Das Papstthum. 61
in seiner Autorität gekräftigt, erhob die Hand, die auch innerhalb des Impe-riums und über dasselbe hinweg die leitende, herrschende sein wollte und seinmusste, denn in Ursprung und Sollen, die es vertrat, schlummerte umfassen-dere und tiefere Kraft als in dem mittelalterlichen Kaiserthum. Den geschicht-lichen Vorsprung des Kaiserthums einzuholen, den Anspruch wahr zu machen,der trotz der weltflüchtigen Askese die oberste Folgerung der göttlichen undgottvertretenden Autorität der Kirche war, das war es, wozu sich nunmehr dergewaltigste Papst aller Zeiten anschickte Das konnte zur Zeit, so sehr auchGregor selbst schon die Hierarchie aus dem der Kirche innewohnendenPrincip heraus entwickelt hatte, noch nicht mit dem Inhalt und den Macht-mitteln der Kirche allein geschehen, der grosse Streiter bedurfte einer Politiknach weltlicher Art und er bedurfte der Bundesgenossen; sie aber fanden sichin dem zweiten, ebenfalls für sich allein noch ohnmächtig gebliebenen Kämpfergegen das Imperium: in dem Sonderinteresse der Fürsten. Dann, als dieseVerbindung gefunden war, ist mit dem Siegeslauf der Kirche die Umgestaltungdes gesammten inneren Staatenlebens zunächst vollbracht worden.
Diejenigen, deren Hände sich dem Papste Gregor zunächst gebotenhatten, die Mitkämpfer des weltumformenden Streites, zu dessen Ausbruchund erstem Sieg sie ermöglichend so viel beigetragen haben, sind Rudolf undBertold. Des Kaisers Demüthigung musste Rudolfs kleinlicher Triumph wer-den, Gregor allein konnte dazu verhelfen I7r> . Ob Beide von Hause aus in demtiefen Sinne der cluniacensischen und gregorianischen Art kirchlich und obsie innerlich fromm waren, wissen wir nicht 5 Rudolf kennen wir ja als reuigenBekenner früherer Simonie. Jedenfalls, nachdem ihr Band zu Rom ein immerengeres geworden war, lenkten sie auch persönlich — und warum nicht mitimmer stärkerem Antheil der Ueberzeugung ? — in stets strengere Formenein. Vierzig Tage Fasten hielten, wie erwähnt wurde, die beiden Herzogenach dem Sachsenfeldzug und sprachen noch Monate lang mit vielem Bedauernüber das an der Unstrut um Nichts vergossene Blut m . Sie liessen es ge-schehen oder förderten es vielleicht auch, dass fahrende Prediger die schwä-bischen Gaue durchzogen, die, wie die Augsburger Annalen " 7 es ihrerseitsansehen, „unter dem Anschein der Religion überall hin den Samen deräussersten Zwietracht trugen"; in Hirsau ward im Herbst 1075 die seit1049 vorbereitete Erneuerung des Klosters anlässlich der Uebergabe und der
175 Beachtenswerth ist es, dass die beiden Herzöge niemals Otto von Nordheim inihr Bündniss mit Gregor hineingezogen oder mit diesem in Beziehung gebracht haben unddie sehr wahrscheinliche Bekanntschaft (Otto war ja zum Gesandten an den Papst bestimmtgewesen, s. oben S. 37) nicht zu einer Erneuerung haben führen lassen.Brief Gregor's an Otto.
170 Lambert SA. 200.
177 Ann. Aug. MGSS. III S. 128 zu 1075.
LÖ