Vorrede. jYl ohrfachen Wünschen entsprechend erscheint der folgende Vortrag- in Druck. Der Verfasser hatte beabsichtigt, ihn zu einer Entwickelungsgoschichte der doutschon Kurzschrift zu erweitern und dann erst der Öffentlichkeit zu übergeben. Zeitmangel verhindert jetzt die Ausführung dieses Planes. Sollte die Be- handlungsweiso Beifall finden, so wird noch immer Zeit zu dieser Ausgestaltung sein. Aber auch jetzt schon glaubte der Verfasser die beiden Abschnitte über die Vokalbozoichnung und über die Schulfrago einfügen zu dürfen, die er beim Vortrage selbst der vorgerückton Zeit wegen weglassen mufste. Von der Beigabe der Belegstellen ist abgesehen; dieselben sind für die weitere Ausarbeitung aufgospart. Dagegon sind zur gröfseren Veranschaulichung des Gesagten einige Tafeln beigefügt worden. Viersen, Ende April 1896. Dr. Johnen. VV iihrond dor Erinnerungstage au die Neuerrichtung des deutsehen Reiches ist mit Recht darauf hingewiesen worden, dai's diese Zeit auch für die deutsehe Kurzschrift einen Halte- und Wendepunkt bedeutet. Nicht nur bildete das unter dem Schirme dos Friedens sich immer lebhafter gestaltende geistige und gewerbliche Loben einen mächtigen Hebel für eine früher ungeahnte Verbreitung derselben; auch für ihre Fortbildung waren jene Tage von Gewicht. Denn damals entstand die noustolzesohe Schrift, und diese führte, weniger in ihren Schriftänderungen, als durch den ihnen zu Grunde liegenden Geist, die sogenannten „Berliner Anschauungen", eine kleine Umwälzung in der inneren Entwickelung der deutschen Kurzschrift mit sieh. Und wenn wir uns schon oinmal in die Vergangenheit versenken, so werden uns zu Erinnerungstafeln auch das laufendo Jahr und dieser Monat, ja dor heutige Tag und dor hiesige Ort. Denn gerade vor hundert Jahren ist die deutsche Kurzschrift geboren. Nachdom Friedrich Buschendorf in Leipzig auf sie hingewiesen und ihr Nahen verkündet hatte, führte Friedrich Mosengeil in Zillbaeh sie ins Leben ein und leitete ihre ersten Schritte; beider Werke erschienen im Februar 1796. Damit begann der erste Abschnitt ihrer Geschichte, die Zeit der „geometrischen" Kurzschriftarten. Den zwoiten Abschnitt, den der „graphischen" Systeme, begründete dann der Mann, dessen Geburtstag auf den heutigen Tag, den 9. Februar, fällt: Franz Xaver Gabelsberger, der grofse Lehrmeister dor Deutschen auf stenographischem Gebiete, den wir ebenso verehren, wie die, welche sich heute noch nach seinem Namen nennen. Denn der hiesige Ort erinnert uns daran, dafs sein Werk nicht unverändert blieb, dafs es nicht ein Schlul'sstein war, sondern erst den Anfang einer neuen Entwickelung bezeichnete. Zu Solingen stellte ja 1877 Ferdinand Schroy Fordorungon auf, welche Gabolsbergors Schrift den veränderten Lebens- und Zoitvorhältnisson anpassen sollton, und die Grundgedanken dieser „Solinger Sätze" führten ihn nach weiteren 10 Jahren zur Herausgabe einer neuen Schrift, von deren Erfolgen die heutige Vorsammlung ein sprechender Beweis ist. Ich habe da Erinnerungen an die ganze Geschichte der deutschen Kurzschrift in Ihnen geweckt, und Sie erwarten nun, dafs ich Ihnen auch die Gefühle und Gedankon vordolmetscho, die sich bei einem Rückblick auf dieses 6 Jahrhundert deutscher Kurzschrift uns aufdrängen. Es ist freilich schwer, den Inhalt desselben in der kurzen, mir zugemessenen Spanne Zeit zusammenzufassen; ich kann nur die springenden Punkte berühren. Zur leichtern Auffassung wage ich es daher, den reichen Stoff unter zwei verschiedenen Gesichtspunkten zu betrachten, die in der Wirklichkeit freilich sich gegenseitig durchdringen und ergänzen, ja voraussetzen, und deren Trennung daher etwas gewaltsam erscheinen mag. Zunächst werfen wir einen Blick auf die innere, dann auf die äufsere Geschichte der deutschen Stenographie. Unter der inneren verstehe ich dabei die Entwickelung des kurzschriftlichen Gedankens in den verschiedenen Systemen, unter der äufseren das Hinaustreten der Kurzschrift auf den Markt des Lebens: dort die Ausbildung, hier die Ausbreitung derselben. Mosen geil nannton wir den Vater der deutschen Kurzschrift, und seinem Andenken lassen Sie mich wenigstens einige Worte widmen. Er entstammt einer Lehrer- und Pfarrersfamüie: 210 Jahre hatten seine Vorfahren als Lehrer gewirkt, bis sein Vater Geistlicher wurde. Auch der Sohn, unser Friedrich Mosengoil, war eine Zeit lang Lehrer gewesen an der Forstschule (Jottas zu Zillbach, diesem idyllischen Walddorf von Sachsen-Woimar, und wie Cotta der Vater, und Zillbach durch ihn die Geburtsstätte der deutschen Forstwissenschaft wurde, so wurde sein Fround Mosengeil der Vater, und Zillbach durch ihn die Goburtsstätto der deutschen