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b) St. Gallener Urkunde 957 (Freitags, vor Aug. 6, mit welchemTage sich das Regierungsjahr Ottos I. erhöhte; die Eigenthümlichkeit,wohl den Wochentag, aber nicht den Monatstag zu bezeichnen, ge-meinsam in Wartmann Nr. 805—808), Original im Stiftsarchiv zu St.Gallen IV. 493 (Grösse 25,5X17, hier ganz unbedeutend verkleinert),Wartmann 3, 24 Nr. 806. Von den Urkunden, die eiiien Mönch Ekkehartals Ausfertiger nennen, rühren Nr. 805, 807, 808 und 811 von gleicherHand her wie unsere Urk., während Nr. 815 (v. J. 976) andere Handaufweist. Wartmann 3, 24, Erläuterung zu Nr. 805, war der Ansicht,dass die zusammenhängende Gruppe 805 — 808 und 811 von Ekke-hart III., die Urkunde Nr. 815 aber überhaupt von keinem der vierberühmten Ekkeharte geschrieben sei (vgl. Meyer v. Knonau, DieEkkeharte von St. Gallen, Basel 1876 und in der Allg. D. Bio-graphie Ekkart I. von Steinmeyer und Ekkehart IL— IV. von Meyervon Knonau). Da Ekkehart IV., der Fortsetzer der Casus s. Galliaus der Mitte des 11. Jahrhunderts ausser Betracht fällt, so bleibennur Ekkehart I., der Dichter des Walthari-Liedes, und seine beidengleichnamigen Neffen. Meyer von Knonau in seiner Ausgabe vonEkkeharts Casus S. Galli, Mittheil. d. hist. Vereins zu St. Gallen NF. 5—6,S. 264 A. 903 weist die einzelstehende Urkunde Nr. 815 meines Er-achtens überzeugend Ekkehart III. zu, da ihre Ausstellungszeit (976)Ekkehart I. wegen seines 973 erfolgten Todes und Ekkehart II. wegenseines noch vor diese Zeit fallenden Auszuges nach dem Hohentwielausschliesst. (Ueber die chronologischen Widersprüche in der Er-zählung Ekkeharts IV. über den Hohentwicler Aufenthalt vgl. Meyervon Knonau a. a. O. S. 326 A. 1088.) Im Schreiber der zusammen-hängenden Urkundenreihe, der auch unser Facsimile angehört, siehtMeyer von Knonau Ekkehart I. Dem ist jedoch entgegenzuhalten,dass zu dieser Thätigkeit, soweit unsere spärlichen Personalnotizenreichen, mit Vorliebe jüngere Kräfte herangezogen wurden (so Einhardin Fulda als Klosterschüler), dass es daher bei unserer Urkundengruppeviel näher liegt, an Ekkehart IL, den Lehrer der Frau Hadwig, alsan den bereits bejahrten Ekkehart I. zu denken.
Auf Einzelheiten der Schrift eingehend, mache ich auf den gegen-über der zierlichen Minuskel des 9. Jahrhunderts minder gewandtenund schmuckloseren Grundcharakter der Minuskel des 10. Jahrhundertsaufmerksam (vgl. die treffliche Kennzeichnung dieser Schrift bei Sickel,Das Privilegium Otto I. für die römische Kirche S. 10 ff.). Kenn-zeichen jüngeren Alters sind besonders auch die steifen, lang-gestreckten s und f. Beachtenswerth ist die doppelte Form des z(Z. 6, 8, 9); die eine derselben (Z. 6) ist sonst durch massenhafteAnwendung charakteristisch für Handschriften des Südostens im 11.und 12. Jahrhundert. In Z. 4 ist doppelt geschriebenes res getilgt.In der Jahreszahl steht CCCL auf Rasur, die sich aber noch bedeutendgegen den unteren freien Rand erstreckt und durch die Rauheit desPergaments, nicht durch Tilgung anderer Schrift verursacht scheint.Eine ähnliche Rasur befindet sich Z. 5 [possidejamus und reicht hin-unter nach Z. 6 [si ab abbjate.
Nbtutn sit omnib(us) presentis ac futuri temporis homini-bns . q'uo'jd tios . Herebrant et Engilbreht et < .
