^eT ^»j,: f KUNSTDENKMÄLER DES CHRISTLICHEN MITTELALTERS IN DEN RHEINLANDEN. HERAUSGEGEBEN VO.N ERNST AUS'M WEERTH. ERSTE ABTHEILUNG: BILDNEREI. ERSTER BAND. LEIPZIG, T. O. W E I G E L. 1857. k>w i i LANDKS- UND STADT- ttlBUOTHEK DUSSFXPOKF SEINER MAJESTÄT DEM KÖNIGE VON PREUSSEN FRIEDRICH WILHELM DEM VIERTEN IN TIEFSTER EHRFURCHT UND DANKBARKEIT GEWIDMET VOM HERAUSGEBER VORWORT. Jliine Veröffentlichung unedirter Denkmäler überhaupt bedarf keiner Befürwortung. Die Denkmäler des Mittelalters aber sind noch bei Weitem nicht in dem Maasse zugänglich gemacht, als diejenigen des Alterthums. Ueber ihre gleiche Berechtigung zu reden, wäre heut zu Tage bei dem allgemeinen Aufschwünge mittelalterlicher Studien überflüssige Wiederholung des Anerkannten. Die mit diesem Bande beginnende Publication giebt, dem örtlichen Umfange nach, die vorhandenen mittelalterlichen Kunstdenkmäler der preussischen Rheinlande in möglichster Vollständigkeit, geordnet nach der geografischen Folge der Fundorte und gesondert nach den drei Kunstarten, der Architectur, Sculptur und Malerei. Der vorliegende Band enthält lediglich Werke der Sculptur; und da der geografischen Folge halber mit dem nordwestlichen Theile der Provinz, der nach staatlicher Abgrenzung ungefähr dem Herzogthume Cleve entspricht, begonnen wurde, so gewährt er bereits einen Ueberblick der Entwickelung dieses Territoriums. Bedarf die Herausgabe der Kunstdenkmäler in den Rheinlanden im Allgemeinen keiner Befürwortung, so bedarf der vorliegende Band um so mehr der Nachsicht. In Bezug auf die Tafeln mag man bedenken, dass Zeichner, welche Verständniss für mittelalterliche Charaktere besitzen, noch zu den schwer auffindbaren Seltenheiten gehören. Im Texte kann eine kunstgeschichlliche Behandlung der Kunstdenkmäler im Zusammenhange erst gegeben werden, wenn dieselben aus allen drei Kunstgallungen gleichmässig vorliegen; und dann werden wir auch die Publication mit einer rheinischen Kunstgeschichte beschliessen, Desungeachtet stellten wir eine allgemeine Einleitung für das clevische Land an die Spitze, weil dieses unter gleichen natürlichen und politischen Bedingungen eine bestimmte Entwickelung hat, welche zweimal eine besondere Höhe erreicht, einmal vom Auftreten des Christenlhums an bis zum 12. Jahrhundert, und einmal im 15. Jahrhundert durch die Verbindung Cleves mit Burgund. VI VORWORT. Genügt diese Einleitung zur Feststellung des kunsthistorischen Ganges im Allgemeinen, so kann sie in Beziehung zum Ganzen nur als eine Vorstudie betrachtet werden; zu den historischen Thatsachen können sich noch andere gesellen, manche sich anders herausstellen. Da sie indessen den Denkmälern nur als Folie dienen, so beanspruchen sie auch keinen selbständigen Werth, und dürfen als solcbe am wenigsten von denen mit Strenge bemessen werden, welche wissen, wie sehr die Masse der rheinischen Geschichte noch in den Vorarbeiten begriffen ist. Möge ein guter Stern diese Herausgabe geleiten, den Wissenden zur Bestätigung, den Forschenden zur Aufklärung; und jener pflichtschuldige Dank, den wir freudig Allen aussprechen, die dem Unternehmen durch Bath und That die Wege ebneten, er möge auch ferner der Sache das Wohlwollen erhalten, welches die Bürgschaft des Gelingens, der Lohn des Strebens bleibt. Kessenich bei Bonn im Sommer 1857. Der Herausgeber. EINLEITUNG. I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERRHEINS. c Jjreit und majestätisch in langsamem Lauf zwischen weithin ebenen Ufern fliesst der Rhein, nachdem er das letzte Bergthor am Siebengebirge durchbrochen und die Zinnen der alten Colonia hinter sich zurückgelassen hat, dem Meerbette zu. Die Hügelreihen sind fern zurückgewichen und treten nur noch einmal in der Nähe der Theilung des Stromes, bei Eltenberg und Xanten, bewachend an ihn heran. Mit den Bergen verliess auch der bisherige Charakter die Landschaft. Grünende Viehweiden, unterbrochen von Ackerland und Sandflächen, beschattet von dürftigen Nadelhölzern, lehnen sich an den nährenden Fluss. Viele meist kleinere Ortschaften und Städte sind in dieses Land der Viehzucht und des Ackerbaues gesäet, und nur die zahlreichen Frachtschiffe und Handelsfahrzeuge erhöhen das Leben der ländlichen Stille. Edle Metalle birgt der Boden nicht; nicht einmal Bausteine; auch fehlt der Weinbau; selbst an Holz ist Mangel. Das reiche ergiebige Weidenland weiss nichts vom phantastischen Beiz des bewaldeten Gebirges, und die zur schnellen Verwerthung einladende Welle hat die Bewohner zum Handel, den die vom und zum Meere gehende Schifffahrt anknüpft, für die Ergehnisse des Ackerbaues und der Viehzucht bestimmt. Das Getöse der Industrie schweigt; denn weder die Fülle eines ergiebigen Rohproduktes, noch eine gedrängte Bevölkerung fesseln sie an die Scholle. Es liegt ein Zug contemplativer Passivität in der Landschaft. Die grossen Schicksale der Nationen wurden hier nicht entschieden. Die Eigentümlichkeit der Volksindividualität erwächst aber nicht allein den Bedingungen des Bodens; der Stammcharakter der Bewohner und die äusseren Schicksale sind mit jenen im Gesammten die drei Faktoren, welche diese gestalten und die historische Entwickelung bedingen. Die ursprünglich in unserm Landstriche wohnenden Völker waren vorzüglich die Menapier und Sigambrer, welche an der Mündung des Stroms von den Batavern, rhein- A II I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN JNIEDEIUUIEIiNS. aufwärts von den Ubiern, rechts von den Friesen, links von den Eburonen begrenzt wurden. 1 Die Menapier und Sigambrer, letztere später Gugerner genannt, erscheinen als ein muthiges, freiheitliebendes Volk; die ersleren waren die einzigen, welche niemals an Cäsar Gesandte um Frieden schickten. Jenes ansiedelnde Wesen, das am Boden haftet und den spätem Bewohnern so durchaus eigen ist, charakterisirt schon die Menapier: denn es wird ausdrücklich berichtet, dass sie Aecker, Gebäude und Dörfer an den Ufern des Flusses be- sassen. 2 Sie scheinen also weniger das Volk der Jagd und herumziehender Kriegszüge gewesen zu sein, als die Sigambrer, welche dieses Element so besonders auszeichnete. Denn die Sigambrer waren wild, muthig und tollkühn. 3 Die Anfänge der Cultur und Geschichte heften sich an den Flug der römischen Adler, denen unter den ersten Kaisern die Legionen erobernd in die rheinischen Waldfluren folgten. Sie erstritten mit abwechselndem Glücke die beiden Ufer, verloren hier und dort wieder das Eroberte, und bewachten den Strom bis zu seinem Ausflusse mit festen Castel- len. Die ersten Städtegründungen knüpfen sich an die Umwohner dieser Castelle; denn wenn auch Cäsar Trier und Aduatuca vorfand, so würde es schwerlich zur richtigen Vorstellung der allen Germanen passen, wollte man sich darunter geordnete Städteanlagen denken; es war wohl kaum mehr als ein gegen den äussern Angriff geschütztes Zusammen- wohnen von Vielen. Und so gross auch die Zahl solcher Ortschaften am Niederrhein gewesen sein mag, der Charakter derselben blieb gewiss insgesammt weit entfernt von Grossartigkeit und Beichthum; denn die vorhandenen Ueberreste, so reichlich sie auch an Art und Zahl erscheinen, tragen doch seilen das Gepräge kostbarer Bildung. Es sind meist nur Dinge des nöthigen Lebensbedarfes und der kriegerischen Verteidigung. Ebenso darf man auch unter der grösseren Zahl untergegangener und verschwundener Zeugnisse des Bömer- lehens am unleren Bhein bis Cöln hinauf schwerlich Werke von so grossartiger Anlage und kostbarer Ausführung vermulhen, als Trier sie später besass. Sind auch die meisten Kaiser persönlich am Unlerrhein und vorzüglich in Castra velera (Xanten) gewesen, so meldet doch kein Schriftsteller von Tacilus bis auf die spätesten, kein alter Geograph bei Aufzählung langer Beihen von Ortsnamen und Castellen auch nur einen kunstvollen Tempel oder kaiserlichen Prachtbau. Und der Entwicklungsgang der ursprünglichen Cultivirung eines unwirklichen und stets angegriffenen Landes lässt eine über das Bedürftige und Notwendige hinausgehende Culturpflege kaum zu. Die erste Beschäftigung gehört der Bodenbearbeitung und dem Schutz der Grenzen; die Bömer aber suchten ihre Grenzen stets vorzurücken. Niemals gelang es der römischen Wacht am Unlerrhein von der kriegerischen Behauptung, 1. Ueher die zeitweisen und späteren Einwanderungen und Verdrängungen anderer Völker, z. B. der Usipeler, Chamaver, Attuarier siehe Dederieh: Geschichte der Rümer und Deutschen, 1854. 2. Strabo IV, p. 194. ed. C. Cäsar h. G. VI. 5 und IV, 4. 3. Horat. Carm. IV, 2, 36. und IV, 15, 51. Juvenal Sat. IV, 147. Tacit. An. IV, 47. I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERRHEINS. III so ausgezeichnet diese auch mit ihren Festungshauten, Heerstrassen und Canälen gewesen sein mag, zu jenem ruhigen Besitze überzugehenj dessen eine weitere Culturentwickelung bedurfte. Hatten doch die Castra vetera und die aus ihren Umwohnern entstandene colonia Trajana nur ein hölzernes Amphitheater. 4 Wie konnte es auch anders sein? Kaum begann die Reihe der römischen Cäsaren, als schon der Verfall des römischen Reiches seinen Anfang nahm. Ein so unruhiger Besitz wie das Rheinland war nur aufrecht zu erhalten bei steler Kraft des Reiches und musste mit dessen Verfall verloren gehen. Mit dem Verfall und der innern Verwirrung nahmen bald die AngrilFe der anwohnenden Völkerstämme zu, weshalb schon Diocletian sich genöthigt sah, Mitregenten anzunehmen. Allein diese Angriffe waren nicht mehr zu verhindern; denn die Hoffnung auf Beute und Tribut sammelte fortwährend herumziehende Sehaaren, die sich stets an Macht und Grösse vermehrten. Der Gesammlname für diese Reihe von den Römern nicht bezwungener Schaaren, Franken, tritt schon in der Mitte des dritten Jahrhunderts am Niederrhein auf. 5 Es waren gewiss jene Menapier dabei, von denen wir erwähnten, dass sie niemals Gesandte um Frieden an Cäsar schickten, jene Sigambrer, welche ihrer rohen Kraft halber der Schrecken der Römer wurden. Und von letzteren wissen wir es ausdrücklich; redete doch der h. Remigius den getauften Chlodwig: „Milis depone colla, Sicamber!" an. Diese wilden Schaaren in jener ungeheuren Vereinigung, in jener verwüstenden und raubenden Treulosigkeit, die sie so lange von den Römern erduldeten, verheeren Städte und Länder und, obgleich Julian nochmals die Kraft der Legionen aufbot und aus den Trümmern die Castelle aufs Neue erstehen Hess, so überliess man ihnen schon um die Hälfte des vierten Jahrhunderts Strecken der Länder bis zum Meere hin, die sie verödet hatten und die man ihnen nicht mehr entreis- sen konnte. Die ältesten Nachrichten unterscheiden die Franken als Salier und Ripuarier; die ersteren wohnen an der Yssel und in Brabanl 6 jenseits der Maass; diesseits der Maass, zumeist an der linken Rheinseite, mit ihrem Hauptsitze Cöln, finden wir die letzteren bis zur Mosel sich ausbreiten." Allein neben Cöln ist auch gewiss ursprünglich Xanten ein Hauptort gewesen. Schon um die Mitte des siebenten Jahrhunderts findet sich die Angabe vom trojanischen Ursprung der Franken 8 überhaupt; und da sich die fränkische Benennung lüttge Troja für Xanten an diese Meinung knüpft, so erbellt daraus die frühe Bedeutung der frän- • 4. Fiedler: Denkmäler von Castra Velera und Colonia Trajana in Houbers Anliquarium 1839. Fiedler: Römische Denkmäler der Gegend von Xanten und Wesel 1824. Dedcrich: Geschichte der Römer und Deutschen am Niederrhein 1854. Spenralh und Mooren: Alterthiimliche Nachrichten von Xanten. 3 Hefte. 1837 und 38. 5. Rospatt: Kritische Beitrage zur ältesten Geschichte der Franken. S. 5. Leo, Geschichte des Mittelalters. S. 49. 6. Ledebur: Bructerer, und Türfc: Kritische Geschichte der Franken. Eckertz: Ripuarerland. An. d. hist. Vereins 1855. 7. Rospalt S. 20. 8. Rehm: Geschichte des Mittelalters I. S. 301. Braun: Trojaner am Rhein 1856. A* IV I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERRHEINS. kischen Stadt. Auch das Nibelungenlied lässt König Sigmund und seine Gemahlin Sigelinde in Xanten residiren. Mit der festeren Gestaltung des Frankenreichs beginnt die Einführung des Christenthums, welches schnell seine weltbesiegende Kraft bewährte. Die Geschichte des Niederrheins von der römischen Herrschaft ab bis zu seiner Einverleibung in die preussische Monarchie hat zwei sich auf den ersten Blick herausstellende Höhepunkte. Die eine umfasst die Aufnahme und Fortführung des Christenthums bis zum zwölften Jahrhundert, die andere Cleve's Aufschwung durch das Verhältniss zu Burgund im fünfzehnten Jahrhundert. ERSTE EPOCHE. Schon vor Constantin konnte es nicht ausgeblieben sein, dass auch in den rheinischen Legionen der christliche Glaube einzelne Bekenner zählte; ward er im dritten Jahrhundert unter Diocletian und Julian zurückgedrängt, so weihte dafür in Folge dessen das Märtyrerblut der thebäischen Legion die Fluren. Das benachbarte Tongern, als Bischofssitz bereits im vierten Jahrhundert beglaubigt, wird sicher bis zum Bhcine hin gewirkt haben. Martin von Tours durcheilte darauf die Bheinlande, um zu Ehren des christlichen Gottes die Idole der Götter zu stürzen, und 496 folgt die Taufe Chlodwigs und der Masse der Franken. 9 Xanten, der Marterort der Thebäer und Königssitz der Nibelungen, darf auch unbezeugt als Vorort christlicher Verehrung genannt werden. Urkundlich bezeugen sich vor 700 schon die Kirchen zu Rindern und Millingen l0 , und um dieselbe Zeit kommt der grosse Angelsachse Willibrod, der erste Bischof von Utrecht, an den Rhein und bekehrt zu beiden Seiten die Heiden, gründet die Martinskirchen zu Utrecht und Emmerich, nebst vielen andern. 11 Ja alle Mariinskirchen dürfen bei der Verehrung der Franken für diesen Heiligen eine gleiche Gründungszeit beanspruchen. Suilberlus, der grosse Missionär, stiftete Kaiserswerth zur selben Zeit, und Luidger, der Gründer der Reichsabtei Werden, beendet das Werk der Mission. 12 Wir stehen in der grossen Culturepoche Carl des Grossen. Freilich waren unter ihm die Verhältnisse bereits geordneter, die äusseren Feinde bezwungen, die Sitten gemildert, und die allgemeine Cultur durch das Christenthum gesichert, Verhältnisse, welche um so mehr auch auf diesen Landeslhcil ihren Eiufluss üblen, als hier Nymwegen lag, die vom Kaiser oft besuchte Pfalz. Aber die Nachfolger des grossen Carl zeigten sich so unfähig, das Begonnene nur zu erhalten, dass einestheils das stets sich wiederholende Eindringen der Normannen, aus deren Zerstörungen wir erst das Vorhandensein der S. Victorskirche zu Xanten und des Klosters Biorzuna im nahen Birten erfahren, 13 9. Retlberg: Deutsche Kirchengeschichte I. p. 94 und 204. 10. Bint. Codex Nr. 2. 11. Text zu Taf. III. 12. Lac. I, 2—25. Rettberg II. p. 421 und 423. 13. An. Xant. ad ann. 864. apud Perlz II. p. 231. An. Fühl, ad ann. 880. I. p. 394. 96. 402. Ein oppidum ßertunense und eine Basilica daselbst: Greg. v. Tours Glor. Marl. c. 63. Der Geo- graf von Ravenna nennt den Ort Beurlina. I I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCI1EN RIEDERRIIE1NS. . anderentheils diese Schwäche der Regenten Erbfehden, Willkuhf und erneute Barbarei aller- wärts herbeiführten. Wenn wir ungeachtet dem in dieser Periode der Zerrüttung die geistlichen Stiftungen zu Essen, Wissel, Neuss, Gerresheim, Ellenberg, Zyfflicb und etwas später zu Bees u entstehen sehen, so ist dies ein Beweis, wie unendlich fest das Christenthum die Gemülher beherrschte, wenn auch nur äusserlich. Denn die Gründer von Ellenbcrg und Zyfflicb, z. B. die Grafen Wichmann und Balderich und dessen Weib Adela, die Tochter Wichmanns, geben in ihren scheusslichen Gräueln kein Bild christlicher Gesittung. Nach des ersten uns genannten kaiserlichen Präfectcn Gottfried Tode halte Wichmann als dessen Schwiegersohn die Präfeclur des Niederrheins übernommen; allein Balderich und die entmenschte Adela, die Mutter des grossen Bischofs Meinwerk, ruhten nicht, bis sie Wichmann Würde und Leben geraubt hatten. Die Gräuel dieses Regimentes sind ein Reflex der durch den Glauben an den Welluntergang um das Jahr 1000 eingetretenen Auflösung; sie beenden diese Epoche des unangreifbar fest begründeten Chrislenlhums, und führen uns nach zeitweiser Verwirrung in das zweite Jahrtausend hinüber zu festerer politischer Gestaltung der clevischen Herrschaft. Weder ein Abkömmling des römischen Geschlechtes Ursinus, noch der Schwanenritler Elias Grail ward ihr Begründer, 15 sondern Graf Rülger von Flandern ist der Slammherr der Dynastie des Landes, das nun unter dem Namen Cleve auftritt 16 , und seine erblichen, schon historisch documentirten Nachfolger Dietrich II. und III.' 7 setzen unmittelbar nach ihm einen Dietrich I. voraus. Sie kämpfen getreu gegen Sarazenen und Rarbaren an der Seite der Kaiser und empfangen den Zoll der kaiserlichen Pfalz zu Nymwegen ,s als Lehen. Allein das bedeutsamste Ereigniss dieser Zeit ist die Niederlassung der Cisterzienser durch die Gründung der Abtei Camp unter Arnold II. 1122. 19 Es ist die erste Niederlassung dieses Ordens in Deutschland überhaupt und das Mutterkloster von 70 Töchtern. Ackerbau und Cultur gingen von dieser Pflanzstätte weithin aus, die Wissenschaft fand hier ihre Pflege, und der schnell erworbene Reichlhum der Abtei ist ein Reweis für die Anerkennung der Geber und das Geschick des Ordens. Norbert, Chorherr zu Xanten und später Erzbischof von Magdeburg, ward Stifter des Ordens der Prämonstratenser, und veranlasste Arnold II. zur Umwandlung der Clause Bedburg zu einem Frauenklosler dieses Ordens. Grosse Stiftungen folgten demselben, wie jene auf dem Fürsteiiberg und zu 14. 15 Essen: Lac. I, 69. Wissel und Neuss: Binterim: Erzd. I. p. 84 u. 95. Teschem. p. 205. Eltenberg: Text zu Taf. I. Zyfflich: Bint. Erzd. I. p. 98. Gerresheim: Lac. I, 68. Gert v. d. Schiiren: Chronik, herausgegeben von Tross 1824, p, 77. Knapp: Gesch. d. Länder Jülich, Cleve etc. I. p. 282. Teschemacher An. Cliv. p. 213. Heinel, Gesch. d. preuss. Staates III, p. 19. 16. Dederich: Gesch. d. Römer u. Deutschen etc. p. 298 u. derselbe in den An. d. hist. Vereins für (1. Niederrhein I. 2. Heft p. 230. 17. Lac. I, 247 wird Dietrich III. genannt. 18. Drei Stück Scharlachluch geben die Grafen als Lehnszins. Ilüllm. I. p. 223. 19. Lac. I, 297. Michels Gesch. v, Camp 1836. Zeilschr. f. ehr. Archäol. I, 3. p. 138. VI I. GESCHICHTLICHE UBEHSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERRHEUNS. Meer, ferner die Abteien Haftiborn, Knechtsteden und andere. 20 Mit dieser grossartigen Stiftungsperiode, die im siebenten Jahrhundert mit der Kirche zu Rindern begann und mit den Prämonstratenser-Klöstern endete, mit dieser festen Begründung' der erblichen clevischen Dynastie schliessl die erste grosse Epoche der niederrheinischen Geschichte. Die folgenden 7 Herrscher beschenken reichlich die geistlichen Stiftungen, 21 fehlen nicht bei Turnieren und Kreuzzügen, 22 vermehren durch günstige Heirathen und kaiserliche Privilegien ihren Landes- und Lehnsbesitz, 23 gründen Städte, die, kaum gegründet, sich selbständig fühlen, wie Wesel, 24 verherrlichen ihre Residenzen; 25 das Scepter reicht schon bis Dorsten, 26 ja der Graf von Cleve erscheint sogar als Reichsslatthaller vom Rhein bis zur Weser. 27 Und geschieht auch nichts Ausserordentliches, was die Geschicke der Welt bewegte, so leuchtete doch ein glückliches Gestirn dieser Dynastie durch drei Jahrhunderte voran. ZWEITE EPOCHE. Jene Reihe nicht mehr aufhörender Privatfehden und Familienzwistigkeiten, welche die folgende Zeit so traurig charakterisiren, begegnen uns nun in reicher Zahl und füllen die Regierung Dietrich VIII. 2b (1311—47). Geldern und Cöln sahen von jeher nicht gleichgültig das Wachsthum ihres Nachbarn; 29 mit wenig Unterbrechungen stehen sie fast ein Jahrhundert sich feindselig gegenüber. Kinderlos überliess Dietrich VIII. das Regiment seinem Jüngern Bruder Johann (1347—68). Die Furien des schwarzen Todes durchzogen das Land, Widerspruch überall. Warf er auch das geistliche Gewand ab, weder Schwert und Klugheit, noch eine rasch geschlossene Ehe retteten seinem Hause das Scepter. 30 Der Himmel versagte ihm die Nachkommen, und mit vermehrter Hausmacht, besonders aus der geldrischen Beule, 31 empfing abermals ein geweihter Priester die Bcgierung, Adolf von der Mark, 20, 21 22 23. 24. 25. 20. 27. 2S. 29. 30. 31, Barsch: Prämonstratenser Orden in d. An. d. bist. Ver. Jahrg. I. S. 141, Jahrg. II. S. 63. Bedhurg: Lac. I, 404, Meer: Lac. I, 415, Hamb. und Knechtst.: Bint. Codex I, p. 32, p. 118. Erzd. I. p. 91. So Camp mit der Bheininsel Hön: Lac. I, 510. 11. 15. Ebenso Bedburg. Lac. I, 404 u. s. w. Knapp I. p. 281. Heinel 111. p. 98. Dietrich V. erhielt durch seine Frau Hadewig Wesel und Dinslaken. Lac. II, 492. Sein Sohn besass die Vogtei über Meer und Weeze. Lac. II, 268 und 535. Dietrich VI. erhielt durch seine Gemahlin Adelheid v. Heinsberg Sassenberg, die Vogtei des Domstiftes und des Cassius- stiftes zu Bonn, Ahrweiler etc. Lac. II, 419.; belehnt Meurs Lac. II, 831. 946. 1055. IV, 98. Dietrich VII. mit einer Nichte Kaiser Budolphs vermählt, erhielt dadurch Nymwegen und andere Städte. Lac. II, 878. 93. 98. Lac. II, 265. Dietrich verlegte das 1334 auf Monreberg gegründete Canonichen-Collegium 1341 nach Cleve, gab ihm neue Rechte und und der Stadt eine Verfassung. Lac. 111, 276. 369. Lac. II, 370. 73. 111, 13. Lac. III, 99. 299. 305. 317. Angesehen als Bundesgenosse: Lac. II, 728. Lac. II, 1026 u. 27. III, 99. 20 7. 128. 157. 163. Bondam Charlerbnck p. 278. Lac. 11, 85. 87. 769. 839. 111. 854. Lac. II, 452. 442. 457. Lac. 111, 445. 40. 4" 13. 543. 44. 52. 55. 616. 495. 97. 521. 606. 19. 20. 38. 64. 74. I. GESCHICHTLICHE ITiERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERRHEINS. VII des Vorigen Vetter (1368—94). Die Bischofslitel von Münster und Cöln hielten Adolf nicht ab, Weihen und Würden mit Schwert und Kampf zu vertauschen 32 und gegebene Versprechen dein Ehrgeiz zu opfern. Denn allen Verträgen zuwider enlriss er nach seines älteren Bruders Engelbert Tode dem Jüngern Dietrich die Mark, 33 und eine Reihe von 16 Kindern schien diese vermehrte Macht seinem Stamme dauernd bewahren zu sollen. 34 Wie halle sich die Anschauung der Zeilen geändert! Die Bischöfe vertauschen ihre Gewände mit dem Schwerte, anstatt Abteien sehen wir den einst gewählten Erzbischof von Cöln zur Belustigung eine Geckengesellschafl gründen, einen Orden vom Rosscamp neben einer Rosenkranz-Bruderschaft, Vereinigungen, die anderwärts höchst verpönt gewesen zu sein scheinen. 35 Der weibliche Sinn verlangt schon praktischen Nutzen vom geistlichen Element; denn Adolfs Gemahlin, Margarethe, gründete wohl ein Stift zum h. Antonius zu Hau, allein es soll ein Erziehungsinstitut der vornehmen Kinder sein. Wie hätte ein neuer Herrscher anders als mit Fehden beginnen können! Nahmen sie an Zahl zu, so auch an Charakter. Jene Schlacht bei Kellen um den Besitz von Kaisers- werlh und der Mark zeigt, wie sehr das schlichte Gefecht früherer Zeit schon den grossen Schlacht Charakter angenommen hat. Die Mark bleibt Cleve, und ausser reicher Beute sichert eine kaiserliche Heirath Adolf II. den Besitz von Kaiserswerlh. 30 Allein diese Fehden richten weder Fürst noch Volk zu Grunde, weder die 26jährige gegen den Bruder Gerhard, die erst durch dessen Tod erlosch, noch die berühmte Soester Fehde, an welcher Adolf II. Sohn Johann mit päpstl. Erlaubniss gegen Cöln Theil nahm, 37 noch andere vermochten dies. Im Gegenlheil, Adolf II., dessen Glückstern in der Schlacht bei Kellen die ersten Strahlen warf, sollte den Niederrhein zum Zenith seiner Entwickelung führen. Von Flandern kam einst der Gründer der clevischen Dynastie, von Burgund erhält sie eine neue Belebung, die ihren höchsten und letzten Glanz erzeugt. Adolfs zweite Ehe mit Maria, Tochter Herzog Johanns von Burgund, ward jener neue Born des Reichlhums und politischen Ansehens. 38 Mächtig und angesehen war das clevische Haus immer gewesen; mehrmals trat es mit dem Kaiserhause in Verwandtschaft, war stets in dessen Gunst, auch mit Frankreich hatte Cleve Bündnisse. 39 Allein der Reichthum, die Bildung und die Macht des burgundischen Hauses nahm damals die seltenste Höhe ein. Der Kaiser Sigismund setzte dieser mächtigen Verbindung die Krone auf, indem er dem Grafen 32. Lac. III, 616. 706. 33. Lac. 111, 846. 95S. 963. 34. Lac. 111, 826. 35. Lac. III, 857. 864. Gert v. d. Schüren p. 137. Heinel p. 263 u. 266. 36. Lac. III, 976. 1030. 31. 39. 44. 46. 52. 65. 66. IV, 16. 22. 28. 33. 37. 43. 37. Fehde mit Gehlem: Lac. III, 1002 mit Gerhard: Lac. IV, 53, 76. 77. 129. 148. 159. 68. 69. 72. 84. Soester Fehde: Gerl v. d. Schüren p. 206. 