Druckschrift 
Hundert Jahre deutscher Kurzschrift : ein Vortr. über d. Entwicklung der Stenographie in Deutschland seit 1796
Entstehung
Seite
8
Einzelbild herunterladen
 

8

immer mehr verengende Anwondung findet. Weil die Schrift auf diese Weisesieh meist wie die gewöhnliehe Schrift nach rechts neigt, hat man ihr denNamen derkursiven" oderrechtsschrägen" Schrift gegeben. Wichtiger aberist der innere Unterschied, der in der Vorbindungsart beider Schriften besteht:die geometrischen Systeme fügen die Zeichen unmittelbar aneinander; der auf-wärts gezogene Strich ist ihnen stets ein Zeichen für einen Konsonanten,z. B. fürI"; sie kennen daher keine Vorbindung der Grundstriche durchHaarstriche, vielmehr reiht sicli Grundstrich an Grundstrich und Haarstrich anHaarstrich Das Kennzeichen der graphischen Kurzschrift ist dagegen dorBindestrich, der die Niederzöge an einander schliefst. Jene konnte man daherauch dieNietschrift", dioso dioGelenkschrift" nennen. Die Kürze derSchrift wird bei dieser Verbindungsweiso dadurch gewahrt, dafs der Bindestrichmeist vokalischo Bedeutung hat und möglichst wonig als sogenanntertoter"Bindestrich auftritt; auch vor wendet man ihn in zweifacher, mifsbräuchlic.hsogar in dreifacher Länge. Durch die Wahl nur in gleicher Richtung sichneigender Zeichen, sowie durch dio stete Abwechselung zwischen Grundstrichenund Haarstrichen wird eino Schrift erzielt, die dor gewöhnlichen Schrift gleicht,die für das Auge, das nicht drei Richtungen zu unterscheiden braucht, leichterlesbar, für dio Hand aber leichter und flüssiger ausführbar ist, und mit Hechtdieschreibbare" odorgraphische" Schrift heilst. Sie bezeichnet daher einenFortschritt gegenüber der geometrischen Schrift, die sich ungelenk in dreifacherRichtung orgoht und daher mehr zu zeichnen als zu schreiben ist. In allengraphischen Systemen sind übrigens jene Grundsätze nicht in gleicher Klarheitund Vollkommenheit ausgeprägt. Namentlich hat Gabelsborgors Schrift sichnoch vielfach Anhängsel aus dor geometrischen Zeit bewahrt, wie dio Vorwendunglinksschräger, selbst grader Formen, das unmittelbare Zusammonstofson vonGrundstrichen in stumpfem Winkel. Es hat sich oben die Eigenart der neuenKurzschrift immer fester und solbstbowufster herausgearbeitet.

Verfolgen wir nun dio Geschichte der geometrischen Kurzschriftauf deutschem Boden. Sie gleicht drei nebeneinanderlaufenden Strömen. Doreine zieht sich von Mosongeil über Horstig nach Nowak. Dio geometrischeKurzschrift ist in dor vorhältnisinäfsig hohen Ausbildung dor damaligen Zeitvon England und Frankreich nach Deutschland verpflanzt, und tritt dahergleich mit Mosengeil als eine eigene Unterart derselben auf, die etwa dor 1815veröffentlichten englischen Kurzschrift von Lewis, dem stenographischenGeschichtsschreiber Englands, nahekommt. Nicht nur sind die Zeichen selb-ständig auf die deutschen Laute verteilt, es sind auch besondere Zeichen fürzusammengesetzte Konsonanten geschaffen. Freilich wird dio Schrift Mosen-geils dadurch kaum lesbarer; denn er verwendet dasselbe Zeichen für sehr vieleZusammensetzungen. Darum kehrte Horstig in dieser Beziehung zu der