EMMERICH. <
Tafel III.
1. 2.
Vorfiel'- und Rückseile des Reliquienschreins des b. Willibrord in natürlicher Grösse.Anfang des 8ten Jahrhunderts.
Die Vorderseite (1) zeigt nächst dem vorhergehenden Crucifix die älteste Darstellungder Kreuzigung in Deutschland. 1 Von der Figur des Gekreuzigten ist nur der nackte Ober-körper von der Brust an erhallen. Christus erscheint bärtig und mit geöffneten Augen.Ob der Unterkörper verhüllt war, lässl sich nicht entscheiden, wohl aber ist es anzunehmen.Neben dem Gekreuzigten verhüllen Sonne und Mond zum Zeichen der Verfinsterung schmerz-lich das Haupt mit Tüchern. 2 In den von den Kreuzarmen gebildeten vier Ecken befindensich die Symbole der Evangelisten. Der obere Kreuzarm trägt die Inschrift: Iesus NazarenusRex Judaeorum, und die ganze Darstellung wird von einem Schrifthande umgrenzt, welcheswie die vorige Inschrift in Quadratschrift die Worte enthält: he sunt reliquiae quas sanetusW'illibrordus Rome a papa Sergio aeeepit et Embrike transportavit. 3 Der innere Körper desSchreins besteht aus Eichenholz; dasselbe wird auf dieser Seile von einem mit schwarzemLack überzogenen Kupferblech bedeckt. In diesen Ueberzug sind die figürlichen Darstel-lungen und die Buchstäben eingerissen und diese eingerissenen Linien alsdann vergoldet. 4
Die vier Felder der Rückseite (2) bestehen aus getriebenem Goldblech, die sie [heilen-den und einfassenden Filigranbänder sind besetzt mit Edelsteinen aller Art. Da das untere Feldlinks im 12len Jahrhundert erneuert wurde, so befindet sich die Darstellung des Marcuslöwenzweimal nebeneinander, obgleich ursprünglich der Ochse des Lucas sich daselbst befundenhaben muss, indem die drei übrigen bereits die Symbole der andern drei Apostel enthalten.
Die hohe Wichtigkeit, die dieses Kunstwerk fränkischer Zeit besonders durch dieDatirung der beigefügten Inschrift erhält, macht eine genaue Untersuchung derselben wün-schenswerth. Die Charactere der Inschrift, unterscheiden sich nicht von denen der Auf-schrift des Kreuzes, und dürfte desshalb Schrein und Inschrift gleichzeitig sein. Zur Be-stimmung eines genauen Zeitpunktes werden uns aber zwei Daten an die Hand gegeben.Einmal wird Willibrord schon sanetus Willibrordus genannt, eine Benennung, die er währendseiner Lebzeiten schwerlich zugelassen haben würde, und ferner erhielt er die nach Em-merich gebrachten Reliquien vom Papste Sergius, also doch von Sergius I. (678—701),was freilich auch allein mit der Lebensdauer des h. Willibrordus zu vereinigen ist. Er
1. Oltc: Handbuch der Kunst-Archäologie S. 305. Kreuser, cliristl. Kirchenhau II. p. 40 ff. Kinkel hat
zuerst im Kunstblatt 1846 und in seiner Kunstgeschichte auf diesen Schrein aufmerksam gemacht.Oie Kreuzigung muss keine sehr allgemeine Darstellung gefunden haben; denn 692 gebot die TrullaoerKirchenversammlung, Christus am Kreuze darzustellen.
2. Piper: Christliche Mythologie It. S. 12S und 156.
3. Kinkel hat die Inschrift unrichtig mitgelheilt.
4. Kinkel wie Piper sind uher die Kunstart im Irrthum. Die Umrisse wurden nicht aus dem durchschei-
nenden Melallgrund gebildet; denn das Metall dieser Seite des Schreins ist nicht Gold, sondernKupfer, und die Umrisse sind erst mit Gold belegt.