DER HL. ROMUALD UND SEIN ORDEN
zutreten. Da alles Zureden nichts half, so machte er ihm einesTages frohlockend den Vorschlag: „Wenn ich dir den hl. Apolli-naris" — der in der Kirche beigesetzt war — „in leiblicher Gestaltzeige, so daß du ihn sinnenfällig zu sehen vermagst, was bekommeich dafür?" „Feierlich verpflichte ich mich," erwiderte Romuald,„daß ich, sobald ich den hl. Märtyrer wirklich gesehen habe, nichtlänger in der Welt bleiben will." Der Heilige stellte sich dennauch in der folgenden Nacht pünktlich ein. Er kam unter demMarienaltare inmitten der Kirche hervor, blendender Lichtglanzerfüllte mit Tageshelle das Gotteshaus; mit seinen bischöflichenGewändern angetan, inzensierte Apollinaris mit goldenem Rauch-faß alle Altäre und verschwand dann wieder, von wo er gekommenwar. Am nächsten Tage forderte der Laienbruder den Büßer auf,sein Versprechen zu halten, und als dieser auch jetzt noch nichtsdavon wissen wollte, bemühte sich der Heilige die Nacht daraufsogar noch ein zweites Mal 4 . Nun erst war das Eis gebrochen.Überwältigt von solcher himmlischer Auszeichnung, welche er füreinen deutlichen Beweis der göttlichen Liebe hielt, brach Romualdin einen Strom von Tränen aus, warf sich den Mönchen zu Füßenund bat kniefällig um das Ordenskleid, das sie ihm aus Furchtvor seinem gewalttätigen Vater zunächst nicht zu geben wagtenund erst auf ausdrücklichen Befehl des Erzbischofs Honestus ge-währten 5 . So war Romuald Mönch in St. Apollinare geworden.Aber er blieb es nicht lange.
Das Benediktinerkloster St. Apollinare, um 580 von ErzbischofJohannes von Ravenna an der Seite der um einige Jahrzehnteälteren Kirche, welche mit ihren feierlich-ehrwürdigen Mosaikenund herrlichen Formen noch heute das Auge des Beschauers ent-zückt, in Classe, dem ehemals berühmten Hafen Ravennas, erbautund im Laufe der Zeit mit Zuwendungen aller Art freigebig be-dacht, hatte unter den furchtbaren Verheerungen der Ungarn undSarazenen und noch mehr unter der gewissenlosen Verwaltunghabsüchtiger Äbte aufs schwerste gelitten 6 und bot nun ganz dastrostlose Bild so vieler Klöster in Deutschland, Frankreich undItalien: die Klosterzucht war gänzlich zerrüttet, die Ordensregelvergessen, das gemeinsame Leben aufgegeben, dafür aber Schmau-sereien, Gelage und Ausschweifungen aller Art an der Tagesord-nung. Wehe dem, der es wagte, an die strengen Satzungen derVäter zu erinnern —, rohe Mißhandlungen, wenn nicht ein grau-