38. Lac. IV, 41. Grosse Summen und die Herrschaft YVinnendal hrachte die Braut zur Morgengahe. 39. Lac. IV, 8 u. 102. -..- U - - f' VIII I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCIIEiV IN'IEDERRHEINS. Adolf auf der Kirchenversammlung zu Coslnilz die erbliche Herzogswürde verlieb. 40 Und als ob das Glück in seinem Laufe keinen Stillstand kenne, so gewährte es dem neuen Her- zoglhume noch die ungckannte Ehre eines eigenen besonderen Bischofes für die herzoglichen Lande. Erzbischof Dietrich von Cöln nämlich, Cleve's Feind in der Soester Fehde, neigte sich zum Gegenpapst Felix V., weshalb Papst Eugen ihn in den Bann that und dem zweiten Sohne des Herzogs von Cleve nicht allein die Churwürde von Cöln antrug, sondern ihm auch die besondere Erlaubniss ertheilte (1444), einen Bischof für seine Lande unter der Aufsicht des Bischofs von Utrecht zu ernennen. Calcar ward der neue Bischofssitz. 4 ' Adolf, der zugleich Vogt von Essen und Werden war, halte stets gefüllte Cassen; denn er streckte grosse Pfandsummen vor, 42 erwarb sich die grösslen Verdienste um die Begulirung und Eindämmung des Bheinufers, befestigte fast alle seine Städte, wie Wesel und Emmerich, suchte mit Gewalt seine Macht in Duisburg auszudehnen, baute in Calcar einen Palast, verschönerte den zu Cleve wie auch die Collegialkirehe daselbst. Er beendete das Präceptorat zu Hau, verlegte das Kloster von Zyfflich nach Kranenburg und gründete auf der Insel bei Wesel ein Cartbäuserkloster, wo er mit seiner Gemahlin, die das Brigittenkloster Trappenbaum zu ihrem Wittwensitze errichtet halte, 43 ein zeitweises Grab erhielt, das nach einer Verwüstung in der Dominikanerkirche daselbst seine bleibende Stelle fand. Adolf war ein leuchtendes Vorbild seiner Zeit, ein Segen des Landes. Am burgundischen Hofe war sein Sohn Johann (1448—81) erzogen, für Pracht, Bildung und kriegerische Thäligkeit empfänglich, der lateinischen und französischen Sprache mächtig, weilgereist. 44 Als Feldherr hatte er sich in der Soester Fehde ausgezeichnet und Xanten erobert, das, nachdem es ihm sein Vater 1448 abgetreten, Münzen auf ihn prägte mit der Inschrift: Johannes trojanorum rex. moneta nova Troi. 45 Weniger wichtig erscheint es, dass man ihn, den erprobten Feldherrn, als Helfer und Schiedsrichter anruft, 46 dass die verglichene Soesler Fehde nochmals vom Erzbischof erneuert wird, 47 dass er Münster und Gent befehdet; wichtiger ist es, dass er das Verhältniss zu Burgund durch eine Ehe mit Elisabeth, Tochter Herzog Johanns von Burgund, 1455 aufs Neue befestigt. 48 Freilich brachte ihn auch seine Stellung zu diesem Hause in blutigen Krieg. In Geldern wütbete Vater und Sohn gegen einander. Burgund und Cleve nahmen für den ersleren, den unglücklichen 40. Schüren p. 170. Lac. IV. 102. Heymrich: Sex libri Sophislogici. Bertius comment. rer. Genn. II. CXIX. 41. Lac. IV, 96. 108. 122. 180. 252. Schüren p. 217. Floss: Reihenfolge der Cölner Bischöfe S. 15. Nr. 13. Senaten An. Päd. II. 629 und Teschemacher p. 294 u. 304. 42. z. B. gegen Dortmund und Rheinberg. Lac. IV, 117. 192. 224. 43. Van Spaen: Jul. tot de Mist. v. Gelderl. 1. p. 14. Lac. IV, 110. 16. 220. 44. Er war in Frankreich, Spanien, Italien und Jerusalem. 45. Lac. IV, 235. 66. 67. 71. 75. 89. 416. 46. Lac. IV, 290. 47. Lac. IV, 289. 306. 327. 28. Die endlosen Akten hierüber bewahrt das Soesler Archiv. 48. Lac. IV, 308. I. GESCHICHTLICHE üliERSICHT DES CLEV1SCHEI1 iNIEDEIUlUEI.\S. IX Arnold Parthei; Der von seinem entmenschten Solme verfolgte Greis verkaufte sein ganzes Land an Rurgund, ein Kauf, den freilieli nach dem Tode Herzog Carls von Burgund sein Schwie- gersolm Maximilian im Bündniss mit Cleve gewaltsam erzwingen musste. 49 Cleve erhielt reichen Dank;"' 0 allein dem Pomp reichte bis dahin auch keine Einnahme; wahrscheinlich um nach Jerusalem zu gehen, versetzte Johann seine goldenen Geschirre. 51 Und welche Pracht entwickelte die herzogliche Familie hei der Victorsiracht zu Xanten! 52 Willkür und Fehdelust, grenzenlose Pracht und maasslose Ausschweifung waren leider Johann II. (1481—1521) eigen. Am hurguudischen Hofe erzogen, Karl des Kühnen Waffengefährte, konnte er ohne kriegerische Thätigkeit nicht mehr leben; vergebens verstrickte man den Fürsten in sinnliche Neigungen, um ihn den Waffen zu entfremden. Er gehört von nun an beiden Leidenschaften. Unklug und treulos vergisst er, was Cleve Burgund verdankt, und tritt gegen dasselbe mit Geldern in Bündniss, um eben Geldern doch bald wieder der burgundischen Freundschaft zu opfern. Endlose Fehden waren sein Bedürfniss. 53 Ausser der Kriegslast musste das heimgesuchte Land noch die Schulden des Herzogs bezahlen, zu denen die grosse Zahl ausserehelicher Kinder nicht wenig beigetragen haben mag. Nur seinem politischen Ansehen kann es beigemessen werden, wenn Innocenz VIII. ihm die goldene Böse übersendet, und die adelichen Damen zu Essen mit seiner Vogtei wohl zufrieden sind. Die Collegiatkircbe zu Cleve erhob er zur Pfarre und bethätigte sich am Bau der Aldegunde- kirche zu Emmerich. 5 - 1 Seinem Sohne Johann III. (1521—39) war es vorbehalten, die äussere Macht des Länderbesitzes auf jene Höhe zu führen, von der herab sie so bald in tragischer Weise sinken sollte. Durch seine Ehe mit der einzigen Tochter Herzog Wilhelms von Jülich und Berg, die schon 1496 verabredet ward, vereinigte er nämlich die Länder Cleve, Jülich, Berg, Mark Bavensberg, Soest, nebst einer Menge kleinerer Territoiien, zu einer ungekannten Macht; 55 allein die energische Haltung seiner Vorfahren fehlte ihm zu ihrer Behauptung und die burgundische Prachtliebe ward zu einer Verschwendung, die ihn oft zu Schulden und Verpfändung nöthigte. Wie angesehen Cleve war, zeigen die Heira- then der herzoglichen Töchter: Johann vermählte sie an die angesehensten Herrscher, die eine, die unglückliche Anna, an den König Heinrich VIII. von England, die andere, Sibylla, an Johann Friedrich von Sachsen; zeigt der Einfluss, den es über seine Grenzen hinaus hatte; denn das Domcapitel zu Minden wählt 1529 seinen Bischof nach des Herzogs Rathi Jedoch wichtiger als diese Verbindungen war die Erbunion, die er mit Geldern einging, wonach dieses Land nach dem Tode des kinderlosen Carl gegen eine Geldentschädigung an 49. Lac. IV, 330. 31. 35. 42. 50. 54. 50. Goch, Wachlendonk, die Dussel und das Droslenamt zu Ellen: Lac. IV, 351. 57. 69. 70 51. G. v. d. Schüren p. 294. Lac. IV, 303. 52. Proccssionen zu Einen des heil. Victor: Mooren, Allerth. Merkw. von Xanten 111. p feld, 1838. 53. Lac. IV, 423. 24. 78. 79. 83. 54. Teschem. Urk. Nr. XC1V. Knapp II, 264. Lac. IV. 467. 55. Lac. IV, 474. Ranke: Gesch. der Reformation II, 416 und 447. B 81. Cre- X I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERRHEINS. Cleve fallen sollte. Wenige Jahre vor seinem Hinscheiden finden wir ihn zum ersten und einzigen Mal in kriegerischer Thäligkeit, indem er 1533 dem Bischof von Münster aus Rücksicht für Hessen Hülfsiruppen gegen die Wiedertäufer zuführt, die auch sein Land bedrohten, und strenge Edikte hervorriefen; 56 ja in Cleve Hess man durch Reiterei die Stadt von ihnen reinigen; denn um Cleve zu erobern standen sie schon bei Hasselt. Früh rief beim Brettspiel ihn der Tod hinweg, der seinen Sohn und Nachfolger Wilhelm IV. (1539—92), einen der edelsten und unglückliebsten Regenten, durch eine treffliche Erziehung seinem Berufe gewachsen, den Wissenschaften geneigt, Gelehrte heranziehend und schätzend, aber bald Opfer einer periodischen Geisleskrankheit, in blutige und durch ihren Ausgang demü- thigende Kriege stürzte. Kaiser Carl V., als Nachkomme Maximilians, war durch keine Unterhandlung und keine Fürsprache von seinen Erbansprüchen auf Geldern abzubringen, welches vermöge der Erbunion Johann III. an Cleve gekommen war. Wilhelm vertraute seiner Macht und einem Bündnisse mit Frankreich, 57 allein der furchtbare Kaiser vernichtete seinen Widerstand und 1543 beugte der unglückliche Herzog zu Venlo sein Knie vor dem weltbehcrrschenden Sieger, und lieble um Gnade. Der Kanzler Granvella dictirle die harten Bedingungen, Treue gegen den Kaiser, Verzicht auf Geldern 5s und vor Allem Abschaffung der Beformation. Noch kein Fürst des clevischen Hauses hatte eine solche De- mütbigung erfahren und dennoch musste er sich glücklich preisen, Cleve, Mark, Jülich und Berg gerettet zu haben. Die glänzenden Hochzeitsfeierlichkeiten zu Begensburg zeigen uns den jungen Herzog zwar als Schwiegersohn Kaiser Ferdinands, allein der Glücksstern der Dynastie war bereits im Sinken; noch ein wichtiges Ereigniss, nächst der Periode der grossen geistlichen Stiftungen und derjenigen des burgundischen Einflusses das bedeutendste, sollte sich vollziehen, ehe dieser Stern ganz erlosch. Es war die Beformation. Wir erwähnten bereits, dass die Bildung an Wilhelm den aufrichtigsten Förderer fand. Zu der später erst gegründeten Universität Duisburg hatte er schon 1562 die Erlaubniss. Städte wurden befestigt, die Schlösser zu Cleve und Düsseldorf erweitert und umgebaut, der gregorianische Kalender eingeführt, die Gelehrtenschulen zu Emmerich und Düsseldorf zählten jede mehr als 1000 Schüler, ja der Erbprinz sprach im 12. Jahre Latein und recitirte ohne Mühe den Virgil. 59 Philipp von Cleve (f 1528) war berühmt wegen seiner reichen Büchersammlung. 60 Der Hof zu Düsseldorf war ein Hof der Musen, allein jene Gelehrten, welche dort verweilten, der gelehrte Pighius, welcher den jungen Erbprinzen zu seiner Ausbildung nach Rom geleitete, wo dieser hoffnungsvolle Jüngling starb, Hercsbach, der Erzieher der herzoglichen Kinder, der Jobann 111. auf seinen Zug gegen die Wiedertäufer geleitend, deren Geschichte schrieb, vielleicht auch Vesalius, der grosse Anatom aus Wesel, und Mercator, der berühmte Geograf, Erasmus, der wenigstens mit dem Hofe in Briefwechsel 56. Ranke: Gesch. der Reformation III, 423. 39. 40. 43. 44. 45. 52. Teschemacher I, 331. 57. Ranke IV, 141. 195. 233. 58. Ranke V, 19—22. 59. Dillenburger Gymnasialprogramm von Emmerich 1S46. p. 30. 60. Sotzmann: Gutenberg und seine Milbewerber in Raumers hislor. Tascbenb. 1841. p. 532. 71 1 I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDERMIEINS. XI stand, endlich Monheim, der Reclor der Düsseldorler Sclmle und Andere, sie waren der Mehrzahl nach der neuen Lehre zugelhan. Die energische Einwirkung auf die Entwickelung von Bnrgund aus, die Verhindungen der Ilansa, besonders mit Emmerich, Wesel und Goch, die Nachbarschaft der Niederlande und endlich die kirchlichen Missbräuche hatten längst freiere Denkweise und Opposition gefördert. Schon ein Edict von 1508, worin Johann III. dem geistlichen Stande den Besitz von Erbgütern verbietet, athmet einen freien'Ton, der dann auch keine Verwunderung zulässt, wenn derselbe Fürst seine Tochter Sibylle dem protestantischen Johann Friedrich von Sachsen zur Ehe giebt. Ja der neue Schwiegersohn darf stets seinen Hofprediger Mykonius mit nach Düsseldorf bringen, dessen Predigten dort keinen geringen Eindruck machen. In demselben Jahre 1526 erlässt Carl V. besorgt von Spanien aus schon eine Mahnung an die Grafen von Nassau und Königstein, mit ihren Nachbarn am Rhein über die Ausrottung der Ketzerei zu unterhandeln. 61 Allein sie hatte bereits festen Fuss gefassl, 62 zuerst in Wesel und dem gegenüberliegenden Büderich. 1522 predigte dort schon der Augustiner Malheus von Ginderich im Sinne der Reformation. Ciarenbach als Conrector der Schule daselbsl, Clemens Sylvanus, Caplan an der Matenakirche, Clopris, Pastor in Büderich, gesellten sich hinzu und bildeten eine Vereinigung, von welcher eine allgemeine Beformation ausging. Wenn auch nach einigen Jahren ein kurzer Rückschlag stattfand, bei welchen Jobann III. sich vermittelnd verhielt, indem er 1529 Luthers Schriften freilich zu verbrennen gebot, aber auch die Publicalion der Bannbulle untersagte, so neigte er sich ein Jahr darauf 1530 um so entschiedener zur neuen Lehre, der er nun Freiheit und Toleranz und 1533 eine Kirchenordnung gewährt, die, angeblich von Melanchlhons Gutachten unterstützt, der dem Hof befreundete Erasmus verfasste. 1542 war Wesel, Bislich, Büderich, Orsoy u. s. w. ganz protestantisch und etwas später verkauft die Äbtissin Magdalena von Eltenberg den Vitushof daselbst, weil derselbe nur von Nichtkatholiken bewohnt sei. Der neue Herzog nahm 7 Monate vor dem Venloer Vertrag am 22. Februar 1543 das Abendmahl in beiderlei Gestalt, 03 gab den Flüchtigen Wohnsitze und schützte die Verfolgten. Da trat der Venloer Vertrag als Schranke jeder weitern Hinneigung des Herzogs zur Beformation hindernd in den Weg. Als Schwiegersohn Kaiser Ferdinands, als Vetter Carls V. musste er wohl um so eher beim alten Glauben verharren. Aber nach Möglichkeit suchte er das im Juni 1548 in Cleve anlangende Interim für die Protestanten auszubeuten, eine ihm dedicirte Schrift des Humanisten Bredenbach an der Schule zu Emmerich zur Aufrechthaltung des allen Glaubens nahm er gar übel auf, 64 und so blieb es nicht aus, dass Papst Paul V. den clevischen Abgeordnelen Masius, der Anträge auf reformatorische Bestrebungen machte, mit derben Scheltworten empfing.' 3 1568 fand in Wesel die erste evangelische Synode statt. 66 61. Ranke II, 280. 62. v. Recklingshausen: Reformalionsgesch. der Länder Cleve, Jülich, Berg etc. [i. 20. Cornelius, Geschichte des Münster Aufruhrs I. p. 46—89. 63. Ranke IV, 228. 64. Dillenburger p. 18. 65. Ranke V. p. 358. 66. Jacobson Quellengesch. des evangel. Kirchenr. im Rheinl. p. 38 und 82. B* XII I. GESCHICHTLICHE ÜBERSICHT DES CLEVISCHEN NIEDEnMIEINS. Des hoffnungsvollen Erbprinzen Todes zu Rom gedachten wir. Sein jüngerer Bruder Johann Wilhelm (1592—1609), zu Lebzeiten des Verstorbenen geistiger und körperlicher Schwäche halber schon zum geistlichen Stande bestimmt, halte bereits die Würden eines Propstes zu Xanten und Bischofsvenvesers von Münster, als man ihn eiligst zum Regenten vorbereitete. Welch ein tragisches Bild, dieser an Geist und Körper zerrüttete Herzog der herrlichen Lande Cleve, Jülich, Berg und Mark! Trübe sinkt der Stern des Hauses Cleve hinunter. Die schöne Jaeobea von Baden, lebenslustig und keck, stand unfreiwillig am Allare neben dem siechen Gemahl. Der Pomp des hochzeitlichen Festes 07 verbreitete nur kurze Täuschung für die Zukunft. Die Ehe blieb kinderlos, der Wahnsinn des Herzogs nahm zu, und der Zwiespalt zwischen der jungen und hübschen Jaeobea und die Eifersucht der schon bejahrteren herzoglichen Schwester Sibylle war hinreichend, einen Hass zu erzeugen, dessen Opfer Jaeobea ward. Erdrosselt fand man sie im Bette. Der unglückliche Herzog ward zu einer zweiten Ehe bewogen. Aber auch Antoinelte von Lotharingen gebar keine Erben. 1600 tritt sie als Mitregenlin des Wahnsinnigen aus Ruder, wodurch sich die Verwahrlost- heil der Länder auf einige Augenblicke minderte. Aber nur auf Augenblicke. Denn von Belgien aus kam der blutige Mendoza gegen das unter Oranien bewaffnete Holland gezogen, und da Cleve mit Holland unterhandelte, so plünderte und verbrannte der spanische Henker zur Weihnachtsgabe Orsoy, Büderich, Dinslaken, Rheinberg, Rees, Emmerich, Calcar und Wesel und suchte mit Feuertod und Henkersqual diese Städte von der neuen Lehre zu reinigen. 6S 1609 erfolgte Johann Wilhelms Tod. fi9 Verwaist war der herzogliche Thron. Die Männer der beiden verheiratheten Schwestern des Verstorbenen, die Churfürsten von Brandenburg und Pfalz-Ncuburg, ebenso Sachsen wegen der Ehe Johann Friedrichs, machten ihre Ansprüche geltend, gestützt auf ein Privilegium Carl V. für die Gültigkeit der weiblichen Nachfolge. Es entspann sich jener bekannte Erbfolgekricg, weicher der Krone Preus- sen Cleve, Mark, Ravensberg zubrachte, mit welchen sich einst auch Berg und Jülich vereinigen sollten. Die gewallige Hand der Vorsehung waltete sichtbar über den Geschicken der Völker. Dem verschlagenen Carl V., dem Beherrscher von Spanien, Neapel, Indien, den Niederlanden und des deutschen Reiches entfiel das Scepter aus der bleichen Hand. Keiner seiner Weltgedanken ging in Erfüllung. Vom Reriikloster S. Juste sah er das mühevoll Vereinigte sich schnell trennen. Die katholische Liga stand machtlos da gegen die Gewalt der Reformation, und diese Dynastie, die sich seit der fränkischen Staateubildung durch Glück und Politik stets mehr an Macht und Ansehn emporhob, endete durch Mord, Schwachsinn und Kinderlosigkeit! 67. Graminciis: Beschreibung d. filrsll. Hochzeit so 1585 gehalten etc. 68. Recklinghausen III. p. 117. 69. Camp. v. Beschreibung des Begräbnisses Herz. .loh- Willi. 1628. ___ II. KUSSTHISTORICIIE uisersiciit. xnr II. KUNSTHISTORISCHE ÜBERSICHT. Wenn wir im Eingang die Bemerkung aufstellten, flass das eigenthümliche Wesen der Volksentwickelung aus dem Zusammenwirken der Nalurverhällnisse, des Stammeharakters und der politischen Schicksale sich gestalte; so werden wir auch finden, dass da, wo diese Enlwickelung zu einer hemerkenswertheren Höhe gelangt, sie jedesmal von jenen drei Momenten veranlasst und gelragen wird. Am Unterrhein hedinglen die Naturverhältnisse ein ruhiges, dem Ackerhau, der Viehzucht und dem Handel gewidmetes Dasein, nicht aufgeweckt durch grossarligen Landverkehr, reiche Industrie und Weinhau. Der Charakter der Bewohner blieb dem entsprachen«" bis auf den heutigen Tag. Sie sind mehr ansiedelnd und conlcm- plaliv, als angreifend und kühn ins Weite schweifend; heharrlich, festhaltend am Daseienden, vor Allem mehr selbstständig, kräftig und derb, als phantastisch und zart, und dadurch wohl unterschieden von der leichten und empfänglichen Beweglichkeit der oberen Rhein- lande. Die politischen Schicksale brachten den Unterrhein schnell zu einer wenig angefochtenen Einheit unter der clevischen Dynastie, bei welcher die Bewohner ohne Widerspruch stets verbleiben. Grosses ereignet sich kaum, auf Angriff und Eroberung gehen sie nicht aus; aber sie sind fast immer als zuverlässige und mächtige Bundesgenossen im Felde, und bleiben dadurch in steter Zunahme des Besitzes. Zweimal trat die allgemeine Entwicklung zu einer hemerkenswertheren Höhe, einmal in der früheren Zeit, wo die fränkische Bewegung und Staatenbildung ebenso . dem Selhslständigkeitsgefühle, wie die grossartige Aufnahme des Christenthums dem contcmplativen Zuge entsprachen; dann aber im 15. Jahrhundert, wo die Hansa, das Städtewesen und die Verbindung mit Burgund dem Handel einen ungeheuren Aufschwung gaben und dem Leben Bewegung zuführten. Die Kunslent- wickelung geht Hand in Hand mit der geschichtlichen Entwickelung und verläugnet in ihren Werken selten das Gepräge derselben. Wir linden desshalh auch in der niederrheinischen Kunstgeschichte, den beiden geschichtlichen Epochen entsprechend, dieselben beiden Höhenpunkte wieder. 1. F r ä n k i s c h - r o m a n i s c h e K u n s t e p o c h e. Römische Bauten besitzt der Niederrhein nicht mehr; der Handel mit ihrem Baumaterial hat selbst die Fundamente aus der Erde gerissen. 70 Die auf die römische folgende fränkische Baukunst musste schon desshalb eine grosse Thätigkeit entwickeln, weil sie den Beruf halte, dem schnell verbreiteten Chrislenthum Kirchen zu schaffen. Der fränkische Königssilz zu Xanten besass sicherlich neben der Burg seine Kirche, und in dem neben Xanten liegenden längst vom Rhein verschlungenen Birten befand sich bereits im 6. Jahrhundert zu Ehren des Märtyrers Mallusius erst ein Oratorium und dann eine Basilika. 71 Die 70. Spenrath und Mooren: Alterthiiml. Merkw, v. Xanten 1, p. 49. 108. III, 51. 71. Dass das von Gregor v. Tours genannte Oppidum Bertunense Birten bei Xanten ist, gehl schon m xiv II. KUNSTIIISTORISCIIE ÜBEKSICIIT. kleinen Orte Rindern und Aidlingen besitzen gegen 700 ebenfalls eine, Johannes dem Täufer, dem Pelrus und der Maria geweihte Basilika. Fast alle Mariinskirchen dürfen bei der ungeheuren Verehrung der Franken für jenen Heiligen diese Stiftungszeit in Anspruch nehmen. 72 Und nun traten ja vor unsern Augen Willibrord, Suitbert und Liutger auf, und gründeten Kirchen zu Utrecht, Emmerich, Kaiserswerlh und Werden; Carl d. Gr. baute Pfalz und Gapelle zu Nymwegen; Essen ward neben Wissel, Neuss und Gerreshcim gegründet; aus ihren Zerstörungen erfuhren wir von der im 9. Jahrhundert in Xanten bestehenden prachtvollen Victorskirche und einem Kloster in dem damals Biorzuna genannten Birten. Noch andere Pfarrkirchen machen Anspruch auf eine so frühe Gründung; Eltenberg beschliesst ihre Zahl. Ausser dem Königshause zu Xanten und dem Palatium zu Nymwegen gab es noch die fränkischen Burgen zu Munna, Gennep, Uplade und Friemersheim 73 mit hohen Thürmen und Zinnen. So reich diese Bauperiode eines geringen Flächenraumes auch erscheint, so gering sind die Spuren, welche uns über ihren Charakter aufklären. Wir müssen vermulhen, dass Tongern, als der früheste Nachbarsitz des Cbristenlhums, auch auf die frühesten Kirchen- haulen bestimmend wirkte. Wir wissen ferner, dass die Franken ihr Baumaterial den römischen Trümmern entnahmen, somit vorzüglich Tuff verwandten, und dass sie, sich in roher Weise der römischen Kunstformen bemächtigend, nach dem Schema der Basilika bauten. 74 Als Basiliken werden ja auch die Kirchen zu Birten, Aidlingen und Rindern in den Urkunden bezeichnet; dass sie einfach waren, erweist die irrthümlich als Hälfte einer zerstörten Rotunde ausgegebene erhaltene Absis zu Rindern; 75 dass sie flach gedeckt sein musslen, bestimmt sich aus der spätem Entwicklung des Gewölbebaues, und dass der bauliche Schmuck noch sehr gering, unentwickelt und einfach blieb, geht theilweise aus der fränkischen Sitte hervor, das Innere mit kostbaren, goldgestickten und edelsteinbesetzlen Teppichen ansehnlich zu machen. 76 Mit Notwendigkeit Avird es sich so mit den genannten Kirchenbauten verhalten haben. Erst Carl d. Gr. brachte hierin eine Aenderung hervor, indem er den nach Aachen verpflanzten ravennatischen Cenlralbau auch in seiner uns erhaltenen Hofcapelle zu Nymwegen zur Anwendung brachte, und wie überhaupt Nymwegen als Kaiserresidenz nicht ohne Einfluss auf die Cultur bleiben konnte, so sehen wir diese Bauweise am Schlüsse des Jahrtausends noch in schöner Weise im Weslbau der Stiftskirche zu Essen zum Muster genommen. 77 aus dem Zusammenhang hervor, in welchem er aut das in der Nahe befindliche Grab d. h. Victor übergeht. Die Kirche zu Birten ward im 16. Jahrh. vom Rheine verschlungen. Siehe Fiedler: Situationsplan zu Houbens Anliquarium. 72. Bint. Erzd. I S. 25. Greg. v. Tours v. Ltibell S. 274. 73. Dederich S. 2S0. 74. Ueber die Basiliken des Gregor v. Tours. Siehe Sehnaase III., 483. 75. Schneider in d. Ann. d. bist. Ver. für d. Niederrhein, II. Jahrg. S. 38. Als Rotunde wäre diese Kirche sehr klein gewesen, und milsste dann als Taufkircbe ausgegeben werden. Abgesehen davon, das die Bezeichnung der Urkunde Basilika dies gar nicht zulasst, sind auch Taufkirchen nur in Verbindung mit grösseren Pfarrkirchen nachgewiesen. 76. Biciron: Revue de l'Arch. 1841 p. 2S9 und die betr. Citate zu Tafel III. 77. \\ Quast in der Zeitschr. für chrisll. Archäologie I. S. 1. II. KUNSTIIISTOIUSCIIE ÜBERSICHT. XV Die schmucklose Absis zu Rindern, die Centralbauten zu Nymwegen und Essen und vielleicht auch die Crypta zu Emmerich 78 dürften das einzige sein, was uns sicheres Zeug- niss für das erste Jahrtausend ablegt, 79 — ein geringes Zeugniss für die lange Reihe grosser Stiftungen dieses Zeilraumes. Zwei Ursachen vorzüglich verschulden das: einesthcils die gerade am Untcrrbein conzentrirt stattfindenden Zerstörungen der Normannen, die vom Meere kommend in den der Mündung des Stromes so nahe liegenden Gegenden fortwährend Feuer und Verwüstung von Ort zu Ort schleuderten; anderentheils aber die Thatsache, dass mit Ausnahme vielleicht der Zeil und Thäligkcit Carls d. Gr. und in Zusammenhang mit den aufgelösten wirren Zuständen nur Dürftigkeitsbauten stattfanden, Rauten, die, weder der Dauer noch dem zunehmenden Bedürfniss gewachsen, um so schneller untergingen, als man sie im angstvollen Glauben an den Weltuntergang durchaus nicht einmal zu erbalten bestrebt war, und die desshalb nach der Ueberwindung des Jahres 1000 mit Notwendigkeit eine grosse solide Baiiperiode herbeiführten. 80 Der erste Bau, den wir in dieser Epoche des Denkmalbaues erstehen sehen, ist das 1002 aus den Trümmern der Burg Zehlum gegründete Kloster Zyfflich, dessen bauliche Vollendung jedenfalls vor 1020 stattfand, indem der Gründer im genannten Jahre in der Kirche begraben ward. Einige erhaltene Bogenstellungtn des Mittelschiffs mit einer Säule corinthischen Capitäls antiker Formbildung machen eine dreischiffige Säulenbasilika massigen Umfanges wahrscheinlich. 