VORREDE ARNDTS ZUR II. AUFLAGE.
J\\s ich im Jahre 1874 mich anschickte, das erste Heft der Schrift-tafeln zusammenzustellen, gab es in Deutschland, abgesehen vonder Photographie, noch keine andere Vervielfältigungsmethode alsdurch Photolithographie. Der Lichtdruck war allerdings schon er-funden, aber noch nicht zur Wiedergabe von Handschriftenprobenverwandt worden. In grösserem Umfange wurde er zuerst in Zange-meister und Wattenbachs Exempla codicum latinorum litteris majus-culis scriptorum im Jahre 1876 erprobt. Seit der Zeit hat manunablässig daran gearbeitet, die Technik des Lichtdruckes zu ver-vollkommnen, eine stattliche Reihe von Abbildungen von Hand-schriften, die auf diese Weise gewonnen worden, liegt vor. So mussteich mir, als eine Neuauflage der Schrifttafeln nothwendig wurde, dieFrage vorlegen, ob nicht auch das alte Verfahren, Abbildungen durchPhotolithographie herzustellen, gänzlich aufzugeben und zum Licht-druck zu greifen sei. Allein von vornherein war mir klar, dassmir in dieser Frage nicht ausschliesslich die endgültige Entscheidungzustehe, dass die Verlagshandlung, die von dem ersten Verlegerdie Steine erworben, ein Wort mitzusprechen habe. Wollte manzudem das Prinzip festhalten, dass die Schrifttafeln zu verhältniss-mässig billigem Preise zu verkaufen seien, dass sie eben wegen ihrerBilligkeit als Hilfsmittel beim akademischen Unterricht gebrauchtwerden können, so war der Lichtdruck, der immer noch grössereOpfer an Geld erfordert, von vornherein ausgeschlossen. Mich be-ruhigte es wesentlich, dass auch Wattenbach bei der zweiten Auf-lage seiner griechischen Schrifttafeln die alte Art der Herstellung,eben durch Photolithographie, gutgeheissen hat. Ich verhehle mirkeinen Augenblick, dass die Photolithographie dem Lichtdruck gegen-über immer etwas Mangelhaftes an sich tragen wird. Der Buchstabewird durch Uebertragung auf den Stein breiter, er verliert mit jedemAbdruck an Feinheit und Schärfe, ein Bild der Handschrift kanndurch dies Verfahren nicht gegeben werden, und was vielleicht dasSchwerstwiegende, es geht dabei ohne sorgsame Correctur und Nach-besserung von Seiten des Herausgebers niemals ab. Manche Seiteneiner Handschrift spotten überhaupt der photolithographischen Wieder-gabe , ich habe dies lebhaft bei Taf. 8 des vorliegenden Heftesempfunden. Ich würde mich auch bestimmt gegen die Anwendungder photolithographischen Wiedergabe entschieden haben — nichtbloss aus dem so eben angeführten Grunde —, wenn ich nicht er-wogen hätte, dass es sich doch nicht um die Herausgabe eines völligneuen Werkes zu handeln habe, sondern nur um die Neuausgabeeines alten, vorhandenen, das bereits eingebürgert, vielfach benütztund citirt worden ist. Ich musste sodann bei jeder Tafel erwägen,ob dieselbe noch dem heutigen Stande unserer Wissenschaft entsprächeoder nicht. So kam es, dass ich einige Tafeln ganz verwarf, vorallem Tafel 8, die früher fast ganz aus Merino entnommen, derenUnvollkommenheit aber nach Ewald und Loewes schöner Publicationerschrecklich klar wurde. Bei anderen Tafeln, die ich ausmerzte unddurch neue ersetzte, strebte ich darnach, datirbare Schriftproben zuliefern. Wie schwierig dies Unterfangen, hat erst jüngst Sickelbetont, der mit Fug und Recht zeigt (Mittheilungen des Instituts fürösterreichische Geschichtsforschung VIII, 486): „dass im allgemeinennach 900 und bis etwa 1300 seltener denn zuvor directe Datirungenoder indirecte, welche annähernde Zeitbestimmung ermöglichen, in
die Handschriften eingetragen worden sind." Endlich habe ich beimanchen Tafeln weggenommen und Neues an die Stelle des Altengesetzt, stets aber nach reiflicher Erwägung und immer von praktischenGesichtspunkten ausgehend, wie ich dieselben durch langjährigenGebrauch der Tafeln beim akademischen Unterricht gewonnen habe.