Tafel 78. Kaiser Otto II. Worms 973 Juni 27. Schenkung anden Herzog von Baiern, Original im kgl. bayr. Reichsarchiv in Mün-chen, MG. DD. O. IL 44 (hier auch frühere Drucke). Schrift. DieUrkundenschrift der Reichskanzlei war nahe ein Jahrhundert rück-ständig gegenüber der Buchschrift geblieben, indem sie zähe an derCursive festhielt, welche diese längst aufgegeben hatte. Erst Hebar-hard, Notar und später Kanzler Ludwigs d. D., bürgerte die Minuskelin der Reichskanzlei ein. Von da ab bezeichnen wir die Schrift derKönigsurkunden als diplomatische Minuskel. Der grundsätzlicheUnterschied gegenüber der Buchschrift hat aufgehört, der thatsächlicheUnterschied beruht in der Anwendung bestimmter Zierformen für dieUrkundenausfertigung und im Festhalten an einzelnen aus der Buch-schrift verschwindenden Buchstabenformen, so besonders dem aus derCursive überkommenen offenen a (das übrigens in unserer Urkundein für Königsurkunden des 10. Jh. auffälliger Weise hinter dem ge-schlossenen a der Minuskel zurücktritt). Das besondere Interesse,
das sich an die Schrift unserer Urkunde knüpft, liegt darin, dass sievon jenem Beamten der Reichskanzlei herrührt, der sich von Pilgrimvon Passau zur Anfertigung der Passauer Fälschungen missbrauchenHess, dem Schreiber W T C. (d. h. der dritten unter dem KanzlerWilligis nachweisbaren Hand , von dem bisher in den Kaiserurk. inAbb. VII. 25 nur eine Probe seiner Fälscherthätigkeit (K. Arnolf fürPassau, Mühlbacher Nr. 1891) veröffentlicht war. Ueber die Thätig-keit dieses Fälschers und die Eigenthümlichkeiten seiner Schrift vgl.die sorgsame und nach dieser Richtung hin abschliessende Unter-suchung von Uhlirz, Die Urkundenfälschung zu Passau im X. Jahrh.,Mittheil. d. Instituts f. österr. GF. 3, 181 ff. Unter den Eigenthüm-lichkeiten der Hand treten die nach unten spitz zulaufenden a in derverlängerten Schrift am schärfsten hervor. Das Recognitionszeichenrechts vom Siegel) und die Datirung rühren von der Hand desSchreibers WB. her, der auch das Concept der Urkunde entwarf.Das prächtig erhaltene Siegel ist das vierte der unter Otto IL ver-wendeten. In der Datumzeile befindet sich über dem Worte actumein durch die Faltung der Urkunde entstandener Riss. Ueber dieunvereinbaren Jahresangaben und die richtige Zuweisung unserer Ur-kunde zu 973 vgl. Sickel, Erläuterungen z. d. Diplomen Otto IL,Mittheil. d. Instituts f. österr. GF. Erg. B. 2, 128; falsches, und zwarzu hohes Incarnationsjahr ist für den Schreiber WB. in jener Zeitgeradezu charakteristisch.
(C.) In nomine s(an)c(t)ae et individuae trinitatis Ottodivina Providentia imperator augustus . noverint omnes nostrifidelesTafel 79. Tauschurkunde des Bischofs Ilderich von Verona. 984(985) Februar. Original im Vatikanischen Archiv in Rom, Abtheilung:carte Venete. (Den Hinweis auf diese erst in letzter Zeit aufgefundeneUrkunde verdanke ich der Güte des Herrn Archivars P. HeinrichDenifle O. P.) Grösse des Originals 39 X 24 cm, hier unbedeutendverkleinert. Die sehr interessante Schrift dieser Urkunde ist ein Er-zeugnis der Fortentwickelung der oberitalischen Urkundencursive (Bei-spiele für diese: Sickel Mon. graphica medii aevi Fase. I und Archiviopal. Ital. III Fase. I) einerseits und der allmählichen Reception der Minuskelandererseits. Die Formen der Einzelbuchstaben stehen bereits derMinuskel näher, daneben werden aber noch häufig Cursivcrbindungenverwendet, darunter allerdings auch die in der alten Cursive gar nichtmögliche von »vi« (vgl. Z. 9 Anfang via percurrentem und sonst öfter,besonders auch Z. 39 viventes lege Romana). Besonders charakteristischist die Verbindung »ra« (vgl. Z. 4 tradavit und später häufig), dienicht mit dem offenen a der Cursive, sondern mit dem geschlossenena der Minuskel eingegangen wird. Beachtenswerth sind die vielenund starken Kürzungen, sowohl urkundentechnische als allgemeine.Ganz unregelmäßig ist Z. 27 und 29 die Kürzung von quesierint durchdas Kürzungszeichen für quod; das Beispiel zeigt, dass die Kürzungauch alleinstehend in bestimmtem Falle (Z. 26 contra ea que comuta-verunt) vom Urkundenschreiber für que gebraucht und so, nicht mitquod, aufzulösen ist. Die zutreffende Auflösung der zahlreichen Sus-pensionskürzungen wird durch die barbarische Latinität sehr erschwert.Ueber die bereits im Urkundenwesen der römischen Kaiserzeit fest-stehende Kürzung für suprascriptus vgl. die Erläuterung zu Heft II,Taf. 32.
Interessant sind die theilweise eigenhändigen Unterschriften, be-sonders die ebenso eigenartige wie ungelenke des Bischofs Ilderich.Die dritte und vierte Unterschrift stehen sich der Schrift nach zwarsehr nahe, rühren aber doch von verschiedenen Händen her.
Die beiden Jahresmerkmale stehen nicht im Einklang; gegenüberdem auf 984 lautenden Incarnationsjahr spricht die Indiction für 985;eine sichere Entscheidung für das eine oder andere Jahr vermag ichnicht geben.
+ In(o)m(ine) [so der Schriftbestand, das n zugleich alsSchluss für in und als Beginn für nomine verwendet] d(omi)ind(e)i eterni ann(o) ab incarnacione d(omi)ni n(ost)ri ie(sjuckr(ist)i DCCCCLXXXIIII sub d(iej de m(en)s(e) febr(uarii)indic(tione) tercia de citna fel(iciter). Sic in d(e)i nom(ine)