärtig stehenden Schlosskirche, 1732- 1736, wurden die in der abgebrochenen alten Kirche befindlich gewesenen schönen Epitaphien (die geringem wurden — zur Schande sey es gesagt — zum neuen Kirchenbau verwendet, z. B. das des Hochmeisters Heinrich von Hohenlohe, Hochmeisters Hartmann von Heldrungen u. s. w.) namentlich das herrliche Denkmal alter Kunst von Walther von Cronberg und mehrere andere, in die neue unter dem Chor erbaute, noch jetzt vorhandene Gruft versetzt, wo sie noch befindlich." „Nur das genannte schöne Denkmal des Hochmeisters Walther wurde im April 1810, wegen seines hohen Kunstwerths, aus der Gruft gewaltsam gerissen und nach dem Königl. Lustschloss Monrepos bei Ludwigsburg gebracht, allwo es im Freien auf einer kleinen Insel aufgestellt war. Von unbekannter Hand ward in dasselbe eingekrizelt: »Steht nicht am rechten Ort,« was eine strenge Untersuchung nach sich zog, die aber zu keinem Ergebnis führte." „Schon bei seinen Lebzeiten bezeichnete Walther das ihm nach seinem Tode zu errichtende Denkmal und liess es im Jahr 1538—1539 zu Nürnberg fertigen;" in der Werkstatt Peter Vischers, wahrscheinlich von seinem Sohne Hans, denn Peter starb schon am 7. Januar 1529; . . . „von wo es im Jahre 1540 hieher kam; wenn es in der Trapponei- Rechnung heisst: »für gemeine Zerung: Villi fl eine Kiste Erz von Nürnberg hieher zu füren; item XXIIII pfennig dem furknecht vonn Rottenburg zu zerung, als er statt den man zu nürnberg Erz herabfürtt, zalet u. s. w." „Es besteht aus einer, aus purem schönem Erz gegossenen Platte, 30 Zentner wiegend, auf welcher er in Lebensgrösse, vor einem Kruzifix, mit zusammengelegten Händen einen Rosenkranz haltend, andächtig knieend abgebildet ist. Unter dem Kruzifix war, als Symbol, ein prächtig gearbeiteter Todenkopf befindlich; neben diesem die Schrift: »Mit der Zeit alle hernach.« In der Mitte dieses Epitaphiums steht das Hochmeisterliche Wappen, worinn auch das seiner Familie angebracht ist, an den 4 Enden die Wappen seiner Verwandten" (mütterlichen Vor- 414 Das Epitaphium. Einzelnes. fahrinnen), „über seinem Bildnis rechts oben sein Stammschloss Cron- berg (?); unten die von ihm selbst verfasste Grabschrift, also lautend: „anno domini 15 . . ist der hochwürdigste fürst und Herr, Herr Walther von Cronberg Administrator des Hochmeisterthums in Preussen, Meister Deutsch Ordens in deutschen und welschen Landen von dieser Welt in Gott verschieden." „Das Jahr und der Tag seines Todes wurden erst im Jahre 1547 von dem Nürnberger Erzgiesser in dem Epitaphium ergänzt, wo also heutzutag zu lesen ist: anno domini 1543 den 4 ten Tag April ist der u. s. w." „In der Trapponei-Rechnung des Jahres 1547 heisst es: im 2 ,en Vierteljahr: item 1 f. dem Glockengieser von Nüremberg geben, der mein gnädigsten Herrn seligst Jarzal und den Tag in das Epitaphium gemacht, zu Verehrung geben auf befehl des Komthurs betreffd das schöne Cronberg Epitaphium." Die auf dem Epitaphium angebrachten Wappen sind folgende: rechts oben Reiffenberg (Mutter) rechts unten Schönberg (deren Mutter) links oben Handschuchsheim (Vaters Mutter) links unten Dürkheim (deren Mutter). „Dieses Kunstdenkmal muss früher vergoldet gewesen sein, wovon sich jetzt noch Spuren daran zeigen, und mag als Gold angesehen worden seyn, weil von ruchloser Hand (es heisst von einem entsprungenen Sträfling) der von Meister Hand so kunstvoll gearbeitete, unten am Kruzifix links gen der Schrift: »Mit der Zeit alle hernach,« befindlich gewesene, ausgezeichnet schöne Todtenkopf gewaltsam abgerissen, entfremdet, und nicht mehr beigebracht wurde." Es bestand ein Aberglaube: Erz verwandle sich in Gold, wenn es ein Jahrhundert lang der freien Luft ausgesetzt bleibe. „Glücklicherweise litt bei diesem Raube das Denkmal keinen weiteren Schaden." „Der Stadtgemeinde Mergentheim musste Alles daran liegen, diesen Kunstschaz wieder in seine Mauern zu bringen; sie ward aber oftmals mit dem Bescheide zurückgewiesen: dass das Lustschloss Monrepos der verwittweten, jetzt verstorbenen, Königin zugewiesen sey, man daher über das Cronbergische Monument nicht verfügen könne." Das Epitaphium wieder am rechten Ort. 415 „So stand dasselbe viele Jahre lang unbeachtet, der Witterung und andern Unbilden preisgegeben (wodurch die Vergoldung verschwunden), bis es nach dem Tod der verwittweten Königinn in das neu errichtete Kunstgebäude zu Stuttgart versezt wurde." „Allein auch hier stand es wieder »nicht am rechten Ort;« der Stadtrath dahier erneuerte daher seine Bitte in Eingaben an das Ministerium und an Seine Majestät den König unmittelbar, worauf endlich . . . die Abgabe ... an die Stadtgemeinde Mergentheim verfügt ward; 1853 am 9. August traf es hier ein." Nun entspann sich ein Streit zwischen dem Stadtrath und der evangelischen Kirchengemeinde über die Aufstellung des Denkmals, weil . . . „der Stadtrath . . ., in Rücksicht der inzwischen zur evangelischen Kirche umgewandelten Schlosskirch, diesen um die Erhaltung des katholischen Glaubens so hochverdienten Regenten nicht in eine evangelische Kirche bringen zu lassen glaubte, und die schöne Gelegenheit ergriff, solches Kunstwerk in die wieder hergestellte ehemalige Dominikaner-, jetzt Marienkirche, aufstellen zu lassen, und troz vielen Widerspruchs darauf beharrte." „Hierauf ward das . . . schöne Epitaphium . . . neben dem, von dem Fürsten von Hohenloh im Jahre 1855 gestifteten, prachtvollen gothischen Hochaltar, linker Hand an der Wand aufgestellt . . . und bildet den grössten Kunst schätz, den die Stadt Mergentheim besitzt." Walter von Kronberg war jedenfalls ein echter ganzer Mann von grossartiger Ueberzeugungstreue. Davon zeugt, in schwankender verhängnisvoller Zeit, sein unerschütterlicher Kampf für eine verlorene Sache. In ihm lebte der unwandelbare Heldensinn: kein Gegner ist zu stark um ihm nicht mit Manneskraft zu begegnen wenn man für das bestehende Recht kämpft. So tritt Walter, innerhalb des Ordens eingerissener Unsitte und drohendem Verfalle entgegen, ebenso den äusseren feindlichen Mächten, die den wankenden Orden vollends nieder zu reissen trachteten. „Recht muss doch Recht bleiben. Unrecht kann niemals Recht werden." Dieser starre Glaubenssatz des hochachtbaren aber unfruchtbaren Legitimismus war Walters Leitstern. Dabei wurde er weniger von wirksamem Eifer für die katholische 416 Walters Karakter. Seine hohe Stellung im Orden. Kirche belebt gegenüber der den Orden zersetzenden Reformation, als von einem starken angeerbten und angelobten Standesbewusstsein getragen, von dem menschlich berechtigten Streben der uralten Besitzer: „dem verderblichen Abgange ihrer Adelstiftung zuvorzukommen." Deshalb haben späte Nachkommen im Orden mit allem Fug: „den Ritter voll der Treue zum Kaiser und zur Kirche, den edlen Deutschen Herrn Walter von Kronberg als eine Säule der Sittlichkeit im Orden zu schwer bedrängter Zeit," als dessen „zweiten Wiederhersteller" gepriesen. An der einseitigen und ausschliesslichen Behauptung dieses Standpunktes musste allerdings der Orden zuletzt in Deutschland zu Grunde gehen. Der Deutschmeister Walter aber durfte immer noch auf sein Bild im Schlosse zu Mergentheim, dessen Wiedergabe leider nicht zu ermöglichen war, schreiben lassen: „Wehe der Ungerechtigkeit." Siebenter Abschnitt. Die Epigonen der Reformationszeit von 1550 bis in den Dreissigjährigen Krieg. Ausgang des Flügelstamms 1617. Allgemeines. I. Geschlechtsregister: A. Flügelstamm. Dreizehnte Geschlechtsreihe. A. I. Kaspar II (105 F). A. III. Eytel (107 F). Sein Grabmal. A. IV. Katharina. A. II. Georg I (106 F). A. V. Helena. Vierzehnte Geschlechtsreihe. Zweig I. A. I. Nachkommen Kaspars II (105 F): A. I. 1. Johann XIII (Philipp) A. I. 3. Ulrich IV (109 F). (110 F). A. I. 4. Wilhelm III (111 F). A. I. 2. Wolfgang I (110a F). A. I. 5. Anna. Fünfzehnte Geschlechtsreihe. Zweig I. A. I. 3. Kinder Ulrichs IV (109 F): A. I. 3a. Wolfgang II Hein- A. I. 3b. Anna Elisabeth. rieh (121 F). A. I. 3c. Anna Katharina. 418 Siebenter Abschnitt: Inhalt. Noch: Vierzehnte Geschlechtsreihe. Zweig II. A. II. Sohn Georgs I (106 F): A. II. 1. Johann Eberhard I (108 F). A. II. la. Tochter: Margarethe. Der Nachlass des Flügelstamms. B. Kronenstamm. Dreizehnte Geschlechtsreihe. Die drei Söhne Hartmuts XII (100 K): B. I. Philipps VIII (102 K). — B. II. Hartmut XIII (103 K). B. III. Walter XII (104 K). II. Ihre Brüderliche Teilung, 1550. III. Allerlei Regierung in Eschborn und Kronberg: A. Revolte in Eschborn, 1550. B. Burgfriede von 1567. C. Erlass unser Dorf Eschborn betreffend, 1569. D. Landvermessung in Eschborn, 1583. E. Die Vogtei des Stephanshofes zu Eschborn, 1585. F. Aus der Kirchenordnung für Kronberg und Eschborn, 1585. IV. Die Kronberge allzeit gut kaiserlich: Belagerung von Frankfurt 1552. B. I. Philipps VIII, des Kaisers Rittmeister vor Metz. B. II. Aus Hartmuts XIII Lebenslauf und Ende, f 1591. B. III. Walter XII (104 K). Siebenter Abschnitt: Inhalt. 419 V. Fortgang der vierzehnten und fünfzehnten Geschlechtsreihe im B. Kronenstamm. B. I. Kinder Philipps VIII (102 K): B. I. 1. Philipps IX (112 K) f vor 1584. B. I. 2. Johann XIII Friedrich (113 K) -f vor 1588. Seine Tochter Amalie starb unvermählt. B. I. 3. Margret -f ? B. I. 4. Clara f 1592. B. I. 5. Anna f 1627. B. I. 6. Hartmut XV (114 K) f 1616. Kinder: B. I. 6a. Margret J- 1602. B. I. 6b. Barbara f 1621. B. I. 6c—g. Fünf Vorverstorbene. — Der Zweig erlosch. B. II. Nachkommen Hartmuts XIII (103 K): Franziskus I (117 K) f 1605. Kinder: B. II. la—c. Drei vorverstorbene Söhne. B. II. Id. Magdalene. B. II. le. Anna. Hartmut XIV (118 K) f 1606. Kinder: B. II. 2a und b. Zwei vorverstorbene Söhne. B. II. 2c. Anna Margarethe *j* 1616. B. II. 2d. Magdalene J* ?. Johann Schweikard I, Erzbischof von Mainz (119 K) f 1626. Margarethe 1590. Clara -f 1586. Anna J- 1549. (Johann) Georg II (120 K) f 1608. Kinder: B. II. 7a. Wolfgang III Hartmut (127 K). B. II. 7b. Julius (128 K). B. II. 7c. Johann Schweikard III (129 K). B. II. 7d. Adam Philipp XI, Graf (130 K) f 1634. B. II. 7e. Anna Clara J* 1627. B. II. 7f. Anna Maria J* 1626. B. II. 1. B. II. 2. B. II. 3. B. II. 4. B. II. 5. B. II. 6. B. II. 7. 420 Siebenter Abschnitt: Inhalt. B. III. Nachkommen Walters XII (104 K): (Haus Iben bei Kreuznach.) B. III. 1. Hartmut XVI (115 K) f 1611. Kinder: B. III. la. (Johann) Daniel I (122 K) f 1621. B. III. Ib. (Johann) Walter XIV (123 K) f 1613. B. III. lc. (Johann) Schweikard II (124 K) J* 1635. B. III. Id. (Johann) Hartmut XVII (125 K) J* 1632. B. III. le. (Johann) Philipp X (126 K) J* 1637. B. III. lf. Anna Ursula. B. III. lg. Anna Katharina. B. III. 2. Walter XIII (116 K) f 1598. Kinder: B. III. 2a. Hermann I (131 K) J* 1625. B. III. 2b. Beate. I. DEUTSCHLAND bietet in der zweiten Hälfte des 16. Jahrhunderts, der ersten gegenüber, das unerfreuliche Bild eines geistig sinkenden Volkes. Dem freien evangelischen Aufschwünge folgte das armselige pseudochristliche Gezänk der Theologen, der unebenbürtigen Nachkommen einer grossen Zeit, um hohle dogmatische Spitzfindigkeiten. Gross war über solche selbstmörderische Thorheiten der Jubel in Rom, denn „ihr Krieg ist unser Friede." Diese Gegensätze vor allem hinderten die politische Einigung der deutschen evangelischen Fürsten. Der reformatorisch gesinnte Kaiser Max II (1564—76) konnte sich zum förmlichen Uebertritte nicht entschliessen; er folgte den Wegen der österreichisch-spanischen Hauspolitik. Sein Sohn, Rudolf II (1576—1612) erwies sich als Mensch und Regent vollständig ungenügend. Unter ihm schuf die jesuitische Gegenreformation an ihrem mühsamen geheimen Werke der Umwälzung, denn damals verhielten sich die Augsburger Konfessionsverwandten im Reiche wie 9 zu 1. Im Innern der einzelnen deutschen Länder stand jetzt die Fürstengewalt fertig und fest. Der ritterschaftliche Reichsadel war, in entsprechendem Niedergange, dienender Hofbeamter oder Offizier geworden; die strebsameren gingen dem Rechtsstudium nach, das ihnen den „fürstlichen Rath" einbringen sollte. Den grösseren Teil drängte die Gegenreformation mit geschickter Verwendung äusserlich zwingender Hebel wieder in die alte Kirche hinüber, namentlich: die Gefährdung des Familienbesitzes, wenn die Stifter zur Versorgung der zahlreichen jüngeren Kinder fehlen würden. Die Wissenschaften hatten in Deutschland abgeblüht, dagegen stieg der materielle Wohlstand durch Aufschwung des Handels und Kunstgewerbes. Das Leben war inhaltsleer und nüchtern, wohlhäbig und alltäglich geworden, nicht minder in ihm die Menschen. In diesem allgemeinen Rahmen standen auch die Epigonen der Kronberge bis zum Anfange des grossen Krieges. 27 422 Die Mittelmenschen. A. Flügelstamm. Dreizehnte Geschlechtsreihe. Kinder Kaspars I (96 F) und der Katharina Kronberg: A. I. Kaspar II (105 F) heiratet 1544 Margarethe von Sötern-Dagstuhl, bei Trier. Seinen mutigen Protest gegen Landgraf Philipp wegen Bedrückung der kronberger Bürgerschaft, aus dem Jahre 1537, kennen wir bereits. Er stirbt 1573: Sein Grabmal hat sich auf dem ehemaligen Friedhofe vor Kronberg erhalten. Fast lebensgross, in voller Rüstung kniet sein, in Sandstein ausgeführtes Bild frei auf einem Sockel, den vor ihm hoch aufgerichteten Gekreuzigten anbetend. Rechts neben ihm liegt sein Helm, zur Linken ein eisernes Schwert. Langer Bart um- schliesst das Gesicht, die verwitterten Züge sind nicht mehr erkennbar. Auch an den Gliedern sind verschie- des Kreuzes liest man auf einer me- „O Her, vor dir seind nitt ungezehlt gewesen meine Fustrit, mein Wegfahrt ist gestanden in deiner Hand, erbarm Vater schoepfer und Heiland. 1573." Grabstätte Kaspars II. p>j e Erklärung dafür, dass Kaspar II seine Grabstelle auf dem städtischen Friedhofe gefunden, wird sein: damals waren Stadtkirche und Burgkapelle protestantisch, der Flügelstamm aber war katholisch geblieben. A. II. Georg I (106 F) heiratet 1539 Margarethen von Fleckenstein; 1541 Amtmann zu Germersheim; er stirbt 1547, sie am 15. August 1560. Durch ihre zweite Gross- A. Flügelstamm. Vierzehnte Geschlechtsreihe. Zweig I. 423 mutter Maria Walpod von Ulmen waren die Brüder Besitzer beträchtlicher kölnischer Lehne in der Eiffel. Ihr Wohlstand und katholischer Glaube befestigten ihren Widerstand gegen Landgraf Philipp. Georgs und Margarethens Grabstein sah Oetter 1763 in der Stadtkirche zu Kronberg. „Unter einer geharnischten Figur nebst der Gemahlin (stand)": „Anno Dm MDXLII uff Samstag der XXX dag des Christmonet starb der eddel und erenvest Jorg van Cronberg dem Got genade Anno Dn MDLX uf Freytag den XVI Augusti starb die Ersame und dugen- hafftege Frau Margrete geborn von Fleckstein der Gott genade. Ahnen des Mannes: 1. Cronberg c. a.; 2. Cronberg c. a.; 3. von der Leyen; 4. Bach -Bintzburg. Ahnen der Frauen: 1. Fleckenstein; 2. Ingelheim; 3. Andlau; 4. (?) Auch diese Ruhestätte ist heute vertilgt; sie wird vom Pfarrer Christ zu Gunsten der Erweiterung der Kirchenstühle zerstört sein. A. III. Eytel (107 F) Domherr zu Trier und Speyer, lebte noch 1543. A. IV. Katharina, lebte noch 1543. A. V. Helena, wird 1547 genannt als in einem kleinen herrschaftlichen Häuschen am Doppes untergebracht. Ihre Grabstellen sind verschollen. Vierzehnte Geschlechtsreihe. Zweig I. A. I. Kinder und Enkel Kaspars II (105 F) und der Margarethe von Sötern-Dagstuhl: A. I. 1. Johann XIII (Philipp) (110 F) kam 1560 von der Universität Köln zurück um in Frankreich weiter zu studiren. Er starb als Domherr zu Mainz, 1563. A. I. 2. Wolfgang I (110a F) heiratete Claudia von Rollingen, starb kinderlos 1599, war Ganerbe in Dagstuhl. Wolfgang war in Kronberg zur Schule gegangen. Im April 27* 424 Ein väterlicher Brief von 1560. Ulrichs IV vergebliche Heiraten. 1560 schickte den Zwölfjährigen sein Vater in die Klosterschule zu Schlüchtern bei Fulda, für ein Kostgeld von 20 Gulden im Jahre. A rn OH rMrtAKor 1 CßH J-\* digen Flerrn Petrus, Abbet des gotshauss Schlichtern, in seiner Er: (Ehrwürden) bei andre Jungen, so in der schulen bei ihm hatt, erlanget und gethon hab, bin ich der hoffnung, du hobst dich bei deinem Hern dem Abbet, praeceptor und mitgesellen gehorsamblich, thugentsamblich und freundtlich gehalten, wie ich dir bevolhen. Darauf ich dich verthröst, so dein brud Hannss philips alher ghen Cronberg kummen wirt, die zue ime holen zulassen, in hoffnung so ver (fern) du dich rect gehalten, dein Herr der Abbt werd dir auch etlich tag er lauben, sonst wird es mis- lich umb dich steen; und wollest ein warhafftige erkantnus deines wol- haltens bei deinem herren und preeeptor erhalten und erbitten, darmit du mit guter gezeugnus und passport kommen möchst. So dir selbig nit vorhanden, so wirst du bei mir nit zugelassen noch angenommen werden; darnach wirst dich zurichten, und habe dich zu allem uff den weg, mit reiften, auch in herberg, wie dir der reitter pueb sagen wird und (ich ihm) bevolhen hab. Damit gott bevolhen. Dat. Cronberg den 25 October anno x60. Ulrich war deutscher Herr, 1584—89 Ueberreiter im Odenwald und Komtur zu Trier. Er wurde seiner Gelübde entlassen da „mein Stamm sehr blosz und von meiner Linie noch wenig vorhanden." Damals lebte er bereits in Kronberg, und „habe nun schon mehrmals mein Glück und Wolfarth mit Heiraten versäumt; jetzt steht aber wieder eine an." Er bittet den Deutschmeister Eustachius von Westernach um baldige Resolution „damit ich in dieser jetzt vorstehenden Heirat nit gehindert werden möge." Es geschah ihm wie gebeten. Er heiratete: 1. (1592) Anna Dalberg; 2. (1605) Katharina von Carben, des Quirin Riedesel von Bellersheim Wittwe. Vergebens. Die Linie wurde mit seinem Sohne abständig; drei Brüder waren geistlich geworden. A. I. 3. Ulrich IV (109 F), 1555- 1611. Der Grossprior von Ungarn. 425 A. I. 4. Wilhelm III (111 F) war 1596 Johanniter-Komtur zu Mainz und Niederweisel (Wetterau); Grossprior von Ungarn. Dieser leere Titel galt nur: „in partibus infi- delium," da die Türken den Orden in Ungarn längst völlig zerstört hatten. Wilhelm bewegte sich im kurfürstlich mainzischen Dienste; wir finden ihn, 1605, als „Kaiserlichen Deputirten" gegen die aufständigen „Teschischen" thätig, ebenso als Abgesandten seines Vetters des Erz- bischofs Johann Schweikard am sächsischen Hofe, 1606. Er starb am 26. Januar 1609. Seine Grabstätte ist unbekannt. Im kronberger Hause am Doppes fand Oetter ein Glasbild (Me- morie): „Das Cronbergische Wappen mit den Flügeln auf einem Mal- thäser-Creuz mit 2 Helmen: 1. Maltha; 2. Cronberg. Darunter: W. V. C. R. C. B. S. I. O. Z. R. M. V. W. Ao 1610 (?)" Wilhelm von Cronberg Ritter Comtur Beati St. Johan-Ordens zu ? Mainz und Weisel. nis A. I. 5. Anna heiratete Hans von Kerpen zu Fürfeld (bei Kreuznach). Fünfzehnte Geschlechtsreihe. Zweig I. Ulrich IV (109 F) hatte einen Sohn, ein schwächliches Reis: A. I. 3a. Wolfgang II Heinrich (121 F); er starb bereits 1614, kinderlos, zu Udenheim bei Wörrstadt (Rheinhessen); und zwei Töchter: A. I. 3b. Anna Elisabeth heiratete 1626, Johann Gottfried zum Jungen, einen mainzer Geschlechter; sie starb 1636. A. I. 3c. Anna Katharina starb ledig. Noch: Vierzehnte Geschlechtsreihe. Zweig II. A. II. Einziger Sohn Georgs I (106 F) und der Margret von Fleckenstein: A. II. 1. Johann Eberhard I (108 F). Er war geboren 1544, verlor seinen Vater mit 3 Jahren; kurmain- zischer Amtmann zu Alzenau bei Gelnhausen; vom 5. Juni 1577 bis 8. Oktober 1617 Burggraf von Friedberg. Er heiratete am 16. September 426 Der Brömserhof in Rüdesheim. 1565 Anna Riedesel zu Eisenbach. Ihr einziges Kind Anna Margarethe heiratete am 8. Februar 1587 Hans Reichard Brömser von Rüdesheim. Sie bewohnte mit ihrem Gatten die dortige Brömserburg, deren älterer Teil hieneben wiedergegeben wird; jetzt ist das sehr ausgedehnte Gebäude, nebst dem Hofe, durch spätere Mauern zerstückt. Der Brunnen trägt Margarethens Flügelwappen. Sie starb dort 1600 und wurde mit ihrem Gatten im benachbarten, jetzt aufgehobenen Kloster: Nothgottes bestattet. Durch sie vererbte die, von ihrem dritten mütterlichen Grossvater, dem pfälzer Marschall Philipp VI (82 F) erworbene Sauerburg bei Caub an die Brömser und von ihnen durch die Metternich an die Sickingen. An einem Hause aus der kronberger Zeit unterhalb der Ruine steht dort zu lesen: „Wan Hass undt Neydt brennt wie Feyer So wer das Holtz im Sauren Thal nyt so deyer." Reichsburg Friedberg. Burggraf Johann Eberhard 1577—1617. 427 Der Ursprung der Reichsburg Friedberg liegt im Dunkel. Zweifellos steht sie auf römischem Unterbau. Ihre älteste urkundliche Erwähnung ist vom 26. Oktober 1217, als Kaiser Friedrich II aus Lipitzk (Leipzig) dem Burggrafen und den Burgmannen zu Friedberg einen Erlass sendet. Aus dem Ende des 13. Jahrhunderts weiss man von vielfachen Streitigkeiten zwischen der Burg und der darunter liegenden kleinen Reichsstadt. Um 1455 musste letztere der Burg Eid und Huldigung thun. Der Burggraf war das Haupt der Ganerbschaft, der Burgbesatzung. Sein alter Diensttitel war: „burggrave des heiligen Reichs; in Bürge und statt Amptmann, als der Burgkman, der burger und bysese ordentlich Richter." Ihm zur Seite stand das „Regiment" von zwölf Burgmannen; zwei von ihnen waren „Baumeister;" die übrigen Ganerben hiessen „gemeyne" Burgmannen, ihre Zahl wechselte. Zur Aufnahme war erforderlich: Abstammung oder Einheiraten, vier Ahnen die später bis zu sechzehn hinauf verdoppelt wurden; hoher Adel war ausgeschlossen. Die Burg besass volle Landeshoheit. Der Burggraf hatte eine Dienstwohnung: das Burggraviat; viele Familien der Burgmannen lebten dort in eigenen Häusern. Die Einnahme des Burggrafen bestand, alsjohann Eberhard zu dieser Würde gelangte, nach einem Bestallungsbriefe von 1572: I. baares Geld: 200 Gulden 20 10 40 10 17 den frankfurter Währung. , für Abhörung der Rentrechnung von Stadt und Burg. , für Audienz der armen Unterthanen. , Burggerichtsaudienzen. , für 1 Tonne Häring. für Winterröcke seines Dieners. 297 Gulden. 428 Staatsleben auf Burg Friedberg. II. Naturalien: 20 Ellen holländisch Tuch zu Sommerröcken; Nutzung von 24 Morgen Wiesen, verschiedenen Gärten und Gräben der Burg; 100 Achtel Hafer so für 5 Pferde zu halten; die Leibshühner über der Höhe (von Leibeignen hinter dem Taunus); das Lischwasser an der Nidda zu Karben; die Judennutzungen in der Stadt. Eine der wichtigsten Angelegenheiten dieses altdeutschen Staatengebildes war das „Heuverdienen" von den 239 Morgen Markwiesen; wer Anteil an der jährlichen Teilung begehrte, musste während der Wintermonate „gerüstete Pferde" gehalten haben. Von kriegerischen Thaten der Burgmannen auf diesen Schlachtrossen haben Priedbergs Geschichtsschreiber nichts überliefert. Allerdings wurden, als im Oktober 1522 die drei Pürsten Kronberg berannten, vierzig Burgmannen einberufen und zur Verteidigung angestellt. Das verbündete Kronberg zu entsetzen war freilich für ein derartiges Häuflein undenkbar; andrerseits bemühte sich auch der Landgraf von Hessen nicht weiter um die invalide Reichsmacht an seiner Heerstrasse. So ist denn auch nicht allzu sehr zu verwundern, wenn es nicht hat gelingen wollen, im friedberger Archive einiges von Belang aus Johann Eberhards fünfzigjährigem Regimente aufzufinden. Besonders scheint er sich bemüht zu haben: die Rechte der Burg über die Reichsstadt, die ursprünglich nur Pfandbesitz waren, zu erweitern. In einer Streitschrift aus dem Jahre 1610 heisst es: „Der jetzig noch wesende Burggraff hat sich heimlich und öffentlich auffs euserst bearbeitet und das geringste nicht unversucht gelassen, wie er der Rom. Keys. Majeest. und dem Heyl. Römisch Reich diese alte Reichs Statt entziehen, von den Reiche abreissen und der Burg underwürfflich machen möchte." Der nie ruhende Streit war damals so heftig entbrannt, dass Jahre lang jeder Verkehr zwischen den beiden Reichsständen aufhörte und erst nach Johann Eberhards Tode wieder aufgenommen wurde. Seine revolutionäre Bestrebung fand im „Jüngsten Reichsabschiede," 1654, ihren günstigen Abschluss. Damals wurde der Name der Stadt Friedberg im Originale des Instrumentes wieder ausgestrichen, ihr Gesandter also nicht mehr anerkannt; das Sternlein war am Reichshimmel erloschen, die Stadt wurde landsässig; man nannte das „ausziehen." Es gab dann freilich eine kleine Empörung, in der die Judengasse gestürmt, geplündert, endlich gar der Hofthor des kronberger „Schlosses" auf Burg Friedberg, 1610. 429 Burggraf selbst „mit gewehrter Hand angegriffen, die Sturmglocken geschlagen, Musqueten präsentirt, wirklich Feuer gegeben" wurde. „Es ist dabei aber nicht ein einziger Mensch verwundet." Im Jahre 1805 wurden Sieger und Besiegte grossherzoglich hessische friedliche Unterthanen. Johann Eberhard hat sich in Friedberg ein dauerndes Denkmal gesetzt. Er baute dort, 1604—1610, ein stattliches „Schloss" an der Ostseite des Burgberges. Den Hof betritt man durch ein vornehmes Renaissance-Thor mit drei Bogenöffnungen. Den Architrav schmücken die Wappen Kronberg-Riedesel. Darunter steht zu lesen: „Pax ingressuris pax egredientibus esto. Pax foveat tutam dulcis alumna domum." „Friede sei mit den Ein- und Ausgehenden. Friede, der süsse Pflegling, hege das sichere Haus." Am Giebel des Kronberghauses steht: „Wer Gott vertraudt Hatt woll gebawt." Ueber der Eingangsthür des Hauses abermals die beiden Wappenschilde. Umschrift: „Johann Eberhard von und zu Cronberg, derzeit Burggrov zu Friedbergk. — Frau Anna Riedeselin zu Eisenbach." Darunter: „Durch Gottes hülf ist dies Gebeu Von gnandt gemahln gesetzet neu 1610." 430 Erinnerungen an Johann Eberhard in Kronberg. Ueber dem linkseitigen Eingänge liest man: „O Gott und Herr, durch dein gewalt Mit gnadt und glück dies haus erhalt." Im Jahre 1689 ward das „Kronberger Schloss" als Burggraviat angekauft. Jetzt bildet es den östlichen Flügel der grossherzoglichen Sommerresidenz. Im Neubau am Doppes zu Kronberg, gegenüber der Stadtkirche, fand Oetter (1763) folgende: „Historische Vorstellungen in zwei Tafeln: 1. Kaiser Tiberius King Rupprecht. Darunter die Wappen: Fleckenstein. Cronberg c. a. Malspurg. Cronbergk c. c. Ingelheim. Hundelshausen. Cronberg c. a. und Riedesel. Johann Eberhart von und zu Cronbergk der Zeit des H. Reichs Burggrave zu Burg und Statt Friedtbergk Frauw Anna von Cronbergk geborene Riedeselin zu Eysenbach anno Domini 1593. 2. Brömser (ein Jagen) Cronbergk. Darunter die Wappen: Brömser und Cronberg c. a. Braidbach. Riedesel zu Eisenbach. „1604 Hans Reichart Brömser von Rudesheim Churfurstlicher Mayntz ischer rath und vicedom zu Mayntz Frau Margaretha Brömserin von Rudesheim geborene von Cronbergk." In der Burgkapelle zu Kronberg fand Oetter den Burggrafen durch folgenden Schild „verewigt:" ,Johannes Eberhardus a Cron bergk ex illustri sui stematis pro- sapia et pro tempore superstes unicus; Castri et Civitatis Imperialis Friedbergensis. Weteraviae Metropolis Burgravius Magnificus anno 1577 electus. Clypeum hunc Equestrem auratum anno aetatis suae septua gesimo secundo, mense sexto (?) in memoriam confici ! et affigi curavit anno Christi 1614 mense decembri." Diese Memorie ist ebenfalls verschwunden. Die „Sitzungs - Protokolle des Regimentes" ergeben: dass schon im Jahre 1615 Johann Eberhard wegen Krankheit nicht mehr an den Geschäften persönlich teilnehmen konnte. Er schreibt damals dem Johann Eberhards Handschrift im Alter, 1615. 431 Regimente aus Kronberg, das er alsdann nicht mehr verlassen hat. Seine Unterschrift bekundet Lähmung. Von seinem langsamen Absterben wurde er am Mittwoch 8. Oktober a. St. 1617 erlöst. Hermann Kronberg, der Gatte der Enkelin und Miterbin des Burggrafen: Anna Sidonie Brömser, ladet die Leidtragenden ein: die Leiche „am Montag 20. Oktober aus ihrer gewohnlichen Behausung (der Helle) zu ihrem ruhebettelein bringen und begleiten" (zu wollen, also) „dass Sie mit Ehren und christlich Andenken und der Erden gebracht werde." Aus Friedberg erschien eine starke Abordnung von Burgmannen und Beamten der Reichsburg. Der Kondukt fand zwischen 7 und 8 Uhr Abends bei Fackelerleuchtung statt. Aber wohin? Beide Kirchen zeigten schon 1763 keine Spur der Grabstelle, auch jetzt hat dort nichts gefunden werden können. Es liegt vielmehr nahe anzunehmen, da beide Kirchen 1617 lutherisch waren, dass Johann Eberhard, gleich seinem Vatersbruder Kaspar II, als guter Katholik auf dem Friedhofe vor der Stadt „und die Erde" gebracht ist. Aber auch dort hat kein Stein, keine Spur von einem Grabmale des vornehmen reichen alten Herrn des Ortes aufgefunden werden können. In dem stets katholischen Schönberg wurde ebenfalls vergebens gesucht. Wo aber auch das stattliche Grabmal stand, zweifellos ist es, grade wegen der Vornehmheit der Leiche, im dreissigjährigen Kriege geschändet; zuerst geplündert und zerstört, später sind die Bruchstücke verschleppt und anderweit nützlich verwandt worden. Teilung der Verlassenschaft des Burggrafen. B. Der Kronenstamm. 433 Johann Eberhard I (108 F), war letzter Mann des Flügelstamms gewesen. Die Tochter seiner einzigen vorverstorbenen Tochter Margarethe, der Gattin des letzten Brömsers Hans Reichard: Anna Sidonia Brömser, Gattin Hermanns 1 von Kronberg (131 K) hatte sich als Allodialerbin mit dem gesammten Kronenstamme als Fehnserben, in die sehr beträchtliche Erbschaft zu teilen: Das „Hohe steinerne Haus" auf der Burg, der nördliche Schlossflügel, erhielten die beiden Kronenstammlinien gemeinsam. Es sollte dort das Archiv angelegt werden. Ulrichs IV (109 F) Haus auf der Burg „uff (oberhalb) dem Dor- haus" mit Stall (über den geräumigen Kellern unterwärts des Freiturms) erhielt die Waltersche (104 K) Finie; ebenso den „Garten under an der Burg gegen den Rodehofe über" (jetzige neue Burgstrasse und Umgebung). Die Westerburg erhielt Hermann I; zugleich die Helle, als Allod seiner Frau. „Die Häuser auf der Burg" — so wird klagend berichtet »zerfielen Tag für Tag mehr; sie müssten reparirt werden; es sey das unterblieben wegen der anhaltenden Streitigkeiten in den Stämmen." Diese verhängnisvolle Vielherrschaft dauerte fort; sie trieb die meisten Kronberge in auswärtige Wohnsitze und Grabstätten. B. Der Kronenstamm. Dreizehnte Geschlechtsreihe. Die drei Söhne Hartmuts XII (100 K): B. I. Philipps VIII (102 K) geboren um 1512, kaiserlicher Rittmeister zu Frankfurt im Sommer 1552, starb zu Trier 1553 an der, aus der Belagerung von Metz, Herbst 1552, heimgeschleppten Seuche. B. II. Hartmut XIII (103 K), geboren vor 1517. Mainzer Marschall und Fandhofmeister, Geheimer Rat, Amtmann zu Höchst und Hofheim, starb am 3. Mai 1591 auf Burg Kronberg. B. III. Walter XII (104 K), geboren um 1519 starb, als Marschall der Pfalz, zu Frankfurt während der Wahl Kaiser Ferdinands II am 14. März 1558. II. Brüderliche Teilung im Kronenstamme, 1550. N Hartmuts XII Tod schliesst sich eine Reihe von Haus- und Teilungsverträgen: zwischen seinen drei Söhnen, zwischen diesen und den Flügeln, endlich mit der Stadt. Sie werfen einiges Licht auf manche Seiten der damaligen Zustände; deshalb sollen sie hier, mit notwendigen Zusammenstellungen und Kürzungen, vorgeführt werden. Teilung der drei Brüder: Philipps VIII, Hartmut XIII, Walter XII. Es wurden drei Loose gemacht; in diesen waren Gefälle aus 61 Ortschaften: 1. Kronberg (das bei weitem grösste); 2. Oppenheim; 3. Bintz- burg. Die Reichslehne blieben gemeinsam. 1. Zu Loos Kronberg wurde gelegt: Das „(Kronenstamm-) Haus uffm Schloss;" Gärtlein; Stall und zugeordneter Mistplatz; das Bindehaus (Böttcherei für die Fässer) sammt dem „langen Stall" daran, dem nächsten bei der Wehde (Viehtränke), „vor dem Schlosse gelegen" (auf dem Gelände der „neuen Burgstrasse"). Der Rodehof mit allem seinem Begriff und dem Gärtlein darin, bis an den Stall, darunter das klein Kellerlein stehet (abwärts nach der Stadtkirche zu). Der grosse Baumgarten für der Frankfurter Pforten uff der rechten Hand, im „alten Rosenthal," (wo jetzt das Rathaus und die Schule stehen). Der grosse Sehe an dem Walde Lindenstruth, darunter die Walkmühle stehet (um den Bahnhof). Der Weiher an der Fronrode bei dem Weichacker und der Dupphaus-See zu Fronrode sammt den Gärten. Alle eigenen Wälder: „der Mönchewald, das Vilbeler Holz, der Katzenforst und unser Halbteil an der Lindenstruth, wie derselbig von unsern Vettern abgesteint ist." Das Haus zu Mainz: der Kronberger Hof bei St. Ignatien, hart an der südlichen Stadtmauer. Diese Häusergruppe ist völlig zerstört. Endlich Stückgüter in: Eschborn, Alienstadt, Babenhausen, Helwigs- hain (wüste Feldmark zwischen Kronberg, Königstein und Falkenstein), Die drei Loose. Schloss Altenbeymberg (baumburg) 435 Fronrode, Vilbel, Höchst, Heiterssheim, (Hattersheim), Marxheim, Neuenhain, Nordenstadt, Niederhöxstadt, Sossenheim, Sulzbach, Steinbach, Schönberg, Sindlingen, Zeilsheim u. s. \v.; zusammen 31 Ortschaften; der Geldanschlag ist: 1337 Gulden. Bei den Weingarthen wird auf jeden Morgen 4 Ohm Wein (= 1200 Liter) gerechnet. Als Nebenlehne werden aufgeführt: mainzische, königsteinsche, isenburgische, solmsische und hanauische. 2. Loos Oppenheim: Das Haus, in dem dort die Mutter Anna wohnt; es hatte keine Scheuer und Fruchtschütte, dafür werden 200 Gulden zugelegt. Das „nuwe Kloster" ist jetzt, nach zwei-wohnte, es ist 1669 vom fränkischen maligem Brande, verschwun- / N. Nachbar zerstört (s. hieneben); den. Güter vor: Oppenheim N. Burg Spanheim (Sponheim). (22 Morgen Wingert und /' Der Bestand der einzel- 80 Morgen Acker) b „JWi \rten Besitzungen bleibt Guntersblum, Nier^C-^V "."k. X. unbekannt. Dazu stein, Wolfskchell. nP wurde der Viehhof Altzei, Wasserbiblisst^Sy/unter dem Rodehofe Altenbeymberg (bäum-in Kronberg gelegt (er bürg) und sein Obergericht^^^g3^ 5 stiess abwärts an den Dop- und Herrlichkeit. Dort stantlNv" .jghr pes). Eine Mauer soll beide ein Schloss in dem ein Amtmann Höfe scheiden. Das Gärtlein zwischen Rodehof und Helle, westlich des alten Burgweges. Der Garten im Rosenthal, hält 3 Morgen, welcher von Caspars II (105 F) Anteil abgesteint ist; dazu zwei Sehe, so darunter liegen; im untersten Rosen- thale noch TU Morgen. Der Garten neben dem Pfade zum Sauerbrunn (in Kronthal). Hiezu noch: kleinere pfalzgräfliche, landgräflich hessische, pfalz-simmernsche, nassau-weilburgsche und nassau-wiesbadener Lehne. 3. Loos Bintzburg: Zu diesem grossen Besitze bei Offenburg gehörten markgräfliche, der larischen Herren, bischöflich strassburgische, limburgische (an der Lahn), rieneckische (bei Aschaffenburg) Lehne; also ebenfalls eine verwirrende Zersplitterung und Verstreuung. Dazu der Ackerhof an der frankfurtei Pforten (die Kellerei), der Westerburg gegenüber. Wenn ein Teil ausstirbt, so bekommen die Töchter 12,000 Gulden herausgezahlt. Das gesammte Vermögen des Kronenstamms war demnach damals ein sehr beträchtliches. III. Allerlei Regierung in Eschborn und Kronberg. A. Revolte in Eschborn, 1550. IE Scheffen zu Eschborn hatten revoltirt, dem Schultheissen den Stab abgefordert und genommen. Da sie es gethan ohne anzufragen, sollen alle in Strafe genommen werden. „Die Rügen, so gegen den Schultheiss von Allen seitJahren vorgebracht, dagegen hat er mit Ehren und Bestandt Vertheidigung gethan; soll er in sein Amt, ohne Nachtheil seiner Ehren, wieder eingesetzt werden. Da der Büttel gesagt: der Schultheiss habe 2 Mass Wein für einen Baum zu schneiden befohlen (für sich persönlich?), sollen sie es unter einander mit Recht austragen." B. Burgfriede von 1567. Schon am 30. Juli 1560 war abermals verabredet: dass „nachbarliche Irrungen und Gebrechen stets durch Obmann und Schiedsgericht geschlichtet werden sollen." Als solcher war der Schwager Jost Rau von Holzhausen, Amtmann zu Runkel, bestellt. Es muss jedoch diese allgemeine Friedfertigkeit in den einzelnen Streitfällen nicht immer ausgereicht haben, denn bereits im Jahre 1567 wurde ein wohl durchgearbeiteter Burgfriede vertragen. Dessen Schluss lautet: „Und letztlichen sollen und wollen wir, die Jetztbenannte und hernachfolgende von Cron- berg, alle die Unsere, Manns und Weibszpersonen, zu demjenigen was zu guttem Frieden diennt mit Ernst undt Fleiss anweissen unnd hinwieder von unzientliche Dinge, es seihen Wortt oder Werk, abhallten, auch selbst eynicherley Weisz nichts Unbefugtes vornehmen, thätlichen nit zugreiffen noch dasselbe den seynen gestatten. Da aber einer oder mehr solcher überführe, soll der oder dieselben geruegt und nach er- kandtnus Obemanns und Zusatz (2 adlige Beisitzer) gepusst unnd gestrafft werden." Unterm 14. Oktober 1570 wurde dieses wichtige und notwendige Stück von Kaiser Max II bestätigt. Türkenkrieg, 1566. Landvermessung in Eschborn, 1583. 437 C. Erlass, unser Dorf Eschborn betreffend, so vom heiligen Reiche zu Lehen rühret, vom 26. April 1569. „Wenn die von Cronberg im Dienst eines Römischen Kaisers oder wider den Erbfeind der Christenhaid den Türken, oder sonst in ihrer deren von Cronberg gemeinen Nöthen zu Felde gezogen und ziehen, dass alsdann ein Hofman, so in Zeit uf der Steffens Herren (Stift St. Stephan zu Mainz) Hof gesessen, gewohnet oder konftiglichen sitzen und wohnen würde, vermelthen Herrn zu Cronberg und deren Vorfahren, aus denen (einer) obgemeldeten masse zu Felde zog und zeucht, Ein forderen Rayss- oder Herwagen und zwei guther Reissgaul davor, sampt einen Furknecht, der monatlichen von der Steffens Herrn Hofmen besolden werden soll, . . . stellen. Und dann die ganze gemein zu Esch- porn den andern hindern halben Wagen mit gleichmässigen zweyen Pferden und Fuhrknecht, sampt seiner monatlichen Underhaltung, zu solchem Zug gesteh, verfolge auch künfftigliche zu stelle und zu verfolge schuldig. Berechtigt ist „nur wer den Burgfrieden beschwöre und jeder Stamm zur Hälfte." Hartmuds XIII ältester Sohn Franziskus (117 K) hatte für einen vorgenommenen Türkenzug (unter Max II gegen Suleiman den Prächtigen) „im verschienen Jahre" 1566 die Leistung erfordert, „mir unbewusst als ich auf dem Reichstag in Augspurg gewesen (1566, wegen des Türkenkrieges), und (sie) empfangen" so bemerkt der Vater und leistet Ersatz. D. Landvermessung zu Eschborn, 1583. Hartmut XIII Hess im Jahre 1583 durch seinen Keller Johann Dietrich zu Eschborn seinen dortigen Grundbesitz, 3 Höfe: Jung Jeckels- hans Hof, Brommenhof und Ringk Hof, von einem geschworenen Land- scheider mit den Schöffen des Dorfs und Gerichts zu Eschborn und der anliegenden Termineyen: Schwalbach, Sossenheim, Steinbach, Rödelheim, Niederhöchstadt, „landscheiden, messen, landten und steinen.' Ein stattlicher Folioband in braunem gepressten Leder, vorn das prächtig ausgemalte Wappen des Kronenstamms. Die Flächen betragen etwa 20 Huben = 600 damalige Morgen an Ackerland Wiesen und Weingärten. Zugleich hatten Wolfgang I (110a F) und Johann Eberhard (108 F) dort beträchtlichen Besitz. Ueber diesen haben sich keine Beschrei- 28 438 Vogtei im Stephanshofe zu Eschborn, 1585. bungen erhalten. Fast immer sind sie gegenseitig Nachbarn, zuweilen ist Hartmut XIII mit 2 kleinen Stücken sein eigener Anlieger; jedoch gehören diese Streifen altherkömmlich zu verschiedenen Pachthuben. Rechtseinheiten bildeten letztere nicht, nur zufällige wirtschaftliche. Die Huben wurden in unveränderter alter zerfetzter Konsistenz (als Ur-Einheit) den Hofstätten zur Bewirtschaftung abwechselnd beigelegt. Man erkennt die ursprüngliche fränkische, rechtliche wie wirtschaftliche Zersplitterung des Grundbesitzes. Das Bedürfnis des „Kon- solidirens" der Feldmark hier wurde erst in allerneuster Zeit empfunden. E. Die Vogtei im Stephanshofe zu Eschborn, 1585. Wir erinnern uns aus dem Ersten Abschnitte: dass seit dem Jahre 1008 das Stift St. Stephan einen Präbendenhof zu Eschborn besass. Die Vogtei darüber stand den Grafen von Königstein zu. Nach deren Aussterben 1585, fiel sie an Kurmainz und der Landhofmeister Hartmut XIII von Kronberg wurde damit beliehen. Der neue Lehensman, ein intelligenter Verwaltungsbeamter, Hess die Vogtsordnung im Dinghofe schriftlich festlegen; dadurch ist sie uns in folgender (gekürzter) Gestalt aufbewahrt worden: Anno 1585 ist diese Weisung (Weistum) zu Eschborn uf Mitwochen nach dem heiligen Pfingsttag (am 12. Juli) im Beywesen Eberhard des Schreibers und Hanss Günthern dess Kelners geschehen, In massen hernach folgt und geschrieben steht: Item so der Vogt das Gericht zu Eschborn selbst besitzen will, soll Er den Ampmann solches Viergehen und ein Tag verkündigen zuvor. Item wann Er uff den Tag kombt soll (darf) er kommen mit dritthalben Pferdt (Reithengst und Dienerstute mit Füllen) und zweyen Knechten; der soll einer gehen und der ander reithen. Item wan der Vogt in den Hoff kombt, soll der Hoff befreyet und beschlossen seyn, ob ihm das Füllein entlieff, dass er den ohn schaden wieder greiffen könte. Item soll er in dem Hoff finden einen Stall (mit) einer aufgerechten Dore; wann er das Pferdt darin führt, dass er das Sattelhembt nit zerstosse. Un in dem Stall soll er finden eine Strawe, denen Pferden biss ahn Ihr Bauch. Und in der Raufifen Rauhfutter, und in der Krippen Bewirtung des Vogts. 439 Habern biss an die Nasslöcher, und were es soh, dass nit Haffer wehre, soll man ihm geben drey Symthel Gersten, damit soll er Ihme lassen begnügen. Item soll er finden ein beschlossen Kammer, ob er sich mit seine Freünden besprechen wolle, dass er nit überlauffen werde. Und in der Kammer soll er finden ein krachende Beth (hölzerne Bettlade) mit zweyn weyssen Leyhlachen, ob er müth würde, dass er darin geruhen könte, und bey dem Beth sollen sitzen zween Knechte, einer zu den Haupte, der ander zu den Füssen; der zu den Haubten soll haben ein halbvrtl frentschen (roten, besseren) wein, und der zu den Füssen sol haben ein halb Verthl (weissen) hauss Wein, ob dem Vogt wunderlich würde dass sie Ihn damit gelaben könten. Item soll er auch finden ein Feuer ohne Rauch (Ofenheizung und Erleuchtung des Zimmers) und ein Wagen vol Holtz . . . (Sinn:) aber nicht lose . . . und übel geladen, ob ein Haass queme gelauffen, dass er mit aufgerechten Ohren ungesäummt dadurch laufen könte. Item Er soll auch finden ein Stock mit einer eschin Kylin (eschenen Keule) und dabei ein Schern, ein Kampf und ein bäsen; ob ein man also ohngehorsam were, dass man Ihm sein recht damit gethun konte. Item soll er finden ein Tisch mit einem weissen Tuch gedeckt und ein acht semelin darauf und darzu zweyerley Fleisch. Item soll er finden 32 Spisse, wohl bestalt mit dreyen Gewelingen (Gabeln) Fleisch. Item der wein solle man Ihme holen, so zween Wirth im Dorff seind, zum besten und nit zum bössen. Item sind drey wirth da, solle man Ihme holen zu dem mittelsten. Item were sach, dass kein wirth da wehre, solle man ihme, wenn über ein meylwegs, holen der ein Schilling geldet; daran soll er Ihme lassen begnügen. Item wan solch Kost all bestalt ist und der Vogt aussbliebe, so soll es Iglichem Ambtmanen nit . . (unleserlich) . . verfallen sein und der Ambtmann sol nit von ein solch Kost . . . (nehmen?) sie seyn dann verzehrt (angebrochen?). (Viele Worte sind in der vorliegenden Abschrift nur verständnislos nachgemalt.) Item wer es aber, dass der Vogt queme und solches nit bestalt wehre, soll der Ambtmann dem Vogt vor einem man verbessern. (?) 28» 440 Kirchenordnung für Kronberg und Echborn, 1585. Der Vogt erhält: 20 Mass Wein oder was das gilt; des Vogts Schultheiss: 6 Mass; der Stephansherrn Schultheiss: 6 Mass. Gefälle gebüren dem Vogt von jeder Hube: VU Achtel Korn gestrichen, 2 Achtel Hafern geheuft. Es sollen 16 Huben sein, ( 480 Morgen,) aber es mangelt daran. Der Vogt erhält von jedem Morgen V 2 Pfg. Zinss; von jedem Höfischen 1 Huhn. Es sind 3 Gerichtstage im Jahr; an jedem zahlt jeder Höfische dem Vogt 1 Pfg. So er es nicht thut, verfallen dem Vogt 20 Pfg., den Stephansherren 20 Pfg., den Dingmännern 20 Pfg. F. Aus der Kirchenordnung für Kronberg und Eschborn vom 13. April 1585 gegeben von Hartmut XIII dem Eltern, mainzischen Hofmeister und Johann Eberhard, Burggraf zu Friedberg. Sie ist verfasst „nach der Augspurger Konfession und Apologie, die über die 40 Jahr in unsern Kirchen allhie und zu Eschborn exerziert worden." Es ist zunächst daran zu erinnern: 1. dass schon 1526 Landgraf Philipp seine hessische Kirchenordnung eingeführt hatte; 2. dass dereine der beiden Landesherren die nun die neue verliehen, Johann Eberhard, katholisch war, woraus sich einige Kompromisse erklären dürften. Aus dem, in üblicher Länge und Breite abgefassten Aktenstücke möge hier nur weniges erwähnt werden. 1. Es wurden damals noch Gottesdienste mit Predigten gehalten, ausser an Sonntagen und den hohen Festen, am: St. Stephanstag (26. Dezember), Marie Lichtmess (2. Februar), Marie Verkündigung (25. März), St. Marie (8. September), Marie Heimsuchung (2. Juli) und an 6 verschiedenen Aposteltagen. 2. ,,Demnach auch der gemeyn Mann uf Martini Episcopi Tag (11. November) mehr denn sosten sich des Weins zu befleissen im Brauch hat, . . so soll . . . eine Vormittags-Predigt in unser Kirche gehalten werden, das Volk dormit zu erinnern, in massen es an sich selbsten recht und pillich, dem Wort Gottes mehr denn den Weintrinken nachzuhangen." 3. Ausserdem soll eine Predigt gehalten werden: „Mittwochens auf dem Schloss, Freitags in der undreste Kirche." IV. Die Kronberge allzeit gut kaiserlich. IE drei Söhne Hartmuts XII: Philipp VIII, Hartmut XIII, Walter XII standen im Feldzuge des Kurfürsten Moritz von Sachsen gegen Karl V (1552) unentwegt zum Kaiser. Landgraf Philipp hatte also in betreff der „Dankbarkeit" richtig vorausgesehen. Karl V, zugleich durch den König Heinrich II von Frankreich bedroht, wünschte Frankfurt a. M. zu seinem Werbe- und Waffenplatze zu machen. Als dortigen Feldherrn schickte er den Obristen Konrad von Hanstein. Dieser musterte, im Lager unweit Bornheim, 15 Fähnlein Knechte und 600 Pferde. Einer seiner drei Rittmeister war: Herr Philipps von Cronenberg, „mit 200 Pferd und vom Adel;" unter ihm diente sein jüngster Bruder Walter. Der mittlere Bruder Hartmut XIII war damals bereits mainzischer Hofmeister und Amtmann zu Höchst; er lieh den Frankfurtern seinen Wallmeister, um die Thore „verdarrassen" (von Terrasse = Wall) zu lassen. Auch lieferte er aus Kronberg 7 Stück kaiserlische „büchsen" auf Rädern nebst Proviant. Unter Hansteins Befehl hatte Philipp Kronberg Gelegenheit, seine dankbaren Gesinnungen gegen den Landgrafen Philipp in Thaten umzusetzen. Er überzog die damals hessische Herrschaft Eppstein mit einer ergiebigen Requisition: 93 Malter Korn, 34 Weizen, 14 Erbsen, 336 Hafer; 6 Fuder Wein, 149 Stück Rindvieh, 291 Hammel, 113 Schweine, 1 Kalb, 11 Pferde. Der Angriff auf die Stadt begann im Juli, zugleich gegen Sachsenhausen und die Nordseite Frankfurts. Die Verteidigung durch die kaiserlichen Schützen, die Bürgertruppen und Stadtsöldner war ruhmwürdig. Die Reisigen finden dagegen kein ungeteiltes Lob. Als den Sachsen die entführten frankfurter Schaafherden wieder abgejagt werden sollten, verloren die Belagerten dreissig Tote „woran der Reissigen Feigheit Schuld war, die nach dem ersten Angriff von plötzlichem Schrecken ergriffen, unter die Wälle zurückflohen." 442 Belagerung von Frankfurt. Lob des Rittmeisters Philipps VIII, 1552. Die Besatzung suchte den herandrängenden Feind durch Ausfälle abzuwehren, „worin sich die Schützen durch Muth und Gewandtheit auszeichnen. Desto feiger sind die Reisigen; sie bleiben gern auf dem Pflaster — sagt ein Augenzeuge —, und wo es um Raub gilt. Sie streiten mit den Zungen heftiger als mit dem Schwerdt." Uebrigens bestanden die „mehr als tausend zu Pferd" etwa zur Hälfte aus Ratstruppen. Philipps von Kronberg Geschwader lag auf und nächst dem Rossmarkt. Dem Hunger wurde in der Stadt durch Hansteins und des städtischen Musterherrn Justinians von Holzhausen vereinigte Thatkraft vorgebeugt; dagegen frass die Seuche binnen zwei Monaten 500 Kriegsleute; täglich wurden mehr als 30 Einwohner begraben. Am 2. August traf die frohe Meldung des zu Passau abgeschlossenen Vertrags ein. Die Belagerung wurde aufgehoben. Im September zog Oberst Hanstein mit der kaiserlichen Truppe dem grossen Heere zu, das Karl nach Lothringen führte um Metz wieder zu gewinnen. Die Kranken blieben zurück. „Sie sind allgemach auf den Kirchhof entflohen." Jedenfalls hatten Hansteins Rittmeister bei der Truppe einen guten Namen erworben. Ein Landsknechtslied besingt sie also: Die rittmeister will ich euch nennen und sing ohn allen wahn Albrecht von Rosenberg zu loben, der ist ein reutersman. Graf Ernst von Solms ist auch im spil mit seinen reutern gut; Philipps von Kronberg ich euch nennen will, der ist ganz wolgemuth, darneben Johan von Bicken, das sind die rittmeister allein — Gott geb ihn allzeit glücke! — die in Frankfurt gelegen sein. Und eines der Epigramme auf die Belagerung von 1552 feiert sogar den „Dominum Philippum a Kronberg, praefectum equitum caesareae majestatis" durch ein griechisches Distychon, das auf deutsch etwa heisst: „Freue dich, Stadt Frankfurt, die du diesen Nachbarn hast, und rufe: »lebe glücklich, o Philipp, für die Guten«!" Rittmeister Philipp lag im Herbst 1552 mit dem kaiserlichen Heere vor Metz. Diese alte deutsche Reichsstadt hatte im April 1552, durch den Verrat des Kurfürsten Moritz von Sachsen, der König Heinrich II von Frankreich besetzt. Karl V brachte davor ein Heer von 50,000 Mann zusammen. Erst im Oktober begann die Belagerung. Die stärksten Feinde der Deutschen waren Winterkälte und Hunger. Nachdem Karl die Philipps VIII stirbt in Trier, 1553. Hartmut XIII, vor 1517-1591. 443 Hälfte seines Heeres durch Krankheiten eingebüsst, zog er gen Dieden- hofen ab. Ein Ausfall der Franzosen verwandelte den Rückzug in schimpfliche Flucht. Zu den Kranken gehörte der Rittmeister Philipps Kronberg. Er wurde nach Trier zurückgeschafft; dort starb er 1553. Seine Grabstätte ist nicht aufgefunden. 