81 Das zweite Baudaluni gewährt die ganz untergegangene 1010 gegründete und 1040 geweihte Kirche zu Rees. 82 Die Neubauten der früheren Stiftungen sind allgemein; man baute an der Martinskirche zu Emmerich, an der Crypta zu Essen (1051), an der zu Werden (1059); und der Neubau der Pfeilerbasilika Suitberls wird um diese Zeit ebenfalls stattgefunden haben. 83 Die am Schlüsse des 11. Jahrhunderts allgemeiner werdende Ueberwölbung der Schiffe ist am Niederrhein zuerst in der 1129 geweihten auf Gewölbe berechneten Stiftskirche zu Eltenberg nachzuweisen. 84 Der ersle Bau des 1122 78. Der v. Quast hervorgehobene Dorismus der westlichen 3 Säulenpaare dieser Crypta und der Vergleich der andern mit den schon reicher ausgeführten in der Crypta zu Abdinghof, welche Meinwerk im Beginn des tl.Jahrh. hauen liess, setzen die Emmericher Crypta unzweifelhaft ins erste Jahrtausend. Die Beziehungen Meinwerks zu Emmerich durch das Erbe seiner Mutter Adela machen es wahrscheinlich, dass er die Bündelsaulem in Abdinghof nach dem Motiv derjenigen zu Emmerich machen liess. 79. Die Pctcrscapelle bei Kempen wird auch als carolingische angeführt. Es ist ein einschiffiger Raum, flachgedeckt, das Mauerwerk angeblich ohne Fundamente, mit einer kleinen Absis aus dem 12. Jahrb. Mit Ausnahme des letzleren ist alles so einfach, arm und ohne bestimmten Charakter, dass es aus jeder Zeit sein könnte. 80. Mertcns: die Baukunst des Mittelalters 1851. 81. Ausser den angef. Stellen Dederich S. 278. 82. Der romanische Bau soll schon bedeutende gothische Umbauten erfahren haben. Zu den angeführten Stellen noch Dederich S. 229. 83. Diese Basilika kann um desswillen so ganz unbedeutend nicht gewesen sein, weil Carl d. Gr. den Papst Leo zur Verehrung und Erhebung der Reliquien des Suitbert — denn die Heiligsprechung durfte zu bezweifeln sein — hierher führte. Surius, Mart. 1 p. 20 sq. Baronius ann. 804, III sq. Tom. XIII, p. 393 sq. 84. Siehe Eltenberg zu Tafel I. und Dederich S. 233 Anmerk. 2. XVI II. KUNSTIIISTOIUSCUE UUEIISICIIT. gegründeten Camp ist ebenso untergegangen, wie derjenige der Kirche zu Bheinberg, welche nach der StiTtungsurkunde von Camp schon früher bestand. Von der ersteren ist nur der gerade Ghttrabschluss zu bemerken. Die schweren und derben Verhältnisse der Kirche zu Wissel mit 2 Thünnen zu Seilen des Chores und Kreuzschiffen, und die schöne, aus einer kürzlich aufgefundenen Zeichnung bekannte romanische Kirche zu Benelen" -3 mit einem secbseckigen Thurm auf der in der Mitte stattfindenden Vierung sind der Kennlniss erhallen. Die Stiftungen des Prämonstratenserordens Hagenbusch, Fürstenberg, Wesel, Hamborn und Bedburg 1,6 führen dann im 12. Jahrhundert noch zu einer reichen untergegangenen Bauperiode, deren schwungvollere und reichere Bildungen an den Grenzen unseres Gebietes die Kirchen der Abteien Gladbach und Knechtsteden bezeugen, während in unserem Distrikte nur Bedburg von einer der in Repelen ähnlichen Kreuzkirche ein schönes Portal erhallen hat. 87 Die Thurinfacade von Xanten, die Kirche zu Ginderich, der Chor von Kaiserswerlh, Theile der Kirche zu Werden, besonders aber die interessante Klosterkirche zu Gerresheirri, ebenfalls mit einem Thurm auf der Vierung, und der Quirinsdoin zu Neuss mit seiner spielenden Decoralion beschlossen die romanische Bauperiode, deren Formen mil Bewusstsein noch nach 100 Jahren angewandt wurden, wie dies die Kirche zu Kempen 811, und der Ziegellhurm der Martinskirche zu Emmerich hinreichend bekunden, und wie es dem einfachen, derben und am Daseienden hallenden Volkscharakter vollständig entspricht. Wie abhängig die Kunst vom Charakter der Zeit ist, zeigt uns im Bereiche der Sculplur ein Blick von dem auf Taf. XVII 1 milgetheilten Elfenbein der letzten römischen Kaiserzeit, welches noch Anordnung in der Composilion und Freiheit im Ausdruck der Intentionen bekundet, zu jenem Reliquienschreiu auf III vom Jahre 700, einem Werke fränkischer Barbarei oder vielmehr einer neu beginnenden Cullurepoche. Denn die technisch und künstlerisch am vollendetsten sind die untergeordnetsten Dinge, am roheslen die gegenständlich bedeutendsten Theile. 1 " 9 Die Arabesken in den Filigranbändern sind verhällnissmässig zierlich und in guter Zeichnung, die Figuren hingegen unbehülfiich und durchaus roh. Und dieses gerade deutet eine erst in den allerunterslen Stufen zur Freiheit entwickelte Fähigkeil an. Eiii Entwicklungsgang ähnlich dem der Egypter. Auch bei diesen sind die Thiere voll S5. Durch einige Bemerkungen des Verf. über das sagenhafte Alter der Kirche von Repelen und die in ihren Fundamenten gefundenen römischen Allerlhiimer an die königl. Commission der Denkmäler veranlasst, fand Hr. Kreishaumeister Guno in einem Situationsplan der Xantener Filialkirchen die erwähnte Zeichnung. 86. Die Urkunden dieser Stiftungen sind angeführt; wo nicht, finden sie sich in Binterim und Mooren Erzd. 1. Fürstenberg und Ilagenbusch sind verschwunden. Wesel und Hamborn wurde in der nächsten Periode umgebaut. S7. Ein Abbildung der Kirche soll sich befinden in: Cleufsche Waterlust 1749. 88. Die specielleren Ausführungen hierüber wird die Abtheilung der Architektur beibringen. 89. Einen interessanten Unterschied bietet der Vergleich dieses Schreins mit dem später erneuten Marcuslöwen (Text zu Taf. Illj desselben und mit den datirten Goldarbeilen des 11. Jahrb. zu Essen. Wie man aber nach diesem Vergleich den Schrein ins 11. oder 12. Jahrh. setzen kann, wie kürzlich H. A. Müller: in Deutschlands Museen und Kunslw. 1857, ist nicht einzusehen. II. KUNSTHISTOniSCHE UUERSICIIT. XVII vortrefflicher Charakteristik; unter den ganz schemaliscli gebildeten Menschen die Portrait- bilder am meisten voll Naturwahrheit, während die Götter zu leblosen Typen herabsinken. Bei den Egyplern erstarrte die Enlwickelungsfähigkeit in den untersten Graden. Nicht so bei den Franken. Jene Leidenschaft, die sie für äusserliche Pracht, Prunk, Goldglanz, Edelsteine hatten, erzeugte eine Menge kostbarer Gefässe und Schreine, in denen ein bestimmter Fortschrill der Sculptur zu erkennen ist. 90 Zwei uns auf Taf. VI. .8 und Taf. XVII. 2. vorliegende Elfenbeinkasten, die mau der dargestellten Gegenstände und der Aehnlichkeit mit einem ebensolchen Werke in Italien halber kaum später als in die karolingische Periode setzen kann und die freilich dieser Aehnlichkeit halber auch in Italien entstanden sein können, zeigen schon wieder eine vortreffliche Anordnung des Raumes, Freiheit und Ausführung der Motive und gute Technik. 91 Jenen herben und derben Formsinn, der ebenso sehr der ums Jahr 1000 entstandenen ersten romanischen Runslperiode als der derben Volks- individindilät entspricht, gehört der Taufstein von Zyfflich an, den wir durch das Baudatum von 1002 jedenfalls in das erste Jahrzehnt des 11. Jahrhunderts datiren können (Taf. VI. 6), und dem dann die Taufsleine zu Warbeien (Taf. VI. 1), Qualburg (Taf. X. 5), Vynen, Vccn, Menzelen, Hamborn und Kempen (Band II), und schon in weiterer Formentwickelung die zu Wissel und Ilönnepel folgen (Taf. X. 7. 1 0.). Derselben Zeit dürften dann die alten Sleinreliefs zu Xanten (Taf. XVII) angehören. Die noch feinerem Formensinne ferne rohe Kraft der er st eren dieser Taufsleine macht es wahrscheinlich, dass die unter den Oltonen in das Fräuleinstifl nach Essen gekommenen Prachlwerke des siebenarmigen Leuchters und der beiden Mathildenkreuze (Band II) unter dem Einfluss fremder Künstler verfertigt, oder überhaupt aus der Ferne dorthin gebracht worden sind. 92 Für die Mitte des 11. Jahrhunderts bewahrt Essen ebenfalls ein herrliches durch das Todesjahr der Geberin Theophana dalirtes Werk in einem Evangeliendcckel von Gold und Elfenbein und einem Prachtkreuze, dem sich ausser einem Niellokasten in Xanten und jener herrlichen goldgetriebenen Schwertscheide zu Essen (Bd. II), die mit den schwungvollsten Arabesken und Bestiarien geschmückt ist, wahrscheinlich ein der Kenntniss ganz entzogener Beliquienschrein anreihen würde, der, ursprünglich in der Kirche zu Rees, in den Besitz des Fürsten Solticoff überging und reich an Elfenbein und Emaille sein soll. Das 12. Jahrhundert endlich repräsentirl der Schrein S. Victors zu Xanten (Taf. XVIII) und im 13. begegnet uns der datirte Schrein S. Suilbert's zu Kaiserswerlh (Band II). Auch die Geschicklichkeit der weiblichen Hand hat uns ein Zeug- niss hinterlassen, indem uns von Adela, der Gemahlin des Grafen Balderich, die stets viele 90. Vergl. Freutlenberg: Goltlfund zu Enzen in XXV. Heft d. Verh. der rhein. Altherth. Freunde und Schnnase III, S. 502, dann in Houbens Aiitiqunrium und Fiedler die fränkische Krone auf Taf. 48, und Bernd: Wappenwissenschaft I, S. 308 Anmerk. 8 und 417 zu Seite 308. 91. In Bezug auf die Schönheit des Ornaments in frä'nk. Werken Schnnase III, 523 u. f. 92. Ausser den Künstlern des Meinwerk aus Italien und den bekannten Beziehungen zu Italien und Byzanz (Schnaase IV, 2. Abth. S. 574 u. f.) hat besonders Eitelberger in den Jahrb. d. k. k. Gentral- commission v. 1856 auf die durch Ungarn vermittelte Verbindung zwischen Deutschland und Byzanz aufmerksnm gemacht. C XVIII II. KÜNSTIIISTORISCHE ÜBERSICHT. in der Weberei kundige Dienerinnen bei sieb führte, berichtet wird, dass sie ein seidenge- webtes Allartucb dem Kloster zu Deutz und golddurcbwebte Messkleider dem Erzbischof von Cöln schenkte. 93 2. 13 urgundisch - cle vi sehe Kunstepoche. Jene, bis zum 12. Jahrhundert gehende allgemeine rohe aber kräftige, einfache aber natürliche Epoche des selbstständigen Auflehens, die sich, genährt durch antike Erinnerungen, durch Kreuzzüge und Verbindungen mit Byzanz, im 13. Jahrhundert zu jener gewandten und glänzenden Eigentümlichkeit des germanischen Stils herausbildete, führt uns auf dem Gebiete des Niederrheins zu einer auffallenden Lücke der Kunslentwickelung. Freilich die Kaiser besuchten immer seltener die kaiserliche Pfalz zu Nymwegen, und gewaltigen Ansloss empfing die Cultur von dort nicht mehr, und selbst das hochwichtige Camp that mehr für Landes- cultur, für seine Gärten und Fischteiche, als für die Kunst. Westfalen war es mehr vorbehalten, den frühen gothischen Styl zu vermitteln, und einige Restaurationsbauten ausgenommen, finden wir zuerst am Dom zu Xanten diesen Baustil selbstständig auftreten. Wenn das geringere Auftreten des germanischen Stils einestheils auch wol im Mangel des Bruchsteins, anderntheils, gemäss dem am Daseienden haftenden Volkscharakter, an dem langen Ausdauern der romanischen Culturperiode begründet liegt, so empfing doch erst durch Adolf II. glanzvolle Regierung, durch seine Verbindung mit Burgund, die ganze Strömung des Lebens eine neue frische und reiche Bewegung. Waren bisher Nymwegen und Cöln die Brennpunkte des Lebens gewesen, — denn Cöln sandle ja die Cisterzienser in die Oeden von Camp 94 , Cöln errichtete hier seine theologische Schule 95 , Cölns Münzsystem war in Cleve das gültige 96 , Cöln besass in der romanischen Blüthezeit die Hauplschule der Kunst 97 , so trat jetzt Burgund mit dem Einfluss seines grossartigen Städtewesens und seines reichen Handels an dessen Stelle. Es ist im ersten Augenblick verwunderungsvvürdig, dass in diesen Zeiten des beginnenden religiösen Zwiespaltes und der grossen nie endenden Fehden das geistige Leben und die schöpferische Kraft so emporwuchsen. Wie aber alle Bewegung das geistige Leben überhaupt erhöht und beflügelt, so auch vorzüglich die Wissenschaft und Kunst. Hatten doch die Schulen zu Emmerich und Düsseldorf jede an 2000 Scholaren. Für die Wissenschaft und Kunst entsprang aus allen diesen Fehden und Wirren nur Bewegung; denn was die Kriegsfurie auch an Wohlstand zertrümmerte, das war dennoch nicht fähig, das Wachs- thum des Bürgerwesens und der Städtekraft in Emmerich, Rees, Wesel, Goch, Calcar aufzuhallen; das gab auch die Verbindung mit Holland und Burgund, der Handel der Hansa, 93. Dederich S. 229 Anmerk. 1 und 281 und v. Spaen an mehreren Stellen. 94. Beut dipL Cod. I. S. 88. 95. Lac. II. 809. 96. Lac. II. 1014. 97. Ein Schrein im Schlosse zu Hannover hat, wie schon Fiorillo, und nach ihm Sohnaase anführt, die Aufschrift Eneelhertus Coloniensis nie fecit. II. KL'.NSTIIISTOIUSCIIE UISEItSICHT. XIX die plötzlich grossartig werdende Wollenweberei in Goch 98 und anderen Orten, reichlich zurück. Denn hei allen Slromhewohnern kommt der mächtigste Einfluss von der Mündung. Der Glanz dieser Epoche beginnt mit der Erhebung Adolf II. zur Herzogswürde und der burgundischen Ileirath, und dauert bis zu Wilhelm IV., eine Periode der grossarligsten territorialen Zunahme und der bedeutendsten Machtstellung. In der Kunstentwickelung entspricht ihr die Epoche des Backsteinhaues im 15. und 16. Jahrhundert; jene Epoche, in welcher wir die Balhhäuser zu Calcar, Rees und Wesel, die Stadtthore zu Xanten, jene mit Thür- men flankirlen Caslelle, wie zu Moyland, Kempen, Linn und Ringenberg, und endlich jene grossen Kirchenhauten zu Cleve, Cranenhurg, Calcar, Emmerich, Weeze, Wesel, Ilamborn, Kempen und Duisburg und andere geringeren Umfanges erstehen sehen; jene Epoche der niederrheinischen Schule des Holzscbnitzwerkes, die, von Calcar ausgehend, die Kirchen zu Calcar, Xanten, Cleve, Emmerich, Straelen, Kempen und andre ausschmückt und dann ihren Ruhm nach Danzig verpflanzt. (S. Text zu Calcar.) Lehnen die fränkischen und romanischen Bauten, die aus dem Material der römischen Ruinen, aus dem Tuff, emporwuchsen, sich auch im Stil zunächst an die römischen Traditionen, so empfangen die Backsteinbauten des 15. und 16. Jahrhunderts aus ihrem Material ebenfalls einen bestimmenden Charakter. Die reichen Gliederungen des germanischen Bruchsteinbaues, wie sie am clevischen Unterrhein nu, an dem einzigen Beispiel des Xanter Domes vorkommen, mit all dem reichen Detail der Sculptur sind für den Backsteinbau unmöglich. Der Backstein lässt sich nicht aushauen und meisseln; er bedingt grössere Flächen und kann weniger im Einzelnen als durch seine Gesammlanlage wirken. Zum wesentlichsten Gliede im Organismus dieses Stiles zum Strebepfeiler mit seinen reichen Thürmchen und Fialen, welcher die an Höhe verschiedenen Schiffe untereinander stützt und verbindet, eignet sich der Backstein nicht. Die Strebepfeiler fallen desshalb ganz weg und die Schiffe werden von annähernder und dann von ganz gleicher Höhe, wodurch die Breitenansicht des Innern an Grossartigkeit gewinnt. Der reiche Aufhau der Thürme vereinfacht sich aus demselben Grunde. Sie erheben sich meist einzeln üher dem Westportal und sind in sofern in die Kirche hineingehaut, als die Nebenschiffe, wie in Calcar, noch neben den Thurmseiten herlaufen und dadurch die Westlinie des Grundrisses mit einer geraden Linie abschliessen. Unverjüngt in breit angelegter viei'eckiger Masse steigen die Thürme empor und sind, wo der schiefergedeckle spitze Helm beginnt, Gallerien und Wasserspeier, die wie das Stabwerk der blinden Thurmfenster aus Sandstein bestehen. Die Querschiffe, wenn sie vorhanden, treten nach aussen nicht vor und die Chöre sind polygon geschlossen. Im Innern sind die Pfeiler oft rund und mit einem Blätlerkranze anstatt des Capiläls umwunden, wie in Calcar, oft gehen dieselben in die Ge- wölbegurlen über, wie in Hamborn, die dann an ihnen noch durch besondere auf Consolen 98. Nach sicherer Millheilung handelt darüber Dr. Bergrath: „das Wiillcnamt zu Goch" im nächsten Heft der hist. Annalen des Niederrheins. C* XX H. KUNSTHISTORISCHE ÜBERSICHT. ruhende Halbsäulen gestelzt sind, wie bei S. Algund in Emmerich und in Duisburg. Alle Profile tragen einen nüchternen und schlichten Charakter," der ebensowol dem Charakter der Reformation wie dem der Volksindividualität entspricht. Cleve hat den ältesten Backsteinbau mit höherem Mittelschiff, (14. Jahi'h.) Calcar, Emmerich und Cranenburg die späteren mit gleich hoben Schiffen. (15. Jahrb.) Nahm die Architektur auf dem Boden der Reformation jenen nüchternen Zweckmässigkeitscharakter an, der alle Traditionen des Schmuckes verläugnet, so sehen wir dagegen die Sculplur, in jenem herrlichen Grabmal Adolf I. (Taf. VII.), in den Sacramenlshäuschen zu Gruithausen, Till, Joch, Calcar, Qualburg, Mill- ingen (I. Bd.), Gerresheim, Kempen und Düsseldorf (II. Bd.), in den Goldschmiedearbeiten der Reeser Monstranz (Taf. IV.), des Kelches zu Wesel und der Monstranz von Ra- lingen (II. Bd.) u. s. w., vorzüglich aber im Gebiete des Ilolzscbnitzwerkes in einem Reichthum und einem Charakter auftreten, wie er nur dem Charakter der Zeit entwachsen konnte. Wir sahen Städte und Rürgerthum das wellliche und geistliche Regiment, das sie zur Mündigkeit erzog, überwältigen, um nach Möglichkeit zur Selbstrcgicrung zu gelangen. Wie weit gingen nicht hierin Emmerich und Wesel! In Emmerich sah sich schon im 13. Jahrhundert das Stift nicht mehr im Stande, seine Gerichtsbarkeit aufrecht zu erhalten und rief desshalb Geldern zu Hülfe. Wesel hatte 1241 Stadtrechle erlangt und in unaufhörlichen Streitigkeiten um Vermehrung und Sicherslellung ihrer Privilegien macht es schon ein Jahrhundert später dem Grafen von Cleve zur Bedingung der Anerkennung seiner Oberhoheit, dass sie niemals in der Stadt Wohnung nehmen dürfen. Die Fürsten vereinigen sich gegen die Uebergrifle der Ritterschaft und Städte, 100 und diese gehen so weit, den Gehorsam aufzukündigen. ,01 Die allgemeine Unsicherheit verlangt Schutzbündnisse für die Reisenden. 102 Und analog dieser Willkür und Auflehnung im politischen Leben geht es fast noch schlimmer im kirchlichen Regimente her. Richtete man dort sogar Edelleute hin, so sliess man hier Aebte aus. Die Geistlichen selbst spotteten über die Zucht in den Klöstern, die Klöster wiedersetzten sich der Clausur und Strenge, und der frühere fromme Eifer für geistliche Stiftungen hatte sich so sehr umgewandelt, dass der Herzog von Cleve nur mit Heimlichkeit und unter dem Widerspruch des Volkes seine Stiftung zu Grave bei Wesel erbauen konnte. 103 Allein die Willkür in der Zucht war auch so weit eingerissen, dass man von Rom aus dem Unwesen zu steuern suchte. 104 Es gab Rischöfe ohne Weihe, sie führten den Krummstab nur als wellliches Zepter. Die Abteien, einst die Pflanzstätten des christlichen Lebens, sie waren jetzt die Versorgungsanstalten der Welllust und des Müssig- ■ 99. Kinkel: die Kirchen am Niederrhein im Kunsthlatt v. 1846. 100. Lac. II. 265 III 72. 104. 241. 1297. 442. IV. 123. 101. Lac. IV. 188. 102. Lac. IV. 204. 103. Heinel III. 320. 340. 406. Borheck clev. Gesell. 286. 485. 534. Lac. IV. 319. 104. Lac. IV. 132. II. KUNSTIIISTORISCHE ÜBERSICHT. XXI ganges. 105 Diesen Zuständen der "Willkür analog überwältigte auch in der Kunst der Realismus den zurückhaltenden ernsteren Idealismus. Die Richtung auf das Reale beherrscht Gedanken und Ausführung. Wir erinnern nur an die Einführung der Perspective in die Sculplur, indem man mehrere Gruppen verschiedener Grösse hintereinander ordnet, an die Einführung landschaftlicher Hintergründe, Principien rein malerischer Natur, die allerdings dem Pracht und Reichthum verlangenden Zeitsinn genügen, aber auch das Wesen der Sculptur beeinträchtigen. In Rezug auf die Ausführung kennt die Naturtreue kein Ziel, sie geht weit über das hinaus, was zur Totalität gehört, bis zu den kleinsten Zufälligkeilen der Körperbildung. Eine Warze ist ihr bei einer figurenreichen Composition (Taf. XI.) wichtig genug, um sie anzudeuten. Ja auf dem Allarhilde Jans van Calcar hält sich ein Weib vor dem auferweckten Lazarus die Nase zu, und auf einem älteren Gemälde reitet der kleine Jesus auf dem Steckenpferde mit den Eltern nach Jerusalem, 106 ja bei der Verkündigung fährt das wirkliche Kind der Maria ins Ohr. (Taf 1, 5.) Allein dabei ist diese Ausführung meisterlich und genial, sie hat der Natur die individuellsten Züge abgelauscht, die Technik ist von der erstaunlichsten Sicherheil und Gewandbeit, besonders in Pflanzen- und Thier-Lebcn an den Chorstühlen zu Emmerich, Cleve, Calcar, Kempen und den Resten derselben in beiden Kirchen zu Duisburg. Der Spolt über die Verweltlichung der Geistlichen blieb auch in der Kunst nicht aus; sie war ja längst aus der Hand der Kloslerbrüder zu den Laien übergegangen und diese üblen in der Kirche selbst Kritik aus über die Laster der Cleriker. Die Thierfabel des Reineke Fuchs, in den Nachbargegenden des Unterrheins entstanden, gab das Gewand her, in welchem man an den Chorslühlen die Satire ausliess. So selbständig das Wesen der niederrheinischen Kunst somit auch sich aus dem Zeitcharakler entwickelte, so bestimmt darf man dennoch annehmen, dass, wie der Aufschwung der rheinischen Verhältnisse überhaupt durch die Verbindung mit Rurgund rascher von Statten ging, so auch das künstlerische Leben nicht ohne speeielle Einwirkung von dorther blieb. 107 In Flandern waren Schnilzwerk in Holz allgemein. Die Rildhauerschulen zu Tournay, Dinant und Dijon wirkten protolypisch für die gleichzeitige und spätere Maler- schulen der Eicks. Und diese unter dem Einfiuss der Sculptur zur weiten Herrschaft gekommene Eicksche Schule war es wiederum, welche mit ihrer geistvollen Naturtreue auf den Charakter der niederrheinischen Sculptur und Malerei bestimmend wirkte, vorerst auf die Holzschnitzkunst, deren erste Meister vielleicht durch die burgundischen Heiralhen hierher kamen; es wurden ja auch fertige Kunstwerke daher bezogen, wie der Leuchter zu 105. Cornelius: Gesch. d. Milnst. Aufruhrs 1. 16—25 und 27. 106. Fiorillo: Kunstgesch. in Deutschi. II. 86 sah dies Bild schon. Jelzl hängt es in der Pastorat. 107. Philipp der Kühne heslellle in Flandern Schnilzwerke für die Carthause zu Dijon. Jacques dc~ Baerze wird als Künstler dabei genannt. Indess der bedeutendste war der Herzogl. Ymaigier Sluler aus Holland. An Erfindung und Charakteristik ein Zeilgenosse und Geistesverwandter der Eicks, wie seine Skulpturen der Carthause beweisen. Waagen, Kunslbl. 1848 Nr. 1. flg. Förster, deutsche Kunstgesch. II, S. 17; 35; 39. XXII II. KUNSTHISTORISCHE ÜBERSICHT. Xanten (Taf. XVIII, 5.); dann auf die Malerei. Die früheren Wandmalereien, z. B. in der Krypta zu Emmerich, in den Kirchen zu Gleve, Calcar, Wesel und Mors, sind entweder noch gar nicht aufgedeckt oder wieder übertüncht. Die ältesten Tafelbilder in den Kirchen zu Hau und Schermbcck, noch auf Goldgrund, sind fast zerstört, und von den Miniaturmalern Rudger von Berka, Wilhelm deReno, Heinrich von Aldenkerk, finden wir keine Spuren. 10 "* Aber Jan van Calcar und die Meister der früheren Bilder in der Kirche daselbst sind ganz im Schulcharakler der Eicks gross geworden. Jan van Calcar ist freilich eine von der historischen Forschung angefochtene Persönlichkeit. Schon Sandrart hebt in der ersten Ausgabe seines Werkes mit einer Klage darüber an, dass die Nachrichten über diesen Künsler so spärlich seien. Jedenfalls sind alle Werke, die man ihm in Deutschland zuschreibt, vor seiner Reise nach Italien entstanden,' 09 da er im 37. Jahre dorthin übersiedelte und 1546 zu Neapel starb. Der Ruhm, dass er sich dort zuerst in die Manier des Tizian und dann in die des Rafael so hineinarbeitete, dass selbst ein Kenner wie Goltzius seine Bilder für Originale dieser Meister hielt, ist ein Zeugniss jener liebevollen Nalurbeobachtung, jener Anmuth und Klarheit der Composition und Farbe, welche bereits in den Flügeln des Hochaltars zu Calcar bewundert wird. Jan van Calcar war der erste Künstler, welcher der Medicin mit anatomischen Zeichnungen zu Hülfe kam; denn die herühmlen Abbildungen zum Werke des grossen Vesalius sind seiner Hand entsprungen. 110 War es früher der Kunstfleiss der weiblichen Hand, der für den Schmuck der priesterlichen Bekleidungen sorgte, so befriedigen jetzt schon Paramentenfabriken das allgemeine Bedürfniss. lil 108. Erwähnt in einer Chronik v. Camp hei Michels Gesch. dieses Klosters. 109. Becker: Zur Gesch. der Malerschüler in Westfalen uud am Niederrhein im Kunsthl. v. 1843. Jenes Bild der Gehurt Christi, eine Spanne im Gevierte, welches aus Kuhens Auction Sandrart kaufte und dann an Kaiser Ferdinand III. nach Prag kam, scheint verschollen zu sein. Sandrart beschreibt es: Die Hirten erscheinen im Stall und werden von Josef empfangen. Das Licht strahlt vom Kindlein aus, das in der Wiege liegt. Ausser den Bildern in Calcar und einer Allegorie im Weseler Bathhause schreibt Becker dem Meister von Calcar eine Mater dolorosa zu München zu. 110. Bei Fiorillo Kunstgesch. Italiens II 82. Gegen die Annahme dass auch die Porlraits des Vasari von ihm seien: Fiorillo kl. Schriften I. 105. 