Betrachtungen
über die
Bedeutung der Geschlechts- und Familien-Stiftungenund deren Entwicklung.
Zu den bewundertsten Eigentümlichkeiten des deutschen National-charakters gehören unzweifelhaft Vaterlands- und Heimathsliebe undjener edle Familiensinn, der aus der Vergangenheit seine Kraftschöpfend, nicht nur der Gegenwart und ihren Forderungen lebt, son-dern der vielmehr das Christen-Gebot der Nächstenliebe und der Für-sorge für diejenigen Menschen, die Gott dem Herzen am nächstengestellt, auch über die Grenzen ihres und des eigenen Lebens hinausfür kommende Geschlechter zu bethätigen bestrebt ist.
Die Hauptvertreter dieses wahrhaft edlen, weil selbstlosen Familien-sinns im deutschen Volke, finden wir unbestritten noch in unseremAdel. Der Träger eines alten mit der Geschichte seines Landes undVolkes innig verwachsenen Namens, der Nachkomme heldenhafter Vater-lands-Vertheidiger oder ruhmgekrönter Förderer der friedlichen Ent-wickelung des heimathlichen Staates wird, ist er kein geistigerKrüppel, nicht nur aus dem persönlichen Beispiele seiner Ahnen fürsich die stärksten Anregungen zur Nacheiferung oder doch zur Führungeines untadlichen Lebenswandels, sondern auch ein ausgeprägtes Familien-ehrgefühl, einen berechtigten Familienstolz und eine Liebe zur Ge-meinschaft seines Geschlechtes schöpfen, die eifersüchtig darnach strebt,den gemeinsamen Namen möglichst bei allen seinen Trägern innerlich undäusserlich in Ehren und Ansehen erhalten zu sehen. Diese Gefühle sindGott Lob traditionell in unseren alten Geschlechtern und haben zu allenZeiten zu warmer Bethätigung gedrängt; ihnen sind die segensreichfortwirkenden Familien-Stiftungen aus längst verwichenenJahrhunderten zuzuschreiben, an deren fördernden Vergünstigungenunsere Zeitgenossen Theil nehmen* ihnen, dass sich noch immer zahlreichefür das Wohl und den Bestand ihres Geschlechtes begeisterte Edelleutefinden, die durch neue Stiftungen, sowie durch Gründung und Fundirungvon Familien-Verbänden bestrebt sind, das Ansehen und die Leistungs-fähigkeit ihrer Familie im Wandel dieser Zeiten möglichst zu befestigen.