Druckschrift 
Hand- u. Adressbuch der Geschlechtsverbände u. Stiftungen
Entstehung
Seite
79
Einzelbild herunterladen
 

Deutsche Adelsgenossenschalt.

79

Mehrheit noch immer hartnäckig in der Verkennung der ihm vonseiner Vergangenheit und seiner Eigenart auferlegten Sonder-Pflichten.Man wende uns nicht ein, dass der in sich selbst so viel gestaltige,alles inneren Zusammenhangs entbehrende Stand, längst seine socialeLebens- und Wirkungsfähigkeit verloren habe, dass er heute sich da-mit begnügen müsse, als ein noch immer glanzvoll genug in die Er-scheinung tretendes Ornament am Hochbau der Gesellschaft zu prangen.Derartige Aeusserungen widersprechen den Thatsachen und erweisennur den fortschreitenden Niedergang allen Standesbewusstseins. Inseiner jetzigen Zersplitterung freilich, ohne autoritative und disciplinareLeitung, bietet der Adel ein Bild von Ueberlebtheit dar, das endlichwirklich entschwinden zu sehen, unseres Erachtens nur demjenigenBedauern einzuflössen vermöchte, welchem der Schein die Wahrheit zuersetzen pflegt. Der Adel, welcher sich selbst nicht mehr versteht,sich selbst aufgiebt, der ist in der That des völligen Untergangeswerth. Ihn können und wollen wir nicht retten. Der Adel, denunser ritterlicher junger Kaiser aber zur Mitarbeit an der Lösungder gewaltigen Gesellschafts-Aufgaben der Zukunft berief, bedarfdringend der Stählung seiner sittlichen materiellen und damit seinersocialen Grund-Kräfte. Seine Wiedergeburt auf diesem Wege anzu-streben, ist nicht nur sein Recht, — es ist einfach seine Pflicht, solange sein kaiserlicher Herr noch solche Worte zu ihm redet, — solange des Reiches Oberhaupt und des Reiches Fürsten noch in denAdelstand „erheben". — Darum fort mit dem Schein- und Traum-leben, edle Standesgenossen, indem Ihr ein Euerer erhabenen Tradi-tionen unwerthes, verkümmerndes Dasein dahinschleppt. Rafft Euchauf, besinnt Euch auf die Vergangenheit und damit auf die Gegenwartund die Zukunft, die sich, Glied um Glied, in der goldenen Kette derEntwicklung Eueres Geburtsstandes aneinanderreihen. Besinnt Euchauf Euch selbst, dann wird auch die Geschichte Euerer nicht ver-gessen. Ihr werdet weiter grünen und blühen in Eueren Nachkommenund nicht in's Feuer geworfen werden, als ein verdorrter Stamm, derzu nichts Besserem mehr taugt. Noch wurzelt unser Adel fest imBoden unseres Volksthums, das weiss Jeder, der sich nicht absicht-lich gegen solche,, der modernen Anschauung meist sehr unbequemeErkenntniss verschliesst, der den Adel auf den verschiedenen Gebietendes staatlichen und gesellschaftlichen Lebens zu beobachten Gelegen-heit fand. Worauf es heute ankommt, ist vor allem, dem noch immerstattlich aufstrebenden uralten Stamm seiner Auswüchse und todtenZweige zu entkleiden — und so ihm neues Lebensmark, neues Wachs-thum zuzuführen.