111. Paramentenfabrik des Meisters Amelinck zu Essen um 1504. Krömecke: das Dominikanerkloster zu Dortmund 1854. ELTENBERG, der letzte grössere Hügel des rechten Rheinufers., 218' über dem Spiegel der Nordsee und zwei Stunden von Cleve gelegen. Diese den Fluss beherrschende Lage, das Vorhandensein eines 210' tiefen römischen Brunnens und die Aussagen des ehemaligen Stiftsarchivs lassen römische Befestigungen mit grosser Wahrscheinlichkeit hier vermuthen. Als um die Mitte des lOlen Jahrhunderts der Landschaft Hamaland Graf Wiebmann vorstand, gründete er für seine unverheiralhele ältere Tochter Luilgardis das adelige Fräuleinslift Eltenberg 1 und wählte nebst dem Erlöser den h. Vitus zu dessen Patron (963). 2 Die Anfechtungen, welche die junge Stiftung und ihre vielen vom Stifter empfangenen Schenkungen von dessen jüngerer Tochter Adela und deren Gemahl Dalderich erfuhren, beschwichtigte Kaiser Otto III. durch einen gütlichen Vergleich. 3 Eltenberg mit einem Territorium von 1 */2 Stunde in der Länge, 1 Stunde in der Breite, den Kirchspielen Hoch- und Nieder-Ellen, letzleres mit einer dem h. Martinus geweihten Kirche und zwei Klöstern, war ein geforstetes, kaiserliches, frei weltliches, adliges Fräuleinstift. Die Aebtissin hiess Fürstin; und halte sie auch nicht Sitz und Stimme auf den Reichstagen, so hielt sie doch, wie alle hohen Reichsstände, vier mit Lehen verbundene Erbämter. Die Vogtei vergab anfangs die Aebtissin nach Gutdünken, nachher kam sie an Geldern, dann an Burgünd, an Cleve und endlich an Preussen. Indess hatte der Vogt das Stift, welches seine eigne Gerichtsbarkeit besass, nur auf Verlangen zu schützen und durfte sich nicht in dessen Angelegenheilen mischen. Der erste Bau der Kirche scheint bald nicht mehr genügt zu haben; denn schon 1129, am Tage des h. Blasius, weiht Bischof Sigward von Minden einen zweiten Bau. 4 Die Blütbe des Stiftes scheint bis zur Mitte des löten Jahrhunderts fortgedauert zu haben; wo denn freilich der Krieg zwischen Geldern und Burgund ausbrach, dem die holländischen Kriege und die Religionsunruhen sich anreihten. 1585 ward die Kirche sammt Archiv und allen Gebäuden zerstört, und eine Redoute der Generalstaaten nahm ihre Stelle ein. Die Aebtissin Agnes (1603 -45) residirle 1. Fahne: Das fürstliche Stift Ellen. 1850. Schneider: Der Ellenberg. 1845. Dcdcrich: Geschiehle der Römer am Niederrhein. 1854. S. 177. 2. Lacomhlet I. 110. 115. 3. Läcomblet I. 127. 306. 4. LacomUlet I. S. 203. Anmerkung I. und Dederich S. 233. 2 ELTENBERG. desslialb in Emmerich. 1614 wurde der Bau der Abtei wieder begonnen; 1634 eine einstweilige Kapelle aufgeführt, bis Maria von Salm (1645—74) nach Ankauf der Redoute die Kirche, welche 1677 vollendet war, wieder aufbauen konnte. Bis zum Jahre 1811 blieb das Stift bestehen, nach dem Wiener Frieden kam es an Preussen. Die Stiftskirche besteht als Pfarrkirche fort. Tafel I. 1. la. Ib. lc. Monstranz in vergoldetem, mit blau emaillirten Ornamenten verziertem Crystalleylinder aus der letzten Hälfte des löten Jahrhunderts. 1' 11" hoch und 7" mittlere Breite. 2. 2a. 2b. 2c. Rauchfass (thuribulum) in Silber mit eingravirten Ornamenten, aus dem Ende des 14ten Jahrhunderts. 10" hoch und 4 l ji" breit. 3. 3a. 3b. Reliquiengefäss (ostensorium) in Silber mit Crystallcylinder, welcher letztere von Medaillons aus Silberblech geschlossen wird (3b), die den h. Antonius in der Wüste darstellen. Der Fuss enthält das Wappen der Geschenkgeberinnen mit der Umschrift: margriet en agnes van Kerpen gesustere. Letzte Hälfte des löten Jahrhunderts. 11" hoch. 4. Weihkessel (vas lustrale) von Gelbguss aus dem Anfange des löten Jahrhunderts. Zu beiden Seiten des Gefässes befinden sich Halbfiguren von schildtragenden Engeln: das eine Schild zeigt in kräftiger Gravur Antonius den Eremiten, in der Rechten das alt- egyptische Kreuz haltend; das andere Schild zeigt ebenfalls dieses Kreuz, welches ein Attribut des im 4ten Jahrhundert in Egypten lebenden Einsiedlers ist. ö. Verkündigung aus gebrannter Erde und bemalt. Gott Vater bläst der Jungfrau durch's Ohr den h. Geist und das Jesuskindlein ein, welches letztere im Lichtstrahl herabgleitel 5 und später verkittet worden ist. Die Schriftbänder enthalten die Worte: ave maria gratia plena etc. und die Antwort: Ecce ancilla domini fiat mihi secundum etc. Küchenherd, Katze und Nähkorb fehlen nicht. 16tes Jahrhundert. 17" hoch, 14" breit. Tafel II. 1. la. Reichverzierter Kelch aus Silber und vergoldet. Auf dem Fuss befinden sich in fünf Medaillons getriebener Arbeit, umgehen von Filigranverzierungen, die Symbole der 5. Wallher von der Vogehveidc: Ausgabe von Laclimann 36, 36: dur ir ore emphine si den vil suezen. Aehnliche Darstellungen zu Oppenheim, am Domporlal zuWürzburg und im Kalzenwiker daselhst, wo das Kind in den Leib fährt. ELTENBERG. EMMERICH. Evangelisten und die Kreuzigung. Mitte des 13len Jahrhunderts. Die Höhe beträgt 8V2", der Durchmesser des Fusses 5 x \i". Ib. Palene zu diesem Kelche mit eingravirten Verzierungen. 2. Reich vergoldetes Ciborium aus Silber. Die sechs blau emaillirten Felder vergegenwärtigen in ciselirten Figuren die Madonna, die Geisselung, Christus am Oelberg, die Verspottung, die Kreuzigung und Auferstehung Christi. Ueber der Kuppe und unter dem Baldachin befand sich einst die Statue des Heilandes, und zwischen Knauf und Fuss sehen wir einen runden ßergcryslall. Anfang des 15ten Jahrhunderts. Die Höhe beträgt 20 '/V, die Breite des Körpers 5". Am Stiel befindet sich in emaillirter Schrift der Name des Heilandes. 3. 3a. Reliquiengefäss aus Silber und vergoldet, mit Cryslallcylinder zur Aufnahme der Reliquien. Dieser Gylinder ist verschlossen durch die emaillirten Wappenmedaillons 3a. 14" hoch, Breite des Mitlelraums 4 V2". Mitte des löten Jahrhunderts. EMMERICH, eine Handelsstadt am rechten Ufer des Unterrheins. Der ältere Name Embrica mag vvol aus Amorik entstanden sein, nach der Lage des Ortes inmitten des Untergaues Amabia oder Amorc in Hamaland, dem Land der Chamaver. * Unter Pipin von Heristall, der die von seinen Vorfahren begonnene Christianisirung eifrig fortsetzte, kam der 658 geborene Angelsachse Willihrord 2 mit 11 Genossen aus Irland in diesen Gegenden an, begab sich aber bald darauf nach Rom, und mit den bischöflichen Weihen und vielen Reliquien für die zu gründenden Kirchen :! zurückkehrend, vollbrachte er das Werk der Bekehrung fast vollständig. Für den Bischof Willihrord wurde das Bislhum Utrecht eingerichtet, 4 und Willihrord, als Bischof Clemens weithin thätig, wird 1. Dederich S. 183. 185. 197 und Nro. 90 des Biirgerblalles für den Kreis Rees. Was gegen den Namen Aniore vom Verfasser der Recension der Lex Francornm Chamavorum von Dr. E.Th. Gaupp in den Annalen des liistor. Ver. für den Niederrhein, erster Jahrg. Hefl 2, p. 320 vorgebracht wird, scheint in keiner Weise überzeugend. 2. Willibr. Biographie schrieb Alcuin als Diacon in Prosa und in Versen. Theofried v. Epternacb lieferte eine Ueberarbeitung davon. Mabillon Act. S. B. III. 1. p. 601. Altfried: Vita Ludgeri c. 4: Pertz II. p. 405. 3. Beda IV., 10. 11. Alcuin c. 7. 8. 4. Beda VII. Alcuin c. 12. 1 * EMMERICH. besonders als Gründer vieler Kirchen gepriesen, unter denen die Mariinskirche zu Emmerich besonders diese Eine in Anspruch nimmt, 5 und auch nach ihren Traditionen und Denkmälern, nach der ihr zustehenden Gerichtsbarkeit, nach dem unbestrittenen Ucbergewiehtc, welches sie über die dortige Pfarrkirche und das unter ihrer Erlauhniss gestiftete Kreuzbrüderkloster besass, beanspruchen kann. 6 Im 9ten Jahrhundert ist Emmerich als Ort erwähnt." Im lOten Jahrhundert gehörte ein Theil von Emmerich zum Vitusstil't in Ellenberg; s durch seine Zugehörigkeit zum Bislhum Utrecht kam es an Geldern, indem das Capilel zu Emmerich sich bei Zunahme des Ortes nicht mehr zur Wahrnehmung der oberen Gerichtsbarkeit im Stande sah und diese desshalb seinem Vogt, dem Grafen von Geldern, zuwies, welcher in Folge dessen Emmerich zur Stadt erhob und ihr Verfassung und Vorrechte nach dem Vorbilde von Zülphen erlheille (1233). Ein Jahrhundert später verpfändete Geldern die Stadt au Cleve, und 1402 ist sie ganz an letzteres abgetreten. 9 Die Rechte des Gapitcls waren von diesem politischen Wechsel unabhängig und gross; 10 denn bei der Wahl des Decans gab die Bestätigung nicht der vorgesetzte Bischof, sondern direet der Papst.'' Wenn auch die Bürger zeitweise gegen ihre Obrigkeit im Aufslande waren, so hielt Emmerich doch fest an den Lehren der Mutterkirche, während die Reformation sich ringsum Bahn brach. Von hier aus erhob die Wissenschaft ihre Stimme gegen sie mit der Macht reiner Ueberzeucmnp: in liefer Gelehrsamkeit. 12 Der Martinskirche, zu der sich die Pfarrkirche S. Aldegund in ihrer jetzigen Geslalt, im löten Jahrhundert gesellte, drohte mannigfach Verderben durch Feuer und Wasser. 13 Der alte romanische Bau, von welchem die Cfypta noch vorhanden ist, wurde sammt den beiden Thürmen 1227 von den Rheinfluthen verschlungen, als die Bürger, im Streit mit dem Capilel, dessen Immunität durchgruben und der Strom in diesen Graben stürzte. u 1440 brannte ein Theil der Kirche ab. Um diese Zeit begann die Sliftsschule jene hohe Bedeutung zu gewinnen, die sie ein Jahrhundert behauptete; sie zählte an 2000 Schule' 1 , 5. Wassenberg Embrica p.54. 63. Heber das Aller der Mariinskirchen Oberhaupt s. Einleitung. 6. 1131 wird von der Kirche als einer früher bestehenden geredet (Lac. 1.311). 1178 dotirt sie die Pfarrkirche (Lac.l. 465), und 147S erseheint sie ebenfalls der Pfarrkirche wie dem Kreuzherrn- klosler übergeordnet (Lac. IV. 40 1)'. Das Capitel soll im Sien Jahrhundert gegründet sein. Teschem. p. 201 sq. Schalen: Hisl. Weslph. VI. p. 272. 7. Lambert. Dosel de Embrica rettete 804 einen Knaben aus dem Wasser etc. Surius Marl. 1, p. 20 sq. und Baron, ann. 804, III. sq. tom. XIII., p. 393 sq. 8. Lacomblel I. 110. 127. 9. Lacomblel II. 190. 191. Dederich 78. Wassenb. 89. 10. Das Capitel soll im 8ten Jahrhundert unter Ruinhold, drittem Grafen von Teislerl und Cleve, vom h. Le- buinus, welcher vom Bischof von Utrecht, Gregor, als Missionar ausgesandt wurde, nebst dem von Deventer und Zülphen gegründet worden sein. Dederich: Reeser Volkshlall Nr. 90. Teschem.: Ann. von Dilhmar p. 201. Schalen: Hist. Weslph. 1773. Nr. 232. 11. Wassenberg 63. 12. Heinel, p. 377. Bredenbach: De dissidiis. Cöln 1537. 13. Lacomblet II. 227. 14. Wassenberg 64. EMMERICH. 0 und die bedeutendsten Humanisten lehren an ihr und gehen von ihr aus. 15 Als eine der Hauptstädte der Hanse finden wir Emmerich stattlich abgebildet. 16 Tafel II. 4. Taufbrunnen von Gelbguss aus dem löten Jahrhundert. Die drei Sirenen, welche karvalidenartig das Becken tragen, sind von grosser Schönheit. In der Bekrönung des Deckels unter dem Baldachin Paulus und 3 Bischöfe, unter denen wahrscheinlich der heil. Marlinus und Willibrord, über denselben Johannes, den Heiland laufend, unter Beihülfe eines Engels, der das Hemd des Täuflings hält. Die Statuette des Johannes fehlt. Die Höhe beträgt Vfe'. 5. Fränkisches Crucifix aus der Crypta der Mariinskirche zu Emmerich. Dasselbe war zur Aufnahme von Beliquien bestimmt, ist aus Holz und ursprünglich mit vergoldetem Metallblech überzogen gewesen, das jetzt nur noch an Kopf, Füssen und Händen vorhanden ist. Auch das Kreuz hat zur Verzierung einen Streifen gravirten Metallbleches; es ist 4' hoch, während die Figur eine Grösse von 2' 6" hat. Die bis zu den Füssen fallende Bekleidung der Figur veranlasste die Meinung, es stelle die h. Wilgeforlis 17 vor, eine Meinung, der eineslheils die Thatsache zur Seite steht, dass diese Heilige im löten Jahrhundert iu dieser Gegend Verehrung fand, ls und die anderentheils auch ziemlich alt ist, indem im Jahre 1613 die Canonici der Mariinskirche dem sie fragenden Jesuiten Wirich antworteten, es befinde sich iu der Gryp'tä der Kirche eine Statue der Wilgeforlis, aber im Archive sei nichts über die Heilige enthalten, noch auch, wie und wann das Bild dahin gekommen; 19 der wir aber dennoch entgegentreten müssen, indem die Legende der h. Wil- gefortis ihrer Unklarheit, ihrer Verwechselungen 20 und Vermengungen halber, z. B. lässt 15. Dillenburger: GeschiclUe des Gymnasiums zu Emmerich. Gymnasial-Programme von 1840 u. 1848. 1 6. Werdenhagen : Tics hansealicae. 17. Rolland.: Tom.V. Juli p. 59 c. D.; Schäfer: Der Hülfensberg 1853. Wolfg. Menzel: Symbolik I. 535. Wilgeforlis wird auch Liberata, Onlcommera, Kümmerniss, S. Hilpe, Hülfe u. s. w. genannt und findet besondere Verehrung in Spanien, Portugal, den Niederlanden, dem Eichsfelde, auf dem Uülfens- berg. Sie war der Legende nach eine Königstochter und Christin, wurde von ihrem Vater gegen ihren Willen zur Ehe bestimmt, bat Gott um Hülfe und empfing zu ihrem Schutze einen entstellenden Bart, und wurde dann auf Befehl ihres Vaters gekreuzigt. Einem jungen Geiger, der zu ihrem Tröste unter dem Kreuze spielte, liess sie einen ihrer goldenen Pantoffeln herabfallen. Der Geiger sollte als der Dieb desselben hingerichtet werden. Als der Zug, zum Richtplatz eilend, an der Märtyrerin vorüberkam, liess sie dem Unglücklichen auch den zweiten Pantoffel herabfallen und rettete ihn dadurch. 18. Lacomblel IV. 1 16. Vielleicht kam die Heilige mit der burgundischen Heiralh nach Cleve. 19. Holland. I. 1. p. 63, B. 20. Die Legenden verschiedener Heiligen scheinen unentwirrbar vermengt zu sein. Auch die h. Eva, die Patronin der Crypla des Domes zu Braunschweig, trägt einen Bart zum Schulz gegen die Nachstellungen ihres Vaters. 6 EMMEltICH. sie in Sicilien und Portugal heidnische Könige regieren, viel jünger zu sein scheint, als das Kunstalter dieses Crucifix, 2 ' dessen Bekleidung mit der fränkischen Anschauung sehr genau übereinstimmt. 22 Indess fehlt demselben auch in der Figur das entschieden Weibliche, z. B. in der Andeutung der Brust, des Haupthaares u. s. w., wesshalb wir mit Schäfer gegen Woifgang Menzel der Meinung sind, dass man zur Zeit der nackten Crucifixe die ungewohnten langschürzigen der früheren Zeit häufig für Darstellungen der h. Wilgefortis ansah, um so bereitwilliger, als in der damaligen für Wunder empfänglichen Zeit, die Legende eine Unterstützung des Alters durch diese Crucifixe erhielt. 23 6. 6a. Kelch mit Patene; Silber und vergoldet, angeblich vom h. Willibrord herrührend. Die Formen entsprechen vornehmlich dem Ende des Uten Jahrhunderts. Höhe des Kelches 5 5 /8". Durchmesser der Patene 5 7 /s"- Die aufgelegten Eichenblälter am Fusse deuten auf deutschen Ursprung. 7. Beliquiarium der h. Ursula; Kupfer, vergoldet. Die mittlere und obere Bekrönung von Silber. Die Höhe beträgt 19". 15tes Jahrhundert. 8. Silbernes Rauchfass aus dem Ende des 15. Jahrhunderts. 9" hoch. 9. Kleinere Totalansicht des Reliquienschreins des h. Willibrord auf Taf. 111. mit den Zusätzen der späteren Zeit, nämlich den Figuren des Gekreuzigten sammt Maria und Johannes und dem Untersatze; sämmtlich aus dem 16ten Jahrhundert. Die Figuren aus vergoldetem Silber sind von hoher Schönheit. Die Höhe des Ganzen beträgt 24". 9a. Antike Gemmen dieses Reliquienschreines. Die letzte enthält eine Inschrift in kufischer Sprache. 21. Die hei Floss: Aachener HeiligthiimerS. 336, zusammengestellten Crucifixe beweisen, dass die llieilweis bekleideten die ältesten sind. Wie weit dasjenige auf Taf. 111. bekleidet war, lä'ssl sich nicht beur- theilen. Zu den Nachrichten über älteste Crucifixe fügen wir noch eine aus dem V. Jabrh. bei (Lasaulx: Untergang des Hellenismus IS54, S. 139), Theodorus leclor Bist: eccl. I. p. 554, A. und aus ihm Tbeophanes I. p. 174, 14 und Leo Grammalieus p. 114: Ein Maler hatte sich erlaubt, das Bild Christi nach dem Typus des Zeus zu malen. Die Hand verdorrte ihm und erst, als er sein Vergehen bekannte, ward er geheilt. Vergl. auch Schnaase III. 170. VV. Grimm: Die Sage vom Ursprung der Christusbilder in den Abhandlungen der Berliner Akademie vom Jahre 1842. 22. Gregor. Turon. de gloria Marl. I. 23, p. 745. Im Dome zu Narbonne hing ein nur mit Lendentuch bekleidetes Crucifix, und da es viel gesehen ward, so befahl der Gekreuzigte einem Priester im Traume, ihn zu bekleiden. 23. Wilgefortis Crucifixe melden die Bollandislen zu Fulda, Brüssel, Mecbehi, Prag, im Dom zu Mainz u.s.w. EMMERICH. < Tafel III. 1. 2. Vorfiel'- und Rückseile des Reliquienschreins des b. Willibrord in natürlicher Grösse. Anfang des 8ten Jahrhunderts. Die Vorderseite (1) zeigt nächst dem vorhergehenden Crucifix die älteste Darstellung der Kreuzigung in Deutschland. 1 Von der Figur des Gekreuzigten ist nur der nackte Oberkörper von der Brust an erhallen. Christus erscheint bärtig und mit geöffneten Augen. Ob der Unterkörper verhüllt war, lässl sich nicht entscheiden, wohl aber ist es anzunehmen. Neben dem Gekreuzigten verhüllen Sonne und Mond zum Zeichen der Verfinsterung schmerzlich das Haupt mit Tüchern. 2 In den von den Kreuzarmen gebildeten vier Ecken befinden sich die Symbole der Evangelisten. Der obere Kreuzarm trägt die Inschrift: Iesus Nazarenus Rex Judaeorum, und die ganze Darstellung wird von einem Schrifthande umgrenzt, welches wie die vorige Inschrift in Quadratschrift die Worte enthält: he sunt reliquiae quas sanetus W'illibrordus Rome a papa Sergio aeeepit et Embrike transportavit. 3 Der innere Körper des Schreins besteht aus Eichenholz; dasselbe wird auf dieser Seile von einem mit schwarzem Lack überzogenen Kupferblech bedeckt. In diesen Ueberzug sind die figürlichen Darstellungen und die Buchstäben eingerissen und diese eingerissenen Linien alsdann vergoldet. 4 Die vier Felder der Rückseite (2) bestehen aus getriebenem Goldblech, die sie [heilenden und einfassenden Filigranbänder sind besetzt mit Edelsteinen aller Art. Da das untere Feld links im 12len Jahrhundert erneuert wurde, so befindet sich die Darstellung des Marcuslöwen zweimal nebeneinander, obgleich ursprünglich der Ochse des Lucas sich daselbst befunden haben muss, indem die drei übrigen bereits die Symbole der andern drei Apostel enthalten. Die hohe Wichtigkeit, die dieses Kunstwerk fränkischer Zeit besonders durch die Datirung der beigefügten Inschrift erhält, macht eine genaue Untersuchung derselben wün- schenswerth. Die Charactere der Inschrift, unterscheiden sich nicht von denen der Aufschrift des Kreuzes, und dürfte desshalb Schrein und Inschrift gleichzeitig sein. Zur Bestimmung eines genauen Zeitpunktes werden uns aber zwei Daten an die Hand gegeben. Einmal wird Willibrord schon sanetus Willibrordus genannt, eine Benennung, die er während seiner Lebzeiten schwerlich zugelassen haben würde, und ferner erhielt er die nach Emmerich gebrachten Reliquien vom Papste Sergius, also doch von Sergius I. (678—701), was freilich auch allein mit der Lebensdauer des h. Willibrordus zu vereinigen ist. Er 1. Oltc: Handbuch der Kunst-Archäologie S. 305. Kreuser, cliristl. Kirchenhau II. p. 40 ff. Kinkel hat zuerst im Kunstblatt 1846 und in seiner Kunstgeschichte auf diesen Schrein aufmerksam gemacht. Oie Kreuzigung muss keine sehr allgemeine Darstellung gefunden haben; denn 692 gebot die Trullaoer Kirchenversammlung, Christus am Kreuze darzustellen. 2. Piper: Christliche Mythologie It. S. 12S und 156. 3. Kinkel hat die Inschrift unrichtig mitgelheilt. 4. Kinkel wie Piper sind uher die Kunstart im Irrthum. Die Umrisse wurden nicht aus dem durchscheinenden Melallgrund gebildet; denn das Metall dieser Seite des Schreins ist nicht Gold, sondern Kupfer, und die Umrisse sind erst mit Gold belegt. s EMMERICH. starb 739. 5 Da wir nun wissen, dass Willibrord von Rom, wo er sich die bischöflichen Weihen holte, viele Reliquien mitbrachte für die Gründungen von Kirchen, so wird der Inhalt dieses Schreins die heilige Ausstattung der von ihm gegründeten Martinskirche sein, für welche dann an Ort und Stelle der Schrein gefertigt wurde. Denn die Inschrift sagt ausdrücklich, diese Reliquien schenkte Sergius, sie sagt dieses aber nicht vom Schrein, was man bei dessen Kostbarkeit nicht unterlassen haben würde, wäre er ebenfalls ein Geschenk des Papstes gewesen. Technik und Stil dieses Schreins passen aber weil mehr zur fränkischen Kunstweise, als zur italienischen, und dazu wissen wir von dem grossen Eifer, den die Franken auf die Pracht der Goldarbeiten legten. Der Missionar Eligius; Bischof von Noyon, \ 658, in der Gegend von Limogcs gebürtig, war ein Goldschmied, der sich durch die Pracht seiner Goldarbeiten, womit er Kirchen und Märtyrer schmückte, die Gunst Chlotars II. in hohem Grade erwarb. 6 Wir wissen von den mit Gold und Edelsteinen besetzten Teppichen zu St. Denis, dem kostbaren mit Gemmen geschmückten Goldkreuz daselbst und zwei Thronen, die Eligius, mit Gold und Gemmen verziert, für Chlotar II. verfertigte. 7 War es aber überhaupt Sitte, dass die Geistlichen sich der künstlerischen Thäligkeil hingaben, so wird auch unter den Begleitern Willibrords aus dem heimalblichen Inselland dieser und jeuer gewesen sein, der Gold und Edelstein zu fügen wusste und zu fügen lehrte. Feinheit der Linien in den Filigranbändern und Rohheit alles Figürlichen paart sich in diesem Werke einer sich entwickelnden Fähigkeit, wie wir es bereits in der Einleitung hervorhoben, und wie dies auch Waagen 8 von gleichzeitigen angelsächsischen Miniaturen bemerkt; obgleich wir desshalb den Reliquienschrein nicht unbedingt eine angelsächsische Arbeit nennen möchten, indem die kalligrafische Linienmanier ebenso wol zu andern Werken fränkischer Gold- schmiedekunsl, wie zu den gleichzeitigen Münzen passt. 9 Tal'el IV. 1. 2. 3. 4. 5. 6. Die Chorslühle in der Martinskirche zu Emmerich in zwei gegenüberstehenden Doppelreihen, von denen wir diejenige zur Rechten in unsrer Abbildung sehen, sammt dem 5. Seilers Leben des Bonifacius I. c. S. 6t. Alcuin c. 6 - 8. Rellberg, Kirchengesch. Deutschlands II. S. 508. 6. Surius Dec. 12 in der Leg. aur. p. 952. 7. Gesta Dagoberti c. 20 in Historiae Francorum Seriptorcs loin.I. p. 578 und Andoen in Hist. Franc. Script. I. p. 627. Lenormant (Melanges d'Archöol. 1. p. 158) behauptet, einer von diesen beiden Thronen sei der in der Bibliolheque Nationale befindliche, zum Schatze von S. Denis gehörige Thron des Dagobert, welcher im 1 2ten Jahrhundert reslaurirt wurde. 8. Kunst und Künstler in England I. S. 134. S. das Betreffende in der Einleitung. 9. Die Verzierung durch Filigranfäden entspricht ganz den kalligralischen Umrissen auf fränkischen Goldmünzen, und seheint allgemein angewandt worden zu sein, indem zwei Goldspangen, eine in Houhens Antiquarium zu Xanten und eine andre kürzlich in Meckenheim gefunden, die beide fränkischen Ursprungs sind, dasselbe Verzierungssyslem zeigen. EMMERICH. 9 Bildwerk der zweiten Reihe, soweit dasselbe nicht schon in der ersten vorkommt. Jede Reihe hat eine Länge von 25'; die hinleren haben eine Höhe von 10', die vorderen von 4'. Die Rückwand enthält geschnitzte Wappen, wahrscheinlich der Canonichen zur Zeit der Stiftung, die sich auf der gegenüberstehenden Seite zum Theil wiederholen. Zwischen diesen Wappenfeldern befanden sich Statuetten, die sämmllich verschwunden sind, und deren früheres Vorhandensein nur aus den Baldachinen und der ihnen correspondirenden, aus der Wandfläche hervorspringenden, Säulchen hervorgeht. Die Wangenseite 2 bildet den hinteren linken Ahschluss, 3 denjenigen rechts; die beiden minder hohen, welche zugleich die Seitenlehnen der vorderen Sitzreihe abgeben und deren Abschluss bilden, sind mit zwei Löwen und zwei wilden Männern, welche Marterwerkzeuge in Schilden halten, bekrönt. Den äusseren Seitenlehnen der nicht abgebildeten Doppelreihe gehören die Affen und Adler an, welchen die weiteren Marterwerkzeuge beigegeben sind. Ausser den Zugängen zu der hinleren Sitzreihe zwischen den Wangenstücken der Schmalseilen befindet sich noch ein Zugang in der Mitte der vorderen Reihe und theilt dieselbe in zwei gleiche Hälften, welche, wie an den Enden, von zwei niedrigen Wangenstücken abgeschlossen werden, die bei der von uns dargestellten Chorseite rechts zwei mit einem Hunde spielende Affen, links zwei Bären, die aus deni Bienenstock fressen, zur Bekrönung tragen (5). Die sich zankenden Hunde und der einem Vierfüsser ins Maul schauende Greif gehören den Innenseiten der gegenüberstehenden Sedilien an. Ausser diesen Thierfiguren, die, ohne Naturcopien zu sein, mit grosser Virtuosität den Charakter der einzelnen Thiere wiedergeben, befinden sich unter allen Sitzen Consolen, die nur beim Aufschlagen sichtbar sind. Sie vergegenwärtigen sämmtlich, wie auch die Seilenlehnen der einzelnen Sitze, (siehe das Profil unten rechls) Scenen aus der Thierfabel. Wir gedachten bereits der Gebrechen des geistlichen Standes im löten Jahrhundert in der ganzen Verweltlichung ihrer Sitten; das geistliche Gewand zog man der Pfründen halber an und achtete nicht der damit verbundenen Pflichten. Die Stifter und Capilel, einst die Pflegestätten der Wissenschaft, waren Versorgungs-Anstalten für faule und weltlustige jüngere Söhne adliger Familien. 