INHALT DER TAFELN.
Tafel I. a) Aeltere römische oder Capital-Cursive. Über dieseBezeichnung, die ich an Stelle der älteren „Maiuskel-Cursive" einsetze,und über die Entwicklung der Cursivschrift vergl. meine Aus-führungen in der Deutschen Litt.-Zeitung 1899 S. 1791 ff. Nach-zeichnung der photolithographischen Wiedergabe einer Wachstafelvom Jahre 139, März 17, die in Vöröspatak im Jahre 1855 auf-gefunden, jetzt im Museum zu Pest aufbewahrt wird, nach CorpusInscriptionum Latinarum III, 2, S. 936. Nr. VI: Cautio de puellaempta. Zu Hilfe wurde das Facsimile bei Erdy, De Tabulis ceratisin Transsilvania repertis, Pest 1856, genommen. Die Schrift istetwas verkleinert wiedergegeben. Das Alphabet der Wachstafelnhat Jaffe auf einer, Mommsens Aufsatz: Ueber die Fragmente zweierlateinischer Kaiserrescripte (Jahrbücher des gemeinen deutschenRechts VI, 415) beigegebenen Tafel zusammengestellt und ebendaErläuterungen über den Schriftcharakter geliefert. Zu vergleichenist auch die von Zangemeister zusammengestellte Tafel A zuBand III, 2 des Corpus Inscriptionum Latinarum (= PalaeographicalSociety, II. Ser. vol. 1), auf der die Formen der Buchstaben, vor-kommende Zahlen, Zeichen und Ligaturen enthalten sind, so wiedie ebenda S. 964—966 von demselben verfasste Erläuterung: DeTabula A, qua litterarum formae ex Tabulis ceratis repraesentatae sunt.
Maximus Batonis puellam nominePassiam sive ea quo alio nomine est an
[circiter p(lus) m(inus) empta sportellaria] (nachgetragen)norum sex emit maneipioque aeeepitde Dasio Verzonis Pirusta ex Kaviereti•5f ducentis quinque.
Iam puellam sanam esse a furtis noxisquesolutam fugitium erronem non essepraestari quot si quis em puellampartemve quam ex eo quis eviceritquominus Maximum Batonis quo-ve ea res pertinebit habere possi-dereqtce recte liceat tum quantiea puella empta est tarn peeunim2. Columne: et alterum tan tum dari fide rogavitÄlaximus Batonis fide promisit DasiusVerzonis Pirusta ex Kaviereti
Proque ea puella quae s(uprajsfcripta) est * ducen-tos quinque aeeepisse et haberese dixit Dasius Verzonis a Maximo Batonis.Actum Karto XVI. k(alendas) aprilcsTito Aelio Caesare Antonino Pio II et BruttioPraesente II co(n)s(ulibus).
Bemerkungen. Z. 3 u. 4. Nach Anleitung des äusserenExemplars ist zu lesen: annorum circiter plus minus sex, emptasportellaria. Z. 5 zu lesen: Kavieretio, das o am Schluss ist imOriginal geschwunden, Zangemeister hat aber noch Spuren desselbenentdeckt. Z. 6. * = denariis. Z. 7. Hier: Iam, im äusserenExemplar: Eam. Z. 8. Hier: fugitium, im äusseren Exemplar:fugitivam. Z. 9. Hier: em, im äusseren Exemplar: eam. Z. 14steht hier: tarn peeunim, gelesen muss werden: tantam peeuniam.Das letztere hat auch das äussere Exemplar. Zweite Columne, Z. 3ist Kavieretio zu lesen. Z. 4: ss die fortan in der römisch-ita-lischen Urkunde ständige Kürzung für suprascriptus.
b) Kaisercursive, eine Abart der Capital-Cursive; die frühereBezeichnung als „mittlere römische Cursivc" ist fallen zu lassen(vgl. Deutsche Litt.-Zeitung 1899 S. 1792—93). Vgl. Natalis deWailly, Memoire sur des fragments de Papyrus ecrits en Latin, inden Memoires de l'Institut de France. Academie des Inscriptions XV, 1,399ff. und namentlich Jaffe a.a.O. Einzelne Buchstabenformen derKaisercursive zusammengestellt in Palaeogr. Soc. II. Ser. Beiblattzu T. 30. Das Original ist in Paris aufbewahrt, es soll auf derInsel Elephantine gefunden sein. Es liegen in den Pariser (undLeydener) Fragmenten Bruchstücke von Originalausfertigungen derkaiserlichen Kanzlei vor, die nach Mommsens Ausführungen (s. o.)dem fünften Jahrhundert angehören und nach 413 anzusetzen sind.Unsere Probe ist aus de Waillys Tafel III (fragment du Louvre)genommen, und hier etwas verkleinert worden.
Causa non secuta legibus ei redhiberi praeeipiat.
c) Jüngere römische oder Uncial-Cursive. Diese Probe stammtaus der sogenannten Charta plenariae securitatis vom Jahre 565.Das Original befindet sich in der Nationalbibliothek zu Paris, einFacsimile im Supplementum von Mabillons Blifch De re diplomatica,woselbst auch S. 90—92, Nr. 4 die Auflösung gegeben ist. Einverbessertes Facsimile gab Champollion-Figeac in Chartes latinessur Papyrus, 2"' e Fase. Aus letzterem, und zwar aus Tafel II,Zeile 28 u. 29 ist unsere Probe entnommen, die jedoch in Zeilenabgetheilt und etwas verkleinert wurde. Zu vergleichen ist überdie Urkunde, die ein Protokoll über die Eröffnung eines Testamentsenthält, und nicht, wie man vor Mabillon allgemein glaubte, einTestamentum Iulii Caesaris, Mabillon a. a. O. S. 460 und Supple-mentum dazu S. 55.
Item notitia quod aeeepit s(upra)s(crip)tus Gratianus. dedoimis | quae sunt intra eivitate Ravenna seupraedia rustica Jquae sunt in diversis territuriis. ex domo quae est ad \saneta Agathac Rav(ennae) seeundum fidem documenü \uncias duas ex domo quae est post basilica saneti \\ VictorisRav(ennae) seeundum fidem donationis uncias.Zu bemerken ist, dass in Zeile 1 und 2 dem Schreiber die Federausglitt.
Dem Anfänger wird die jüngere römische Cursive schwerdurch die Ligaturen. Letztere sind jedoch leicht zu erkennen,wenn man erwägt, dass jeder Einzelbuchstabe dieser Schrift auszwei Grundzügen besteht. Um nun eine Ligatur zweier odermehrerer Buchstaben herzustellen, verwandte der Schreiber denletzten Grundstrich des ersten Buchstabens sofort als ersten Grund-strich für den zweiten Buchstaben u. s. f. Als bestes Mittel, sichin Cursivschrift einzulesen, ist Pausen oder Nachzeichnen der Vorlagedringend zu empfehlen. Man erkennt bei der jüngeren römischenCursive auch deutlich, wie sie aus der Uncialschrift entstanden, dieebenfalls die meisten Buchstaben durch zwei Grundstriche herstellt.Tafel 2. Jüngere römische oder Uncial-Cursive. Entnommendem Facsimile der Urkunde von 522 bei Champollion-Figeac a. a. O.Columne VI, Zeile 1—6, hier in Zeilen abgetheilt und verkleinert.petenti officio suseipi iubeatis et testibus \ praesentibusostendi ut si signacula vel superscribtiones suas | recognoscentsinguli edicere non morentur tunc demum \ ipsam cartulamtestamenti resignari praeeipiatis lin(u)m ineidi \ aperiri etper ordinem recitari faciatis ut intrensicus || possit agnosci