2* Aus Hartmuts XIII Lebenslauf und Ende. Er war, als zweiter Sohn Hartmuts XII, geboren vor 1517. Ein günstiger Zufall hat seine Leichenrede aufbewahrt: des „kurfürstlich erzbischöflich Maynz Erbschenk, Landthoffmeister, geheimer Rath, Amtmann zu Höchst und Hoffheim; starb am 3. Mai 1591 auf dem Schlosse zu Cronbergk; — gehalten in der Schlosskirche zu Cronbergk am 9. Juni 1591, durch Wolffgang Mertzen (Martius) jetziger Zeit Pfarrherr zu Cronbergk." Sie erbringt den unwiderleglichen Beweis: dass Hartmut XIII als Protestant gestorben ist, während an verschiedenen Stellen berichtet wird: dass schon Hartmuts XII Kinder dem Glauben ihres Vaters wieder untreu geworden seien. Der Wechsel trat erst bei einem Teile der Enkel, bei Hartmuts XIII Söhnen, ein. Dasselbe erweist der später mitzuteilende kaiserliche Erlass an den Erzbischof Johann Schweikard, vom 2. April 1626. Das Druckstück ist dedizirt den vier Söhnen: 1. dem Domscholaster zu Mainz, Johann Schweikard I (119 K), 2. dem Amtmann in Höchst und Hofheim, Franzisco (117 K) natu maximo, seinem Collator; 3. Hartmut dem jüngeren, XIV (118 K), Amtmann zu Rieneck und Lohr; 4. (Johann) Georg II (120 K) dem jüngsten. „Der Pfarrer Martius war 1590 in Reiffenberg mit Frau und Kindern abgebrannt, also ein protestantischer Geistlicher; von dort war er nach Kronberg berufen. Er erzählt: „Sein Vater (Hartmut XII) bekehrte sich zum reinen Wort und verharrte darin bis an sein End; hat auch seinen Sohn in allen christlichen Tugenden erziehen lassen " Der Pfarrer lobt ausdrücklich Hartmuts XIII „wahre Gottesfurcht und christlichen Wandel," . . . „dass er das »reine göttliche Wort« und »unverfälschte« hochwürdige Sacramente unter den Unterthanen ei halten. 444 Hartmuts Leichenrede, 1591. Plünderung in Oppenheim, 1552. „Kurz vor seinem Abschied hat er frey, rundt und öffentlich bekennet, dass kein Heyl sei im Himmel und auf Erden, dann allein in dem Namen Jesu, welches Leibes Aufopferung, und Vertretung seines (durch sein) Blutes sei die Genugthuung für der ganzen Welt Sünde. . „Hat sich in der todes Noht mit andächtiger Niessung und Empfahung des wahren Leibes und Bluts Jesu Christi befestigt. Er hat sich beflissen, dass in diesem Städtlein Cronebergk Gottes Krafft durch sein heiliges reines Wort hochwürdige Sacramenten und treue, reine Lehrer des heiligen Evangelii unverfelscht möchte menniglichen geoffenbart werden." — So bezeugt der protestantische Pfarrer. Ueber Hartmuts Jugendleben und seine spätere Thätigkeit als erster Hof- und Staatsbeamter von Kurmainz hat sich folgendes er- halten: Seine Heirat mit Barbara von Sickingen, Fran- jsberg im Elsass am 16. Feist bereits früher erwähnt. Er war damals frankfurter Amtmann zu Bonames, bald darauf fürstlich zweibrück- ischer Amtmann zu Meisenheim. Als im Jahre 1545 die Rheingauer dem neuen Erzbischofe Sebastian von Heussenstamm huldigen, finden wir Hartmut in dessen Gefolge. Sehr bös muss es ihm und den Seinen während des Krieges von 1552 ergangen sein: Er hatte sich, im Vertrauen auf das geheime Bündnis des Pfalzgrafen Otto Heinrich mit Frankreich, nebst Frau und Kindern in das Nuwe Kloster zu Oppenheim geflüchtet, da Albrecht Achilles von Brandenburg Kronberg und die umliegenden Ortschaften verwüstete. Aber der Graf Christoph von Oldenburg überrumpelte und plünderte die Stadt, . . . „es ist alles geraubet und ausgebeutet worden; es seind auch viel von adel mit ihrn weib und kindern sampt ihren gütern da betreten worden, unter welchen Hartmann von Cronberg allein über 5000 gülden werth genommen und darzu gefangen worden; und haben die kriegsleut seiner hausfrauen (Barbara) den busen aufgezerret und ein Ketten und Kleinod, so sie getragen, vom hals gerissen, die ring von den fingern abgezogen, auch ihren Aus Hartmuts XIII Lebenslauf. 445 Kindern die paternoster, und was sie an hals und händen gehabt, geraubet." Ueber Hartmuts weitere Laufbahn ergeben die Archive: Am 11. März 1556: Bestallung als Amtmann in Höchst und Hofheim; am 22. Mai 1556: Belehnung mit dem Erbschenkenamte. Mit seinem Herrn dem Erzbischofe war er 1566 auf dem Reichstage zu Augsburg. Im Jahre 1569 schuldete ihm der Kurfürst Daniel von Mainz 4000 Gulden und zahlte dafür jährlich 200 Gulden Zins. Unterm 17. Juli 1570 erhielt Hartmut XIII ein kaiserliches Privilegium: keinem Juden zu Cronbergk und zu Cronberger Obrigkeit den Wucher zu gestatten. Die Juden und Jüdinnen gäben den dortigen Unterthanen Darlehen und verjagten sie nachher von Haus und Hof. Alle Verträge sollen nichtig sein, und der Jude 10 Mark löthigen Goldes Strafe erlegen. Im Jahre 1570 fungirte Hartmut bei der Einsegnung der Ehe von Kaiser Max' II Tochter Elisabeth mit Karl IX von Frankreich durch den Kurerzkanzler. Dabei verhandelte dieser mit dem Kaiser eifrig die Frage der Gestattung des Laienkelches und des Nachlasses des Cölibats. Im Jahre 1567 war Barbara 44 Jahre alt gestorben. Am 10. April 1570 führte Hartmut seine zweite Frau heim: Margarethe Brendel, Wittwe Hutten, Schwester des Erzbischofs Daniel. Das Steinwappen des Ehepaares findet sich über der Thür eines der Häuser am Doppes, der Kirche gegenüber eingemauert. Sie starb am 24. April 1588. Am 12. März 1571 ward Hartmut seines kurfürstlichen Schwagers Landhofmeister und Rat, obwohl Protestant. „Denn wie er sie (seine Söhne) von Jugendt auff sein und seines geliebten, ins Fleisch gesandten Sons wahr seligmachend Erkenntniss gelehret, also hat ers ihr auch biss an dass Ende beständiglich erhalten." Diese Erziehung trifft allerdings auf den dritten Sohn, Johann Schweikard, nicht zu. Er wurde schon als Knabe vom Stiefoheim Kurfürst Brendel zur hohen kirchlichen Laufbahn herangezogen und seine Vorbereitung dafür den Jesuiten anvertraut. Indessen war das in jener Uebergangszeit nicht so ausserordentlich. Im Jahre 1573 hatte der Landhofmeister Hartmut, auch: Bauhofmeister Grosshofmeister, den erwählten Polenkönig, Heini ich von Anjou auf seiner Durchreise durch Mainz zu begrüssen in der Martins- 446 Henri von Anjou in Mainz, 1573. Hartmuts Sendungen. bürg „prächtig und köstlich zu bewirten" und fürder zu geleiten. In Frankfurt wurde der hohe Herr bewaffnet empfangen, wegen des bösen Rufes, den er sich bei der Bluthochzeit seiner Schwester erworben. Ein Augenzeuge berichtet darüber: „Es führt die königliche Würde mit sich ein gross, aber warlich zu Ross gar ein unordentliches Gesindlein, und ziehen daher im Feld, einer hier der ander dort, in allerley Farben und Kleidungen, auf Pferdlein deren eines kaum 10 Gulden werth, und auf Eseln und jämmerlichen Kutschen, dass solcher Zug für einen so gewaltigen König, gegen deutschen Gebrauch, ein seltsames Ansehen hat. Ihro Kön. Würden hatte im Feld bey sich nit über zweihundert Pferd die mit derselben ingezogen, und wann einer hundert deutscher Pferd hätt, möcht er schier den ganzen Hauffen damit schlagen, so übel seind sie zu Feld staffirt. Es ist sonst wenig Gepränge bey dem König, hält sich demüthig, redet mit männiglich, auch sonderlich wenn er über dem Essen sitzt; legen sich die Franzosen schier gar uf den Leib, halten mit ihm ein gross immerwährend Geschwätz, also dass er kaum essen kann, und haben in Wahrheit die Französische Mores gegen deutschen Brauch ein lächerliches Aussehen." Als dieser König Henri seinen Polen zwei Jahre darauf heimlich entwichen war, wurde Hartmut XIII als Gesandter an den polnischen Reichstag geschickt, um im Namen des Kurfürsten den Erzherzog Ernst von Oesterreich zu empfehlen; jedoch ohne Erfolg. Dann half er, in demselben Jahre, den Erzherzog Rudolf als römischen König krönen. Im Jahre 1579 erschien er, nach Maximilians II Tode, bei Rudolf II als Trauerbotschafter in Linz. Der „Aulae magister" ergreift, 1581, für Kurmainz Besitz von Königstein, auf Grund der Expektanz vom Kaiser Max II 1575 zu Ungunsten der Ansprüche der Grafen von Stollberg. Im Jahre 1580 ward Hartmut mit einem Credenzbrief seines Herrn, in besonderer Mission, an den Kurfürsten August von Sachsen abgesandt. Er muss dort vortheilhafte Eindrücke hinterlassen haben, denn unterm 12. Dezember 1582 übersendet ihm die Frau Kurfürstin, mittels eigenhändigen Schreibens „2 Gläser mit Aqua Vitae und eine Schachtel Gifftpulver." Die hohe Frau wünscht „dass das Wasser und Pulver zu guter Gesundheit bekommen möge." Der Grosshofmeister dankt Ihrer Durchlaucht in einem sehr wohlgesetzten Schreiben aus Aschaffenburg vom 30. Dezember 1582. Kurfürst von Sachsen auf der Martinsburg und in Elfeld, 1584. 447 Am 10. November 1583 wurde der vornehme Herr Nachbar vom Landgrafen von Hessen durch folgende Zuschrift geehrt: „Ob wohl die Schweinhatz diss Jahr bey uns noch zur Zeytt iiitt sehr trefflich gewesen, sintemahl die Saw sehr verstrichen, so haben wir doch zu erzeigung unsers gegen Euch tragenden gnedigen willens nicht underlassen wollen, Euch beykommend Fesslein mit schwarzen Wiltprett, so gut es, bis nach, diese Schwein haben gefangen, gnediglich zu verehren." Im Jahre 1584 war der Kurfürst August von Sachsen auf seiner Reise ins Bad Schwalbach, Gast auf der Martinsburg. Im Burghofe führten 110 Jesuitenschüler „mit grosser Gewandtheit und Anmut" das krank gewesen. Die Aerzte beschlossen eine Kur am Sauerbrunnen zu Schwalbach. Aber wie von Dresden in den entfernten unbekannten Ringkau gelangen? Als Aufklärer rittder Fourier Neumann im Frühjahr 1583 ab. Durch InSchauspiel,, Esther" auf. Dann richtete der Herr Landhofmeister allen Mitspielern eine Tafel aus. - Diese fürstliche Badereise ist ein bemerkenswertes Stück Kulturgeschichte. Kurfürst Augustwarim Winter 1582/3 ernstlich Ehemalige Martinsburg in Mainz. telligenz und unermüdete Nachforschungen gelang es ihm, bis zum Herbste in jenen Gegenden vielerlei wertvolle Entdeckungen zu machen. Er besichtigte den Sauerbrunnen der „in einem grossen und wüsten Gebirge und wüstem Grunde entspringt" befand aber „dass Ew. Churf. Gn. dises Orts kein gut Lager haben können." . . „Ein Städtlein und Schloss . . . welches Wiszbaden genannt" . . biete . . „eine gute Gelegenheit und Herberge." Endlich wurde das Schloss des Kurfürsten von Mainz zu Ellfeld gewählt und erbeten; daneben „soll unser Schloss zu St. Martinsberg in unserer Stadt Maynz .... hiemit freundlich angeboten sein." Nun konnte der Kurfürst August im Mai 1584 die Reise mit 211 Pferden antreten und in 18 Tagemärschen vollenden. Der Erzbischof von Mainz kam einige Tage zuvor selbst nach Eltville und versorgte sein Schloss mit Wein, Hafer und Brodkorn. 448 Hartmuts XIII letzter Wille. Hartmut XIII hatte — wie wir gesehen haben — sein kaiserliches Lehen zu Kronberg und Eschborn mit Eifer und Einsicht verwaltet. Zugleich hatte er in seinen langjährigen hohen Bedienungen sein Gut und Geld wohl verbessert und vermehrt. Am 9. April 1591 erhielt er eine kurfürstliche Verschreibung von 10,500 Gulden auf den Zoll zu Höchst. Als bedeutendste Erwerbung erscheinte, 1568, der bis dahin Bettendorfsche Hof mit Mühle zu Ladenburg und ein Hofgut mit über 100 Morgen in Dossenheim an der Bergstrasse. Er machte von seiner Habe, in seinem 1585 errichteten Testamente, drei Teile für drei seiner Söhne: Franziscus I (117 K), Hartmut XIV (118 K), Georg II (120 K). „Ihre Gn. hatte," sagt die Grabrede „dermassen ihre Hausshaltung angeordnet, das ihre Gn. nicht allein ein ehrlichen Zehrpfennig, adelichen Standt gebürtig (gebürend), in hohem Alter gehabt, sondern auch dermassen durch Gottes segen reichlicher besuchet (worden), dass dessen ihre G. liebe hinderlassene adeliche Kinder ein stattlichen geniess davon empfinden." Der vierte Sohn, Johann Schweikard I (119 K) erhielt nur 500 Gulden Rente. Er war bereits reichlich mit Pfründen versorgt. Seine Brüder sicherten ihm jedoch zu, was bezeichnend für die damalige religiös-politische Lage ist: da er vermöge der väterlichen Disposition von den Gütern ausgeschlossen ist, soll er, „uff den unverhoffte Fall, do der geistlich Standt zu Grund gehe soll .... aus- getilget und der ehemaligen geistlichen Güter beraubet und entsetzt werden . . . von uns auch jeder zeit gutwillig aufgenommen werden." Den Kronbergerhof zu Mainz erhielten sämmtliche Brüder als Ganerbenhaus. Dann spricht der Vater seine Söhne also an: „Cronbergk sampt seiner Zugehörte ein herrlich Werk von den alten Cronbergern; auch (von) andern, höher und niedern Standts, jederzeit und noch, herrlich und hochgehalten; dass auch darauff ein guter Nutze, sonderlich von der Schäfferei, den Wäldern, Weiher und anderen jährlichs zu schöpffen und zugewartten, da einer der Hauszhaltung mehr denn von ein Herrndienst undt anderer Ursachen halbe beschehen köntten, beiwohnet und mitt mehrer Vorsichtigkeit zusiehet — soviel lieber und wehrtter sollen meine Söhne Inen diesz Edel altt Kleinott, davon sie ihren Stamb und Nahmen haben, gefallen, belieben und ihnen Väterliche Ermahnung. 449 solches mit hohem Fleiss befohlen sein lassen; desto mehr aber, die weil der Allmächtige mir solches Cronbergk in der Bruder Theilung vor anderen meinen Brüdern gnediglichen und miltiglichen verliehen und beschehret hat." Der alte Hartmut hinterliess seinen Söhnen auch die im Dienste erworbenen Gnadenzeichen: 1. eine güldene Kette vom Kaiser Max II und 2000 Gulden Verschreibung auf dem Wahltage zu Regensburg, 1575; 2. eine andere Gnadenkette mit Bildnis angehängt, die er als mainzer Hofmeister vom Erzbischof Daniel erhalten. Zum Schlüsse heisst es: Die Söhne sollen „böse Gesellschaft von Man und Waibsperson, wie auch pracht und hoffahrt fliehen, sich verschwendenden und ohnnötigen Auszgebens, sonderlich auch über- mäszigen Zutrinkens gäntzlich enthalten." Der „Saufteufel" ging damals in Deutschland, namentlich an vielen Höfen, gar gewaltig um. Die Herren des pfälzer Hofhaltes vermissten bei einem Besuche in Nanzig 1551 schmerzlich: „dass man nicht auf deutsch anrichtete, d. h.: nicht zu halben und ganzen Trunk und die Leute vollsäufelte und feist machte, wie die Sauen." Das beweise: „dass die Pfälzer nur auf ihrem Miste erzogen seien." In und um Kronberg gab damals für fleissige Zutrinker das dortige Gewächs besonderen Anreiz; denn in Erasmi Alberi: „Kurtze Beschreibung der Wetterau" heisst es: „Cronberg ist ein schön Berg- schloss und ein feines Stedlin daran; ist der Edelleute, da wechst viel guts Weins." . . . Wegen der Güte bezeugt er: „Ein Nawenhainer (Neuenhain über Soden) kan man finden, der darff ein Reinschen überwinden." Die Leichenrede schliesst: „Ihnen auch ein pfennig sowohl, als dasz gröszer und mehrer angenehm lassen sein, ein acht haben und zusammen halten; auch die Arme bedenken und die Undthanen mehr nicht, dann bishier geschehen, in einem oder andern belästigen, so werden mit Hülf Gottes die Speicher voll werden und ihre Botten, wie 450 Schluss der Leichenrede. Hartmuts „letzte Ruhestätte." geschrieben, mosts überlaufen." Dieser letzte Wille zeugt von gesunder praktischer Lebensweisheit, zugleich von der frommen und vornehmen Gesinnung des echten Edelmanns jener Zeit. Hartmut XIII starb am 3. Mai 1591. Die Grabrede schliesst: ,Ja du löbliches Adeliches Stamm und Namen Hauss, du festes Hauss Cronebergk, du fromme christliche Bürgerschaft dieses Stättleins sage an und bekenne ob ire Gnaden seligen nicht als eine fromme hocherleuchtete und von Gott dir auss sondern Gnaden bescherete Oberheit vorgestanden, mit wahrer Gottes forcht und Christlichem Wandel (nach schwachen Menschlichem vermögen) vorgange, dass reine Göttliche Wort und unverfälschte hochwirdige Sacramenten unter dir erhalten Diese hohe Weissheit und Verstandt, von Gott von Jugend auff gegeben, hat ihre G. . . auch auff Erforderung kayserlicher Maiestat . . in vielen legationen und tractationen heylsamlich und wol vermercken lassen. ..." Ueber Hartmuts XIII sogenannter „letzter Ruhestätte" waltet Dunkel, das allen Bemühungen zur Klärung getrotzt hat. Die Leichenrede wurde in der „Schlosskirche" gehalten, einen Monat nach dem Tode. Aber: wo ist Hartmut beigesetzt worden? Oben in der Burgkapelle ist nicht das leiseste Anzeichen zu entdecken: dass dort ein irgendwie bedeutendes Grab, ausser den bekannten, gestanden habe und später entfernt sei. Oetter erwähnt 1763 nichts dergleichen. In Betreff der Stadtkirche geht eine schwankende, wirre und mit verschiedenen Unmöglichkeiten belastete Sage: dass des Landhofmeisters und seiner Frau (welcher?) Sarkophag im Schiffe der Kirche gestanden habe, dort zur Gewinnung von Sitzplätzen fortgeräumt und dass die Teile zerstreut seien. Das soll geschehen sein etwa im Jahre 1803 durch den „aufgeklärten" Oberpfarrer und bekannten Pomologen Christ. An sich wäre ein solcher Frevel für jene Zeit völlig wahrscheinlich, da zu demselben nützlichen und frommen Zwecke Philipps IV und seiner Gattin Unterbeine kurzweg abgemeisselt wurden. Indessen besteht hinsichtlich der Zeit ein unüberwindliches Bedenken: Oetters genaue Beschreibung der 1763 in der Stadtkirche vorhandenen Grabmäler erwähnt ein derartiges bedeutendes Denkmal mit keiner Silbe. Wäre es dennoch dagewesen so müsste es etwa auf der Querlinie von der Kanzel her durch das LangschifF gestanden Grabschändung in der Kirche zu Kronberg. 451 haben. Dort befand sich vor der neuesten Wiederherstellung der Kirche ein seltsamer Altar aus Mahagony mit Messingbeschlägen, einer riesigen Kommode nicht übel vergleichbar. Er wurde beseitigt, als man die Wasserheizung einführte. Bei der erforderlichen Tiefgrabung die Mitte des Schiffes entlang, stiess man auf ein Grab; man fand einen Schädel, Gebeine, ein Stück derben Leinenstoffs und einen Degen aus der Zeit gegen 1600. Diese Ruhestätte zeigte sich nicht mehr im ursprünglichen Zustande; sie erschien bereits durchwühlt, dabei waren die Gebeine verworfen; sie sind jetzt gesammelt und an derselben Stätte wieder beigesetzt. Die Annahme liegt nahe: dass in den wilden Zeiten des dreissigjährigen Krieges dort räuberische Gräberschänder gearbeitet haben. Dass diese sich vor allem an dem freistehenden stattlichen Denkmale des reichen und vornehmen mainzer Herrn versuchten, ist nicht minder naheliegend. Uebrigens war Hartmut XIII, falls wir ihn an dieser Stelle vermuten dürfen, nicht der einzige dessen Grabstätte geschändet ist. Das beweist ein Schädel, der seit undenklichen Jahren in einem Wandschranke der Sakristei umherlag und jetzt ebenfalls in jener Grabstätte wieder zur Ruhe gekommen ist. Das ist alles, was über des Landhofmeisters und Geheimerats Hartmut „Ruhestätte" ermittelt werden konnte. WS Walter XII (104 K). Hartmuts XII jüngster Sohn war geboren 1519. Wir sahen ihn auf dem Familienbilde von 1549; dort erscheint er bartlos und erheblich jünger als seine fast 30Jahre; trotzdem seinem alten Vater am ähnlichsten. Er war verheiratet mit Anna Riedesel zu Eisenbach. Im Jahre 1552 und 452 Walter XII, Marschall der Pfalz f 1558. Katharinenkirche in Oppenheim. 1553 diente er dem Kaiser in seines Bruders Philipp reisiger Rotte. Das Erblehen Schloss Altenbaimburg und den Mannlehen-Hof zu Obern- hexstadt empfing er 1557. Im Jahre 1558 war er als neuernannter Marschall des hochgebildeten Pfalzgrafen Ott Heinrich zu Heidelberg während der Wahl Kaiser Ferdinands I in Frankfurt anwesend. Dort starb Walter plötzlich am 14. März und wurde zu Oppenheim, wo er auf seinem Erbhofe gewohnt hatte, in der Katharinenkirche beigesetzt. Sein und vieler anderer Kronberge dortige Grabstätten sind, seitderZerstörung der Kirche durch Fudwigs XIV Mordbrenner Melac, 1689, spurlos verschwunden. Damals brannte auch, Katharinenkirche zu Oppenheim, restaurirt. mit fast der ganzen Stadt, der kronberger Hof, das Nuwe Kloster, bis auf den Grund nieder. Walters Wittwe heiratete in zweiter Ehe: N. Berlepsch zu Gross-Bodungen. Von Walter XII und über ihn hat sich leider keinerlei Nachlass erhalten. V. Fortgang der vierzehnten und fünfzehnten Geschlechtsreihe im Kronenstamm. Ä»5 B. I. Kinder Philipps VIII (102 K): B. I. 1. Philipp IX (112 K) starb vor 1584 unvermählt. B. I. 2. Johann XIII Friedrich (113 K) war verheiratet mit Leonore Röder von Rodich. Er starb vor 1588. Seine Tochter Amalie starb unvermählt. Beide Brüder wurden ebenfalls in der Klosterkirche zu Schlüchtern ausgebildet. Am 15. Mai 1558 berichtet der mit ihnen dort anwesende kron- bergsche Hofmeister Christianus Juncherus dem in Hanau lebenden Abte: „Die Knaben geben keinen Anlass zu Klage wegen Mutwillens und Ungehorsams; sie sind bescheiden und ruhig, liegen ihren Studien »mediocriter« ob und besuchen die Lehrstunden." Ebenso löblich „mittelmässig" lebten sie weiter und starben sie dann auch. B. I. 3. Margreth heiratete 1555 den mainzer Erbmarschall Hans Heinrich von Heusenstamm. Am dortigen Schlösschen ist ihr Allianzwappen noch vorhanden. B. I. 4. Clara heiratete 1. Heinrich von Selbolt; 2. Hans Friedrich Mosbach zu Lindenfels. Sie starb am 15. Dezember 1592, liegt zu Nierstein bei Oppenheim begraben. B. I. 5. Anna heiratete Hans von Hutten, starb 1627. 29 454 Nachkommen Hartmuts XIII. B. I. 6. Hartmut XV (114 K), Vizedom zu Aschaffenburg, heiratete 1. Magdalene Brendel von Homburg; 2. Anna Kunigunde Frey von Dehrn; starb 1616. Aus seiner ersten Ehe stammten 2 Töchter: B. I. 6a. Margarethe heiratet Jörg Wilhelm von Stein zu Nassau; starb 18. Februar 1602 im Kindbette. B. I. 6b. Barbara heiratet 1608 Hans Georg von Dalberg, starb 1621. B. 1. 6c—g. Andere fünf Kinder starben jung vor dem Vater. Der Zweig ging aus. B. II. Nachkommen Hartmut XIII (103 K): B. II. 1. Franziskus I (117 K) heiratete Katharina von Haustein; hatte B. II. la—c. Drei vorverstorbene Söhne, und zwei Töchter: B. II. Id. Magdalene heiratete Schweikard von Sickingen. Im Kronberghause am Doppes sah Oetter 1763 eine Glastafel: Sickingen Cronberg c. c. Sickingen und Cronberg. Venningen. Hattstein. Schweikart von Sickingen M . L . V . S . 1605 (Mein Leib Vnd Seel?) Margareth Magdalene von Sickingen geborn von Cronbergk A.M.H. S.Z.G. (All Mein Hoffen Steht Zu Gott.) B. II. le. Anna heiratete Johann von Reiffenberg, römisch kaiserlichen Rat und Kammerherrn. Ein Vergleich wurde 1603 im Kronenstamme geschlossen zwischen den Brüdern Franz I (117 K), Hartmut XIV (118 K) und Johann Georg II (120 K) über das dem Mannstamme Kronberg verschriebene Franziskus, Reitersmann und Amtmann 455 „Gnadengelt von König Heinrich III von Frankreich" (1574 -89), vorher kurze Zeit König von Polen, „falls sie wieder in dessen Bezug träten." Ursache und Zusammenhang dieses fremdherrlichen Gnadengehaltes sind nicht zu ermitteln gewesen; vermutlich stammte es vom Grosshofmeister Hartmut XIII her. Seine übelste Seite war jedenfalls: dass es nicht mehr gezahlt wurde. Franzi (117 K) focht in der Jugend (1566) als Reitersmann gegen die Türken. Seit 1574 Burgmann zu Friedberg, 1575 Amtmann zu Höchst, seit 1592 auch zu Hofheim; er stirbt am 22. Februar 1605, hinterlässt 23,000 Gulden Schulden. Die Brüder erben seine Lehnsanteile in Cronberg, Eschborn, Niederhöxstatt, Fronrod und Neuenhain. Er hatte vielerlei Allodialbesitz verkauft, sogar die kaiserliche Gnadenkette versetzt; die Brüder lösten sie ein. Seine Frau, Katharina von Hattstein hatte ihm das untere Schloss zu Gamburg zugebracht; sie und die zwei Töchter erbten von ihm nichts. In der Kapelle auf Burg Kronberg hing 1763 eine Votivtafel aus dem Jahre 1574; eine Glasmalerei: Wappen des Franziskus von Kronberg, und Reitergefecht; die Ansprengenden beschiessen sich aus Faustrohren. Wappenhalter: Landsknechte mit gelben Pluderhosen und schwarzem Wamms, (kaiserliche Farben); das Ganze umgeben von allegorischen Tugenden: Justitia, Fides, Temperantia, Spes, Charitas, Fortitudo et Prudentia. Ueber dem Wappenschilde ein Spruchband: W. G.H.W. Wie Gott (der) Herr will. Auch las man dort auf einem, jetzt verschwundenen Grabsteine „Anno Domini 1605, den 22. Februarii ist in Gott verschieden der wol edel streng und vest Franz von Cronberg, Amptmann zu Hoegst und Hoffeim, dem Gott genad. amen." 29» Hartmuts XIV Grabplatte im Dom zu Mainz, 1606. B. II. 2. Hartmut XIV (118 K) „der Mitler." Er war 1550 geboren, mainzischer Rath, Amtmann zu Höchst und Hofheim, Lohr und in der Grafschaft Rieneck; verheiratet (1590) mit Margarethe Brendel von Homburg. Er trat zur katholischen Kirche r über;"starb am 21. Juni £/ L^. 1606; sie 1619; beide liegen im Ostchor des Doms, St. Margarethenkapelle, zu Mainz begraben. Das Grab selbst ist zerstört. Die Grabplatte, rechts ergänzt, lautet: HARTMANNVS: A.CR ONBERG . CON SILIARIVS. MOGVNTINVS ADVOCA TVS . IN . HÖGST. IOANNIS . S VICARDI ARCHIEPISCOPI .ET . PRINCIP IS . ELECTORIS MOGVNTINI . GERMANV S.RESVRECTIO NEM . EXPECTANS . HO C.TVMVLO.CON DITVR A° VERBI . INCÄN ATI . M . D . C . VI Diese kleine Grabplatte war innerhalb des Grabes angebracht. Bei „Um- räumungdes Bodens" wurde sie daraus entfernt; lag dann umge- wendetimKreuz- gange, wurde dort 1891 aufgefunden und unter der Inschriftplatte des Erz- bischofs Johann Schweikard im Kreuzgange aufgestellt. Ausserdem war noch 1727 ein Grab- ! )l IIS'COHI T k /i'OG'VH'J IN) Vkljff ?, .NI-M-) fejTGAl# l'lAJiirwMNVS: sii iAi- jer (jetmanicLm Jirch.ica.ncellano,ctlIrincjn chctori, j)omimJ\io clemmtifim, JctrmJ§tlmrp Moriyymas, piur ctlritvlim Jcuotus ©. 29 Werkzeug. Auf dem Eichsfelde gelang ihm hinnen kurzen Jahren die Gegenreformation durch die Gesellschaft Jesu. Im Jahre 1610 genoss 476 Union 1608, Liga 1609. Verhältnis der Religionsparteien um 1555. er „als Vater und Hirt" die Freude: dass durch den Einfluss des Domherrn von Wambolt das evangelische Heiligenstadt in den Schooss der alleinseligmachenden Kirche zurücksank. Leider aber hatten Schweikards eifrigste Gegenbemühungen nicht verhindern können, dass unter Führung des Pfalzgrafen Friedrichs IV zahlreiche protestantische Reichsstände am 14. Mai 1608 die „Union" schlössen. Sie bestand wesentlich aus Reformirten; die Lutherischen unter Kursachsen verhielten sich lau und neutral. Die vornehmlichste Beschwerde der Evangelischen war damals: „der Ausschluss von allen Stiftern und anderen Dignitäten, je länger je mehr, sowohl bei dem Kammergericht als auch sonst . . . welche merentheils von ihren Vorfahren gestiftet." Der Union gegenüber brachte der Herzog Maximilian von Baiern mit Schweikard, Kurköln, Kurtrier und mehreren Fürstbischöfen 1609 einen katholischen Bund zustande. Dieser bezeichnete sich zunächst ebenfalls als eine „Union," bald aber mit dem Namen „Liga." Ihr Oberhaupt war der Herzog, ein durch Mut und Geschäftskunde hervorragend befähigter Staatsmann und militärischer Führer. Ihm zur Seite stand Kurmainz, als „Bundesoberster" in den Rheinlanden. Die übrigen Glieder waren Schatten. Jedes der beiden Bündnisse wollte nur „zur Verteidigung des Augsburger Religionsfriedens" von 1555 errichtet sein „auf das- ein Schwert das andere in der Scheide halte;" beide aber, in ihrem organisirten Gegensatze trieben notwendig das deutsche Reich in den Bruderkrieg hinein. Seine hauptsächliche Veranlassung war: dass beide Religionsparteien den Frieden von 1555 und den „Geistlichen Vorbehalt," (wonach jeder Geistliche, der protestantisch werde, seine Pfründe verlieren solle) je zu ihren Gunsten verschieden auslegten und anwandten. Am Schlüsse der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts war Deutschland zum weitaus grössten Teile protestantisch geworden. Gleichzeitige Schriftsteller berechneten: 7io lutherisch, 7io Sekten (refor- mirt), Vio katholisch. Unter 100 Priestern war kaum ein einziger unverheiratet. Dann setzte der gewaltige Rücklauf ein; mit der genialen Dienstleistung der S. J. wurde er, wie anfangs von den protestantischen, nun von den katholischen Landesherren, nach der Regel des Religionsfriedens: „cujus regio ejus religio," grossartig durchgeführt. Der erste Zusammenstoss beider Bünde drohte schon 1609 durch den Jülichschen Erbfolgestreit. Auch dort handelte es sich um katho- Jülichsche Erbfolge, 1609. Huldigung in Kronberg, 1611. 477 lische und protestantische Nachfolge. Der Kurerzkanzler war der verfassungsmässige prozessleitende Mittelpunkt für die Verhandlungen und Forderungen. Schweikard suchte nach allen Seiten hin zu beschwichtigen. Vor allem war er patriotisch bestrebt: das Hereingreifen des Königs Heinrich IV von Frankreich in den deutschen Zwist abzuwehren. Die Unirten warben zuerst Truppen und lagerten sich in die Bistümer an der Pfaffengasse. Namentlich das mainzer Land wurde durch die Pfälzer arg bedrückt. Die Union und die ihr zugewandten Stände hiessen „die Corre- spondirenden," weil sie in fleissigem Briefwechsel unter einander standen; so auch mit Frankfurt, das noch nicht beigetreten war. Nun begehrte 1610 der Kurfürst von Mainz ebenfalls einen freundschaftlichen Briefwechsel mit der Nachbarin: „sie wollten einander in diesen sorglichen Zeiten vor Gefahr warnen, auch im Nothfalle zur Hülfe bereit sein." Jedoch die freie Stadt wich der feinen Schlinge fürsichtig aus. Man nahm den Vorschlag zwar an, korrespondirte aber so lau und lässig, dass der Austausch bald wieder einschlief, zumal Schweikard 1610, durch seine Pflichten als Kurerzkanzler über ein halbes Jahr in Prag beim Kaiser Rudolf II gefesselt wurde, um dessen Streitigkeiten mit seinem Bruder Mathias zu schlichten. Zugleich arbeitete der Mainzer dort gegen des letzteren Nachfolge und für dessen Vetter Leopold von Oesterreich als Kaiser-Kandidaten; Mathias war ihm verdächtig, wegen seiner Verbindungen mit den, damals protestantischen, österreichischen Ständen. Vom Könige Philipp III von Spanien erhielt der Kurfürst dafür ein besonderes Dank- und Belobigungsschreiben. Die Stadt Kronberg sträubte sich, dem Erzbischof Johann Schweikard zu huldigen. Johann Eberhard I (108 F), Ulrich IV (109 F), Hartmud XV (114 K) und Hermann I (131 K) befürworteten als Ganerben die Weigerung: es sei dem Teutschmeister Walter auch nicht gehuldigt worden. Schweikard aber bestand auf seiner wohlbedachten Absicht. Am 6. Juni 1611 einigte er sich zu Kronberg mit den Herren Vettern „als Einer von Cronberg." Dann zog man feierlich vom Schlosse hinab zum Rath- oder Tanzhause; voran der Kurfürst, hinter ihm der Burggraf von Friedberg mit den anderen Ganerben. Den Schluss machte der Knabe Adam Philipps (130 K), Hans Georgs II (120 K) Schweikards eidlicher Revers wegen Kirchenordnung in Kronberg. Sohn. Vor versammelter Bürgerschaft beschwor der Kurfürst feierlich den Burgfrieden und den hessischen Vertrag von 1541 (wegen der Erböffnung und des evangelischen Religionsstandes). Bei der Huldigung auf dem Rathause stellte der Erzbischof unter seinem Eide folgenden Revers aus: „Wir auch darauf, als einer von Cronenberg, in treuen gelobet und geschworen haben, alle solche Burg - Frieden , Verschreibungen Ent- scheidsbrieff, auch NB successiveerfolgtegeist- und weltliche gemeine Verordnungen zu halten, von unsers Schlosz Cronenberg wegen, als unsere von Cronenberg Vetter, anheren (Ahnherren), Vatter u. Voreiteren mit einander gemacht haben;nach lauth derselben Burgfrieden, Verschreibungen und Entscheids Brieffen, die darum gemacht u. ver- 'W —JZJ Xvtifa girmaihs CK. ( hT - fr - jcribja Jumtnus agit, Septem-confuIß -virorua . 1 -> fouti wumtoc > 'Djuitys hiejrnyjollet - fei imaßin? IuIua Ciaret jlßrijpinus , petatis-P£tiPre ^Trewr siegelt sind," auch: „die Bürgerschaft allhie dabei zu halten und zu lassen." Diese Zusage gewann später eine weit ernstere Bedeutung für Kronberg als der kluge geistliche Herr immerhin dabei im Geiste vorbehalten hatte. Einstweilen trug er im Jahre 1619 kein Gewissensbedenken: als Collator und Lehenherr zur Berufung des Magister Henrich Schröder als evangelischer Pfarrer nach Kronberg zu consentiren. Am 20. Januar 1612 starb der elende Kaiser Rudolf II und am 20. Mai zog der Kurerzkanzler „unter Parodirung der Bürger" mit 48 Wagen in Frankfurt ein. Darüber hat sich erhalten: Schweikards Gefolge bei der Kaiserkrönung in Frankfurt. 479 Der Furier und Futterzettel Dess Hochwürdigsten in Gott Fürsten und Herrn, Herrn Johann Schweickharden, desz Heiligen Stuls zu Maintz Ertz - Bisoffen, des Heiligen Römischen Reichs durch Germanien Ertz - Cantzlern und Churfürsten Einkommen zu Franckfurt, den 10—20 Maii Anno 1612. Franckfurt am Mayn, bei Sigismund Latomo. M . DC . XII. Danach bestand das Gefolge, von oben bis unten, aus 266 Personen und ebensoviel Pferden, darunter 6 Trommeter, 24 Einspenniger (Berittene) und 12 Musicanten. Von den Vettern waren anwesend: Johann Eberhard von Cronberg, Burggraf von Friedberg und Rath, Herman, Johann Daniel (I) und, „zu vorhabendem sacro de sancto Spiritu" erfordert: als Chorknabe Adam Philips von Cronberg mit seinem Praeceptor St. Michael Hecken und seinem Jungen. Der Erzbischof wohnte bei den Dominikanern und krönte am 24. Juni den Erzherzog Mathias als den erwählten Nachfolger. Er that es nicht von Herzen, denn er mistraute immer noch der eifrigen Rechtgläubigkeit des neuen Herrn, noch mehr aber seinem allmächtigen Minister, dem Kardinal Clesel. Dieser wollte die Liga, die imgrunde baierische war, österreichisch machen. Davon zeugt ein gleichzeitiger Brief Schweikards an seinen Vertrauten, den Kanzler B. Schwindt in Speier. „Ihr könnt Euch leichtlich die Rechnung machen, quibus passio- nibus ich umgeben, der ich täglich mit falschen, doch mir hochbeeidigten Dienern zu thun habe. Sollte die Offension wegen Cleselii her kommen, wäre mir nicht lieb, nam hominem novi, nec ei fidere possum (ich 480 Erster Brief an den Kanzler Schwindt in Speyer. kenn den Mann und kann ihm nicht trauen), denn sein Talent (ist) dahin gerichtet: gut Vertrauen in Misstrauen zu verkehren, damit er allein das Seinige durchsetzen möge, muneribus, mendaciis et perseca- tionibus (durch Geschenke, Lügen und Ueberredung) und ist ihm niemand gut genug, er singe denn sein Lied; daraus viele gute Gemüther vom Hause Oesterreich alienirt werden. Die Correspondirenden be- rühmen sich, dass die bei Hofe jetzt alles machen könnten durch Geschenke bei Cleselio, qui est omnipotens (der allmächtig ist)." Um den Eifer für den wahren Glauben anzuspornen nahm der Erzbischof, 1612, die Kapuziner in die Stadt Mainz auf und räumte ihnen Aschaffenburg. die kronbergische Hofstätte Westerburg in der St. Ignatiusgasse ein. Jesuitenkollegien siedelte er 1615 in Erfurt, 1620 in Aschaffenburg an. Im Jahre 1613 empfing er als Kurfürst auf dem Reichstage zu Regensburg vom Kaiser die Belehnung mit den Regalien. Die Spaltung der Religionsparteien klaffte dort abermals weiter. Die Unirten weigerten jede Beschlussfassung über Glaubenssachen; die Liga hatte zuvor, unter Schweikards Führung in Frankfurt beschlossen: alle nach 1555 vollzogenen territorialen Besitzänderungen zu verwerfen und rückgängig zu machen. So war ein friedlicher Ausgleich unmöglich geworden. In den nächsten Jahren beschäftigte sich die hohe Politik mit einem verzwickten Intriguenspiele über die Frage: welcher Nachfolger dem rasch alternden Kaiser Mathias zu geben sei? Schweikard leitete die Fäden; er suchte stets die Fühlung mit den Gegnern zu erhalten und bereitete im Jahre 1617 dem jungen Kurfürsten Friedrich V von der Pfalz und seiner englischen Gemahlin Elisabeth, dem Fürsten Christian von Anhalt einem der leitenden Köpfe der Union, und dem Grafen Bau des Schlosses zu Aschaffenburg, 1606—1614. 481 Johann von Nassau eine mehrtägige festliche Aufnahme in seiner neuen grossartigen Johannisburg zu Aschaffenburg. Ihr Grundstein hatte Schweikard schon 1606 gelegt, sie war erst 1614 vollendet. Gustav Adolf nannte des Schlosses einzigen Fehler: dass man es nicht — gleich so vielen anderen deutschen Schätzen — nach Schweden verschleppen könne. Gustav Wrangel liess sich nach dem Vorbilde von seinen deutschen Kriegsersparnissen einen ähnlichen Palast in der Heimat bauen. Im Jahre 1617 brachen die böhmischen Unruhen aus. Ferdinand II beschwichtigte sie einstweilen durch Bestätigung des Majestätsbriefes; er wurde dort gekrönt. Schon 1618 rüsteten Union und Liga offen zum Kriege. Am 20. März 1619 starb Mathias. In Deutschland stand der Wahl Ferdinands vor allen der junge Pfalzgraf entgegen. Er ver- Wappen am Schlosse AschafFenburg. weigerte sogar gegen Schweikard eine kurfürstliche Beratung, so lange die fremden, spanischen, Truppen am Rhein ständen. Bald aber war Denkmünze auf Vollendung des Schlosses, 17. Februar 1614. der schwankende junge Herr bedenklich geworden, er lud den mainzer Nachbar nach Heidelberg ein, hier lockte ihn dieser zur Mehrheit der Sieben herüber. 482 Krönung Ferdinands II, 1619. Pfälzisch-Kur Bayern heimlich zugesichert. „Am 16. Juli 1619 ziehen Seine Gnaden von Mainz mit 48 Archi- busierern zur Leihguardi, 335 Personen und 236 Pferden in die Wahlstadt ein." Im Gefolge waren seine Neffen: Adam Philipp Kronberg, damals kaum 20 Jahre alt, bereits König Ferdinands und Erzherzog Albrechts Kämmerer, und Johann Daniel I (122 K). Ferdinand wurde am 28. August in Frankfurt gekrönt. Auf seinem Wege dorthin hatte er sich in München mit dem Vetter Herzog Max über die gemeinsame Gegenreformation verständigt, um den Preis der pfäl- zer Kurwürde. Inzwischen war er, am 19. August, von den böhmischen Ständen seinerdortigen königlichen Würde entsetzt „als ein | _ Erbfeind der Gewissens- rt" m freiheit und Sklave Spa- 1qhannE5^chweickhardus,D:G:5ac:3ed^Log:Archiep:S:Rom : n ' ens un( * derjesuiten. Imp:per Germaniam axchicancel:et Eixctoe.,ltc. 26. August wurde IaNUS "Svi cardus Tiwlljs Ccßifsimus tft Hie, Qu^m. coßciMPERii jcrvifis omSACBd. der „ wunterkönig" in Hu uiTc.utonicu PR fLSUt uU6crrimus oru ... . , Ixtat: vaqfiti. vwcn rcmn mraiL- . Prag gewählt Und am eftl/f"«- f ä J D.M.C.B 4. November 1619 gekrönt. Diese Thorheit bot den beiden Vettern willkommene Gelegenheit zur Durchführung ihrer geheimen münchener Abrede. Es ist ein zweiter Brief des Erzbischofs an den Kanzler Schwindt aus Aschaffenburg, vom 17. Februar 1620 erhalten, der seine Sorgen und Pläne zu dieser Zeit lebhaft schildert: „Was meine Kurzweil und delitiae, ist treuherzigen Leuten bekannt. Dass (während) ich in Wahrheit nichts anderes suche, als Ruhe wegen väterlicher Sorgfältigkeit, Mühe und stetiger Arbeit, werde ich Zweiter Brief Schweikards an Schwindt, 1620. 483 noch von (den euch) Bekannten verfolgt, dass ich bald kleinmüthig werde. Doch befehle ich alles dem lieben Gott mit gewöhnlicher Ge- Schlosshof zu Aschaffenburg, dult, habe allbereit zwei Successores Sp. (Speyer) und W. (Worms, der dortige Bischof Greiffenclau wurde sein Nachfolger), die mir aufwarten und allen Verdruss heimlich causiren. Sed haec calamo non fidenda. (Das aber kann ich der Feder nicht anvertrauen). Patientia, patientia, 484 Organisirung der Liga. Schweikard plant Einkommensteuer zur Rüstung. patientia! Euch mag ich in Vertrauen nicht verhalten, dass ich endlich eine Tractation und vertrauliche Conferenz mit Sachsen erhalten habe. Auf den 21 März zu Mühlhausen, nebst Kölln und Baiern, werde ich eine andere Tractation vornehmen. (Dort wurde der Kurhut dem Herzog Max auch von seinen Verbündeten insgeheim zugesichert.) Wegen Unterhaltung eigener Soldaten, deren 1500 seyn, wie auch der Ausgaben zu der Union (Liga), werde ich also ausgesogen, dass ich nicht weiss, wie auszukommen. Der Markgraf von Durlach hat mir über 20,000 Gulden Schaden gethan, und ich muss nothwendigerweise noch mehr Soldaten annehmen. Sed unde (aber woher) bezahlen? Nescio. Es ist bei den Unterthanen wenig Geld zu bekommen. Was ist also zu thun? Nichts anders als eine Auflage auszuschreiben, aufs Einkommen und Vermögen, aliquid certi (etwas bestimmtes) aufs Hundert. Ich habe jetzo treuer, wohlaffektionirter Diener hochnöthig, mehr als vormals. Ex dolore calculi (Wortspiel? — durch Steinbeschwerden oder: wegen ReclTnungssorgen?) habe ich einen harten Stand auszuhalten. Ist noch nicht allerdings gut. Ist ein gefährlicher Gast. Hierbei habt Ihr Copia zu empfangen, was mir I. Kais. M. communicirt. Könnte nicht schaden spargirt (verbreitet) zu werden, suppresso nomine (mit Unterdrückung des Namens). Was zu Nürnberg gekochet worden, überschicke ich Euch mit nächster Post. In Summa, das Messer ist uns Catholischen, auch vielleicht den Lutherischen selbst, an die Gurgel gesetzt. Keine gute Hoffnung." Ueber Schweikards leibliche Beschwerden wissen wir: „Am südlichen Ufer des Mains bei Seligenstadt springt eine vorzügliche heilkräftige Quelle der „rothe Brunnen" dessen Trinkwasser Churfürst Schweikard im 30 jährigen Kriege ein halbes Jahr an Ort und Stelle trank. Hier war ein römisches Heilbad mit frigidarium tepidarium und caldarium, mit der Cohorten-Inschrift: curatis reconvalescentibus." Das Ergebnis der „Tractation" war folgendes: „Rezess des Con- ventes zu Mühlhausen: Kurmainz, Kurköln, Johann Georg von Sachsen, Max von Baiern, Ludwig von Hessen haben sich resolviret, Ihrer Kay. Mat. sowohlen in diser Ihrer des Beheimbischen Onwessens halben, Als künftig, mit Gewalt, den Rechten und Reichs Constitutionen zu wider zu stehenden Betragens gegen menigelichen, was Würden, Wesens oder Standes der auch immer sein möchte, nach allen ihren Cräfften Schmähliches Ende der Union, 1621. Schweikardsburg in Mainz. 485 und vermögen treulich helfen und beistehen. Sie wollen auf „Ihre selbst aigene defension sehen," um, wenn einer aus Ihnen angegriffen werde, im beizuspringen. Auch haben sie beschlossen: „an die Unierte Corre- spondierenden Stendt im Reich, Statt Graven und die Ritterschaften schrifftliche Abmahnung wegen des Beheimbischen Wessen abgehen zu lassen." Das geschah mit voller Wirkung. Die Union gab schon am 5. Juli 1620 den Winterkönig preis. Sie krankte an innerer Uneinheit; jedes Mitglied verfolgte seinen selbstsüchtigen Zweck. Die Liga dagegen unterordnete sich unbedingt dem religiösen und politischen Endzwecke des Kampfes und Johann Schweikard war ein gefahrlicher Unterhändler. Am 8. November 1620 fand die böhmische Herrlichkeit des Pfälzers am Weissen Berge ihr klägliches Ende. Friedrich V wurde schon im Januar 1621 in die Acht erklärt. Schweikard veranlasste, am 9. Februar 1621, einen Beschluss der Liga: „zu rüsten um dem Kriegsungemach in der Pfalz wirksam zu begegnen." Letzteres ward in der deutschen Pfalz einem spanischen Heere unter Spinola anvertraut. Die Union löste sich am 12. April 1621 förmlich und schmählich auf; sie behielt nur die „vertrauliche Correspondenz" bei. Das Spottlied ging: „Der Unirten Treu ging ganz verlorn, Kroch endlich in ein Jägerhorn, Der Jäger blies sie in den Wind; Das macht: dass man sie nirgends findt." Nach Ausbruch des grossen Krieges beschäftigte sich der Erz- bischof mit der Befestigung von Mainz. Die Citadelle auf dem Jakobsberge, damals die Schweikardsburg genannt, ward 1620 begonnen und später von dem Schwedenkönige, 1631—32, weiter ausgebaut. Um diese Zeit war, durch das ganze Erzstift, der Kampf gegen das Hexenwesen in vollem Schwange. Der Name bedeutet: Hagbe- sucherin (zu den heimlichen Teufelsfesten), Hägesche, Hexe. Schweikard Hess sich „von der theologischen und juristischen Fakultät der hohen Schule" — wie der alte Bodmann erzählt — „gar umständliche Berichte darüber erstatten, die ohne tiefes Mitleiden über die Geistesschwäche der damahligen gelehrten Herren wohl Niemand jetzt lesen wird." Auf dieser Grundlage befahl der Erzbischof, „das Verfahren gegen diese Unglücklichen gar in ein rechtliches System dadurch zu 31 486 Schweikards Hexenprozessrecht. bringen, dass er den inquirirenden Beamten genau die Fragstücke und Jenes vorzeichnete, was auf den Leugnungsfall ohne weiters mit den Verdächtigen vorzunehmen seye (die Folter). Die Beylage enthielt sogar einen genauen Unterricht für die Peiniger . welcher Nachrichters Kate- chism auch vielen auswärtigen, darum ansuchenden Städten und Lands- Mainz vom Rhein aus; obere Hälfte. Schweikardsburg (8). Obrigkeiten von Mainz aus mitgetheilt wurde und grossen Beifall fand . . .; ohne Schauder liesst sie die Menschheit unserer Mitzeit nicht mehr und findet es unbegreiflich, wie schnöde der göttliche Funke Vernunft daraus habe verbannt werden können." Im Laufe des Jahres 1621 begann das grosse Werk: den gestürzten Pfalzgrafen auch seines Erblandes zu berauben und dann den Protestantismus im Reiche mit den Wurzeln auszurotten. Ernst von Mans- feld und der junge Herzog Christian von Braunschweig, Administrator des säkularisirten Bistums Halberstadt, behaupteten mit dem Markgrafen Christian von Braunschweig erobert Höchst. Burgstadl zu Eschborn niedergebrannt. 487 Friedrich von Baden-Durlach allein noch für Friedrich V das Feld gegen die Liga und die spanische Hülfsmacht unter Spinola. Diese hatte Schweikard, durch Sendung seines Neffen Adam Philipp zur Infantin Isabella, aus den Niederlanden herbeigerufen. In der unglücklichen Pfalz wütete das Rachewerk fürchterlich. Mansfeld hielt dort den Widerstand gegen Tilly aufrecht. Herzog Christian rückte, ihm zur Hülfe, von der Weser in die Wetterau ein. Oberursel kapitulirte am 15. Juni 1622; jedoch die „Soldateska" die vom Raube lebte, hat auch „in dieser mainzer katholischen Stadt mit Plündern und Verwüsten nach ihres Gefallens gehauset." Dem Herzoge voraus erschien in der Nacht vom 15/16 Juni, sein Oberst Dodo Knyphausen „mit 1200 Mann, 1 Cornet Reiter und 1 Geschütz" vor Höchst um dort eine Brücke über den Main zu schlagen. Die mainzische Garnison rettete sich nach tapferer Gegenwehr am 16. Juni über den Fluss, nachdem Christian 6000 Mann, 2000 Pferde und noch 2 Geschütze aus Oberursel herbeigezogen hatte. Höchst war gut verproviantirt: 150 Fuder Wein, namentlich aus den verschiedenen geistlichen und den gutsherrlichen Kellern (der Kronberg und Metternich); 700 Malter Mehl; 20 Centner Blei, Lunten, Musketen, Doppelhaken, item 3 Stücklein auf Rädern und viel Vieh. Der Herzog wohnte im Antoniter-Ordenshause. Seine Soldateska hieb im Städtchen alles nieder was ihr von wehrlosen Einwohnern in den Weg kam. In diesen Tagen wurden die benachbarten Dörfer Schwalbach, Münster, Eschborn, Sossenheim „durchstreift und wie von Türken und Tartaren unerhörte Tyrannei mit Brennen Rauben und Todtschlagen geübt." Am 16. Juni sank auch das uralte Burghaus zu Eschborn in Asche zusammen. Der braunschweigische Brandmeister brannte den „kron- bergschen" Flecken ab „und ist nicht zu glauben der grosse Jammer und Elend, so die armen Leute ausstehen müssen." Am 20. Juni wurde der Bau der Brücke beendet. Da Frankfurt die Lieferung von Holz verweigert hatte, so war das Werk schmal und ohne Geländer ausgefallen. Der Uebergang des Trosses und Gepäckes begann. Zu dessen Deckung stand Christians Heer im Dreiecke von Main und Nidda, die Stadt Höchst im Rücken, Sossenheim vor der Front. Aber schon erschienen Tilly und Cordova, Spinolas Nachfolger, vom zitternden Erzbischofe Schweikard zur Hülfe herangerufen, am 17. Juni auf dem rechten Mainufer zwischen Hanau und Frankfurt. 31* 488 Schlacht bei Höchst, 20. Juni 1620. Am 19. gingen sie, mit 20,000 Mann Fussvolk, 6000 Reitern und 18 Stücken bei Rödelheim über das rechte Niddaufer. Schloss Rödelheim erhielt acht wirksame Schüsse aus grossen Stücken; darauf kapitulirte die braun- schweigische Besatzung. Die Armada lagerte südlich von Eschborn. Der junge ligiste Kürassirer-Rittmeister Adam Philipp Kronberg stand dort an den rauchenden Trümmern seines ältesten Stammsitzes. Christian hielt das, vor seinem Zentrum gelegene Sossenheim stark besetzt; er hatte so gut wie kein grobes Geschütz. Tilly beherrschte die Gegend; Flucht der Braunschweiger durch Höchst. Aus Theatrum Europaeum. er schnitt den Feind von seiner natürlichen Rückzugslinie nach Norden ab und keilte ihn in das Dreieck zwischen Main und Nidda ein. Dem Braunschweiger hatten derartige strategische und taktische Erwägungen ferngestanden; der schneidige Haudegen hielt, in falschem Ehrgeize, ein kluges Ausweichen für schmachvoll. Er behandelte die Lage wie einen Zweikampf. Gegen den Rat seiner Obristen nahm er die Schlacht an. Am 20. Juni drehete sich das wütende Ringen wesentlich um den Besitz des mit fünf Werken verstärkten Dorfes Sossenheim. Drei Stunden lang schwankte der Sieg, dann erstürmte Tilly die Verschanzungen vor der feindlichen Aufstellung. Nun begann ohne weiteres das zweite Treffen der Braunschweiger den fluchtartigen Rückzug. Die Reiterei folgte dem Heergeräthe durch Höchst, über die Brücke und durch die Furten, auf das linke Mainufer. Als das erste Treffen sich verlassen sah, entstand auch hier ein kopfloses Drängen in wirrem Knäuel auf den schmalen Ermordung der 300 braunschweiger Kapitulanten. 