10 Es konnte nicht ausbleiben, dass zur Zeit der Humanisten und der damit zusammenhängenden reformatorischen Bewegungen der Volkswitz sich der Schwächen der Geistlichen bemächtigte; Poesie und Satyre blieben nicht unthälig. Die Kunst war auch längst nicht mehr wie früher in den Händen frommer Genossenschaften, sie war Eigenlhum der Laien, und die Laien unterliessen nicht, ihren derben Spott über das kirchliche Unwesen in der Kirche seihst auszulassen. Wo man ohne alle Frage nach innerem Beruf den geistlichen Stand wie jedes andere Geschäft seines Nutzens halber ergriff, da konnte der Ernst erwachter Tugend nicht vorhanden sein, die solche Anmassung frech zurückgewiesen hätte. Man duldete die herbe Satyre und war vielleicht so weit gesunken, in dieselbe einzustimmen. 10. Cornelius: Gesch. des Miinsterschen Aufruhrs I. S. 14—27 und besonders die Kirchenvisilalion von 1533 S. 216. 2 10 li.MM HR ICH. Die Chorslühle sind der Ort dieser Satyren, und die Thierfabel,'' die am Unlerrhem und an der Maas ja überhaupt ihre Entstehung fand, ist ihr Gewand. 12 Da finden wir am Ende reelits, wo durch einen Wandpfeiler eine Ecke gebrochen wird, auf zwei zusammenslossen- den Leimen ein alles Weib mit einem Korb und einen Mönch, der einen häiberfuss und sonstige Viclualien halt, sich eifrig begrüssend. Daneben unter dem ersten Sitzbretl dieser Reihe lassl ein Mann vor seinem brennenden Hause verzweifelnd in sein Haar. Das zweite Sitzbrett zeigt den Storch, der den Fuchs anführt, indem er ihn zum Fressen aus einem hohen Topf einladet, den der Fuchs nicht erreichen kann. Allein der Fuchs rächt sich; denn auf dem vierten Silzbrett will der Storch die Mahlzeit des Fuchses theilen; da dieselbe aber auf einem flachen Teller liegt, so ist sie nicht für den Schnabel des Storches geeignet. Unter dem fünften Sitze befindet sich eine Katze und eine Schelle, womit sie die herbeieilenden Mäuse herangelockt zu haben scheint. Beim sechsten schwimmt Reiuckc den Enten nach, beim achten betet er nach dieser Nachstellung, mit der Kulte bekleidet, das Brevier. Unter dem neunten Sitzbrett ist ein Mann zugetheilt, der den Säuen Blumen streut. In der vorderen Sitzreihe frisst links unter dem ersten Sitze ein Ziegenbock die Trauben des Weiuslocks; dann folgen Wiederholungen; auch einzelne Thiere, Löwe, Adler und das agnus dei. Die Reihe von Chorslühlen auf der gegenüberstehenden Seile (soweit dieselben sich nicht wiederholen, finden wir ihre Darstellungen unten rechts auf dieser Tafel bei 6.) zeigen uns oben links zuerst eine Karlenschlägerin an den wechselnden Wogen des Wassers; in der untersten Reibe links einen Mann, der zwischen zwei Stühlen sitzt; und endlich links in der vorletzten Reihe eine Darstellung, die auch oben (obere Reihe, von links an der zweite Sitz) vorkam, und die sich an den Chorstühlen von Clevc und Calear wiederfindet, einen Mann, der Eier drischt, vielleicht ein Bild dümmster Unkenntniss. Auf den Seilenlehnen endlich befinden sich noch allerlei Anspielungen, z. B. bei 1 in der hin- lereu Beihe auf der mittelsten Lehne eine Sirene, die sich im Spiegel beguckt; in der vorderen Reihe links auf der dritten Lehne beichtet ein Vogel dem Fuchs, u. s. w. Der virtuosen Darstellung und Technik gedachten wir bereits; Kinkel 13 stellt die niederrheinischen Chorslühle au Geist und INalurwahrheit höher als die meisten gleichzeitigen. 14 Ueber die 11. Die Thierbilder blieben 200 Jabre traditioneller Schmuck iler Chorslühle. Als nun aber die Salyrc» ihren Sinn in veränderter Zeit verloren hatten, musslen die Thierbilder auch eine andere Begründung erfahren, und man wühlte hierzu den Psalm 148, der auf den freilieh sehr späten Chorslühlen von Brauweiler bezeichnet ist. 12. Cornelius S. 27: Spottlied jener Zeil: Monneke, nunnen und papen, Ziegen, Kalten und apen, Müggen, rupen und muese, Hören, keveren und luse, Dar dusse gewinnen dei overhaut Verderven siede, lüde und laut. 13. Kinkel im bereits erwähnten Aufsatz im Kunstblatt von 184G. 14. Gleichzeitig sind besonders diejenigen von Syrlin zu Wien und Ulm. EMMERICH. REES. 11 Zeit der Entstellung sind wir genau unterrichtet; denn das Wangenstück 3 und eins von der Seite gegenüber, welches wir desslialb unter 4 aufnehmen, zeigen uns auf einem Schriftbande die Inschrift: anno. dni. m. rcrc. L. rrr. VI (1486), und eine Notiz des allen Chronisten von Emmerich 15 belehrt, dass sie eine Stiftung des hochgelehrten Stiftspropstes Graf Moritz von Spiegelberg sind, der freilich 3 Jahre vor ihrer Beendigung im J. 1483 starb. 16 REES, eine Stadt am rechten Rheinufer, verdankt ihren Ursprung der Stiftung der dortigen Col- lcgialkirche, welche durch die Gräfin Irmgardis, Tochter des Grafen Godizo auf dem nahen Schlosse Aspel, in der ersten Hälfte des Uten Jahrhunderts, vollzogen wurde. 1 Sic übertrug ihre Stillung nebst Aspel an die Domkirche zu Cöln, wodurch auch der um die Kirche entstellende Ort an das Erzstift gelangle. Von 1205 an beginnt in den Urkunden die Reihe der Pröpste, und 1228 ward Rees mit Mauern umgeben. Cöln besass bereits vor 1304 einen Zoll daselbst, indem derselbe in diesem Jahre verlegt ward. 2 Als Stadt wird es ausdrücklich genannt im Jahre 1307. 3 Im Jahre 1321 kam Rees als Pfand an Cleve, 4 bei welchem es auch in späterer Zeit verblieb; eine Vereinigung, welche der Stadt zum Aufblühen gereicht haben muss, indem an die Zeit der clevisch-hurgundischen Glanz-Epoche das schöne Rathhaus gemalmt. Die alle romanische Collegiatkirchc ist in unserer Zeit abgebrochen worden, ihre Kunstwerke sind in Privathände gekommen, und kaum eine Spur erinnert an die alte Herrlichkeit. • 7. Silber vergoldete Monstranz aus der Collegialkirche zu Rees. Anfang des lßten Jahrhunderts. Durch Grössenverhältnisse und Formenreichlhum ist diese Monstranz eins der vorzüglichsten Werke der letzten Periode der Golhik. Die Höhe beträgt 3", die Rreite 10". 15. Wassenberg: Embrica pag. 55. 16. Dillenburger S. 4 — II. 1. Dederich: Ueber die b. Irmgardis S. 64 in der zweiten Abtbeilung des ersten Heftes, Jahrg. I. der An- nalen des bistor. Ver. für den Niederrhein. Binlerim: Erzdiöcese l. S. 95. 2. Lac. III. 139. Propstreihe Lac. II. 15. 470. 476. 489. 496. 632. 689. 837. 892. III. 904. 5. 27. 3. Lac. III. 55. 4. Lac. III. 188 und 192. HeincI III. 264. 12 DORMCK. — MILLINGEN. ----- WARBETEN. DORNICK, Kirchdorf am rechten Rheinufer zwischen Rees und Emmerich, bestand mit Wahrscheinlich* keit schon im lOten Jahrhundert. 1 Um 1302 wird es in Urkunden erwähnt 2 , ebenso etwas später ein Lehen daselbst, 3 und im löten Jahrhundert ist es eine bedeutende Pfarre. 4 8. Taufstein zu Dornick, in Sandstein gearbeitet, aus dem löten Jahrhundert, MILLINGEN, Ober-Millingen, Kirchdorf an der rechten Rheinseite, 2 Stunden von Rees landeinwärts in der Uetter; wol unterschieden von Nieder-Millingen, dessen Kirche bereits um 700 erwähnt worden. 1 Die Pfarrkirche war der Scholasterie von Xanten untergeben. 2 - Tafel V. l. Sacramentshäuschen daher aus Sandslein. Die Thüre von durchbrochenem Eisen. Die Höhe beträgt 20', die Rreite 3'. Anfang des 16ten Jahrb. 2. Ciborium aus Rees, Silber und vergoldet. Ende des löten Jahrh. 2' hoch. 3. Sacramentshäuschen, ebenfalls aus Millingen, dem vorigen gegenüberstehend. Höhe 17'/2', Rreite 3V 2 '. Anfang des 16ten Jahrh. WARBEYEN, Dorfgemeinde am linken Rheinufer, Emmerich gegenüber. Das 965 im Testament Erzbischof Rruno's von Cöln genannte Werabetti ist wahrscheinlich die älteste Erwähnung die- 1. Vergl. Binterim: Erzdiöcese 1. S. 263. Lacomblet I. 127. 280. 290. 2. Binterim IV. S. 50 u. Lacomblet I. 463. 3. Lac. III. 242. 4. Binterim II. S. 5. 1. Binterim III. Nr. 2. Deilerich S. 188. 2. Binterim IL S. 4. I. S. 262. WARBEYEN. HUSBERDEN. 13 ses Ortes,' der 200 Jalire später Warcondia zu lieissen scheint. 2 Die dortige Kirche des heil. Hermes wird als Hauskapelle des gräflich clevischen Hauses bezeichnet und wurde später dem Präceptorat des h. Antonius zu Hau incorporirt. Es heissl daselbst Werbeyde. 3 Tafel VI. l. Taufslein aus Stein aus dem Uten Jahrh. Die Höhe beträgt 3 '/a', die Breite 3'. 2. Pectoralschild der Schützengilde des h. Hermes zu Warbeyen, aus dem Anfang des 16ten Jahrhunderts. Das Schild selbst ist von Silber, die Ornamente sind vergoldet. Im Schilde belinden sich auf kleinen Consolen die Statuetten der Madonna und des h. Hermes. Die Höhe beträgt 5", die Breite 2 Va". 3. Tabernakelfuss aus Sandstein aus dem 16ten Jahrhundert, 38 V>" hoch. Die unterste Fussplalte misst 28", die oberste 12'/a" in der-Breite. Beim ersten Anblick hält man dieses Werk für romanisch, indess lassen die wenigen Ueberreste des Aufbaues, das filigranartig durchbrochene Maasswerk der Wulste und die Zierlichkeit der Arbeit keinen Zweifel, dass wir ein Werk des 16ten Jahrhunderts vor uns haben, in welchem man am Unterrhein oft romanische Formen mit Bewusstsein anwandte, wie am Backsteinthurm der Martinskirche zu Emmerich. Jetzt im bischöflichen Museum zu Münster befindlich. HUSBERDEN, Kirchdorf an der rechten Bheinseite, ungefähr 1 Stunde südöstlich von Cleve, wird wol das Huswerde sein, welches 1265 als clevisches Lehen auftritt, 1 und zu welchem die dortige Pfarrkirche ursprünglich als gräfliche Hauscapelle gehörte. 2 4. 4a. Taufstein von Sandstein aus dem löten Jahrhundert, von gleicher Formbildung wie derjenige zu Dornick. (Taf. IV. 8.) 1. Binterim I. S. 263. 2. Lac. I. 465. 3. Binterim II. S. 8. 1. Lac. II. 555. 2. Binlerim I. S. 263. II. S. 8. 14 GRIETHAUSEN. ZYFFL1CH. — CKANEXGUUG. GRIETHAUSEN, Städtchen am linken Rheinufer, 3 /+ Meile nordöstlich von Cleve, gegründet in der Milte des 14len Jahrhunderts von Graf Johann von Cleve, der ausser seinem Schlosse ein Nonnenkloster daselhst gründete, 1 während schon früherhin ein nicht unbedeutender Rheinzoll hier erhohen wurde. 2 In kirchlicher Beziehung gehörte die Pfarre zur Diöcese Utrecht. 1596 brannte der Ort ab und war 1711 und 1735 verheerenden Ueherschwemmungen ausgesetzt. 5. Sacramenlshäuschen aus Sandstein an 30' hoch, in der reichen Formhildung des löten Jahrhunderts. ZYEFLICH, Kirchdorf an der linken Rheinseite, ungefähr 3 Stunden nordwestlich von Cleve. Graf Balderich und seine Gemahlin Adela stifteten hier im ersten Jahrzehnt des Uten Jahrhunderts auf den Trümmern ihrer Burg Cellum ein dem h. Marlinus geweihtes Kloster, welches Herzog Adolf von Cleve 1436 nach Cranehbürg verlegte. 1 6. Altromanischer Taufstein aus dem Anfang des Uten Jahrhunderts. CRANENBURG, ein Städtchen 2 Stunden westlich von Cleve an der linken Rheinseite. Die Pfarrkirche daselbst hestand jedenfalls schon vor dem Jahre 1311, 1 mit welcher im 15len Jahrhundert das Collegium von Zyffiich verbunden wurde. 2 Cranenhurg war ursprünglich kölnisches Lehen. Im Jahre 1675 schenkte der Churfürst von Brandenburg die Stadt dem Dr. Fey für eine glückliche Cur. 3 1. Gert v. d. Schüren S. 117. Teschcmacher S. 212. 2. Lacomblet 111. 691. 826. 1. Lacomblet 1. 159. 285. II. 153. 1049. IV. 220. Bint. I. S. 98 und 277. Dederich S. 245 und 278. 1. Lac. III. 99. 2. Lac. IV. 220. 3. Im 14ten Jahrhundert warf, der Legende nach, ein Communicant die ihm gereichte h. Hostie in einen Baum des Waldes, worauf plötzlich ein Kreuz hervorwuclis. Ileinel III. 170. Dieses, wie ein angebliches Efenbeingefäss im Altar und ein anderes im Archiv, wollte uns der dortige Pfarrer nicht zugänglich machen, wesshalb uns nähere Kenntniss mangelt. CHANENBURG. TILL. 15 Zwölf Elfenbeinläfelchen, von denen die grösseren 2 , /4 // lang und breit, die kleineren 1 M-i" in der Breite messen; ihr ursprünglielier Zweck ist nicht mehr anzugeben, ebensowenig die Legende, die den Darstellungen zu Grunde liegt. Utes Jahrhundert. 8. 8a. 8b. 8c. Reliquienkasten aus Holz, mit Elfenbeinplatten überzogen, 16 3 /4" lang, 6'j-i" breit und 4 Vi" hoch. Kasten gerade dieser Art scheinen als Reliquienbehälter häufig aus Italien, wo sie ohne Zweifel allgemein waren, nach Deutschland gekommen zu sein; denn einestbeils enthalten die säinnitlichen Reliefdarstellungen antike Kämpfer, d. h. nicht solche, die im Kampfe begriffen sind, sondern Stellungen der Palästra, Reminiscenzen an einzelne Thaten des Hercules, wie sie nur in der Erinnerung der Italiener leben konnten, und anderenteils findet man einen ganz gleichen Kasten, ausser in Xanten, in Italien selbst im Museum zu Arezzo. Derjenige zu Arezzo hat wie der vorliegende und der zu Xanten dieselbe äussere Einrichtung, indem der Deckel als Schieber aufgezogen wird, dieselben Raumabtheilungen in den äusseren Flächen, dieselben Arabeskenberandungen und endlich kriegerische Stellungen einzelner Figuren desselben Charakters. So weit geht die Uebereinslimmung, dass auch auf dem Kasten von Arezzo, wie auf demjenigen zu Cranenburg, nur die Felder des Deckels zu Darstellungen von berittenen Kriegern benutzt sind. Da nun aber der Darslellungskreis des Arezzo'schen Schreins zwei wiederkehrende Hermaphrodite bat, so dürfte man mit einiger Sicherheit diese Arbeiten mindestens in die carolingisebe Zeit verweisen, wo derartige Reminiscenzen des Allerlhums noch geläufig in der Kunst verwendet wurden, die freilich spärlicher bis zum 12ten Jahrhundert nachweisbar sind. 8c ist das silberne gravirte Scbloss. Die Gravuren sind mit schwarzem Lack ausgefüllt. TILL, Kirchdorf am linken Rheinufer, ungefähr 1 Stunde vom Flusse und 2 Stunden von Cleve, scheint im lOlen Jahrhundert schon einige kirchliche Bedeutung besessen zu haben, wie sowol Inschriften dieses Jahrhunderts' als die späteren Urkunden beweisen. Die Kirche hat den b. Vincenz zum Patron. In den ältesten Urkunden heisst es Thiala 2 , Tiele 3 , Tiela 4 und im 14ten und löten Jahrhundert Tille und Tyll. 5 1. Milgelheilt von Schneider und Mooren im II. Jahrg., Heft I., zweite Ablh., S. 39 und 48 der Annalen des hislor. Vcr. für den Niederrhein; 2. Dinterim Erzd. I. S. 2G4. 3. Lac. I. 132. II. 135. 4. Lac. I. 194. 5. Binierim II. S. 7. 16 TILL. ---- CLEVE. Sacramentsliäusclien aus Sandslein aus dem lßlen Jahrhundert. Die Höhe beträgt circa 30'. 10. Eiserner Wandleuchter aus dem 16len Jahrh. Ungefähr 11" hoch und 11" breit. CLEYE, Hauptstadt und Residenz des ehemaligen Herzogtums an der linken Rheinseite, 1 Stunde vom Flusse entfernt und in späteren Zeiten mit diesem durch einen Canal verbunden. Die herrliche Lage am letzten bei Nymwegen endenden Höhenzuge, auf 3 Hügeln verlheilt, gab der Stadt" wol den Namen (clivus der Hügel) Cleve. Ist aber die Annahme richtig, dass der Name Cleve sich an diese Hügelreihe knüpft, so dürfte auch schon 1020 das Dasein einer so benannten Rurg angenommen werden, da bereits um diese Zeit die Grafen von Cleve unter diesem Namen urkundlich auftreten. 1 Eine römische Ansiedelung hierseihst ist bis jetzt nicht nachgewiesen. Im Jahre 1242 erhielt der Ort als bisherige Residenz der Grafen von Cleve Stadtrechte. 2 Ein Jahrhundert später fand die Verlegung des Canonichen- Collegiums von Monreberg hierher statt, 3 welches mit der schon 1140 auftretenden Pfarrkirche 4 und der Schlosscaplanei vereinigt ward. Ausserdem bestand in Cleve ein Minoriten- und ein Kapuzinerkloster; das adelige Fräuleinstift zu Redburg ward 1499 ebenfalls nach Cleve verlegt. Da sich Cleve den reformalorischen Rewegungen anschloss und sich protestantische Gemeinden von grossem Umfange bildeten, so liess der furchtbare Mendoza 1599 auch hier seine Rache zügellos walten, und eine erneute Rhithe begann erst unter dem brandenburgischen Scepler, als Prinz Moritz von Nassau-Siegen die Statthalterschaft des Her- zosrthums Cleve 1649 antrat. 5 Tafel VII. l. Obere Ansicht des Grabmals des Grafen Adolph 1. von Cleve und seiner Gemahlin Margarelhe von Berg. 1. Dederich: Chorografisches, die Sladt Cleve beireffend, in den Annulen des liistor. Ver. I., zweites Heft, S. 248. Lacomblet I. 247. 2. Lac. II. 265. 3. Lac. III. 360. 4. Graf Arnold incorporirte die Pfarrkirche dem Kloster Bedburg, bei welchem sie bis 134C verblieb 5. Von Velsen : Die Sladt Cleve 1846. p. 362. CLEVE. 17 Seitenansicht dieses Grabmals. Dasselbe misst in der Länge ungefähr 9', in der Breite 5'10", in der Höhe 4' 11". Das Material des Postamentes ist Sandstein, die Figuren sind von Thon und scheinen bemalt gewesen zu sein. Zu Füssen der Verstorbenen ruhen die Wappenthiere derselben, der bergische Löwe und der clevische Schwan. Das Postament umgeben die 16 Kinder Adolfs I. 3. Vordere Ansicht des Grabdenkmals, welches ausser den Wappen und zweien der gräflichen Kinder in der Mitte die Darstellung Gott Vaters mit dem Gekreuzigten vergegenwärtigt. 6 4. Deckplatte in gravirler Bronze vom Grabdenkmal Herzogs Johann II. und seiner Gemahlin Mechtild von Hessen. 5. Seitenansicht dieses Grabdenkmals, um welches in der angegebenen Weise bronzene gravirte Wappentafeln herumlaufen, welche die Wappen von Cleve, Burgund, der Mark u.s.w. enthalten. Diese Wappen sind polychromirt; ebenso sind an der Deckplatte noch Spuren von Farbe in den Vertiefungen zu erkennen. 7 Die Länge des Denkmals beträgt 8' 6", die Breite 5', die Höhe 3' 5". 6. Gravirte Bronzeplalte, 4' 10" hoch und 3' 1" breit. Dieselbe ist ohne bezeichnende Inschrift: indessen ist mit Wahrscheinlichkeit zu vermuthen, dass diese Platte dem Grabmal des Herzogs Johann I. (f 1481) und seiner Gemahlin Elisabeth von Burgund angehört (f 1483), indem hinler der knieenden Figur des Verstorbenen Johannes der Evangelist zu stehen scheint, während die Verstorbene gegenüber die h. Elisabeth anruft. 8 6. Die Deckplatte des Denkmals umlauft folgende Inschrift: In den Jaar ons Heeren MCCCXCIIII op onser Vrouwen avend nativitatis starlf Aleph van der Mark. Die Bisehop was le Münster en te Ceulen. Wart darnae graeve le Cleve en nam te wive mar- garetha een dochter van den Berghe. Die hadden lesainen XVI Rinderen. Die altsle van deese Kinderen wart graeve nae de vader en liiet Aleph. 7. Zu diesem Grabmal gehurt eine abgesonderte Metallplatle, die jetzt in der Wand eingemauert ist, mit der Inschrift.: In den Jare unnss Heren MCCCCC und XXI op len Dach, des Maeudt Jannarii den XV starlT die dur- luehtige Hoegeboren. Fürst. Heer. Johann, die andere, van. dese. Naem. Ilerlougb. van. Cleve. greve. van der Mark, van Katzenellenbogen. — In. den. .laere. Unnss. Heren. MCCCC und. Vyfl". op. ten. Negentbinden. Dach, des Maendt. Febrimrii. Slarff. die durluchlige. Hoegeboren. Für- slinne. Frauwe. JeehleU. gehoeren. Lanlgrevinne. van. Hessen. Hertoginne. Tot. Cleve. gravinne. van. der. Marck. und. van. Katzenellenbogen. Cml. Syner. L. G. Huysfrouwe. welcker. Sielen, in. der. Ewigkeit, moete. ruesten. 8. Von Velsen S. 97 weist diese Platte einem Grafen Arnold v. Benlheim zu, ohne nähere Gründe für diese Bestimmung anzugeben. 3 18 CLEVE. 7. 8. 9. 10. Zwei silberne, Iheils vergoldete Brustschilde, Glieder der dazu gehörigen Ketten, und Scepter zweier Brüderschaften in Cleve, von denen die eine den h. Antonius, die andere St. Georg zum Patron hatte. Die Achnlichkeit dieser Schilde mit demjenigen zu Warheyen (Taf. VI.) lassen schliessen, dass es' Schülzengesellschaflen waren. Beiden sind nämlich Pfeilbogen angehängt, der eine mit der Figur des h. Sebastian, des Patrons der Schützen, noch specieller charakterisirt. Das erste Pectoral enthält im Schilde S. Georg, den Drachen- tödter, und die h. Katharina; das andere, wie es scheint, ebenfalls den ersteren vom Schilde eines Engels beschützt. Natürliche Grösse. 15tes Jahrhundert. 9 Tafel VIII. 1. Vordere Ansicht der Chorstühle im Minoritenklostcr zu Cleve, welche nach den Schriftbändern (siehe 2. 3. 4. 5.) Herzog Johann I. im Jahre 1474 all hier stiftete. Die allgemeine Bedeutung der Thiersymbolik an den Lehnen und Sitzbrettern der Chorstühle haben wir bereits an denjenigen von Emmerich entwickelt; diejenigen von Cleve sind im Figürlichen an Inhalt und Ausführung bei Weitem derber. Das dritte Sitzbretl in der oberen Reihe von rechts an zeigt einen Mann, der rücklings auf einem Schwein reitet, das vierte ein Thier, welches den Rosenkranz betet, das siebente einen Mann, einer Katze schmeichelnd. Auf dem fünften Sitzbreit in der unteren Reihe beleckt sich ein Thier den Hintern; das siebente zeigt einen Mann, der in einen Sack schaut, das letzte den in Emmerich erwähnten Eierdrescher. Die Länge beträgt circa 18', die Höhe 10'. Die vorderen Wangenstücke sind circa 4' 3" hoch. 2. Seitenansicht der Vorigen. Auf der vorderen niedrigen Seitenlehne überfällt ein Bettelmönch den anderen. 3 Seitenansicht der Vorigen. Auf dem vorderen Wangenstück zausen sich ebenfalls zwei Bettelmönche, von denen der eine einen Feuertopf hält; der andere scheint einen Blasebalg in der Rechten zu halten. 4. 5. Wangenstückc der zweiten Chorbank, der vorigen gegenüber. Auf dem niedrigeren Wangenstück 5 trug das verslümmelte Thier eine Mönchskulte; auf 4 ein Kesselflicker und ein Mönch in lustiger Gemeinschaft. 6. Consolen der Sitzbretter der zweiten Chorbank, soweit sie nicht bereits vorkamen. 9. Zur Antonius -Brüderschaft gehiirte nach den erhaltenen Aufzeichnungen derselben: Herzog Wilhelm und die Herzogin Maria u. s. w. CLEVE. 19 Das erste von denen rechts zeigt einen Fischer, der, im Wasser stehend, das Netz aufzieht; in der zweiten Reihe die zweite Console zeigt einen Mann, der sich den Hintern kratzt. In der dritten Reihe die zweite Figur scheint ein Schwein zu rasiren. Von den Consolen links zeigt die erste in der zweiten Reihe einen Mann, der in einen Sack schaut; daneben den Fuchs, im Rrevier betend u. s. w. 7. Chorbank aus Holzschnitzwerk aus der zweiten Hälfte des löten Jahrhunderts in der katholischen Pfarrkirche zu Cleve. 8—19. Zwölf aus Holz geschnitzte Apostel in der katholischen Pfarrkirche zu Cleve. Grösse ungefähr 2'. 14tes Jahrhundert. Tafel IX. l. Vergoldete Schüssel aus getriebenem Silber, 9 Pfd. 24 Lth. schwer und 6'/a' im Umfange. Reiche Arabesken im italienischen Renaissance-Stil füllen mit Ausnahme von drei Flächen den ganzen Raum. Auf diesem letzteren finden wir den Propheten Daniel in der Löwengrube, Jonas, wie er vom Wallfische verschlungen und wie er wieder von demselben ausgeworfen wird. Rei der ersteren Darstellung erscheint über dem Propheten Daniel Gott Vater, wie es scheint, Speise und Trank herabreichend. 11 Auch den vom Wallfisch wieder ausgeworfenen Jonas fasst eine himmlische Hand hülfereichend am Arme, damit er das Ufer erreiche. In der Mitte befindet sich das theils blau emaillirte Wappen des Hauses Nassau-Oranien, an welche sich eine am Fussgestell befindliche Inschrift folgenden Inhaltes anschliessl: „Palinam haue inauratam, quam illustrissimus Johannes Mauritius Princeps Nas- sovius anno 1604 ll l-n Juny, in quo natus, ab illustrissimo Principe Arausiaco Maurilio in memoriam suseepti baptismi reeepit, in eandem memoriam Ecclesiae Reformatae Clivensi ad sacrum Raptismalis usum consecravit Anno 1665 die 26 July." Prinz Moritz von Nassau-Oranien, der Befreier der Niederlande vom spanischen Joche, wäre somit der Geber dieses Pathengeschenkes an den Prinzen Moritz von Nassau- Siegen im Geburtsjahre 1604 am 17. Juni julianischen oder 27. gregorianischen Kalenders, welcher letztere dasselbe der reformirten Gemeinde zu Cleve zum heiligen Gebrauch der Taufe 1665 am 26. Julv überwies. 10. In der katholischen Pfarrkirche befinden sich sovvol noch zwei geschnitzte Altäre, als auch grössere Apostel. Dieselben sind aber nicht von besonderem Werthe und durch eine erneute Polychromie ihrem ursprünglichen Charakter entrückt. Eine mit reichem Schnitzwerk versehene Kanzel in der Minoritenkirche schweift ans Rocoeco und zeigt nur die Ueberlieferung geschickter Technik. 11. Die Darstellung dessen, was Gott Vater herabreicht, ist zu mangelhaft, um darüber sicher urlheilen zu können; auch giebt die betreffende Bibelstelle darüber keine Andeutung (Dan. c. 6). Ueberhaupt zeigen die Arabesken grössere Vollendung, als die 3 biblischen Darstellungen. 3* 20 CLEVE. Diese zur Taufscliüssel gehörige Kanne ist eine spätere Arbeit, indem der auf dein Deckel sitzende schildlragende Löwe nebst dem Wappen des Prinzen Moritz von Nassau- Siegen auch dessen Ordensinsignien wahrt, welche der Geschenkgeber erst gegen die Mitte des 17ten Jahrhunderts besass. Die Kanne ist 1' hoch und wiegt 2 Pfd 24 Lth. Von reichen Arabesken umgeben, erscheint auf der Vorderseite eine allegorische Frauengestalt, einen Papagei auf der Hand wiegend; zu ihren Füssen liegt ein Anker, und im Hintergründe erblickt man eine Stadt. Eine zweite allegorische Figur mit Nektarschale und Amphora, ebenfalls im Vordergrunde einer Stadt, schmückt die andere Seite. Man hält beide für allegorische Beziehungen auf die ost- und die west-indische Compagnie und deren Welthandel besonders mit Amsterdam. 