Die Einwirkung des Rhachitis auf die Beckenknochen. 383
2) Das rhachitisch platte Becken (Pelvis plana rhachitica).
Literatur.
Dionis, P.: Traite gen. des accoucliements. Paris 1724. p. 241. u. 264. —Michaelis, G-.: 1. c. p. 122. — Litzmann: 1. c. p. 47. — Halbey: Zur Kennt-niss des platten Beckens. Marburg 1869. — Stanesco: Rech. clin. s. 1. retreciss.du bassin basees sur 414 cas. Paris 1870. — Kehrer: A. f. G. Bd. V. p. 55. —Fehling: A. f. G. Bd. XL p. 173.
Zum Unterschied von dem eben erwähnten einfach platten Beckentreten hier alle characteristischen Veränderungen der Rhachitis in denVordergrund.
Bekanntlich besteht die Rhachitis darin, dass der Wachsthums-knorpel sich bildet wie sonst, in denselben aber keine Knochensalzeeingelagert werden. Am anschaulichsten sind die Folgen an den Röhren-knochen, weil diese hauptsächlich in einer, nämlich in der Längsrich-tung wachsen. An den Gelenkenden legt sich bei der Rhachitis dieneue Knorpelmasse an, es bildet sich der Markraum wie immer. Aberdiese Knorpelschicht bleibt wegen des Mangels an Kalksalzen weichund wird zusammengedrückt. Die Verbiegungen, welche man am fer-tigen Knochengerüst als besonders deutliche Zeichen der englischenKrankheit ansieht, sind erst eine secundäre Folge derselben.
Bleiben wir bei dem Beispiel der Tibia, so wird auf einen un-gieichmässigen Druck der Knorpel schief. Findet eine stärkere Be-lastung nach innen hin statt, so wird die Knorpelschichte auf deräusseren Seite höher sein. Dauert dies über Monate hinaus in derselbenWeise fort, so ist die ganze Tibia schliesslich krumm gewachsen undhat eine nach aussen convexe Biegung bekommen.
Natürlich bleibt das Längenwachsthum des ganzen Knochens hinterder Norm zurück, wenn die Krankheit längere Zeit dauert. Was wirhier an einem Knochen als Beispiel ausgeführt haben, wiederholt sichan allen anderen.
Am Becken hat die Rumpflast beim Stehen und Gehen zunächstwieder das Hereinsinken der ersten Kreuz b ein wirb el zur Folge. Auchder Bänderzug am Beckenausgang findet in derselben Weise statt.Derselbe bringt aber bei der lang anhaltenden Zerrung eine stärkereKrümmung des Kreuzbeines fertig. Die Spitze desselben ist beim rhachi-tischen Becken oft spitzwinkelig nach vorn abgebogen und auch beider Lebenden die Knickung zu erkennen.
Die Wirbelkörper sind zur Zeit der Krankheit solider, aber dieKreuzbeinflügel, welche erst im extrauterinen Leben aus wachsen, ver-knöchern zu spät. Auf die Wirkelkörper pflanzt sich die Belastungdirect fort — dieselben treten aus den Flügeln heraus nach vorn — einquerer Kreuzbeinschnitt ist am rhachitischen Becken nach vorn convex.
Die Querspannung des grossen Beckens ist ausgesprochener, alsbeim normalen. Der Zug an den Lig. vaga posteriora führt beim rha-chitischen Becken sogar eine Knickung der Linea innominata herbei.