489 schwanken Rettungssteg zu. Viele stürzten in den Main und ertranken: angeblich 1500 Reiter, die durch den Fluss setzen wollten. Jedenfalls ist es sicher „dass mehr Volk im Wasser als auf dem Lande im Treffen umgekommen sei." Dem Herrn von Mainz verkündeten Schaaren vorüberschwimmender Leichname die frohe Botschaft: dass die furchtbar nahe Gefahr abgewendet war. Die Fischer haben „einen guten Fang gethan, indem sie bei den heruntertreibenden Todten viel Geld, Ketten Ringe und stattliche Kleidung bekamen." Christian setzte mit fünf Kornetten wohlbehalten durch eine seichte Furt. Im ganzen noch mit 5000 Mann zu Fuss und 5000 Pferden stiess er bei Bensheim an der Bergstrasse zu Mansfeld. Er hatte also etwa 3000 Mann verloren. Uebrigens hatten sich die Braunschweiger, einer gegen drei und ohne Geschütz, tapfer gehalten. Dem Herzoge gewährten die ligistischen Offiziere das Lob: „dass er sich ritterlich erwiesen und, bei bedeutenden Streitkräften auf der andern Seite, nicht sogleich die Flucht ergriffen habe." Das Schloss zu Höchst hielt die Ligisten auf: Erst am nächsten Tage kapitulirte die Besatzung auf freien Abzug, „mit dem weissen Stabe in der Hand." Vor dem höchster Thore gen Sossenheim wurden die Braunschweiger, angeblich ihrer dreihundert, aufgestellt und — statt des Abzuges — im Haufen füsiliert. Sie wollten durchbrechen, wurden aber mit Kolben erschlagen. Das geschah hauptsächlich auf Anstiften des ligistischen Obristen Eynatten. Er hatte in Ladenburg befehligt. Mansfeld schoss dort Bresche. Während der Verhandlung über den Akkord hatte sich Mansfeld hinterlistig und wider Kriegsbrauch der Stadt bemächtigt. Eynatten schwur blutige Rache ob dieses Verrates: er hatte sie nun genommen. Die Mordstelle wurde, der Sage nach, durch ein steinernes Kreuz bezeichnet auf dessen verwitterter Oberfläche man bezügliche Gestalten erkennen wollte. Bei genauer Untersuchung sind diese verChristian von Braunschweig. Nach van Dyk. 490 Tillys Schlachtbericht an Maximilian von Bayern. schwunden; im ausgegrabenen Sockel ist die Jahreszahl 173 . erschienen; der Stein hat also keinen nachweisbaren Bezug. Alles was sich noch von Christians Soldateska in der Umgegend vorfand, wurde von den Croaten und Bauern niedergemacht. In Kronberg hatten sich 65 Braunschweiger festgesetzt. Tilly veranlasste die Einwohner: sie auszuliefern. Sie wurden sämmtlich vor den Flecken geführt und auf dem Galgenfelde hingerichtet; ebenfalls zur Sühne für Ladenburg. Zum Schlüsse Hess Tilly alle protestantischen Dörfer ringsum plündern und niederbrennen. Tillys eigener Bericht über das Treffen an den Herzog Max, aus Dörnigheim vom 23. Juni lautet: „. . . . des nächst erschienenen Montag den 20. diesz, vor Höchst eine Stund unter Frankfurt der Don Gonzalo und ich mit beiden unsern unterhabenden Armeen den (Administrator) von Halberstadt mit seinem ganzen Volk zu Ross und zu Fusz angetroffen, auf welchem nach vorübergegangenen etlichen Scharmützeln wir ihm unitis viribus so stark zugesetzt, nachgedrückt und zertrennt, dasz er Anfangs einen guten Pass und Posto, welchen er nicht ohne sonderbaren Avantaggio inne gehabt, zu verlassen und sich nach Höchst mit grossem Verlust der seinigen zu retiriren genöthigt worden. Daselbst er über eine von ihm gemachte Schiffbrücke den Main passirt: und wiewohl ihm von den unsern in währender Zertrennung nicht viel umgebracht worden, ist ihm doch ein guter Theil, und wohl über 1000 und mehr in Ueber- setzung der Brücke, weil selbige ziemlich schmal gewesen" .... (hier steht am Rande: „es sollen ungefähr bei 1500 nur der Reiter im Durchsetzen des Wassers, ohne das Fussvolk, so einer den andern über die Brücke hinuntergestoszen, ersoffen") .... „ertrunken: andere hin und wieder ausgerissen, welche hernach von den unsern ereilt, theils nieder- gehaut, theils in den mainzischen Aemtern und Städten als zu Aschaflfen- burg, Stockstadt, Miltenberg, Amorbach u. a. O. zu Verhaft genommen, viele von den Bauern erschlagen, im Schloss zu Höchst aber bei vier oder fünf hundert gefangen bekommen worden. Alle seine Bagage, sehr wenig ausgenommen, sammt 3 Stück Geschütz, deren er mehr nicht gehabt, und der ganzen Munition, auch vieler Gewehr und Rüstungen im Stich geblieben; dass er also mit einem sehr kleinen Haufen und ungefährlich mit 6000 Mann, deren er mehr nicht zusammen- Bericht des Winterkönigs an seine Frau. Die pfälzer Kur an Bayern. 491 bringen können, entflohen und nach Darmstadt begeben, Willens zu Mansfeld zu stoszen. Durch diesz so gehlinge Ausreiszen sind bei anderthalb hundert unserer Soldaten sammt den fünf zu Paderborn gefangenen patribus societatis Jesu auch dahinten gelassen und erledigt worden." Auch der Bericht des Winterkönigs an seine Gemalin, aus Mannheim vom 21. Juni, ist erhalten. Er macht den Eindruck erheblicher passiver Stumpfheit. Der Eingang lautet: Madame Plut ä Dieu que je vous pourrois mander quelque bonne nouvelle, mais il le faut prendre, comme Dieu le donne qui peut tout changer en mieux " Zum Schlüsse heisst es gleichmütig: „Nous ne craignons rien plus que faute de vivres." Die Belehnungsurkunde des Herzogs Max von Baiern mit der Kurwürde ward schon 1621 ausgefertigt aber geheim gehalten. Auf dem Kurfürstentage zu Regensburg, 1623, wurde sie endlich veröffentlicht. Dadurch und durch die Oberpfalz wurden 13 Millionen böhmische Kriegskosten beglichen und die katholische Mehrheit im Kurfürstenkollegium hergestellt. Die protestantischen Fürsten erklärten die, über Friedrich V ohne Mitwirkung der Kurfürsten ausgesprochene Acht als gegen die güldene Bull, somit: ungesetzlich. Der Erzkanzler selbst leistete dem Kaiser einigen schwachen formellen Widerstand; er erreichte damit einen Mittelweg: eine unbestimmte, durchaus nicht ernst gemeinte Aussicht für die Kinder des Geächteten auf „demnächstige" Wiedereinsetzung. Das geschah wesentlich in Rücksicht auf deren Grossvater, König Jakob I von England und „um die Protestanten zu täuschen." Zwei Tage darauf wurde der Herzog Max vom Kaiser belehnt. Diese kühle Verachtung der Reichsverfassung brachte selbst den gut kaiserlichen Kurfürst Johann Georg von Sachsen in Harnisch. Er richtete an den Kurerzkanzler folgendes Entrüstungsschreiben aus Dresden, 23. Februar 1623. Die „Union" der katholischen Stände war neu aufgerichtet. Schweikard hat zu Regensburg auf dem kur- und fürstlichen Convente den anwesenden sächsischen Räthen zugesichert: sie sei nur „zur defen- sion" angesehen. — Er, Johann Georg, hat den Convent durch seine Räthe besuchen lassen um „den Friedenszweck zu erreichen, das albereit guten theils verwüstete, schwache, mit allerlei Wiederwertigkeiten, dissensionen und discrepantien angefüllete und gleichsam in Todes- 492 Die Entrüstung des Kurfürsten Johann Georg von Sachsen. zügen liegende Römischen Reich zu erquicken .... und den theuren und werden Frieden . . zu erlangen. . . . Aber daher Uns nicht wenig betrüben, dass die Fundamentalgesetze des Reiches nicht befolgt wären. . . Das Amt der Churfürsten ist durch die güldene Bulla, (1367) als eine churf. confirmirte und geschworene Vereinigung und Observanz erwiesen. Sie sollen des Kaisers innerste und Geheimbste Räthe sein . . und mit dero vorbewust gehandelt werden. Wenn nun aber bei der Acht des Pfalzgrafen und Translation der Chur die Churfürsten nicht befragt sind, so weiss er nicht: „worin die Churf. Hoheit und Würde noch bestünde, was für unterscheid zwischen denselben und andern Ständen ausserhalb des Namens were? Das lässt sich auch „mit der necessität nicht entschuldigen." . . . „Die translation der Chur . . . haben wir nicht vor ein Medium des Friedens sondern eines immer- werenden Krieges erachtet." .... Auch die Clausel wegen der (demnächstigen Restitution der) Kinder und Agnaten des Pfalzgrafen wird Verbitterung erregen, denn „per delictum alienum" kann das Lehen nicht den Unschuldigen und der gesambten Hand entzogen werden. . . . Auch hat er auf seine unterschiedlichen Schreiben an den Kaiser, wegen der „böhmischen Reformation" keine Resolution erhalten, die Gewaltthätigkeiten werden dort fortgesetzt sein eigenes Land ist „mit bettelarm gewordenen (böhmischen) Flüchtlingen überströmt. . . ." Auf diese in ihrer sachlichen Einfachheit unwiderlegliche Beschwerde erwidert der gemütliche alte Johann Schweikard mit einem wahrhaft mustergültigen diplomatischen Aktenstücke, aus Regensburg vom 11—21. März 1623. „Besonders lieber Freundt, Sohn und Bruder! Das bey diesen meinen letzten Jahren, über so vielfältige aussgestandene Sorg Mühe und Arbeit vor das gemeine Wesen, Ich auch noch eine Alteration bey E. Ld. und Misstrawen mit Churfürstl. Collegio . . erleben sollte, das würde mir mein Herz biss in den Todt betrüben; da ichs auch mit meinem Leben vorkommen und remediren könte, solte es mir die höchste Freude sein." ... Er verlässt sich aber darauf dass der Kurfürst in seiner zu der K. M. tragenden Liebe und affection unausgesetzt und bestendig beharren wird und wenn er Gelegenheit haben wird, sich mit I. M. mündlich zu besprechen, er dessen „zu dess Chur- Schweikards glatte Antwort. Ausgleich durch die Lausitze an Sachsen, 1628. 493 fürstl. Collegii und des Vaterlands Wohlfart tragende angelegene Sorg- feltigkeit und löbl. Keyserl. Itention, zu ihrem guten Genügen, im Werke verspüren." Ebenso wünsche der Herzog in Bayern, Churfürst, nichts höheres als mit Johann Georg „in rechtem ungeferbten vertrawen zu seyn." Er, „Schweigkardt" lebt „vielmehr .. der beständigen Hoffnung, diss (die Uebertragung der Chur an Baiern) werde eben das rechte Fundament seyn, darauf der liebe Friede . . . wieder auffgebawet werden kann" . . besonders „wenn E. Ld. wie biss dahero, also auch förderst die Hand anlegen, und mit ihrem Trewhertzigen wolgemeinten Rath Hülff und beystand dem Oberhaupt unter die Arme greiffen werden. . ." Folgt Empfehlung in den Schutz des Allerhöchsten. Angesichts der kaiserlichen, bis dahin unerhörten Gewaltstreiche gegen Pfalz und die Evangelischen in Böhmen dürfte Johann Georg von dem, im Grunde feinspöttischen Brief des aalglatten geistlichen Herrn und namentlich von den salbungsvollen gemeinplätzlichen Ermahnungen am Schlüsse nur wenig befriedigt gewesen sein. — Einstweilen wurde der Streit im nächsten Jahre auf einem Fürstenkonvente zu Augsburg durch die Fülle der von Schweikard vorgeführten Argumente dahin ausgeglichen: dass Johann Georg in die lebenslängliche Kurwürde Maximilians willigte, wodurch den pfälzer Agnaten angeblich ihre Rechte vorbehalten wurden. Es war ein richtiger Mittelweg, der keine Partei zu ihrem Ziele führte und auf dem jede nur Zeit gewinnen wollte. Insgeheim beschloss man: wegen der Pfalz unausgesetzt durch den Kurerzkanzler verhandeln zu lassen, sie aber niemals zurückzugeben. Dem verwundeten kursächsischen Rechtsbewusstsein wurde demnächst ein kaiserliches Pflaster aufgelegt: im Jahre 1628 erhielt Johann Georg den Niessbrauch aller landesherrlichen Einkünfte der beiden damals österreichischen Lausitzen; als Ersatz der von ihm aufgewandten sechs Millionen Kriegskosten. Johann Schweikard besuchte von Augsburg den Generallieutenant der Liga, Tilly in Nürnberg; endlich hatte er die Freude: den neuen Kurfürsten von Bayern zu beeiden. Bei der Ueberwältigung und Zerreissung der unglücklichen Pfälzerlande konnte Schweikard die seit 1462 an Kurpfalz verpfändet gewesene Bergstrasse zurückerwerben. Sie wurde alsbald durch die Kapuziner in den Schoss der alleinseligmachenden Kirche heimgeleitet. Farbiges Wachsrelief Johann Schweikards (im Schlosse Friedrichshof). ausser dass er häufig vom Podogra geplagt wird. Voll Eifers und Tugend. Ihm verdankt man grossen Theils den glücklichen Fortgang der Sachen seit der Prager Rebellion, da er das Haupt-Instrument der von den Katholischen geschlossenen Liga war und der einzige Urheber, dass sich Sachsen in der Chur-Translations-Sache zu Gunsten des Kaisers wandte. Auf ihm allein beruht so viel, dass da ich erstgenanntes Anerbieten von ihm erhielt, und hiervon dem Nuncius zu Wien Nachricht Bericht des Nuncius zu Köln über Johann Schweikard, 1624. In einer Relation an Papst Urban VIII, aus dem Jahre 1624 berichtet dessen Nuncius in Cöln, Monsignore Montorio : „Im Erz-Stift Mainz regiert Johann Schweikard. Er ist Dechant des Chur-Collegiums, Erz-Canzler des Deutschen Reichs. Ein Mann seinem Alter nach schon hoch an Jahren aber starker Constitution, Gegenreformation in Lorch. Besitzkampf auf Burg Kronberg, 1617. 495 gab, so antwortete mir dieser: er sei sofort zum Kaiser gegangen um es ihm zu melden, der Kaiser sei darüber merklich getröstet gewesen und habe geantwortet: Nun er des guten Willens des Churfürsten von Mainz versichert sey, so verspreche er sich einen sichern und glücklichen Ausgang der Sache. Uebrigens ist dieser Erz-Bischof ein Mann sehr ernsthafter Sitten; sowohl die Reichs-Angelegenheiten als geistliche Sachen lässt er sich sehr angelegen sein und ist ganz wohlgeneigt zu Diensten des heiligen Stuhls, auch eifrig für Ausbreitung der katholischen Religion." Im Jahre 1625 traten sichtbare Zeichen auf, dass das Lebensmaass des 72jährigen Erzbischofs bald erfüllt sein werde. Um so eifriger ward seine Sorge für das Seelenheil seiner Untertanen. Der Gesellschaftjesu, die er in Aschaffenburg eingeführt, vergabte er das benachbarte ehemalige Cisterzienserkloster Himmelthal als festen Sitz. Den Rheingau hatte Schweikard völlig von der Ketzerei gesäubert. Dem reinen Glauben zu Ehren wurden aus Lorch am Rhein die Wollweber vertrieben, eine blühende Industrie mit etwa 300 Stühlen. Sie wanderten in die benachbarte Grafschaft Katzenelnbogen. Von ihren dort überall ausgespannten blaugefärbten Tüchern soll der, noch jetzt im Schwange befindliche örtliche Name: „das blaue Ländchen" herrühren. Das rechtgläubige Lorch sank seitdem unwiederbringlich aus seinem irdischen Wohlstande herab. Unmittelbar nach Johann Eberhards von Kronberg Abscheiden 1617, hatte Herman I (131 K) schleunigst von dessen Erbe Besitz ergriffen, für sich als Agnaten und für seine Frau Anna Sidonie Brömser als des Burggrafen Enkelin. Der Vetter Erzbischof war, als Haupt der älteren Linie des Kronenstamms, mit diesem einseitigen Vorgehen sehr unzufrieden. Er schickte, als Landesfürst, mainzer Soldaten gen Burg Kronberg; der Keller (Rentmeister) weigerte die Oeffnung; der mainzer Kommissär Hess ein Loch ins untere Burgthor hauen, durch das man einkriechen konnte. Alsdann öffnete ein Schlosser die Hausthür. Die Soldaten fischten und verzehrten aus dem Topfe des Kellers etliche Stücke Fleisch. Dieser zeigte dem Kommissär die leere Kraftbrühe, und da der Mainzer die Frevelthat nicht glauben wollte, warf der entrüstete Kronberger ihm den Topf nebst Inhalt vor die Füsse. Junker Sparr (von der mainzer Kommission) kroch durch ein Fenster in das 496 Papierkrieg mit dem Vetter Hermann 1618—19. Hohe Haus. „Er hat dort gerufen und gepfiffen und die Oeffnung der Hausthür verlangt." Die Thür war versiegelt, sie ward aber aufgebrochen. Die Westerburg wurde ebenfalls von der erzbischöflichen Armada genommen. Ein heftiger Schriftenwechsel folgte: ,Jo. Suicardo, Archiep. Mogunt. . . ." erklärt: Er, der Kurfürst sei der Lehnserbe; Hermann, sein Amtmann zu Lohr, nur Vertreter der Eigentumserbin. Da jedoch der Vetter den Vetter nicht zu bekehren vermochte, kündigte der Kurfürst seinem unbotmässigen Amtmann die Bestallung in Lohr; das heisst: er erneuerte die, auf nächsten Weihnachten, 1618, ablaufende nicht, sondern gab ihm auf: zeitig die Dienstwohnung zu räumen. Der Papierkrieg raste fort bis 1619; er füllt einen dicken Band. Im Jahre 1624 wollte sich der junge Oberst Adam Philipp mit der Gräfin Maria Sidonie von Daun, Erbtochter von Falkenstein verheiraten und auf Burg Kronberg seinen einstweiligen Wohnsitz nehmen, da sein Regiment in und um Erbenheim bei Wiesbaden stand. Der "Erzbischof schrieb deshalb, aus Aschaffenburg vom 25. Februar 1624, dem Vetter Johann Schweikard II, pfälzischem Amtmann zu Gernsheim: „Nachdem mein Junger Vetter sich zu verheurathen resolvirt undt sein Wohnung zu Cronberg anzustellen Vorhabens. Nun ist Euch bekandt, in wasz Religion er auferzogen, dabey auch verbleiben wirt, damit aber sein Exercitium neben den seinigen auch haben kunte, verhoffe ich, ihr undt andere meine Vettern sollet kein Bedenken haben, Ihme in der Schlosskirchen zu zulassen. . ." Katholischer Hausgottesdienst auf der Burg. Bekehrungsanläufe in Kronberg. 497 Adam Philipp erinnert, aus Montfort (am Bodensee?) den 18 Martii 1624, den Vetter Schweikard: . . . „Wolte auch gern wissen, wasz sich der Vetter auf die Frag, die ich im Nahmes meines gl. Herrn gethan, erklärt habe, antreffend die Schloss Kirche zu Cronberg; weil ich denn die Gelegenheit nit habe, selber zu dem Vettern zu kommen, will ich gebetten habe, er wolle mir es schrifftlich zu wissen thun, dann es mein Herr von mir wirt wissen wollen. . . ." Der Vetter Amtmann Johann Schweikard II antwortet dem Kurfürsten: „Wiewohl die Bürger von Cronberg diese bevorstehende Neuerung fast übel empfinden wollen . . . jedoch weil Eur. Kurfl. Gnaden ein solches aus gewissen Ursachen an uns gnädigst begehren" .. . so wollen sie sich dahin verstehen, dass „die Schlosskapelle zu deren begehren eingeräumt werde; jedoch mit dieser ausdrücklichen Vorbedingung, dass diese Bewilligung uns und unseren Nachkommen an ihren hergebrachten Ober- herrlich- und Gerechtsamen zu einem fernerem Verfang nicht gereichen, noch auch wir oder unsere Bürgerschaft in unserem exercitio Religionis Augustaneae turbirt werden, . . . inmassen wir die unzweifelhafte Zuversicherung geleben, Unser Herr Vetter werden unter seiner Hand und Insiegel einen Revers von sich geben und uns zu unserer gemeinen Reposition (in das Familienarchiv) ein- zuschlieszen." ... Und das war geschehen. Inzwischen war Hermann I (131 K) 1625 zu Dieburg wo er nach seiner Vertreibung aus Lohr als pfälzischer Amtmann lebte, gestorben. Der Erzbischof hielt wohl den frühzeitigen Tod des widerspenstigen Vetters für einen Wink der Vorsehung: noch vor seinem eigenen Ende ein gottgefällig Werk auszurichten indem er die traurigen Wirkungen der Ketzerei seines Grossvaters Hartmut XII thunlichst sühnte und wenigstens die eigenen Unterthanen in Kronberg und Eschborn wieder zum Heile zurückführe. Die allgemeine politische Lage war günstig für die gute Sache. Wallensteins Armada stand seit 1625 im Felde und beherrschte, von der Dessauer Brücke aus, die obere Elbe. Tilly hielt in Braunschweig - Lüneburg eine, für den König Christian von Dänemark höchst bedrohliche Stellung. Das Restitutions- Edikt und der Satz „Cujus regio" wandten ihre scharfen Spitzen gegen die Protestanten, die davon lange Jahre hindurch für sich eine oft übermässige Anwendung gemacht hatten. 498 Hermann Kronbergs angeblicher Uebertritt und gefälschtes Testament. Freilich war Hermanns Zustimmung zur Einrichtung des katholischen Hausgottesdienstes in der Schlosskapelle im Jahre 1624 gegeben worden, jedoch nur gegen die Zusicherung: dass die, von den Ganerben eingesetzten „Prädikanten in der Stadtkirche inturpirt (un- turbirt) gelassen" würden. Nun aber war Hermann Kronberg tot und ein Diener des heiligen Zweckes, der Pfarrer Eulern derzeit Keller zu Dieburg, hatte des Amtmanns vollzogene Bekehrung in extremis auf seinen Eid genommen. Er wies auch ein angebliches Testament vor, worin Hermann seinen Untertanen in Kronberg befahl: wieder katholisch zu werden. Die Sorge dafür war dem Vetter Erzbischof übertragen. Durch dieses grobe Mittel waren letzterer, und durch ihn der Kaiser und seine Räte, — getäuscht worden. Zur Ausführung der doppelten Pflicht erwirkte der Kurfürst Schweikard unterm 2. April 1626 in Wien durch seinen Neffen Adam Philipp, folgendes kaiserliche Befehlschreiben an ihn selbst: „Uns'ist Bericht getan . . Wer Gestalt in Dero Lieb den und derselben Voreltern uralten Stammhauss, Burgk, Statt und Thal Cron- berg, Alss dasselbe sombt aller Zugehör nicht in dess Geschlechts sondern Anderen Händen (Hessen) gewest, die allein Seligmachende katholische Religion abgeschafft und hingegen die Auspurgische Con- fession introducirt, derbey auch biss gegenwärtige Stund, alss aus ungleichem Eiffer der Ganerben selbsten, dabei gelassen worden. Wenn wir aber neben diesem auch gewisse Nachrichten erlangt, dass Underschidtliche dess Geschlechts der von Cronberg, sonderlich Euer Liebden Bruder Hardtmuth, (XIV, 118 K; starb 1606) gewesener Rath und Amtmann zu Höchst und Hofheim, wie in gleichem noch unlängst derselben Vetter Hermann von Cronberg, nach erlangter genügsamer Information aus eigener Bewegung zu der katholischen Religion getreten, auch beide, wie und welcher Gestallt zur besagten Cronberg eine recht christliche katholische Reformation angestellt werdten könnt und fürzunehmen wäre, Ihnen jederzeit eifrig angelegen sein lassen, in massen dem letztgedachten Euer Libden Vetter Hermann, in seinem Todtbett, diesen seinen christlichen Eiffer in Gegenwart vihler adelicher und anderer Persohnen öffentlich zu bezeigen, ehbemelt Reformations Wesen in allerweg zu befordern zum höchsten gebeten habe. . . ." Erzbischof und kronberger Bürger im Federkriege. 499 Als Kaiser und Obereigenthümer ist er schuldig, sich dessen anzunehmen; er befiehlt daher den Erben: „Ihress Vetter seelige embsiges Begehren, besagte Reformation — unverzüglich vorzunehmen." Wer widerstrebt, den will S. M. „mit geziemendter unerlässlicher Bestrafung ansetzen." Nun erliess Johann Schweikard unverzüglich, aus Aschaffenburg am 20. Mai 1626, ein strenges Mandat: die Prädicanten binnen 4 Wochen auszutreiben, da sie von der ordinirten Obrigkeit keine Gewalt erlangt hätten und den schuldigen Gottesdienst nicht verrichten könnten. „Nun ist Euch Gottlob selbsten wohlwissend, in was tiefer Finsterniss dieselben stecken, wieviel tausend arme Seelen sie mit ihren falschen Predigten verführen und in Abgrund stürzen thun; dass sie auch ihre vorgebende Lehr keineswegs behaupten, sondern in denen, mit ihnen vielfältig gepflogenen Conversationen und Discursen entweder gar verstummen oder mit Schaden abziehen müssen, und bei den Unterthanen nit als getreue Hirten bei ihren Schäflein bleiben, sondern als Feigling von ihnen fliehen. . . . Die Bürgerschaft von Kronberg erwiedert am 30. Mai 1626: sie seien mit höchster Betrübniss und äusserster Bekümmerniss berichtet, dass der Kurfürst in seinem „sehr hohen und wohl hergebrachten und löblichen Alter eine Religions - Reformation bei uns zu Cronberg vorzunehmen vorhaben sei" und dafür Commissarien abgefertigt habe, neben Junker Hansen von Cronberg, welcher gleichwohl bis noch zur Regierung allhier nicht zugelassen, wir auch demselben uns zu untergeben nicht verpflichtet." .... Junker Hans: Johann (Walter XV, 135 K), der damals 19jährige älteste Sohn Hermanns I hatte sich dem durchlauchtigen Oheim und der katholischen Kirche angeschlossen; den Burgfrieden von Kronberg hatte er damals noch nicht beschworen. Von ihm ist weiter nichts bekannt als dass er kaiserlicher Offizier war und bei „Leipzig" geblieben sein soll. „Nun aber, gnädigster Kurfürst und Herr," fährt die Bürgerschaft fort, „Sie bei eingenommener Huldigung und beschworenen Burgfrieden, kraft übergebenen und hinterlassenen Revers, anno 1611 den 28 Mai (a. St.) sich . . . gnädigst vernehmen lassen, uns sowohl in geistlichen als weltlichen Sachen bei unser . . . hergebrachten und approbirten Exercitio Confessionis . . . verbleiben zu lassen . . . wir daher die 500 Schweikards I und II Briefwechsel, 1626. trostliche Zuversicht haben," dass der Kurfürst „in ihrem nunmehr hohen Alter . . . unsere armen Gewissen beschweren zu lassen keineswegs verstatten werden." In der Ganerbschaft von Kronberg sassen damals auch noch die Söhne Hartmuts XVI (115 K) und der Elisabeth von Mudersbach- Hohlenfels: 1. Johann Schweikard II (124 K), Amtmann zu Gernsheim; 2. Johann Hartmut XVII (125 K); 3. Johann Philipp X (126 K). Statt an die Bürgerschaft wandte sich, am 4. Juni 1626, der Erz- bischof an Johann Schweikard II „Als treuer Seelsorger, als Vater und Vetter," ermahnte er ihn selber „zu sein Seligwerden," wie auch: in dem Reformationsgeschäfte „keine molestias moviren zu lassen." Dieser jedoch erwiedert, unterm 12. Juni 1626, auf das Ansinnen: „Nun thue ich vermelten meinem Vetter Hermann sein Seligkeit von Herzen gönnen." Durch Hermanns Absterben hat es aber nicht in dessen „Macht gestanden, E. chf. G. mass zu geben, die im Religionsfrieden von 1555 mitbegriffene augsburgische Konfession abzuschaffen, so wenig als mir gebühren wollte, wenn die römisch katholische Religion zu Cronberg in Exercitio wäre, mit meinem Absterben zu dis- poniren, dass dieselbe abgeschafft werde, welches E. chf. G. keineswegs zulassen würden." Zudem sei der jetzige Pfarrer mit des Kurfürsten eigenem Konsens eingesetzt. . . Der eifrige Erzbischof Hess gleichzeitig den Herrn Vetter durch dessen Schwager, den mainzer Oberforstmeister zu Lohr, Ludwig von Kerpen bedrängen. Gegen diesen beklagt sich der Amtmann von Gernsheim: „dass ich auch ferneres falschlich bei Curf. Gnaden angeben worden, als solle ich gesagt haben: »dieser und jener solle mich holen, wofern ich die römische katholische Religion annehme,« ist mir die Tage meines Lebens nie in Sin gekommen und möchte ich wohl ein solchen leichtfertigen verlorenen Vogel leissen (lausen), der solche Sachen uff die Bahn brächte, wollte ihn das Maul geleiss (?) stopfen. — So ist auch gantzen und gar nit meine intention, zum Teuffei zu fahren, sondern die Crone der ewigen Seligkeit nach diesem Leben zu erlangen. . . In summa, ich muss jetzt das Leder allein gefressen habe. — Kerpen soll ihn einstweilen beim Churfürsten entschuldigen. Des Erzbischofs Gegenreformation in Kronberg. 501 Ein rechtsgelehrtes Gutachten des erzbischöflichen Licentiaten Fleischbaum zu Aschaffenburg weist allerdings den Anspruch zurück als völlig haltlos solange der Vetter widerspreche; er räth aber: sich thatsächlich in Besitz zu setzen. Darauf schickt der Erzbischof als Pfarrherrn für Kronberg seinen „Alumnum Georgium Kircher." Gleichzeitig erhält der Vetter Amtmann Schweikard II durch einen erzbischöflichen Erlass vom 11. August 1626 die Nachricht: dass die augsburgische Konfession zu Kronberg nunmehr abgeschafft, und die katholische eingeführt sei; wobei er „selbst aber nicht gemeint sei." Das sei veranlasst durch das Vermächtniss des verstorbenen Hermann und durch kaiserlichen Befehl. Der Amtmann Schweikard sei zur Huldigung (in Kronberg, als Johann (Walter XV) die Burgfrieden beschwor darunter auch den hessischen Vertrag von 1541), nicht mitberufen „weil er sich desselben doch gewissens halber entschlagen werde haben." Jedoch ladet der Herr Vetter Kurfürst ihn und seinen Bruder, den Kürassierritt- Messgewand, Rückseite. Geschenk Johann Schweikards an die Burgkapelle zu Kronberg, 1626. meister Johann Philipp X (126 K), an den Hof zur Jagd ein. Der Vetter Amtmann entschuldigte sich indessen wegen Kränklichkeit. Wie sich der Erzbischof in dieser Sache mit seinem eidlichen Reverse gegen die Stadt Kronberg von 1611, wie mit seinem Gewissen abfand, ist das Geheimnis seines Beichtvaters geblieben. Damals galt der Satz: „Haereticis non est servanda fides." Vielleicht giebt sein in jüngern Jahren verfasstes lateinisches Gebetbüchlein darüber Auskunft. Es ist Übersetztals: „Handtbüchlein Geistlicher Übung und gewohnlicher Gebett desz hochwürdigsten Fürsten und Herrn, HerrnJOHANN SWEIKARDT, Erzbischof u. s. w. Maintz MDXVII." Der Titel ist mit dem Portrait Johann Schweikard f zu Aschaffenburg, 17. September 1626. des Verfassers geziert. Die Vettern Schweikard I und II sahen sich nicht wieder. Am 17. September 1626 starb der Kurfürst in seiner Johannisburg zu Aschaffenburg, 73 Jahre alt, nach mehrmonatlichem Krankenlager. Noch in den allerletzten Tagen konnte ihn sein Neffe der Oberst Adam Philipp durch die persönliche Botschaft des Sieges bei Lutter am Barenberge erfreuen, an dem er selbst mit seinen Kronberg-Kürassieren rühmlichen Anteil gehabt hatte. Schweikards Herz Hirn und Eingeweide blieben in Aschaffenburg bei den Jesuiten. „Ist sein Leichnam auff einem schwartzen Schiff, voller Wachsund Windliechter besteckt (S. 506), von Aschaffenburg den Mayn hinab nach Maynz geführt worden, sampt einem ansehnlichen Comitat, so zu Land 300 Pferd stark, beneben vielen Kutschen wie auch Leibpferden, Schloss zu Aschaffenburg. Ansicht vom Main aus. Leichenfahrt nach Mainz. Beisetzung im Dom. 503 so mit schwartzen Tuch bedeckt gewesen, durch Franckfurt seinen Weg genommen." Im Dome nahm ihn die Gruft unter der Epistelseite des Kreuzesaltars im eisernen Chore auf, die er schon sechzehn Jahre zuvor für sich hatte herrichten lassen. Ueber die Grabschrift und die Ausstattung Epitaph, früher in der Grabkammer, jetzt im Kreuzgange. der Gruft berichtet 1727 Bourdon, Epitaphia; in Choro ferreo a cornu epistolae Altare S. Crucis seu Plebania. Inscriptio: „ Hanc, quam cernis, lector, aram ad gloriam D.O.M. suique in tuis votis memoriam Joannes Schwickardus Archiepiscopus Mogun- tinus S.R.J. Arcicancellarius, et Princeps Elector perpetuis Sacris dicabat anno M.D.C.VIII mense Jan. die X." Bourdons Zusatz: obiit autem 17. Sept. 1626 Aschaffenburgi et corpus delatum Moguntiam depositum fuit in cryptam sub hoc altari ex parte aedificatam; aliud non habet epitaphium, nec lapidem sepulchralem. „Diesen Altar, Leser, hat zu Gottes Preis und zu seiner Erinnerung in deinem Gebete .... (Titel) zu ewigem Opferdienste geweiht am 504 Schweikards Grabstätte. 10. Januar 1610." Bourdons Zusatz: Er starb aber zu Aschaffenburg am 17. Sept. 1626; seine nach Mainz übergeführte Leiche wurde beigesetzt in der unter diesem Altare dafür ausgebauten Krypta; er hat kein anderes Epitaph noch Grabstein. Ornamenta et paramenta in hoc altari (für diesen Altar): Calix magnus argenteus deauratus, pelvis argentea (gestiftet von): Joannes Schwickardt f 1626. Casula viol[acea] pulchra (gestiftet von): Cronberg Elartmann J* 1606 (Hartmut XIV) Brendel v. Homb Margaretha uxor J* 1619. Da die Grabkammer neuerdings eingelegt werden musste, wurde die dort angebrachte Inschrifttafel in den Kreuzgang überführt. An ihrer Stelle ist eine Zinntafel ins Grab gelegt worden mit folgender Aufschrift: * PIÄE 'MEMOBJÄE * + - D i 1 ♦ lOANNl S + Sy I CARD! ♦ DE > K R ONBERG •AEPPI 'MOGUNTfNL ♦ Qui *OBIIT + I7*SEPT> 1626 * * HIO DEPOSIT US *17 -DEC* I 872 • Ein Denkmal oder Epitaphium ist nicht aufgefunden; seine Errichtung wird in der langjährigen Kriegsnot unterblieben sein. Schweikard von Kronberg war ein eifriger und in den Mitteln rücksichtsloser Vertreter seines Glaubens, mehr noch: der damaligen römisch-jesuitischen Kirchenpolitik; zugleich im persönlichen Verkehre Insignia agnatum in altari: Cronenberg c. c. Cronenberg c. a. Sickingen. Handschuchsheim. Schweikards Karakterbild. 505 eine glatte gemütliche, Vertrauen erweckende, »insinuante« Natur. Der Pomp des hohen geistlichen Kirchenfürsten lag nicht in seinem Ge- schmacke. Im Hause trug er ein einfaches bürgerliches Kleid, draussen Reiterstiefel, Harnisch und Schwert, „nach spanischer Sitte." Er war stets bestrebt, mit dem Gegner durch persönlichen Verkehr, durch versöhnliches Hin- und Herreden, das den harten Kern umging, ein freundschaftliches Einvernehmen herzustellen. Von Kurpfalz allerdings wandte er sich schliesslich, 1619, erbittert ab, weil er dort „getäuscht und misbraucht" sei. Mit den lutherischen Fürsten aber, namentlich mit Kursachsen, verhandelte er stets vermittelnd und hinhaltend. Ihn für die schroffe Liga zu gewinnen fiel dem Herzog Max nicht leicht. Als jedoch Heinrich IV sich in den Jülichschen Erbfolgestreit mischte, trat der Kurfürst dem Könige mit lebendigem nationalen Gefühle entgegen. Sein ganzes Leben war den politischen Angelegenheiten gewidmet. Zahlreiche ausgedehnte Staatsschriften verfasste er mit eigener Hand. Den Kanzleibefehlen an die Reichstagsgesandten fügte er vielfach erläuternde eigenhändige Nachschriften hinzu. Seine fürstlichen Korrespondenten waren sehr zahlreich. Sein vielgeschäftiger Eifer Hess ihn in kritischen Zeiten Schlaf und Mahlzeit versäumen. Aber es fehlte seiner diplomatischen Vielgeschäftigkeit, seiner einschmeichelnden Gewandtheit ein wesentliches: das klare, in den Kern der Sache eindringende Urteil. Er war nicht ohne Geist und Verstand, nicht ohne beträchtliche allgemeine Bildung; aber sein Verfahren litt an einer gewissen altväterischen kleinlichen beschränkten Schlauheit. Seine Redseligkeit gereichte oft seinen Gegnern zum Nutzen. Der Vorwurf: dass er vor allem auf Bereicherung seiner Verwandten bedacht gewesen, erscheint allerdings in Beziehung auf seinen Bruderssohn Adam Philipp (130 K) begründet. Dessen böhmische und lothringische Güterankäufe, sein Kürassier-Regiment, waren nicht von dem jungen Offizier aus eigener Kasse bezahlt. Jedoch betrieb Schweikard diese Familienpolitik kaum in einer, damals bei der hohen Geistlichkeit ungewöhnlichen oder gar unerlaubten Ausdehnung. Endlich wird noch — ein Zeichen der damaligen Zeit — rühmend erwähnt: dass der Erzbischof zwar heitere Geselligkeit liebte, nicht aber dem allgemeinen Laster seiner Zeitgenossen, namentlich auch der Höfe: dem Trünke und der Völlerei verfallen war. Er befahl sogar ernstlich (1607): „die grosse Schweikards Karakterbild. Saumage (so hiessen diese TrinkgeFässe) fürdhin nicht mit zu Hofe zu bringen sondern daheim zu lassen." Der bekanntlich höchst parteiische, „Rheinische Antiquarius" urteilt über ihn: „Schweikard ist mit den grössten Männern seines Zeitalters zu vergleichen." Soll darin eine wirkliche Gleichstellung liegen, so möchten wir unser Urteil lieber also einschränkend abschliessen: Schweikard zählt vielleicht zu den geistig bedeutendsten, jedenfalls aber zu den besten Männern seines verwilderten Zeitalters. Neunter Abschnitt. Des Generalwachtmeisters Adam Philipp Kriegsfahrten. 1599 bis 1634. ?•? Geburt und Jugend. Rittmeister bei Höchst 1622. Oberst der Cron- berger Kürissirer 1624. In Erbenheim und Kronberg 1624—25. Heiratet Maria Sidonia von Daun, Erbin von Falkenstein 1625. Roth-Poritschen bei Klattau gekauft 1623. Flörchingen bei Diedenhofen erworben 1625. Gefecht bei Hannover 1625. Treffen bei Rössing. Schlacht bei Lutter am Barenberge 1626. Gegenreformation in Kronberg 1626—27. In Franken und Schwaben 1627—28. Kurfürst Max von Bayern. Donnerwetter wegen Exorbitantien. Grafenstand und Expektanz auf Hohengeroldseck 1630. Vor Werben und Tangermünde 1631. Erster Brief an Maria Sidonia. Schlacht bei Breitenfeld, 17. September 1631. Pappenheim- und Kron- berg-Kürassiere. Die Kronberger retten Tilly. Winterquartiere in Nörd- lingen 1631—32. Zweiter Brief an Maria Sidonia. Abschaffung des Gotteslästerns. Dritter Brief an Maria Sidonia 1632. Hinneigung zu Wallenstein. Vierter Brief an Maria Sidonia. Tilly f bei Rain am Lech. Fünfter Brief an Maria Sidonia. Sechster Brief an Maria Sidonia. Sturm auf die alte Veste bei Nürnberg. Torstenson von Adam Philipp eigenhändig gefangen. Siebenter Brief an Maria Sidonia. Brief an Wallenstein. Winterfeldzug in Schwaben 1632—33. Die Cronberger manquiren 1633. Aldringens scharfe Instruktion. Oberst der kaiserlichen Montecuculi Kürassiere. Notbrief an den Kurfürsten. Feldzug im 508 Neunter Abschnitt: Inhalt. Oberelsass. Letzter Brief an Maria Sidonia vom 31. Oktober 1633. Bauernaufstände bei Rosenheim. Kronberg hält sich fern von Pilsen, 1634. Wallenstein f. Teilung der Beute. Belagerung von Regensburg. Adam Philipp f, an der Lagerseuche, dort im Augustinerkloster 4. August 1634. Grabmal. Wahrscheinliche Verwendung seines Marmorsteins als Malzweiche. Epitaph in Kbell. Brief Maria Sidonias an den Kurfürsten Max. Adam Philipps Kinder. Die Wittwe heiratet den Markgrafen von Baden-Rodemachern 1636. Kronberg-Kürassiere, die „Unüberwindlichen." ON des Erzbischofs drei Brüdern hinter- liess nur der jüngste: (Johann) Georg II (120 K) aus seiner Ehe mit Anna Dalberg einen einzigen männlichen Nachkommen: Adam Philipp (130 K). Auf diesen Neffen häufte der sorgliche Oheim Kurfürst den reichen weltlichen Familiensegen an Ehren und Gütern, den er für sein Geschlecht zusammen zu tragen vermochte. Adam Philipp kann kaum früher als kurz vor 1600 geboren sein, denn am 27. August 1620 stand er noch unter Vormundschaft. Zuerst lernten wir ihn als etwa zwölfjährigen Knaben kennen im Gefolge seines durchlauchtigen Oheims als dieser 1611 auf dem Tanzhause zu Kronberg feierlich die Burgfrieden beschwor. Bei der Krönung des Kaisers Matthias, im Mai 1612, war Adam Philipp noch zu jung um unter den 19 je mit 2 Pferden aufziehenden Hoff Junckern mitzuwirken, er fungirte als Chorknabe und war, nebst Praeceptor, noch nicht beritten. Schon 1618, am 25. April, ward des Kurfürsten noch minderjähriger Brudersohn und Erbe in den Reichsfreiherrnstand „von und zu Cronberg" erhoben; sein uraltes Wappen erlitt dabei eine sogenannte „Verbesserung" durch das Helmkleinod des 1617 erloschenen Flügelstamms um den kaiserlichen Adler. Dieser höheren Würde wurden dann, am 13. Januar 1623, die gesammten Herren Vettern teilhaftig. ii; i tV ! Ii!« II 510 Ehren und Titel. Die Cronberger Kürissirer seit 1621. Wo der Erzbischof seinen Erben und Stammhalter erziehen liess, wissen wir nicht; zweifellos jedoch war er der Gesellschaft Jesu anvertraut. Unterm 6. Februar 1619 bezeugt das Fremdenbuch des Deutschordenshauses in Rom die Anwesenheit des vornehmen jungen Landsmannes. Am 16. Juli 1619 begleitete er den kurfürstlichen Oheim zur Wahl Ferdinands II nach Frankfurt, als „Kaiser Ferdinands und Erzherzog Albrechts Kämmerer, Ritter." Im Jahre 1621, nach Aechtung des Winterkönigs, sandte der Kurfürst seinen Neffen zur Statthalterin der Niederlande, um von dort spanische Hülfsvölker zur Unterwerfung und Züchtigung der rebellischen Pfalz herbeizurufen. Am 29. Februar 1624 erhielt Adam Philipp, aus Wien, das ehrenreiche Prädikat: „Wohlgeboren," das strenggenommen nur den Reichsgrafen zukam. Die Leiter der kaiserlich verliehenen Titulaturen hatte, seit 1590, Folgende Stufen: Edler, Wohledler, Hochwohledler, Hochedler, Wohledelgeborener, Hochwohledelgeborener, Hochedelgeborener, Wohlgeborener, Hochwohlgeborener. Wann Adam Philipp seinen Lebensberuf: das Soldatenhandwerk ergriffen, war nicht genau zu ermitteln. Jedoch führte er bereits im Frühjahre 1621 als Rittmeister zwei nicht zu einem Regimente eingeteilte, daher vermutlich von ihm frisch geworbene Kompagnien bayerischer Kürissirer (179 Mann stark). Mit diesen focht er am 20. Juni 1622 bei Höchst-Sossenheim gegen Christian von Braunschweig. Im Jahre 1623 war er mit seinen zwei Kompagnien beim Regimente des Obristen Grafen Jakob Ludwig Fürstenberg eingeteilt; er nahm Teil an der Treibjagd Tillys hinter Herzog Christian durch Norddeutschland nach Holland. Am 6. August 1623 bei Stadtlohn, im Bistum Münster, zeichnete sich das Regiment besonders aus. Am 20. Juni 1624 verzichtete Fürstenberg, als ernannter „Generalwachtmeister für die Infanterie auf das inngehabte Reiterregiment" und wir finden Adam Philipp, in seiner springenden Prinzenlaufbahn, als Obrist an der Spitze der fürsten- bergschen 10 Kompagnien, 1000 Mann stark, die fortan als „Cronberger Kürissirer" diesen Namen während zehn Jahren berühmt machten. Die Reiterei zerfiel zu Anfang des grossen Krieges in mehrere „Waffen": 1. Lanzierer, 2. Kürissirer. Beide trugen eisernen Helm, III ii Ii Werbung und Organisation der Reuter. 511 Vorder- und Rückenkürass, eiserne Stulphandschuhe und Beinschienen, Stulpstiefel mit ungeheuren Sporen, Degen und zwei Faustrohre (Pistolen); Nr. 1 trug zugleich eine lange Lanze, die jedoch bald durch den genialen Feldherrn Moritz von Oranien (J* 1625) beseitigt wurde. Diese zwei schweren Waffen hiessen vorzugsweise: Reuter. Ihre „Schwere" hatte seit geraumer Zeit stets zugenommen. Ein Streitross trug im 12. Jahrhundert etwa: 340 Pfund, im 16: 440 Pfund. 3. Harkebusirer oder Bandelierreuter. Sie waren mit Pickelhauben, Degen und Gabelbüchsen (Arquepusa) ausgerüstet und trugen, zu Pferde, diese am Bandelier über die rechte Schulter. Im Laufe des Krieges verschwinden sie ebenfalls. Statt ihrer erscheinen: 4. Dragoner; sie fochten zu Fusse und zu Pferde als leichte berittene Fusstruppe. Die Werbepatente wurden in blanco vom Kriegsherrn oder seinem kommandirenden Generallieutenant ausgefertigt und durch den Oberst des zu bildenden oder zu verstärkenden Regimentes an Rittmeister oder Hauptleute verteilt „die sich zu Werbungen präsentiren" für eine Kompagnie Reiter oder ein Fähnlein Fussvolk. Ihrer sechs bis zehn bildeten dann das Regiment. Dieses Agglomerat hing ausschliesslich an der Person seines Werbepatrons. Vom Kriegsherrn wurde ihm dafür eine bestimmte Vergütung zugesichert. Erfolgte die Zahlung nicht prompt, dann suchten sich die Offiziere durch lückenhaft ausrückenden Bestand, bei Berechnung des vollständigen, und sonstwie schadlos zu halten. Daher schwankt die Kompagnie häufig zwischen 50 und 100 Pferden. Die Offiziere bekamen die Löhnung für sich und die Reiter meistens unregelmässig und mit starken oft monatelangen Resten. So wurde derjenige Zustand die Regel, von dem schon 1627 Wallenstein an den sächsischen General Arnim schreibt: „Oft geschieht es, dass die Offiziere das Geld für die Soldaten, dafür sie sollen erhalten werden, empfangen und sowohl den einen Weg als den andern haben wollen, nämlich dass die Einwohner (ausserdem) die Soldaten in Essen, Trinken und Fütterung unterhalten sollen, welches unbillig und höchst sträflich ist." Später wurde diese Sträflichkeit beim Friedländer die Regel. Bei der Kompagnie standen: ein Rittmeister, ein Lieutenant, ein Standartenträger; letzterer hiess in Frankreich: Cornet; später nannte man allgemein die Reiterfahne: Cornette oder Cornet; dann wurde auch die Kompagnie selbst: ein „Cornett Reuter" genannt. 512 Auspressungsquartiere. Heirat mit Marie Sidonie von Daun, 1625. Ein noch erhaltenes Werbepatent beginnt hochtönend: Ich Adam Philips Freyherr zue Cronberg, Herr zue Pourschütz, Borbe undt Florchingen, Ritter, Rom. Kaysl. Maytt. Camerer, Königl. Maytt. zue Hispanien Rath undt der Churfürstl. in Bayern bestelter Obrister über tausent zue Pferdt. Nach der „Verpflegungs-Ordonnancie erhielt ein Obrister zu Ross monatlich für sich und alle Stabes-Personen: 1200 Gulden. Dazukamen die Naturallieferungen aus den besetzten Landesteilen und die Erpressungen: „Insolentien und Exactionen". Für den Stab waren 63 Pferde und 24 „Bagagy Ross" erlaubt. Während des Jahres 1624—25 stand Tillys Armada im südlichen Hessen und in den Landschaften längs des Mains und Rheins. Adam Philipp war mit seinem Regimente, das damals 10 schwache Kompagnien hielt, fast ein Jahr lang in Erbenheim, bei Wiesbaden, bequartiert. Die Ligisten lagen still; sie erfüllten zeitweilig den politischen Zweck: die protestantischen Reichsstände, der so schmählich auseinander gelaufenen „Union," vor allen die unglückliche Pfalz auszusaugen. Durch Kontributionen und Brandschatzungen wollte man die Gegner zu jedem weitern Widerstande unfähig machen und dann zurückbekehren; gefochten wurde nicht. Die Auspressung war gründlich: dem Obristen Kronberg waren zu Erbenheim, für ihn persönlich, in jeder Woche zu liefern: 2 Ochsen, 14 Hämmel, 14 Maass Butter, etliche 100 Eier, 28 Hühner, 1 Fuder Wein, 2 Wagen Heu, 28 Sack Hafer, für 22 Gulden Weissbrod; endlich Konfekt und Käse; dazu sein wöchentlicher Sold mit 200 Thalern. Diese Waffenruhe benutzte Adam Philipp um sich zu verehelichen, 1625, mit Marie Sidonie von Daun, Tochter und Erbin von Philipp Franz Grafen Falkenstein und Elisabeth Gräfin Salm-Reifferscheid Frau zu Oberstein. Das junge Paar wohnte damals zu Kronberg auf der Burg. In der Kapelle ward, wie wir bereits wissen, katholischer Hausgottesdienst eingerichtet. Der Obrist beschwor die Burgfrieden; er Erwerb der Herrschaften Poritschen, 1623; Flörchingen, 1625. 513 wurde dadurch kirchlicher Mitregent in der Ganerbschaft. Gleichzeitig war er bereits Herr einer bedeutenden Herrschaft in Böhmen geworden. Hier hatte, aus den Konfiskationen in Folge der Schlacht am Weissen Berge (1622), der Erzbischof Johann Schweikard für seinen Neffen, am 19. August 1623, die Herrschaft Roth - Poritschen bei Klattau von der Krone käuflich erworben. Der Preis war: 84,802 Schock 21 Groschen meissnisch. Der Käufer hatte aber nur ein Drittel an den vertriebenen Vorbesitzer, Nicolaus Schütz von Drahenitz, baar zu erlegen. Dieser war zum Verluste von zwei Dritteln seines Vermögens verurteilt. Der Rest, mit 56,543 Schock wurde dem Käufer infolge kaiserlicher Resolution nachgelassen. Die Herrschaft hiess fortan: Kron-Poritschen; sie um- fasste 23 ganze und 6 halbe Dörfer; jetzt ist sie kaiserliches Familiengut. Den Anlass zu diesem durchgreifenden Handel und Wandel im böhmischen Grossgrundbesitze gab das drängende Geldbedürfnis des Kaisers behuf Deckung der Soldrückstände an die zur Meuterei geneigte Soldateska, sowie zur Befriedigung der Obersten, die grosse Forderungen für die Stellung Ausrüstung und Unterhaltung dieser Truppen erworben hatten; endlich zur Abfindung bemittelter Diener und Anhänger, die bare „Anticipationen" (Vorschüsse) geleistet hatten. Deshalb wurde der gewaltige Landraub aus den Konfiskationen meistens zu Schleuderpreisen weggeschlagen; er war schon im voraus bezahlt gewesen. Durch Ausfertigung vom 24. März 1625 verpfändete der König von Spanien dem Erzbischofe von Mainz, zu Gunsten seines Neffen Adam Philipp von Kronberg, die Herrschaft Flörchingen bei Diedenhofen für 50,000 Gulden. Laut den Protokollen über die Metzer Konferenz von 1662, behuf Vollzugs des pyrenäischen Friedens, war diese Seigneurie nach der Felonie des Grafen Robert de la Mark Herrn von Sedan gegen Kaiser Karl V eingezogen und mit der Domaine vereinigt worden. Vermutlich steckte in der Verpfändung des sehr umfangreichen Besitzes, die niemals gelöst ist, ein Freundschaftskauf. Im Juni des Jahres 1625 brach Tilly gegen den König Christian von Dänemark und Ernst von Mansfeld auf. Nach allerlei kleinem Festungskriege, die Weser entlang, finden wir beide Heere im Leine- thale. Die Festung Calenberg hatte Tilly am 3. November 1625 mit Akkord gewonnen. Das ligistische Heer wurde auf dem linken Flussufer nordwärts gegen die Stadt Hannover vorgeschoben. Dort trat ihm 514 Treffen bei Hannover, 4. November 1625. der Feind entgegen. Ueber den Zusammenstoss berichtet Tilly selbst, aus seinem Hauptquartier Rössing (bei Nordstemmen), am 5. November an den Kurfürsten Maximilian: „Als ich in Erfahrung kommen bin, dass sich der Feind vor wenig Tagen . . . diesseits der Leine unfern von meinen innenhabenden Quartieren, jedoch rückwärts der Stadt Hannover an berührter Leine bei einem Pass (Brücke) logirt hat . . . dass ich gestern, den 4. hernach, bei allbereits angeschienen hellen Tag an des Feindes Quartieren angelangt Da nun beiderlei Truppen ritterlich zusammengetroffen und gefochten, so hat Gott der Allmächtige seine Gnade verliehen, dass meine Truppen das Feld erhalten." Folgen Nachrichten über die beim Feinde Gebliebenen und Gefangenen. Unter ersteren der Oberst Obertraut, der bekannte „deutsche Michel." Seine Leiche wurde in Tillys Kutsche nach „Baddusam" (Pattensen) geführt, später in Hameln beigesetzt. „Der Rest hat sich mit der Flucht salvirt; aber was nicht über . . . 3ie Brücke (zwischen den Dörfern Coldingen und Rethem) kommen können und sich durch die Leine salviren wollen, hat den Geist im Wasser aufgegeben. . . . Bei diesem Treffen, so über eine Stunde lang gewährt, haben die Avantgard gehabt und anfänglich gefochten: die (Namen) Regimenter neben 2 Compagnien vom Cron- bergischen Regiment." Rühmend erwähnt Tilly unter den Obristen: Adam Philipp Freiherr von Cronberg. Tillys Hauptquartier lag während des Winters 1625/26 in dem braunschweig-lüneburgschen Städtchen Bockenem, südlich von Hildesheim. „Das Schloss Plesse (über dem Leinethale unterhalb Göttingen), und die umliegenden Dörfer hatte er durch den Obristen Kronberg und dessen Regiment besetzen lassen. Sie „waren bairische Reiter," nach ihrem Führer: Kronberger, nach ihrem ausgezeichneten Mute: die Unüberwindlichen genannt. Sie hatten schwarze Pferde, schwarze Rüstung (Anstrich um den Rost abzuhalten), am schwarzen Helme einen weissen Totenkopf; rote Standarten. Dem Regimente blieb das Glück stets treu, bis dasselbe im März 1631 vom schwedischen General Baner in Mecklenburg total geschlagen wurde." Der Oberst ist am 10. Januar 1626 mit Urlaub in Höchst am Main, auf Verlangen des Erzbischofs Schweikard wegen wichtiger Geschäfte. Es handelte sich um die Durchführung der Gegenreformation im Städtchen Kronberg. Adam Philipp Greuel in Münden, 30. Mai. Treffen bei Rössing, 29. Juli 1626. 515 dankt bald darauf, von Aschaffenburg aus, für ein Belobigungsschreiben wegen des Treffens bei Hannover: es werde ihm „zu mehrer Courage und Tapferkeit Anleitung geben." Am 3. März 1626 bittet der Oberst beim Kurfürsten Max: sein Regiment wieder auf 10 Kompagnien und 1000 Pferde bringen zu dürfen. Am 2. April ist er in Wien wegen der Kirchensache. Am 10. Mai ist er noch in Aschaffenburg. Die Feindseligkeiten begannen im März 1626 damit, dass die Kron- berger die Dörfer rings um die Plesse „mit Raub und Brand drängten." Am 30. Mai ward Münden an der Weser von Tilly erstürmt; Bürger und Besatzung verschanzten sich zuletzt auf dem Kirchhofe, alles wurde niedergehauen. Von 2500 Bürgern und Soldaten, waffenlosen Bauern und Schiffern sind nicht 20 davon gekommen ohne die, als „rebellische Hunde" grausam gemordeten Weiber und Kinder. Es war die Wiederholung der Greuel von Höchst. Am 6. Juni lag das Regiment Kronberg noch dort in der Vorstadt Blume. Im Juli 1626 belagerte Tilly Göttingen. Der König Christian von Dänemark Hess durch den Rheingrafen Otto Ludwig das, seit dem vorigen Jahre von den Ligisten besetzte feste Schloss Calenberg wiederum berennen. Tilly schickte 4000 Mann, unter Graf Jakob Ludwig Fürstenberg, im Leinethale herab. Am 29. Juli trafen sie bei Rössing auf die dänischen Reiter. „Das Cronbergische Regiment hat, ohne die Nachhut abzuwarten, mit 5 Kompagnien Kürassiere gegen 14 feindliche den Angriff gethan mit solcher Furie, dass die Dänemarkische bald hernach ganz in die Flucht geschlagen wurden." . . . „Die Obersten Erwitte, Kronenberg und Schönberg drangen auf sie eskadronsweise ein ohne einen Schuss zu thun, „und niemals kein Schermetzrin oder Langrohr gebraucht." Der Anprall war so heftig, dass „Freund und Feind längere Zeit unter einander gemischt blieben. Die Dänemarkischen hielten sich tapfer. Der Feind ist so fest gewesen, dasz die Pistolen einander an das Haupt gehalten; die Dänen wandten sich dreimal zum Angriffe, aber jedesmal vergebens. Erst nach drei Stunden wichen sie und wurden bis über die Leine verfolgt. Sie Hessen 500 Tote auf der Wahlstatt." Die Kaiserlichen (Ligistischen) „verdankten den Sieg ohne Zweifel der Fürbitte der heil. Jungfrau Maria und des heil. Franziskus, welcher Name in dieser Schlacht das Wort gewesen." 