Druckschrift 
Rechtsbrauch und Kinderspiel : Untersuchungen zur deutschen Rechtsgeschichte und Volkskunde
Entstehung
Seite
53
Einzelbild herunterladen
 

Rechtsbrauch und Kinderspiel. 53

gewiß harmloser und freundlicher geworden. So im lippeschenDorfe Almena 1 , in Schmalkalden und im Südharz. In Schmal-kalden tragen kleine Mädchen an diesem Tage Papiermützen 2wie seinerzeit die Ketzer und Hexen und werden als Hexenvon den Walpermännchen verfolgt. Im Südharz reiten die Bubenauf Steckenpferden den Hexen bis zur Flurgrenze entgegen 3 .

Das heitere.Pfänderspielstirbt der Fuchs, so gilt der Balg", imNiederdeutschen auchlütje funke lewet noch" genannt, das auchin Frankreich und England gespielt wird, hat vermutlich seinenAnfang in einem grauenhaften Brauch aus der Zeit des Zauber-wahns. Bei diesem Spiel wird bekanntlich ein Licht herumgereichtund wem es verlöscht, der muß ein Pfand geben. Dazu paßt unheim-lich ein Brauch, den man der mittelalterlichen Sekte der bonihomines zuschreibt; sie sollen Kinder getötet haben und das Kindin seinen letzten Atemzügen mit dem Spruchepetit bonhommevit encore" von einem zum andern weitergegeben haben. In wessenArmen das Kind den Geist aufgab, auf dem ruhte der Geist 4 .

b) Eine Reihe von Strafen kehren im Kinderbrauch wieder § 81.und leben da noch lange, nachdem sie in den Gerichten abgeschafft.Von den Todesstrafen ist die volkstümlichste der Galgen. Ihn § 82.finden wir in neckischer Harmlosigkeit beimWörter erraten"oderAufhängenspiel", bei dem für jeden falsch geratenen Buch-staben eines Wortes ein Strich weiter gezeichnet wird: aus diesenStrichen entsteht erst ein Galgen und dann der daran baumelndeGalgenvogel. Je nachdem, ob die Zeichnung früher fertig ist oderfrüher das Wort erraten wird, hat der eine oder der andere gewon-nen. Das Spiel ist wohl ein Rest des alten Brauches der Hals- § 83.lösungsrätsel. Da kann sich ein Straffälliger dadurch von derStrafe befreien, daß er im einen Fall ein Rätsel löst, im anderenaber eines stellt, das die Richter nicht lösen können 5 .

Ein Pfänderspiel heißt Hangen. Dabei stellt sich der Büßende, § 84.der sein Pfand einlösen muß, gerade hin und sagt:Ik hang, ik

1 ZRhWestfVk. 5 (1908), 72.

2 Vgl. das Bild bei Fehkle, Deutsche Feste, 62.

3 Ebenda.

i Singer, ZVk. 13 (1903), 168. Bolte, ZVk. 19 (1909), 406. Kahle,Seele und Kerze, HessBIVk. 6 (1907), 9ff.

5 Kögel, Gesch. d. d. Lit., I. Bd., 2. Teil, S. 168ff. Andree, Braun-schweig. Volkskunde 2 , 494. NdSachsen 6, 341. Wossidlo, Mecklenb. Volks-überlieferungen, 189ff. Böhme, Kinderlied, p. 52f.