Auch jetzt darf ich, wie bei der ersten Auflage dieses Heftes,es aussprechen, dass die Tafeln vorwiegend einen praktischen Zweckhaben sollen. Es konnte mir auch jetzt nicht darauf ankommen,die unendliche Mannigfaltigkeit der Schriftarten des Mittelalters auchnur annähernd wiedergeben zu wollen, es musste vielmehr vor allemdaran festgehalten werden, die Entwickelung der lateinischen Bücher-schrift — denn nur mit dieser wollte ich diese Tafeln füllen — durchdie Jahrhunderte anschaulich zu machen, gewissermassen hier nurein Fundament zu legen, auf dem der Einzelne, sei es der Lehrer,sei es der Lernende, weiter bauen kann. Ich habe nie die Ansichtgehegt, dass diese Tafeln auch zugleich Handschriftenkunde lehrensollten, dazu waren sie von Anfang an nicht angethan. Nur denSchriftcharakter sollten sie erkennen und verstehen helfen. Undimmer meine ich noch, dass diese Tafeln erst recht nutzbar in derHand eines geschickten Lehrers werden, der mit voller Kenntnissdes Gegenstandes ausgerüstet, durch seinen Geist auch den trockenenBuchstaben zu beleben versteht. Aber ich glaube doch auch, dassderjenige, der mit eigener Kraft sich ans Werk macht, zum Ziele,das heisst zur Fähigkeit, mittelalterliche lateinische Handschriftenselbst lesen zu können, gelangen wird, wenn er neben diese TafelnWattenbachs treffliche, jetzt bereits in vierter Auflage vorliegende An-leitung zur lateinischen Palaeographie legt und ordentlich durcharbeitet.
Der vorwiegend praktische Zweck der Tafeln erforderte, wie ichdies schon in der Vorrede zur ersten Ausgabe auseinandergesetzthabe, von jeder hier vertretenen Schriftart möglichst umfassendeProben, so weit dies möglich oder dienlich war, zu geben. Die so-genannte mittlere römische oder Kaiser-Cursive hat zum Beispielkeinen Einfluss auf die Fortentwickelung der Schrift ausgeübt, siedurfte daher nur in einer einzigen Zeile vertreten erscheinen, währenddie jüngere römische Cursive bei ihrer gewaltigen Bedeutung hierbeinahe ein- und eine halbe Tafel füllt. Im zweiten Heft hat auchdie Schrift der neuentdeckten pompejanischen Wachstäfelchen Auf-nahme gefunden, sowie Proben aus pompejanischen Mauerinschriften.Es wäre vielleicht vorzuziehen gewesen, diese Proben jetzt demersten Heft einzuverleiben. Dass ich es doch nicht gethan, findet seineErklärung darin, weil ich die Gestalt des zweiten Heftes, das ichmir nach wie vor als untrennbar mit dem ersten verbunden denke,nicht allzusehr verändern wollte. Bedauern muss ich, dass von denlateinischen Papyrus Rainer noch keine Proben vorliegen, ich kannaus, allerdings nur flüchtiger Einsichtnahme in dieselben, die mir imJahre 1886 durch Professor Karabaceks Güte in Wien ermöglichtwurde, behaupten, dass wir aus denselben ganz neue Einblicke indie Art und Weise, wie sich aus der Majuskel die Cursive entwickelthat, gewinnen werden.
In alter Weise beginne ich dies Heft mit der römischen Cursive.Es folgen Proben aus der Capital- und Uncialschrift. Ich brauchewohl dem Kundigen gegenüber kein Wort darüber zu verlieren, dassderen Kenntniss seit dem Jahre 1874, wo dies erste Heft zum ersten