Studien über Rudolf von Ems. 99
Auch die Dinge sind weithin realistisch erfaßt 1 , der Lebensgehaltist, trotz der romanhaften Begebenheiten, stark in die erfahrungs-gemäße Wirklichkeit gezogen. Eine solche Vergegenständlichungder Dinge paßt zu dem Blickpunkt, von dem aus der Dichterseinen Stoff betrachtet: der Willehalm ist ein historischer Roman 2 .Die geschichtlichen Ereignisse sind ja durchsichtig und von derForschung aufgedeckt, die Vorgänge tragen oft stark politischenCharakter, Kriegspolitik, Friedensschlüsse, Verhandlungen undVerträge, politische Heiraten u. dgl. treten auch noch in derromanhaften Erzählung als Momente geschichtlicher Wirklichkeitgreifbar hervor. Der ordnende Sinn des Historikers äußert sichin der Feststellung der Chronologie, Rudolf will ein klares Bildvon der geschichtlichen Entwicklung erwecken und gibt darumgern die Zeit an, in der ein Ereignis stattgefunden hat. Er bestimmtden Termin, den Tag, die Lebensjahre: ein tac wird gesprochenüber eine wochen, zwuo, vier oder dri. . 402—410. 430f.; die Er-ziehung Willehalms wird in Jahreszahlen angegeben 2704—2726.1771: Do wart er eines järes alt 2704, Kam daz dritte jdr, dar nachDemvierdenwaszekomengäch2711f. . . . Indisenvier jdren2121 usw.Do begreif er, daz ist war, Mit alter Daz drizehende jdr, Daz fünf-zehendeste an witzen gar 3941—3943, vgl. 4101; die Krankheits-geschichte Willehalms wird nach Tagen und Tageszeiten berichtet4616. 4642 f. 4645. 4652. 4675; ferner Den tac und da vor in zweintagen 5696; Wir hän ze pfingsten niht me Wan drtzehen wochen 5556 f.;Als er den sumer wolle varn 5889; Nu ze mitter ougste zit, So unserfrouwen messe gelit 6933f.; ein halbez jdr 10190; siben tage 10148;
Originaltext Gotfrids, vgl. Herold, Der Münchener Tristan, QF 114. Rankehat Ztschr. f. d. A. 55, 406. 414f. die ansprechende Vermutung aufgestellt, daßder Meister Hesse von Straßburg der scrlbsere, notarius burgensium, der Ur-heber der temperierenden Tristanfassung M gewesen sei. Gerade ein Notar,dessen Sprachgefühl sich in den nüchternen Formen des Geschäftsstils be-.wegte, konnte sich veranlaßt sehen, außergewöhnlich poetische Ausdrückein einfachere zu korrigieren. Viele Schreiber von Handschriften waren Kanzlei-beamte. Eine Ausgabe des Renner mit besonderem Register hat der Proto-notarius des Bistums Würzburg, Michael de Leone, veranstaltet.
1 Gervinus, Gesch. d. d. Dicht. 2 5 , 57.
2 Der Grundplan der Erzählung lautet: ein junger Mensch niederenStandes liebt eine Prinzessin, er entführt sie, wird gefangen, zur Buße wirdihm das Gebot (gess) auferlegt, so lange zu schweigen (vgl. Erec und Enite),bis sie ihn reden heiße. Die Erringung einer Prinzessin und das Schweige-gebot sind ganz geläufige Märchenmotive. Das Märchen ist unter Benutzungvon griechisch-byzantinischen Motiven zu einem Ritterroman ausgebildetund dieser in eine historische Umgebung versetzt. Vgl. Lüdicke S. 73f.