^olkspoesie, Volksdichtung, Volkslieds das sind Bezeich-nungen, welche hänfig gebraucht, aber selten richtig und imeigentlichen Sinne des Wortes verstanden werden. Es wirddaher angezeigt sein, zunächst über die Entstehung und dasWesen des Volksliedes zu handeln; dann erst den Blick zuwerfen auf die Entwickelung des Volksliedes und ans die Be-deutung desselben in unserer Litteratur.
Schlagen wir in einer Litteraturgeschichte oder in einerPoetik nach, was ein Volkslied sei und wie es entstehe, so findenwir gewöhnlich Definitionen wie die folgenden! „Volkslied istein unmittelbares Erzeugnis; des Volkes" (Gödeke, Litteratur-geschichte) oder! „Volkslied ist Eigenthum und Erguß einerganzen Nation" (Carriere, Poesie). Man merkt sofort, daßsolche Definitionen keine Erklärungen sind, sondern nur Um-schreibungen; denn nach wie vor bleibt die Frage offen! wiekann eine große Gesamtheit, ein Volk, eine Nation ein Liedabfassen? Mit einer Definition ist hier überhaupt nichts zuerreichen, wir müssen einen anderen Weg aufsuchen. Den be-quemsten und klarsten Einblick würden wir gewinnen, wenn esmöglich wäre, die Entstehungsweise eines Volksliedes noch inder lebendigen Gegenwart, gleichsam vor unseren Augen zuverfolgen.
Sammlung, N, F, V, 106, (32g)