Die Ueberliefermigsweise des Gedichtes ist eine doppelte.In den gebildeten Kreisen wird es überwiegend durch denDruck verbreitet: durch Uhlands Werke, durch Lesebücher, durchGesangbücher n. s. w.; in den Volksschichten dagegen durch dasWort: hier findet lebendige Ueberlieferung von Mund zu Mundstatt. Einer hat es singen hören; es gefiel ihm und deshalbsang er es nach. Von diesem hörten es Andere und sangen eswieder nach und so fort und fort.
Diese verschiedene Ueberliefernugsweise zieht merkwürdigeFolgen nach sich. Bei der mündlichen Ueberlieferung des Volkesbeibt die Singweise mit dem Texte verbunden, beide bilden eineEinheit und werden als solche übermittelt. Das Volk recitirtund deklamiri nicht, es singt nur; daher spricht es auch nichtvon einem „Gedicht", sondern von einem „Lied" oder „Gsangl".Im Drucke dagegen ist die Singweise meist gar nicht vorhandenin den gebildeten Kreisen wird mehr gelesen und gesprochen alsgesungen. — Umgekehrt bewahrt der Druck gewöhnlich dieUeberschrift des Gedichtes („Der gute Kamerad") und den Namendes Dichters; die mündliche Ueberlieferung dagegen beides nicht:in den Volksschichten wird das Gedicht alsbald ein namenlosesund herrenloses Gut. Aber noch ein anderer Unterschied ergiebtsich und der ist der wichtigste. Der Druck bewahrt den Textdes Gedichtes ziemlich getreu; es schleichen sich höchstens Satz-versehen ein, die früher oder später immer wieder beseitigtwerden. Den Mittelpunkt der Ueberlieferung bildet hier dasbedruckte leblose Papier, und das kann nichts ändern. Ganzanders verhält es sich bei der volksmäßigen Tradition: ihrMittelpunkt ist das Gedächtniß aller Jener, welche das Gedichtkennen und singen. Die Thätigkeit des Gedächtnisses aber wirdbegleitet von der Thätigkeit der Phantasie und des Gefühls,welche fortwährend verändernd und umgestaltend einwirken.
So ist denn in der That nachweisbar, daß Uhlands
(SSI)