12 BEDBURG, Kirchdorf an der linken Rheinseite, eine Stunde südlich von Cleve. Graf Ludolph errichtete an der Stelle, wo bereits ein Klausner seine Einsiedelei aufgeschlagen halte, in Folge eines Gelübdes im Jahre 780 hier ein Bethaus, aus welchem Graf Arnold II. auf Veranlassung des h. Noribert, damals Chorherrn zu Xanten und Stifter des Prämonslratenser-Ordens, ein Frauenkloster dieses Ordens machte (1121). Dasselbe ward nach der Verwüstung der Baulichkeiten im geldrischen Kriege 1499 von Johann II. nach Cleve verlegt. 1 Tafel X. 1. 2. Reliquienkreuz aus gelbem Metall und vergoldet vom Ende des XIV. Jahrhunderts, in der Pfarrkirche zu Bedburg. Die Darstellungen der beiden Seiten sind gravirl. Wirkliche Grösse. 3. Vier Steinbilder ebendaher, einen Hund, eine Sirene, eine männliche Figur und eine Bestiarie darstellend, sämmllich in sitzender Stellung. Es scheinen die Träger eines Taufsteines vom Anfang des XII. Jahrhunderts zu sein. 12. v. Velsen S. 117. 1. Gelenius de admirand. p, 754. Lac. I. 274, 404 und 463. II. 356. Das steinerne Grabmal Arnolds II. und seiner Gemahlin ist nach v. Velsen S. 257 erst in neuerer Zeit weggeschafft worden. QL'ALIJUHG. — HAU. WISSEN 21 QUALBURG, Kirchdorf an der linken Rheinseite, 3 /-i Stunde südöstlich von Cleve, wahrscheinlich das römische Castell Quadrihurgium.' Im 13len Jahrhundert heisst es Qualeburg. 2 Da die Kirche ursprünglich in Tuff gebaut und dem h. Martinus geweiht war, dürfte sie ein hohes Alter haben. Im geldrischen Kriege brannte Kirche und Ort ab. 4. Sacramentshäuscben von Sandstein aus dem löten Jahrhundert. Dasselbe ruht fest auf der Wand. 5. Taufslein aus dem Uten Jahrhundert aus schwärzlichem Stein von Namur. HAU, Kirchdorf auf der linken Rheinseile, >/a Stunde südlich von Cleve. Margarethe, die Gemahlin des Grafen Adolf I., begann 1378 hierselbst den Bau eines Präceptorathauses des h. Antonius zur Erziehung der Söhne der adlichen Familien, welches von ihrem Sohne, dem Herzog Adolf, vollendet ward. Im geldrischen Kriege 1499 ward das Gebäude beraubt und späterbin abgebrochen; ein Theil der Kirche steht noch. 1 6. Fuss eines zerstörten Kelches vom Ende des 15len Jahrhunderts. WISSEL, Pfarrdorf an der linken Rheinseile, ungefähr 2 Stunden südöstlich von Cleve. Eine alte Inschrift in der Kirche zu Neuss meldet, dass ein Graf Eberhard von Cleve im Jahre 825 das Canonicatstift zu Wissel gründete und dem h. Willibrordus weihte. 890 kam das Haupt des canonisirten Grafen Luthard von Cleve in die Kirche. 1 Die ganz aus Tuffstein aufgeführte Basilika gehört dem 12ten Jahrhundert an. 1. Schneider. Der Monterherg 1851. Dederich S. 144 und 165. v. Velsen S. 259. 2. Lac. II. 265. 660. 1. v. Velsen S. 253. 1. Binlerira I. S. 96. Teschemaeher p. 205 und 207. Act. Sanct. Bolland. 15. Sept. ■ 22 WISSEL. ----- HONNEPEL. VYNEN. Taufstein aus schwärzlichem Slein in der Collegialkirche zu Wissel aus dem 12ten Jahrhundert. 8. Leuchter ebendaher aus Kupfer, vergoldet und emaillirt. 7" hoch. 12tes Jahrhundert. Jetzt im bischöflichen Museum zu Münster befindlich. 9. Bronzener Thürbeschlag aus dem 12ten Jahrh. in der vorgenannten Kirche. HONNEPEL, Kirchdorf an der linken Rheinseite, */a Stunde südöstlich von Wissel. Der Ort wird in Urkunden 1139 schon genannt, 1 besitzt eine ursprünglich romanisch gewesene TufTkirche und war später Sitz gleichnamiger Dynasten. 2 10. Taufstein aus dem 12ten Jahrhundert in demselben ausgebildeteren Typus des Uten Jahrhunderts, den bereits der Taufstein zu Tyfflich zeigt. VYNEN, Kirchdorf an der linken Rheinseite zwischen Xanten und Calcar. * 11. Reste einer Monstranz vom Ende des 15ten Jahrhunderts. GOCH, Stadt an der linken Rheinseite, ungefähr 3 Stunden südlich von Cleve, am Flüsschen INiers gelegen. Die erste Erwähnung geschieht im 13ten Jahrhundert, in welchem auch Otto von Geldern dem Orte Stadtrechte verliehen haben soll.' Die Stadt war stark befestigt und 1. Lac. I. 332. II. 14. 45. 2. Lac. III. 298. 1. Binterim I. S. 255. II. S. 9i Lac. III. 276. 1. Binterim I. S. 233. II. 26. Lac. III. 241. GOCH. ----- WISSEN. — CALCAK. 23 »eichbete sicli aus durch ihre blühende Industrie. 1473 ward sie von Burgund an Cleve abgetreten. 12. In die Wand eingelassenes Sacramentshäuschen aus Sandstein aus dem 16ten Jahrhundert. 26' hoch, 4V2' breit. 13. Darstellung der Trinität, in Eichenholz geschnitten, aus dem Ende des löten Jahrhunderts. Die Gruppe hat ungefähr 17" Höhe und Breite. Jetzt in Münster befindlich. WISSEN, Dorf an der Strasse von Geldern nach Goch, mit dem Schlosse der Grafen Loo in der Nähe. 14. Löwenkopf als Thürverzierung, angeblich daher. Messingguss. Ende des 12ten Jahrhunderts. Ungefähr 1' im Durchmesser. Aehnliche Thürverzierung mit stilisirtem Haarwuchs aus etwas früherer Zeit zeigt Nro. 9. CALCAR, Stadt, eine Stunde vom linken Rheinufer und zwei Stunden von Cleve entfernt. Ihre Gründung soll 1230 vom Grafen Dietrich von Cleve vollzogen sein und der Name von einem stehenden Gewässer Colk herrühren.' Als Ort wird Calcar zuerst in einer Urkunde vom Jahre 1269 genannt. 2 Die Pfarrkirche zu S. Nicolai erbaute Graf Arnold IV. um 1211; indess ward die Weihe erst 1344 vom Erzbischof Walram von Cöln vollzogen und die Kirche mit dem vom nahen Monreberg, der früheren fränkischen Feste Munna, nach Cleve verlegten Canonicat-Collegium verbunden. 3 Nach einzelnen Mauerthcilcn an der Nordseite ist zu schliessen, dass diese erste Kirche eine Tuffkirche war. Der Umbau derselben in die jetzige Ziegelkirche ward wahrscheinlich durch eine Feuersbrimst im Jahre 1409 und eine Ueberschwemmung im Jahre 1464 bedingt. Zur Zeit, als Eugen IV. dem Herzog Adolf von Cleve die geistliche Gerichtsbarkeit in seinen Landen übertrug und ihm einen eigenen Bischof für seine Lande zu halten erlaubte, ward Calcar Sitz dieses Bischofs. 4 Heinrich Marienheun, seit 1439 Weihbischof von Osnabrück, war der erste und Johann Carcagensis der zweite und letzte clevische Bischof. Zwanzig Jahre später, 1464, ward 1. Laeomblet I. 510. 2. Laeomblet II. 598. S. Laeomblet III. 360. 4. Laeomblet IV. 252. '/' I mm 24 CALCAR. ein Dominicanerkloster in Calcar gegründet. Calcar, durch einen Kanal mit dem Rliein verbunden, blühte durch seine Tuchfabriken wie durch den Gelreidehandel; es hatte ein angesehenes ßürgerthum; die angesehensten Familien Danzigs waren in seinen Mauern hei- malblicli. Aus dieser Zeit der Handelsbhilhe stammt das stattliche Rathliaus, stammen die einst ansehnlichen Festungswerke, die freilich am Christabend 1598 den plündernden Men- doza nicht aufhallen konnten und 1645 geschleift wurden, stammt endlich jene reiche und bedeutende Bildschnitzerscbule, deren Meister, obgleich sie die nüchternen Ziegelbauten des ganzen Landes ausschmückten, kein Name nennt, kein Chronist erwähnt. Sie haben ihre Portraits dem Hochaltar beigefügt, allein es scheinen namenlose Physiognomien bleiben zu sollen. Fern an den Gestaden der Ostsee verliert sich ihre Spur. Zahlreiche Erbschaftsverhandlungen und Genealogien beweisen, dass die bedeutendsten Familien von Danzig vom Niederrhein und besonders aus Calcar eingewandert sind. Obenan stellt die Familie Ferber: Ewart Ferber, Sobn des Calcarer Bürgers Jobann Ferber, Hess sich mit seinem Bruder 1415 in Danzig nieder. 5 Sie stifteten in der Marienkirche die Ferberkapelle, welche allgemeine Bewunderung erregen sollte, und Hessen zu diesem Zweck ein Holzschnilzwerk der Passion für dieselbe anfertigen. Da nun dieses Sclmitzwerk ganz gleich an Charakter und Auffassung demjenigen zu Calcar ist, welches um diese Zeit wol bereits bestand, da es nahe Hegt, anzunehmen, dass gerade die Erinnerung an den herrlichen heimatblichen Altar die Veranlassung war, ein ähnliches Werk in der neuen Heimath besitzen zu wollen; so kann man wol schliessen, dass es von den Calcarern Meistern der Holzschnitzkunst gefertigt worden sei. Ebenfalls aus Calcar kamen die Familien Giese und von Süchten. Hans Slulte kam aus Cleve 1450 und stiftete die S. Georgenkapelle. 6 Auch die Reinholdskapelle bewahrt einen Altarschrein, welcher der Schule von Calcar aus späterer Zeit angehört. Die Bech- 5. Dem Herrn Prof. Hirsch in Danzig verdanke ich folgende darauf bezügliche Urkunde aus den allen Schöppenbüchern von Danzig: „Wy borgennesler, scheppen unde Radi der Slad von Kalker don kunl allen luden unde nameliken „juw ersamen und wisen borgemeslern unde rademanne der slad von danezike, unseren besun- „dergen guden vrunden, dat vor uns lo geluge enlboll sin de ersamen diderich mys, unser slad „richter, everd nigherloe, Johann pascjiee, gerd Ins, unse radesgeselle, gelys peherre, gerl kaeck, „rickarl de rode, gberl clapheck, jiidecke krovvels unde lise ladden, unse borger und borgersebne „und hebben semenlliken unde iczliehen besonders geluget unde lyffliken mil ufl'gericblen vingern „then hilgen gesworen, dat it en kunl sy, dat warmer de ersaine johan verwer, unse mede- ,,borger, in der tyd de vader was e wert verwer unde gob el verwer, gebroder, miljuw wo n- „hafftig, twe echte rechte hull'rowen gehal hofft: de erste gebeten: alheit, de ewerd moder „was, unde von ghesen, de gobels moder is; also dal ewert unde gobel vorscreven von er- ,,samen olderen, rechte, echte ingeboren borger vom calckar sin, dor gyn eigen man „borger werden noch wesen mach. W'enle dan de luchwerdigen lnde vorscreven dut beholdeu „hebben, als vorscreven steil, unde my johan von heysen, borgenneester unde my ricqwin ..verwer scheppen unde rodl ock disesulue mede kundig is, so bebbe wy mit consente unse „scheppen unde radesgesellen, in orkundc der warbeil unse sladl ingesegel an (lesen brell'ge- ,.hangen: inl jare unses bereu dusend verhundert unde XL1I1 up siinte laurencius avent des hilge „mertelers. 6. Hirsch: Die überpfarrkirebe von S. Marien in Danzig I. Theil 184S, S. 183. CALCAR. 25 nungsbücher der Reinholdsbrüderschaft berichten unter dem Jahr 1515: hebbe ik gefen Bernl Tüllen dal he vor de tafel utgefen lieft 100 Mk; und Melmann sagt in seiner Chronik: 1516 wurde aufgesetzt die Tafel in die S. Reinholdskapelle um die Zeit Michaelis. Aussen auf den Flügeln erscheint Reinhold und Johannes der Täufer; zum ersten Mal aufgeschlagen, zeigt der Schrein 8 gemalte Darstellungen aus dem Lehen Christi mit dem unbekannten Monogramm X h. Bei nochmaligem Oeffncn erscheinen in vergoldetem Schnitzwerk 10 Darstellungen aus dem Lehen der Maria und vier stehende Sibyllen. Das ganze bekundet die Schule von Calcar. Die Köpfe der kurzen Figuren sind höchst ausdrucksvoll, die Gewänder von einfachem Fallenwurf. 7 Diese Familien unterhielten fortwährend Verbindungen mit ihrer Heimath, bezogen Kunstwerke daher und zogen Künstler dahin. Dem Holzschnitzer Heinrich Holzapfel aus Cöln übertrug die Reinholds-Brüderscbaft 1531 die Anfertigung des Schnitzwerkes der neuen Bank. War er vielleicht ein Schüler der Werkstatt, aus welcher 50 Jahre früher die Chor- slühle von Emmerich und Cleve hervorgingen? In der Einleitung haben wir bereits angegeben, dass die Blüthe der niederrheinischen Kunst im 15ten und 16len Jahrhundert, zusammenhängend mit dem burgundischen Einfluss, wesentlich sich an die Eicksche Schule anlehnte und in Folge dessen malerische Principien in die Sculptur eingeführt wurden, welche, ihrem Wesen zuwider, den stilstrengen Idealismus in nalurtreuen Materialismus umwandelte, einen Materialismus, der freilich an geistvoller Auffassung der Natur und glänzender Technik kaum seines Gleichen hat! Im Jahre 1474 muss diese Schule schon von grosser Bedeutung gewesen sein; denn von diesem Jahre sind die Chorstühle zu Cleve. 1486 entstanden die zu Emmerich, und ihnen folgen dann die Werke der Kirche zu Calcar. Die Malerschule von Calcar, deren wir ebenfalls in der Einleitung gedachten, und die gleichfalls auf dem Einflüsse der Eicks beruhte, ging Hand in Hand mit den Holzschnitzern, wie dieses sowohl aus dem Hochaltar zu Calcar, als auch aus demjenigen der Reinholdscapelle in Danzig hervorgeht. Ist es uns durch das Bisherige gelungen, nachzuweisen, dass die Meister der Holzschnitzerschule von Calcar, die vielleicht mit der Pracht und dem Reich- thum der burgundischen Prinzessinnen an Cleve's Hof kamen, vielleicht zu der Zeit, als Papst Eugen dem Herzog Adolf einen eigenen Bischof für seine Lande zu ernennen erlaubte, zur Ausschmückung der Hauptkirche des neuen Bischofssitzes zu Calcar aus dem kunstgeübten Burgund berufen wurden, sich in den Kirchen Danzigs verlieren; so dürften die uns erhaltenen Portraits der beiden bedeutendsten dieser Künstler, welche sich würdig an die auf denselben Bedingungen und demselben flandrischen Einfluss beruhenden Meistern zu Ulm und Nürnberg ansehliessen und ihnen an Portraillreue der Natur, an glänzender Technik und an geistvoller Composilion und Auflassung des Einzelnen vollständig gewachsen sind, zur weiteren Forschung auffordern, um durch die Vergleichung mit den vielfachen Portraits jener Zeit überhaupt ihnen die verlorenen Namen und Lebensnachrichten zu retten. 7. Passavant im deutschen Kunstblatt 1847. Nr. 32. 26 CALCAR. Schliesslich müssen wir noch den Irrthum berichtigen, wonach Otte^ und Andere zwei Brüder Giese als die Verferüger des Calcarer Hochallars angehen. Diese Angabe ist ganz unbegründet und scheint dadurch entstanden zu sein, dass einer der von uns nicht mitgelheilteu Altäre von den Gebrüdern Giese, die wir auch als Calcarer Kolonisten in Dan- zig nannten, gestiftet wurde. Die Gebrüder Giese existiren somit als Künstler gar nicht, und der genannte Heinrich Holzapfel aus Cöln hat vorläufig keine weiteren Beziehungen zu Calcar. Nur Heinrich van Holt ist um 1514 ein nachgewiesener Künstler aus Calcar; allein seine beglaubigten Werke sind wie die des Arnold Wicht um 1551 lediglich Sleinseulpluren und gewähren keinen näheren Zusammenhang zur Holzschnitzschule, zudem arbeitet der letztere schon im Renaissance-Charahler. 9 Tafel XI. und XII.. Hochaltar der Kirche zu Calcar aus geschnitztem Eichenholz in sechsfacher Verkleinerung. Die Figuren sind fast rund, ungefähr 1' hoch und ohne Polychromie. Die Darstellung beginnt, vom Beschauer aus, links oben: Christus am Oelberg, um ihn die drei schlafenden Jünger. Während dess dringt Judas mit den Schergen oben links durch das Gehege von Gethsemane, und begegnet ebendaselbst rechts dem Heiland mit ver- rätherischem Kusse. In Entrüstung haut Petrus dem Malchus ein Ohr ab. An diesen Vorgang schliesst sich der weitere gleich darunter an. Aus einer felsigen Schlucht tritt der Zug der Kreuztragung, geht bis über die Mitte des ganzen Bildes und wendet sich dann links nach oben. Zur Linken lässt er die ohnmächtige Mutter Christi, die h. Veronika mit dem Schweissluch, raufende Kinder, von denen eins im Begriff ist, einen Stein nach dem Dulder zu werfen. Oben die Kreuzigung. Einer der Kriegsknechte, neben der Gruppe der ohnmächtigen Maria, streckt dem Gekreuzigten die Zunge heraus. Dicht daneben rechts Streit und Bauferei wegen des Gewandes Christi. Dann rechts oben die Kreuzabnahme und darunter die Grablegung. Endlich enthält die Berandung unter Baldachinen zu unterst die Portrait* der Künstler und zwölf Darstellungen von der Auferstehung an bis zur Himmelfahrt. In historischer Folge, von oben links an: 1) Christus sprengt die Pforten der Hölle; 2) Auferstehung; 3) Christus erscheint der Maria; 4) die Frauen suchen den Auferstandenen im leeren Grabe; 5) Christus erscheint der Magdalena, 6) offenbart sich einigen Personen auf dem Felde unter veränderter Gestalt (Marc. 16, 13), dann weiter rechts von unten an, 7) erscheint dem Petrus, 8) offenbart sich zu Emaus, 9) tritt unter die versammelten Jünger zu Jerusalem, 10) begegnet dem Unglauben des Thomas, 11) weilt zum zweiten Male unter den Jüngern und fährt 12) zum Himmel. Wir haben bereits ausgesprochen, dass sich die Holzschnitzerschule von Calcar vollständig an die Eicks anlehnt und von deren Einwirkung ihren bestimmenden Charakter cr- 8) Otte: Handbuch der Archäologie 3le Aullage, S. 230. 9) Siehe Text zu Tafel XVIII. CALCAR. 27 hält. Den Licht- und Schaltenseilen dieser Einwirkung begegnen wir vorzüglich im vorliegenden Altar. Das was für die Malerei ein Fortschritt war, ward für die Sculptur eine Klippe, die Beobachtung der Perspective. Wir gewahren malerische Hintergründe mit landschaftlichen Andeutungen, sogar ein Bach fliessl durch den Garten von Gelhsemane. Die Figuren sind über und hinter einander geordnet, um diese Täuschung herbeizuführen. Allein neben dieser Schattenseite der Eickschen Einwirkung bewundern wir auch die Lichtseite derselben: eine geistvolle Naturtreue und Charakteristik und eine glänzende Technik. Im Unterschiede des gekreuzigten Heilandes und des gekreuzigten Schachers, und in der Gestalt der h. Veronika bekundet sich eine edle und entschiedene Charakteristik. Und wie die Eickschen Darstellungen die christlichen Vorgänge mitten in das nalurwahre damalige Volksleben stellen, und jede Figur aus ihrer typischen Allgemeinheit in die persönlichste Individualität der Zeit sich gestalten lassen, so auch hier. Das Wunderbare will vorab geglaubt sein; sobald es aber dargestellt wird, muss es dem Leben Bechnung tragen und sich begreiflich machen. So sprengt der Gekreuzigte die verschlossene Thür zum Fegfeuer, indem er dagegen tritt; Satan sucht ihn zu verscheuchen und wirft Steine von der Höhe der Thüre auf ihn herab. Die auf Unverstand beruhende blinde Leidenschaft der Juden bringt der Künstler dadurch zur Geltung, dass er selbst die Kinder daran Theil nehmen lässt. Die Kleinen raufen sich (vor der ohnmächtigen Maria), sehen zu und werfen den kreuz- tragenden Heiland mit Steinen; die Grossen strecken dem bereits Gekreuzigten die Zunge heraus. (Figur rechts neben der ohnmächtigen Mutter Christi.) Allein der Künstler begnügt sich nicht, die Vorgänge nur verständlich darzustellen; er will ihnen ein möglichst individuelles Gepräge geben. Die Bohheit der Kriegsknechle folgt ihm nicht genugsam daraus, dass sie überhaupt das Gewand Christi besitzen wollen: es muss darum auch Streit und Bauferei stattfinden. Zur lebendigen Individualisirung sind kräftige Portraitzüge nicht hinreichend; er steigert dieselbe bis zu den Zufälligkeiten einer Warze auf der Wange (von den zwei dem Fussende des Grabes Christi den Bücken wendenden Personen die hintere). Die Technik, von keiner Farbe und Vergoldung verdunkelt, ist die glänzendste, die man sehen kann. 10 Die Zeit der Entstehung dieses Altares fallt jedenfalls in die zweite Hälfte des löten Jahrhunderts. Denn Jan van Calcar, der die Flügel dazu wahrscheinlich vor seiner italienischen Beise malte, indem nicht anzunehmen ist, dass ein Meister, der sich so sehr den italienischen Malvveisen hingab, wie es von ihm berichtet wird, später zur Eickschen Bich- tung zurückgekehrt sei, starb schon gegen 1546. Er malte mithin diese Flügel in den ersten'Decennien des 16len Jahrhunderts. Dass nun aber wiederum die Flügel später gemalt wurden, als der Altar entstand, ist einmal selbstredend, indem sie sich demselben ac- commodiren musslen, und geht auch aus technischen Veränderungen hervor, die man dess- 10. Unter dem Altar befindet sich noch eine Predelle, welche in minder guter Arbeit den Einzug in Jerusalem, die Einsetzung des Abendmahls und die Fusswaschung enthalt. 4* fr 28 CALCAll. halb am Schrein vornahm. Das Schnitzwerk fällt aus diesen Gründen mit Sicherheit ins löte Jahrhundert. Die Stadt Calcar als solche scheint die Geberin desselben gewesen zu sein, indem ihr Wappen deutlich in den beiden oberen Ecken hervortritt.'' Tafel XIII. Altar im nördlichen Seitenschiff der Kirche, ebenfalls von geschnitztem Eichenholz, ohne Polychromie und mit fast runden Figuren. Ungefähr 20' hoch. Die Darstellung beginnt in der Mitte der Predelle. Dort entwächst den Lenden Abra- hams der Stammbaum Christi und rankt sich rechts und links über Isaak und Jacob, David und Salomo hinweg in wunderbar schönem durchbrochenen Rankenwerk, bis zur Höhe, auf welcher ihn Maria mit dem Jesuskinde bekrönt; auf den obersten 6 Fialen von Engeln verehrt, denen sich seitwärts gleichsam unter Baldachinen die Donatoren anschliessend Erwuchs der Stammbaum von den Lenden Abrahams bis zum Jesuskindlein hinauf, so befinden sich von demselben eingeschlossen in 7 getrennten Darstellungen, von der unteren rechten Seite an, die Präsentation des Kindleins im Tempel, gegenüber die Flucht nach Egypten, bei welcher aus einem Götzenbilde der Teufel hinausfährt, sobald die heil. Familie naht. Darüber der zwölfjährige Jesus im Tempel, dann die Kreuzlragung, Kreuzigung, Kreuzabnahme und Grablegung. Obgleich dieses Schnitzwerk einen Platz einnimmt, den selten volles Tageslicht bescheinf, und seine Wiedergabe dessbalb kaum möglich war, so genügt zur Würdigung die Thatsache, dass das zunehmende Bestreben naturalistischer Auffassung und perspecti- vischer Täuschung noch in erhöhterem Maasse auftritt. Je geistig bedeutender der dargestellte Moment, je unbedeutender muss derselbe bei einseitiger Ausdehnung jener Richtung werden. So linden wir die Kreuzigung bereits in Bezug auf die Composition ganz unbedeutend. Einen Fortschritt bei diesem Ablehnen des Idealen und alleinigen Anlehnen an das Natürliche des täglichen Thebens kann nur die Technik erringen, und diese finden wir auf einer eminenten Höhe. Kaum dürften jemals Werke iii Holz geschnitzt sein, die bei so riesiger Ueberwindung technischer Schwierigkeiten, wie die Stammbaumwurzel sie darbietet, so viel grossartigen Schwung und Kühnheit, so viel Wahrheit und Schönheit der Form erreichen. Dabei war keine Idee zu gestalten, kein Gedanke correkt, schön und seinem Inhalte gemäss zu verkörpern; es galt nur die Formen der Naturwelt zu beherrschen, und da das das Ideal der Richtung war, so finden wir dieselbe auch in dieser Arbeit auf ihrer Höhe. Stellten wir den vorigen Altar in die letzte Hälfte des 15ten Jahrhunderts, so gehört dieser unbedingt der ersten Hälfte des 16ten an. Die erwähnten Donatoren geben hierüber freilich keinen vollständigen Aufschluss. Ueber ihre Persönlichkeiten lassen sich 11. Wir bemerken ein- für allemal, dass da, wo in den Abbildungen Kürperlbeile, z. B. Hände, Anne u. >. \v. fehlen, dieselben auch den Originalen fehlen, indem wir alle Restauration vermieden haben. CALCAR. 29 nur Vermulhungen aufstellen. Auf der Bekrönung rechts kniet der jüngere derselben, in langem Gewände, dem Anscheine nach dasjenige niederschreibend, was ein hinter ihm stehender Engel ihm zum Lobe der Madonna und des Gotteskindes, auf welche er emporzeigt, inspirirt. Links kniet ebenfalls in langem Gewände ein älterer Mann, zu seinen Füssen ruht eine Krone und hinter ihm steht eine allegorische Frauengestalt, an deren gekröntem Haupte sich Flügel befinden. Die beiden knieenden Donaloren haben jedenfalls eine Beziehung zu einander. Der jüngere links, ausser einer Federbüchse im Gürtel, bar aller welllichen Würdezeichen, von einem Engel inspirirt, dürfte dem geistlichen Stande angehören; der andere ältere, zu Füssen die Krone mit jener Allegorie der Macht, die an dem denkenden und wollenden Haupte den Flügel trägt, ist eher ein Begent. Die Regenten von Cleve liegen uns am Nächsten. Unter den clevischeu Fürsten der ersten Hälfte des 16ten Jahrb. ist aber nur 1) Johann IL, welcher zugleich mit einem jüngeren Bruder auftritt, der Gelehrter und Geistlicher war. Es ist dies Philipp von Cleve, 12 der Besitzer einer berühmten Bibliothek, Bischof von iNevers und Bheims. 