516 Schlacht bei Lutter am Barenberge, 27. August 1626. Sie eroberten 6 Cornet und 15 Fähnderstangen (Kompagniefähnlein der Arkebusiere und Dragoner); sie selbst hatten ebenfalls nicht unbedeutend gelitten. Dem kronbergischen Regimente fehlten 100 Pferde. Dafür hatte ihr Oberst „mit eigener Hand des dänischen Obersten Leo Freitag Cornet erobert, der dabei blieb." Es war vorher „aufgerufen: kein Quartier zu geben." Diesem Vorgefechte folgte, 27. August 1626, die entscheidende Schlacht bei Lutter am Barenberge (nahe bei Gandersheim). Das Feld war eine Ebene, von einem Bache mit sumpfigem Gelände durchschnitten. Längs dessen südlichem Ufer stellte Tilly seine Truppen auf. Den rechten Flügel bildeten, unter Oberst Cronberg, die Reiterregimenter Cronberg (1000 Pferde), Schönberg (1000 Pferde), Lindlo (600 Pferde) und 1000 Mann, „commandirter Truppen." Die Infanterie stand in der Mitte. Nach Eberhard Wassenbergs „Der Ernewerte Ternsche Florus. Franckforf 1647" scheint sich das Regiment bei Lutter nicht eben durch- gehends mit Ruhm bedeckt zu haben. Der damalige Oberstlieutenant Graf Gronsfeld, Verbesserer und Vermehrer jener Kriegsgeschichte, berichtete in seinem Zusätze: „Das Feld ... da hernacher das Treffen beschehen . . . wardt mit einem Bächlein recht uberzwerg mitten durch getheilet; auff jener Seyten setzte sich der Feind in Battaglie, und wir auf dieser Seyten . . . alssdan nach gehaltenem Sacro resolvirte sich der General (Tilly) über zusetzen und gäbe mir darauff Ordre, weiln ich die Avantguardt hatte: in Gottes Nahmen über das Bächlein zugehen, mich aber jener Seits hart daran zu firmiren. Wie ich nun glücklich uberkommen unnd mir noch ein Regiment zu Fuss und zwey zu Pferd, nemlich das Reinachische, sampt den Schonenbergischen unnd Cronenbergischen gefolget, kompt der Feind mit völliger Macht unnd greifft uns an, bringet de Reutterey alssdbald in Disordre, welche das gemelte Regiment zu Fuss, so über 2500 Mann stark war, selbsten schändlicher weise trennte. Hinter mir auf der lincken Hand war der Feindt auch bereits über den Bach so weit kommen, dass er auch unsere Stücke mit den Händen angegriffen. Ich aber, unerachtet ich von Reutter und Fussvolck chargiret war, wiche keinen Fussbreit zurück . . . welches dann verursachet, dass Hochwohl- gedachter General die ... . Aussreissende Reutter wiederumb zu Standt Schweres Ringen um den Sieg. 517 gebracht und . . das Treffen so tapfer erneuert, dass endlich der Feind zu weichen angefangen und uns das Feld cedirt." Der Hauptkampf drehete sich um die grosse ligistische Batterie, gegen die der Feind hartnäckig anstürmte. Tilly war darin und rief seinen Büchsenmeistern zu: „Ich bitte Euch um Gottes Willen, seyd vorsichtig und thut keinen Schuss vergebens." . . . „Dieses Wort ist ihnen durchs Herz gegangen, und haben so wohl auf die Andringenden Feuer gegeben, dass sie nicht anders als das Getreid vom Hagel darnieder gefallen." Dann hatte sich der greise Feldherr mit hochgeschwungenem Degen mitten unter den fliehenden rechten Flügel gestürzt und wie ein Verzweifelnder geschrieen: „Wie! euern alten General wollt ihr verlassen! Linksumkehrt!" Das wirkte; die Regimenter kehrten wieder um; nun standen sie wie die Mauern. Tilly berichtet dem Kurfürsten: „Im Feld bei Lutter am Barenberg, 28. August: .... „Und ob sich wohlen der Anfang zu dieszseitiger Victori sehr dubios erzeigt, zumalen der CGpse.sui 'victoiG&oicif'JilluiS hosics' Gut, pm sevicit, ruyn metuendus erat! Tilly nach einem gleichzeitigen Bildnis, 1677 gestochen von Amling. (Stacke.) Feind . . . sich dermassen erzeigt und gefochten, dass dieserseits nicht wenige Soldaten, von Offizieren Reitern und Knechten, theils gequetscht, und theils auf der Walstatt des Todes worden. So hat doch der Allmächtige seine göttliche Gnade, zweifelsohne in Respekt der gerechten Sache, so weit scheinen lassen, dass der Feind evincirt und überwunden. . ." Unter den Schwerverwundeten des Regimentes Cronberg war auch Adam Philipps Oberstlieutenant: Nicolaus Cronberger. Seine Verwandtschaft ist unklar; Ganerbe war er nicht, wohl aber in Höchst angesessen. Auch ist sein Wappen ähnlich. In der Schlacht am Weissen Berge, am 8. November 1620, war er, als Rittmeister im Regiment zu Pferd: Eynatten, verwundet worden. Bei Lutter verlor er angeblich einen Arm. Wir werden ihm noch wiederbegegnen. 33 518 Grammont über Tilly. Adam Philipps Exorbitantien 1627—28. Der französische Marschall Grammont kam um diese Zeit als Freiwilliger in Tillys Hauptquartier; . . . il le trouva monte sur un petit cravate (leichtes kroatisches Pferd) blanc et vetu assez bizarrement pour un general; il avait un pourpoint (Wamms) de satin vert tout decoupe (ausgezackt), ä manches tailladees (geschlitzt), des chausses de meme; un petit chapeau quarre avec une grande plume rouge qui lui tom- bait sur les reins, un petit ceinturon large de deux doigts auquel etait pendue une epee de combat, et un seul pistolet ä l'argon de la seile." .... Grammont „croyait d'abord quil etait tombe entre les mains d'un fol; mais il ne tarda guere ä connaitre le contraire, car il ne demela jamais un capitaine plus sense ni plus sage ni plus absolu dans son armee." Adam Philipp ward mit der Botschaft der „Victorie über die Dennemarksche Armee" zu seinem durchlauchtigen Oheim nach Aschaffenburg geschickt. Dieser, fast schon ein Jahr lang krank, starb am 17. September 1626. Der Neffe und Erbe bittet, neben der Anzeige, um ferneren Urlaub behuf Regelung der Erbschaft. Den Winter 1626—27 scheint er hierauf verwandt zu haben. Am 15. März 1627 finden wir ihn in Kronberg auf der Burg, wo er bei Durchführung des von ihm persönlich erwirkten kaiserlichen Befehls vom 2. April 1626, übergreifend und gewaltthätig gegen die Kirchenordnung vorgeht. Während der Jahre 1627 und 1628 stand Adam Philipp mit seinem Regimente im südlichen Franken und nördlichen Schwaben. Es war die Zeit, als die Thätigkeit der Liga durch Wallenstedts aufsteigendes Gestirn, in seinem ersten Generalate, politisch wie militärisch bei Seite gedrängt und verschattet wurde. So bestanden die kriegerischen Thaten der Kürissirer abermals wesentlich im Auspressen der Landschaften durch unerschwingliche Kontributionen und Quartierleistungen. Zwar sollten hiedurch hauptsächlich die Protestanten und Nichtligisten geelendet werden. „Es sollen" schreibt der Kurfürst Max „alle zum katholischen und kontribuablen Stande gehörigen Lande mit Einquartierung und Durchzügen nach Möglichkeit verschont werden." Dennoch bestürmten Klagen und Beschwerden von allen Seiten den „Kriegsrath" zu München. Gegen Rottenburg, Dinkelsbühl, Schwäbisch Hall, Graf Erbach, Deutschmeister, Ulm hat der Oberst sich „wegen exorbitantien, pressuren und exactionen von ihm selbst, undergebene Officiere und gemein Knecht" Die Cronberger vom Juni bis Oktober 1627 verschollen. 519 beim Kurfürsten zu verantworten. Er thut das in endlosen Berichten ; entweder ist die Klage grundlos oder seine Untergebenen sind die allein Schuldigen. Auch Gegenklagen wegen „Gewaltthat gegen seine armen Soldaten" fehlen nicht. „Die Quartiere der, durch den langen Krieg erschöpften Soldatesca sind sehr schlecht, sie hat das liebe Brod nicht; zuletzt bringt die Noth und Desperation den Soldaten dahin, etwas unverantwortliches zu thun." In Ulm lagen 500 Cronberger Kürissirer; sie kosteten der Stadt wöchentlich 23567* Thaler, obgleich grundsätzlich die Bezahlung der Truppen zur Hälfte aus der Bundeskasse, zur anderen aus den „eroberten Ländern" genommen werden sollte. Die weiten Entfernungen des grossen Tilly'schen Hauptquartiers in Niedersachsen gaben den einzelnen Obersten eine eigentümliche Selbständigkeit in ihren Bewegungen und in Ausführung der ergangenen Befehle, da der Zwischenverband fehlte. So lässt der Kurfürst an Adam Philipp aus München am 19. Juli 1627, schreiben: „Wir sind vom 23. Juni d. J. berichtet, dass Ir mit eurem under- habend Regiment, ungeacht eines nunmehr vor geraumer Zeit aus dem fränkischen Kraiss genommen abzuges, bei unserer armada nit allein noch nit angelangt, sondern gar unwissend seyn, welcher orten Ir euch mit dem Regiment befindet. Wenn wir aber ob dieser eurer verfirten Verzüglichkeit und auf der Marchiada genommen Umschweifes ganz khein gefallen tragen, und euch selbst die Verantwortunge obliegen wurde, da doch die occasiones, dem feinde abbruch zu thun, stündlich vorhanden; als bevehlen wir euch hiemit ernstlich und zuverlässig: das Ir zu eurer entschuldigung berichten wollet, aus was Ursache sich euer Marchiada so lang verzogen und wo ir euch inzwischen mit dem Regimente aufgehalten habt?" 33* Kurfürst Maximilian von Bayern. Nach Seidlitz, historisches Porträtwerk. (Becker.) 520 Wallensteins Armada entwickelt sich, 1627. Gleichzeitig haben die Kriegscommissare berichtet: dass Kronbergs „unterhabendes Regiment bis daher so schlecht und wenig armirt sei." Des Obristen persönliche Ehre sei dabei interessirt; „als haben wir gegen euch erwartet, ihr wurdet euch solche Armirung bei dem guten Vortheil, den ihr in den jüngsten Winterquartieren an Contribution gehabt, besser angelegen sein lassen." Im allgemeinen wurden die Offiziere bis einschliesslich den Feldmarschall-Lieutenant vom Kriegsherrn geduzt. Nur die Mitglieder altadliger berühmter Häuser wurden in allen Chargen mit „Ihr" angesprochen. Der verantwortliche Bericht auf den scharfen Erlass wurde nicht früher als am 15. Oktober 1627 erstattet. Sein Regiment sei zwar nicht armirt gewesen; er habe aber erst 4 Tage vor dem Ausmarche Tillys Befehl dazu erhalten. Er habe um die Armatur geschrieben gehabt, aber keine Antwort erhalten, daher geglaubt: die Generalcommission werde das Regiment armiren und ihm bei der Kriegskasse wieder abziehen. In" den Winterquartieren habe er nichts beschaffen können, denn deren in Rottenburg und Schwab-Hall „neydhaftes gemüth" sei genugsam bekannt. Auch sei er den ganzen Winter (1626—27) über stets in vollem Marsche gewesen (in Franken und Schwaben umhergezogen) ; die Pferde seien dadurch sehr abgemattet, er bäte deshalb für den bevorstehenden Winter um bessere Quartiere. Diese Not in den Winterquartieren der drei oberen Reichskreise wurde durch die rücksichtslose Ausbreitung der Wallensteiner vermehrt. Friedland zwängte die Ligisten derart ein, dass der grössere Teil nach Niedersachsen abrücken musste. Es blieben nur die Cronberger und zwei andere bayerische Reiterregimenter zurück. Die Klagen der Landschaften und die Befehle aus München beziehen sich wesentlich auch auf Abschaffung des Trosses, der „pagagi" und der überflüssigen Pferde. Der Kurfürst von Sachsen hatte sich persönlich in München beschwert: der Oberst Kronberg selbst habe in Eisenach auf dem Marsche nach Niedersachsen bei Tafel dem dortigen Keller gesagt: er führe 6000 Pferde mit; auch habe er sich über den dort gelieferten unzureichenden Wein tadelnd ausgelassen. Adam Philipp erwidert aus Helmstadt in Baden, 1628: er erinnere sich dessen nicht mehr, jedenfalls habe er das mit lachendem Munde und unter starkem Trinken gesagt. Er trachte vielmehr in seinem Benehmen „als der ich Kurfürstliches Donnerwetter über die Exorbitantien, 1630. 521 ein armb Cavallier in Deutschland und nicht anderes Landes wohnhaft bin, daher mich gern gegen solche Standespersonen so verhalte, damit ich heut oder morgen mit ehren mich wiederumb bey denselben finden lassen kann." Hier klingt die allgemeine Unzufriedenheit der Deutschen an, wegen Bevorzugung der Wälschen, vornehmlich in den Kommandostellen des kaiserlichen Heeres. Bald darauf, 1630, fordert der Kurfürst seinen Generallieutenant Tilly auf: dem Kaiser über dessen „zaghafte Obersten" zu berichten, „da etliche Italiener und andere Ausländer sich stark bemühen, damit sie bei den bevorstehenden Werbungen (Wallensteins) möchten employirt und den deutschen Obersten vorgezogen werden, wie sie hiezu durch ihre Patronen (am Hofe zu Wien) bereits gute Vertröstung erlangt haben sollen." Uebrigens fand Adam Philipp ausreichende Zeit, sich seinen eigenen Angelegenheiten zu widmen. Im Herbste 1628 besuchte er seine Güter in Böhmen; im Frühjahr 1629 starb seine Mutter, Anna Dalberg in Ladenburg; dann lebte er längere Zeit auf seiner Besitzung Flörchingen. Im Juli 1629 erhielt er die Aufforderung aus München: sich bald wieder bei seinem Regimente einzufinden. Das Maass der Beschwerden wider die Kürissirer und ihren Obersten lief endlich dennoch über, trotz allem Langmute in München. Am 24. Mai 1630 entlud sich von dort das, wohl schon längst verdiente Donnerwetter: „Ir habt nicht nur die Exorbitantien der Reuter nicht abgestellt, sondern denselben vielmals für eure Person selbst mit einem unverantwortlichen Exempel vorangegangen ; als tragen wir daran ein solideres Missfallen ;" er soll seinen „Hofstaat" nach Gebühr einziehen und moderiren, mit der Tilly'schen „Verpflegungs-Ordonnanz" content sein „und euch so betragen wie ihr es gegen uns zu verantworten getraut." Es sei ein „unverantwortliches procedere; da die Obersten sich den Fürsten gleich halten wollen, werden die Quartier ruinirt und erschöpft." Nach den Verpflegungsordnungen von 1632 und 1634 bezog der Oberst monatlich 400 fl. und Rationen für 17 Pferde; an persönlicher Verpflegung täglich: 15 Mass Wein, 24 Mass Bier, 40 Pfund Brot, 40 Pfund Fleisch. Und so ging es durch alle IX Grade dieser unheiligen Hierarchie. Im abenteuerlichen Simplicissimus findet sich ein „Altes Sprichwort der ehrlichen Soldaten": 522 Grafentitel und Expektanz auf Gerolsegg, 1630. „So bald ein Soldat wird geboren Und der dritt, der vor ihn zur Höllen fährt: Seyn ihm drey Bauren auserkoren; Stehlen, Rauben, Plündern, Beuthe, Der erst der ihn ernährt, Andrer Leuthe Hertzenleide, Der ander der ihm ein schön Weib bescheert, Dis ist der Soldaten Freude." Von einem Ersätze der Exorbitantien ist nicht die Rede. Uebrigens ergingen Briefe ähnlichen Inhaltes an mehrere Obersten. Durch Wallen- steins thatsächliche Grundsätze über Ernährung seiner Armanda: ausschliesslich durch die Bevölkerung, war damals den Tilly'schen ebenfalls die hohe Schule des ungemessenen Raubens und Erpressens eröffnet worden. Und der fromme Tilly selbst verschmähte die weltlichen Schätze anderer Leute durchaus nicht. Er liquidirte „für Mühewaltung und Auslegen" am kaiserlichen Hofe: 400,000 Reichsthaler. Diese Forderung wurde auf die braunschweigischen Landstände angewiesen. Da sie nicht sofort bezahlen konnten, Hess der General sich in einem Teile des Fürstentums Calenberg huldigen. Nach ansehnlichen Erpressungen nahm er endlich mit den Aemtern Stolzenau, Syke und Steierberg in der Grafschaft Hoya vorlieb. Unter dem Vorwande der Zinsen für die 400,000 Reichsthaler bezog er während der vier Jahre, die er das Calenbergsche besetzt hielt, für sich persönlich von dort 2 Millionen Thaler. Auch scheint der also hart angelassene Obrist Kronberg keine nachhaltigen übelen Folgen dieses Strafbriefes befürchtet zu haben, denn am 17. Januar 1631 bewirbt er sich bei seinem gnädigen Kriegherrn um die erledigte General- Wachtmeister-Stelle. Einstweilen indessen noch ohne Erfolg, wegen seines Dienstalters. Inzwischen war, am 20. August 1630, dem Freiherrn Adam Philipp verliehen : der „Grafenstand und Expectanz auf das vom heiligen römischen Reich dependierende österreichische Lehen, so die lebenden Herrn von Gerolsegg (in der Ortenau) besitzen, mit der ferneren Bestimmung: dass er mit Gerolsegg. und seine Leibeserben im Falle des Erlöschens dieser Familie das Gerolseggische Lehen mit dem Prädikate: Graf von Gerolsegg, nebst den Wappen anzutreten haben." Ferdinand II machte im damaligen Deutschland einen gewaltigen „Pairsschub." Er schuf 34 neue Reichsfürsten, mehr als 80 neue Die Tillyschen in Mecklenburg, März 1631. 523 Reichsgrafen, über 100 Reichsfreiherren aus deutschen, italienischen, spanischen, wallonischen, englischen, schottischen, irischen Familien. In diesen wollte er eine neue katholische und dem Hause Oesterreich unbedingt ergebene Aristokratie heranziehen. Der Lehnfall Gerols- egg trat erst, im Jahre 1634, für Adam Philipps Sohn ein. Bis zum Jahre 1630 stand noch ein Teil der Ligatruppen in Süddeutschland behuf Ausführung des Restitutionsediktes. Im September ward Wallenstein, auf Andringen der Liga, endlich entlassen. Als dann der Schwede immer bedrohlicher aus Pommern vordrang, zog Tillys Armada sich wieder in Niederdeutschland zusammen. Schon am 18. Oktober 1630 erscheint das Regiment Cronberg bei Wolfenbüttel. Tilly war jetzt 71 Jahre alt, sein Gegner ein Mann in der Kraft der dreissige. Der alte General verkannte die Bedeutung seines neuen Feindes durchaus nicht so, wie die wiener Höflinge den „Schneekönig." Er berichtet dem Kurfürsten : „Der König von Schweden ist so klug als tapfer, in der Blüte seines Alters und von kräftiger Beschaffenheit. . . . Er besitzt ebenso viel Muth als Scharfsinn . . . und hat grosse Kriegrüstungen gemacht. . . Sein Heer ist . . . das beste in Europa und . . . hat unbegrenztes Vertrauen in seinen . . . Feldherrn, . . . der zugleich König in seinem Heere ist. . . Er ist ein Spieler . . . gegen den nicht verloren zu haben schon viel gewonnen ist." Bereits am 20. Januar hatte der alte Herr geschrieben: „mein Kriegsvolk ist übel elendig armselig beschaffen, zum Fechten unwillig." Man erkennt deutlich: Tillys bisheriges Selbstvertrauen in seine Ueberlegenheit war geschwunden, und das wurde schnell die Ursache seines eigenen Niederganges und ruhmlosen Endes. Am 3. Januar 1631 brach er von Magdeburg gegen die Oder auf. Am 19. März erstürmten, plünderten und zerstörten die Ligisten die völlig unbedeutende mecklenburgische, von den Schweden besetzte Feste Neubrandenburg. Dann zog sich Tilly wieder vor Magdeburg zurück, das Pappenheim berannte. In diese Zeit müsste die angebliche Niederlage fallen, die Adam Philipp durch Baner, „im März 1631," erlitt. Jedoch ist sie in den allgemeinen Gang des Krieges nicht wohl einzufügen, auch sonst nirgendwo erwähnt. Während der Belagerung von Magdeburg standen die Kronberger, zu 850 Mann, bei Dessau. Im Juli machte Tilly die 524 Die Tillyschen in Mecklenburg, März 1631. erfolglosen Angriffe auf das berühmte verschanzte Lager Gustav Adolfs bei Werben „in einem Trigona der Elbe und Havel." Er verlor vor diesem Meisterwerke der Befestigungskunst 6000 Mann, ohne den Feind aus seiner unbezwinglichen Stellung locken zu können. Vom 29. Juli an stand er dann, bis zum 11. August, bei Tangermünde. Dort ging es sehr knapp zu, die Soldaten hatten zwei Tage lang keinen Bissen Brod; sogar das Elbwasser musste um hohen Preis gekauft werden. Aus Tangermünde stammt der erste der uns erhaltenen Briefe Adam Philipps an seine Frau. Sie zeigen den anscheinend verwilderten und sorglos dahinlebenden Soldaten von so vorteilhafter und menschlich liebenswürdiger Seite, dass ihre Mitteilung, mit einigen Kürzungen der vielfachen Wiederholungen, sich lohnen wird. „Im feldlager vor tandermundt. 7. August 1631. Wohlgeboren hertzliber Schatz. Ich habe E. L. (Euer Liebden) schreiben vom (am ?) 4. August zue recht empfangen, daraus mitt freiden E. L. und der meinigen gesundtheit vernohmen, thue mich auch bedanken, das E. L. sich soo Reissig unseres zuestandes informirett; umb solchen den zue sagen, soo berichte ich E. L., das mihr alle gott lob frisch und gesunt; haben allezeitt gehoft, der feint werde uns eine gutte occasion machen, er hat aber schlechten lust darzu; weiss gott wasz weiters worden wirt unnd seint mihr gewiz resolviret, ihm nicht zue weichen; er ist aber ein tax unnd verlassett seine höllen nicht. Sonst auff E. L. schreiben zu antworten, so habe ich E. L. geschriben im vorigen meinem schreiben, was meine meinung; will hoffen der her von Metternich werde, seinem versprechen nach . . ., auf 100 fasz blatz machen. Halten wihr alsdan neben den 200 faszen, so E. L., wie sie melden, im foratt haben, noch 100 fasz. Und wollen E. L. mihr schreiben, und dasz alsoo balt, ob die leitt, soo verstendiger als ich, vor rattsam ahnsehen, ein voratt ohm wein zue machen; wer dem alsoo, bin ich gewilt alle meine Kellerweyne zu füllen ; erwarte E. L. meinung, wil alsdan schon mittel schicken solches ins werk zu richten; und was man nicht mit unserem gewecksz füllen kan, muss verkauft werden. Den keller zu högst ahnbelangt, soo hott mein obersterleutenambt (Nicolaus Cronberger) bis dato noch kein wein darin gelegt. (Er war also Miteigentümer des dortigen Allodialgutes.) Weil ich dan sehe, das Erster Brief an Maria Sidonia, Tangermünde 7. August. 525 man meiner keller aller so hoch nöttig, als woll E. L. dem lewart be- fellen: er sol meines Obersten leutenants leitten andeiten, das ich dessen wein nicht legen kan, und das ist mein wil dan das hambt ist naher als der rock; kann alsdan . . . der högster keller auch gefüllet werden . . .; dan einmahl begehre ich . . einen gutten vorratt ahn weinen zue machen . . . (Es stand damals ein reicher Herbst in Aussicht, der 31er fiel aber sehr sauer aus, wie alle Herbste seit 1627. Im nächsten Winter »soffen« die schwedischen Soldaten diese Vorräthe aus ihren Eisenhauben, mit Brocken von Weisbrod darin, als »kalskäl«.) Ich thue mich auch bedancken, das E. L. meine falcken soo Reissig versorgen; bitte, es wolle ihr des von Schönbergk seine vögel auch lassen befollen seyn, dan er mir sie ja hat reccomendiret (Oberst der 2 ten bayerischen Kürassiere, blieb bei Breitenfeld, 17. September 1631. Sein Sohn Max Emmanuel heiratete Adam Philipps zweite Tochter Magdalena Elisabeth). . . Es wolle mich auch E. L. berichten . . . und sehen, das der bub (wärter) fleissig seyn, auch die steiber (Stöber Spürhunde) wohl in Acht nehme. . . . Will in allem gutter leitt ratt folgen, meines nichts; schlisse unnd bin von Hertzen E. L. trewer Diener Madame l a Comtesse Cronbergk Cronbergk. A. Cronbergk. Von Tangermünde zog Tilly nach Sachsen; am 12. September erschien er vor Leipzig. Am 17. September nahm er bei Breitenfeld die Schlacht an. Die Cronberger standen auf 5 Kompagnien zu je 150 Pferden formirt, mit vier anderen Reiterregimentern am rechten Flügel, den der Generalwachtmeister Graf Egon Fürstenberg befehligte; ihnen gegenüber die Sachsen, ihre Reiterei unter General Bindtauf und Oberst Prinz Johann-Wilhelm von Sachsen-Altenburg. Einige Zeit beschränkten sich die Tillyschen auf Kavallerie-Feuer. Adam Philipp drängte nun seinen bedächtigeren General zum Angriff mit der blanken Waffe. Als darauf die Cronbergischen zuerst losgelassen wurden stürzten sie sich, zehn Pferde tief, ihren Obersten an der Spitze, zugleich mit dem Reiter- regimente Schönberg auf den Feind. Ihre Taktik war folgende: Das erste Glied setzte sich in verkürzten Galop: „Kalopeiz;" dann, in Abstandevon 60 Schritt vom Feinde, in gesteigerten: „Rabine," bis auf Pistolenschussweite; sie feuerten sobald sie das Weisse im Auge des Gegners sehen Schlacht bei Breitenfeld, 17. September 1631. konnten. Gab das eine Lücke so brachen sie ein; wenn nicht so gallopirten sie rechts und links hinter ihre Truppe und das zweite Glied ging vor. Bei den Schweden war das Feuern abgeschafft, sie griffen sofort in Carriere mit der blanken Waffe an. Kronberg „trieb mit Die Cronberger, über Gustav Adolfs rechter Schulter anreitend. Aus Theatrum Europaeum. seinen unwiderstehlichen Burschen" nach hartnäckischem Gefechte den ganzen sächsischen Reiterhaufen in die Flucht. Das Fussvolk und der Kurfürst von Sachsen verschwanden endgültig vom Schlachtfelde bis auf vier Regimenter alter bewährter Truppen; diese schlössen sich dem schwedischen Zentrum unter Gustav Horn an. Schlacht bei Breitenfeld, 17. September 1631. 527 Der sächsische Generalwachtmeister Bindtauf wurde vom Obersten Kronberg im Einzelkampfe erschossen. Adam Philipp wollte an dem Gegner, der ehemals in kaiserlichen Diensten gestanden, Sachsens Ueber- tritt zu Gustav Adolf persönlich rächen. In einem geistlichen Berichte nach Wien lautet Bindtaufs Leichenrede: „Siehe das Strafgericht über jene, die ehemals auf der Seite des Kaisers standen." Eine besonders lebendige Schilderung dieses glänzenden Reiterkampfes ist uns erhalten in dem Briefe des Obersten Prinzen Johann Wilhelm von Sachsen-Altenburg an seine Mutter, Anna Maria, Tochter des Pfalzgrafen Philipp Ludwigs bei Rhein, vom 19. September 1631: „Hochgeborene Fürstin Meine höchstgeliebte Frau Mutter. E. F. G. beide Schreiben habe ich vorgestern in marchiren zu recht bekommen, bedanken mich zum höchsten dess guten wünsch. Berichte E. G. dass irgend ein par stundt hernach der Betlers dantz angegangen und hat unss Gott ein grosse Victori verliehen; der Schwedt hat sich aber alle massen wol gehalten, sowol auch Unsere Reuter; auch Unnser Fuess volk unnd die Churfürstl. Ritterpferdt wie die Schelmen aussgerissen, dan Sie nit allein uf unnss feuer geben sondern auch dass gewehr wegk geworffen, welches dann ein grosses schrecken unter den Reutern verursacht, dass man zu thun gehabt, ehe man Sie zu recht pracht; menschlicher weiss nach kan man anders nit sagen, als dass es Gott und nit wir gethan, die unnserige Cavalleria gewapfnet. Berichte ich, dass ich den Anfang uf dess Bongarts Regiment gemacht, dass unnss dan Gott das glück geben, dass wir Sie wacker getrent, wie der gefangene Obrist Lieutenant selbst sagt: vor staub aber hat man nit sehen können : wer meister oder nit meister gewesen. Ich bin in der ersten Charge gewesen mit dem pferdt gestürzt, aber Gott lob noch davon kommen, dass ich dann 2 redtliche genge neben Obristen Bindtauff gethan; wie sein Regiment und meines alsdan uf dess Schonenburg- und Cronenburgisch kommen sein . . . unnd hat unnss dass glück (verlassen?) dass Sie alle sein getrennt worden; wir aber haben wegen des grossen staubs nit sehen können: wer ausgerissen oder nicht; dass ist ein warmer Tag gewesen; auf unnser Seiten ist glieben von der Cavalleria der gute Bindtauf, welcher mir an der Seiten erschossen . . . und viele andere Reuter und officier ... (es folgen zahlreiche Namen) . . . Wehr also stirbt ist glücklich . . . Bruder Friderich ist sein Grawer Verschiedene Schlachtberichte. Hängst under dem leib erschossen, wie dan mein Sachss vor den Kopf, und haben (wir) beide püff uf die Waffen bekommen. . . . Gott con- tinuire in solcher Victori, damit ich E. G. ein guten Brauthpfenning (Beutepfennig?) könne mitbringen." . . . Ein Schreiben eines ungenannten kronbergischen Offiziers meldet: „Hat Tilly etliche Regimenter Kürassier neben dem Obristen Cronenberg auf die Sachsen treffen lassen; das kursächsische (Fuss-) Volk aber hat von fernen eine Salve gegeben und angefangen, das Hasenpanier aufzuwerfen." Nach der Schlacht schickte Tilly, der schwer kontusionirt auf der Flucht nicht selbst die Feder führen konnte, den Lieutenant Regensberger vom Regiment Cronberg zum persönlichen Berichte an den Kaiser nach Wien. In dessen Relation heisst es: . . . Tilly geht zum Angriffe auf den schwedischen linken Flügel vor: Der Obrist Kronberg wirft einen Teil der sächsischen Infanterie (es waren durchgängig ganz junge Truppen) über den Haufen, wendet sich dann gegen die mit Vorteil kämpfende Reiterei des sächsischen linken Flügels. . . . Dort standen die Reiterregimenter Sachsen - Altenburg und Bindtauf. „Die Cavallerie auf der rechten Hand, so Graf von Fürstenberg geführt, hat dem Feind grossen Schaden gethan: „Fürnemblichen aber der Obrist Cronenberger hat sich mit seinen Regement gestritten wie ein leb, wie solches der Herr Generallieutenant (Tilly) selbsten bekennet; hat auch der Obrist Croneberger den Pindtauff erschossen und die 5 Squadron sächsiche Cürassier, so auf sy getroffen, ganz in die Flucht geschlagen, also dass sie uf ihre Seite keinen Feind mehr gesehen, also al dort haltend verblieben." . . . Der bereits eingeführte, ungenannte kronbergische Offizier meldet: „Herr General Wachtmeister Bindtauf, vom feindt, auch todt geblieben und vor unserm Regiment durch meinen Obristen, nachdem sie zuvorderst einen den anderen angebrochen (sprochen?) und zugerueffen, Todt geschossen worden. Gott lob, ihre Gnaden sind glücklich davon gekommen. Es hatt aber sehr hart gehalten." Nachdem die Sachsen geschlagen waren und Gustav Horn ihre noch fechtenden Regimenter aufgenommen hatte, Hess Tilly den Grafen Fürstenberg mit seiner italienischen Cavallerie, und den Obersten Kronenberg mit seinen „besten deutschen Reitern," sich auf das schwedische Zentrum stürzen. Gustav Horn kam dadurch in die gefährlichste Verschiedene Schlachtberichte. 529 Lage. Im entscheidenden Augenblicke aber wurden die Angreifer durch die vom Könige gesandten schottischen Infanterie-Regimenter, vermittelst der damals neuen Erfindung der maskirten Batterien und des Pelotonfeuers, niedergeschmettert und zurückgeworfen. „Die Croaten (unter Isolani) stürzten sich auf Hepburn und Hall, die Befehlshaber der Schotten. Diese führten mehrere Lederkanonen mit sich, die im Innern der Brigade versteckt waren. Ihre Glieder öffneten sich, ein mörderischer Kugelregen empfing die Angreifer und warf sie zurück. Andere Truppen suchten vorzudringen, wurden aber mit einer Musketensalve empfangen, die alle drei Glieder zugleich gaben, so dass ganze Reihen der Angreifer zur Erde stürzten, wie das Gras unter der Sense fällt." Es war die erste Anwendung des Pelotonfeuers, das Gustav Adolf von Moritz von Oranien gelernt und erst kürzlich im Lager von Werben eingeführt hatte. Das erste Glied schoss knieend, das zweite und dritte stehend; das Laden geschah auf der Stelle, während bis dahin dasjenige Glied, das gefeuert hatte, sich nach rechts und links zur Seite zog und hinter den zwei anderen wieder formirte. Das Tillysche Fussvolk stand immer noch, in der alten Form, zehn Glieder tief. Die Kaiserlichen wurden damit überrascht und waren „äusserst erstaunt." „Nun entstand ein Kampf auf Leben und Tod, Mann gegen Mann. Die Cronberger und Baudissins schwedische Reiter brachen von beiden Seiten vor und ergossen sich verheerend über das Feld. Rauch und Staub hüllte endlich alle zusammen in dicke Wolken ein, so dass man kaum Freund und Feind unterscheiden konnte." Die hartnäckigen Kavallerieangriffe der tiefen Geschwader Pappenheims auf den rechten schwedischen Flügel wurden ebenso durch das Musketenfeuer des schwedischen Fussvolkes siegreich abgeschlagen; das führte zu der allgemeinen endlichen Niederlage der Ligisten. An der Flucht jedoch nahmen die Cronenberger keinen Anteil. Adam Philipp wurde dabei der Retter Tillys. Der alte Herr war in der allgemeinen Verwirrung von seiner Umgebung und Wache getrennt; er wurde persönlich hart bedrängt und allein vom Herzoge Rudolf Max von Sachsen - Lauenburg und dessen „Aufwärter" (Adjutanten) Wolf von Ludwigshausen notdürftig geschützt, „bis letzlich Herr Generallieutenant, geschädigter und ganz verblähter, zu ihnen (den Cronbergern 530 Tilly von Adam Philipp nach Halle gerettet. und den fast vernichteten Bongartschen Kürassieren) kamen. Diese nahmen ihn „in die Mitte" und haben ihn „dieselbige Nacht nach Halle convoirt." „Tilly traf auf die Cronberger; sie nahmen ihn in ihre Reihen und traten nun, da das ganze übrige Heer schon die Flucht ergriffen hatte, widerwillig den Rückzug an. In guter Ordnung und gleichsam wie zu einer Musterung ritten sie den ganzen schwedischen rechten Flügel entlang, begrüssten die Schotten durch eine Salve und setzten Die Cronberger schützen Tillys Flucht nach Halle. darauf ihren Weg fort. Die Schweden Hessen sie ungehindert reiten; keiner wollte oder wagte, die Unüberwindlichen anzugreifen." Ich möchte hier die Meinung vertreten : die Cronberger verdienten sich und führten in der zeitgenössischen Wirklichkeit ein gut Teil des hohen Ranges und berühmten Namens, mit dem später die grösste deutsche Bühnendichtung die Pappenheim-Kürassire ausgezeichnet hat. Meine Ansicht stützt sich wesentlich auf die Thatsachen, die aus zwei gleichzeitigen unanfechtbaren Quellen erhoben sind: dem k. k. Reichskriegsarchive in Wien und dem k. Reichskriegsarchive in München. Diese ergeben im Wesentlichen übereinstimmend: 1620: Pappenheim führt in der Schlacht am weissen Berge eine gemischte Abteilung aus Tillys Armada. 1632: Pappenheim war niemals im kaiserlichen Kriegsdienste. Er hatte niemals ein kaiserliches Regiment; 1632 erhielt er vom Kaiser, als Haupt der Liga, den Karakter als Feldmarschall. 1623: Kurfürst Max verleiht Pappenheim ein Regiment bayerische Kürassier, 5 Cornets zu 60—70 Pferden. Pappenheimer und Cronberger Kürassiere. 531 Von 1625—27 fehlt Pappenheim in der Tillyschen Armada, er focht in Italien und im Bauernaufstände; sein Kürassierregiment wird nicht mehr erwähnt. Ebensowenig vor Magdeburg und bei Breitenfeld 163L Hier kommandirt er auf dem rechten Flügel: 6 Kürassierregimenter, deren Namen nicht genannt sind; ebensowenig während Pappenheims Kleinkriege in Niedersachsen 1631—32 und zum Schlüsse 1632 bei Lützen. So können die „Pappenheimer" wohl nur als allgemeiner Sammelname für die unter dem berühmten Feldmarschall fechtenden Truppen gelten, als seine Kavallerie-Division. Ein ähnlicher persönlicher Kriegsruhm aber, wie die „Cronberger," hat sie in ihrer Zeitgeschichte nicht ausgezeichnet. Erst die Dichtung hat sie, als Vorbild des Reiters jener Zeit, nach P/a Jahrhunderten verherrlicht, während die Cronberger bei Freund und Feind, von 1626 bis zu ihres Obersten Tode als das älteste und beste ligis- tische Regiment, als die „Unüberwindlichen" persönlich anerkannt wurden. Tilly hatte drei plattgedrückte Pistolenkugeln erhalten, viele Schläge mit dem Pistolenkolben vom „langen Fritz" einem schwedischen Rittmeister im Regimente Rheingraf. Er floh „fünf starke Lieues weit" und rettete sich mit dem Herzoge von Sachsen-Lauenburg, Fürstenberg und Cronberg ohne alle grössere Bedeckung in einem Wagen nach Halle. Dort wurde er verbunden. „Solche Schüss und Stöss aber, die Tilly empfangen, sind gleichwohl nicht durchgegangen, dahero der Balbirer von Halle, welcher ihn dieselbe Nacht, als er flüchtig gegen Hall kommen, verbunden, dafür gehalten, dass er vest oder gefroren sein müsse, und weil ihm der Rückgrat von einem Schuss zerschmettert worden, soll er die übrige Zeit seines Lebens solchen Schaden nit haben verschweigen mögen." Als sicherstes Mittel zum Festmachen galten damals die „Passauer Zettel." Wer die, mit Zaubersprüchen in unverständlichen Worten beschriebenen Zettel des Nachrichters Kaspar Neithard oder des Studenten Christian Elsenreuter von Passau verschluckte, oder auch nur am Leibe trug, glaubte hieb- und schussfest zu sein. Der Sinn der geheimen Aufschrift soll gewesen sein: Teufel hilf mir Leib und Seele geb ich dir. Tilly ging am 18. September über Aschersleben nach Halberstadt. Dorthin leitete Pappenheim die geschlagene Armee, zur Wiedervereinigung, dem Feldherrn nach. 532 Adam Philipp Generalwachtmeister zu Pferd, 23. November 1631. Wir finden Adam Philipp mit seiner Truppe am 21. September 1631 in Halberstadt. Die Kürissfrer hatten schwer gelitten. Vom Bongart'schen Regiment waren alle Offiziere geblieben. Tilly formirte aus dessen noch übrigen 250 Mann zwei Kompagnien und „stiess sie zum Rest Cron- berg." Bei der Musterung in Alfeld an der Leine, am 28. September, war — nach Tillys Bericht an den Kurfürsten Max — die Reiterei, mit Ausnahme der Regimenter Schönberg und Cronberg „wehrlos und unbewaffnet, und ist unter ihr solche grosse Desordre, Insolenz und Ungehorsam erwachsen, dass ich fast nicht weiss und sehe, was künftig mit ihr Nutzen und Progress zu schaffen sein wird." Am 8. Oktober erhält der Oberst Cronbergk eine Bezeugung seines Kriegsherrn: dass er „in der Schlacht Valor und Tapferkeit bewiesen." Um diese Zeit war Adam Philipp mit Frau und Kindern zum letzten Male während kurzer Tage vereinigt. Zu Anfang Novembers zieht Tilly am Main hinauf über Miltenberg und Rothenburg a. T. gegen Nürnberg zu. Bei ihm befinden sich: der General Pappenheim, die Obersten Fugger, Aldringen, Kronberg. Adam Philipp war also wohl Zeuge des unsterblichen „Meistertrunkes" von 12 bayerische Schoppen Frankenwein, durch den der opferwillige Alt-Bürgermeister Nusch auf dem Rathause die alte Reichsstadt Rothenburg von der Plünderung loskaufte. Am 23. November wird Kronberg, im Quartier zu Ansbach „wegen seiner Tapferkeit in der jüngst vor Leibzig fürgegangenen Schlacht" zum „General-Wachtmeister zu Pferd" (Generalmajor) ernannt. Ueber diesem stand der Generallieutenant, etwa dem jetzigen Generalquartiermeister zu vergleichen. Der Feldmarschall war so etwa der Stratege des Heers, Chef des Generalstabes; Generalissimus war der Kurfürst selbst. Am 21. November 1631 sendet Adam Philipp sein Dankschreiben, unter Beteuerung unwandelbarer treuer Dienste, aus Günzenhausen nach München. Während dieser Zeit plünderten die Tilly'schen Reiter, die damals wesentlich aus den Regimentern Kronberg und Schönberg bestanden, die Stadt Ansbach; in Kloster Heilsbronn, der alten Ruhestätte des Hauses Hohenzollern, erbrachen sie die Grüfte und zerschlugen das Denkmal des Markgrafen Joachim Ernst von Brandenburg, Mitstifters und Feldherrn der Union. Am 4. Dezember 1631 verliess Tilly die Umgegend von Nürnberg und wandte sich gegen Nördlingen um — wie er berichtet — seine An Maria Sidonia, Nördlingen, 29. Dezember 1631. 533 herabgekommenen Truppen „unter das Dach zu bringen und in die Winterquartiere auszutheilen, zu refraichiren, zu bewehren und soviel möglich rekrutiren zu lassen, damit man sich deren auf begebenden Frühling wieder bedienen könne." Aus Neriingen (Nördlingen), den 29. Dezember 1631, ist uns ein zweiter Brief Adam Philipps an seine Frau erhalten: „Wohlgeboren mein Hertz Allerlibster eintziger schätz. E. L. schreiben vom 4 diesses habe ich zue recht empfangen. Darauff wohl mitt hertzlichen freiden E. L. unnd aller der meinigen zuestant vernohmen, welches zue hören wohl mich hertzlich verlängert, dan ich in langer zeitt und seitther der Könnig vor Meintz gelegen, kantz keine Zeittung von euch. (Gustav Adolf zog am 27. November durch Frankfurt und in Höchst ein ; er ging am 6. Dezember bei Oppenheim über den Rhein; Mainz kapitulirte am 23. Dezember; Klerus und Adel waren rheinabwärts geflohen. Adam Philipps Güter zu Kronberg, Höchst, Ladenburg, Iben, Oppenheim fielen in schwedische Gewalt.) Ist mir auch dos schreiben, davonn ihr meidung thuet, weder nicht der bott, nicht zuekommen; habe vermeint: sie seyen alle dott. Ich habe einen botten zue eich geschickt schon vorlengsten, höre aber nichts mehr von ihm; habe auch einen trometter abgefertigett, welcher aber wegen Unsicherheit wiederumb zueruck kommen." (Die Trompeter des Feldpostmeisters versahen den Courierdienst. Sie bildeten unter sich, wie jedes Gewerbe jener Zeit, in ihrer „löblichen freien Kunst" eine förmliche Zunft und Zeche, in der von den „ehrenfesten und kunstreichen" Herren Feldtrompetern als „Lehrmeistern," gegen gute Bezahlung, Lehrjungen „auf- und angenommen" und nach zwei Jahren ledig- und losgesprochen" wurden; man übte also alle herkömmlichen Formen einer wohlorganisirten Zunft. Diese „löbliche freie Kunst" war nicht ungefährlich aber lohnend. Ein Ritt von Prag in die Lausitz wurde mit 40, nach Schwaben mit 200 Gulden bezahlt.) „Sonst, mein allerlibster Schatz, seint mir noch alle, gott lob, wohl auf und ligen ietz umb nerlingen. Wo mein quartier, ist mir ohnbewust, zue dem darf ich nicht schreiben was ich gehren wollte, dan ich wohl besorg dieser brief nicht ohngelessen zue euch kommen wirt Sonst vernehme ich soo viel, dass alles meinige in des Könnigsz handen. Mus es dem liben got befellen unnd sagen : gott hatts geben und genohmen, sein 34 534 Adam Philipps Sorgen für Frau und Kinder. nahm seye gelobet: Habe zwaar (in Gott) einen stattlichen vormunder, wolte es aber über iberhoben sein; ich will auf bösserung hoffen. Es thuett mihr allein leitt, das E. L. auch müssen leiden; um mich ist desz geringsten, dan mein Degen wirt mihr wohl die kost geben, umb euch liben leitgen ist es mir zue thuen. Was hilfs, man mues sich geduldig drein ergeben. . . . Doo auch E. L. etwasz von gelt nöttig, och libster schätz, bittet Frantz von meinetwegen, eich etwasz vorzuestrecken, verspriche bey meinem eitt, alles widerumb zue erlegen; ich habe nicht viel und zuedem wusste ich nicht, durch wess mittel zue ubermachen. Doo zu Flörchingen etwasz, wolle es E. L. abholen lassen. . . Was unser Sachen ahnbelangt . . wolle mein schätz in schreiben nicht viel meidung thuen, woo sie seint; auch nicht alles, wie sie es meint schreiben, dan unns schwerlich ein brief sicher zue kommen kann. Mein schätz begehrt zu wissen: wo ahm sichersten? Ach engel, wie kan ich es sagen, dan nunmehr der feint iber rein wer. Zue flörchingen, wer dar were, wohl ahm besten; frucht unnd alles hette man zum besten ; wie kan ich aber ratten, dan ich nicht weiss, wie es bey euch ergehett. Zue meisen- heim (südlich von Kreuznach) weisz ich auch nicht, ob junge Frauen derentwegen (dort sicher sind). . . . Halte ich Dich hie beyme regiment, wer wohl daz beste; hette ich das vermeint (vorausgesehen), wolte ich dem wetter wohl vorkommen sein. . . . Allerliebster Schatz, bekimmert eich unsert wegen nicht; sehett dort zu, dass es eich wohlergehe. Schatz, ich weisz nicht zue ratten und darf nicht schreiben wie ich gehren wollte, slisse derentwegen, befelle E. L. unnd meine libsten Kinder in schütz des Allerhöchsten, der helfe unns mitt freiden zue- sammen. Recomendire mich in dero genatt unnd gedechtnisz unnd verbleib bis in mein Dott E _ L get reiwester Diener. Man sagt, der H. von gerolseck seye dott; ich were es balt er- faren; es wolle E. L. alle, soo nach mihr fragen, sehr grussen; es seye freunt oder feint, und doch mich berichten: wie es ergehe, aber mit sicherer gelegenheitt oder gar nicht. Datum Neriingen den 29 December 1631. Abstellung des Gotteslästerns in der Liga, seit 1. Januar 1632. 535 Inzwischen drohete der siegreiche Feind während des Winters 1631/32 den Main herauf: Tilly betrieb die Wiederherstellung seines Heeres zur Verteidigung des Bayerlandes. Da im Lager des ketzerischen Schneekönigs mit Fleiss und Erfolg dienstlich gebetet wurde, so gedachte man auch auf der rechtgläubigen Seite der Notwendigkeit: das „Gräuel- und Heidenleben, dem sich Offiziere und Soldaten ergeben," abzuthun, um im nächsten Feldzuge mit gerechterem Ansprüche auf Gottes Gnade fechten zu können. Am 1. Januar 1632 erliess der Kurfürst Max, als Haupt der Liga, folgende ernste Mahnung: „An die heroben ligende Bundtsobristen, wegen Abstellung der Lastern und Gottslästerns." Diese erregen den Zorn Gottes — darunter leidet gemeine Sache wie man dessen ein zeither laid genug empfinden that. Die Obristen sollen ihrem Regiment mit einem tugentsamen unsträfflich wandl ein gutes exempel geben — und ernsthaft, nach den Kriegsartikeln, vornehmlich Gotteslästern strafen; bei Officiers ist es doppelt strafbar; „damit der Kurfürst daraus ihren, zu dem gemeinen katholischen Wesen gerichteten Eifer erkenne, welches auch euch selbst zu Gute kommen wird." Am 5. Januar 1632 musste sich Adam Philipp wiederum dienstlich verantworten. Der biedere alte Tilly hatte dem Kurfürsten beschrieben: Cronberg Hesse sich für mehr Soldaten das Geld auszahlen als effektiv vorhanden. Wiederum war es Verläumdung, denn seine „8 alte Companien seien zu 90 Pferden, die 5 neuen zu 75, und nicht mehr als diese seien bezahlt." Dennoch erhielt er, unterm 25. Januar, eine neue ernste Weisung zur „Abstellung aller Exorbitantien gegen des Generallieutenants Grawen von Tilly Verpflegungs-Ordonnanz." Inzwischen waren zu den 10 Kompagnien „Cronberger Reiter:" einige (3—5) Kompagnien Arquebusiere 34» 536 Bestand eines Kürassierregimentes, 1632. hinzugekommen. Diese fochten zu Fuss und zu Pferde „und pflegt gemeiniglich 1 Kompagnie Arquebusier zur Rechten, 1 zur Linken und 1 hinten oder vornen stehen." Das war die Nutzanwendung der neuen schwedischen gemischten Taktik. Später werden einige Kompagnien „kronberger Dragoner" genannt. Der Bestand dieser Halbinfanteristen scheint geschwankt zu haben. Ob der Obrist damals seinen wirklichen Stand an Pferden: 1095, richtig berechnet hatte, ist von der Kriegskammer zu München nicht zu den Akten festgestellt. Nach einer zuverlässigen Nachricht hatte das Regiment im nächsten Jahre: 13 Kompagnien mit 1078 Mann. Als der Obrist gleichzeitig, am 28. Januar, den gemessenen Befehl empfing „sein Regiment in aller Eil complet zu machen," bat er, aus Nörd- lingen am 11. Februar 1632, zunächst um das dazu nötige Geld; denn es sei nirgends etwas zu leben für Menschen und Vieh; er müsse vier und fünf Meilen „nach der Fouraige reiften." Was es überhaupt hiess: ein einziges eingelagertes Regiment zu beköstigen, möge der Stand eines gleichartigen Kürassierregimentes erweisen, das um jene Zeit in der schwäbischen Reichsstadt Dinkelsbühl lag: 1 Oberst 1 Oberstlieutenant 1 Major 9 Hauptleute 9 Lieutenants 9 Sekretäre 1 Regimentsquartiermeister 1 Feldprediger 1 Profoss 1 Wagenmeister 1 Regimentsfeldscheer 1 Regimentstrommelschläger 11 Fouriere 50 Unteroffiziere 853 gemeine Knechte 336 Weiber 108 Kinder 76 Jungen 103 Diener 62 Knechte (nur) 355 Pferde 11 Marketender 26 Marketenderinnen, Knechte, Jungen 52 Marketenderpferde Endlich wurde noch Quartier bezahlt für 11 Fähnriche, die gar nicht vorhanden waren. Der gänzliche Mangel an Nachrichten von Frau und Kind beängstigte Adam Philipp, zumal in den thatenlosen Winterquartieren, sehr schwer. Am 27. Januar 1632 schreibt er, in Sorge und Sehnsucht, aus (Schwäbisch-) Gmünd: „Wohlgeborene Hertz allerlibster schätz, ich habe underschittliche brief lassen ablauffen, kan aber keen eintzige antwort krigen, bitte derent- An Maria Sidonia, Schwäbisch-Gemünd 27. Januar 1633. Friedland wirbt. 537 wegen umb gottes willen, E. L. wollen mich berichten: wie es mit euch ergeht; es seint mihr zwehen botten dott geschlagen worden, stehe wohl in grossen sorgen: wie es euch ergehe. Bitt E. L. doo sie etwasz nöttig, sie wolle gelt aufnehmen, dan mihr die mittel genohmen, etwasz zue schicken; ich wil es, soo wahr alsz gott, widerumb erstatten. Unns ahnbelangt seint mihr noch gesunt; wolle gehren mehr schreiben allein dorfe ich es nicht thun, weil die brief möchten in uhnrechte hent kommen; schlisse derentwegen, bitte umb Gottes willen mihr eweren zustand zue berichten unnd sehen wo die brief durch zue bringen. Diesen habe ich auf zweyerley weg gehen lassen; gott weisz wie er zue recht wirt kommen; adieu mein schätz, gott behüte eich vor allem leit unnd helfe unns mit freiden zusammen ; soo bin ich weilen E. L. getrewester diener stirb ich Adam Philips Graf zue Cronbergk. Es wollen E. L. alle libe bekanten von meinetwegen grussen. schwebischen gemünnt den 27 January 1632." Aufschrift: „Der wohlgebornen (Papier zerstört) Grävin zue Cronberg, gebornen Grävin zue Falkenstein, Meiner frauw hertzgelibten Gemahelin zue eygen handen. P. graff zu Cronberg." Um diese Zeit Hess der Friedländer zum zweiten Male die Werbetrommel rühren. Der Zauber seines Namens riss in die verhältnismässig kurz gehaltenen Truppen Tillys weite Lücken. Was ihnen bei Wallenstein winkte, zersetzte den Geist der höheren Offiziere im ligistischen Lager. Denn der Friedländer zahlte jetzt überhaupt keinen Sold; er wies sein Heer auf Kontributionen und Brandschatzungen in den Gebieten an, wo die Truppen lagen. „Der Krieg muss den Krieg ernähern," war sein Grundsatz. Der Sold für eine vollzählige Kompagnie Reiter war 2400 Gulden monatlich; aber durch den ungeheueren Tross wurde er ins Ungemessene gesteigert. Dazu kam: die jüngeren Führer, an ihrer Spitze Pappenheim, waren mit des alten Tilly zögernder Strategik unzufrieden. Wallenstein hatte, schon seit 1627, 300 Offiziere der Liga zu sich herübergezogen; noch mehrere wankten, namentlich solche — wie Kurfürst Max unterm 21. Mai 1629 an Tilly schreibt — denen erst ankommende, sonderlich Franzosen und Ausländer, vorgezogen worden . . welches . . verursacht dass ein solcher 538 Adam Philipp unsicher. Ultimatium des Kurfürsten. . . in seinen Hoffnungen frustrirter Befehlshaber sein Heil weiter zu suchen begierig . . wird." . . „Der Friedländer suche auch den Oberst Schönberg überzuführen, damit er die Union (Liga) durch Abspannung dero besser commendanten auf die letzt gar ruiniren." Graf Gallas war bereits 1629, nachdem er eben noch ein Regiment vom Kurfürsten erhalten hatte, übergetreten. Er forderte, aus unbekannten Gründen, kurz und bündig seinen Abschied; im Falle der Weigerung werde er ihn sich selber nehmen; er trete in des Kaisers Dienste, von denen auch der Kurfürst Nutzen habe. Diesesmal gehörte auch Adam Philipp zu den Unsicheren. Um ihn zu halten, stellte ihm der Kurfürst folgendes Ultimatum, vom 4. März 1632: „Ir sollt die Ursache schreiben, aus welcher ir mehrfach geäussert habt, dass ir in unseren und des katholischen Bundes Kriegsdiensten zu continuiren wenig Lust habt oder, eurem Vorgeben nach, gedrungen werdet, ander Resolution zu fassen. Wir haben euch vor anderen zum General-Wachtmeister gemacht. . ? Andere hohe und niedere Officirs, auch gemeine Soldatesca würde von euch ein bös und schädlich Exempel nehmen ... Ir habt versprochen zu continuiren und ist das in der jetzigen allgemeinen necessitet eure Schuldigkeit." . . . Der Kurfürst will sich versehen „Ir werdet furtherhin einer mehreren discretion und dankbahrkeit bezeigen. Wenn aber ir andere resolution zu fassen gedenket, so begehren Wir, zuvor zu vernehmen: wohin Ir eure Resolution gesteh und ob ir die euch anvertraute Charge und das Regiment zu resigniren gemeint wäret." . . Gleichzeitig soll er berichten: ob er endlich den Tross und die pigage reduzirt habe? Die Antwort Adam Philipps auf diese ernste Mahnung zur Fahnentreue liegt nicht vor. Dass der Verdacht des Kurfürsten gegen ihn wohlbegründet war, wird sich später erweisen; wie auch, dass einige seiner Offiziere ihren jungen Obersten drängten. Die ligistische Armada trat am 23. Februar 1632 ihren Rückzug vor dem herandringenden Schwedenkönige von Nördlingen aus nordöstlich gegen die Oberpfalz an. Kurz vor dem Aufbruche, ohne Ort und Tag, schreibt Adam Philipp nochmals der Gattin: „Wohlgeborne, Hertz Allerlibster schätz; das ist dass dritte mahl (Lücke im Papier) dasz ich E. L. schreiben vom 7 January j:welches ich zue recht empfangen habe:) beantworten thue. Einst habe ich dem obersten leittenampt (Nicolaus Cronburger) zu Schorendorf : welcher An Maria Sidonia, Februar 1632. 