Erweiterter Gesichtskreis. Folgen des Investiturstreits. 7
sichtskreis der Chronisten. Selbst die Localgeschichte wurde über-all berührt von dem alles durchdringenden Einflüsse des römischenPabstes, von seinem wechselnden Verhältnifs zum Kaiser; wer aberdie Geschichte im gröfseren Zusammenhange betrachtete, der konnteunmöglich sich ferner auf den eigenen Stamm beschränken, denndie ganze Christenheit erschien jetzt als ein organisch verbundenesGanzes; in den Kreuzzügen kam dieses am deutlichsten zur Er-scheinung, und diese Kreuzzüge trugen wieder ungemein viel dazubei, den Blick zu erweitern. Kaiser und Pabst erschienen als diebeiden Häupter der Christenheit, die Landesgeschichte trat dagegenzurück, und diese Auffassung gab der Geschichtschreibung ihrenGesichtspunkt.
Aber als der Kreuzesruf die ganze christliche Welt in Bewe-gung brachte, waren jene beiden Häupter bereits in Zwietracht ge-rathen. Es trat der lange und unheilvolle Kampf ein, der nament-lich auf Deutschland, wo auf dem einträchtigen "Wirken des Kaisersund der von ihm gesetzten Bischöfe die ganze Organisation desReiches ruhte, im höchsten Grade erschütternd und zerstörendwirkte. Jetzt, klagt Gozechin, Scholaster in Mainz, gilt nur nochGeld und Gewalt, die Wissenschaft führt zu nichts und mufs inden Schenken betteln gehen. Durch die Folgen dieses Kampfesverlor Deutschlaud seinen Vorsprung vor Frankreich und Italien.Nichts war jetzt mehr geschätzt als canonistische Gelehrsamkeitund diabetische Gewandtheit, und für diese Seite der Ausbildunghatte Frankreich immer die beste Schule dargeboten. Schon unterHeinrich III lassen sich Klagen über das Eindringen französischerModen vernehmen'). Schon von Bischof Heribert von Eichstedt(1021—1042) wird gesagt, dass er seinen Scholaster Gunderam für
') Sigifridi Gorziensrs episto/a, zuerst angeführt von M. Gerbert, Hist.nigrae Silvao I, 343; jetzt vollständig bei Giesebrecht II, 702 (5. A. 714).Vgl. auch Amarcius ed. Büdinger p. 34, II, 526 ff. Man. Guibert von No-gent bezeugt einen grofsen Aufschwung der französischen Schulen gegen1100, Monod. 1,4 (Opera p. 460): „Erat paulo ante id temporis et adhucpartim sub meo tempore tanta grammaticorum Caritas, ut in oppidis paenenullus, in urbibus vix aliquis reperiri potuisset, et quos inveniri contigerat,corum scientia tenuis erat nee etiam moderni temporis clericulis vagantibuscomparari poterat." — Ueber die Schulen in Frankreich gegen die Mittedes zwölften Jahrhunderts vgl. auch Schaarschmidt, Joh. Saresberiensis,Leipz. 1862; Leon Maitre, Les eeoles episcopales et monastiques 768—1180,Paris 1866. Für diese Zeit pafst nicht mehr der Brief NA. III, 410, mitwelchem Gosbert zwei Parisern einen Auszug aus Priscian übersandte,weil in Frankreich die Grammatik vernachlässigt werde; er selbst hattesie in Italien gelernt; vielleicht ist er doch identisch mit dem Vf. der VersePoet. Lat. IL 620, saec. IX.