2) Jobann III. und sein Bruder Adolf, der 1525 unvermählt in Spanien starb. Tafel XIV. Marienallar, Holzschnitzwerk in sechsfacher Verkleinerung mit fast runden Figuren und ohne Polychromie. Dieses Schnitzwerk dürfte das älteste der Calcarer Schule sein, indem es einestheils dem Eickschen Charakter zumeist entspricht, anderntheils vor dem Hochaltar und dem vorigen eine grössere Strenge und Einfachheit behauptet. Das Leben der Maria finden wir in 10 Darstellungen vergegenwärtigt. In der ersten links oben wird Maria's Vater Joachim aus dem Tempel gewiesen und nicht zum Opfer zugelassen, wegen der Unfruchtbarkeit seiner Gattin Anna. Traurig geht er hinweg, begegnet der Anna, und nachdem sie beide vom Engel auf dem Felde die Botschaft empfangen hatten, dass sie noch eine Tochter Marie erhalten würden, sehen wir diese als Kind in der Darstellung gegenüber das Opfer zum Tempel bringen. An jene Scene schliest sich dann die Verkündigung, die Trauung, die Geburt, die Anbetung der drei Könige, der Vorgang mit Simeon, das Opfer im Tempel, endlich Tod und Himmelfahrt Maria. Tafel XV. Chorstühle in geschnitztem Eichenholz und zwei gegenüberstehenden Doppelreihen, von denen jede 24' 2" lang ist. Die Höhe der hinteren Boihe beträgt circa 10'. Ausser den Zugängen an den Seiten befindet sich auch in der Mitte der vorderen Reihe je ein 12. Wenn Letzterer auch schon 1505 starh, so könnte ihn sein herzoglicher Bruder dennoch später hier haben auftreten lassen. Freilich ist diese ganze Zurttckführung auf bestimmte Personen eine blosse Vermuthung, die gern einer Thatsache Platz macht. Da zufolge der Stiftung dieses Altars der Bürgermeister und die Kirchmeister von Calcar die Patrone desselhen waren, so ist es nicht unmöglich, dass einer von diesen dargestellt sei. 30 CALCAR. Zugang zur hinteren. Wir verweisen zur Würdigung der Chorstühle überhaupt auf das zu Tafel 111. 1. Gesagte. Die Felder der Rückwände sind zu obersl mit geschnitzten) Rankenwerk belegt, und in der unteren Hälfte gemustert durch punktirle Musler. Zur ersten Doppelreihe (1) gehören zum Ahschluss der Enden der hinteren Sitzreihe die beiden Wangenslücke la. Zum Endabschluss der vorderen niedrigeren Sitzreihe die Wangenstücke 3 und 6. Diejenigen 4 und 5 schliessen ebendieselbe beim mittleren Durchgange ab. Für die zweite Doppelreihe (2) sind für die hinlere Wand wieder die hohen Wangenstücke daneben gestellt (2a). Die Endabschlüsse der vorderen Reihe bilden 7 und 10, die mittleren Abschlüsse derselben 8 und 9. Unter den Consolen der Sitzbretter heben wir in der obersten Reihe von links ab 4 und S heraus; sie stellen Vögel dar, welche Wappenschilder tragen. 6 ist eine dem ewigen Juden ähnliche Gestalt in laufender Stellung, so dass das rechte Rein auf der Fussspitze ruht; auf dem Rücken trägt er au einem Stock einen Bündel und scheint mit Thierfellen bekleidet. Bei 10 finden wir einen spinnenden Affen. 5 in der vorderen Beihe zeigt wieder einen Wappenhalter, 8 eine Sirene, die sich im Spiegel sieht und kämmt, 9 einen Cenlaurcn mit der Keule. In der hinteren Beihe des zweiten Gestühles (2) zeigt 2 wiederum den Eierdrescher von Cleve und Emmerich, 6 einen Hasen, der den Dudelsack bläst, und endlich die vorletzte Console der vorderen Reihe ein Weib am Backofen. Das Wangenstück la. links hat in der Mitte einen Wappenhalter mit dem Wappen von Calcar. Unter den Figuren der anderen Wangenslücke ist besonders das von 9 merkwürdig. Auf demselben ruht nämlich eine in einem Buch schreibende männliche Figur mit Weiberbrüslen, Bocksfüssen, Flossen an den Beinen, Gesichtern an Schullern und Knien und Augen an den Hüften. Tafel XVI. l. Holzgeschnitzter Kronleuchter aus dem Anfang des 16len Jahrb., 15'hoch. Aus dem unteren sechseckigen Holzknauf, in dessen 6 Nischen Abraham, lsaak, Jacob u. s. w. sich befinden, entwindet sich um die Eigur der Madonna herum in geschnitztem Bankenwerk der Stammbaum Christi. Die eisernen Arme zur Aufnahme der Lichter gehen von den Ecken des eckigen Holzkörpers aus. In früherer Zeit war dieser Leuchter vergoldet und versilbert, jetzt ist er von neuester Hand polychromirl. Altar sehr tiefen Reliefs, in Eichenholz geschnitzt, ohne Polychromie. In der Mille ziemlich lebensgross die Mutter Anna und Maria, welche gemeinschaftlich den Jesusknaben hallen. Joseph tritt von der einen Seite mit einer Traube hinzu, während von der anderen die h. drei Könige sich nähern. Ueber dieser Darstellung erscheint Gott Vater mit musi- cirenden Engeln. Die Grösse beträgt circa 6' in Höhe und Breite, die Tiefe fast 2'. 3. Im Dreieck angelegte silberne vergoldete Monstranz aus dem Ende des 14ten J. 31" hoch. CALCAR. XANTEN. 31 4. Sacramentshäiischen aus Sandstein circa 20' hoch. 5. Vortragekreuz, wahrscheinlich aus Silber, ganz bedeckt theils mit matter, theils mit glänzender Vergoldung. In den Rosetten der Kreuzarme befinden sich die emaillirten Symbole der Evangelisten; auch die vier Knäufe zwischen den Kreuzarmen u. s. w. sind mit blauer Emaille verziert. In der Mille zwischen zwei Crystallscheibchen befindet sich eine Reliquie. Ende des 14len Jahrb. Höhe 2', Breite 1', 6. Künstlerportraiis der Holzschnitzer des Hochaltars von Calcar (Tafel XI. und XII.) in grösserem Maassstabe. Die Originale sind 11 '/?" hoch. XANTEN, Stadt am linken Rheinufer, am Fusse des Hügels Fürstenberg, auf welchem die castra ve- tera der Römer stand, das älteste nnd festeste Castell der römischen Kriegsthätigkeit am Unterrhein, aus dessen Umwohnern in der Ebene sich eine Stadt bildete, der man den Namen colonia trajana bald beilegt, bald bestreitet.' Sichtbare Ueberreste über der Erde aus der römischen Zeit haben sich ausser Strecken der Militärstrassen, Brunnen und der Erd- umwalluug eines ehemaligen Amphitheaters nicht erballen; klagt doch schon Pighius in seinem Hercules Prodicius, dass die römischen Fundamente ausgegraben würden, um den Tuffslein zu gewinnen; die Nonnen des Klosters auf dem Fürslenberg verkauften zu demselben Zweck die letzten Thürme der römischen Veste, und im 17ten Jahrhundert nahm dieser Erwerbszweig so überhand, dass es den Geistlichen ausdrücklich verboten ward, bei ihren Häusern Tuffsteine auszugraben. So verschwanden die Bauten der Römer und die Paläste der Franken, und ihre letzten Rausteine ruhen in den Feslungsmauern von Wesel. Aus den Trümmern dieser römischen Niederlassung, mag dieselbe nun ein besonderer Name von der castra vetera getrennt haben oder nicht, erhob sich in fränkischer Zeit die Stadt Xanten. Wie gross bei den Franken die Verehrung der Reliquien der Märtyrer war, berichtet Gregor von Tours und andere weitläufig. Den Roden von Xanten, Bonn und Cöln weihte das erste Märtyrerblut, welches in Deutschland vergossen ward. Die thebaisebe Legion 1. Spenrath und Mooren: Alterthüml. Merkwürdigkeiten der Stadt Xanten etc. 3 tiefte 1837 und 1838. F. Fiedler: Denkmale von castra vetera und colonia trajana in Houbers Aiitiqiiarium zu Xanten. 1839. F. Fiedler: Geschichten und Alterthümer des unteren Germaniens. 1824. 32 XANTEN. wurde au diesen Orten mit ihren Anführern, in Xanten der h. Victor, im 4ten Jahrhundert auf Befehl Kaiser Maximilians des christlichen Glaubens halber niedergemetzelt. 2 Tritt nun zu der allgemeinen Verehrung der Märtyrer bei den Franken noch der Grundsatz der ältesten christlichen Kirche in Erwägung, wonach man die Tempel, so weil es möglich war, über den Gräbern der Märtyrer errichtete, so ist man zu der Vermuthung berechtigt, dass in Xanten über den Gebeinen des h. Victor und seiner Schaar eine christliche Kirche sobald errichtet wurde, als jene aufgefunden worden, welches nach Gregor von Tours (glor. Martyr. cap. 63) zu dessen Zeit noch nicht geschehen war. Auf Grund ihrer Traditionen beanspruchen die 3 Stifte des h. Victor zu Xanten, des h. Gereon zu Cöln und des h. Cassius zu Bonn ihre Gründung durch die Kaiserin Helena, 3 die Mutter Constanlins, empfangen zu haben, was freilich auf ein hohes Alter deutet, aber durch keine Urkunden bewiesen wird und gerechten Bedenken unterliegt. 4 Die älteste Begegnung der Kirche zu S. Victor geschieht bei den frühen Verwüstungen, die sie getroffen haben sollen. Die erste im 5ten Jahrhundert wird den Hunnen zugeschrieben, 5 die zweite den Normannen. Im Bericht über die letztere wird die Kirche ein wundersames Bauwerk an berühmtem Orte genannt. 6 Die hohe Bedeutung, welche die Märtyrer dem Boden geben, dürfte auch der Grund der frühen Stiftung des Klosters Biorzuna, unter welchem Namen man den damals dicht am Rheinufer am Fusse der Castra vetera liegenden Ort Birten versteht, gewesen sein, dessen Zerstörung durch die Normannen im Jahre 880 ebenfalls berichtet wird." Sie dürfte der Grund der Zunahme des Stiftes S. Victor überhaupt sein, das nun vom Domslift zu Cöln, dessen Zubehör es war, getrennt ward. 8 Und kann man diese Bedeutung des Ortes als Mittelpunkt fränkischen Lebens im mindesten bezweifeln, wenn selbst die Verse des Nibelungenliedes Kirche und Königsburg daselbst hervorheben? Ist auch das Nibelungenlied in seiner jetzigen Gestalt ein Werk des 12leu Jahrhunderts, so liegen doch seine Thatsachen Jahrhunderte weiter zurück. Jene fränkische Sage, welche den Franken den trojanischen Ursprung gab, um sie als legitime Erben des römischen Weltreiches hinzustellen, verlegt ihre Troja-minor nach Xanten, unter welchem Namen es vom 6ten bis zum löten Jahrhundert auftritt. 9 2. Act. Sanct. tom. IV. S. 308^, Surius V. S. 673. 3. Binlerim und Mooren: Dipl. Codex. Urk. 99. 4. Spenrath und Mooren 3tes Hefl. Abhandl. 4: Zweifel gegen die Gründung des Xantischen Stiftes durch die h. Helena. 5. Beatus Rhenanus lib. 1. p. 60. 6. Ann. Xantenses ad annum 864 apud Pertz. Mon. II. p. 230. 7. Ann. Fuldenses ad annum 880. Pertz I. p. 394. Vgl. Einleitung Frank. Rom. Kunstepoche. 8. Spenrath und Mooren III. S. 61. 9. Ueber Entstehung und Bedeutung des undentschen Namens Xanten sind schon viele Meinungen ausgesprochen worden, und es ist ohne das Hinzutreten neuer historischer Urkunden kaum zu erwarten, dass jemals das Richtige mit Sicherheit ermittelt werde. Am meisten scheint sich Vielen die Ansicht zu empfehlen, dass in Folge der Sage vom trojanischen Ursprünge der Franken der bei Xanten fliessende Bach nach dem gefeierten Flusse im Troeracbiele Xante genannt worden und XANTEN. 33 Die Xanten'sche Kirche und die Stadt haben wenig aus dieser Zeil gerettet. Hunnen und Normannen plünderten wiederholt; Kriegsgetümmel blieb nicht fern, und 939 schlug dieser Name auf die Sladt selbst übertragen sei. Und diese Ansicht scheint dadurch an Glaubwürdigkeit zu gewinnen, dass schon in sehr früher Zeit, wenigstens seit dem Anfange des 7len Jahrhunderts, für dieselbe Stadt auch der Name Troja in Gebrauch war. Allein jetzt tritt uns die Frage entgegen: Was war denn die Veranlassung, dass gerade Xanten für die von den Franken erbaute neue Troja gehalten wurde, da es doch wohl andere fränkische Städte gab, welche wegen ihrer Bedeutung nicht weniger die Ehre, die neu erstandene Mutterstadt zu sein, in Anspruch nehmen konnten? Um möglichst sicher zu gehen, wollen wir die historischen Zeugnisse sowohl für die trojanische Abstammung der Franken, als auch für das Auftreten der verschiedenen Namen Xantens ihrer Zeitfolge nach anführen. Die Meinung, dass die Franken Abkömmlinge von Troja seien, tritt uns zuerst, wenn sie auch schon früher entstanden war, bei Fredegar (hislor. epit. c. 2), im Anfange des 7ten Jahrhunderts, entgegen, und aus seinen Worten: „ — non procul a liheno civilatem ad instar Troiae Hominis aedificare conati sunt" — geht zweifellos hervor, dass zu seiner Zeit schon der Name Troja für Xanten im Gebrauch war. Freilich nennt der Verfasser des Chronicon Moissiacense (bei Perlz I., p. 282.), der gegen das Jahr 818 schrieb und sonst mit Fredegar übereinstimmt, die am Rhein erbaute Stadt Sicambria. Allein in den Gestis regum Francorum (bei Bonquet II., p. 542 ff.), deren Abfassung um 726 fällt, bauten die Franken ihre Sicambria in Pannonien und nicht am Rhein. Vgl. Mone, Anzeiger für Kunde der deutschen Vorzeit S. 3, 1835; Braun, Trojaner am Rhein S. 32; Junius Hadrianus, Batavia p. 71 sq. Vergleicht man diese drei Zeugnisse, so erhellt leicht, dass das Chron. Moiss. eine Vereinigung der beiden anderen Sagen enthält; und für Xanten steht aus Fredegar so viel fest, dass es zu dessen Zeit schon den Namen Troja hatte. Dieser Name hat sich sehr lange erhalten und wird namentlich angeführt, um nur die wichtigsten Quellen zu nennen, in einir Urkunde Heinrich's III. vom 7. September 1047 (in Leuckfeld's Antiq. Poeldens. p. 275), auf einer fast gleichzeitigen Münze des Erzbischofs Hermann zu Cöln, worauf man Sca (sancta) Troia liest (Spenrath, Alterthüm. etc. I., S. 122), bei Otto von Freisingen (Otto Freising. III. 45), welcher 1158 starb, und später sehr oft bis ins 15te Jahrhundert. Siehe Münzen und Urkunden bei Spenrath a. a. 0., S. 120 (T. Vgl. Braun a. a. 0., S. 6. Im Loblicde auf den h. Anno, dessen Abfassung in 1170 fällt, heisst die Sladt Lüzz ele Troie. Aber ebenfalls in früher Zeit findet sich neben der Benennung Troja ein Name, der offenbar seinen Ursprung von den in Xanten hoch verehrten Heiligen, dem h. Victor und seinen Genossen, herleitet. In den Xantener Annalen nämlich (bei Perlz II., p. 230.) liest man zum Jahre 864 über die Normannen: „ad Sanctos pervenerunt et locum opinatissimum vaslarunt." Von diesem ad Sanctos ist der Ausdruck des in seiner jetzigen Gestalt im 12ten Jahrhundert verfassten Nibelungenliedes: „Bürge — de was ze San ten" genannt (v. 81 ff. ed. Zeune) eine genaue Ueberselzung; nur ist c der harten Aussprache wegen ausgefallen. Für dieselbe Benennung haben wir andere frühe Zeugnisse. In der angeführten Urkunde Heinrich's III. lesen wir: „Troiae, quod et Sambum dicitur;" denn dass hier Sambum in Sanclum oder Santum zu emendiren, ist leicht ersichtlich und von Lacomblet im Archiv für die Geschichte des Niederrheins I., p. 172, Anm. 2. gezeigt worden. Im Lobliede auf den h. Anno heisst der bei Xanten fiiessende Bach Sante. Sonst wird gewöhnlich, wie in den Annales Xantenses hei Pertz und in einer Urkunde vom Jahre 989 bei Laconddet, Urkunden!). I., 123, bloss „monaslerium" oder „ecclesia saneti Victoris" genannt. Der Name Xanten tritt zuerst urkundlich auf bei Ollo v. Freisingen, der am a. 0. sagt: ,,Victoren) etiam cum CCCLX in urbc Troia, quae nunc Xantis dicitur, inleremit." Und diese Benennung, wofür sich häufig auch Xanclen findel, ist in der folgenden Zeil die gewöhnliche. Zuletzt wollen wir noch erwähnen, dass der Geograph von Ravenna (IV. 24), nach dem herkömmlichen Texte wenigstens, Traia statt Troia nennt, und dass man auf einer im Antiquitäten-Museum zu Mainz befindlichen römischen Inschrift statt der Worte: „legio II. Troiana" leg. II. Traiana lesen 5 34 .XANTEN. Otto I. seinen Bruder Heinrich bei Birlen aufs Haupt. Die Gewinnsucht ris's die Bauwerke nieder, um den Tuffstein zu verkaufen, und mannigfache Zerstörungen minderten die Schätze der Kirche; verschwand doch jene unschätzbare goldene Altartafel, welche die Erzbischöfe Bruno und Folkmar (953—969) dem Hochaltar weihten, und welche Christus und die Apostel darstellte, erst während der französischen Revolution. 10 Was Plünderung und Zerstörung verschonten, wurde von den Flammen ergriffen. Zwei Feuersbrünste folgen in kurzen Zwischenräumen; die erste 1081, weniger bedeutend, Hess 2 Jahre später schon eine er- zu müssen geglaubt hat. S. Braun a. a. 0. S. 7 IT. Daher kannte man die Vermulhung aufstellen, wie dieses vielfach geschehen ist, Troia sei entstanden aus Troia und dieses aus (Gulonia) Tratana; wofür man denn die Peutinger'schen Tafeln als Beweis angeführt hat. Allein diese Ansicht ist durchaus unhaltbar nnd schon zur Genüge widerlegt von Mooren hei Spenrath II., S. 22 ff. Es giebt nicht einmal irgend eine sichere Urkunde für den Namen Traia oder Traiana. Die Leydener Handschrift des Ravennaten hat Troia (Braun a. a. 0.); die leg. II. Traiana auf der erwähnten Inschrift ist Gonjectur und höchst zweifelhaft; die Peutinger'schen Tafeln haben colohia Troiana, nicht Troiana, und Mooren hat a. a. 0. gut nachgewiesen, wie aus Troiana Traiana, nicht aus diesem jeues werden konnte. Wir haben es also mit Uebergehung von Traia und Golonia Traiana bloss mit dem Verhaltnisse der Namen Troja, Sancten, Santen, Xanten und ihrer Entstehung und Bedeutung zu thun. Urkundlich erscheint uns, den angeführten Quellen gemäss, der Name Troia zuerst. Aber wir bedürfen, um das Aufkommen dieses Namens zu erklären, eine Veranlassung. Dass die Sage von der trojanischen Abstammung der Franken nur eine künstliche, nicht volkstümliche ist, muss wohl jedem auf den ersten Blick klar sein. Der Grund ihrer Bildung lag in dem allen Völkern gemeinsamen Streben, ihre Abstammung an bedeutende Nationen und Ueberlieferungen anzuknüpfen, und dann besonders in dem Wunsche der Franken, den Römern an Aller und Berechtigung zur Weltherrschaft gleichzustehen. Aber warum wurde gerade Xanten mit dem Namen Troja ausgezeichnet? In der Stadt selbst und ihrer Bedeutung kann der Grund wohl schwerlich gesucht werden, da gewiss andere Städte in dieser Beziehung sich mit ihr messen konnten; und riesshalb drängt sich leicht die Vermulhnng auf, dass der Name der Stadt die Veranlassung gegeben habe. Viel besungen und allbekannt war der troischc Fluss Xantus. Nun hiess der bekannteste Name unserer Stadt Sancta oder Sanclum, hergenommen von der hohen Verehrung der hier beigesetzten Heiligen; und wenn derselbe auch erst im 9len Jahrhundert urkundlich bezeugt ist, so ist es doch kaum denkbar, dass er in dieser Zeit erst aufgekommen sei; vielmehr muss er entstanden sein, sobald über den Gebeinen des h. Victor und seiner Genossen eine Kirche und um diese Wohnungen errichtet waren. Der bei der Stadt fliessende Bach theilte mit ihr die Benennung. Nun konnte freilich aus dem s in Sanctum nicht unmittelbar x werden, vielmehr wäre das Gegen- llteil zu rechtfertigen; wohl aber konnte durch eine nicht ungewöhnliche Versetzung der Buchsinben, welche durch die Schwierigkeit der Aussprache von Sanclum motivirt war, im Volksmunde, der stets nach Leichtigkeit strebt, csanlum, d. i. Xantum oder Xanten, stalt Sanctum gesprochen werden. Und auch dieser Name war dann dem Bache gemeinschaftlich. Was war nun natürlicher, als dass man bei grösserer und allgemeinerer Gellung der Sage vom trojanischen Ursprünge der Franken dort die Sladt Troja suchte, wo der sie begleitende Fluss Xanlus sich fand? So geht also unsere Meinung kurz dahin, dass durch eine Metalliesis aus Sanctum oder Sancta Xanten geworden ist, dass dieser Name dem kleinen Flusse gemeinsam zugehörte und dass endlich dieser Flussname die Veranlassung gab, nach Ausbildung der Sage von der trojanischen Abstammung in der Stadt „ad Sanctos" oder Sancta die wieder erstandene Troja zu sehen und ihr auch diese Benennung beizulegen. Und wenn dieser Ableitung in sprachlicher Beziehung nichts im Wege steht, so dürfte es eben so schwer sein, dieselbe urkundlich zu bekämpfen. 10. Schollen: Baurechnungen der Victorskirche. Berlin 1852. S.V. XANTEN. 35 neule Weihe zu; die zweite um 1109 griff verheerender um sich und vernichtete das ganze Archiv, und last 20 Jahre muss die Erneuerung gedauert Haben, deren Weihe wir 1128 begegnen. Norbert, einst Chorherr von Xanten und damals Erzbischof von Magdeburg, vollzog sie. Die ältesten Tbeile der jetzt bestehenden Kirche, nämlich die Thürme, sind ein Werk des 13ten Jahrhunderts; ein Canonicus Bertbold tritt als ihr Erbauer auf." Dass die frühere romanische Kirche Crypla und Vorhalle halte, geht zur Genüge aus den Nachrichten hervor. 12 Ihre Urnwandelung in eine Kirche des germanischen Stils, dessen Zierde sie im vollsten Maasse ist, begann mit der Reparatur 13 und Hinausrückung des Chors um 1264, an welche sich der Umbau der Schiffe, der Bau der Sacrislei um 1316 und des Kreuzganges schloss, eine Bauperiode, deren Rechnungen uns bis zur Mitte des löten Jahrhunderts vorliegen. ,+ Bedenkt man die Kostspieligkeit eines Baues, dessen Material von dem 30 Stunden entfernten Siebengebirge herbeigeschafft werden musste, so bedurfte es allerdings der hohen Angesehenheit des heiligen Ortes, der sich unaufhörlich mehrenden Privilegien 15 und der 11. Spenralh 2. Theil. Schölten S. IV. 12. Im 12len Jahrhundert ward in der Vorhalle der Kirche noch Gericht gehalten. Spenralh III. S. 109 Vom h. Norbert ein Altar in der Crypta noch 1128 geweiht. Spenralh II. 19. 13. Spenralh 2. Theil. 14. Schollen: Auszüge aus den Baurechnungen der S. Victorskirche zu Xanten. 1852. 15. Das xantener Stift war ursprünglich den gewöhnlichen Verhaltnissen gemäss abhängig vom Domstifte zu Cöln. Erst von dem cölnischen Erzbischofe Gunthar (850—873) wurden ihm seine Besitzungen zu freiem Eigenthum gegeben nebst dem Rechte ihrer selbständigen Verwaltung und der unabhängigen Wahl eines Propstes; und 853 wurde diese Bestimmung des Bischofs vom Kaiser Lothar bestätigt. Mooren bei Spenralh III., S. 58 ff. Xanten stieg nun zur Würde eines Archidiaconats empor und wurde bald sehr angesehen, so dass schon im Anfange des 12ten Jahrhunderts zwischen den Pröpsten von Xanten und Bonn einerseiIs und dem Propste von St. Gereon in Cöln andererseits ein Streit um den Vorrang bei feierlichen Processionen stallfand (Binterim und Mooren I. S. 31 ff.) und dass nach alten Urkunden der Propst von Xanten Anspruch daraufmachte, nach dem Propste der Melropolilankirche der erste der ganzen Diöcese zu sein (Binterim etc. I. S.94 ff.). Die Ausdehnung dieses Archidiaconats war ausserordentlich gross; gegen die Mitle des 13ten Jahrhunderts umfassle es die Decanale Xanten, Duisburg, Süchteln und Slraelen. S. Liber proeoralionum et pelilionuin archidiaconi Xantensis bei Binterim elc. II. S. I ir. Der oberste Repräsentant der Ai'chidiaconal-Rcchtc war, wie fast überall, der jedesmalige Propst von Xanten, der desshalb den Tilel Arehidiaconus führte und, um es kurz zu sagen, in fast allen Dingen die Stelle des Bischofs verlrat. Aus einer Bulle des Papstes Hadrian IV. vom Jahre 1151, durch welche, nachdem alle Urkunden der xantener Kirche durch einen Brand untergegangen waren, die alten Gerechtsame des Propstes bestätigt worden, lernen wir diese selbst kennen. Der Propst konnte in jedem Jahre auf drei Tage eine Synode berufen, worin alle Achte des Archidiaconats in derselben Kleidung, die sie in erzbischöflicben Synoden trugen, feiner alle Pröpste, Decane und Pfarrer, sowie auch edle Laien erscheinen mussten; er konnte feiner alle drei Jahre in allen Kirchen des Archidiaconats eine Visitation vornehmen lassen , wobei ihm die jedesmaligen Pfarrer behülflich sein mussten; endlich wurden ihm die Rechte auf alle Besitzungen und Pfründen erneuert. Die Bulle befindet sich in einem xantener Manuscriple vom Canonicus Arnold Hcymerick aus dem Jahre 1401, auf Fol. 27, gegenwärtig in der Königl. Bibliothek zu Berlin unter Nr. 297, worin Vieles 5* 36 XANTEN. zahllosen Wallfahrer, um die Kassen zu füllen. 16 Nachdem nämlich 1228 Xanlen von Cöln Stadiprivilegien, Befestigungs-Erlauhniss und Zollfreilieiten aller Art empfangen halte, ging es doch bald an Cleve über. Anfangs um 1321 als theilweiser, dann 1414 ganz als Pfand- besitz, und etwas später 1444 als Eroberung. Johann, Sohn Herzogs Adolf von Cleve, eroberte die Stadt, welche Eroberung ihm sein Vater Hess; Xanten war gegen Bestätigung seiner Privilegien damit zufrieden, 17 und der neue Besitzer liess sich jene Münze mit der Aufschrift prägen: Joannes Trojanorum rex. Monneta trojae minoris. Der clevische Gehieter warf auch den Abglanz seiner burgundischen Praehtliebe auf den neuen Besitz. Man beging hei besonders freudigen Ereignissen zu S. Victor eine Feier, die darin bestand, den kostbaren Beliquienschrein des Heiligen von hohen Personen aus der Stiftskirche in die Kapelle auf dem Fürstenberge und zurück tragen zu lassen. Man nannte diese Processionen Victorstrachten. Die ersten aufgezeichneten fanden im Jahre 1315 und 1375 statt. Herzog Adolf von Cleve im Geleit von 360 Processionen hielt eine solche 1421. Allein die grossartigsle dieser Victortrachten fand 1464 statt: Johann und seine Söhne, umgeben von königlicher Pracht, trugen den Schrein und 300,000 Gläubige folgten. Wall- über die Statuten und Einrichtungen des xantener Stiftes überliefert wird, und ist aus anderer Quelle abgedruckt bei Binterim etc. Urk. 41. Auf jenen Synoden balte der Propst fast vollständig die Rechte des Bischofs: seiner Jurisdiction unterlagen alle Streitigkeiten, hauptsächlich über äussere Dinge, über Einkünfte und Besitzungen und Kirchenverwaltung; er halte die Rechte und Statute aller ihm untergeordneten Kirchen zu schützen und in streitigen Fällen zur Entscheidung zu bringen; auch die diseiplinarische Gewalt üble er bis zu einem gewissen Grade aus mit Vorbehalt der dem Erzbischof reservirlen Fälle. Vgl. über die Rcchle des Propsles überhaupt die cölner Synode von 1260, c. 11. Jedoch tritt für Xanten noch der besondere Fall ein, dass die Pfarre zu Xanten und die ihr annexen Kirchen der Jurisdiction des Propsles entzogen waren und unter der desDecans von Xanlen standen, welcher in diesem Umkreise die vollen Rechte eines Ar- chidiacons hatte. S. Binterim etc. Lih. Procurat. elc. II. S. 4. Ja, diese Rechte des Decans gingen so weit, dass ihm selbst der Propst bei seiner Inslallirung Gehorsam schwüren mussle und nur mit dessen Erlauhniss im Capitel erscheinen durfLe; so dass sich in Xanten die Gerechtsame des Propsles auf die Oberaufsicht über die äusseren und zeillichen Verhältnisse des Stiftes beschränkten. S. xantener Manuscript in Berlin Fol. 2 und 6. Die Rechte des xantencr Archi- diaconats sowohl im engeren als auch im weiteren Sinne wurden sehr aufmerksam gewahrt, vielfach bestäligt von Kaisern, Erzbischöfen und Päpsten, wie eine grosse Anzahl von Urkunden, besonders bei Binterim, lehren; im Jahre 1236 verbrüderte sich das Stift Xanten mit dem von Bonn und St. Gereon zu Cöln zu gegenseitiger Hülfleistung in geistlichen und weltlichen Dingen, namentlich zur Aufrechthaltung ihrer Rechte dem Erzbischofe gegenüber (Binterim etc. Urk. 96), wie ebenfalls mit Mainz (Binlerim elc. Urk. 97). Alle einzelne Aemter im Capitel waren genau beslimmt und mit festen Rechten und Pflichten umschlossen. Xantener Manuscript in Berlin Fol. 6 ff. Der äussere Besitz mehrte sich von Jahr zu Jahr; mehre Salhöfe mit abhängigen Latenhöfen waren dem Stifte annex; Lacomblet Archiv etc. I. S. 163; von Abteien und Pfarren flössen ihm grosse Abgaben zu; — so dass es gewiss mit Recht in allen Beziehungen für eins der grössten und wichtigsten Arckidiakonate gilt. 16. Mooren bei Spenrath III. S. 80. Schollen S. XIII. 17. Lac. III., 188. 