539 mihr versprochen es zue recht zu bringen:: uberliffert; das andere habe ich auf die Post zue augsburg geben; gott weisz, wasz glück das jetzige haben wirf. Sonst, mein auserwelter schätz, habe ich wohl mitt höchsten freiden E. L. und der meinigen zuestandt vernohmen, dancke dem Almechtigen vor solches von grünt meiner Sehlen. Das gelt, gutt unnd alles anderesz mag der Deiffel holen; doo mihr nuhr ihr unnd meine libsten Kinder bewarett werden, will ich das andere verlorne nicht achten, verhoffent gott werde es mir reichlich wider erstatten Schatz seyn versichert, das ich deiner nicht vergessen wirt oder Gott straffe mich, und seyn meiner trey versichertt, und wil es erweisen wann ich vort kan oder wil nicht leben, auch alle mittel dich zu sehen suchen, und darauf verlasse dich, mein schätz. . . . Bistu wasz vonnötten soo nehme gelt auf, soo viel als du wilt; ich wil es gutt machen und solte ich die hossen verkauffen. . . . Mir seint alle gesund, schlaffen einweil hoffe aber mihr werden balt wider wacher werden, unnd trage ich be- dencknisz, wegen unsers zuestands viel zu melden; man wirt es doch ohne dasz erfaren; berichte ich allein unsersch gutten zuestands unnd wohl ergehens, und das ist die beste zeittung Und kan ich nicht schreiben, wo E. L. ahm sicherste, dan ich eweren Zuestant nicht weis; wolte gott ich sehe E. L. zue Didenhoven. . . . Das meine feint mihr soo viel Übels nach reden (wegen der Hinneigung zu Wallenstein?) mues ich Gott befellen; wan ich es hörte soo wollte ich es verantworten, und hindericksz kan man viel sagen; doch werden sie sagen müssen, das ich ein soldat unnd gutter gesel; habe es erwissen unnd will es noch thun und ist mihr lieber, man neide mich als das man mittleidensz mitt mir hatte. Habe mich ihrer genau nicht viel zue achten, diene meinem Keiser unnd befilch das ibriche gott dem almechtigen, der richte es wie es ihm gefeit und mir dinlich. Einmahll (allemal) sterbe ich kaiserisch, es gehe wie der libe gott wöhl. Hiermitt schlisse; ich küsse dich zweidausentmahl in meinen gedanken, befelle E. L. und die meinige in schütz des allerhöchsten, wünsche mihr die genatt dich zue sehen und stirb L trewe ster sclaf (Ohne Aufschrift.) Cronbergk. Datum den February 1632. Ach, libster schätz, grusset auch alle libe leitt soo .. mihr guts gönnen; die andere holl der deifel oder sagenst mihr, wen sie das hertz haben." 540 Wallensteins zweites Generalat. Tilly -f 15. April 1632. Am 24. Februar rücken in Lauf, östlich von Nürnberg, acht Kompagnien Reiter ein, unter Aldringen und Cronenberg; ihnen folgt Tilly selbst. Der Rat der Reichsstadt verhandelt mit dem General- Kriegskommissär Ruppa und dem General-Wachtmeister Cronenberg. Von dort wandte sich die Armada gegen Süden. Am 31. März Hess sich Gustav Adolf in Nürnberg huldigen. Am 4. April finden wir einige Kompagnien vom Reiterregimente Kronberg als Besatzung in Donauwörth. Die Kürassiere scheinen dort beim Corps des Herzogs Max Rudolf von Sachsen-Lauenburg zurückgeblieben zu sein. Am 15. April fand Tilly bei Rain am Lech den Tod. Seine Truppen wichen vor dem mörderischen schwedischen Feuer, vom anderen Fluss-Ufer|| 1 ihm so nahe am Kopfe vorbei, dass er besinnungslos hinstürzte. Unterm 21. April 1632 schreibt der Markgraf Georg H Wilhelm von Brandenburg an den Kurfürsten Johann Georg von Sachsen: dass „die Obristen Craacz herüber, zurück; AI- sj dringen führte sie von neuem vor; eine Kanonenkugel flog AIdrin S en - Aus Theatr. Europ. und Cronenburg, nachdem der General Tilly und Oberster Altringer hart gewundet und vielleicht wohll gaar gestorben, itzo die Armee com- mandiren. Und sich bei Ingolstadt über die Dohna mit Ihrem Volke begeben haben und der von Pappenheimb zu Ihnen stossen solle; das Land ob aber haben sie den Schwedischen gelassen." Am 28. April rücken die Ligisten durch und in die schwedisch gesinnte Stadt Regensburg. Der Generalstab mit über 1000 Pferden bleibt darin. Am 24. April zog Gustav Adolf als Sieger in Augsburg, am 17. Mai in München ein. Um diese Zeit übernahm Wallenstein den Oberbefehl als „Generalissimus des römischen Reiches und des Hauses Oesterreich." Die ligistischen Truppen die in Bayern und Schwaben gegen Horn standen, kommandirte Aldringen, unter Oberbefehl des Kurfürsten Max. Die Bewegungen der Cronberger in der nächstfolgenden Zeit lassen sich im Zusammenhange nicht wohl verfolgen; da die gesammte An Maria Sidonia, Eichstätt 8. Juni 1632. 541 Kriegführung der Bayern sich in ein abwartendes Hin- und Herziehen zersplittert. Am 4. Juni ergeht an Adam Philipp aus Regensburg Befehl: sich mit seiner Cavallerie bei Ingolstadt über die Brücke zu begeben und sich um Grienfeld und Neustadt auf der Strasse gegen Pfaffenhofen und Augsburg zu logiren, um des feindts streiffende Partheyen viel möglich abbrechen." Er stand damals in Eichstätt; von dort schreibt er seiner Frau am 8. Juni 1632: „Wohlgeboren hertz allerlibster schätz, beyde E. L. schreiben, vom 19. und 26. marty, seint mir zugleich uberliffert worden; habe sont wohl in vielen monatten eintzigen buchstaben nicht gesehen, doo ich es doch wohl mitt gott bezeigen kan, das ich underschittlich mahl geschrieben unnd die brief durch neunburgische (Post) :wie ihr selbst hatt begehre» :| addressirett und glaube festiglich: sie seyen zue recht kommen; muez fast gedencken, man habe meiner gantz vergessen. . . . Ist mihr lieb von Hertzen, ewer aller gesuntheitt zu vernehmen. . . . Cronberg unnd meine gitter ohnlangt, hoffe ein mehrersch zue kriegen, won meinn Keisser obsigt, woo nicht soo mog der Deiffel allesz hollen. (Da Gustav Adolf sich am Main und Rhein hatte huldigen lassen, so drohete den ihm feindlich gegenüber stehenden Besitzern Konfiskation ihres Eigentums.) Unser armada ahnbelangt seint mihr j: als die schwagste: ein weil dott, hoffe aber balt widerumb lebendig zue werden. Alle meine leitt (Offiziere) seint noch wohl auf und gesundt unnd befeie sich in E. L. genatt; thuen sich des grussen underthenig bedancken. Ich will hoffen: dies blettgen werde sich einmahl kern unnd ich werde die gewalt haben, E. L. zue sehen, wonach mich hertzlich verlange thuen. . . . Ich schlisse, mein schätz, befelle dich und meine libe kinder in schuz des allerhögsten und stirb ausz trewesten hertzen E. L. trewester Diener Datum Eichstatt den 8. Juny 1632. Cronbergk. A. Madame Madame la comtesse de Cronberg. Am 11. Juni erlässt der Kurfürst aus Stadt am Hof (Regensburg) abermals ein scharfes Mandat gegen die Insolentien der Soldatesca, die „noch mehr und sträflicher als niemals exorbitirt worden." Während Gustav Adolf Bayern als Herr durchzog, sass Maximilian thatenlos in Regensburg, sehnsüchtig nach der friedländischen „Con- 542 An Maria Sidonia, Schwandorf 19. Juni 1632. junction" ausschauend. Den Feldzeugmeister Grafen Craz von Scharfen- stein und den Generalwachtmeister Cronberg hatte er bis gegen Landsberg am Lech, östlich von München, vorgeschickt, um „den Feind nach bestem Vermögen zu travagliren und durch die Croaten Tag und Nacht zu beunruhigen." Sie nahmen, wohl auf dem Rückmärsche, am 7. Juni Weissenburg, nördlich von Eichstädt. Walienstein meldete unterm 17. Juni dem Kurfürsten: dass er nunmehr mit starken Tagereisen heranrücke; er zögerte aber noch mehrere Wochen. Der Vorstoss am Lech nach Süden bis auf die Höhe von München muss übrigens nicht sehr ausgiebig gewesen sein, denn schon am 19. Juni 1632 finden wir Adam Philipp wieder in Schwandorf, nördlich von Regensburg. Er schreibt von dort an Maria Sidonia: „Wohlgeborene, hertz allerliebster schätz. E. L. mihr sehr ahngenehmes Schreiben ausz Lutzenburgk, vom 17 May, ist mihr vorgestern zue recht iberliffert worden, worausz ich wohl mitt höchsten contento E. L. und aller der meinigen gesuntheitt vernohmen Sunst unseren Zuestand ahnbelangt seint mihr alle wollauf, haben unsern vatter den üben Tilly verloren, wollen aber hoffen, weil sich frittlant mitt unns conjungiren wirf, es wirt sich alles schicken. Die beyde ar- mada werden inner trey tagen zusammen stossen; wollen alszdan unser heil versuchen unnd wirt sich, ob gott wol, allesz widerumb schicken. Ob ich zwar allesz verloren, achte ich es sehr gering, denn doo mein Keisser den obsig, wie nicht daran zue zweifeln, so wird er alles doppelt reccompensiren; verleyert er soo schlage ich willig das meinige in die schantzen; gott wirt schon widerumb helfen Doo es E. L. zue lutzenburgk nicht gefeit können sie nacher Didenhoffen zigen, alsdoo ein hausz bestehen (mieten), haben die herschaft (Flörchingen) ahn der hant, warum alle victualia zue haben. . . . Was die grefin von Trede (?) ahnbelangt, haben sich E. L. ihrer nicht viel zue achten; thuett sie E. L. ein ehr ahn ist es ihr schuldigkeitt; woo nicht soo möge sie esz bleiben lassen; E. L. wollen sich derentwegen nichts ahnfechten lassen. Das unsz ietz das uhnglück getroffen, ist gottesz will, kan anderen auch widerfaren, unnd ist solches weil ich meinem Keiser trey gebliben, .•welches mihr noch (weder) schatt (schaden) noch schant:|, widerforen. Derentwegen doo sie E. L. besucht, so ist sie zue ehren, woo nicht woll sie E. L. auch gehen lassen, dan ihr ihrer genatt nicht zu leben. (Diese An Maria Sidonia, Alte Veste bei Nürnberg. 543 Beziehungen sind nicht mehr aufzuklären, vielleicht eine schwedischfranzösische Partei?). . . . Dasz ich soo wenig bey vilen leitten gelte, ist mihr lib; wer mihr leitt, doo sie mihr guttes gonnete, dan sie meinesz Keiserss feint unnd holle sie der Deifel; Umb gottes willen lasset eich wohl halten und seyett versichern, dasz ich euch liebe unnd ehre; befell euch unnd meine libste kinder in Schutz des allerhöchste und stiib ^ ^ trewester eigener Diener Schwandorf den 19 Juny 1632. Cronbergk. Sehr langsam begannen alsdann die Ligisten und Friedländischen den Vormarsch nach Süden. Am 6. Juli wird, um den Tross zu erleichtern, befohlen: „Die leichtsinnigen Weibspersonen bei den Bundesregimentern sollen abgethan oder geehelicht werden." Am 25. Juli liegen 3 Kompagnien Cronberger jenseit München bei Föhring (?) „von da aus sie weder den Feind recognosciren, noch viel weniger seinen Parteien einigen Abbruch thun konnten." Am 9. August 1632 stehen 2 Kompagnien des Kürassierregimentes Cronberg gegen das von den Schweden besetzte Landsberg am oberen Lech. Gleichzeitig plünderten Cronbergsche Reiter südlich von Ansbach das Städtchen Eschenbach und führten die Patenen und Kelche aus der Kirche von dannen. Während dieser Zeit sammelte sich Wallensteins neugeschaffenes und mit dem ligistischen vereinigtes Heer im verschanzten Lager auf der alten Veste bei Fürth. Adam Philipp finden wir im grossen Hauptquartiere des Kurfürsten. Im feltlager vor Nürenbergk, den 9 August 1632. Herz allerlibster schätz, ich hoffe zue dem üben gott, es werden einer under soo viel underschittlicher meinen briefe eich zue recht geliffert worden sein. . . . Mir liegen noch alhier bei nürembergk und seint alle wollauf; wollte nichts Ubers auf disser ersten wünschen alsz das mein engel bey mihr; doch will ich hoffen, die glückselige stundt werde auch uns kommen. Bis dahin mues man sich gedulden; . . . ich weisz meinen schätz nichts zue schreiben, allein das ich dich, mein libster engel, und meine libste kinder in Schutz des allerhöchsten trewlich empfelen thue und stirb ausz aufrichtigem herzen E. L. leibeigener trewester diener Cronbergk. 544 Der Sturm auf die alte Veste, 4. September 1632. Mehrere Wochen lang standen die beiden Feldherren: Gustav Adolf und Wallenstein einander lauernd gegenüber; jeder wusste, dass im Heere des anderen Hunger und Seuchen wüteten. In beiden Lagern arbeiteten Spione. Ein schwedischer Kundschafter Hess es sich sogar einfallen, nebenbei einige Stücke von des Grafen Cronberg Tischsilber zu stehlen; er wurde gefasst und bekannte seine geheime Sendung. Zur Beleuchtung der Ernährungsbedürfnisse mag dienen: dass, nach einem Augenzeugen, innerhalb der Wallensteinschen Linien sich befanden: 15,000 Weiber, ebenso viele Fuhrknechte und Bediente. Jeder Kavallerist hatte ein Packpferd nebst einem Jungen. Im ganzen zählte man 30,000 Bagagepferde. Endlich, am 4. September befahl der König den Angriff. Dreimal stürmten die Schweden mit unerschütterlichem Mute gegen Wallensteins furchtbare Schanzen. Während dessen machten die bayerischen Reiterregimenter Fugger und Cronberg längs der Rednitz einen Ausfall in den Rücken des schwedischen linken Flügels; „mit wechselndem Vorteile, endlich blieb er den Schweden." „Furchtbaren Widerstand leisteten besonders die Cronberger, die sich in den vorhergehenden Feldzügen den Namen der: »Unüberwindlichen« erkämpft hatten." Das Cronberg'sche Regiment, „das beste des Feindes und aus den ältesten Reitern bestehend," machte zwar einen Angriff in die linke Flanke der Schweden, wurde aber von den Finnländischen Reutern unter Oberst Stälhanske also empfangen, dass es ganz geschlagen und der Oberste Cronberger auff den todt werwundet worden." . . . Gronsfeld berichtet im ernewerten teutschen Florus: „Da haben der von Bayern unnd Friedland mit grossen Stücken . . . auff die unteren gedonnert, unnd ein grosser Hauff der Kayserischen hat mit einer Un- gestümmigkeit mitten durch die (ihre eigenen Infanterie-) Regimenter gesetzet und ist an die Schweden gefallen, gleichsamb als ob er vom Himmel herab über sie geschicket worden." „Und weil dann Gustavus Adolphus der Unordnung sich besorgte, sihe, so hat er mit blossem Arm und Degen das Volck widerumb in die Ordnung gebracht, die Regimenter zusammengestossen, mit einer andern und grössern Macht die Kayserischen widerumb in ihr Läger getrieben, und fast das gantze Kronenbergische Regiment zu nicht gemacht und dem Obersten Kronenberg tödtlich verwundet." Adam Philipp nimmt eigenhändig den General Torstenson gefangen. 545 Ein schwedischer Bericht sagt: „Ein hessisches Regiment, das an der Spitze der Stürmenden stand, wurde von Kronberg mit Verlust zurückgetrieben. Da sandte Gustav Adolf seine Finnen vor unter Stälhandske gegen Kronberg und die Unüberwindlichen. Ein langer, verzweifelter Kampf! Endlich fiel Kronberg und die Unüberwindlichen mussten mit bedeutendem Verluste in die Verschanzungen zurückweichen." Der Tod oder auch nur die schwere Verwundung des Obersten Adam Philipp war ein Irrtum. Im Kriegsarchive zu Wien liegt ein „Verzeichnis derjenigen Officier und Soldaten, sowol bei den kais. als auch churbaierischen Regimentern zu Ross und Fuss, welche sich bei deroselben Ihr Churf. etc. Armade befinden und bei jüngst vorgangener Occasion beschädigt worden" de dato 7. September 1632. Darin erscheint der Rittmeister Hans Philipp (129 K) von und zu Cronberg des churbayerischen Cavallerie - Regimentes Cronberg als verwundet; es wurde ihm, zufolge Auftrages an die Feld-Kriegskassa de dato 10. September, der Betrag von 300 Gulden ausbezahlt. Ausserdem kann Adam Philipp mit dem Oberstlieutenant Nicolaus Cronburger verwechselt sein, wie wir alsbald hören werden. Dieser verschwindet von da an aus den Listen des Regimentes. Ueber den Schluss des grossartigen Kampfes heisst es: „Gefangen wurde der Leonhard Thorsten Sohn General über die Artollerey, so aber nicht bei den Stücken geschehen, sondern als er von dem König mit Fussvolk auf ein andern Posten commandirt gewesen." . . . „Torstenson wollte den Rückzug der Schweden mit seiner Artillerie decken; die ihn schützende Brigade wurde gesprengt, er gefangen." Als der Tag sich neigte Hess Gustav Adolf seinen Truppen Einstellung des Kampfes und Rückzug in die Ebene befehlen. Dieser Befehl war noch nicht vollzogen als eine Schar bayerischer Kürassiere hervorbrach „und mit all der Wuth und dem Uebermuth der Sieger" auf eine Abteilung schwedischen Fussvolks fiel, an deren Spitze sich Torstenson zur Deckung seiner Artillerie gestellt hatte. Unerschrocken setzte sich Torstenson der Uebermacht zur Gegenwehr, ward aber, nachdem er dem grössten Teile seiner Leute Gelegenheit zum Rückzüge gegeben, überwältigt und gefangen." Der glückliche Fänger war der Oberst Adam Philipp selbst. Er überliess den berühmten Feind 546 Erwirbt Wallensteins Zusage auf 12,000 Dukaten Lösegeld. an Wallenstein gegen dessen Zusage eines Lösegeldes von 12,000 Dukaten. Dieser trat ihn dem Kurfürsten Maximilian ab. Um ein Haar wäre den Cronbergern ein noch weit grösserer Fang gelungen, der den Gang der Weltgeschichte wohl hätte anders gestalten können. Denn: „Torstenson affirmirte: dass der König kaum ein Vaterunserlang von ihm, als er attakirt und gefangen worden, hinweg gewesen, weil sie an selbigem Ort recognoscirt und sonderlich (Geschütz) plantiren wollen. Bekanntlich war Gustav Adolf kurzsichtig und zugleich persönlich sehr wagehalsig. Bei Lützen fand er dadurch den Tod. Am 20. März 1633 schreibt Wallenstein aus Prag an Aldringen: der Kurfürst möge den General Torstensohn baldigst freilassen, da er gegen den Grafen Harrach (Wallensteins Schwager) ausgewechselt werde. Auch erinnert Wallenstein Aldringen: „benebenst dem herrn Grafen von Cronberg anzudeutten, das mehr wohlgedachtes herrn Churfürstens ld. wie Sy uns dieses ausdrücklich vermelden lassen, wegen der rantzion ernenttes herrn Torstensohns ihn zu seinem vergnügen zu bedenken nicht unterlassen werde." Der Kurfürst hielt den ausgezeichneten Schweden alsdann, aus Rache gegen Gustav Adolf, den Eroberer von München, sechs Monate lang auf höchst unwürdige Weise in den Kasematten von Ingolstadt gefangen. Torstenson ging daraus als ein lebenslänglich schwer kranker, verkrüppelter Mann wieder hervor. Adam Philipp hatte schon am Neujahrstage 1633 für seines Gefangenen Freilassung sich ritterlich beim Kurfürsten verwendet; zugleich auch gebeten: „will E. F. D. geruhen, sich gtst zu erklären: ob ich ihme sollte rantzioniren, oder dieselben die Ranzion (die 12,000 Dukaten) selbst wollen erlegen lassen, deren ich dann jetziger Zeit sehr hoch von nöthig bin." Jedoch blieb diese feine Mahnung fruchtlos. Der Regel nach gehörte der gefangene Offizier seinem Fänger persönlich und musste sich bei ihm loskaufen. In diesem Falle schoben der Kurfürst und der Friedländer die Zahlung der 12,000 Dukaten einander zu und der Generahvachtmeister hatte das Nachsehen. Nachdem der König abgezogen, brachen auch Wallenstein und Max von Bayern am 23. September auf. In Forchheim blieben sie ein paar Wochen stehen, damit ihre Truppen sich von dem langwierigen Hungerkriege erholten. Von dort berichtet Adam Philipp seiner Frau am 30. September 1632: An Maria Sidonia, Forchheim 30. September 1632. 547 „Wohlgeboren hertz allerlibster schätz. E. L. drey underschittliche habe ich zue recht empfangen, darauf E. L. und aller meiner über kinder gesuntheitt mit freiden vernohmen . . . und hott es bey unns keine ordinary posten alsz wie bey euch, sunst wolt ich gewiss öfter schreiben. . . . Hir bey unns stehet es gott lob wohl und wil alle tag auf besser hoffen. Das nacher Didenhoven gezogen, haben sie sehr recht gethan und wirt alda noch soo balt kein gefar sein; in der Zeitt wil ich hoffen, es werde sich gelegenheit zuetragen, E. L. näher zue nehmen unnd hir wird sie sicher sein; so lang muss sich patientiren. . . . . Dasz der gubernator zue Didenhoven soo ohnhöflich unnd eich noch nicht besucht, muess man dem liben gott befeilen; E. L. haben seiner genatt nicht zue leben; sonst ratte ich nicht, nach nanti (Nancy) zu zigen; doch werden E. L. besser wissen als ich: wie es bei eich ergehet unnd müssett den ratt bey eich selbst nehmen. . . . Weil E. L. angehen zue wissen, wie es mitt meinen rittmeistern stehen, so hatt es die beschaffenheit: mein oberster leittenampt (Nicolaus Cronburger) ist noch nicht beym regement; ettliche sogen: er seye noch gefangen, etliche: er seye loss; ich habe aber einen anderen (er hiess Bruno Busche und nahm im April 1533 wegen Krankheit den Abschied); Keller (von Schieitheim war gefangen) ist ledig, und mein oberster Wachtmeister la croix ist tott geschossen und hatt sein compagnie mein egar (von Egra, sein Adjutant), welcher auch hart verwunt, doch bessert sich es; Pesch hat quittirt, ich habe sein compagnie dem leyen geben; 14 tag darnach aber ist er gestorben; ietz hat sie Hans Philips von Cronbergk, welcher auch geschossen, wie auch geiling und reindorf, aber sie seint fast alle widerumb heil; die ander seint alle wollauf, grussen E. L. underthenig. . . . Das craft (der Sohn) ibel auffgewessen ist mihr leitt, bitt E. L. lassen ihnen den buben ja wohl befollen sein, und weil alle meine kinder gutte gelegenheitt frantzoschisch zue lernen, soo wolle sie E. L. darzue ahnhalten und ihnen lautter welsche leitt geben, das sie keine andere sprach reden. Ach, Uber schätz, went darin fleis ahn, ich frage nichts darnach, wan sie schon kein Deitsch können, werden es schon widerumb lernen. Das E. L. die ierige (von den ihrigen) ein Theil soo ibel tractirt sind, werde ich nicht in Ver- gess stellen, unnd ich weis ich werde mich rechen können unnd die Zeitt wird kommen. Das a-b-c (Chiffre) habe ich auch empfangen, 548 Lahme bayerische Kriegsführung. Schlacht bei Lützen, 17. Nov. 1632. will es brauchen doo es vonnöthen Ich schlisse, mein engel, küsse dich zwei h. D. mahl in meinem gedanken, grusse meine liebe kinder, befeile eich samptlich in schütz des allerhöchsten und stirb ausz treiwesten hertzen leibeigener Knecht Forchheim 30 September 1632. Cronbergk. In Coburg trennte sich der Kurfürst Max, um Bayern zu schützen, von Wallenstein, der gegen Sachsen zog. Es war bestimmt, dass der jetzt kaiserliche General Aldringen mit 10,000 Mann kaiserlichen Volkes, zur Deckung des Landes in Bayern bleiben, die ligistisch- bayerischen Truppen kommandiren und „vom Kurfürsten unmittelbar abhangen solle." Diese Zersplitterung wurde später die Hauptursache des Verlustes der Schlacht bei Lützen. Die bayrische Armada vollführte nun ein plan- und zweckloses Hin- und Herziehen in dem Winkel zwischen Lech und Donau. Aldringen konnte den Kurfürsten Max nicht durch thatkräftige Offensive schützen, da er durch Wallen- steins Befehle: „nichts zu hazartiren," lahmgelegt wurde. Wir erfahren nur: dass am 9. November die Grafen Montecuculi und Cronberg bei Aichach, nördlich von Augsburg standen, mit dem Auftrage: diesen Platz zu nehmen f um Bayern gegen den Schweden zu schützen. Der Kurfürst schrieb, aus Neustadt bei Ingolstadt, an Cronberg: „er sollt gute Kriegsdisziplin halten, auch den bayerischen Undthanen Pferde und anderes Vieh nicht abnehmen lassen; darauf durch scharfe Or- dinanz halten; . . . ir sollt in allen quartieren stets allirta seyen." Am 13. November nahm Adam Philipp den Platz. Um diese Zeit wurden ihm 3 erledigte Pappenheimsche Kompagnien Dragoner überlassen, um damit die „bereits habenden 5 Kompagnien zu kompletiren." Diese führte der Oberstwachtmeister Keller von Schieitheim. Er wurde, auf Adam Philipps Bitte, zum Oberst-Lieutenant befördert „um sie als wohlbestellter Capo in Ordnung und Disziplin zu erhalten." Am 17. November kam es bei Lützen zu der weltberühmten Schlacht. Zwei Tage vorher schreibt Kronberg einen Brief an Wallenstein aus dem deutlich hervorgeht, dass der junge thatenfrohe Reiterführer nur widerwillig in dem kleinen Festungskriege zurückgeblieben war, nachdem er seinen jüngsten grossen Erfolg im Sattel und mit der blanken Waffe unter des Friedländers Fahnen erfochten. Kronberg an Wallenstein, 15. Nov. 1632. Aldringen an den Kurfürsten, 23. Jan. 1633. 549 Durchlauchtigster hochgeborener Fürst gnädigster Herr. Ich habe nicht können unterlassen, bei dieser Gelegenheit E. f. G. mich unterthänig zu recommandieren und meiner treuesten immerwährenden Diensten zu versichern. Ich klage wohl nichts höchersch auf dieser Welt, als absent von E. f. G. zu sein, bitte allein unter- thänigst meiner in währender Zeit nicht zu vergessen und in fürstlich beharrlichen Gnaden erhalten und will ich E. f. G. mit meinem Schreiben nicht länger aufhalten; werden Sie von anderen vernehmen, wie es dieserorten ergeht; Neuburg a. d. D.) Während der Wintermonate 1632/33 dauerte der kleine Krieg in Schwaben, um Memmingen Kempten und Kaufbeuren fort. Wir finden Adam Philipp am 10. Dezember in Weilheim, östlich vom Starnberger See. Von dort bittet er den Kurfürsten um das vakant gewordene Infanterieregiment Pappenheim (er war bei Lützen geblieben) für seinen Oberstlieutenant Keller. Die verschiedenen Waffen wurden nicht streng getrennt gehalten; die Infanterie war die vornehmere und für den Obersten vorteilhaftere. Aldringen verteidigte abermals gegen Horn das Gelände zwischen Iiier und Lech zum Schutze des östlich dahinterliegenden Bayerlandes. Am 23. Januar 1633 berichtet er dem Kurfürsten Max aus dem Hauptquartiere Tiepersried (Dietmansried): auch der General-Wachtmeister Herr Graf von Cronberg des 19ten umb Mittagszeit hinaus geschickht worden, zu recognosciren und zu sehen: ob etwas vom Feindt zuvernemmen sein möge. „Bald hernach schickht mir . . . Cronberg seinen Adjutanten mit dem vermelden: der Feindt seie in vollem anzug gegen unsere Quartieren, und was zu thun seie? Darauf Ich bevolhen: alle Reytern aufsizen und nach der piazza de ich aber will versichern, dass ich bin und sterben will von getreuesten Herzen Bettmes, den 15. Novembris 1632. C&-rtw*v»y~ (Pöttmes, südlich von 35 550 Schlechte Haltung der Kronberger bei „Tiepersried," 23. Januar 1633. Arma bescheiden solle," da die wenige Truppen, so . . . Cron- berg beij sich gahabt, nict also sicher wie wohl beschehen khunen, gestellet und dieselbe vil zu weith impegnirt worden (sich verwickelt, verbissen haben)." Als Aldringen nahe hinan kam, liefen ihm seine Reiter bereits entgegen. Ihm gelang jedoch noch der geordnete Rückzug auf Kempten. Vom 20.—22. dauerte der zweitägige Angriff des Feindes auf Aldringens feste Stellung vor Kempten, wo „die Stückh gegen einander gespillet." Dann retirirt der Schwede, er kann Memmingen nicht angreifen. Aldringen will nun nach Kaufbeuren ziehen um den Feind vom Bayerlande abzuwehren. Die schlechte Haltung der Reiter konnte der Kriegsherr nicht ungeahndet lassen. Am 11. März reskribirt der Kurfürst an Kronberg: „Euch ist vonhero wissend, wie übel und straffbar sich etliche Compagnien eures undhabenden Regiments bei jungst fürgangen occasion verhalten, in dem sie sich on Ursach gewendet und dem feindt plaz gemacht. . . . Nit zweifelnde, wie herund nit weniger auch eur ehr und reputation versire, Ir werdet selbst dabei bedacht seind, wie solche Pflichtvergessenheit gebürlich zur bestraffung gebracht sei, bleiben wir .... Adam Philipp erwiedert aus Kaufbeuren, am 22. März 1633: „Er hat inquirirt, aber des unaufhörlichen Marschiren wegen auf keinen rechten Grund zur Zeit nit kommen mögen." Er bittet: der Kurfürst wolle „jemanden mit Vollmacht abordnen um die Sache allerseits mit Sicherheit zu untersuchen." Das lehnt der Kurfürst ab: „dass unser gelegenheit und reputation nit gemäss, unsern Obristen und Officiere in dergleich feilen beiordnung zu thuen," deswegen er an den Feldmarschall Aldringen darüber geschrieben. Aldringen war „Feldmarschall" (Chef des Generalstabes), da der Kurfürst, neben Wallenstein, das Oberkommando führte. Bereits am 12. März hatte der Kurfürst gleichzeitig an seinen Locumtenens reskribirt: „bei der jüngst fürgangen faction haben 5 Cron- bergische Compagnien dergestalt manquirt, dass wann sie Ire Schuldigkeit im geringsten gethan, den feindt noch . . . mehr abpruch, als ie damahl beschehen, habe mögen zugefügt werden. Dieweil wir aber nit gedacht, es als wie geschehen also hingehen lassen" soll man es . . . „exemplarisch bestraffen — gestalten wir dem General Wachtmeister Der Kurfürst verlangt strenge Untersuchung, der Kronberg ausweicht. 551 zu Pferdt Grafen von Cronberg allbereits gemessen Befelch geben." Aldringen soll darauf achten: „dass Cronberg die Bestrafung vornehmen, oder sie als Feldmarschall selbst vornehmen." Der Kurfürst erinnert schon am 19. März an die „exemplarische Straffe" der 5 Compagnien. Am 27. März reskribirt er aus Braunau an Aldringen: „Weil der Graf Cronberg, vermutlich allerhand respect und ursach willen, mit der ihme anbevollne execution nicht recht daran wagen will und erst an mich begeert: dass ich von den meinigen jemandts beiordnen solle, welches ich aber pro reputatione nit thun kan ... so ist meine meinung: dass ihr den process formiren sollt, zu welcher end ich meinen Rhat, dem Doctor Scheiffele ufgetragen, dass er sich fürder- samst zur Armade begeben und, was Ir im anbefehlt, neben den General- Auditor vornehme . . . damit die unverantwortliche faute der Cron- bergischen Reitter, inmassen die notdurft erfordert, durch euch exemplarisch bestraft werde. Wil nun der Graf von Cronberg niemandts der seinigen darzu ordnen, steets ihme . . . frei." Den Ausgang des vom Kurfürsten mit so besonderer Energie eingesetzten Kriegsrechts erfahren wir aus den Akten nicht. Inzwischen dauerte das kleine strategische Kriegspiel fort. Aldringen gibt am 5. März 1633 dem Kurfürsten Nachricht von dem Ueberfalle des Städtchens Sigmaringen durch feindliche Reiterei, von der Gefangennahme der Besatzung und dem Verluste von 5 Standarten. Dieser Ueberfall war nur durch die Nachlässigkeit des Commandanten der Besatzung, Obristen d'Espaigne, möglich. Aldringen, zur Zeit auf Urlaub in Trient, hat dem General-Feld-Wachtmeister Grafen von Cronberg, als seinem „Stellvertreter im Obercommando," genaue Instructionen erteilt; er ist jedoch zur Stunde noch nicht in Kenntnis: ob dieselben nicht befolgt oder nicht bekannt gegeben wurden? Am 8. März 1633 berichtet Aldringen: Cronberg habe (als sein Vertreter) nicht genug die Strassen battirt," deshalb sei Sigmaringen überfallen. Er legt dessen Instruktion, vom 22. Februar, vor. „Ihr churfürst. Dl. in Bayern bestellter Obrister un General-Wachtmeister Herr Graf von Cronberg . . wolle sich gefallen lassen, sein Quartier zu Waldtsee zu nehmen und auf alle die umliegende Quartire, welch biss in den Schwarzwoldt, auch an den Thonaustromb, von 35* 552 Kronberg Aldringens Stellvertreter im Oberkommando. Ehingen an bis auf (?)ingen sich erstrecken, sein fleissige inspection zu haben, damit am Dienste nichts verabsäumt werde; zu welchem Ende er stets in loco zu verbleiben, damit wenn was vorfallen oder vom Feindt einkommen möchte, das die Officier Ihne zu finden, auche aller zeitlichen zu avisiren und sich bei ihne bescheidtes zu erhollen wissen." „Er soll einen guten wachtsamen Offizier mit 50 Mann Dragonern nach Ehingen schicken und den dortigen Schönbergische Rittmeister Traillay ablösen lassen . . und die Stadt verteidigen bis sie mit halben Karthaunen beschossen wird .... dann guten Akkord machen." . . . „Dann die übrigen Dragoner soll er in die Stadt Munderkingen ebenso logiren, unter des Obristlieutenants Commando." . . . „Riedlingen soll er auch besetzen mit 2 Compagnien Dragoner, Thore schliessen und in Verteidigungstand setzen." „Er soll in Würtemberg und Ulm regelmässigen Kundschaft direct einrichten." . . „Die Strassen nach Würtemberg durch Croaten und leichte Reiterei battiren lassen." . . „Damit bessere Ordnung und weniger Confusio geschehe," wird seine Abteilung erheblich vermindert und anderen Commandeuren zugewiesen... Der Schluss lautet ziemlich scharf: „Lezlichen wolle Herr Graff von Cronberg sich Ihr Kay. May. und Ihr Churf. Dchl. Dienste dergestalt angelegen sein lassen, damit daran das wenigste nicht verabsäumt werde. So wolle Er auch aller orthen gute Kriegsdisciplin und Ordnung halten, das straiffen, plündern und belaidigung der Under- thanen ernstlich abschaffen und bestraffen, auch die erynnerung thun, dass die überflissige Bagagie, Pferdt unverzüglichen abgeschafft werden. Die Truppen litten gewaltig Not unter diesen endlosen Hin- und Hermärschen bei stets rückständiger Zahlung und gänzlich fehlender Verpflegung. Aldringen musste indessen dem Feinde stets ausweichen, da er Horn gegenüber zu schwach war und der Kurfürst, der alle Teile seines Landes gleichzeitig decken wollte, sich nicht entschliessen konnte, dass das „Volk zusammengeführt" und unter Adringen „conjungirt werde," und „dass" — wie letzterer fordert — „dise Troppen etwasz ruhe und underhaltung, zum wenigsten das Brodt und die fouragien, haben khönnen," da „an den mehrern orthen weder Heu noch Strohe, will geschweigen wasz anders, vorhanden." Kaiserliche und Ligisten in Regensburg. Aldringens übele Lage. 553 Am 25. April 1633 hat sich Adam Philipp, aus Einsingen bei Ulm, abermals wegen Insolentien seiner Reiter zu verantworten. Am 5. Mai bittet er, aus Abensperg zwischen Ingolstadt und Regensburg, um 6 Tage Urlaub nach Böhmen, „wegen sein in Böheim gelegenen Armuthey." Die kaiserliche und bayerische Armee langte am 15. Mai 1633 bei Regensburg an. Der Durchzug der Reiterei dauerte den ganzen Nachmittag gegen die Oberpfalz zu. Die „Obristen Aldringer, Fugger, Cron- berger u. a. nahmen ihr Quartier in der Stadt." Auch während des Sommers 1633 fanden zwischen Horn und Al- dringen keine bedeutenderen Zusammenstösse statt. Dieser legte bei seiner Kriegsführung fortgesetzt Proben seiner eigentümlichen vermittelnden Gewandtheit ab. Er erhielt Befehle vom Kurfürsten, vom Kaiser, vom Generalissimus Friedland. Der Kurfürst hielt ihn in und um Bayern und Schwaben fest und drängte zu entscheidenden Thaten für die Befreiung seines Landes. Wallenstein forderte Unthätigkeit und Herabrücken in die Oberpfalz. Aldringen berichtet darüber an Maximilian: der Generalissimus habe befohlen: „das Ich mich deffensive halten und in ein sicheres Posto losiren, auch nichts hazardiren oder wagen solte." Der Kaiser, vom Kurfürsten angerufen, wollte bei Wallenstein vermitteln: er möge die, Aldringen erteilte „Inhibitionsordinantz" abstellen und ihm „die Hand wieder öffnen" (freie Hand zur Offensive lassen). Endlich bat der schier verzweifelte Aldringen den obersten Feldherrn um Ablösung von seinem unhaltbaren Posten, da der Kurfürst wiederholt befehle: „ich soll an den Feind gehen und grosse Streich verrichten." Die Antwort war deutlich, sogar dem kaiserlichen Einschreiten gegenüber: „Ir sollt meiner Ordinanz nachkommen; denn im Gegentheile werde ich euch nicht pardonniren wenn euch schon der römische Kaiser pardonnirt." Nun zog der geplagte Aldringen strategisch, wie auf dem Schachbrette, hin und her. Er marschirte seine Truppen „halbtot," vermied aber ängstlich jede Begegnung mit Horn und Bernhard von Weimar. Dabei versicherte er den drängenden Kurfürsten: „es kränkt mich selbst das ich müssig sitzen muss." Von den Cronbergern treten in diesem Kriegsspiel hie und da einzelne Kompagnien Reiter und Dragoner, auch Arkebusiere auf. Am 11. Juni schreibt der Kurfürst aus Braunau an seinen Generallieutenant: Er hat 554 Wallenstein verleiht an Kronberg das kaiserliche Regt. Montecuculi, Juli 1633. mit Entsetzen vernommen: „wie abscheulich und übel etliche rottiert und sonderliche aber kronbergische Reutter und Dragoner zu Schwandorf (nördlich von Regensburg), in der Grafschaft Camb, mit Rauben, Plündern, Beschädigen und Todtschlagen der armen Underthan, auch Eröffnung der Kirche, am 23 Mai, gehaust haben. . . Es sollen nunmehr auch gegen die Häubter und hohe Offizier, so dieses .... conivendo verursachet, mit würkliche demonstration verfahren werden." Aldringen erwiedert: „er hatte sonst nichts darüber gehört, hat jetzt dem General- Wachtmeister Cronberg zugesprochen, der willig und bereit ist, mit Bestrafung zu verfahren, aber man weiss nicht: wer es gewesen?" . . . Er rät dem Kurfürsten: „Man soll sofort die Obristen arrestiren und suspendiren, aber man muss gleichzeitig der Reuterei das Proviant Brod reichen, was hoch von nöten." .... Der Sommer verlief thatenlos. Durch Patent vom 10. Juli 1633 hat Wallenstein dem Grafen Adam Philipp von Cronberg das erledigte kaiserliche Regiment Ernst Montecuculi zu untergeben resolvirt welcher „dieselbe zu armiren und zu compliren versprochen. Aldringen wirdt denszelben berürter Reutterey für ainen Obristen anzuzaigen, auch ihme solcherwegen . . . patent zuzustellen wissen. Dabey wir dann, weiln bemelter Graf von Cronberg in Chur-Bayrischen Diensten und bey dero Armee General-Wacht- meister ist, unsz nicht zuwider sein lassen, dasz er in selbigen Diensten, daferne es ihne beliebet, einen weg alsz den andern (gleichzeitig) verbleibe und berührte Reytterey durch einen Obristen-Leutenandt comman- diren lasse; doch auf alle weise auf deren complir: und armirung bedacht sei." Bereits am 23. Juli, aus Regensburg, suchte Adam Philipp beim Kurfürsten um Genehmigung zur Annahme nach. Diese Doppelstellung war eine besondere Auszeichnung. Vielleicht sprach auch Adam Philipps günstige Vermögenslage mit; jedenfalls wünschte Wallenstein sich den jungen Obrist, den er bei Nürnberg an der Arbeit gesehen, für künftige Fälle fester zu verbinden. Die Bestätigung der Verleihung und die halbe Uebernahme in kaiserliche Dienste fand indessen, nach den wiener Akten, erst im Februar 1634 statt, „über Antrag des kaiserlichen Generallieutenants Grafen Gallas," dem damals schon insgeheim der Oberbefehl übertragen war; also unmittelbar vor Wallensteins Sturze. Das „Armiren und Compliren" kostete Geld. Auch seinem bayerischen Regimente hatte Adam Philipp neue Waffen, für 2500 Gulden, Adam Philipp an den Kurfürst wegen der rückständigen Gage. Treffen bei Sulz. 555 schaffen müssen. Daher seine klägliche Bitte an den Kurfürsten, aus Kälheim (Kelheim a. d. Donau) vom 2. September 1633: Er hat seit einem Jahr keine gagi bekommen. „Alldieweil aber seither der feindt all dass meinige ruinirt, abgenommen und in grundt verderbt," .... so kann „ich nicht länger patientz zur zurbussen . . . erweisen .... woher geschweigenss meine in dem Ehelendt betrübte Weib undt Kindern die unentbährliche Nahrungk und Underhalt bey zu schaffen. So ist bekanntlich, wie ahrmsehlichlich jetz eine lange Zeitt in die öheden quartieren gelegen und immerdar mir von dem Meinigen müssen spendiren das wenigste so mir von Nöthen gewesen; hab ich doch alles doppel und vierfach geldt bezahlen müssen." „Wie denn die vorlengeste deputirte monatliche gagi schon einen Herren gehabt ehe ichs empfangen, wo doch ich weder dieses Monatsoldt noch andere gägi in zwey Jahren gantz nicht empfangen. Mir woher auch unmöglich gewessen, so langk patientz zu habe, da (wenn) Ich nit anders wert (anderwärts) geldt uff Credit entnohmmenn (hätte) gentzlicher Hoffnungk: es solte doch einmahls besser werden Durch hierobiger angedeute Motivi die Mittell langer zu lebenn, gentzlich entnommen unndt abgeschnitten sein." . . . Ob und was darauf erfolgte? ergeben die Akten nicht. Gegen den Herbst, rückte eine, in Italien gebildete spanische Hülfsarmada über Clausen (den Brenner) und Füssen in Südbayern ein. Aidlingen erhielt Befehl: sich mit dem Herzoge von Feria in Oberschwaben zu vereinigen, dann Breisach zu entsetzen und das Oberelsass vom Feinde zu säubern. Am 16. Oktober gingen sie bei Faufenburg auf das linke Rheinufer. Am 30. Oktober stand Aldringen und Feria im Oberelsass bei Sulz den Schweden unter Horn und dem Rheingrafen Otto Ludwig gegenüber. Am 27. hatte der General-Wachtmeister Kronberg ein lebhaftes Vorpostengefecht bei Gebweiler gehabt; dann beobachteten sich die Armadas zwei Tage lang in ihren Wagenburgen „nicht weither als man mit einer canonada reichen kann, und vermeint worden: das es volgenden morgen, 29. disz. zu einem haubttreffen kommen wurde; . . bey angehendem tag mit den Stuckhen angefangen, auff einander zu spihlen . . . und einander angesehen, darüber beeder- seits etliche Pferdt und Soldaten zu Boden gangen." . . . Dann zog sich der Feind nach Colmar zurück ohne verfolgt zu werden. 556 Kronbergs letzter Brief an seine Frau, 31. Oktober 1633. Von hier schrieb, am 31. Oktober, Adam Philipp an seine Frau, die sich auf der Besitzung Flörchingen und in Diedenhofen aufhielt, einen Brief der ihn uns, zum letzten Male, von seiner menschlichliebenswürdigen Seite, als zärtlichen Gatten und Vater zeigt: Allerlibster schätz! Heitt umb mittag ist Regesburger (Offizier des Regimentes) alhir glücklich ahngelangt; es hatt mich wohl von Hertzen erfreyet, von ihm zue vernehmen eiwer unnd mein libsten Kinder gesuntheitt; iber alles aber in dem er mihr die libste Contrefeitt gebracht; ich habe sie alsoo balt ahngeschlagen unnd kan sie nicht genugsam ahnsehen; gott der almechtige erhalte mutter unnd Kinder lang unnd helfe mihr mitt freiden zuesammen. Mein contrefeitt wolte ich gehren schicken, habe aber kein gutten mahler; soo balt ich einen krige sollet ihr es haben; ich bin aber noch der alte schwartze unnd nichts verendert. Allerlibster schätz, ich wil eich auf eiwern brif nicht antworten, den der curir zue vil eilet; inerhalb wenig tagen aber schicke ich eich gewis des Friderichs Bruder, durch welchen ich alles sagen unnd schreiben wil; schlisse himitt, danke eich nochmahls zue dausent- mahl wegen der contrefeitt, kuse eich zue viel hhh dddmahl in meinen gedanken unnd befile aich unnd die libste Kinder in schütz gott, mich in dero gedachtnus unnd stirb Ejwer leibeigener Sclaf Sultz, den 31 Octobris 1633. Cronbergk. Leider sind Adam Philipps zahlreiche Portraits, die noch um 1700 in den Inventarien aufgeführt stehen, sämmtlich verschollen. Wohl aber ist im öttingenschen Schlosse Baldern das hieneben vorgeführte Maria Sidonias, allerdings als ältere Frau, aufgefunden. Von ihren Briefen ist nichts mehr in den Archiven erhalten. Die aus dem Elsass langsam nach Oberbayern zurückgeschleppte ligistisch-spanische Armada befand sich während des Winters 1633/34 im elendesten Zustande, das spanische Corpus nahe der Auflösung. „Wie die armada aus'm Elsasz zu Freyburg über'n Schwarzwald gezogen und selbige nacht eine grosze kelten eingefallen, hat sich die ca- vagleria in selbigem gebirg sehr verderbt, die eisen abgeritten und . . . kein mittel gewesen . . . sich ichts was zu erholen; hierüber haben sich selbige obristen lamentirt und sehr geclagt . . was auch für grosse Not an gelt, proviant und quartieren under dem volk sei; und vorder Portrait Maria Sidonias. Von Adam Philipp keines erhalten. 557 ist (sind) die gemeinen Reiter und knecht nackend und blos, . . und . . auch die officiere keine mittel haben . . zu helfen." Die Truppen irrten längere Zeit in Bayern umher; niemand wollte sie in die Winterquartiere nehmen oder konnte es, weil der Feind den grössten Teil des Landes besetzt hatte. Es war kein Platz auszufinden „wo dieses abgekombene travaglirte volk könte accomodirt und erfrischt werden." Aldringen hatte beim Kurfürsten „ganz instendig sollicitiren lassen . . mit einer starken summa gelds . . . aufzukommen." Der Kurfürst wies ihn statt dessen über die Grenze, ins Erzstift Salzburg; Aldringen beklagte sich bei Wallenstein über des höchsten Herrn „carchheit und dass er gar nichts hergeben möge." Maximilian hielt stets sorgsam seine eigenen Kassen voll, Hess aber seine Truppen möglichst für sich selber sorgen. Dadurch wurden die, von ihm so scharf verfolgten „Exactionen und Exorbitantien" notwendig hervorgerufen und die Disziplin ward zerstört. Wir finden die kurfürstliche Kavallerie unter Adam Philipp während der Monate November und Dezember 1633 durch Oberschwaben und den Allgäu sich gegen München zusammenziehend. Am 30. Dezember 1633 ist er selbst aus Perlach bei München wieder in Tegernsee eingetroffen. Von dort meldet er dem Kurfürsten: er habe seine Truppen gegen Rosenheim und Aibling (in die Ebene) vorgeschoben. „Tegernsee ist ein olliches enges Loch und die Refier nichts als Holtz, Berg und Thal, allda die Reiterei wohl gar nit zu gebrauchen." Jedoch die Bauern um Rosenheim waren jeder Einquartierung und ihrer Insolentien endlich müde geworden. Kein Wunder! wenn es überall so zuging, wie nach „Ziegler, Historischer Schau-Platz und Labyrinth der Zeit" bei Pappenheims Armada: „Die Soldaten des Pappenheimers waren alle wohl versuchte brave Kerls, so lang im Feld gedienet, und redlich Dienste thaten, wann Maria Sidonia von Daun, späteres Bild, im fürstlich Oettingschen Schlosse Baldern. 558 Exekution gegen die aufrührerischen Bauern um Rosenheim. es zum Hand-Gemeng kam. Allein sie verliessen sich auch gar sehr auf die Passauer-Zettel, und auf die Fest-macher-Kunst (so dem General Tilly in der Leipziger Schlacht das Leben erhalten), worüber viel tausend zum Teufel gefahren. Sie lebten auch, wo sie triumphirend hinkamen, auf „Discretion," das heiszt: ärger als die Türcken und Heyden, die weder vor Gott, noch Menschen, weder vor Recht noch Erbarkeit einigen Respect trugen, sondern bestialisch, mit Jungen und Alten, sonderlich Weibs - Bildern, hanthierten. Wovon die gute Stadt Magdeburg eine erbärmliche Probe aushalten müssen." Die Bauern rotteten sich zusammen, es entstand ein sehr ernster Aufruhr, der sich von Ort zu Ort fortpflanzte. In Rosenheim selbst waren - wie Adam Philipp am 16. Januar 1634 dem Kurfürsten aus Holzkirchen meldet — zwei Kompagnien kronbergische Kürassiere, unter den Rittmeistern du Quesnoy und Kolb, „von den Bauern ruinirt und uflfge- schlagen, . . etliche Reiter samt Weib und Kind erschlagen und darbei eine Corneta genommen." Der Kurfürst „möge nicht zulassen, dass dieses alte Regiment, wegen Ihrer in vilen vornehmen occasionen erwiesen nutzbaren Kriegsdienst, also schändlich zu grundt gericht und ruinirt werde." Er hat sich an Aldringen gewendet, „von ihm jedoch keinen andern bescheidt gekricht, sei zur gedult gewiesen; die resolution sei ziemlich dubios auch periculum in mora." Es wurde nun ein mit spanischer Infanterie gemischtes Korps von 3400 Mann unter dem General-Zeugmeister Otto Heinrich Fugger zusammengezogen um die Aufrührer zu Paaren zu treiben. Dieser erkrankte; so musste Adam Philipp, höchst ungern, die Exekution gegen die Bauern vollziehen. Er berichtet darüber an den Kurfürsten aus Edingen (?) 20. Januar 1634: Kronberg traf bei Markt Ebersperg auf 3000 rebellische Bauern in armis . . „und ob ich gleichwohl verhofFt: sie sollen sich uf der Herren Jesuiten alda gethane wolmeinende erinnerung zur güets bequemen, so seindt sie aber ein weg als den andern in Ihrer halsstarrigen union verblieben und uf die meinige zum öfter feyer geben, bis entliche die Reiter in das Dorff hinter Inen herkhamen und sie in Unordnung gebracht; da dennoch keiner gewesen der umb gnad gebetten, sondern der Mehrertheil, wie sie sich schon übermant gesehen, alss unsinnige Menschen den meinigen noch schaden begeren zuzufügen. Letzliche, Kronbergs Rechtfertigung. Das italienische Komplott gegen Friedland 1. Jan. 1634. 559 alsz ich über allen angewandten Fleiss der Soldaten überhandt genomene Furia nit mehr stillen khönnen, seindt ausser der Jenigen, die sich mit der Flucht salviret, ein ziemblich Anzall uff dem platz geblieben." . . Darauf haben die anderen Ortschaften sich unterworfen und die waffen abgeliefert. Die „Stellung und Benennung" der Rädelsführer hat der Generalwachtmeister umbgangen. Er denkt, sie sicherer zu erfahren wenn er wieder in den Ortschaften im Quartier liegt. Am 22. Januar 1634 schätzt er die Gebliebenen auf gut 150; er hat von den Jesuiten ein Verzeichnis der dort beerdigten Bauern verlangt. — Dem Kurfürsten als Landesherrn war die mit seinen Bauern vorgenommene Kur allzu scharf gewesen. Adam Philipp versichert dagegen: er habe äusserste Schonung geübt und fährt offenherzig fort: „Gott weiss aber, wie ungern ich gleich anfänglicher in diese Commission kommen; nit zwar darumb dass viel wenig Ehr in diese Occasio, es falle aus auf was Seiten oder manier es wolle, zu erlangen sein wurt, sondern weil ich oben die disgusto (über sein Verfahren) empfinde und (mir) zur Recompens besorgt halte; also die Ehr gern einem andern gönnen mögen, zumal mir vorhin bewusst, das es ein schlecht Kunst: einfeltige schlechte Bauern zu erwürgen; aber dergleichen halsstorrige verstockte und verzauberte Bauern zu chargiren will gleichwohl mehr brauchen wie der Augenschein zu erkhen gibt." Er hat alsdann Patente erlassen, die überall beruhigend gewirkt haben. Um das Neujahr 1634 hatte endlich Ferdinand II das vom spanischen Gesandten Onate angesponnene, vom kurfürstlich bayerischen Agenten Richel geschürte, von den italienischen Generalen: Gallas, Piccolomini, Caretto zur Ausführung übernommene Komplott: den Friedländer vom Oberkommando zu entsetzen, gut geheissen, nachdem des Kaisers furchtsames, bewunderndes Vertrauen in den allmächtigen Generalissimus Wallenstein durch den Fall von Regensburg (4. November 1633) zerstört war. Der Friedländer, siech und meistens bettlägerig, wusste seit dem Dezember durch seine heimlichen Agenten in Wien „dass der Stab über ihm gebrochen werden solle." Am ersten „Pilsener Schlüsse" der 49 Generale und Obersten, vom 12. Januar 1634, nahmen weder Aldringen noch Kronberg Teil. Wallenstein versuchte wiederholt: beide nach Pilsen zu ziehen. Aldringen „möge nur auf einen Tag von Passau herüberkommen" Hess Friedland ihm durch Trzka schreiben (1. Februar 560 Kronberg nicht beim „Pilsener Schlüsse." Wallenstein -j- 20. Febr. 1634. 