104 Gustav Ehrismann:
Stimmung vertreiben (21697—21710), kann also swsere stundesenfter machen (a. Heinr. 10 f., vgl. auch Gotfr. Tristan 45 ff.).Solche kurzewile 1 kann also zur Tröstung, zur seelischen Erhebung,zur Erbauung dienen: sie kann auch in geistigem Vergnügen be-stehen wie im Bibellesen, Weltchr. 15486, Gott mit Lobgesangpreisen 30849 2 .
Seine persönliche Welt- und Lebensanschauung läßt Rudolfam stärksten im g. Gerhard hervortreten. Er geht aus von derLehre: man soll sich seiner guten Taten nicht rühmen. DiesenSatz stellt er an den Anfang und an den Schluß des Gedichtes(37—76 bezw. 6881—6909, daz man daz rüemen läze sin 6883).Die symbolische Form, in welche diese ethische Forderung ge-kleidet ist, hat als Grundlinie die Gegenüberstellung der beidenTräger des der Erzählung innehaftenden sittlichen Gehaltes :^imKaiser ist versinnbildlicht die Hoffart (denn das sich rüemen istSelbstgefälligkeit, vana gloria, und gehört in das Sündengebietder Superbia); der Kaufmann als Gegensatzcharakter vertritt diediesem Laster gegenüberstehende Tugend, die Demut (verrüemt ersich, dem geschiht als dem heiser geschach dö er ze höhe sich versprachund des koufmannes güete mit richer demüete sine guottät überwant6892-6896).
Der Moralsatz, du sollst dich deiner guten Taten nicht rühmen,ist aber der Ausgangspunkt für das umfassendere ethische Problem:Was ist gut? Damit ist im „guten Gerhard" der Typus dessittlich guten Menschen dargestellt. An drei Stellen besondershat der Dichter seine Ansicht über das Gutsein niedergelegt: beider Ankündigung des Helden 555—626, bei seiner Charakteri-sierung 765—832, am Eingang der eigentlichen Erzählung 910 bis1125 {wie kam daz, von welher art, daz du der guote Gerhart wurdezaller erst genant? 911—913, er ist von rehte guot genant 823. 6659).Eine systematische Darlegung des sittlich Guten entwickelt ernicht, er hat nur allgemeine Bezeichnungen dafür: guot, güete(oft), reines Herz (er, Gott, suochet reines herzen muot 544, wan iemit reinem muote sin reinez herze erfüllet was 800 f., allez sin gemüetelebt in reiner güete 823f., des herze ie rehter güete phlac 817), reineGesinnung (reiner muot 800. 6661), tugentrich gemüete 6663, er istohne Makel 598 f. 774. 819, treu und zuverlässig 600. 777. 803 f.,
1 Über Kurzweil s. D. Wb. 5, 2856—2862.
2 In diesem Sinne gebraucht Rudolf kurzewile wohl auch an der Stelle,wo er von Wolframs Werken spricht, AI. 3138.