851. 965. 968. IV., 275. 285. 289. 416. XANTEN. 37 fahrten von diesem Umfange bereicherten den Bauschatz freilich mit beträchtlichen Summen. 18 Die Baurechnungen nennen uns viele Bauvorsteher und Künstler, auf die wir bei den einzelnen Werken zurückkommen. Tafel XVII. 1. Mantel eines cylinderförmigen Elfenbeingefässes aus der letzten römischen Kaiserzeit. Höhe 5", Durchmesser 4J/2''. Man hat dem dargestellten Vorgänge zwei Deutungen gegeben: 1 Die eine von Fiedler erkennt darin die Bettung des Zeus, dessen Attribut, der Adler, die Darstellung einleitet; ein Diener bringt den Stein, mit welchem Kronos getäuscht werden soll; an ihn reiht sich Elithyia, die Geburtshelferin, zuhörend der Mnemosyne, welche zur Kithara den Gehurtshymnus anstimmt. Die lebenspinnenden Parzen, dann die Betterin des Kindes, welche es den lärmenden Cureten anvertraut. Die zweite Deutung von Gerhard und Urlichs findet die Erkennung und Wegführung Achills auf Scyros näher liegend. Der Vorhang neben dem Adler bezeichnet das Zimmer der Königstöchter, deren 5 hier erscheinen. In der Mitte die tonkundige; zu ihren Füssen spinnt eine zweite; die drille, in der Beihe die erste, sieht einen Fremdling mit Gaben sich nähern: es ist Ulysses. Die über der spinnenden Königstochter stehende Jungfrau ist durch seine Erscheinung überrascht und entsetzt. Die Ueberraschte ist Niemand anders als der sich erkannt sehende Achill. Er folgt seinen Gefährten, zu hinterst Diomed und Agyrtes mit der Trompete, dann Ulyss und er selbst. Die verzweifelnde Deidamia sucht ihn vergebens durch den emporgehaltenen Sohn Pvrrhus zurückzuhalten. 2 Beide Deutungen befriedigen nicht vollständig. Um die erstere anzunehmen, müsste man den vermeintlichen Diener mit dem Steine für Kronos selbst, die weibliche Figur daneben für die scheinbar resignirte Bhea halten, da doch diese beiden Hauptfiguren der Handlung kaum fehlen dürften; müsste man ferner den Ausdruck der stehenden Parze auf die Freude der gelingenden Täuschung deuten. In der zweiten Erklärung aber wird der Adler zu bedeutungslos; denn ihn auf Scyros als Adlerhorst oder auf einen Besitzer Aquila zu beziehen, scheint uns unzureichend. Das Schloss, das Band um den Hals des Adlers, wie die angehefteten Bänder, sind spätere Zuthaten. 2. 2a. 2b. Bereits auf Tafel VI. (8) haben wir einen diesem fast gleichen Beliquienschrein von Elfenhein abgebildet. Aus dem dort Gesagten sei nur wiederholt, dass die innere Zusam- menhangslosigkeit der einzelnen Figuren, wie der Mangel einer ganz bestimmten Idee in jeder einzelnen wieder diese Bildungen als allgemeine Beminiscenzen des Alterthums in thea- 18. Spenrath und Mooren III. 81 und ausführlich der angeführte Berliner Codex. 1. Jabrbflcher des Vereins von Allerthumsfreunden in den Rheinlanden. Heft V. u. VI. S. 365. 2. Am Ohr der Deidamia ist ein späterer Nagel eingefügt. 38 XANTEN. tralischen Stellungen der Paläslra, analog solchen Darstellungen auf Mosaikböden, spätestens der carolingischen Zeit zusprechen lassen. Anklänge an die Nibelungen-Sage können wir nicht darin finden. 3 2 ist der Deckel, 2a eine Langseite, 2b sind die Figuren der anderen Langseite und der Schmalseiten. 3. Zwei Reliefs in Sandstein, 3' 6" hoch und 1* 6" breit, eingemauert über den Thorweg, der vom Markte zur Kirche führt. Die Idee der Ueberwindung des bösen Princips in Gestalt von Ungeheuern, welche von den gepanzerten Helden bezwungen werden, wie das Costüm, erinnern an die alte Heldensage, wesshalb wir diese Reliefs in die fränkisch-romanische Periode des ersten Jahrtausends verweisen. Es dürften die letzten Reste der alten fränkischen Burg zu Xanten sein. 4. 4a. 4b. 4c. 4d. Emaillirled Reliquiarium in der Grösse des Originals. Die Figuren aller vier Seiten sind vergoldet, und nur die Heiligenscheine und die Bücher, welche die Heiligen in den Händen halten, erscheinen in einer anderen Farbe. Der Nimbus des in der Mitte thronenden Salvator mundi z. B. ist roth, hei den ihm zunächst sitzenden Heiligen ist er weiss, bei den nächsten wieder roth, und so fort im steten Wechsel. Das Buch, welches der Heiland hält, ist roth; alle anderen sind bläulich. Die Hintergründe wechseln ab zwischen hellblau und dunkelblau. Alle Säulen wechseln in den Farben in der Art ab, dass eine einen grünen Schaft, weisse Base und weisses Capital, und eine einen weissen Schaft mit grüner Base und grünem Capital hat, welche Farben mit einer gelben Linie umzogen sind. Die Farben der Sitze wechseln wie die der Säulen. Entweder ist das Miltelstück grün, Sockel und Lehne weiss, oder letztere sind grün und das Mittelstück weiss. Der Tritt, auf welchem die Füsse ruhen, ist hellblau, mit Ausnahme bei der Maria und dem Erlöser, wo* er roth erscheint. Die vier Seiten des Schreins (4. 4a. 4b. 4c.) werden unten und oben von einem rothen, seitwärts von einem gelben Bande eingefasst, dann folgt in der Abschrägung oben und unten ein Ornament in getriebenem Golde, und dann auf hellblauem Grunde ein ebensolches in grün, blau und roth. 4d stellt den Deckel dar, der viel späterer Zeit angehört. Die Schriftbänder und Figuren desselben sind alle hellbläulich, die Nimben der Medaillonbilder gelb. Die Hintergründe wechseln zwischen blau und grün ab. Das Blaltornament um die Medaillons ist grün und weiss. Der äussere Rand enthält Namen von Heiligen, der innere einen Vers, der in deutscher Uebersetzung lautet: Was hier geschieht auf dem äussern Allare, Es wird vollendet auf dem geistigen Allare des Herzens; Geopfert wird eine sichtbare Hostie unter verdeckter Gestalt, Auf reinem Altare opfert sie des Herzens Frömmigkeit. 3. Jahrbücher des rhein. Alterlhums-Vereins Heft V. und VI. S. 369. XANTEN. 39 Wir setzen diesen Schrein spätestens in die Mitte des Uten Jahrhunderts. In dem mehrfach genannten Berliner Codex über Xanten steht Fol. 68 Folgendes: „Inschrift über dem Grabe des h. Victor vor dessen Versetz u ng: „Ihn, den Ruhm, die Ehre der Stadt, die Zierde der Kirche, „Ihn, des Vaterlands Vater, bedeckte vordem dieses Grabmal. „Jetzt nahm andere Stätte ihn auf; such hier ihn nicht länger; „Dort ist des Führers Gehein mit frommer Verehrung geborgen. „Fragst du vielleicht nach der Art, auf welche dies Alles geschehen, „Siehe, das folgende Blatt wird den Knoten des Zweifels dir lösen. „Es wisse also die Gegenwart und die Zukunft, dass vordem in einem unter gegenwärtiger Tum ha beigesetztem Sarcophage der hochheilige Leib des heil. „Victor, des herrlichen Patrons unserer Kirche, in seligem Andenken ruhte. Als derselbe „später in das schöne Behällniss der Capsel, in welcher er noch befindlich ist, ehrerbietig „gelegt wurde, blieb ein Theil der Geheine und Kleider als Zeichen der damaligen Verehrung im genannten Sarcophage zurück. Desshalb wurde später dieser Sarcophag mit „allen Reliquien an einem geeigneten Platze im östlichen Theile des Chores heigesetzt und „nach damaligem Gehrauche „das Grab des h. Victor" genannt. Als später der vordere „Theil der Kirche zum Behufe eines besseren Baues niedergerissen wurde, wurde auch je- „ner Sarg von den dabei Gegenwärtigen mit gebührender Ehrfurcht geöffnet und in ihm „jener Schatz der genannten Reliquien, für alle gläubigen Christen und besonders für die „Kinder dieser Kirche kostbarer als Gold und Topas, gefunden. Mit diesen wurde zugleich „eine Partikel des heil. Kreuzes aufgefunden, welche die h. Helena, die frömmste Kaiserin, „selbst dem hochheil. Leihe des h. Victor gleichsam als Gewürz statt aller Spezereien beigesetzt haben soll, wie es das Zeugniss des mit den Reliquien zugleich gefundenen Briefes „klar darthut. Vorgenannte Reliquien, so aufgefunden oder vielmehr entdeckt, sind der grösseren Verehrung wegen aus ihrem Behälter im Sarcophage herausgenommen und in eine „silberne Kiste (scrinium argent.) und in eine mit Gold und. Gemmen verzierte Capsel „(theca) gelegt, worin sie noch aufbewahrt werden als eine ewige Zierde dieser Kirche. „Damit aber der Sarcophag, der ehemals solchen Schatz barg, nicht der Vergessenheit und „Geringschätzung anheimfalle, ist ein Theil von den Reliquien des h. Victor von den übrigen „getrennt und in demselben heigesetzt, damit derselbe nicht allein als Andenken der Reliquien aufbewahrt werde, sondern selbst für die Verehrung Reliquien darbiete." Die aufmerksame Analyse dieses Rerichles ergibt, dass der Sarcophag des h. Victor früher unter einem damals noch bestehenden Grabmale ruhte, dass man aus diesem Sarcophage einige Reliquien in eine Capsel gelegt hatte und dem Sarcophage selbst einen Platz im östlichen Chor gab, das Grab des h. Victor genannt. Und dieser im Oslchor stehende Sarcophag ward dann später, und zwar im Jahre 1264, als man den IVeubau dieses Chores begann, nochmals geöffnet und abermals einige Theile davon in ein silbernes Scr.nium und eine mit Gold und Edelsteinen verzierte Capsel gelegt. Wir begegnen also fünf Denkmälern: 40 XANTEN. 1) dem ursprünglichen Sarcophage, der von seiner ursprünglichen Stelle in den Ostchor kommt, 2) einer darüberstehenden Tumba, 3) einer früheren Gapsei-, 4) einem späteren Scrinium (1264), 5) einer damit gleichzeitigen theca (1264). Die Tumba wird 1441 unter den Thürmen abgebrochen, 4 also dort stand früher der Sarcophag; der Sarcophag wird nun der jetzt noch im Ostchor stehende sein (Tafel XVIII. 1.) und die zuerst erwähnte Capsel ist eben diejenige, welche wir so eben beschrieben. Ueber den Verbleib der 1264 zur Aufnahme von Reliquienlheilen erwähnten, mit Gold und Gemmen verzierten theca wissen wir nichts zu sagen; das Scrinium scheint erst nach 1834 verschwunden zu sein. 5 Tafel XVIII. l. Sarcophag des h. Victor, jetzt im Hochaltar aufgestellt, ungefähr 4'/2' lang, 1' breit und 2' hoch. Dieser silberne, reich vergoldete und mit Edelsteinen und Emaille geschmückte Schrein hat manchen Unbilden der Zeit unterlegen. Flüchtete schon der Präpositus der Kirche die Reliquien im 9len Jahrhundert nach Cöln, 6 so unterliegt es auch keinem Zweifel, dass Vorderseite und Deckel jünger sind als der übrige Schrein. In der französischen Revolution stand das Heiligtbum Jahre lang auf dem Kornspeicher eines Ackergutes. 7 Die uns dargebotene Langseite theilen acht emaillirte Pfeiler in drei schmalere und vier breitere Flächen. In den schmaleren stehen auf Polstern in fast runden Figuren die Apostel Jacobus, Thomas und Rartbolomäus. Die andere Langseite enthält weitere 3 Figuren und die hintere Schmalseite deren eine. Die acht breiteren Flächen haben ihren ehemaligen Schmuck verloren und sind jetzt mit flachen Messingplatten bedeckt; ob sie auch mit Apostelfiguren und denen des Heilandes, des h. Victor und der Gottesmutter geschmückt waren, würde mit der Zahl der Flächen im Gesammlen, deren 15 sind, stimmen; indessen spricht auch wieder die veränderte Rreile der leeren Flächen für eine andere Ausfüllung. Die vergoldeten Pilaster sind in den Schaltflächen in mosaikartigen Mustern emaillirt. Die Flächen sind zunächst von einer gelben Linie umzogen; auf blauem Grunde liegen dann im ersten und zweiten Pilaster die kleinen Vierblätter, ebenfalls gelb umzogen, abwechselnd in rother und weisser Farbe. Wieder gelb umzogen auf blauem Grunde sind dann die Palmetten des dritten Pilasters, in der oberen Hälfte hellblau und vom ersten Querstrich an grün. Im vierten sind auf gelbem Grunde die mittleren Würfel blau, die halben seitwärts 4. Spenrath IL S. 28. 5. Mone: Anzeiger Jahrg. III. S. 105 erwähnt einen um 1834 gesehenen vergoldeten Reliquienschrein mit Abhildungen der mystischen Thiere der Apostel und Christus mit zwei Inschriften. 1) Ales, homo, leo, hos animalia myslica circa, majeslas medio, post fulget apex duodenus. 2) In hoc scrinio continetur de ligno domini, Victoris martyris, Pancralii martyris, Silvestri papae, Calixti papae. 6. Annales Xant. ad auno 864. 7. Schölten S. IX. XANTEN. 41 grün. Die Palmellen des fünften und sechsten Pfeilers sind auf blauem Grunde gelb umzogen, abwechselnd einer grün und einer rolh. Der siebente ist eine Wiederholung des vierlen und der achte endlich blau und grün. In denselben Mustern und Farben wiederholen sich diese Emaillen auf der anderen Seile. Die vordere Schmalseite enthält auf einem Oval in der Mitte ein Kreuz von Berg- cryslall, wahrscheinlich zur Aufnahme einer Partikel des h. Kreuzes bestimmt, vielleicht derjenigen, von welcher wir S. 39 sprachen, dann in den getriebenen Goldflächen 6 grosse Edelsteine, die aber bereits verschwunden sind. Den giebelarligen Deckel umranden zunächst die Worte: Fedefis arca tulit palribus signacula s tanlum; Hec tarn rem quam spem populo ferl lemporis omnis. Auro munitus lapis arte viri nitet extra; Sed virtulis opus folget pretiosius inlra. Umgeben von Arabesken mit Besliarien erblicken wir dann in 5 Feldern die thö- richten Jungfrauen, denen auf der anderen Seile die 5 klugen entsprechen. In der vorliegenden Seite ist die Figur im letzten Felde eine Wiederholung der dritten, indem im Original dort die alte durch eine neue ersetzt ist. Die klugen Jungfrauen der anderen Seile sind fast ganz zerstört. Auch die vordere Giebelseite entbehrt ihrer Ursprünglichkeit; das mittlere Dreieck füllt jetzt ein aufgenageltes Stück alter getriebener Arbeil. Die Formen der Langseile des Sarcophages, besonders die Pfeiler mit steilen Basen und den eigentümlichen Capilälen scheinen früherer Zeit anzugehören, wie Deckel und Vorderseite, die man frühestens ins Ende des 12ten Jahrhunderts setzen kann. 2. Handtuchhalter aus geschnitztem Holz in der Sacristei der S. Victorskirche aus dem lßten Jahrhundert, circa 22" hoch und 26" breit. Das Schnitzwerk ist roth unterlegt. Die horizontale Querstange dient zum Anheften der Handtücher. Die linke Schmalseite ist mit Gehängen an die Wand befestigt; die rechte zeigt eine geschnitzte Bosette (2a), in deren Mitte ehemals eine Verzierung gewesen sein mag, die wir durch die Xantener Wappenschlüssel ersetzt haben. Zwei Löwen als Wappenhalter befinden sich oben zur Bekrönung, unten eine Sirene, die in einer Hand einen Kamm, in der anderen einen Spiegel hält. 3. Sechseckiges Belicpiienfass. Der mittlere runde Theil enthält eine Beihe Heiligenfiguren in Elfenhein. Fuss und Decke] sind von Holz und zwar der letztere Holzmosaik, das Kreuz und die Löwen von gelbem Metall. Die Höhe beträgt ungefähr 11' 8. In der Abbildung stebt liier durch Irrthum signalula. Die Inschrift lautet in deutscher l'ebersetzung: Die Bundeslade enthielt für die Väter nur ein Zeichen; Diese Lade enthält fürs Volk sowol die Sache als die Hoffnung für alle Zeilen. Der mit Gold umfasste Stein glänzt nach aussen von eines Menschen Kunst, Aber kostbarer glänzt nach Innen der Tugend Werk. 6 42 XANTEN. Sechseckige silberne, vergoldete Monstranz, ungefähr 25 i li" hoch. Die sämmtlichen Nischen, einzelne Verzierungen am Knaufe und der Bekrönung sind blau emaillirt. Spälgotliisch. 5. Grosser Altarleuchter in Messingguss, welcher die ganze Breite des Chors durchschneidet, wesshalb man sich in unserer Abbildung denselben nach rechts um den Theil bei links verlängert denken muss, so dass er sich an beiden Seiten an die Kirchenpfeiler anlehnt (wie es in der Abbildung bei links geschiebt). Die Länge beträgt ungefähr 30', die Höhe 15'. Der Leuchter hat an den Sockeln seiner beiden Pfeilerbündel folgende Inschrift: desen luchter is gemacht toe Maystricht anno dm. mccccc en eyn (1501). 6. Messingleuchter ebendaselbst, ungefähr 9' hoch. Da wo die Arme sich trennen, befindet sich ein Wappenschild, auf welchem ein Löwe mit einem Kreuz eingravirt ist mit einer Inschrift, wonach ein Xantener Canonicus Platea der Schenker war. 16tes Jahrh. 9 7. Statue des h. Victor in Sandstein an einem der Pfeiler des Mittelschiffes. 8. Statue des h. Martinus in Sandstein an einem der Pfeiler des Mittelschiffes. Von besonderem Interesse, weil wir aus den Baurechnungen wissen, dass Meisler Johann von Goch dieselbe 1488 verfertigte. 10 9. Statue der Madonna aus Sandstein an einem Pfeiler des Mittelschiffes, ebenfalls durch ihren Meister bezeugt. Es ist Andreas von Cleve, der dieselbe 1495 verfertigte." 10. Drei Engel mit Passionswerkzeugen an den Schlusssteinen der Gewölbe des Mittelschiffes, welche Meister Heinrich von Holt 1514 vollendete. 12 Tafel XIX. l. Ansicht eines Theils der Chorstühle, welche in Doppelreihen von circa 34' gegenüberstehen. Zur Zeil, als das Chor vom Schiffe durch einen Lettner getrennt wurde (um 1300), wurde die lange Stellung unterbrochen, und seitdem sind sie durch eine Ecke gebrochen. Die Chorstühle von Xanlen sind die ältesten am Niederrhein; sie sind noch roma- 9. Ein Meister Arnolclus de Platea kommt 1534 bei Schollen vor. 10. Schölten S. 51 ad annum 1488: magistro Johanni de Goch pro lapide monasleriensi, de quo fieret ymago sancti Martini HU. mr. 11. Schollen S. 60. 12. Schölten S. 74. Es sind ihrer noch mehrere, die im zweiten Bande folgen. XANTEN. 43 nisch und neigen dem Uebergangsstyl zu. 13 Durchaus verschieden ist die Auffassung der Natur, der wir hier begegnen, von jener späteren naturalistischen Auffassung der Gestühle von Cleve, Emmerich und Calcar. Pflanzen und Thiere erscheinen nicht in geistreicher Realität; erstere gehen nur die Motive ihres Wesens, um in strengeren Typen aufzutreten, letztere sind von der Phantasie külin weitergebildet. Alles ist allgemeiner, strenger, typischer. la. Wangenstücke der nicht abgebildeten Theile der Chorstühle. Ib. Armlehnen der Xantener Chorstühle. 2. Consolen der Silzhrelter von einem einzeln stehenden kleinen Gestühle derselben Zeit. 3. Theil eines Gestühls in der Kirche aus dem 16ten Jahrhundert. 4. 5. 6. 7. 8. Dieses Werk und die vier folgenden, welche in lebensgrossen Sandstein-Figuren Christi Leiden und Auferstehung auf dem Hofraum der Kirche vergegenwärtigen, gehören zu den vorzüglichsten Werken des 16ten Jahrhunderts und sind alle von einem Canonicus Berendonk gestiftet. Die Grablegung und Auferstehung haben folgende Inschrift: Corpus ubi exanimum justus deponit Joseph Sindone convolvens aller aroma parat. Myrrha aloe inunctum concludunt Mausoleo Funeracrae aspectant fletibus usque piis. Attamen inferni dirumptis ille catenis Emicat in lucem. Victor ubique potens Emptus ad excubias miles deprehendit inanes. Semper enim domini splendida verba manenl. Gerardus Berendonk Canonicus. Xanct. F. C. 1536. In der Nische der Grablegung finden wir den Donator rechts knieend und ebenso 13. Mone: Anzeiger 1834 S. 105 fillirl zwei Inschriften an, welehe sich an den Gittern, die den Chor seitwärts ahschliessen, befinden, und bezieht dieselbe irrthttmlich auf die Chorstuhle, wozu gar kein Grund vorhanden ist. Denn das Wort cancellus muss man docli auf das Gitter beziehen, an welchem sich die Inschriften befinden. Dieselben lauten: Annus C quater, M semel, X ter, jungile Septem ; hoc opus ut munus donat de fratribus umis, gaudeat absque poena Lambertus ut hinc ab Avena. Die zweite: Est datus iste Deo cancellus pro jubileo, pentlia ter X annis Goch C qualer M que Johannis fratris in ecclesia pax sibi perpetua. Schon die Inschriften 1435 und 37 würden gar nicht zum höheren Alter der Stühle passen. IMMi . 44 XANTEN. bei den folgenden Darstellungen. Die Inschrift bei 5 und 7 ist verwittert, und nur die Worte sind zu lesen: Domino Christo Jesu servatori noslro Gerardus Berendonk canonicus Xanclensis fieri curavit. Im Ecce homo offenbart sich der derbe Zeitgeist auf sehr fassbare Weise, denn unter dem rohen Haufen, der da: „Kreuzige, kreuzige ihn!" ruft, finden wir zumeist vorn Martin Luther mit einer Tasche, auf welcher, sicherlich in symbolischer Bedeutung, ein Baublhier- kopf angebracht ist. Die Figur neben Luther reisst, um eine verächtliche Grimasse zu machen, mit einem Finger den Mund auf; eine davor scheint mit Roth werfen zu wollen. Die Grablegung misst 7' 4" in der Höhe, 7' 3" in der Breite. Die Auferstehung 7' 4" hoch, 7' 3" breit. Christus am Oelberg 9' hoch, 7' brät; das Ecce homo 10'K hoch, 7' breit. Die Kreuzigung misst 26' in der Breite, in der Höhe an 20' und trägt folgende Inschrift: Heus tu, siste viator, quis sim, suspice; fixus Pro te eonditor orbis eulpam morte piavi. Restat poplite flexo denudes capul atque Servatoris adores immorlale tropheum. Gerardus Berendonk Canonicus Xanct. F. C. 1525. Auch hier sehen wir den Donator am Kreuze knieen. Bemerkenswerth ist noch die Veranschaulichung des Todes der beiden Schacher. Die Seele des einen, der den göttlichen Trost erhielt: „Du wirst mit mir im Paradiese sein!" hebt ein Engel in Gestalt eines Kindes aus ihm heraus. Die Seele des anderen empfängt eine Teufelsgestall. Tafel XX. Marien-Altar, ganz in Eichenholz geschnitzt, ohne Polychromie, 14' hoch. Aehn- lich dem Altare in Calcar (Tafel XIII.), umschliesst auch hier die Wurzel Jesse, aus Abrahams Brust emporwachsend, über David und die Folgenden hinwegrankend, den ganzen Innenraum, der in acht Darstellungen das Leben der Maria vergegenwärtigt. Unten links werden Anna und Joachim mit ihrem Opfer aus dem Vorhof des Tempels gewiesen, weil ihre Ehe unfruchtbar ist. Allein Gott erhört das Gebet der Retrübten, und schon in der Darstellung darüher sehen wir die Geburt der Maria. In der folgenden oberen Abtheilung geht sie zum Tempel hinauf, um sich dem Hohenpriester zu zeigen. Die Verkündigung folgt rechts unten; an diese schliesst sich die Begegnung mit Elisabeth, die Trauung Josefs und Maria's, Maria's Tod. Die tlimmelskröhüng bescbliesst den Cyclus. Im unteren leeren Mittelraum dürfte die Geburl Christi gewesen sein, weil gerade diese in der Beihcnfolge der Darstellungen fehlt. Auch dieser Altar wird von den Bildnissen seiner Donatoren bekrönt. Rechts wieder, wie in Calcar, ein schreibender jüngerer Mann im langen Gewände, nud links ein XANTEN. 45 knieender älterer, der auf ein entblösstes Bein zeigt, 14 und hinter ihm eine Frau in niederländischem Costüm. Wahrscheinlich also ein Ehepaar, welches diesen Altar als Gelübde für eine überstandene Krankheit, worauf das entblössle Bein des Mannes zu deuten scheint, errichten Hess. So kühn und schwungvoll dieses Werk auch geschnitzt ist, so unerreichbar die Kunstfertigkeit auch dasteht, die aus dem harten Material jenes durchbrochene Wurzelwerk zu lösen verstand, was uns bei dem ähnlichen Altar aus Calcar, den man freilich wegen seines dunklen Standpunktes weniger sehen und zeichnen konnte, bereits zum Erstaunen zwang; so zeigen doch die mittleren Säulenbündel und oben die horizontal gekrümmten Fialen Formen, welche später als der Calcarer Altar, und frühestens in die Mitte des 16ten Jahrhunderts zu stellen sind. 15 14. Durch einen Irrthum des Zeichners steht links anstatt des Donatoren die rechte Gruppe wiederholt, wesshalb wir die richtige Gruppe im 2. Bande besonders geben werden. 15. Um dieselbe Zeit wird dieses Altars auch in einer Grabschrift des Kreuzganges gedacht, die vollständig lautet: „Gerardo ab Haffen, rectori altaris divi Antonii, fabrice huius terapli prefecto, vixit annis 73; decessit nona Maij 1535, Everhardus Maess, reclor altaris deipare virginis, eie tor testa 1 ' (executor testamenti), eidem in offilio suffectus b. M. posuil et sibi obiit a° 1558, 25 mens. Sep." (,** Druck yon J. B. Hirschfeld in Leipzig.