1634) zur Unterredung über die Unterbringung seiner Regimenter; . . so lange er nicht komme, gebe es keine anderen Quartiere." Gallas und Piccolomini warnten den bereits Verbündeten, am 3. und 5. Februar, vor Lebensgefahr in Pilsen, wenn er nicht dort sofort stark genug auftreten wolle um die Rebellion zu vernichten. Gallas meldete zugleich: „der Graf Kronberg ist noch nicht hier." Adam Philipp war auch geladen, anscheinend unter Zusage der endlichen Zahlung der 12,000 Dukaten, wegen der ihn Wallenstein unterm 20. März 1633 an den Kurfürsten Max verwiesen gehabt hatte. Aber der von Kronberg war durch Geburt und Erziehung gut kaiserlich. Bald darauf verschwanden auch Gallas und Piccolomini aus Pilsen auf Nimmerwiederkehr. Zum zweiten dortigen „Schluss," am 20. Februar, erschienen kaum dreissig Obersten; die Ratten verliessen das sinkende Schiff. Vom 15. Februar an war Aldringen bereits in Wien. Am 18. Februar schrieb ihm dorthin sein Schwager Gallas (sie hatten zwei Schwestern Arco zu Frauen) aus Linz: Wallenstein habe sie beide und Piccolomini in Pilsen „stranguliren lassen wollen." Ferdinand II verhielt sich, trotz der Genehmigung des Sturzes, immer noch zweifelnd und zagend, warm und kalt zugleich, seiner versteckten Natur entsprechend. Am 24. Januar bezeichnet er, in einem geheimen befehle, der das Oberkommando an Gallas überträgt, den Friedländer als: „gewester General Feldhauptmann." Am 18. Februar wird Wallenstein durch ein zweites geheimes kaiserliches Patent „meineidiger Treulosigkeit" beschuldigt und nochmals seines Kommandos entsetzt. Die Exekution blieb den drei italienischen Getreuen überlassen. Daneben aber korrespondiren der Kaiser, bis zum 13. Februar, und Wallenstein, bis zum 17., in gewohnter Weise über dienstliche Anordnungen mit einander. Am 20. Februar geht der geheime Confis- cations-Commissar für die friedländischen Güter nach Böhmen ab. Am 24. Februar Abends wird Wallenstein zu Eger ermordet. Vom 25. ist das kaiserliche Patent datirt: „dessen haab und gütter zu Unserm und Unsrer Armada Besten ... als die wir hierauf vertröstet, appraehen- diren zu lassen." Der Zweck der Anklage und der Exekution ohne Richterspruch gegen Wallensteins drei getreue Anhänger: Ilow, Trzka, Kinsky war: ihre bedeutenden Güter mit zur Masse zu ziehen. Kronberg in Wien. Immediatgesuch wegen Anteils an der Beute, 1. März 1634. 561 Aldringen hatte das Absetzungspatent vom 18. Februar zahlreichen zuverlässigen höheren Offizieren seiner Armada übersandt. Zugleich waren am 22. Februar viele Obersten, darunter auch Kronberg, nach Wien berufen, um sie in Gehorsam zu halten. Damit hangt wohl Adam Philipps lang verzögerte Bestätigung als Oberst von Montecuculi und seine Uebernahme in den kaiserlichen Dienst „über Antrag des Generallieutenants Grafen Gallas" zusammen. Wallenstein fiel als Opfer seiner ungeheuren phantastischen Selbsttäuschung: über die Treue seiner Truppen und über Bernhard von Weimar, der des Friedländers Doppelspiele und wankelmütigem Sinne niemals getraut hatte. So war er schliesslich von Freund und Feind verlassen. Seine Verhandlungen mit den Schweden und Sachsen waren mit kaiserlichem Vorwissen gepflogen gewesen. Ein Hochverräter ward er erst in den letzten Wochen seines Lebens, als er sich in Wien ungehört verurteilt wusste. Der Kaiser hatte das äusserste Mittel: die Ermordung, niemals ausdrücklich gutgeheissen; er hatte nur die Massregeln gebilligt, die zu jener führen mussten und, nach Onates und seiner Verbündeten Absicht, führen sollten. Wallensteins gesammtes Archiv fiel in Gallas' Hände. Dieser schickte den Nachlass dem Kaiser ein; jedoch ohne die, für ihn und andere zuletzt treugebliebene Obersten etwa kompromittirenden Stücke. Diese wurden vernichtet. So hat sich von Adam Philipps Hand nichts weiter erhalten als der Brief an Wallenstein vom 15. November 1632. Nun ging es an die Teilung der gewaltigen Beute. Adam Philipp hatte zu den Treuen gehalten. Jetzt galt es: dieser Gesinnung möglichst deutlichen und wirksamen Ausdruck zu den Akten zu geben. Schon am 1. März 1634 richtet er aus Wien das nachstehende eigenhändige Gesuch an Kaiser Ferdinand II: „Allerdurchleuchtigster Grossmächtigster Unüberwindlicher Römischer Kayser etc. Allergnädigster Herr Ich habe bei Nürnberg den schwedischen General - Zeugmeister Leonhard Dorszensohn gefenglich bekhommen unnd selbigen auf des Herzogs von Meckelburg-Fridtlandt Ordinantz losz lassen müssen, doch mit der ausztruchtenlichen Ver- heiszung, das mihr der Hertzog 12,000 Ducaten darfür guett machen wolte, dartzue er sich dann auch noch vor wenig Tagen erbotten hat." 562 Abermals die 12,000 Torstenson-Dukaten. „Weil ich dann leichtlich ermeszen kahn, das mit des Hertzoch von Fridtlandts Gütern, seinem schwehren Verbrechen nach, allerhand Verenderung verlaufen unnd die rechtmäszige Confiscation dennächsten erfolgen möchte; ich aber gleichwoll vor das bereits früher meine Obligation acquirirt habe" (also rechtliche Haftbarkeit des wallen- steinschen Vermögens) „unnd auch khein andere Mitel weiss, als durch Ew. kayserl. May. allergnädigsten befehl unnd befürderung zu den an- getzogenen Geltern zugelangen . . so habe demnach zu Ew. kays. May. ich meine allerunderthenigste Zuflucht nemmen unnd dieszelbe aller- gehorsambst ersuchen wollen, Sie geruhen hierbey mein allerdemütigste getreweste Dienste gnädigst zubehertzigen und die Kayserliche Vorordnung in Gnaden zu ertheilen, dass ich aus angeregten Fridtlandischen Gütern meiner bezahlung unfelbahr und ehistens habhaftig werden möge, zumahlen weille ich von dem Feind aller meiner Gueter beraubet, auch bey jetzigen Lauften fast (kaum) mit geringem Underhalt und Mitteln versehen bin." „Solches gegen Ew. kayserl. Mayest. mit allerunterthenigster eiffriger Continuation meiner wenigen doch getrewesten Diensten zu verschulden, will ich mich alzeit mit fernerer Darsetzung Leib Gutt und Bluets be- raitwilligst finden lassen. Thue hierbey Ew. kays. Mayest. des Allerhöchsten schutzbahren Handt und dero zu höchten kays. Hulden und Gnaden mich dabeneben allerdemütigst empfehle. Datum Wien den 1. Martii 1634. Euer kays. Mayestäht allerunderthenigster pflichtschuldigst und getreuester Diener Adam Philipps Graf zue Cronberg m. p." Gleichzeitig erscheint unter den Gläubigern an den friedländischen konfiszirten Gütern, 1634 : Graf Cronbergisches Raziongeld, 12,000 Dukaten oder 36,000 Gulden. Ueber das endliche Schicksal dieser notleidenden Forderung fehlt jede Auskunft. Am 19. April 1634 finden wir Adam Philipp wiederum in Tegernsee. Jetzt bereitete sich der Vormarsch der vereinigten Armaden vor, der zur Wiedereroberung Regensburgs führte. Am 19. Mai rückte Kronberg als Kommandant zu Landau an der Isar ein, dem Orte des „General-Rendezvous." Hier lag ein wichtiger strategischer Punkt gegen Adam Philipp erkrankt vor Regensburg an der Pest, Ende Juli 1634. 563 Weimars Stellung. Kronberg sollte dort den unfähigen Grafen Strozzi ablösen. Er war eifrig bemüht, seine eigene Truppe zu verstärken, und bat deshalb, aus Kalkhofen (bei Vilshofen), am 20. Mai: noch zwei Kompagnien Arkebusiere, zu seinen drei, aufrichten und darüber „als absonderliches Regiment" seinen Vetter, den Rittmeister Hans Philipp Kronberg setzen zu dürfen. Nachdem er aus Wipach (?) am 4. Juni für 540 neue „ganze Kürassiere": 6720 Rth. liquidirt hat, wiederholt er die Bitte wegen der Arquebusiere für den Vetter, aus dem „Veldt Läger vor Regenspurg." Er will „zwei schöne starke Regimenter machen." Unterm 17. Juni wird der Anschlag vom Kurfürsten genehmigt; er kam indessen nicht mehr zur Ausführung, denn Adam Philipps Uhr war unversehens abgelaufen. Regensburg wurde am 28. Juli 1634 von den Kaiserlichen durch Akkord gewonnen. In ihrem Lager wütheten die „Pest und rothe Ruhr." Adam Philipp, schwer erkrankt, hatte schleunigst in der Stadt, im Augustinerkloster, Aufnahme gefunden. Das Hauptquartier der vereinigten und kaiserlichen Armada, unter König Ferdinand lag in Straubing. In dem dort geführten Verzeichnisse über Einläufe und deren Expedition heisst es unterm 3. August 1634: „Der Obrist Graf von Cronberg rekommandirt bey seiner sehr anwachsenden Leibesschwachheit, nach vermutlichen erfolgenden Absterben, sein Weib und seine Kinder, in specie seinen Sohn, zur gnädigster Verleihung des vorhin bei Lebzeiten untergehabten kaiserlichen Regiments. Item zu Erlangung deren vertrösten 12,000 Duggaten und Richtigstellung des Hauses zu Prag" (aus dem Nachlasse der wallen- steinschen Hochverräter). Das Gesuch für den etwa sechsjährigen Sohn stützte sich wohl auf die Verwendungen, die Adam Philipp gemacht hatte, um das ihm ganz kürzlich verliehene Regiment Monte- cuculi zu kompletiren. An demselben Tage, Donnerstag 3. August, hat Adam Philipp zu Regensburg, in dem liebevollen Bestreben: sein Haus für Frau und Kinder bestens zu bestellen, da er „sich etwas schwach und bettlägerig befunden, also umb Lebens und Sterbens willen, etlicher Schulden wegen eine Gewissheit verlanget." Am 14. März 1634 hatte er von „Herrn Nicola von Cronenberg, Ihr Excell. gewessener Obrister Leuthenant" 510 Reichsthaler geliehen gehabt. Letzterer bekennt „vor mir Fr. Nebridio, 564 Adam Philipp f 3. August im Augustinerkloster, Regensburg. Ordinis Fr. Eremitarum S» Augustini in Regenspurg ad Sm Salvatorem Priorn": dass er „nichts überall an Ihro Excell. Herrn Graffen von Cronenberg zu fordern, sondern von der Compag.: 315 Rchtr. und in Regenspurg die letztere 195 Rchtr. erhalten." — Zu jener Stunde war Adam Philipps Ende bereits ganz nahe; denn schon am 5. August 1634 richtet der Oberstlieutenant Adam Heinrich Keller von Schieitheim, aus Wolnzach bei Pfaffenhoven an den Kurfürsten Maximilian I ein Gesuch um Beförderung zum Obersten des Cronbergschen Kürassier- Regimentes: „Demnach der Allmechtige Gott nach seinem Alhveissen Rath den hochwolgeborenen Graven und Herrn, Herrn Adam Philipp Graven zu Cronnenburg verschienenen Freitag (Donnerstag) den 3 huius Abentsz 6 Uhrn in Regenspurg .... zu dem Ewigen Freuden abgefordert hat." . . . Keller, der das Regiment während Adam Philipps höherer Kommandos geführt hatte erhielt 6 Kompagnien Kürassiere, die späterhin als das Gayling'sche Regiment erscheinen werden. Noch früher, schon am 4. August, hatte sich der Oberst Billche beworben; ihm wurden 4 Kompagnien Kürassiere zuteil. Der Oberst Pinder erhielt die 4 erledigten Compagnien Arkebusiere; der Oberst (?) das Cronbergsche Dragoner-Regiment. Danach bestand Adam Philipps ge- sammter Haufen aus: 1. dem Kürassierregimente zu 10 Kompagnien Reiter und 4 Arkebusiere, 2. dem Dragonerregimente, dessen Stärke nicht festzustellen ist. Am 10. August berichtet der Römische König (Ferdinand III) aus Straubing an Ihre kays. May. (Ferdinand II): dass dem Silvio Piccolo- mini das vacierende (kaiserliche) Cronbergsche halbe Regiment werde conferirt werden, mit beigefügter Anfrage: ob der andere halbe Theyl dem Grafen Reymundt Piccolomini, oder dem Regiments-Obristlieutenant Abraham von Schönigl verliehen werden solle?" Gleichzeitig hatte sich auch der Cronbergsche Rittmeister Philipp Spett (Späth von Zwiefalten) „anstatt des jungen Grafen von Cronberg wegen Conferierung seines Vaters (kaiserlichen) Regiments" beworben. Silvio Piccolomini und Schönigl erhielten je das halbe Regiment. Ersterer blieb am 6. September 1634 bei Nördlingen, und seine Hälfte wurde dem Obristlieutenant Crafft vom Gonzaga Regimente con- ferieret. Damit verschwinden die altberühmten „unüberwindlichen" Kronberger aus der bayerischen Armada. Damals hatten sie nicht mehr Ende der Kronberger. Monument in der Augustinerkirche, Regensburg. 565 den vollen Wert von Breitenfeld und Nürnberg. Cronbergs Leib- compagnie jedoch hebt der Oberst Billche rühmend hervor: „Sie sind Wallonen und alle versuchte Soldaten, die mit wunderbarer discretion gubernirt sein wollen. Der verstorbene Oberst hat das sehr wohl verstanden." Diese Cronberger sind, wie wir wissen, die geschichtlichen Väter der legendenhaften Pappenheimer zu denen Wallenstein spricht: „Ich weiss, dass ihr verständig seid, Selbst prüft und denkt und nicht der Herde folgt. Drum hab ich euch, ihr wisst's, auch ehrenvoll Stets unterschieden in der Heereswoge." Die vormaligen Kronberger hatten bei Nördlingen, am 4. September 1634, ihren alten Ruhm abermals bewährt; sie vernichteten des Herzogs Bernhard weisses Leibregiment gänzlich. Zu Anfang des Jahres 1635 trat der Oberst Keller in Dienste der Erzherzogin Claudia von Tyrol. Infolgedessen ward er in Bayern „cassirt" und verlor das Regiment „weil er in Tyrol Dienst angenommen und jetzt, da er im (bayerischen) Winterquartier den Beutel gespickt, bei angehendem Feldzug zu quitiren Vorhabens." .... Alsdann bekam der Oberstlieutenant Gailing von Altheim das Regiment. Im Jahre 1648 wurde es aufgelöst. Adam Philipp fand seine „letzte Ruhestätte" in der Augustinerkirche zu Regensburg. Das Grabmonument „bestand aus einem weissen Stein und war auf der Epistelseite des Marienaltars in der Mauer befestigt. Oben trug es die Devise: Fideliter et constanter. Darunter das Wappen mit der Inschrift: D. M. O. Illustrissimus Et Generosissimus Dominus Dominus Adamus Philippus Comes in Cronberg. Dominus in Poritz et Florchingen Eminentissimi Joannis Suichardi Archiepiscopi et Electoris Moguntini Nepos, Eques, S ac Cas ae et Regiae Catholicae Mayest. et Serenissimi Electoris Ba- variae Consiliarius, Comerarius, generalis vigiliarum Praefectus Et Eques- trium Legionum tribunus. Cum Pro Religione Sacrae Caesareae Majest. Catholico foedere Et S. R. I. fidelissime, et felicissime Pluribus annis Pugnasset Tandem Et Ipse Anno salutis 1634 Quinto die Augusti a morte expugnatus sub hoc tumulo quiescit. 36 566 Grabmal mit Kirche wurde 1838 demolirt. „Der sehr berühmte und sehr edle Herr, Adam Philipp Graf zu Cronberg, Herr in Poritz und Florschingen, des sehr erhabenen Johann Schweikard, Erzbischofs und Kurfürsten von Mainz Neffe, Ritter, der Kaiserlichen und Königlichen Katholischen Majestät und des Durchlauchtigen Kurfürsten von Baiern Rath, Kämmerer, Generalfeldwachtmeister und Oberst über Regimenter zu Pferd. Nachdem er für die Religion Sr. geheiligten Kaiserlichen Majestät, für den katholischen Bund und das Heilige Römische Reich sehr treu und sehr glücklich längere Jahre gekämpft hatte, ist er endlich selbst im Jahre des Heils 1634 am fünften Tage des Augusts vom Tode besiegt und ruhet unter diesem Grabmale." „Ganz unten war zu lesen: Tu viator animae bene precare. Wanderer bete für die Seele." Der 5. August wird der Tag der Beisetzung sein. Aber die Stürme der Zeiten sind mächtiger als jedes Menschenwerk. Sie verlöschen und verwischen auch diejenigen geweiheten Orte, die als allersicherste Begräbnisstätten von den Grossen dieser Erde auserwählt wurden und werden. „Die Augustinerkirche zu Regensburg ist seit 1838 völlig vom Erdboden verschwunden. Die Grundfläche ist teils zum Neupfarrplatze gezogen, grösserenteils aber mit Wohnhäusern überbaut. Nur eine kleine neugebaute Kapelle steht auf einem Teilchen der alten Stätte. In dieser ist Kronbergs Monument noch nicht gefunden; vielleicht liegt es als Fussplatte unter den unbeweglich befestigten Bänken sicher verwahrt. Das ganze Gelände des ehemaligen Augustinerklosters dient zur Zeit dem Betriebe einer Aktienbrauerei. Unmöglich wäre es daher nicht, dass der Cronberg'sche und andere grosse und kostbare Marmorsteine zu löblichen biertechnischen Zwecken verwendet sind; wie in einer anderen dortigen Brauerei noch heute prächtige Epitaphien von Untersberger Marmor, aus der Minoritenkirche, als Malzweichen nützliche Verwendung finden. „Alles hat eine Zeit," lehrt der Prediger Salomo, „und nach seiner Frist geht vorüber Jegliches unter dem Himmel." Maria Sidonia selbst scheint keinen Anteil an Herstellung des Grabmals ihres Gatten gehabt zu haben; sonst enthielte dieses Maria Sidonia an den Kurfürsten wegen ihres Mannes Vorschüsse. 567 wohl genauere Personalien. Dagegen dürfte von der Wittwe das Wenige ausgehen, was für Adam Philipps Andenken in Kron-Poritschen geschah. Zu Kbell, das zur Herrschaft gehört, fanden sich am Hauptaltare zwei (jetzt übertünchte) Wappen mit folgender Inschrift: 1. Adam Philipp Graf zue Kronberg, der röm. kaiserl. Majestät und churfürstl. Durchlaucht in Bayern General-Wachtmeister und Obrister zu Pferd, 1635. 2. Maria Sidonia Gräfin von Kronberg, geborene Gräfin zu Falkenstein (ohne Jahreszahl). Ob damit etwa auf eine Stiftung hingewiesen werden sollte? ob es einfache Epitaphien waren? — ist nicht mehr zu ermitteln. Adam Philipp Hess seinen grossen Besitz höchst ungeordnet zurück. Seinen Schulden standen allerdings beträchtliche Forderungen aus seinen Dienstverhältnissen gegenüber. Ob seine Erben die 12,000 Torstenson-Dukaten jemals erhalten? bleibt unbekannt. Seine Wittwe macht im nachfolgenden originellen Gesuche an den Kurfürsten Max eine andere Forderung geltend: wegen der neuerlichst angeschafften Kürasse. „Durlagster Hertzog Gnedigster Curfurst und Her ob wol ich arme frauw mich furchte die Künheit zunehmen E. C. D. zu schreiben, so tringt mich aber die nodt, dieweil ich mit hochbedribten Hertz verneinen müsen, das nach verflosenen 3 iaren, darinnen ich mein herz lieben Hern nigt gesehen, mit meinen 4 lieben undt kleinen Kindern von allem dem Unserigen in das elende verdriben, manch traurige zeitong hören musen, die beschwehrnus und undertruckung der cato- lischen kirgen und filier bedrängten: so kombt mir aber iber dis alles die hochbedribte zeitong, das Got der almectige mich mit meinen lieben kindern in den tribselligen und traurigen witwen und weissen standt gesetz, wilches ich von meines herzlieben hern thiener einen, Got weis, wie mit schmerzen, vernehmen müssen. Und ist doch in meinem elend der grosze trost, das mein herzlieber her so ein cristlich und seiliges endt genommen, sich mit der beigt und heilligen sackrament versehen und Got um Vergebung der sunden von herzen gebeten, welches sein thicke und bitere trenen, so er 4 gantze dag und nagt iber sein backen unaufherlig lassen rinnen, genunsam zeignus geben hat; auch sein biteren 36« 568 Philipps böse Freunde waren Gailing und Egra. schmertzen so gedoltig geliten, dass wohl ein steinern herz erbarmen sollte. Dieweil in aber der liebe Gott mit fugenden geziert in deme das er E. C. D. so trei und von hertzen gedient wie sein schmerzliger tot bezeiget und E. C. D. an sein underdenigsten thienst erkennen werden, ach gnedigster Herr ist den etwa in seinem leben ein feller forgelofen, wie ich den höre, das E. C. D. ime zum besten ermannt und warnen lassen, dessen ich mich noch underdenigst bedanken thue: so weis Got, das ich immer erkenen konen, das sein Herz (nicht) bos, sondern doch ein lauterer anstalt von bösen leiten, so meinen herzlieben Hern abwendig gemagt, das er die gute Warnung von denen, so es gutmeinen, nigt angenommen; sonder (sie haben) bei andern in gescholten aber meinem herzlieben hern als (= stets) regt in sein gesigt geben und beiatzet (bejahet); als da ist der oberste Keller, oberste Wagtmeister Geling (Gailing) und ritmeister Egar. Die haben ine regirt und mir manch bedribtnus verorsaget, den Gott seie mein zeig, das ich in 4 iaren wenig beistand an äuserligen mitein endfangen. Wie armselig ich mich nun ein zeit her durggebrogt in diesen elenden zeiten, kann E. C. D. gedenken; auch also trostlos mich die lange zeit alleinig mit meinen üben Kindern durchbringen müsen in der stetigen hofnung, doch dermallen eines eine besserung komen mögte. Aber leider es komet mir disser ser hochbedribte zufol fil zu schwahr iber Halsz; den in der zeit mein filgeliebter herr sellig in thinsten gewesen, kann ich mit warheit bezeigen, seiner thinsten (Diensteinnahme) nigt ein heller genosen zuhaben, sondern noch dariber mich und meine arme kinder mit einem solchen grossen scholtenlast beschwerdt gelassen, das ich nicht weis: in was ort und end ich mich zuerholen, da nicht E. C. D. meiner und meiner armen kinder in gnaden gedencken und was meines herzlieben hern seiligen hinderstendigen restanten, in etwas geniesen lassen, wie mir den an E. C. D. hochberümte gutigkeit nigt zweifelt, das sie uns nach dero gnedigstem gefallen erfreuwen werden; sonderlich zuforterst die gnedigste anortnung abermal gnedigst ergehen zu lassen, damit die bereits verwilligte 2500 gulten wegen der Wafen auf dero kurrasirerregiment mogten erlegt werden und solcher zu meiner hogsten notorft in meinem ellendt geniesen möge, weil mir diser orten alle mitel gespert. Der almegtige Gott wirt E. C. D. auf andere Weg flfaltig (sie) vergelten. . . . Bite gantz undertenigst E. C. D. wohllen Maria Sidonias Kinder und zweite Heirat, 1636. 569 mir gnedigst verzeien das ich mit eigener handt schreibe, ich drag be- denkens solches fremden zu vertrauen, befehle E. C. D. . . . Ueber den Erfolg dieser Supplik ergeben die Akten nichts. Adam Philipp XI hinterliess vier Kinder in der Sechzehnten Geschlechtsreihe. B. la. Kraft Adolf Otto, geboren am 29. September 1629. Clara Isabella heiratete: Jochem von Lenoncourt Marquis de Marolles, einen Wallonen, Gouverneur von Diedenhofen. Magdalene, Elisabeth, Isabelle heiratete: a. N. Grafen von Bousneil; b. Max Emanuel von Schönberg (Schömberg) auf Wesel; 29. November 1664. Maria Diana heiratete Philipp Franz Freiherrn von Sötern, Grossneffen des berüchtigten Erzbischofs Philipp Christoph von Trier, Herrn auf Dagstuhl bei Trier. Die Wittwe Maria Sidonia muss später in Falkenstein erheblich geerbt haben; sie heiratete in zweiter Ehe, am 29. September 1636, zu Castellaun den Markgrafen Hermann Fortunatus von Baden-Rodemachern, ansässig bei Diedenhofen, der ebenfalls erst seit 10 Monaten Wittwer geworden. Sie lieh ihrem zweiten Gatten, der einer armen verschuldeten B. la. 1. B. la. 2. B. la. 3. B. la. 4. Mit Adam Philipp starb der letzte echte Kronberg. Nebenlinie angehörte, 10,500 ecres, löste verpfändete Pertinenzien in Rodemachern ein und rundete den Besitz ab. Der Markgraf starb 1665; Maria Sidonia am 3. Mai 1675 in Diedenhofen. Ihre Erben, aus ihrem letzten Willen von 1674, waren: der Sohn ihrer Tochter zweiter Ehe, Maria Eleonore von Baden: Fürst Wilhelm Hyacinth von Nassau und ihre älteste Tochter erster Ehe Clara Isabella von Marolies. Der Sohn Kraft Cronberg war übergangen. Er lebte in bitterer Feindschaft und gerichtlicher Fehde mit der Mutter und den zwei älteren Schwestern, lange Jahre hindurch, bis an sein unseliges Ende. 3* Adam Philipp war einer der besseren Söhne jener wilden, zuchtlosen aber kraftvollen Zeiten. Er ist der letzte Kronberg, dem in jedem Sinne das Ehrenzeugnis gebürt: Ein ganzer Mann! Zehnter Abschnitt. Der Kronberge Ausgang. I. Kronberg'sche Drangsale im Dreissigjährigen Kriege. II. Acht Kronberge verschlang der Dreissigjährige Krieg, 1618—1640. Das Bruderduell. III. Des Reichsgrafen Kraft Adolf Otto Musterregierung und rühmliches Ende. 1650—1692. IV. Johann Nikolaus 1. September 1633 bis 17. Juli 1704. Heute noch Kronberg und nimmermehr! ^EBER eine gewisse beschränkte Anzahl von Geschlechtsfolgen f halten Familien, ohne reichlichen Zufluss fremdartigen frischen j Blutes regelmässig nicht aus. Dieses Naturgesetz hat vor allem im stiftsmässigen Reichsadel zerstörend gewirkt. So finden wir auch, in der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts, die letzten Kronberge als schwächliche entartete Ausläufer des kraftvollen alten fränkischen Reiterstamms. Diese zahlreichen aber nur notreifen, kurzlebigen und unfruchtbaren Sprösslinge schleppen ihr, in den beiden vorigen Reihen noch thatenfrohes, äusserlich sogar aufsteigendes Geschlecht zu einem marasmischen, geistig und körperlich gelähmten Ende. Sie gehören ausschliesslich zur mittel- mässigen, schattenhaften Menschenrasse ihrer Zeit. Sie dienen im Gefolge der grossen fürstlichen Herren oder sitzen als dunkle aber anspruchsvolle Krautjunker auf ihren Schollen. Ueber sie bricht die verheerende Pest des grossen Krieges herein. Diese Not frisst die wenigen jungen, noch zum Dreinschlagen fähigen Männer. Die anderen, die Dulder, macht das endlose wüste Elend nur noch engbrüstiger wehrloser und weltflüchtiger. So siechen diese erblich belasteten, stiftsmässigen „Sechzehnahnenkinder" unheilbar dahin. Mit dem Jahrhunderte ist auch der letzte Tropfen des entarteten Blutes erschöpft. Der verkrüppelte alte Stamm verdorrt von innen heraus und wird wieder Erde zu Erde. Diese Zeiten geben weder archivalischen Stoff noch geschichtliches Leben für zusammenhangende Erzählung. Sie können daher nur in Einzelbildern vorgeführt werden. 1. Kronberg'sche Drangsale im Dreissigjährigen Kriege. Glaubenswechsel je nach den Kriegslasten. ER Oberst Adam Philipp hatte den, von ihm im Jahre 1624 geforderten Revers wegen des „exercitii religionis augustanae" bündig vollzogen, aber nicht ihm nachgelebt. Denn unterm 2. April 1626 erwirkte er wie wir wissen, in Wien persönlich das kaiserliche „Commissions Rescript an Chur Maintz puncto reformandae Religionis zu Cronenberg" . . „worauf er . . einseitig zugefahren, die evangelischen Kirchen Diener abzuschaffen und dargegen catholische Pfarrer einzusetzen." Um einen Gegendruck auszuüben, soviel und sowenig die damaligen Kriegsläufe es gestatteten, exerzierte Hessen- Darmstadt 1627 die Erböffnung aus dem Friedensvertrage von 1541. Relation Johann Schweikards II (124 K) an seinen Bruder, den Rittmeister Johann Philipp X (126 K) bei Kron- berg-Kürassieren. Der Präsident von Korssbach aus Darmstadt kam nach Kronberg, stieg in der Herberge zum „weissen Ross" ab und besuchte zunächst den Berichterstatter, der damals an Krücken ging; „durch ein unglückseligen Zustandt das Pferd und mich erschossen und im Fallen ein Bein gebrochen." Nun wurden mit unglaublicher Umständlichkeit endlose Formalitäten vollzogen, bis in den zweiten Tag hinein. „Worauf dann — im Hause des Schultheisses — die Mittagsmahlzeit neben den Herren Commissario, in Beysein einiger anwesender Freunde: Frankenstein und Geispitzheim (Vormünder) und des Herrn Dr. Grossheim (Advocat) eingenommen wurde. Dazu ich dann erbethen lassen (im Schultheissen Haus) Herrn Johann Weilandt, des Burggrafen zu Friedberg sei. alten Keller und Bühardt Essenbach, des Herrn Obristen Darmstadt exerzirt Erböffnung, 1627. Protest. Pfarrer v. Eschborn verjagt, 1628. 575 (Adam Philipp) Oberkeller. Als es aber ein Uhr geschlagen undt man eben den Käss aufsetzen wollen, ist der Herr Commissarius aufgestanden und ob angedeuteter Ursach nach der Statt geeilet (seine Frau war in Darmstadt krank), einen Abscheidt von uns genommen, ins Wertshauss gegangen, alles (für Knecht und Pferde) was darin verzehrt, dem wirth bezahlt und also widerumb fort geritten; wir andern aber haben uns wiederumb zu Tisch gesetzt, etwa noch eine Stundt oder zwei mit einande zupracht und ein Trünklein gethan." Indessen die Wirkung dieses Staatsaktes war vorläufig sehr schwach, denn im Jahre 1628 bittet der evangelische Pfarrvikar zu Eschborn den Junker Johann Schweikard II um Vertretung in Darmstadt, da der Oberst ihm, am 15. Mai alten Calenders, habe ernstlichst anbefehlen lassen: „des Pfarramts zu Eschborn und Niederhöchstadt müssig zu gehen; . . ich nunmehr Exul Christi mit Weib und Kindern in's Elend hinaustreten muss, hab auch auf der Welt keine eigene Hütte." . . . „Ich bitte auch ganz unterthanliglich, weil mit grosser Mühe und schweren Unkosten Winter- und Sommerfrüchte ich hab müssen ausstellen . . . damit zwischen mir und künftiger Succesion allhier zu Eschborn eine billige Ratification vorgehen möge." . . . Dass dem würdigen Manne damals hat geholfen werden können, ist wohl zu bezweifeln. Zwar unterliess der Landgraf von Hessen nichts, um „die remedur solcher harten pressuren zu suchen, weil aber selbiger Zeit in Teutschland, sonderlich umb hiesige Gegenden, die Kriegsläufften so durch einander gingen, dass man mehr auf die Sicherheit der Lande als andere particulier angelegenheiten bedacht seyn müssen" .... Die katholischen Geistlichen hatten sich seit dem Jahre 1626 auf Burg Kronberg allgemach eingeführt und auch in der Stadt häuslich niedergelassen. Aber sie richteten wenig aus. Im Herbste 1631, als Gustav Adolf durch Franken den Main herabzog, verschwanden sie; mit ihnen allerdings die gesammte kurfürstliche Staatsregierung zu Mainz. Der kaiserliche Rittmeister Johann Philipp X Kronberg (126 K) stellte wieder einen evangelischen Geistlichen an und schaffte den katholischen Gottesdienst ab. In Höchst, wo der König längere Zeit residirte, verbündete sich mit ihm der Landgraf Wilhelm von Hessen-Cassel; seine 4 Regimenter 576 Der evangelischen Herren von Kronberg Bittschrift zu Fuss, 13 Fähnlein zu Ross und 1300 Mannen Ausschluss (Landwehr) bezogen ein Lager bei Kronberg. In Königstein wurden die Grafen Stollberg wieder eingesetzt. Pappenheims dort angeblich verwahrte Schätze sollen erbeutet und unter die Soldaten verteilt sein. Dadurch aber wurden die Stadt Kronberg und ihre evangelischen Herren vielmehr hart bedrückt, statt erleichtert. Im Reichsarchive zu Stockholm ist eine Klag- und Bittschrift aufgefunden worden, gerichtet in dieser Zeit, 1631/32, von Johann Schwei- kard II, seinem Bruder Hartmut XVII (125 K) und der Wittwe des ältesten Bruders Johann Daniels I (122 K) Maria Elisabeth von und zu Cronberg, geboren von Partenheim für ihre Söhne Hartmut XVIII (133 K) und Hans Daniel II (134 K) an Gustav Adolf. „Allerdurchleuchtigster, Grossmachtigster König, Gnedigster Herr, Ewer Königl. Mayst., können wir vnderthenigst, vndt respectiue demütigst, berichtlich ahnzulangen, kein vmbgang nehmen, Dass weylandt der Hochwürdigst Fürst vndt Herr, Herr Johann Schweickhart, Ertz- bischoff vndt Churfürst zu Maintz etc. dieweil dass er auss dem Hauss vndt Stam deren von Cronberg, vndt alss der Elteste damalss gehul- digste Ganerb zu Cronberg, Etlich weinig Jahr vor seinem todt, vermittelst der Churfürstl. autoritet, vndt vnder dem praetext Kaysserl. befelchss, in Vnssern vndt Vnsser Pflegkinder gemeinen Stat Cronberg, dem Hochbeteuerlich geschwornen Burckfriden vndt, länger alss Menschen gedencken sich erstrecken mag vnuerrücklichem obseruirten Herbringens e diametro entgegen, dass Exercitium Augspurgischer Con- fession de facto abgeschafft vndt die Bäbsstische gleicher gestalt gewalt- thätiger weiss Eingeschlaifft. Inmassen dann der Herr Graff vndt Obrist vonn Cronberg, nach Hochstgemelter Ihr Churfürstl. G. tödtlichen Hintrit, solch vermeint reformations wessen ihme Eben Eifferig ahngelegen sein lassen, auch so weit vber alles, so wol vorig, alss nach- mahlig bitten, flehen, erinnern vndt protestiren fortgesezt; dass von der Kayss. Mayst. etc. verschiedene scharpffe betrawliche schreiben ahn mich Johann Schweickhardt von vndt zu Cronberg abgangen, den Herrn Graffen, bey Einführung dess Babssthumbss nicht allein nicht zu hindern, sondern auch, meiner Consciens entgegen, ihme allen müglichen Vorschub zu thun; Alles zum Höchsten praejuditz vndt abbruch aller andern an Gustav Adolf wegen der durch den katholischen Obristen 577 mit interessirenten dess orts habenden Gerechtigkeit. Welches wir damalss Gott vndt der Zeit gedultig befehlen vndt biss vf Ewer Königl. Mayst. glückliche ahnkunfft (darüber der vermeintlich ahn- geordtnete Babtische Priester, wie ein Mitling, schändtlich aussgerissen vndt die Pfar mit einem andern, der Augspurgischen Confession zu- gethanen ministro ahn itzo widerumb bestellet wordten) also müssen geschehen lassen. Durch welches dess Herrn Obristen vortringen vndt scharpffen Execution aber bey Viellen auch Hohen standts Persohnen ess dass ahnsehen gewonnen, alss het er von Vnss von Cronberg etwass sonders vndt ein Jus praecipuum. Massen dann auss dergleichen einbildung vndt darauss geflossenem vngleichen bericht erfolgt, (ist), dass alss Landtgraff Wilhelms Fürstl. gnaden etc. dass Hauss vndt Vöstung Königstein Blocquirt, nicht allein mehr Erngemelten Herrn Obristen von Cronberg sondern auch die Vnss vndt sonsten der Burgerschafft zugehörendte behaussungen gantz vndt gar aussgeplündert, auf dass Eusserste ruinirt vnd nachgehendts mit schweren Guar- nison beleget worden. Gestalt noch biss auf diesse stundt vber die 20 inficirter krancke Soldaten, dess täglichen ab vndt zuraissens zu- geschweien, von den gäntzlich verderbten Vnderthanen müssen vnder- halten werden. Wann aber, Gnedigster König vndt Herr, offtermeltem Herrn Graffen wir nicht allein den geringsten Vorzug nicht, alss die wir neben Vnssern Pflegkindern mit ihm vber Cronberg in simultanea investitura mit begriffen, gestendig; (wir vielmehr) bey der Ganerbschafft, darunder dass weinigste Eigenthumb, vmb weit ein mehrers, auch in allen andern Vbrigen aussgelegenen Hauss vndt Güttern, theilss alss Lehens Agnaten theilss vermög Vnsser alten Stamverain, mit interessiret seindt. Dar- beneben aber Eusserlich berichtet wordten: Ob solten etliche bey E. Königl. Mayst. etc. dess Herrn Obristen Gütter ausszubitten Vorhabens seindt. Mit Cronberg vndt guten theil ander Gütter aber ess oberzehlte beschaffenheit hat: Gelangt ahn Ewer Königl. Mayst. zuuorderst Vnsser vnderthenigste bit, dieselbe gnedigst vff solchen fall ahn den orten da wir mit interessiret, zue Vnsserm praejuditz vndt nachtheil nichts zu begeben, sondern bey demjemigen, So Vnss vermög Lehenbriff, Burckfriden, Stam Verain 578 Adam Philipp ihnen erwachsenen Bedrückung. vndt sonsten gebüret, gnedigst zu manuteniren. Fürters Vnssers biss auf dass Eusserste ruinirten Städeins Cronberg vndt Vnsser daselbst gelegene Behaussungen mit ferner Einquartierung gnedigst zuuerschonen. Auch all vbrig: von Vnssern in Got ruhenden ä tempore Lutherj der unverenderten Augspurgischen Confession zugethan, vndt biss in ihr Endt durch Gottes gnadt dabey beständig gebliebene Voreltern, Vhr: Alt (Uraltem) vndt Vattern ahnererbte Heusser vndt Gütter, alss dass Schloss Yben, Hauss Altenbaunberg vndt dass Hauss in der Statt Creutz- nacht, (warüber zwar Ewer Königl. Mayst. etc., auss sonderbahren Königl. milten gnaden, schrifftliche saluam Guardiam Allergnedigst ertheilet, aber von der soldatesca zue zeiten weinig respectirt werden wollen), neben Vnssern vndt Vnsser geringe Persohn in ihrer Königl. protection, ferners gnedigst geruhen wolten. Damit Ewer Königl. Mayst. zu allem beharlichen Königl. wohl- standt, ferner glücklichen fortsetzung dem Evangelischen wessen zum besten gereichender entreprisen, in Gottes dess Allmachtigen Schutz vndt schirm, vndt ihro Vnss zu allen Königl. miltesten gnaden vnder- thenigst empfehlendt; Ewer Königl. Mayst. etc. vnderthenigst trewgehorsambst vndt demütigste J. Schweickhardt von Reichardt von Geiss- Maria Elisabeta von vnd vndt zu Cronberg für pitzheim Furmundtob- zu Cronberg witib ge- mich selbst, vndt beide gemelder beider ge- boren von Partenheim meine Pflegsohne Hart- bruder. M. p. fuhrgemelte beyde bru- muth(XVIII)vndtj.Da- Hartmuth (XVII) von der Hartmuht vnd Ja- niel (II) gebruder von vnd zu Cronberg, vor hann Daniel Eheleib- Cronberg. M. p. mich selbst. M. p. liehe Mutter. (Original im Königl. Reichsarchiv zu Stockholm.) Wahrscheinlich um dem, von Breitenfeld her den Schweden vorteilhaft bekannten Obersten Kronberg jetzt im eigenen Hause die Hand des Siegers fühlen zu lassen, hatte man der Stadt und Ganerbschaft zu aller Naturalbedrückung auch noch die monatliche Kontribution auf 300 Reichsthaler erhöhet. Johann Schweikard II bittet, im Anschlüsse an das Immediatgesuch, einen ungenannten hochstehenden Adressaten, eine Excellentia „underthenig undt umb Gottes willen flehentlich" . . „die Abermalige Wendung durch Ks. Reskript, 2. Juli 1637. 579 albereit grosse beschwehrung in milden gnadten zu consideriren undt mit den Monatlichen 240 Reichsthalern monatlich sich gn. zu befridtigen, Benebens aber in Cronberg undt zugehörendten Dorffen Saluas Guardias gnedtig zu ertheilen, undt die izt darin ligendte Pferdt zu Eschborn undt wass noch ahn dross in Cronberg ligt, abzuschaffen, odter wass selbige costen, ahn der Monatlichen Contribution zu defalciren." Der Erfolg dieser Bitten ist in den Stockholmer Archivalien nicht mehr ersichtlich. Jedoch ist nach Adam Philipps Klagen gegen seine Frau anzunehmen, dass die evangelischen Vettern geschützt und er für seine Uebergriffe entsprechend angesehen wurde. Im Jahre 1633 lag in Kronberg eine kleine schwedische Besatzung; sie machte aber die heranziehenden Kaiserlichen glauben: die Garnison sei zahlreich und stark. Die Schweden hatten einige Trommeln aufgefunden, mit denen sie hinter den Mauern einen gewaltigen Lärm vollführten; auch wurden mehrere eiserne Stücke abgefeuert; diese Lärmsignale beantwortete dann die Festung Königstein. Da aber dennoch endlich die Wahrheit verraten wurde, so erstiegen die Kaiserlichen das Städtlein mit Leitern, besetzten es mit zwei Compagnien Dragonern und führten die Besatzung gefangen weg. Nach der Schlacht bei Nördlingen, 6. September 1634, wandte sich das Blatt. Im Frühjahre 1635 zog sich Bernhard von Weimar von Frankfurt über den Main, dem Rheine zu. Der kaiserliche General Bönninghausen rückte in die Wetterau ein. Kronberg wurde „escaladirt" und nebst Falkenstein und Höchst besetzt. Die Patres kehrten mit der kaiserlichen Besatzung zurück. Zunächst arbeiteten sie neben den Prädikanten. Dann aber heisst es: „Ob nu wohl, nachdeme das Kriegswesen in hiesiger gegend wiederumb ein anderes absehen bekommen und die Schwedische Macht hinweg gewesen," die Vormünder des jungen Grafen Kraft vom Kaiser Ferdinand III ein anderweites Reskript, de dato Prag den 27. Juni 1637" an Kurmainz „herausgebracht, dass der lutherische Pfarrer wieder abgeschafft und das Exercitium Religionis Catholicae abermahlen eingeführt werden sollte." . . . Der Erlass lautet: . . . „da sich doch ohnlängst hin, bei damahlen eingerissener und überhand genommener Schwedischer Macht, unser bestellter Oberister Lieutenant Johann Philipps von Cronberg" (er war am 11. März 1637 ermordet) . . „das Exercitium Augspurgischer Confession eigenthätiger 580 Abermals versprochene Milderung durch Ks. Reskript vom 16. Februar 1638. Weisz einzuführen" ... so soll Kurmainz jetzt die catholische Religion in Kronberg wieder einführen." In Nachlebung dessen wurde von den katholischen Vormündern, dem Domcustos Kraz von Scharffenstein und dem Dompropste Metternich, der zeitige Pfarrer einseitig abgesetzt und ein wohlqualifizirter katholischer Priester der Bürgerschaft als Pfarrherr vorgestellt. Darauf gab es zu Kronberg „beschwerliche Händel und merkliche Enormitäten: Schimpfen von der Kanzel, Raufereien um die Seelen. Dabei blieb keine Partei der anderen viel schuldig." Zur Untersuchung dieser Frevel ward 1639 der hessische Amtmann zu Eppstein, „mit Commisso, der Unterthanen bericht einzunehmen" abgeordnet. Dieser meldet: „des Grafen (d. h. seiner Vormünder) Amtmann in Cronberg, Johann Nicolaus Friedrichs, habe diejenigen, so der (lutherischen) Gemeinde zusammen gelitten (geläutet), theils die Steeg abgeworfen, theils blutrüstig geschlagen, theils in Thurm gesteckt und sonst etwas widrig sich erzeiget." Oberst Deveroux, der Mörder Wallensteins, sollte für den Winter 1638/39 zu Friedberg ins Winterquartier; er wurde aber nicht hineingelassen. Seine irischen Dragoner trieben sich in der Umgegend umher, sie ritten unter anderem auch nach Kronberg am Taunus, von wo aus sie nach verschiedenen Richtungen Streifzüge unternahmen, „ob um den Hunger oder die Zeit zu vertreiben, weiss ich nicht" — so berichtet der Feldgeistliche des Regimentes. Inzwischen hatte der Landgraf Georg von Hessen (Darmstadt) durch Beitritt zum prager Frieden wiederum Fühlung in Wien gewonnen. Er machte dort, unterm 2. Dezember 1638 dringlich geltend: dass nach ergangenen alten und neuen Reichsschlüssen die Augsburgsche Konfession in Kronberg allein berechtigt sei. Der Fall fand zu Wien möglichst lang hinausgezogene Erwägung. Als aber der Kaiser durch seine militärische Fage friedlicher gestimmt wurde und Hessen abermals drängte, erging unterm 16. Februar 1640 nach Mainz das kaiserliche Reskript: „Wann dann zum Fall die narrata angebrachter maszen bewand, Wir nit befinden, wie die vorgenommene Reformation (von 1637) zu behaubten sein werde" ... so wurde —: „abermalige fleissige Prüfung" anbefohlen. Während dieser schwankte der thatsächliche Besitzstand bis zum Westphälischen Frieden hin und her. Konfessioneller Hader in Kronberg. 581 Rathsprotokoll von 1646. „Philipp Greiner, weil er papistisch worden und ihm der gräfliche Amtmann die Befreiung versprochen, hat um Entlassung seiner Bürgerschaft angehalten, wollte aber seine rückständigen giffter nicht abtragen, auch nicht fortziehen." Beschluss des Burgherren Junker Hartmut (XVIII, 133 K): „Greiner müsse weiter bezahlen." „Nota: Ph. Gr. hat noch heute sich mutirt, seine Religion wieder geendert, undt alss ein gehorssamer Bürger um Gnade gebeten." Im Jahre 1648 schreibt Henningius Wolf S. I. nach Mainz (lateinisch): „Unsern kleinen Hausdiener hat ein Haufen Gassenjungen, aufgehetzt durch den Schlossprädikanten Bentzig, auf öffentlicher Strasse geprügelt: letzterer hat ihm befohlen: schleunigst von der Gasse zu verschwinden." Die protestantischen Geistlichen fanden ihren Halt an Hessen und der herrschaftlichen Ibischen Linie, namentlich an Hartmut XVIII; die katholischen an den Vormündern des minderjährigen Grafen Kraft Otto: dem mainzer Domkustos Kraz von Scharffenstein und dem Grafen von Manderscheid. Der Kampf war hart, denn er wogte nicht nur um die Seelen sondern auch um die Zehnten und Präsenzgelder. 37 ii i 1 i Li Die P. S. J. werden durch Reichskommissarien ausgetrieben, 1649. Der gräfliche Rath Keller berichtet 1649: Unterthanen aus Niederhexstadt hatten sich wegen des Kriegstumults nach Cronberg salvirt. . . „Als nun die arme leuthe das Kindt uff das Schloss zur katholischen Tauff tragen wollen hat der jetzige lutherische Ibische Keller einige Bürger bey der Kirchen, dabey die Leuth vorüber gehen müssen, bestellt. Er auch selbst ufgewartet und dass Kindt zur lutherischen Tauf per force zwingen wollen und nicht uffs Schloss lassen; die Weiber aber alss er besteh hatte, dass Kindt zurückgetragen, also nicht getauft werden können." Erst am 8. März 1649 erschienen im Auftrage des „Kompositionstages zu Nürnberg" ein landgräflich hessischer und ein pfälzer Kommissar um, auf der Grundlage des für den Besitzstand angenommenen Normaljahres 1624, die Jesuiten gründlich auszutreiben. Die Patres hatten sich in ihrer Wohnung verbarrikadirt und verweigerten die Kirchenschlüssel. Sie hofften auf Entsatz aus Mainz. Da dieser jedoch nicht eintraf, lieferten sie die Schlüssel ab und „sagten mit Hand gegebener Treue zu, künftig nichts mehr in der Kirche und am Pfarrhaus zu fördern." Die Kommission hat alsdann den patribus wegen allerseits friedfertiger Verrichtung gratulirt. Darauf zogen sie sich in ihr Logiament zurück, in eines Schuhmachers Haus, unter grossem Schimpf der Bevölkerung, und wurden mit Speis und Trank vom Schlosse versehen. „Donnerstag, 11. März 1649 wurden die lutherischen Prediger wieder in die Kirche zu Cronenberg eingeführt und ein feierlicher Gottesdienst abgehalten. Derselbe begann mit dem Gesang: »Nun freut Euch, liebe Christengemein« und dem »Tedeum laudamus« lateinisch, darauf eine Dankpredigt gehalten, nach derselben zwei Prediger, der eine als Kaplan nach Cronenberg, der andere als Pfarrer nach Eschborn ordinirt und investirt. Nach vollendeter Ordination ist beiden das h. Abendmahl gereicht, dann der Gottesdienst beschlossen worden." Die Jesuiten führten von da an eine halbheimliche Existenz auf dem Schlosse, wo der Hausgottesdienst in der Burgkapelle für die katholische Linie fortdauerte. Wie es in jenen Jahren in und um Kronberg ausgesehen, darauf werfen folgende kleine, aber entsetzliche Kriegsbilder einiges Licht. Gotfried Andrae aus Worms berichtet im Jahre 1635 über die Zustände am Rhein und Main: Entsetzliche Kriegsbilder am Rhein und Main. 583 „Zu derselben Zeit habe ich gesehen, wie dasz ein todtes Pferd vor dem Rheintor mitten im Weg gelegen, dabei sich gefunden eine Weibsperson, welche das Fleisch abgeschnitten und in ihr Schurztuch gethan, auch zugleich roh davon gegessen. In der Mitte des toten Pferdes waren etliche Hunde so auch ihre Nahrung suchten, wie auch auf dem Kopfe unterschiedliche Raben; welchen Spectakel ich, neben noch 11 jungen Leuten aus Manheim angesehen und gesagt: Vergesst dis nicht euren Kindern zu erzählen, so der gnädige Gott euch wird leben lassen." „In Sachsenhausen wütete der schwedische Oberst Hans von Vitztum; rechts des Mains verheerten die kaiserlichen Truppen unter Gallas das Land. Von Hunger und Raubsucht getrieben schweifte das ausgeplünderte Landvolk umher und lagerte in elenden Strohhütten; Hunde, Katzen, Ratten und Mäuse, ja selbst Aeser vom Schindager waren seine gierigverschlungene Nahrung. Die Friedhöfe mussten Nachts gegen Leichenräuber bewacht werden; Kinder sollen von den Rotten abends in Schlingen gefangen und verzehrt sein." Die Pfalz hatte vor dem Kriege: 500,000 Einwohner, am Schlüsse: nicht voll 50,000. Ganz Deutschland war von 17 auf 4 Millionen geschmolzen; fast alle Viehstände waren vernichtet; die Hauptursachen des grossen Sterbens waren: Seuchen, Hungersnot, keine Winterfeuerung. Damals wurde Brod aus Mühlenstaub und Flachs gebacken, die Menschen nährten sich von Gras. ' i. ' "'■MJ X4 : i: II. Acht Kronberge verschlang der Dreissigjährige Krieg 1618 bis 1640. a* 1. Adam Philipp XI (130 K), Graf zu Kronberg und Hohengeroldseck, geboren zu Ladenburg um 1699, starb zu Regensburg am 3. August 1634 an der Lagerseuche. 2. Johann Philipp X (126 K), Sohn Hartmuts XVI (115 K) und der Katharina von Mudersbach- Hohlenfels, den wir in den Jahren 1632—34 als Adam Philipps Rittmeister gekannt haben, war inzwischen in dessen ehemaligem Regimente, jetzt Gayling von Altheim, zum Oberstlieutenant aufgerückt. Ueber sein gewaltsames Ende wird berichtet: „Ehrenbreitstein war, seit 1635, vom Erzbischof von Trier, Philipp Christoph von Sötern (einer sehr bedenklichen politischen Persönlichkeit)., den Franzosen eingeräumt. Johann von Wert bloquirte die Festung. Das Elend, welches bei dem Blokadecorps herrschte, erzeugte Meutereien, „sogar bei den Truppentheilen, denen man solches am wenigsten zugetraut." Nach Werts Bericht an den Kurfürsten Maximilian war das, unter ihm stehende, „alte vornehme Kürassierregiment" (Kron- ; N Johann Philipp X durch seine meuterischen Kürassiere ermordet, 1637. 585 berg jetzt Gayling) durch zweijährige Feldzüge und die Winterbiwacke vor Ehrenbreitstein völlig zu Grunde gerichtet. „Die Reiter haben keine Stiefel mehr, kein Quartier, kein Geld seit zwei Jahren; sie haben mit hungrigem Bauch und krankem Kopf fechten müssen, und ein solches von anderen Regimentern niemals gehört noch verspürt worden." Er bittet um ein Winterquartier und etwas Geldmittel. Die Spanier und Kaiserlichen hätten stets die besten Quartiere. . . „Als nun bei einer Zusammenrückung der Truppen das Regiment Gayling in der Nähe von Bonn zu liegen kam, wurden von den Soldaten die- ses Regiments Kirchen und Häuser erbrochen und geplündert. Als einer der Rädelsführer durch den Rittmeister Loy in Verhaft genommen wurde, rottete sich die Compagnie zuMaria Sidonias Epitaph in der Stadtkirche Kronberg. hafteten mit Gewalt zu befreien. Der Oberst-Lieutenant von Cronenburg sprengte herbei und versetzte dem Hauptschreier einen Hieb über den Schädel. Einige Schüsse streckten den Oberst-Lieutenant zu Boden. Da nun die Meuterei das ganze Regiment ergriff, Hess Wert am anderen Tag, 12. März, dasselbe bei Breisig mit seinem Regiment, 100 Pferden von dem lothringischen Regiment, Wert Hess die An- sammen um den Ver- sammt 600 Musketieren umzingeln. Dies wirkte. Stifter verhaften und henken. Von der Compagnie des Rittmeisters Loy, wo die Meuterei ausgegangen, wurden u. a. 17 Mann getödtet." Maria Sidonia Brömser von Rüdesheim, die Mutter von Hermanns I (131 K) 6 Söhnen und 5 Töchtern war bereits am 4. Mai 1619 gestorben und in der Katharinenkirche zu Oppenheim beigesetzt. Ihr kunstreiches Epitaphium, in Marmor und mit bunten Farben leicht angelegt, hat sich an der Nordseite der Stadtkirche zu Kronberg erhalten. Das frühzeitige meistens gewaltsame Ende ihrer 6 Söhne trägt die tragischen Züge eines finsteren unausweichlichen Schicksals. Brömserburg in Rüdesheim. 3. Johann XV Walter (135 K), Sohn Hermanns I (131 K), geboren 1607, den wir als Zögling des Erz- bischofs kannten, fiel „in der Leipziger Schlacht als Kais. Maj. Offizier;" also bei Lützen (1632). 4. Hartmut XIX (136 K), geboren am 18. September 1608, ward erzogen auf ehemaliger gräflich Leiningensche Schule im aufgehobenen Augustinerkloster Höningen bei Grünstadt, Rheinpfalz. Unter einem auf einer Tafel gemalten Cron- bergischen Schild, las Oetter 1763: „Anno 1621 montag den 24 September ist des wohledelen und gestrengen Hermans von und zu Cronbergk und weiland der auch wohledelen viel Ehrbaren und tugentreichen Frauen Annae Sidoniae gebohrene Brömserin von Rudesheim wohlseligen Sohn Hartmut in dem Wandgemälde in der Kapelle auf der Brömserburg, Rüdesheim. Hartmut XIX ermordet. Brömserburg, Rüdesheim. 