Geschlechtsverbände und deren Entwickelung. 7
eigene Haus unter Dach brächte, noch immer allzusehr in, min-destens gesagt, sehr viel ferner liegenden Bestrebungen.
Ueber das Nächstliegende, die Herabgekommenheit, ja vielfachdas Elend des eigenen Fleisches und Beines im weiteren Sinne desStandes hinweg greift man zu Dingen, die man ja nicht zu lassenbrauchte, die aber doch zweifellos der nothwendigsten Arbeit im eigenenHause nachstehen sollten. Man erwärmt sich für alle möglichenDinge, bestrickt Negerknaben und gründet Asyle für Obdachlose:Der Erziehung der Kinder derer, mit denen man die Ueberlieferungendes Stammes und des Standes, die Ehre eines Schildes theilt, stehtman dagegen kalten Blutes gegenüber und thut nichts dazu, dem derScholle der Väter entfremdeten Gescblecbtsgenossen Obdach gegen dieStürme des Lebens aufrichten zu helfen. Höchst schmerzlicher Weisedrängt sich dabei auch hier die Wahrnehmung auf, dass der Reich-thum auch auf diesem Gebiet häufig genug die Herzen mehr ver-als ersehliesst.
Wie gross aber auch die Schwierigkeiten waren, welche sich derin der Neubegründung zahlreicher Geschlechtsverbände eingeleitetenReformbewegung entgegenstellten — der Durchbruch der dieselbetragenden Ideen ist erfolgt, der Geschlechtsverband hat Wurzelgefasst im Verständniss des Standes und zumal in dem seinesdem historischen Uradel angehörenden Theiles. Wie viel aberauch geschehen — unendlich viel bleibt gleichwohl noch zu thunübrig, das Verbandswesen auf die Höhe zu bringen, die die Lage unddie sozialpolitische Arbeit zu der sich der Stand bequemen muss —dringend erfordern. Wenn es bisher in der Hauptsache Geschlechterdes Uradels, denen sich da und dort altpatrizische Sippen anreihten,gewesen, welche sich zur statutarischen Geschlossenheit zusammen-fanden, — so liegt hierin der Beweis, dass die geschichtliche Standes-Auffassung, wenn auch vielen ihrer Glieder gänzlich unbewusst, indiesen Nachkommen der ritterlichen Gesellschaft noch nicht gänzlicherloschen ist, dass der innere Drang sie beruft, dem Stande auf denzeitgemässen Bahnen seiner Entwickelung voran zu schreiten.
Auf zeitgemässen Bahnen sagen wir. Der Zustand der Des-organisation, in dem sich die in ihren Grundfesten unterwühltenPfeiler der alten Gesellschaft genöthigt sehen das Staatsdach mitseiner immer grösser werdenden Last zu tragen — wird von Jahrzu Jahr unhaltbarer. Er verlangt dringend und dringender dieumfassendste Remedur. Gleichwohl vergeht die Zeit in Velleitätenaller Art, weil man sich nicht entschliessen kann, vielfach auch inFolge der liberalistisch-rationalistisch und mechanistischen Schulung,in welcher man gross geworden, wirklich nicht die Fähigkeit hat, —