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1 = Abth. 1, Bildnerei (1857)
Entstehung
Seite
XXI
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II. KUNSTIIISTORISCHE ÜBERSICHT. XXI

ganges. 105 Diesen Zuständen der "Willkür analog überwältigte auch in der Kunst der Re-alismus den zurückhaltenden ernsteren Idealismus. Die Richtung auf das Reale beherrschtGedanken und Ausführung. Wir erinnern nur an die Einführung der Perspective in dieSculplur, indem man mehrere Gruppen verschiedener Grösse hintereinander ordnet, an dieEinführung landschaftlicher Hintergründe, Principien rein malerischer Natur, die allerdingsdem Pracht und Reichthum verlangenden Zeitsinn genügen, aber auch das Wesen der Sculp-tur beeinträchtigen. In Rezug auf die Ausführung kennt die Naturtreue kein Ziel, siegeht weit über das hinaus, was zur Totalität gehört, bis zu den kleinsten Zufälligkeilen derKörperbildung. Eine Warze ist ihr bei einer figurenreichen Composition (Taf. XI.) wichtiggenug, um sie anzudeuten. Ja auf dem Allarhilde Jans van Calcar hält sich ein Weib vor demauferweckten Lazarus die Nase zu, und auf einem älteren Gemälde reitet der kleine Jesusauf dem Steckenpferde mit den Eltern nach Jerusalem, 106 ja bei der Verkündigung fährtdas wirkliche Kind der Maria ins Ohr. (Taf 1, 5.) Allein dabei ist diese Ausführung mei-sterlich und genial, sie hat der Natur die individuellsten Züge abgelauscht, die Technik istvon der erstaunlichsten Sicherheil und Gewandbeit, besonders in Pflanzen- und Thier-Lebcnan den Chorstühlen zu Emmerich, Cleve, Calcar, Kempen und den Resten derselben inbeiden Kirchen zu Duisburg. Der Spolt über die Verweltlichung der Geistlichen blieb auchin der Kunst nicht aus; sie war ja längst aus der Hand der Kloslerbrüder zu den Laienübergegangen und diese üblen in der Kirche selbst Kritik aus über die Laster der Cleriker.Die Thierfabel des Reineke Fuchs, in den Nachbargegenden des Unterrheins entstanden,gab das Gewand her, in welchem man an den Chorslühlen die Satire ausliess.

So selbständig das Wesen der niederrheinischen Kunst somit auch sich aus demZeitcharakler entwickelte, so bestimmt darf man dennoch annehmen, dass, wie der Auf-schwung der rheinischen Verhältnisse überhaupt durch die Verbindung mit Rurgund raschervon Statten ging, so auch das künstlerische Leben nicht ohne speeielle Einwirkung vondorther blieb. 107 In Flandern waren Schnilzwerk in Holz allgemein. Die Rildhauerschulenzu Tournay, Dinant und Dijon wirkten protolypisch für die gleichzeitige und spätere Maler-schulen der Eicks. Und diese unter dem Einfiuss der Sculptur zur weiten Herrschaft ge-kommene Eicksche Schule war es wiederum, welche mit ihrer geistvollen Naturtreue aufden Charakter der niederrheinischen Sculptur und Malerei bestimmend wirkte, vorerst aufdie Holzschnitzkunst, deren erste Meister vielleicht durch die burgundischen Heiralhen hier-her kamen; es wurden ja auch fertige Kunstwerke daher bezogen, wie der Leuchter zu

105. Cornelius: Gesch. d. Milnst. Aufruhrs 1. 1625 und 27.

106. Fiorillo: Kunstgesch. in Deutschi. II. 86 sah dies Bild schon. Jelzl hängt es in der Pastorat.

107. Philipp der Kühne heslellle in Flandern Schnilzwerke für die Carthause zu Dijon. Jacques dc~Baerze wird als Künstler dabei genannt. Indess der bedeutendste war der Herzogl. YmaigierSluler aus Holland. An Erfindung und Charakteristik ein Zeilgenosse und Geistesverwandter derEicks, wie seine Skulpturen der Carthause beweisen. Waagen, Kunslbl. 1848 Nr. 1. flg.Förster, deutsche Kunstgesch. II, S. 17; 35; 39.