587 Gimnasio zu Henningen von etlichen daselbst eingefallenen Neapolitanischen Soldaten, als er sein Gebett kniend und mit gefaltenen händen verrichtet, mit dreisig Stilet Stichen unschuldig und gantz jämmerlicher weis ermordet und folgenden tags obern orth Christlich zu erden bestattet worden, seines alters 13 Jahr und 6 tag, dem Gott ein fröhlich ufferstehung gnädeglich verleihen wolle amen." Decke im Prunkzimmer der Brömserburg, Rüdesheim. Diese Soldateska hatte der Kurfürst Johann Schweikard durch seinen Neffen Adam Philipp zum pfälzischen Rachewerke aus den Niederlanden herbeigerufen. 5. Melchior Hermann II (137 K) war ligistischer Offizier. Am 6. Oktober 1626 klagt seine Frau Susanna Maria, geborene Treusch von Butlar: „ihr Mann sei beim Kriegswesen in Braunschweig (unter Tilly); sie selbst habe seit einem halben Jahre nicht gehört: ob er todt oder lebend sei? (Schlacht bei Lutter am Barenberge, 27. August 1626). 588 Philipp XII f 1640 „der Letzte seiner Linie." Wandgemälde in der Brömserburg. 6. Walter XVI (138 K) geboren 1613, Domicellar in Mainz 1621, Canonicus zu St. Alban 1624, stirbt am 12. Mai 1629 an der Pest, beigesetzt im Domsumgange nahe der Thür des Konvents der Kapitulare. 7. Walter XVII (139 K) wurde 2 Jahre alt, 1616—18. 8. Philipp XII (140 K) wurde 1640 zu Mainz im Duell erschossen; „der Letzte seiner Linie." Von Hermanns fünf Töchtern war Maria Margarethe mit Peter Christian von Bettendorf verheiratet; sie, höchst wahrscheinlich, brachte das Familienbild von 1549 in das uns schon bekannte Bröm- serhaus zu Rüdesheim. Es war ein grosses reiches Haus, in das die Kronbergerin einzog. Jetzt ist fast alles zerstört. Aus den Zeiten der zwei Kronberg-Brömserschen Ehen haben sich einige, von Goethe kurz erwähnte „zwar merkwürdige aber unerfreuliche Reste aus dem sechzehnten Jahrhundert" erhalten, vor Portrait Hartmuts XVIII, Stadtkirche allem im östlichen Teile dem jetz- Kronberg. jg en Armenhause die sehr schätzenswerten Wandgemälde aus den Jahren 1558 und 1559. Die Stadt lässt sie gegenwärtig restauriren. Die dabei entdeckten Initialen des Malers: I.R.W.M. sind noch nicht entziffert. In der kreuzgewölbten Burgkapelle ist das bedeutendste: Golgatha mit den drei Kreuzen. Daneben über der Thür zu einer kleinen Sakristei wacht hinter einem gemalten Gitter eine gemalte Katze, als Sinnbild der Haustreue. Im anliegenden ehemaligen Prunkgemache ist die achtrippig kreuzgewölbte Decke mit Wappen und Grotesken reich verziert, auf der dem Fenster gegenüberliegenden Wand zeigt sich eine Jagd: ein aufgerichteter Bär verteidigt sich gegen Jäger und Hunde; alles in lebhaftester Bewegung. Brüderduell, 1668. Letzteres Bild wiederzugeben war wegen der Malerarbeiten untunlich; das Gewölbe wird hier in seiner Hälfte vorgeführt. Das Duell der Söhne Johann Daniels I (122 K), der unter der Ebernburg in der Nahe ertrank. 1. Hartmut XVI11 (133 K) Nur als Besitzer von Hohlenfels und Iben sowie als konfessioneller Widerpart der gräflichen Linie in der Ganerbschaft wird er genannt. Er lebte zu Iben und starb unverheiratet im Jahre 1685. Sein Brustbild findet sich in der Stadtkirche zu Kronberg. 2. Johann Daniel II (134 K) starb nach 1668 unverehelicht. In den frankfurter Regesten wird, aus dem Jahre 1668, eine Beschwerdeschrift des Johann Daniel von und zu Cronberg gegen Kurpfalz erwähnt, „wegen anmassender Criminal- Jurisdiktion über ihn wegen des, occasione eines mit seinem Herrn Bruder gehaltenen Duells, von ohngefähr erschossenen Knechtes auf seinem frei-adligen territorio zu Yben, und dessfals an ihn erlassenen Zitation." Leider sind alle Bemühungen: dieses merkwürdige Stück wieder ans Licht zu fördern, vergeblich gewesen. Duell der Brüder, Hartmuts XVIII und Johann Daniels II zu Iben, 1668. III. Des Reichsgrafen Kraft Adolf Otto musterhafte Regierung und rühmliches Ende, 1650 bis 1692. RAFT Adolf Otto, geboren am 29. September 1629, wurde gegen Ende des Jahres 1650 volljährig. Er zeigt sich als eine fast in jeder Beziehung unerfreuliche ja! abstossende und entartete Natur, ein kleinlicher schwächlicher, hochfahrender, grausamer Dorftyrann, verwildert in Seele und Sitte; der schroffe Gegensatz seines kraftvollen, ritterlichen, treuherzigen Vaters. Nachdem er 1651 die Burgfrieden beschworen und Besitz von der Mitregierung in Kronberg ergriffen hatte, eröffnete er diese also: Der evangelische Kirchbaumeister (Vorsteher) hatte in ein Haus zu Kronberg geheiratet, das der junge Graf selbst beanspruchte, „gleichwie nun aber der Eheteufel allezeit seine hellische Capell neben den Gotteskirchen zu bauen pflegt, also hat er auch in hoc contractu matri- monii nicht gefeyert, und ist leyder geschehen, alss der Herr Graw den 31 Mai 1651 von seiner Reisse wieder allhier gen Cronberg angelangt und von allem Kundschaft gehabt, ist er, auf anhetzung böszer Leuht balde hernacher mit seinem Gesinde in grosser Furi zum thor hinauss geritten, den possessorem und Kirchenbaumeister in seiner Feldarbeit mit Fleiss gesucht, gefunden und dermassen überfallen, dergleichen von keinem tyrannen noch feind im ganzen Kriegswesen biss- hero diessesorts je gehöret oder erlitten worden, in massen dann der Herr Grawe vor seine person solchen unschuldigen frommen und ehr- Misshandlung des evangelischen Kirchenvorstehers in Kronberg, 1650. 591 liehen menschen erstlich dass pistoll mit aufgeschlagenem hahnen uf dass hertz gesetzt, hernacher aber, bey abwehren seines secretarii Sartory, die Reitknecht von den Pferden absteigen lassen, welche ihn — den Kirchbaumeister — an einen bauhm binden sollen, aber so balde keinen haben können, erstlich in eine finstere Buszgagi (Boscage) geführt, hernacher ihme den Rock mitsambt dem Hembt mit gewaltt in aller Furi vom Leib abgerissen, die hände und arm hinden auf den rücken gebunden, ihn niedergeworffen, mit füssen getretten und mit ausgerauften Zaunstecken, nach der gebrauchten Carbatzen (Hundepeitsche), von dem haubt bis zu den fuszsohlen dergestalt mit gantzer macht uf eine halbe stunde lang geschlagen, dass man ess in dem gantzen Cronberger feldt mit Jammer gehöret, wie theilss Verstreute leuthe uf dem feldte nicht gewusst, was es gewesen, sind jedoch darüber mit verlassung aller ihrer arbeit, alss auch getragenem grass, nach dem thor gelaufFen; vor solchem haben die schlagenden ein wenig pausirt, und den Zerschlagenen re- spiriren lassen, hernacher aber de novo ferner vortgeschlagen, biesz sie auf speziel befehl ihres herrn principalis in etzlichen hundert schlage dem armen menschen gegeben, der unschuldig vor todt dagelegen, deme der Herr Graw noch mit Carbatzen die letzten streich gegeben und gesagt: er wolle ihn nun vollends niddermachen; der Hund däuchte doch nichts und erschiessen wolle er ihn , so er sich noch einmal im Haus würde antreffen lassen; item er habe dergleichen Hunde noch mehr in der Stadt, wollte solche gleichergestalt tractiren." Nun gingen die berechtigsten Beschwerden an die Ganerben, nach Darmstadt und von dort nach Wien; ihrer dreissig Gravamina: Der Grawe habe den Oberschultheiss und einen Rathsverwandten braun, blau und blutrünstig geschlagen; er verwüste die Waldungen und lasse Burgermeister und Gerichtsschreiber mit Ohrfeigen molestiren; er überfahre die Wächter an den Pforten; er lasse denen Pfarrherren die „Dauben" vom Dach schiessen; und so fort. Ob und wie gegen diesen liebenswürdigen jungen Dorftyrannen ernstliche Justiz geübt worden?— erfahren wir leider nicht. Allerdings ersuchten ihn die Junker Hartmut XVI11 und Hans Daniel II: „sich des Prügeins, Bastionirens, Maulschellirens, Einziehung bürgerlicher, ja sogar unmündiger Kinder Güter, auch Vorenthaltung des Pfarrzehntens zu enthalten, und sich darüber kategorisch zu erklären, wiedrigenfalls 592 Kämpfe mit der ersten Frau, 1653. wir gezwungen sind, die behörigen Manutenenzmittel in die Hand zu nehmen." Das geschah um eine Zeit als der Ackerbau brach lag, der Bauer verarmt war, und dazu vom Gutsherrn, der selbst nichts mehr besass, mit Fronen und Abgaben überlastet wurde. Die Kronberger sagten sich wohl im stillen: „jungen Edelleuten und jungen Sperlingen muss man bei Zeiten die Köpfe eindrücken." Sie hatten aber damals noch nicht den physischen Mut zum Widerstande, wie ein Jahrhundert später. Im Jahre 1653 vermählte sich der junge Herr, dessen Erziehung bei der Mutter Markgräfin und dem Stiefvater offenbar misraten war, mit Maria Franziska, Gräfin von Oettingen-Baldern. Schon kurze Jahre darauf bittet diese den Markgrafen Wilhelm von Baden um Schutz gegen ihren Ehemann, der sie körperlich mishandelt hat und vor dem sie Leib und Lebens nicht sicher ist. Im Jahre 1660 und 1661 geht sie ihren Vetter den Grafen zu Fürstenberg um Beistand an. Sie betreibt ihre Scheidung weil eine Besserung ihres Mannes nicht zu erwarten sei; sie erwirkt kaiserliche Befehle an diesen: „seine Schwiegermutter, Frau und Sohn nicht weiter zu verfolgen." Der Scheidungsprozess wird einige Jahre vor dem Erzbischofe von Mainz geführt. Im Jahre 1667 bewegt der Bischof von Augsburg die getrennten Ehegatten zur Versöhnung. Indessen vergebens. Die Frau trägt 1669 beim Reichskammergerichte vor: „Sie könne ihre vertragsmässige Wohnung auf Burg Kronberg nicht benutzen, da dort ihr Gegner, der in Böhmen zu bleiben verpflichtet sei, sie und ihre Frauenzimmer mit wörten und werken auf das allerübelste tractirt, mit Halsbrechen und mit Fenster herauswerfen betrohet" habe .... Auch stehe er in Verdacht, seine Schwiegermutter haben vergiften zu wollen; sie sei auch schwer krank gewesen. . . . Dass die Fehde eine tötliche war, bis über das Grab hinaus, ersehen wir aus Krafts letztem Willen, der am 16. Juli 1669 aufgesetzt ist. Kraft Ottos letzter liebevoller Wille, 1669. 593 Die vier Kinder aus dieser unseligen Ehe waren damals bereits wieder gestorben. Für seinen kinderlosen Todesfall setzt er zu Erbinnen ein: 1. Seine Mutter und die zwei älteren Schwestern, „dochergestalt, dass sowohl unsere Fraw Mutter Gnad, als auch unsere beiden Schwester Liebden mehrers nicht als einer jeden das Pflichttheil soll gefolget werden. Warumb wir aber dieses also zu verordnen gemüsset werden, ist an hochlöbl. kais. Kammergericht zu Speyer und nicht weniger bei dem königl. französ. Parlament zu Metz bekannt, also weitläufig auszufahren ohnnöttig." 2. „Ferner setzen wir zur Erbin wohlbedächtlich ein: die auch hochgeborne unsere dritte und liebste Schwester, Mariam Dianam Freifrau von Söttern." 3. „Die auch hochgeborene Maria Francisca Gräfin zue Cronberg, geb. Gräfin zue Oettigen, unsere Gemahlin (haben) durch . . Ihr Liebden Frau Mutter verlauten lassen, dass sie nun in das siebente Jahr von uns ausgesetzt und uns verlassen, allerorten diffamiert, mit unerhörten Iniurien, sogar mit Beschuldigung ihr beigebrachten Gifts;" was Kraft leugnet und „deshalben den gerechten Gott zum Richter und Rächer angerufen haben wollen, und uns hierdurch zum höchsten beschwert. Ueber das, uns noch ferner zu verschimpfen, auf unser Herrschaft Po- ritschen im Königr. Böhem bei der köngl. Landtafel zue Prag einen Arrest gesucht, und ferner dabei erhalten dass die . . . Ehepacta der königl. Landtafel einverleibt worden so" — sei er befugt •—■ „die in oftgedachter Heirathsabred begriffene Clausul, kraft deren unsere Gemahlin zur Universalerbin ernannt worden, wieder abzuthun . . ., auch Witthumb und Wiederlag betref; allermassen dann sie, unsere Gemahlin, ... die Ehe nicht continuiret, zue mäniglichs Aegernis uns verlasset in unwiderbringlichen und ewigen Schaden gestürzet, unseres Hauses Untergang gesuchet . . . unser . . angewandte Sorgfalt und Kosten . . . zur Erhaltung der Wiederversöhnung verworfen und verächtlich gehalten." . . Sie soll daher von „einiger Verlassenschaft . . gänzlich . . . ausgeschlossen bleiben." Concubina cum tribus prolibus in arce Poricense, 1670. Weshalb die Gattin nicht zurückkehrte, ergiebt folgendes Aktenstück aus dem erzbischöflichen Archive zu Prag, vom 27. Januar 1670. „Relatio e cancellario archiepiscopali de comite de Kronenburg, qui in arce Poricensi concubinam adul- teram cum tribus prolibus fove- at, commonefactus saepius ut, ob scandalum enorme tali latae vici- nitati, personam amoveret. Pro- mittit, sed non stat promissis." — Im Jahre 1686 treten alsdann „Adolfus junior de Cronberg und die virgines Eleonora und Franziska de Cronberg" in der „Matrik" der Pfarrkirche für Kronporitschen öfters, im Jahre 1688 sechsmal, als Taufpathen auf. Nur die älteste Tochter erkannte Kraft an, legi- timirte sie und verschrieb der Mutter 12,000 Gulden. Im Jahre 1686 starb Krafts Gattin in der Trennung; folgen- denjahres heiratete der 57jäh- rige Wittwer die 26 jährige Gräfin Charlotta Eleonora von Sayn und Wittgenstein. Kraft Adolf Otto verbrachte sein Leben in Güterverkauf, Streitigkeiten und Prozessen mit aller Welt. Der Krieg mit den Vettern Hartmut XVIII (133 K) und Johann Daniel II (134 K) „die sich vor die regierende Junker zu Cronberg Eschborn und Nörings titulirt," beginnt bereits 1654. Sein Vater hatte ihm zugleich mit dem grossen Besitze eine beträchtliche Belastung desselben hinterlassen. Krafts Vormundschaft hatte die Erbschaft nur cum beneficio angetreten; dennoch klagt der Sohn Kronbergerhof, Mainz, Gymnasiumsstrasse. Güterverschleuderung seit 1660. Krafts lebenslänglicherKampf um Hohengeroldseck. 595 später: er habe 120,000 Gulden für den Vater bezahlen müssen. Im Jahre 1660, am 23. Juni tauscht er die kurmainzischen Güter in Münster, Liederbach, Stierstadt, Oberhöchstadt und Schönberg gegen das kron- bergische Städtlein Wörth im Oberstifte Mainz ein. Schönberg hatte damals 5 mainzer Untertanen, Oberhöchstadt deren 21 und 1 Wittfrau. Im nächsten Jahre 1661 verkauft er den Kronberger Hof zu Mainz, in der Gymnasiumsstrasse (hinter dem Theater) gegenüber dem Predigerkloster gelegen, jetzt Gymnasium, um 5000 Thaler an das Erzstift. Durch diese fast 40 jährige prozessualistische Thätigkeit war Kraft tief in eigene Schulden geraten. Seine Vermögensverhältnisse erscheinen äusserst verworren. Die Güter zu Höchst, Aschaffenburg, Oppenheim, Ladenburg waren nach und nach verkauft. Andrerseits schuldete ihm das Stift Mainz angeblich 32,000 Gulden. Mit dem Landgrafen von Hessen liefen Jahre hindurch (1673—80) Verklagungen bei Kaiser und Reichsgericht über die Anwendung des Jus Reformandi auf Kronberg. Es wird in dem Schriftenwechsel unendliche Theologie und Jurisprudenz in Gestalt von Tinte vergossen. Kraft lebte bald in Böhmen, bald in Kronberg, nachdem er seit 1680 seinem Vetter Johann Nikolaus, dessen Anteil an der Nutzung von Burg und Stadt gegen eine Rente abgepachtet hatte. Die Wohngebäude des Stammsitzes zerfielen Tag für Tag mehr; alle Reparaturen waren unterlassen wegen der anhaltenden Streitigkeiten unter den Vettern. Wer irgend konnte, hatte auswärts gewohnt, für sich allein. Communio est mater rixarum. Der hauptsächlichste, sogar lebenslängliche, gerichtliche Kampf Krafts drehete sich um die Herrschaft Hohengeroldseck. Am 26. Januar 1634 war der letzte Graf Jakob von Geroldseck gestorben, der Fall der kaiserlichen Lehnsexpektanz auf diese kleine Reichsgrafschaft also eingetreten. Einstweilen erhielt sich seine Tochter, die verwittwete Gräfin Anna Maria zu Solms, ungestört im Besitze „bis das ihr gebührende Eigenthum davon wäre abgesonderet worden." Der kaiserliche Lehnsherr trat dem nicht entgegen; sofortige Besitznahme der Herrschaft war also für Adam Philipp und seinen minderjährigen Sohn nicht wohl ausführbar. Als aber im Sommer 1635 die Kaiserlichen unter Gallas bis über den Rhein vordrangen, ersahen des neuen Grafen von Cronberg und Kampf um Geroldseck, lebenslänglich. Hohengeroldseck Vormünder die Gelegenheit zur Entsetzung der Allo- dialerbin, deren verstorbener Gatte, Graf Friedrich Solms, schwedischer General gewesen war: „In dem September des Jahres 1635 aber schlugen auf einmahl alle Wetter über dieser in dem betrübtesten Wittwenstande lebenden und auf allen Seiten verlassenen Erbtochter zusammen. Zu der Zeit, als der General Gallas ein starckes Kriegsvolk nacher Burgund führte und mit demselben drei Tage lang bei der Stadt Lahr stehen bliebe, brachte der Graf von Cronberg .... es dahin, dass die Oesterreichische Regierung zu Breisach den Schluss fassete, ihn in solche Lehne (Hohen- geroldseckische) einzusetzen. Dasselbe wurde der Frau Wittib den Abend vorher bekant gemacht, als es den Morgen darauf geschehen solte. Sie hatte also nicht die allermindeste Zeit sich zu fassen, sondern muste alle Augenblicke anwenden um ihre Person . . . nach Strassburg in Sicherheit zu setzen; .... nicht nur die Lehne wurden ihr entrissen sondern auch alle und jede Allodien Das wäre hart, aber zu damahligen Zeiten gegen die verlassene Wittib eines General, der unter den schwedischen Völkern gedienet hatte, eben nicht unerhört." . . Die Erbin Wittwe Solms blieb nicht lange hülflos: „Die Thränen, welche durch dieses Verfahren des Cronbergkschen Vormundes der Wittib ausgepresset wurden, waren nebst aller der Mühe, so sie sich zu ihrer Rettunge gäbe, in solang fruchtlos, bis sie, 1644 durch die anderweite Heurath mit Marggrav Friedrich dem V zu Baden (Durlach) einen mehreren Schutz bekäme." — Sie starb am 25. Mai 1649 und hatte ihren Gemal zum Erben eingesetzt. Dieser erwirkte im Westphälischen Frieden einen § De Baronatu Hohengeroldseck: „dass man die Sache „binnen zweien Jahren" untersuchen sollte, und man alsdann die Frau Marggrävin ihr Recht darthäte, alsdann die Allodien mit allen Abnutzungen, nebst der Ersetzunge aller Kosten und Schäden, derselben eingeraumet werden sollten." Der „Marggrav Friedrich hatte selbst bei denen Friedenshandlungen die Urkunden übergeben, welche die Allodien sofort ausfindig machen." Damit war also der Klaganspruch liquide; dennoch dauerte der Streit bis zu Kraft Kronbergs Tode 1692 und vererbte auf seine Lehnsnachfolger: die Freiherren von der Leyen. Man hatte nämlich in Osnabrück vergessen: den „competirenden judex" das Gericht zu bestimmen, Damalige Reichsjustiz. Kraft Otto als Oberst. 597 vor dem die Sache verhandelt und entschieden werden solle, und lediglich durch diese vom Kammergerichte an den schwäbischen Kreis- ausschuss abgegebene, dann vor Kaiserlichen Kommissarien und vorm Reichshofrath hin und hergezerrte Zuständigkeitsfrage wehrte Kronberg, mit erzherzoglich österreichischer Unterstützung, die Herausgabe des Eigentums über vierzig Jahre lang erfolgreich ab. Der Kaiser Leopold I war allerdings gerechter gesinnt. Im Jahre 1667 erkannte er eine Commission und einen Verhandlungstermin. Im folgenden Jahre hat er „nicht ohne Befremden vernehmen müssen, dass hiezu deinerseits kheine Vollmacht erteilt worden." Er lässt einen neuen Termin ansetzen, dabey wir uns gnädigst versehen, du werdest . . . auch dich im übrigen nicht wie vorhero beweisen und eraignen," sondern Vollmacht bestellen. Cronenberg aber wusste die gerechteste Absichten dieses Kaisers zu vereiteln. Ja, er wusste sich sogar in den Stand zu setzen: als Landesherr die Burg Hohengeroldseck gegen den Allodialfeind (Baden) seines Lehnsherrn Oesterreich mit bewaffneter Hand zu verteidigen. Mit Patent vom 27. Oktober 1671 verlieh ihm der Kaiser, „in gnädigster Anlehung seines und seines Vaters und Vetters (Johann Philipps X) Uns und dem heiligen römischen Reich geleisten treuen Kriegsdiensten den Oberstentitel." Kaiserlicher Rat und Kammerherr war er bereits. Im darauffolgenden Jahre, 1672, wurde seine Mutter, die verwittwete Markgräfin von Baden, darum bittlich, dass ihr Sohn „wirklich accomodieret" und ihm „ein Regiment conferiret werde." Dieses bescheidene Gesuch wurde indessen allergnädigst abgelehnt. „Im Jahre 1674 wurde die Verlegung einer kaiserlichen Garnison nach Hohen-Geroldseck beschlossen und über Gutachten des Hofkriegsraths dem Obristen Grafen Cronberg, auf Grund seines Lehensbriefes, in welchem er „ewig Oeffnung gegeben" das Commando anvertraut." Nach langen Verhandlungen wurden dem Grafen Cronberg, 1678, 150 Mann „kaiserliche Völker" zugewiesen; die von ihm, „wegen Feindesgefahr" erbetene Werbung einer Compagnie Dragoner wurde jedoch als „bedenklich" nicht gestattet. Vermutlich lag das Bedenken in Krafts militärischen Qualitäten. Als mit seinem Tode Hohengeroldseck durch Neubelehnung an die Freiherren von der Leyen fiel, erbten sie den unausgetragenen Streit mit den Allodiaierben; insbesondere auch sämmtliche „exceptiones fori." 38 598 Kraft f 9. April 1692. Seine schöne und wahre Grabschrift Erinnerungen irgendwelcher Art an diesen vorübergehenden Herrscher und Reichsvasallen haben sich weder in der Burg Hohengeroldseck noch im Archive der benachbarten Stadt Lahr erhalten. Wegen Flörchingen hatte er am 31. Dezember 1681 dem Könige von Frankreich einen Lehnsrevers ausgestellt. Wegen der Herrschaft Poritschen hatte er 1657 das böhmische Incolat erworben und war „zum Landmann des Erbkönigreichs Böhmen aufgenommen" worden. Dort hat er auch seinen ständigen Wohnsitz genommen und ist, nach dem Kirchenregister, am 9. April 1692 plötzlich verschieden. In der Pfarrkirche zu Klattau (Böhmen), fand sich im Jahre 1714 folgendes Grabdenkmal vor: Sepultura Illustrissimi Dni Dni Craft Adolphi Ottonis, S. R. J. comitis in Cronberg, Alto - Geroltzeck et Falkenstein, liberi baronis in Oberstein, Dni in Poritsch, Borbei, Flörchingen et Abenheimb. Quem ex antiquissima prosapia Magnanimo Belli Duce Patre oriundum eidem nec animo, nec virtute imparem Annus 1629 29. Septembris amplexus nascentem Eidem Annus 1692, 1. Aprilis fatalis erat, nempe septies novenus in Aprilem a morte ductus est. Sed semper floridum aeternitatis mortuum tarnen non putato. Qui amore in Cognatis, fama in orbe, ania in caelo vixit Exemplarissime enim ; ut vixit, ita mortuus. Disce bene vivere et mori, Viator, Animaeque bene precare. Hier liegt Crafft Graf Cronenberg O Maria, den Verberg, der sein Herz Dir hat gegeben Hofft durch Dich des Himmels Leben. ist nur noch in Abschrift erhalten. 599 „Diese Schriften seind auf einem sauber-geziert-zinnernen Epitaphio mit schwarzen Buchstaben exprimiert; ganz oben auf besagten Epitaphio ist das gräfl. Cronbergisch ganze Wappen von Zinn mit seinen eigenen Farben übermahlet, darbei sitzen zwei Kindlein und ist auf einer jeden Seiten eine zinnerne Standar mit des verstorbenen Grafens verzogen und gekrönten Namen. Unten am Epitaphio hanget an silbernen Kettlein ein silbernes Herz, wie auf dieses Blatts anderer Seiten zu sehen; darinnen ist das zu solchem Ende gedörrete Herz Craft Adolph Grafens von Cronberg eingeschlossen. Das ganze Epitaphium aber hanget an einer steinernen Gewölbsäul unweit des hohen Altars auf dessen Evangelii- seiten in der Pfarrkirchen der königl. Stadt Glattau; der Körper dieses Grafens ruhet unweit davon in einem eigenen Gewölblein gleich vor dem hohen Altar, und lieget über diesem seinen Grab ein feiner Stein, in dessen Mitte das Graf-Cronbergisch ganze Wappen von Metall gegossen, jedoch ohne Schrift zu sehen. Der Leichnamb ruhet in einem schönen, zu Prag gemachten 9 Centner und 30 Pfund schweren Sarg von Zinn, so 668 fl. gekostet haben solle." Wer die Würdigung des Verstorbenen in den acht letzten Reihen des Epitaphiums zu verantworten hat, ist unbekannt. Er selbst hatte sich bereits 1677 auf einem Nebenaltare in der Burgkapelle zu Kronberg mit einem einfachen Stiftungsschilde der Nachwelt anempfohlen; Oetter sah es noch im Jahre 1763. Am 12. Mai 1692 ergreift Johann Nikolaus (141 K), der letzte Lebende der Kronberge, von seines Vetters hinterlassenen Lehnen Besitz, jedoch vorbehaltlich des Beneficii Legis et Inventarii, da der Erblasser schwer verschuldet war. Die Wittwe war ihm jedoch auf dem Stammsitze zuvorgekommen. Nun entspann sich abermals in der alten Väterburg folgender kläglichergötzlicher Kampf: Notariatsinstrument vom 12. Mai 1692. Nachdem dennen hochgräfliche Cronbergischen Oberamtmann und Räthen glaubhaft angezeigt worden, dass uff vorhergegangene heutfrühige Abreiss dess hochwohlgeboren Herrn Johann Nicolaus, Freyherrn von und zu Cronberg, Herrn zu Holenfelss, Alten Baumberg un yben, Seiner Freyherrlichen Gnaden dessen alhier gelassene beede Keller, Herr Johan 38* Johann Nikolaus ergreift Besitz von Kronberg. Sebastian Staubig und Herr Johann Benedict Musculus diesen Nachmittag mit sechs bewährten (bewaffneten) Sr. Hochgräflichen Gnaden, der verwittibten Fraw Gräfin von Cronberg und Hohen Geroidseck etc. gebohrenen Gräffin zu Seyn und Wittgenstein und dero Leibesfrucht verpflichtete Cronberger Bürger und Unterthanen, das hochgräfliche Die Freiherrlichen und Gräflichen nehmen beiderseits Besitz von der Burg. Schloss zu Cronberg eigenes gewalts occupirt und eingenohmen, mit dieser Wacht das Schloss inwendig bestellt, dem krancken Schloss Thorhüter auss seinem (vom Grafen), kurtz erbauten Thorhäusslein mit den seinigen aussgeschafft und Verstössen, von Ihme die Schlossschlüssel bey Commination dess würklichen Einthurmens erzwungen und einen anderen Pförtner oder Schloss Thorhüter hineingesetzt, so ist . . . nach gepflogenen Rathschlag Seiner Excellenz (?) Herrn Doctoris Franss Ambross Gerardi (Gräflich Cronbergscher Rath und Anwalt der Wittwe) — im Oberamthauss die Westerburg genannt — beraten und zusammen auffs Schloss gangen undt als wohlehegemelter Herr Doctor Kampf der Wittwe gegen die Lehns- und Allodialerben. 601 Gerardi das Schlossthor zugemacht gefunden, dasselbe aufgemacht zu haben begehrt, so aufgemacht worden; alss Er nun inwendig die ar- mirten sechs Burger befunden und solche befragt, was sie da mächten und wer sie so keck mächte, in Ihrer gnädigen Frauen Residenz mit Gewehr zu gehen, haben sie geantwortet: „sie hätte es müsse thun, Ihre Herrschaft hatte es Ihne also befohle." Herr Doctor Gerardi antwortete Ihnen: „Sie wüsten ja noch nit, wer Ihre Herrschaft wäre, — sie solten sich von daher hinweg machen, wan sie nit wolten den Nahmen rebellischer Burger und Unterthanen haben." Sie sind aber . . . in ihren Poste geblieben. Herr Doctor Gerardi ginge weiter hinauff in den Schlosshof, da den beede obbemelte Keller auss der Küche (des Flügelhauses) die Steige herabkommen; alss Er Sie nun befragte, was Sie alhier vor und in der gnädigen Frauen Residenz zu thun hätten? haben sie geantwortet: „Sie sein von Ihren Herrn (dem Freiherr Johan Nicoiaus) befehlt, das Schloss zu occupiren." Gerardi erklärt darauf: die Wittwe habe Ansprüche wegen Fehnsmelioramente zu ersetzen, wofür das Schloss haffte. Die beiden Keller: „das Schloss gehöre ihrem Herrn." Darauf drohete Gerardi mit einem posthumus, „wann es auch nur ein Fräulein wäre." — Später behauptet die Wittwe: sie habe einen solchen erwartet. Sie sei aus Böhmen zugereist weil ihr gesagt worden: „das Kind müsse in Deutschland geboren werden." Auf der Reise sei ihre Hoffnung zerstört worden. — Nun folgen Protestationen und Re- protestationen in der damaligen feingebildeten, auf das zierlichste ausgeputzten endlos wiederholenden Juristensprache. „Ist Gerardi ins Schloss hineingegangen, hat in der sogenannten grünen Stube den kranken Thor- hütter auf der Erde liegend gefunden, welcher sich beklagte, dass Ihne auch auss dem Schloss gebotten seyn; denselben getrost und demnach wieder herauss gegangen." .... Nach fernerem Wortgefecht ist er abgezogen mit der Erklärung: „Dieser Schändung der herrschaftlichen Residenz müsse anderster geholfen werden." Im Fortgehen hat der Keller Staubig dem Notar „weillen mich bei diesem actu protestationis gebrauchen lassen, zu prügeln comminiret." Notarius aber verwies auf seine Amtspflicht. Die Gräfin Cronberg hatte vielerlei Mobiliar nach Cronberg eingebracht gehabt: Kostbarkeiten, reichen Hausrath, Edelsteine, Silberzeug. Sie scheint dort zeitweise residirt zu haben. Sie verlangte die Herausgabe; nicht minder hatten die Testamentserbin Frei- 602 Inventarium über Krafts Nachlass in Kronberg, 16. September 1692. frau von Sötern und der Lehnserbe die kaiserlichen Gerichte angerufen. Es wurde daher am 16. September 1692 ein „Inventarium über die Verlassenschaft weylandt Graff (Kraft) Adolph Otto, Graffen zu Cron- berg etc. beschrieben, vor der hierzu angeordneten Kaysserlichen aller- gnädigsten Commission, in praesentia der Herrn Eigenthumbs- und Lehens Erben Gevollmächtigten." Das noch vorliegende Instrument giebt mit seltener Vollständigkeit eine Uebersicht von allem und jedem Mobiliar, das im Schlosse und den Nebenhöfen ausreichend, wenn auch veraltet, vorgefunden war. Insbesondere werden zahlreiche Familienbilder und andere Gemälde aufgezählt. Leider sind sie sämmtlich unrettbar verschollen. Das Inventar ist indessen allzu umfangreich um es dieser Erzählung einzuverleiben; es muss daher an anderer Stelle veröffentlicht werden. Der bereits genannte Dr. Gerardi, Ratgeber der Wittwe, hatte sofort nach Krafts Tode für sie heimlich aus Burg Kronberg Silbergeschirr und andere Kostbarkeiten, auch Briefschaften, nach Frankfurt entführt und dort für etwa 2000 Gulden versetzt, die er der Wittwe abgeliefert. Das bekam ihm jedoch, den zwei anderen Parteien gegenüber, sehr schlecht. Johann Nikolaus, Gerichtsherr und Obrigkeit in Kronberg, Hess den Dr. arretiren und festsetzen, bis er das Silber wieder herbeigeschafft haben werde. Nur aus Rücksicht auf seine notleidende Familie wurde er baldigst begnadigt und freigelassen. Zunächst prozessirte jetzt die Wittwe mit dem Vetter wegen eines Viertels der Erbschaft und mit der Schwägerin Sötern wegen ihrer Mo- bilien, ihres Eingebrachten und Wittums. „Sie machte," sagt das Reichskammergericht, „einige wiewohl recht alberne praetensiones." Es muss ihr kläglich ergangen sein, denn 1696 verlangt sie, „in Ansehung ihres Nothstandes eine Unterhaltungs-Kompetenz während des Rechtsstreites. Sie könne das Kostgeld in Frankfurt nicht mehr zahlen und fürchte, „herausgesetzt" zu werden. Die Erben hatten ihr einstweilen alle Unterhaltungsgelder verweigert. Der Erbschaftskommissar gewährt ihr einen Vorschuss von 200 Gulden. Was sie erfochten, ist unbekannt. Sie starb am 4. April 1714 zu Wien, erst 48 Jahre alt. Auch die zwei älteren Schwestern des Erblassers, seine Gläubiger und seine natürlichen Kinder gerieten untereinander und mit dem Lehnserben in Streit. Es wurde deshalb eine Commission „wegen Regulirung Aermliches Ende der Wittwe und der natürlichen Kinder. 603 des Nachlasses" eingesetzt. Diese verkaufte in grossem Maassstabe allodiale Grundstücke: 480 Morgen Feld vor Eschborn; 270 Morgen Wald vor Oberhöchstadt; einen schönen, vom Kurfürst Schweikard erworbenen Hof zu Geisenheim. In Cronberg wurden folgende Immobilien veräussert: 12 Morgen verdorbener Weinberg; Vk Viertel wüste Placken; ein Kastanienstück nebst 2 Morgen schlechten Weinberg; ein alter zerfallener Stall, 11 Morgen schlechte Aecker, 9 Morgen verdorbene Wiesen, das dach- und baulose Haus, der Rodehof genannt; der Unterhof zu Cronberg. Poritsch in Böhmen, 100,000 Thaler wert; Flör- chingen in Luxemburg; über 12,000 Dukaten Silbergeschirr kamen an die Schwester. Von Krafts natürlichen Kindern heiratete die älteste legitimirte Tochter einen Herrn von Gillern. Zur Allodialerbschaft wurde sie vom Reichshofrate nicht zugelassen. Sie und ihre Schwester Franziska lebten noch 1728 in tiefster Armut zu Frankfurt. Der, nicht anerkannte, Sohn „Adolfus junior" trat, unter dem Namen: von Cronenberg, in kaiserliche Dienste. Er starb, 1738, als Kommandant von Orsowa, unter dem Feldmarschall Graffen Seckendorff, im Gefängnisse zu Belgrad — wegen Kapitulation der Festung — und wurde „so der undankbaren Niedertracht des Wiener Hofkriegsraths entzogen." Soviel wissen wir von des Grafen Kraft unwürdigem Leben und elendem Ausgange. IV. Johann Nikolaus, 1633 bis 1704. Heute noch Kronberg und nimmermehr! LS letzter Nottrieb am alten Stamme der Kronberge und als Erbe aller Gesammtlehne und Stammgüter blieb 1692 nur der, damals neun und fünfzigjährige, unverheiratete Freiherr Johann Nikolaus (141 K) auf Hohlenfels übrig, der einzige Sohn Johann SchweikardsII (124 K) und der Maria Agnes von Rodenstein. Sein ausgebreiteter Besitz hatte begreiflicherweise längst die Beachtung und den Anteil gefunden, den eine so seltene Erbschaft verdient. Schon im Jahre 1663 waren die Freiherrn von Walderdorff 7 zu Wien mit einer Expektanz auf die Reichslehne begnadigt. Sie traten ihre Aussicht 1664, als zwei Söhne Krafts vorverstorben waren und seine Gattin von ihm getrennt lebte, für baare 8000 Gulden an Kurmainz ab. Damals hatte der Landgraf zu Darmstadt Wind von der erzstiftischen Anwartschaft erhalten. Er wahrte deshalb dorthin feierlich sein Oeffnungsrecht in Kronberg aus dem Vertrage von 1541. Der kurmainzische Oberamtmann zu Königstein berichtet, 1693, darüber: „Johann Nicolaus von Cronberg wird das Schreiben vermuthlich dem Landgrafen an Hand gegeben haben, um den Ort dem von Darmstadt in die Hände zu spielen, hauptsächlich aus unzeitigem Eifer für die Religion und deswegen Aversion gegen das Stift Mainz. Johann Nicolaus hält sich selten zu Cronberg auf; die Bürgerschaft und Bediente dort sind sehr animos gegen die dort befindlichen Katholische. Erbexpektanten. Heiratsanträge. 605 Sie schonen sie aus Politik weil und solange der Herr Teutschmeister Commissionen in Sache der Teilung zwischen Graf Crafts Successoren und Allodialerben hat. Urkunden giebt Johann Nicolaus nicht heraus . . ist bei Jahren . . gedenket nicht zu heurathen und lebet gern in Ruhe." Man möge die jetzt in Kronberg liegenden kayserlichen Soldaten unter der Hand verstärken und dem kommandirenden kaiserlichen Offizier Instruktion für den Fall der Apertur geben. Eschborn sei ein nicht unwichtiger Besitz, denn die Geleit- Land- und Poststrasse von Königstein gehe durch das Dorf. Auch für Hohlenfels war bereits 1693 eifriger Wettbewerb beim Hause Nassau um die Lehnsexpektanz, namentlich von Seiten der Vettern Boos, deren Schloss Waldeck auf dem Hunsrück 1689 (von den französischen Mordbrennern) vielfältig damnificirt worden." Johann Nikolaus aber wollte seine letzten Tage in Ruhe ausleben. Er protestirte gegen jede Anwartschaft „damit bey meinen Lebzeiten, zu meinem nicht geringen Verdruss, mir niemand an die Seiten gesetzet werden mögte." Das sicher drohende Absterben des Geschlechts Kronberg beunruhigte die evangelische Partei sehr lebhaft, denn man kannte die Pläne und Wege von Kurmainz aus den Erfahrungen in Kronberg wie in Königstein sehr genau. Auch fiel damit ein hervorragendes Glied der mittelrheinischen Reichsritterschaft aus. Hierdurch erklärt sich die nachfolgende ernstliche Vermahnung an Johann Nikolaus vom Jahre 1694. Der Rath und Syndicus Vehling zu Friedberg beglückwünscht Johann Nikolaus, da — wie es heisse — dieser „beschlossen, sich in eine Heurath einzulassen. Wenn dem also und Sie sich in specie noch nicht engagirt hätten, wollte ich wohl des Herrn von Löwen tugendsame, fromme, demüthige, holdseelige und hausshalterische Fräulein dazu recommandirt haben. Sie werden ein gottgefälliges Werk verrichten, ein gut stück von dem gemeinen ritterschaftlichen Wesen conserviren helfen und die Religion in Ihrem Lande, die sonsten, wie bekannt, ver- 606 Aus Johann Nikolaus' Leichenrede. Plan der Burg Hohlenfels. loren ginge, befestigen, zumahlen dero Underthanen hiernach zu Gott inniglich seufifzen, zu geschweigen der braven Cronbergischen Familie, welche dadurch gleichfalls wieder fest stabilirt werden könnte. Aber es war zu spät. Johann Nikolaus' Dasein war ohne Zukunft. Schon lange vor seinem Ende war er bereits ein Toter. Wesshalb er seine Pflicht für die Fortpflanzung seines Geschlechtes nicht erfüllt hat, ergiebt sich vielleicht aus der Schilderung seiner Persönlichkeit, die in der Leichenrede aufbewahrt ist. „Geboren war er 1. Septb. 1633 in Altenbamberg, unterrichtet durch Hauss Präceptores, dann hohe Schul in Strassburg, Reisen in Holland, Engelland, Frankreich, Italien; über Wien wieder nach Haus. Churfürst Karl Ludwig von der Pfalz machte ihn, 1666, zum Oberamtmann in Germersheim. Als die ganze Pfalz in äussersten Ruin gesetzt war (bei der ersten Pfalzverwüstung durch Grundriss der Burg Hohlenfels, nach Piper. Ludwig XIV) ZOg er nach Holenfels, das ihm durch den Abgang der Ybischen Linie angefallen. Er baute es wieder auf und hob es in den jetzigen schönen Stand. Als 1692 Graf Craft Adolf Otto starb, fielen ihm alle Lehne zu. Kaiserliche, Reichs-Mainz-Trier-Worms-Churpfalz-Hessen-Nassau- Solms-Löwensteinsche." „Darüber hatte er beim Kammergerichte viel schwere Prozesse zu führen. Er war ein frommer gottesfürchtiger Herr. Sonntags Abend Hess er sein Gesinde geistliche Lieder singen. Wenn er ausgefahren, hat er das Geld ungezählt unter die haufen'weis um die Kutsche gekommenen armen Leute verteilt. Er hatte seit vielen Jahren einen „offenen Schaden" am Schenkel der ihn erschöpfte." Burg Hohlenfels. Eingang, Zwingerbau, Mantelbau. 607 Johann Nikolaus erbte die Burg Hohlenfels, 1685, von seinem Vetter Hartmut XV1I1 (132 K). Sie erhebt sich nahe von Hahnstetten in einem Nebenthaie der Aar, auf steilen mächtigen, mit tiefen Spalten und Höhlungen durchsetzten, steil abstürzenden Kalkfelsen. Von der Höhe ihres alten Turmes hat man eine weite Umschau über die Lahngegend, bis hinaus zum Taunus und Westerwald. Hohlenfels wurde erbaut, als nassauisches Lehen, um das Jahr 1360 von Daniel von Langenau. Die Burg bietet so viel ungewöhnliches u. bedeutendes in ihrer Anlage, dass eine nähere Besprechung sich lohnen dürfte. Die Grundzüge dafür sind dem ausge- zeichnetenWerke: Burgenkunde, von Otto Piper, München 1895,entnommen : Die nordwestliche f elsige Erhe- Bur § Hohlenfels, von Westen. bung a^b des Plans fällt, wohl durch Absprengung von Baumaterial, steil zum Burggelände ab. Zwischen ihr und dem, wieder ziemlich hoch ansteigenden Burgberinge ist ein Raum p, p 1 gelassen, der auf allen Seiten durch Mauern geschlossen und durch die Thore c und d zugänglich ist. Er ist 100 Schritte lang und so breit, dass er mehr als Vorburg denn als abtrennender Halsgraben erscheint. Ursprünglich diente er als Wirtschaftshof. Diesem Angriffsgelände a—b gegenüber erheben sich, als Kern der Burganlage, drei über einander aufsteigende Verteidigungslinien: 1. die hohe zinnengekrönte Zwingermauer f—e, in 608 Palas und Berchfrit. Der Grundplan und die Baulichkeiten. ihrem unteren Teile ist sie Futtermauer; 2. der eigentümliche, etwa 20 Meter hohe, durch Strebepfeiler und Bogen verstärkte Mantelbau, fi—e 1 mit aufgesetzter Schildmauer nebst Wehrgang. Der Aufgang dazu liegt hinter der östlichen Ringmauer e—m 1 —m 2 , die obere Hälfte ist Treppe, die untere Leiter; 3. Den Mantelbau überragt der fünfeckige Berchfrit g, auf dem eine Windmühle angebracht war. Seine Treppen liegen in der Mauerdicke; er trug Pechnase und Zinnen, das vorletzte Geschoss war überwölbt. Zu unterst befindet sich ein 11 Meter Quermauern c 2 , c 3 gesperrt, deren Durchgangsthore von den, auf einer Felsböschung über einander aufsteigenden Mauern des Zwingers i aus bestrichen und von je einem Halbturme flankirt werden; letztere bestreichen zugleich den äusseren Zugang von Südwest. Der Eingang 4 zum Anbau h 1 an den Palas h 3 , wird bestrichen durch den vorge- kragten Dacherker bei c 4 , genannt der Bienenstand. Hier führt der Weg mit breiten flachen Stufen aufwärts, tritt in den niedrigen Anbau h', der zu ebener Erde nur einen finsteren Durchgang bietet. Dieser wendet sich dann links, ist nochmals durch die Zwischenpforte c 5 gesperrt und durch das Erdgeschoss des Palasbaus h 2 geführt. Aus dem oberen Geschosse des Palas h 2 führt ein 5 Meter langer später hergestellter Steg, x, 9 Meter hoch über dem Erdboden zum Berchfrit Burg Hohlenfels, von Süden. tiefes Verliess. Er deckte den dahinter liegenden Palas h 2 , h 3 . Der Zugang vom westlichen Aussenthore c 1 in die Vorburg und von dort zum Burghofe k steigt wenig an. Er wird bestrichen durch die Halbtürme f und n. Nächstdem Thore ist der Weg noch zweimal hintereinander durch Der Bienenstand. 609 hinüber. Mithin waren vom Burgthor c bis zum Burghofe k fünf Thore zu nehmen. Die Mauer e- m 1 —m 2 ist gegen den direkten Angriff vom Burgthor d und von Nordost gerichtet; sie ist mit Schiessscharten versehen und schützte die Kemmenate I 1 l 2 . Der westliche Teil des Palas, h 3 , der über sturmfreier Felswand steht, ist ein Fachwerkbau von 1713. Der fortifikatorisch wohl durchdachte und grossartige Bau wurde 1768 von nassauischen Staats wegen, durch Ausbrechen und Verschleudern alles nutzbaren Materials, künstlich zur Ruine gemacht. Daniel von Langenaus Enkelin Agnes hatte aus ihrer Ehe mit Romilian von Covern zwei Töchter: Lyse, war vermählt mit Johann Boos von Waldeck; die jüngere, Agnes, mit Johann Herrn zu Eitz. Die Schwiegermutter überliess Hohlenfels dem Boos. Ritter Johann versuchte nun, sich seiner Frauen Anteil mit gewaffneter Hand zu nehmen. Die Burg war jedoch sehr fest. Die fünf Eingangsthore zum inneren Burghof waren aus schwerem Eichenholz und mit starkem Eisen beschlagen. Schwager Boos rechnete allzu sicher auf deren passiven Widerstand; er hatte keine Mannschaft in der Burg. Mit Feuer und Axt hatte Schwager Eitz bereits drei Thore genommen, nun stürzte auch das vierte, bei weiten festeste, zusammen. Als aber die Stürmenden am fünften Thore standen, führte Schwager Boos unerwartete und seltsame Hülfstruppen zum Angriffe. Plötzlich flogen von oben eine Anzahl wohlbesetzter Bienenkörbe auf die Köpfe der Angreifer. Die erbitterten Thierchen drangen unwiderstehlich in die Fugen der Rüstungen ein und zerstachen ihre Opfer jämmerlich. Gegen diesen Feind half weder Schwert noch Schild. In wilder Hast rannten Schwager Eitz und seine Schaar von dannen; in den Wald, in den Bach; aber noch weithin trugen die Flüchtlinge ihre grausamen kleinen Verfolger auf sich fort. Des Erkers bei o Name: der „Bienenstand" giebt noch heute Zeugnis von dieser absonderlichen Taktik der gemischten Waffen. Im 16. Jahrhundert waren die Mudersbach Gebieter von Hohlenfels. Daniels, des letzten, einzige Tochter Elisabeth heiratete, 1582, Hartmut XVI (115 K) von Kronberg. Ihr ältester Sohn, Johann Daniel I (122 K) hinterliess den Besitz seinem Sohne Hartmut XVIII (133 K). Gegen das Ende des dreissigjährigen Krieges war die Burg schwer beschädigt und verwüstet. Sie stand über 50 Jahre lang ver- 610 Johann Nikolaus' Ende, 17. Juli 1704. Der zerbrochene Schild. lassen bis Johann Nikolaus ihr Herr wurde. Er baute sie zu seinem dauernden einsamen Wohnsitze aus und starb dort am 17. Juli 1704. In der Kirche zu Hahnstetten wurde er beigesetzt. Eine schwarze Marmortafel zeigt die Stelle. An der offenen Gruft sprach der Herold: „Alldieweilen mit dem Verstorbenen, als letztem rechtmässigen Wappengenossen,Schild und Helm, uraltem Gebrauch nach, beerdigt werden soll, als nehmen wir vom Adel?- helm die Plümage, und vom Schild die Krone und streuen dip zerstückelten Schild- und Helmstücke jn die freiherrliche Gruft u. rufen: Heute noch Kronberg und nipnmermehr!" — Auf dem Grabsteine ist das umgestürzte Familienwappen angebracht, mit der Krone, den Flügeln und den Ohren. Darunter die Inschrift: „Anno 1704 den 17. Juli ist zu Hohlenfels in Gott selig entschlafen Herr Johann Niklas, Freiherr von und zu Cronberg, Herr zu Yben, Rodenberg Hohlenfels und Altenbamberg, alt 70 Jahre 10 Monate 2 Wochen. Dieser war der letzte des uralten Geschlechts von Cronberg, welches anno 800 und noch früher seinen Anfang genommen. Dessen Leib Gott seine selige Auferstehung gebe." Sie gingen aus wie ein uralter Baum der sein Wurzelvermögen und seine Lebenskraft erschöpft hat. Die Natur versagte ihnen frucht- Der Stamm Kronberg ist erloschen. 611 bare Männer. Ihrer acht verschlang der dreissigjährige Krieg. Statt der stammhaltenden Aeste trug der Geschlechtsbaum schwächliche, überzahlreiche Notfrüchte, die unreif abfielen. Von 14 Männern der XIII und XIV Geschlechtsreihe, hatten 5 keine Kinder, 4 nur Töchter. Zuviel tüchtige Kraft wurde zwecklos von den geistlichen Stiftern und Orden aufgesogen, die vermittelst der Gegenreformation ängstlich gehegt werden sollten um dem Adel in Franken und am Rhein blühendes Vermögen und dadurch Fortbestand bis ans Ende aller Dinge zu sichern. Betrachtet man dazu, in den jüngeren Geschlechtsreihen, die regelmässigen Wechselheiraten mit Familien die, wegen der unglückseligen Stiftsfähigkeit, ihrerseits ebenfalls ängstlich im engen Kreise rein gezüchtet wurden: acht Heiraten allein in zwei Jahrhunderten mit den Dalbergs! so erscheint der Kronberge Ausgang fast naturgemäss notwendig. Um das reiche Allodialerbe trat abermals ein scharfer Wettbewerb auf; die Sieger waren drei Enkelkinder der zwei Schwestern Johann Schweikards II: Johann Ernst Boos von Waldeck und seine Schwester Juliane Barbara, Wittib und Freifrau Waldecker von Kempf zur einen Hälfte, zur anderen Johann Ferdinand Freiherr von Kerpen. Es fand sich, nach dem Notariatsprotokolle, viel baares Geld vor, dazu reichlicher Hausrath und gutes Wirtschaftsinventar. An Gemälden: die Schlacht von 1389, Haus Iben, Hartmut XII, der Kurfürst, der Deutschmeister, die beiden Grafen. Nur die beiden ersten sind erhalten. Der Allodialbesitz lag in und vor weit zerstreuten Orten. Zu Kronberg: die bekannten Stücke. Johann Nikolaus hatte so lässig auf seinen Besitz geachtet gehabt, dass er einen kaiserlichen Lehnszehnten vor Steinbach in der Wetterau überhaupt niemals mutete. Schon vor seinem Tode, 1703, war dieses Lehenstück dem Reichshofrath Veit Franz von Reigersberg verliehen worden. Die von Hartmut XII an Hessen aufgetragenen sechs Hufen vor Eschborn waren dort „unauffindbar;" vermutlich waren sie 1692 als Allodium verkauft. Lehnsnachfolger zu Hohlenfels wurde Hugo Freiherr Waldecker von Kempt. Im Jahre 1713 Hess er den jetzt noch stehenden und bewohnbaren Teil des Schlosses h 3 neu aufführen. Er bepflanzte den Abhang des Burgberges mit 200 Obstbäumen aus Kronberg, die eine reiche Ernte sprachen „wenn es rathen solle." Allein auch dieser Lust wurde, mit des Vasallen unbeerbten Tode am 21. Oktober 1753, ein 612 Kampf der Lehnsherrn, 21. Oktober 1753. End gemacht. Als Lehnsherr besetzte Nassau-Usingen zu Wiesbaden schon am 23. Oktober die heimgefallene Burg mit 6 Milizsoldaten. Am 24. Oktober erschien, für den damaligen Senior des hohen fürstlich Nassau-Saarbrückschen Gesammthauses, der Nassau-Weilburgsche Kommissär Kammerrath Gümbel, mit einem Notar und 20 Milizsoldaten. Er fand das Thor verschlossen und, milder gesinnt als weiland Johann von Eitz, lagerte er sich davor um die Usinger auszuhungern. Schon in der folgenden Nacht eilte jedoch der usingensche Amtmann von Kirberg zum Entsätze herbei, mit 50 Mann vom „Ausschuss." Sie nahmen ebenfalls vor dem Schlosse Aufstellung um nun ihrerseits die belagernden Weilburger zu beobachten und zwischen zwei Feuer zu nehmen. Diese jedoch, höchst unerschrocken, bauten Strohhütten und richteten sich häuslich ein. Die Kirberger beobachteten weiter die ganze Nacht hindurch vom 25. zum 26. Oktober. Gegen Morgen wurde ihr Kommandant durch Gewehrschüsse erweckt. Bestürzt sprang er auf, und rathlos versammelte er seine Getreuen. Ach! es ward ihm alsbald bewusst: dass seine Truppe wohl Gewehre bei sich hatte, aber — das Pulver war vergessen! Dem Himmel sei Dank! Die Weilburger waren nicht menschenblutdürstig; sie hatten nur einigen heimgefallenen waldeckerschen Lehns- haasen den Garaus gemacht. Des langen kriegerischen Treibens müde, veranstalteten sie gegen Abend unten in der gastfreien Mühle ein gemeinsames Mahl, bestehend aus dem altnationalen Gerichte „Dippehaas" (Haas im Topf). Der würzige Duft des Wildbratens stieg aufwärts zur Garnison; er verdoppelte ihren Hunger. Die Not macht kühn; so schlich eine mutige Schaar aus der unbewachten Burg und kehrte bald mit Brod, Fleisch, Wurst und unvermeidlichem reichlichem Branntwein zurück. Nun erfüllte Jubel die Trauerhalle, und als man gar von unten Tanzmusik erklingen hörte, begann auch oben ein Fiedler nicht umsonst seine heitere Arbeit. Die Kunde von dieser vergnügten Nacht wäre wohl nicht bis zu uns gelangt, wenn nicht der Kommandant der Usinger am andern Tage pflichtmässig nach Wiesbaden gemeldet hätte: „dass sowohl die Weilburger als die Usinger die ganze Nacht Musik gehalten und getanzt und demnach dem Herrn von Waldecker gar schlecht Trauer gehalten hätten." Heute allgemeiner Friede und fröhliche Gastlichkeit auf Hohlenfels. 613 Bei dieser Sachlage erschien es beiden fürstlichen Vettern geraten: am 29. Oktober 1753 ihre Heere nach Hause zu rufen und fortan Hohlenfels von wegen des Gesammthauses Nassau-Saarbrücken zu besitzen. Die alte Burg der Kronberger Hess man 1768 durch Verkauf alles Eisen- und Holzwerkes, zur Ruine verfallen; im neuen Hause der Waldecker blüht jetzt zur Sommerszeit eine feuchtfröhliche Gastwirtschaft. Elfter Abschnitt. i. Des Städtleins Kronberg fünfzigjähriger politisch-religiöser Kampf gegen Kurmainz. II. Der Burg Niedergang und Zerfall, von 1704 bis 1892. III. Ihre Neuerstehung durch Schloss Friedrichshof. Mainzer Räthe. Stadt- und Streitkirche. Kronberger Anwälte. I. Des Städtleins Kronberg fünfzigjähriger politischreligiöser Kampf gegen Kurmainz. AS Reichslehen Kronberg-Eschborn war dem Erzstifte Mainz anheimgefallen. Der kurfürstliche Kommissär besetzte am 18. Juli 1704 Schloss und Stadt mit Truppen. Den drei protestantischen Geistlichen eröffnete er: Churfürstliche Gnaden sei jetzt rechtsmässiger Herr; sie sollten ihn in ihr Kirchengebet einschliessen und bei der Religionsfreiheit gelassen werden. Das klang soweit ganz tröstlich; aber die Kronberger hatten nicht vergessen: was seit 80Jahren bei ihnen versucht, und wie in den früher protestantischen, jetzt völlig wieder katholisirten Nachbarorten Königstein und Oberursel gleiche erzbischöfliche Versicherungen gegeben und eingehalten waren. Hierzu kamen bei der Bevölkerung der kleinstreichsländische etwas dünkelhafte Lokalpatriotismus, und ein stark entwickelter Sinn für partikularistische kleinliche Zuchtlosigkeit gegenüber der weltlichen Obrigkeit; mit einem Worte: ein kommunaler Grössenwahn, genährt unter dem schlaffen uneinigen Regimente der letzten abwesenden Kronberge, gestützt auf vermeintliche alte Vorzüge und Reservatrechte, die man durch die strammere Ordnung der kurfürstlichen Verwaltung gefährdet oder doch gekränkt vermeinte. Aus diesen religiösen und politischen Gegensätzen entwickelte sich ein fast fünfzigjähriger Kampf der protestantischen Kronberger gegen den neuen Landesherrn und seine, jesuitisch erzogenen oder doch geleiteten, geistlichen und weltlichen Räte. Die Beschwerden waren meistens höchst unbedeutend, 618 Politischer Streit. Stürme im Gläschen Wasser. Aber die Anlehnung des Städtchens an Darmstadt, aus dem Vertrage von 1541, und an das Corpus Evangeli- corum zu Regensburg, gestützt auf den protestantischen Besitzstand im Normaljahre 1624 und auf den Westphälischen Frieden: diese allgemeinen Umstände erweckten aus Kronberg einen völlig unverhältniss- mässigen Lärm durch das ganze heilige Reich. Der Krieg entstand aus Forderung von Diensten zur Besserung der Wege, die den Verkehr Kronbergs nach Frankfurt vermittelten; dann: Eintritt in die Landmiliz, Steuern und ähnliche selbstverständliche Auflagen. Der Magistrat weigerte sich dessen, weil der ritterschaftliche Ort Kronberg seine „Collectas zur Rittertruhe in Friedberg" erlege, „da doch Cronberg ein ganz separates, mit dem Mainzischen gar nichts zu schaffen habendes Land sei." Als sachgemässe Antwort auf diese, 32 Folioseiten füllende Supplik schickte die mainzer Regierung militärische Strafeinquartierung mit Verpflegung in das Land Kronberg. Darüber beklagten sich nun die „reichsfreien" Bürger erst recht. Die Soldaten sögen sie „mit schändlichem Fressen und Saufen" bis auf's Mark aus; diejenigen unter jenen „welche mehr martialischen Gemüths gewesen, hätten die Weiber mit den Seitengewehren zu Paaren getrieben." Der Kommandant schütze sie nicht, u. s. w. Im nächsten Jahrzehnt beklagte sich das „separate Land:" dass Stadtmauern, Thore, Türme und Pflaster, so früher aus dem gemeinen Bau (gemeinsamen Baukasse) hergestellt worden, jetzt zerfielen, ja zum Teil abgebrochen würden; dass die, in den alten stattlichen Stadtmauern neu aufgeführten Stücke mehr einer Gartenmauer ähnlich sähen. Das war thatsächlich einigermassen richtig, denn im Jahre 1714 wurden die allzu engen Wälle Kronbergs vernünftiger Weise geschleift und die Plätze zu Gemüsegärten an die Bürger ausgegeben. - Endlich seien die, seit 1711 mehr als 50,000 Gulden betragenden Einkünfte aus den „Kronbergischen Landesdomainen" nach Mainz abgeführt. Diese angeblichen Missstände wurden allerdings nicht gehoben. Auch würden sich die Kronberger wahrscheinlich an den Verlust ihrer vermeintlichen politischen Ausnahmestellung gewöhnt haben, wenn nicht die konfessionellen Fragen ihren Eifer stets von neuem angefacht hätten. Auf diesem Felde waren sie zweifellos weit mehr in ihrem Rechte, und ihre, durch allerlei kleines Matyrium nicht beugsame Hartnäckig- Religiöser Streit. keit brachte ihnen, nach mehr als einem halben Jahrhundert des Kämpfens und Leidens, auf diesem Felde den wohlverdienten Sieg. Der papierne Krieg ist von beiden Seiten auf hunderten gedruckter Folioblätter geführt. Es kann daher hier nur eine sehr flüchtige Uebersicht seines Verlaufes mitgeteilt werden. Kronberg war allmälig mit katholischen Beamten besetzt; diese erleichterten ihren Glaubensgenossen den Bürgergewinn und erschwerten ihn den Haeretikern. Dadurch wurde dem katholischen Burgkaplan die Hauskapelle auf der Burg zu eng; er strebte naturgemäss nach Ausdehnung, im Gotteshause wie in den Seelen der Einwohner. Sie hielten Prozessionen mit Kanonendonner und errichteten wieder in den Feldern die Kreuz- und Heiligenstöcke. Der lutherische Pfarrer Hildebrandt beschwerte sich über diese Verletzung des Westphälischen Friedens; er wurde abgesetzt. — So schleppte man sich manches Jahr hin; mit allerlei kleinlichem Gezänk, das aber den damals sehr glaubenseifrigen Kronbergern schwer zu Herzen ging. Nach und nach sandten sie fünf Petitionen, verfasst von frankfurter Notaren, an den ungnädigen Landesherrn in Mainz: „Es sei ihnen streng verboten, die vier evangelischen Kernlieder: „Wo Gott der Herr nicht bei uns hält" — „Ein' feste Burg" — „Erhalt uns Herr bei deinem Wort" — „O Herr Gott dein göttlich Wort" in der Kirche zu singen. — Liest man indessen beispielsweise den Text des zweiten Liedes weiter nach: Erhalt uns Herr bei deinem Wort Und steur des Pabst und Türken Mord, Die Jesum Christum deinen Sohn Wollen stürtzen von seinem Thron. Ihr Anschlag Herr, zu nichte mach Lass sie treffen die böse Sach Und stürtz sie in die Grub hinein Die sie machen den Dienern dein. — — so kann man allerdings schwer behaupten, dass diese Bitten und Befürchtungen sich mit der, dem katholischen Landesherrn schuldigen Erfurcht, zumal nach dessen geistlicher Seite hin, deckten. Dann gab es Klagen über stiftungswidrige Verwaltung des Hospitals (Armenhauses), sowie des Präsenzfonds; über die jetzt katholischen Turm- und Thorwächter, die seit alten Zeiten die evangelische Kirchen- 620 Grundsteinlegung der neuen katholischen Kirche, 1738. musik versehen hätten, wogegen „der Zinkenist jetzt katholische Lieder blase;" kurz: dass „dem Anno normali de 1624 schnür gerad zuwider das coexercitium sive simultaneum Religionis Catholicae eingeführet" werde. Für alle diese Beschwerden versprach ihnen der Amtmann von Reigersberg sofortige Abhülfe, wenn sie ihre Stadtkirche „simultan" erklärten und den Katholiken den Mitgebrauch gestatten wollten. Die Kronberger aber widerstanden mannhaft der Lockung; sie fürchteten dahinter den Anfang vom Ende. Da berief, am 27. August 1737, der Amtmann die evangelische Gemeinde auf das Schloss. Er eröffnete ihnen: das Kirchlein hier oben sei zu klein, der Weg dahin zu beschwerlich. Der Kurfürst (Eitz 1732—43) befehle daher: dass etwas zur Besserung des katholischen Gottesdienstes geschehe. Die Gemeinde solle demnach Beiträge zum Kirchenbau leisten. „Aufwickeier" und Murrende sollten notirt werden." — Niemand murrte im Termine; sie waren (angeblich) in dem Irrtume: die Schlosskapelle selbst solle notdürftig erweitert werden. Welche Ueberraschung und Bestürzung! als nun ein Platz unmittelbar unterhalb der alten evangelischen Stadtkirche in Angriff genommen wurde. Dort lag der sogenannte „Schien-Brunnen" nebst einer „Schnelle" (Pferdeschwemme) und „Wede," dem Sammelbehälter für Feuersgefahr, Wäsche und — Bierbrauen. Sie wurden grösstenteils durch eine dort unter der Stadtmauer zutage tretende Quelle gespeist. Noch mehr! dort stand das, erst vor 11 Jahren in Fachwerk erbaute Rathaus. Reigersberg Hess das alles abbrechen, das Rathaus gegen die östliche Stadtmauer zu auf dem Tanzhausplatze wieder aufbauen, die Wasseranlagen versetzen. Der Grundstein der neuen Kirche wurde 1738 gelegt; die evangelische Gemeinde musste 400 Gulden beitragen, Fronen leisten, Steine karren. Wer nicht wollte, dem drohete „Thurm- und Schanzen-Strafe." Nun flogen die Beschwerden nach Darmstadt; von dort weiter nach Mainz. Die Häupter der Opposition wurden durch die „Insolentien" eingelegter Soldaten und Dragoner zur Flucht gezwungen ; sie lebten im „Elend über einen Monat, so dass sie das Ihrige mit dem Rücken ansehen mussten." Eine Untersuchungskommission forderte jeden Bürger auf: bei 100 Thaler Strafe seine Beschwerden auf dem Schlosse zu Kronberg zu Protokoll zu geben. Währenddessen stieg die neue Kirche mit beängstigender Eile bis zum Dache auf; am Der Sauerbrunnen bei Kronthal den Evangelischen gesperrt. 621 10. Oktober 1738 war die Zimmerarbeit beendet und der Strauss aufgesteckt. Die Vorgeladenen unterschrieben aus Furcht vor der Strafeinquartierung, das Protokoll laut dem sie gegen den Kirchenbau „nichts einzuwenden hätten." Unmittelbar darauf aber entwichen sie, ihrer 120, unter Führung des tapferen Strumpfwirkers Nicolai nach Steinbach, dem benachbarten hessisch-hanauischen Dorfe. Dort zogen sie, protestirend, ihre Unterschrift vor dem frankfurter Advokaten Schuchmann zurück. Das Protokoll sei auf dem Schlosse gefälscht und nicht vorgelesen worden. Sie seien oben nur gefragt: ob sie was gegen ihren gnädigen Kurfürsten hätten? Darauf hätten sie: nein! gesagt und unterschrieben. Als man dem Amtmann Reigersberg die Versprechungen bei der Besitzergreifung vorgehalten, habe er gesagt: „Kein Graf oder Edelmann halte solche: noch viel weniger könne man das von einem Kurfürsten fordern". Ihr Ober- schultheiss aber, Herr Isidor Bauer sei „ein tyrannischer Höllenhund." — In die Häuser der Entwichenen wurde 37 Tage lang militärische Exekution gelegt; die Evangelischen durften nicht vor das Thor und sich ihren üblichen Haustrunk, das „Sauerwasser" (aus der städtischen „Wilhelmsquelle" in Kronthal) holen. Im „New Wasserschatz von Tabernae montanus gedruckt in Frankfurt/main 1593" lesen wir: Von dem Kronenburger Sawerbrunnen und von seiner Kraft und Wirkung: Bey dem herrlichen Berghauss Königstein auff dem fünffhundert Schritt darvon, allernechst unden an dem Stättlein Kronenburg entspringet auch ein heylsamer Sawerbrunnen in einer Wiesen oder Matten, der wirf von dem Landvolk daselbst herumb von dem gemelten Stättlein der Kronenburger Sawerbrunnen genandt, und wird auch zum gemeinen Tranck von den Armen gebraucht, dann was ein wenig etwas Vermögens ist, das trinkt lieber Wein, der sehr gut und in grosser Mennig daselbst herumb wächset, also dass man dess Sawerbrunnens wenig achtet. Es führet dieser Brunnen sich oder in seiner Vermischunge die Subtiliteten dess Saltz's, Eisens, Bergsaltz u. Schwefels. Under diessen behelt das Eisen u. Saltz den Vorzug in gleichen Gehalt, darnach der Salniter und Schweffei auch in gleichen Gehalt. Am Geschmack ist er nit so lieblich, wie andere Sawerbrunnen, dann er dess Schwefifels zu vil hat. Es soll diesser Brunnen gebraucht werden, wie der Schwall- 622 Das Corpus Evangelicorum in Regensburg. bacher Weinbrunnen, soviel die Artzeney anlangt, dann sonst ist er stätig zum gemeinen Tranck zu trinken zu grob und stark, sonderlich vor schwache u. blöde Leut Starke Leut mögen Ihnen gleichwohl dulden. Man soll sonst aber auch den Wein mit diesem Brunnen vermischen." Theodor von Bergzabern, Tabernaemontanus, war Vorsteher des pfalzgräflichen Gartens in Zweibrücken. Zu jener Zeit waren die Gärten wesentlich Sammlungen solcher Pflanzen, die mit Heilzwecken und Aberglauben zusammenhingen; denn die Naturschönheiten waren während des Mittelalters verhüllt und jenem Geschlechte kaum erst aufgegangen. Alsdann wandten sich die Flüchtlinge an das Corpus Evangelicorum, vor allen an den Kurfürsten von Hannover: König Georg II von England, und von Brandenburg: Friedrich Wilhelm I, König von Preussen. Der Reichstag zu Regensburg zerfiel seit der Reformation in das Corpus Catholicorum, unter der Direktion von Kurmainz, und in das Corpus Evangelicorum, das noch immer von Kursachsen geführt wurde, trotzdem das regierende Haus katholisch geworden war. Diese Zweiteilung war niemals reichsstaatsrechtlich eingesetzt, jedoch im West- phälischen Frieden als thatsächlich vorhanden anerkannt. Beide Körper berieten zu Regensburg in freien vertraulichen Konferenzen, über die Religionsbeschwerden ihrer Kirche. Denn ihre Streitigkeiten waren durch das Westphälische Friedensinstrument den Mehrheitsbeschlüssen entzogen und konnten nur durch „amicabiles compositio" geschlichtet werden, also eigentlich nur durch den Druck thatsächlicher Uebermacht. Unterm 4. Oktober 1738 schrieb S. M. von Preussen an Kurmainz über die Beschwerden der Kronberger; es wird dabei alles Geschehene wiederholt und ganz besonders bemerkt: die-Exekution habe auch den zurückgebliebenen Weibern und Kindern gewehrt, das Sauer-Wasser, ihren gewöhnlichen Trank, ausserhalb der Stadt zu holen. Kurmainz antwortet schon am 23. Oktober 1738 ziemlich barsch : „Ihm sei die Sache keineswegs unbekannt, Preussen aber von den wenigen Flüchtlingen falsch unterrichtet. Seine Majestät möge die Beschwerdeführer an Kurmainz, als ihren rechtmässigen Landesherrn weisen." Darauf König Friedrich Wilhelm I: „Wir hatten nicht vermuthet, dass Euer Unser Schreiben so gar wenig Attention gemacht haben würden." Die Unterthanen hätten nach dem Westphälischen Frieden Der Streitkirchenlärm in Deutschland. Kaiser Karl VI an den Kurfürsten 1740. 623 das Recht: sich an ihre Glaubensgenossen zu wenden und diese seien „verbunden, sich der Religion anzunehmen." — Dabei blieb es. Die 120 Protestirenden von Steinbach lebten zunächst meistens in Frankfurt, viele davon beim Bierbrauer Henrich im rothen Löwen. Jetzt drängte sich eine endlose Reihe von Klagen zum Corpus Evangelicorum, über unzählige kleinliche und kränkende Quälereien und Erpressungen, womit Reigersberg die Schwachen zum Uebertritte drängen wolle. Nicolai und vier andere Rädelsführer wurden des mainzer Landes verwiesen. Allerdings war die Grenze überall nahe. Die Beschwerden umfassen 361 Folioseiten; die Wiedergabe ist daher unmöglich. Der Hauptpunkt blieb stets: der Wiederabbruch der neuen Kirche, deren unmittelbare Nähe den evangelischen Gottesdienst zu stören drohe. Welchen Lärm damals das kleine Kronberg in der gesammten Deutschen Reichswelt verursachte, vernehmen wir aus einem Reskripte Kaiser Karls VI an Kurmainz vom 26. Februar 1740. Dort heisst es zunächst, dass S. M. Residenten in London ernstliche Vorstellung von dem dort residirenden kurhannoverschen Minister von Steinberg, wegen des katholischen Kirchenbaus zu Kronberg im Namen des Königs Georg II gethan sei. . . . „Wie Unsz nun nicht wissend ist, ob und weichergestalten diesser Einwurf? gegründet seyn oder nicht: das Cronenbergische Gravamen aber nicht allein zu Regenspurg vor allen anderen Religions-Beschwehrden die mehrste Bewegung macht, sondern auch von denen an Unsserm Hoff anwesenden Königl. Engelländischen, Schwedischen, Dähnischen, Preussischen und fast allen von denen der A: Confession zugethanen Fürsten allhier subsistirenden Ministres in einem unlängst von jedem iibergebenen gleichlautenden Pro Memoria im Nahmen ihrer prin- cipalen die baldige Abthuung aller von ihren Glaubensverwandten bei Unsz angebrachten reli- gions - gravaminum nicht ohne Bedrohung erinnert, und darinnen insonderheit auff die Abstellung des Cathol: Kirchen- bauss zu Cronenberg gedrungen wird 624 Kurhannover greift wirksam ein, 1750. Das dauerte so seine 12 Jahre fort bis 1750. Da nahm sich abermals Kurhannover der bedrängten Glaubensbrüder an. Man erwarte, hiess es von Seiten Seiner Grossbritannischen Majestät: „dass der Kurfürst von Mainz soviel Erleuchtung, Billigkeit und Liebe zu ihren Unter- thanen habe, als dass sie nicht die Evangelischen Cronbergs abei dem Genuss ihrer Gerechtsame intacta religione zu lassen geneigt sein sollte." — Mit diesem hohen Herrn hatte man nicht lange zuvor (1743), sowohl in Mainz wie in Kronberg, gelegentlich der Schlacht bei Deltingen (unweit Hanau) persönlich Fühlung bekommen; deren kräftige Eindrücke mochten wohl noch nicht gänzlich verwischt sein. Der Kurfürst Erz- bischof erliess wirklich am 31. Januar 1752 ein Abstellungsdekret über verschiedene Beschwerden. Indessen diese dauerten fort; nur waren jetzt die Beamten selbst die Uebelthäter. Unterm 9. März 1752 berichten 16 kronberger Deputirte dem Corpus Evangelicorum zu Regensburg: „Man siehet gar leichtlich voraus, dass, wenn die Kurmainzische Regierung einen oder andern dieser Vorgänge zu verfechten sich nicht getrauet, die Schuld alsdann einem Pfarrherr, welcher unter dem Vi- cariat (der geistlichen Behörde in Mainz) und nicht unter ihr stehe; einem Ambtskeller, einem Oberschultheissen beigemessen werden, wie man schon ehedem die Exzesse der einquartierten Soldaten ihrem Offizier zugeschrieben." Endlich tagte vom 20. November 1752 bis zum 16. März 1754 zu Frankfurt eine darmstädter „Mediationskommission." Die heftigen Parteischriften Kronberg-Mainz, über einige Dutzende von Beschwerdepunkten, und die schwächlichen hessischen Schiedsprüche füllen einen ferneren grausigen Folianten von 170 Seiten. Augenscheinlich aber fehlte von beiden Seiten der gute Wille zu Friede und Eintracht. Mit einer Bitte von Kurmainz um Fristverlängerung brechen die vorliegenden Akten ab. Als die Darmstädter wahrnahmen, dass „die Commission eines langsamen Todes zu sterben drohete," gingen sie lieber unverrichteter Sache lebendig nach Hause. Die Kronberger aber bombardierten in Regensburg weiter mit ihren Vorstellungen. Noch am 24. März 1766 schreiben sie: „dass wir, so lange wir leben, von den Gerechtsamkeiten, darin wir seit 30 Jahren mit Zwang und List unter unaufhörlichen Drangsalen beeinträchtigt worden, gutwillig nichts vergeben." Kurfürst Emmerich Joseph befiehlt Frieden, 1768. 625 Inzwischen war der Hubertsburger Friede geschlossen. Friedrichs des Grossen Stern strahlte hell am deutschen Himmel; Joseph II übte eine grossartige Toleranz. In ihrem Geiste beschloss der gutmütige und wohlwollende Kurfürst Emmerich Joseph (Breidbach-Bürresheim 1763—74) „gnädigst: gedachten katholischen Kirchenbau, angesehen selbiger noch nicht vollkommen aufgeführet noch eingerichtet ist, zum Theil wiederum zu demoliren und zu einem anderen Gebrauch verwenden zu lassen." Im Jahre 1768 wurden die übrigen wesentlichen Beschwerden in 14 Punkten abgestellt. Der sichtbare Zankapfel, die katholische „Streitkirche," blieb unvollendet. Sie wurde eine Zehntscheune, dann ein Wirtshaus. Heute zeigt sie sich als stattliche und nützliche Apotheke. Seitdem herrschte konfessioneller Friede in Kronberg. Die katholische Gemeinde blieb auf dem Schlosse, zunächst in der Kapelle. Als diese zerfiel, brachte sie sich (1872—86) in einem Notgebäude unter, bis sie ihre jetzige zierliche und stattliche Kirche im Pfaffenstücke einweihen konnte. Die evangelische Gemeinde hatte aus den Stürmen ein Vermögen von etwa 100,000 Mark und 50 Morgen Land gerettet. Auch sie hat jüngst, auf Anregung und unter künstlerischer Leitung I. M. der Kaiserin Königin Friedrich in ihrem alten Gotteshause wieder ein würdiges Inneres hergestellt und dabei zu retten versucht, was durch die Verwüstungen der evangelischen Bilderstürmer im 16., der Soldateska im 17. und am schlimmsten durch die stumpfsinnige Geschmacklosigkeit der Aufklärungsperiode in der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nicht unrettbar zerstört, verschleudert und entwendet worden war. II. Der Burg Niedergang und Zerfall unter Kurmainz und Nassau. a* AN darf sagen, dass die alte Burg Kronberg während des 18. und 19. Jahrhunderts sich hauptsächlich durch die, soeben geschilderten Religionsstreitigkeiten der fiskalischen zerstörungslustigen Anläufe ihrer verschiedenen Herren: erwehrt und sich bis auf bessere Zeiten still zerbröckelnd hingeschleppt hat. Sie bildete den festen Punkt der kronberger Katholiken, die dort von Rechtswegen Kirche und Schule hielten. Beide bedurften Räumlichkeiten und es fand sich endlich immer irgend ein Fiskus: Kurmainz, dann Nassau, endlich Preussen, der zur Erfüllung dieser Unterhaltungspflicht das Allernotdürftigste hergab. Nebenbei wurde der nördliche Schlossflügel, oberhalb der Schulräume, als Schüttboden für die herrschaftlichen Korngefälle benutzt, während der westliche, das alte Kronenstammhaus, dem drohenden Zusammensturze anheimgestellt blieb. Dieser lange Zeitraum ist zudem, auf Burg Kronberg und auch in der Stadt, so ereignisslos und traumhaft verlaufen, dass sich nur sehr geringe und vereinzelte Nachrichten darüber erhalten haben. Denn die Quellen, wo solche hauptsächlich und reichlich zu schöpfen gewesen wären, sind für immer verschüttet, als im Jahre 1792 eine Feuersbrunst das städtische Rathaus auf dem Tanzplatze und in ihm alle dort aufgespeicherten Archivschätze vernichtete. Bald darauf wurde der kronbergische Anteil der Registratur des damaligen kur- mainzischen Amtes Königstein, 1796, mit dieser kleinen Festung von der Goethes Lieblingsplatz über Kronberg. 627 abziehenden französischen Besatzung in die Luft gesprengt. Mithin können hier nur einige abgerissene Erinnerungen niedergelegt werden. 1726. Kronberg wird durch eine grosse Feuersbrunst heimgesucht; über 100 Baue werden in Asche gelegt. 1740. Die Kette des Ziehbrunnens auf dem Schlosse, in der alten Küche des Flügelstamms, war so ausgelaufen, dass der Eimer fast täglich in den Brunnen fiel. Die neue Kette war 6 Klafter und etliche Schuh (über 12 Meter) lang, was auf eine bedeutende Tiefe dieses urältesten Burgbrunnens hinweist. 1770. Das Dach der Schlosskapelle wird als gänzlich verfault gemeldet. So muss der Aufenthalt im Burghofe schon im Jahre 1765 nicht erfreulich gewesen sein, als der sechzehnjährige Sohn des kaiserlichen Rathes Goethe aus Frankfurt sich dort umsah. Er berichtet darüber in „Wahrheit und Dichtung:" „Durch zufällige Anregung, sowie in schöner fröhlicher Gesellschaft stellte ich in diesem Jahre manche Wanderung nach dem Gebirge an, das von Kindheit auch so fern und ernsthaft vor mir gestanden hatte. So besuchten wir Kronburg, bestiegen den Feldberg, von dem uns die weite Aussicht immer mehr in die Ferne lockte; da wurde auch Königstein besucht und alle die Plätze beschäftigten uns mehrere Tage. Ich floh die einförmige Fichte, dagegen suchte ich jene schön belaubten Haine, die sich zwar nicht weit und breit in der Gegend erstrecken, die aber immer doch von grösserem Umfang sind. In der grösseren Tiefe des Waldes hatte ich mir einen ernsten Platz ausgesucht, wo die ältesten Eichen und Buchen einen herrlichen grossen beschatteten Raum bildeten. Etwas abhängig war der Boden und machte das Verdienst, der alten Stämme nur desto bemerkbarer. Rings an diesen freien Kreis schlössen sich die dichtesten Gebüsche, aus denen bemooste Felsen mächtig und würdig hervorblickten und einem wasserreichen Bache einen raschen Fall verschafften. Hier fand ich mich wohl." Des Ortes Kunde hat sich verloren. Wo aber hat Goethe in Kronberg verkehrt? Diese Frage lässt sich aus seinen Schriften nicht beantworten ; dagegen finden sich anderswo Anhaltspunkte. Im Frankfurter Intelligenzblatt vom Jahre 1769 findet sich folgende Annonce: 628 Der „Adler" in Kronberg. Dienst des Schlosstürmers. „Frankfurt a. M., 25. Juli 1769. Es dienet zur Nachricht, so das Wetter günstig, eine zahlreiche Compagnie den 29. Juli mit einer ausserordentlichen Musik einen Spaziergang auf den Feldberg und Alkin (Altkönig) machen wird. Die Zusammenkunft ist im weissen Ochsen auf der Bockenheimergasse Nachmittags um 2 Uhr und in Kronenburg im Adler. Sollte das Wetter nicht günstig sein, so geschieht der Spaziergang den 12. August, Zusammenkunft Nachmittags 2 Uhr im weissen Ochsen auf der Bockenheimergasse und zu Kronenburg im Adler." Aus dieser Bekanntmachung ist ersichtlich, dass der Adler zu dieser Zeit der Verkehrsplatz der Höhen- oder Taunuswanderer war. Wenn also Goethe das Gebirge 4 Jahre früher besucht, so dürfte der Adler ihm, dem Verehrer der freien Natur, dem Aufsucher der Vaterländischen Alterthümer, wohl auch als Ruhepunkt gedient haben, zumal dessen Wirthschild noch auf ein grösseres Alter hindeutet." Die guten kronberger Gasthäuser wirkten stets anziehend. Vom 14. August 1773 wird ein „Haupt- und Ritterschiessen in der Leinen- strut (Lindenstrut) bei Cronberg vor der Höhe, mit Erlaubniss einer hohen Obrigkeit" ausgeschrieben. Das damalige Haus des „Adlers" ging 1780 in einer grossen Feuersbrunst unter; mit ihm „Krone" und „Pfau;" im ganzen: 6 Häuser und 3 Scheunen, die dem Kellereigebäude des Kronenstamms 10 Schritt breit gegenüber standen. Darunter wird auch der alte Stadtsitz des Flügelstammes, die „Westerburg" gewesen sein, der als Allodium längst in dritte Hände gerathen und dadurch in seiner Stattlichkeit wohl arg heruntergekommen war. Anscheinend traf die Schuld der grossen Verbreitung dieses Brandes den Schlosstürmer. Er muss sich nach seiner Instruktion „in der Nacht alle Viertelstunden auf dem Thurm umsehen und, falls etwa Feuersbrunst entsteht Lärm machen. Alle Stunden muss er die Uhr schlagen, auch in der Frühe, Mittags und Abends läuten; alle Fremden muss er noch immer mit dem Horn anblasen." Das sei überflüssig geworden. Man möge statt dessen lieber eine Schlaguhr anschaffen. „Die Kirchenmusik des Thürmers ist sehr unfähig, die Gemüther zur Andacht zu erheben; sie bringt meistens entgegengesetzte Wirkung hervor." Wie ungewiss die nächtliche Munterkeit des Thürmers sey, bewiesen die letzten Entzündungen zu Cronberg „wo der Thürmer erst durch vieles Zurufen und Lermen-Machen aufgeweckt werden Aus der Franzosenzeit. 629 musste. Die Lermschüsse der Festung Königstein, die viel höher liege, besorgten das besser." . . . 1785. Vor diesem sei das alte Schloss dem Oberamtmann zur Wohnung eingeräumt gewesen und ihm für seine Pferde eine besondere, vom Schloss über 150 Schritte abgesonderte Stallung angewiesen. Seit 25 Jahren (1760) sei das Schloss nicht mehr bewohnt. Der Stall sei inzwischen nächtlicher Weile grösstentheils gestohlen. Es wird daher der Abbruch des Pferdestalls empfohlen. Das Mauerwerk nach dem Pfarrei - Bestallungsgarten (östlich) solle nicht weiter als bis zu den Fensteröffnungen, nach dem sogenannten Hirschzwinger zu (nördlich) gar nicht abgebrochen werden. Es wurden dafür 120 Gulden erlöst. Im Jahre 1784 starb der Schlosspförtner; seine Wohnung über der Schlosspforte war ein Vorplatz und eine enge Stube. Das Thorhäuslein, kurz vor 1692 neu erbaut, wurde versteigert zu 181 Gulden 30 Kreuzer und einem Grundzinse von 10 Kreuzer; es bildete den Durchgang zur katholischen Kirche. Im Jahre 1789 schlug ein Wetterstrahl in den freien Thurm; Quadersteine wurden oben aus dem Gesimse getrieben. Er war damals noch bewohnt. 1793. Um diese Zeit brachten die unglücklichen Koalitionskriege eine, längst nicht mehr gekannte, Bedrängnis ins Land. Die feindlichen Truppen hatten den Untertanen sogar den Saathafer genommen; der von den Franzosen zu Kronberg verursachte Schaden wird zu 5219 Gulden abgeschätzt. Erstattung wird nicht gemeldet. 1794. Der seiner Zeit berühmte Pomologe Christ war damals Pfarrer zu Kronberg. Er beschwert sich über boshafte Zerstörung seiner Baumschulen und umzäunten Gartens, ehemalige Weinberge im Pfaffenstück. Das Gartenhaus sei demolirt. Der Gemeinderath wollte keinen Ersatz leisten, denn es sei kein Feldfrevel. Magistratus wird zunächst in 50 Thaler Geldstrafe genommen, wegen ungeziemender Ausfälle gegen Christ, als: „dieser sei mehr Baumhändler als Pfarrer, preise alte hiesige Obstsorten unter neuem Namen an," u. s. w. Der Schaden betrug 133 Gulden. 1794. Nochmalige Anweisung der mainzer Regierung in Aschaffen- burg: die katholische Streitkirche zur Scheuer und Stallung einzurichten, da keine Hoffnung mehr sei, das Gebäude zur Kirche auszubauen. 1794. Die beiden Pfarrer veranstalten eine Sammlung von Liebesgaben bei mildthätigen Menschen durch folgendes: 630 Christs Promemoria. Pro Memoria. Gleich bei Ankunft der Unmenschen und des Abschaums aus Fra nkreich nach ihrem Uebergang über den Rhein käme den 23. des vorigen Monaths, Nachts um 11 Uhr eine Räuberhorde von beiläufig 300 reitenden Chasseurs in unsere Stadt gesprengt, plünderten verschiedene Häusser, und bedroheten das ganze Ort mit der grösten Gefahr, so dass die hiesige Burgerschaft durch Aufruf mit den Sturm- glokken zur Gegenwehre musste ermuntert werden. So glüklich nun unter Gottes Beistand der Endzwek bewürkt, und grösseres Ungemach und Verlust dadurch abgewendet worden, so betraf doch dabei das Un- glük einen redlichen, braven und beherzten Bürger von 37 Jahren, Namens Jakob Kunz, ein Bekker, der bei allen Vorfällen, bei Feuers und anderen Gefahren jederzeit vorzügliche Menschenliebe bezeuget und die erspriesslichsten Dienste stets geleistet, dass er von einem Chasseur durch den Leib geschossen wurde, und an seiner empfangenen Wunde ganzer 3 Wochen lang leiden und endlich seinen Geist aufgeben musste. Er hinterlässt eine Witwe mit 4 unerzogenen Kindern und leider viele Schulden, die er nicht muthwillens gemacht, sondern theils erobert, theils durch das Ungemach der Zeit und Umstände hinein gezogen wurde. Wie nun der evangel. luther. Kirchen convent dahier auf Mittel bedacht ist, die 4 Vaterlose Waisen christlich erziehen zu lassen, und billig ist, dass die hiesige Burgerschaft für die Hinterlassene ihres redlichen Mitbürgers, der sich für das Wohl und die Erhaltung des Eigenthums der ganzen Stadt aufgeopfert hat, das ihrige beytrage, aber die traurige Kriegszeiten, die mehrere Obstmissiahre und mancherley Ungemach vielfältig die Hände bindet; So werden andurch von der un- glüklichen Witwe des erschossenen Burger Kunzen, begleitet von einem zugegebenen Beistand und Anverwandten und redlichen Burger dahier, Namens Adam Weigand, einige liebreich gesinnte Menschenfreunde in Frankfurt und bekannte Wohlthäter der leidenden Menschheit gebäten, eine Liebesgabe beizutragen, damit die Kinder ehrlich und wohl erzogen werden können; zu dessen Behuf der evangl. luth. Kirchen convent dahier ein kleines Kapital anzulegen sucht, um diesen Endzwek unter Gottes Segen erreichen zu können, deswegen man auch wünschet, dass die Liebesgaben auf beigeheftetes Blat geneigtest verzeichnet würden. Angstvolle Anonymität. Pläne für Zerstörung der Burg. Gott, der allerhöchste Wohlthäter, der grosse Beschüzzer des gesegneten Frankfurts, für dessen gnädige Erhaltung in diesen gefahrvollen Zeiten die ganze Nachbarschaft zum Himmel geseufzet, vergelte auch diese Liebesgaben, welche zu einem so heilsamen Endzwek sollen angewendet werden. Johann Ludwig Christ, Kronberg d. 28. Oct. 1795. Erster Pfarrer. Balthasar Bleichenbach, Zweiter Pfarrer. Charakteristisch für die damalige verängstete Zeit erscheint: dass fast niemand frei heraus mit Namen zeichnete, sondern nur verschleiert: „Ein Freund," „Von einem Freunde." 1798. Die französischen Truppen hielten im Schlosse ihre Fechtschule und richteten ihre Gefängnisse ein. Die Fenster sind zerschlagen, des Holzwerkes ist viel gestohlen. Antrag: die Gebäude abzubrechen und das Material zu verkaufen. Bei noch längerer Truppenanwesenheit werde es doch nach und nach entwendet werden. 1798. Der kurmainzische Landbaumeister berichtet nach Aschaffenburg: das Schloss habe er durch die verschiedenen Ereignisse während diesem Krieg so beschädigt gefunden, dass es eine beträchtlich Reparatur erfordert. Er beantragt: entweder Verkauf des Ganzen, und vom Erlöse eine neue katholische Schule zu bauen, oder: Abbruch des einen baufälligsten (westlichen) Flügels. Die Regierung fürchtete jedoch „Militair-Angriff des abgetragenen Gehölzes," und lehnt ab. 1805. Es gebrach, bis auf die zwei Schulstuben, dem ganzen Schlossgebäude an Thüren, Fenstern und Oefen. 1806. Das Schloss sollte verkauft werden. Die neue Nassauische Rheinbunds-Regierung lehnte zuerst die Unterhaltung der katholischen Schule im Schlosse ab; sie erkannte jedoch später die veraltete ihr widerwärtige Verpflichtung mit saurer Miene an. Der Verkauf wurde damals ausgesetzt; man rechnete dass in ruhigen Zeiten ein reicher Particulier aus Frankfurt den alten Kasten kaufen werde. Abermals also wurde die alte Burg durch die ihr innewohnende katholische Schule gerettet. Diese Konfessionsverwandten hatten inzwischen, wie es scheint, sich vermehrt. Sie strebten nach einem grösseren Gotteshause und baten: 1807 man solle nicht - wie in der Absicht lag aus der unfertigen katholischen Kirche, deren Umbau mm 'I i Ii II IiiI Wl {||!f!p;|||i' :i :& Iii i 1# N II Iii : I Ii 1 i s; i'Ü Ii 632 Widerrechtliche Entfremdung des Geländes. inhibirt worden, einen Speicher machen. Gleichzeitig trat der Regierungsbaumeister mit einem ungeheuerlichen Plane auf: den Kronenstamm- flügel zu einer katholischen Kirche auszubauen, mit Erhöhung des Turmes und Anheftung einer halbrunden Aspis an der Nordseite über dem Hirschgraben. Glücklicher Weise scheiterte diese monströse Idee an ihrem Kostenanschlage von 5782 Gulden. So schleppte sich denn die Schlossleiche weiter, von einem Jahrzehnt zum andern, langsam aber sicher zerwitternd und zerbröckelnd. Das gesammte Gelände auf den Abhängen des Berghügels gehörte selbstverständlich deren Herren. Es musste offen bleiben, soweit es nicht zu Anlagen für die Vertheidigung: Gebücken und ähnlichen, benutzt wurde. Als die Kronberge nicht mehr waren geriet das Glacis nach und nach stückweise in Privathände, durch kleinliche fiskalische Plusmacherei, oder auch durch Nachlässigkeit der Mainzer Beamten und ihrer Nachfolger. Wer konnte, rodete sich dort ein Krautgärtchen, einen Kartoffelacker an. Die wechselnden Herren der Burg fragten nicht viel: mit welchem Rechte? In einer gewissen Zeit sollen sogar der Schultheiss und der Landjäger gemeinsam am eifrigsten für sich kultivirt haben. Bei Veranlagung der Grundsteuer (1830) wurde der vorgefundene Zustand eingetragen. Später (1851) dienten deren Rollen nebst der Auskunft des einheimischen Feldgerichts, als Grundlage des neuen Hypothekenbuches. Hierdurch erwarben die Besitzer einen unanfechtbaren Privatrechtstitel und die Burg war nun bis an ihre Mauern von fremd gewordenen Grundstücken eingeengt, auf denen sich dann zudringliche unschöne Gebäude ansiedelten. So war der wüste Zustand als, im Jahre 1892, Burg Kronberg aus fast zweihundertjährigem Schlafe wieder erweckt wurde. — 1889. Letzte Baurevision von Seiten der fiskalischen Verwaltung. Das Dach der Kapelle war vollständig regenundicht geworden und wurde, zur Umgehung des damals unvermeidlichen, bureaukratischen, verzögerlichen Schreibverfahrens, von der Verwaltung des im Bau begriffenen benachbarten kaiserlichen Schlosses Friedrichshof schleunig und heimlich ausgebessert. Gartenfront des Schlosses Friedrichshof. III. Des Herrensitzes Neuerstehung durch Schloss Friedrichshof. iENN um diese Zeit regte sich dort ein neuer mächtiger Lebenskeim, der mit junger Kraft an die ehrwürdigen Mauern der hinsinkenden Burg über Kronberg pochte. Seit dem 1. Oktober 1888 war Ihre Majestät die Kaiserin-Königin Friedrich Eigentümerin der kleinen Villa Schönbusch, nordöstlich des Städtchens, sammt ihrem umliegenden Gelände geworden. Dort erhob sich in den nächstfolgenden Jahren der schöne stolze Fürstensitz, der jetzt als Schloss Friedrichshof in der kunstsinnigen und für landschaftliche Schönheit empfänglichen Welt als Meister- und Musterwerk, als eine der stilmächtigsten Arbeiten in der Entwickelung unseres deutschen Schlossbaus, zugleich als eines der bedeutendsten Blüten deutscher Landschaftsgärtnerei bewundert wird. Schon bevor diese Schöpfung Ihrer Majestät vollendet war und die hohe Eigentümerin den neuen Wohnsitz, im Jahre 1895, bezogen hatte, richtete sich zunächst und unwillkürlich von der Terrasse vor der südlichen Gartenfront der Blick auf die malerische und vornehme Erscheinung der alten, am südwestlichen Elimmel emporsteigenden Doppelburg. Das lebhafte Bedauern: dieses Denkmal einer vorzüglich erhalten Vergangenheit unter der Sorge des Staatsfiskus sicherm Zusammensturze verfallen zu wissen, erweckte bei der kaiserlichen Schloss- 634 Nordfront und Vorfahrt von Schloss Friedrichshof. herrin den Wunsch: die Burg käuflich zu erwerben und ihrer Bedeutung entsprechend zu verwerten. Den unerwarteten und nicht ganz Schloss Friedrichshof. 635 Südliche Terrasse vor Schloss Friedrichshof. verständlichen bureaukratischen Schwierigkeiten trat S. M. der Kaiser, dessen künstlerisches Auge diese Schönheiten sofort gewürdigt hatte, persönlich entgegen und — sie verschwanden wie Nebeldünste vor der Sonne. Der allerhöchste Herr-erwarb die Burg käuflich-vom Staate; dann legte Seine Majestät der hohen Frau Mutter den gewünschten Besitz auf den Weihnachtstisch des Jahres 1891. Bald durchwehete ein frischer Lebensodem die alten Gemäuer. Zunächst begonnen die bedeutenden notwendigen Arbeiten zur Erhaltung von Dach und Fach. Die alten weiten grossen inneren Räume der Mittelburg wurden fest und sauber wieder hergestellt. Sie erwarten nun, während der kommenden Jahre, ihre allmälige Ausstattung im Sinne der Bauzeit. Einstweilen werden dort zahlreiche wertvolle Fundstücke aus den Aufräumungen des vielhundertjährigen Schuttes in Eschborn und Kronberg aufbewahrt. Auch Kronbergs Umgegend ist jetzt, ebenfalls durch Ihrer Majestät schöpferische Anregung der Kultur neu erstanden. Der Wanderer, der jetzt dort Erquickung für Lunge und Auge findet, möge den östlichen Flöhenzug hinansteigen. Dort möge er von der Ecke des Wäldchens 636 Das neue Leben blüht. westabwärts blicken. Dann stehen der alte und der neue Herrensitz im Gesammtbilde vor ihm, wie sie die vorstehende Erzählung im Titelblatte bringt. So bewahrheitet sich auch hier das alte Dichterwort: „Das Alte stürzt, es ändert sich die Zeit, Und neues Leben blüht aus den Ruinen." — Die äussere Gestalt des neuen Schlosses zeigt, in fortschreitender Entwickelung, diejenigen Bauformen, die seit Beginn des 16. Jahrhunderts am Main, Rhein und in der Wetterau an Schlössern und Stadthäusern gebräuchlich waren und für diesen Teil Mitteldeutschlands vorzugsweise charakteristisch sind. Dem fortgeschrittenen Bedürfnis an Luftraum und Licht wurde durch die angewandten, der deutschen Giebelrenaissance fremden, weiten schottischen Fensterformen entsprochen. Die Mauern sind aus Taunusquarzit, die Einfassungen und Sockel aus fränkischem Sandstein und rheinischem Basalt hergestellt. Der Fachwerkbau des Küchenflügels schliesst sich an das oberhessische Holzhaus. Uebersicht der wesentlichen, für das vorstehende Werk benutzten archivalischen und litterarischen Quellen. Zum Ersten Abschnitt: Der Ursprung. Von Eschborn nach Kronberg. 770—1254. A. Archive. 1. Königlich Preussisches Staatsarchiv zu Wiesbaden; daneben 2. Nassauisches Urkundenbuch, bearbeitet von Dr. W. Sauer, k. Staatsarchivar, damals Archivrath zu Wiesbaden; Band 3, 1887. 3. Stadtarchiv zu Thorn. B. Litteratur. 1. Fleischhauer, Kalender-Compendium der christlichen Zeitrechnungsweise von 1 bis 2000 vor und nach Christi Geburt, 1884. 2. Vogel, Historische Topographie des Herzogtums Nassau, 1836. 3. Vogel, Beschreibung des Herzogtums Nassau, 1843. 4. Ulbrich, die Landes- und Kirchengeschichte des Herzogtums Nassau. 5. Gebhardt, Handbuch der Deutschen Geschichte und die dort aufgeführten einschlagenden Werke, 1892. 6. Stacke, Deutsche Geschichte. 7. Dümmler, Geschichte des Ostfränkischen Reiches, 1887. 8. Zeitschrift für Rechtsgeschichte, B. XXI; Brunner: der Reiterdienst und das Lehnswesen. 9. Usener, Beiträge zur Geschichte der Ritterburgen und Bergschlösser um Frankfurt a. M., 1852. 10. Basse, Das Rittergeschlecht und die Stadt Kronberg im Taunus. 11. Grotefend, Cronberg Burg, Stadt und Geschlecht, Jahresbericht des Frankfurter Taunus-Clubs, 1883. 12. Ritsert und Grotefend, Die Familien Eschborn und Cronberg, 1884. 13. Ewall, Zur Geschichte Cronbergs, 1876. 14. Bernhard. Antiquitates Wetterawiae, 1731. 15. Steiner, Geschichte und Topographie des Maingebietes und des Spessarts unter den Römern, 1834. 16. Cohausen, Die Alterthümer des Vaterlandes, 1892. 17. Grand' homme, Der Kreis Höchst. 18. Kirchner, Geschichte der Stadt Frankfurt, 1807—10. 19. Hörne, Geschichte von Frankfurt am Main, 1893. 20. Schaab, Geschichte der Stadt Mainz, 1841. 21. Hennes, Die Erzbischöfe von Mainz, 1879. 640 22. Schunk, Beyträge zur Mainzer Geschichte. 23. Walther, Das Grossherzogthum Hessen, 1854. 24. Seyler, Geschichte der Heraldik 1885—89. 25. Hohenlohe-Waldenburg, Ueber den Gebrauch der Helmzierden im Mittelalter. 26. Mayer, Heraldisches A.-B.-C.-Buch, 1857. 27. Siebmacher, von Goeckingk: Abgestorbener Nassauischer Adel. 28. Pettenegg, Sphragistische Mittheilungen aus dem Deutsch-Ordens-Centralarchive.. 29. Rheinischer Antiquarius, Mittelrhein, I, XV. 30. Alwin Schulz, Höfisches Leben unter den Hohenstaufen. 31. Annalen des Vereins für Nassauische Altertumskunde und Geschichtsforschung 18 . . 32. Periodische Blätter der Geschichts- und Altertumsvereine zu Kassel, Darmstadt und Wiesbaden, 1860 ff, 33. Zeitschrift für die Geschichte des Oberrheins. 34. Schreckenstein. Die Ritterwürde und der Ritterstand, 1886. 35. Geschichtsblätter für die Mittelrheinischen Bisthümer, 1884. 36. Zeitschrift des Vereins für das Württembergische Franken, 1859. 37. Thomas, Der Burggraben zu Eschborn, im Archiv für Hessische Geschichte N. F. II, 2, 1896. Zum Zweiten Abschnitt: Fehdezeiten. 1255—1399. A. Archive. 1. Das Staatsarchiv in Wiesbaden. 2.—7. Die preussischen Staatsarchive in Berlin, Marburg, Koblenz, Halle, Königsberg. 8. Das bayerische Staatsarchiv in München. 9. Die Manuscripte der Universitätsbibliothek in Giessen. 10. Das Gr. Staatsarchiv zu Darmstadt. 11. Die Stadtarchive zu Frankfurt a. M. und Wetzlar. 12. Das Holzhausensche Familienarchiv zu Frankfurt a. M. B. Litteratur. Neben den unter Abschnitt I genannten, in diese Zeitperiode übergreifenden Werken wurden zu Rate gezogen: 1. Bodmann, Rheingauische Alterthümer, 1819. 2. Alte Verfassung der Burg und Stadt Cronberg, 1748. 3. Schannat, Gedichte der Bischöfe von Worms 17 .. 4. Schneider, Historie des Gräflichen Hauses Erbach, 1736. 5. Dahl, Beschreibung des Fürstenthums Lorsch, 1812. 6. Bär, Abtei Eberbach. 7. Drautol, Die von Bellerstein. 8. Heusser, Die Erz- und Erb-Land Hofämter des Erzstiftes Mainz, 1789. 9. Alwin Schultz, Deutsches Leben im 13. und 14. Jahrhundert, 1892. 10. Joannis, Rerum Moguntiacarum II Bände, 1722. 11. Gudenus, Codex Diplomaticus, 1747. 12. Böhmer, Codex Maeno-Frankfurtensis, 1806. 641 13. Lersner, Frankfurter Chronik, 1706. 14. Geissei, Schlacht am Hasenbühl, 1298. 15. Burgermeister, Bibliotheca equestris, 1726. 16. Derselbe. Codex diplomaticus equestris 1721. Zum Dritten Abschnitt: Die Morgendämmerung der neuen Zeit. 1399—1500. Zu den früher genannten Quellen treten : A. Archive. 1. Das k. bayerische Kreisarchiv zu Würzburg. 2. Eltester: Urkundenbuch (cf. B. 1). 3. Regesten des Solms Rödelheimschen Archives, 1891. 4. Diejenigen des Hauses Solms zu Braunfels, Lieh, Laubach, Assenheim. 5. Das gräfliche Gesammtarchiv in Erbach. 6. Die Familienpapiere der Freiherrn von Dalberg, zu Aschaffenburg und Riedesel zu Eisenbach. 7. Das Germanische Museum zu Nürnberg. B. Litteratur. 1. Höffner und Wolf, Burg Tannenberg. 2. Scriba. Jugenheim und seine Umgebung. 3. Euler, Dorf und Schloss Rödelheim, 1859. 4. Landau, Die Rittergesellschaften in Hessen, im 14. und 15. Jahrhundert, 1840. 5. Landau, Beschreibung der wüsten Ortschaften des Kurfürstentums Hessen, 1858. 6. Roth von Schreckenstein, Geschichte der Reichsritterschaft, 1859. 7. Derselbe. Der Freiherrntitel einst und jetzt, 1888. 8. Haeusser, Geschichte der Pfalz. 9. Roder, Schlacht von Seckenheim 1462/63. 10. Buchwaldt, Deutsches Gesellschaftleben im Mittelalter, 1885. 11. Roth, Geschichte der Herren und Grafen zu Eitz, 1890. 12. Brinkmeier, Genealogische Geschichte des Hauses Leiningen, 1890. 13. Franck, Geschichte der Stadt Oppenheim, 1859. 14. Oetter, Wappenbelustigungen, Anhang zum sechsten Stück, 1763. 15. Grünenbergs Wappenbuch. 16. Mitteilungen des historischen Vereins der Pfalz, XVI ff. Zum Vierten Abschnitt: Bauwesen und bildnerische Kunst in Burg und Stadt. 1220—1550. A. Archive. Die bereits genannten. B. Litteratur. 1. Piper, Burgenkunde 1895. 2. Lötz und Schneider, Die Baudenkmäler des Regierungsbezirkes Wiesbaden, 1880. 642 3. Klein, Ueber die ältesten Theile der Burg Cronberg, in den Annalen für Nassau. Altertumskunde B. VI, 2, 1859. 4. Wilke, Geschichte des Tempelherrnordens, 1826. 5. Adami, Denkmäler des Grossherzogthums Hessen, 1894 ff. 6. Cori, Bau und Einrichtung der deutschen Burgen im Mittelalter 1874. 7. Cohausen in den Nassauischen Annalen. 8. Merian, Topographia Hassiae. Zum Fünften Abschnitt: Hartmut XII von Kronberg und die Reformation. 1488—1549. A. Archive. Zu den bereits genannten treten: 1. Das k. Staatsarchiv in Dresden. 2. Das Ernestinische Gesammtarchiv in Weimar. 3. Berlichingen, Geschichte des Ritters Götz von B. mit der eisernen Hand. 4. Leitner, Kriegswesen unter Max 1 und Karl V. 5. Jähns, Ross und Reiter. 6. Archiv der Universitätsbibliothek in Halle. 7. Das Haus-, Hof- und Staatsarchiv in Wien. 8. Das fürstlich Hatzfeldt'sche Archiv in Trachenberg. 9 Das gräflich Ortenburg'sche Huttenarchiv in Birkenfeld (Franken). 10. Das freiherrlich von Botzheim'sche Archiv in Schloss Mattsies (Schwaben). 11. Die Stadtarchive in Basel, Colmar, Strassburg, Köln. 12. Zehn Schriften Hartmuts. B. Litteratur. 1. Ranke, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, 1839. 2. Ranke, Die römischen Päpste, 1878. 3. Egelhaaf, Deutsche Geschichte im Zeitalter der Reformation, 1885. 4. Nebe, Zur Geschichte der evangelischen Kirche in Nassau, 1863. 5. Janssen, Deutsche Geschichte zur Reformationszeit. 6. Holzwarth, Weltgeschichte, 1886. 7. Köstlin, Luthers Leben, 1882. 8. de Wette, Luthers Briefe. 9. Muench, Geschichte Franzens von Sickingen. 10. Ullmann, Franz von Sickingen, 1872. 11. Strauss, Ulrich von Hutten, 1871. 12. Wedewer, Johannes Dietenberger, 1888. 13. Rommel, Hessische Geschichte. 14. Wigand Lauze, Leben Philipps des Grossmüthigen, um 1560. 15. Tagebuch des Canonicus Wolfgang Königstein, 1520. 16. Seckendorf^ Commentarii de Lutheranismo, 1694. 17. Waltz, Die Flersheimer Chronik, 1874. 18. Ritter, Evangelisches Denkmal der Stadt Franckfurth am Mayn, 1726. 643 19. Walther, Geschichte Hessens, 1854. 20. Burckhard, Dr. Martin Luthers Briefwechsel. 21. Wegeier, Richard von Greiffenclau zu Vollrads. 22. Keller und Goetze, Hans Sachs B. 14. 23. Max Lenz, Briefwechsel Philipps d. Gr. mit Bucer, 1887. 24. Wagner, Die vormaligen geistlichen Stifte im Grossherzogthum Hessen, 1878. 25. Mader, Geschichte der Reichsburg Friedberg. 26. Allgemeine Deutsche Biographie. 27. Cyriacus Spangenberg, Adelspiegel. Zum Sechsten Abschnitt: Walter XI von Kronberg, Deutschmeister. 1479—1543. A. Archive. Es treten hinzu: 1. Das k. Staatsarchiv in Stuttgart. 2. Das Archiv des Deutschordens in Ludwigsburg. 3. Hoch- und Deutschmeisterliche Kanzlei in Wien. B. Litteratur. 1. Voigt, Geschichte des Deutschen Ritterordens in Deutschland. 2. Euler, Die Deutsch-Ordens-Commende Frankfurt am Main, 1874. 3. Venator, Historischer Bericht von Marianisch-Teutschen Ritterorden, 1680. 4. Dudick und Köhler, Historisches Münzbuch. 5. Roth von Schreckenstein. Die Insel Mainau. Geschichte einer Deutschordens- Commende. 6. Kheull, Streitschriften zwischen dem Deutschmeister Walther von Cronberg und Herzog Albrecht in Preussen, 1701. Zum Siebenten Abschnitt: Die Epigonen der Reformation bis zum Ausgange des Flügelstammes. 1550—1617. A. Archive. 1. Gräflich Ingelheimsche zu Gamberg. 2. Staatsarchive in Metz und Luxemburg. 3. Archiv der Freiherrn Röder von Diersburg in Karlsruhe. B. Litteratur. 1. Georg Helwich, Genealogie des uralten Geschlechtes derer von Cronberg, 1625. 2. Jakob Grimm, Weisthümer III. 3. Keller, Geschichte Nassaus von der Reformation bis zum Anfange des 30 jährigen Krieges, 1664. 4. Peters, Die Burgkapelle zu Iben, 1869. 5. Mertz, Leichenpredigt Hartmuts (XIII) von Kronberg, 1591. 6. Widmann, Franz Behem, 1889. 7. Rheinischer Antiquarius. '' ^ 644 Zum Achten und Neunten Abschnitte: Kurfürst Johann Schweikard von Mainz. 1553—1626. Des Generalwachtmeisters Adam Philipp Kriegsfahrten. 1599—1634. _ , . A. Archive. Es treten hinzu: 1. Das k. u. k. Kriegs-Archiv in Wien. 2. Das Reichsarchiv zu Stockholm. 3. Handschriftensammlung der Freiin Elise König von Warthausen. 4. Das böhmische Landesarchiv in Prag. 5. Akten über Kron-Poritschen, Hofkammer Wien. 6. Das Museum des Königreichs Böhmen in Prag. 7. Fürstlich Oettingen'sches Archiv zu Wallerstein. 8. Fürstlich Fürstenbergsches Archiv zu Donaueschingen. 9. Fürstlich von der Leyensches Archiv, Schloss Waal. B. Litteratur. 1. Schiller, Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. 2. Barthold, Geschichte des Grossen Krieges 1843. 3. Winter, Geschichte des Dreissigjährigen Krieges. 4. Heilmann, Kriegsgeschichte von Bayern von 1506—1651. 5. Der ernewerte Teutsche Florus . . . bis ins Jahr 1647, continuirt von General Gronefeld, 1647. 6. Keller, Die Drangsale des Nassauischen Volkes in den Zeiten des Dreissigjährigen Krieges, 1854. 7. Abelius Theatrum Europaeum, 21 Bände. 8. Gindely, Der Dreissigjährige Krieg, 2 Bände. 9. Sommer, Das Königreich Böhmen, Band VII, 1839. 10. Reinhart, Pragmatische Geschichte von Hohengeroldseck, 1766. 11. Ruppert, Geschichte der Ortenau, 1886. 12. Hallwich, Wallensteins Ende 1879. Zum Zehnten Abschnitt: Der Kronberge Ausgang. 1650—1704. A. Archive. 1. Das Staatsarchiv zu Wiesbaden. 2. Die Bauakten der Burg Kronberg bei k. Regierung zu Wiesbaden. B. Litteratur. 1. Die Parteischriften im fünfzigjährigen Kampfe Kronbergs mit Kurmainz um die Streitkirche, 1714—1768. 2. Faber, Europäische Staatskanzlei, B. 74—78. Zum Elften Abschnitt: Der Burg Zerfall und Neuerstehung. 1704—1898. Wie in Abschnitt 10. So Geschlechtstafel zum Ersten Abschnitt (770 bis 1254) ho Geschlechtsreihen I, II, III, IV. Geschlechtstafel zum Zweiten Abschnitte (1254 bis 1398) Geschlechtsreihen V, VI, VII, VIII. Archiv Q rchlichte i ublizistik Geschlechtstafel zum Dritten Abschnitte (1399 bis 1500) Geschlechtsreihen IX, X, XI «■■■■■■RRPRI H- Geschlechtstafel zum Fünften bis Achten Abschnitte (1500 bis 1704) ho Geschlechtsreihen XII, XIII, XIV, XV, XVI.