Kurzschrift. In den Wäldern „an der Zillbach" entstand das erste Stenographiosystem Mosengoils, das er im Februar 1796 der Öffentlichkeit übergab. Der Vater rief dann unsern Mosengeil zu seiner Unterstützung an seinen Pfarrsitz, und kaum sollte er ebenfalls Pfarrer werden, als das Moininger Herzogshaus ihn zum Lehrer und Erzieher des jungen Herzogs Bernhard auserkor. Auch nach dessen Regierungsantritt blieb er sein Freund und Ratgebor, und schlofs sein Leben 1839 als Oberkonsistorialrat zu Meiningon. Dor weiteren Entwickelung seines Kindes Stenographie war er mit Liebe gefolgt. Als, durch ihn angeregt, Horstig auch ein evangelischer Geistlicher, 1797 seine „vereinfachte Deutsche Stenographie" veröffentlicht hatte, erkannte Mosengeil neidlos deren Vorzüge an und arbeitete danach seine Schrift um. Dieses sein zweites System gab er 1819 heraus, als das erwachende öffentliche Loben der Pflege der Kurzschrift gröfsern Erfolg versprach. Mosengeil war nicht dor Begründer der neueren Kurzschrift überhaupt. Sie war in England entstanden und grofs geworden. Dio Aufgabe der Kurzschritt ist Ihnen bekannt: sie soll eine kurze und doch genaue und dabei einfache Schrift bieten: möglichst kurz, möglichst genau möglichst einfach. Diese Forderungen stehen im Widerspruch mit einander: dio Genauigkeit widerstrebt der Kürze, und beide hemmen die Einfachheit. Wir beobachtet! daher beim ersten Auftreten der Kurzschrift ein Überwiegen der Kürze auf Kosten der Genauigkeit und Einfachheit, in der weiteren Entwickelung aber ein Vordrtogen jeder dieser Fordorangen auf Koston und oft zum Nachteile der anderen, endlich ein Streben nach einem Gleichgewichte aller, das zugleich eine Vervollkommnung und Fortbildung der ganzen Schrift in sich schliefst. In England war Willis (1(>()2), ein Geistlicher wio Mosengeil, der Vater der neueren Kurzschrift: er fordert Kürze der Schrift, und zur Erreichung derselben verwendet er schon einfache Zeichen für die Konsonanten und eine sinnbildliche Darstellung der Vokale. Die Genauigkeit und Deutlichkeit führte dann Byrom 1741 in die Kurzschrift ein und stellte sie zugleich auf eine wissenschaftliche Grundlage; die Einfachheit brachte Taylor 178(i zur Geltung und zugleich zur grül'sten Entfaltung, freilich auf Kosten der Deutlichkeit. Alle Forderungen erblickt England jetzt ausgeglichen in der weltumspannenden Schrift Pitmans, der sog. „Phonographie". Die deutsche Kurzschrift nahm jene Aufgabe von der englischen ihrer Zeit auf und suchte sie zunächst in der überkommenen Art zu lösen. Dann aber schlug sie einen andern, selbständigen Weg oin, und auch hier erblicken wir jene Stufenfolge: dio Zeit der Kürze, die dor Genauigkeit, die der Einfachheit. Den Namen Willis, Byrom, Taylor stehen hier gegenüber dio Namen Gabelsborger, Stolze, Faul mann, und den Versuch einer Einigung erblicken wir in der von uns vertretenen „Vereinfachten deutschen Kurzschrift" von Ferdinand Schrey. Wir haben somit die innere Geschichte der deutschen Kurzschrift in zwei Hauptabschnitte zu gliedern: in dio Zeit dor „geomotrischon" und dio der „graphischen" oder „kursiven" Systeme. Die Scheide bildet das Work Gabolsbergers, das 1834 erschien. Zunächst oin Wort über die Kennzeichen dieser Schriftarten. Dor äufsoro Unterschied ist dor, dafs dio Zeichen dor geometrischen Kurzschrift aus den einfachsten geometrischen Linien, dor gradon Linie, dorn Kreis und Beinen Teilen bestehen; damit ist eine vielfach steil und von links nach rechts gezogene Schrift gegeben. Der Gegensatz „steile oder aufrechte" und „schräge oder geneigte Schrift" würde indes nicht das richtige trotten, denn auch dio Zeichen dor graphischen Systeme kann man so gut wie dio der gewöhnlichen Schrift in steiler Richtung schreiben. Dor Unterschied liegt vielmehr darin, dafs dio geometrischen Systeme droi verschiedene Richtungen der Schrift, die aufrechte, die links- und die rechtsschräge, können und in gleichem Mafse Vorworten. Dio graphische Kurzschrift trifft unter diesem Zeichenschatze eine Auslose und benutzt verwiegend nur Zeichen mit dorsolbon, je nach dor Schreibart dos Einzelnen mehr oder weniger geneigten, selbst gradon Richtung; höchstens gestattet sie zwei Schriftrichtungen, indem der linksschräge grade Zug noch eine, sich übrigens — 8 — immer mehr verengende Anwondung findet. Weil die Schrift auf diese Weise sieh meist wie die gewöhnliehe Schrift nach rechts neigt, hat man ihr den Namen der „kursiven" oder „rechtsschrägen" Schrift gegeben. Wichtiger aber ist der innere Unterschied, der in der Vorbindungsart beider Schriften besteht: die geometrischen Systeme fügen die Zeichen unmittelbar aneinander; der aufwärts gezogene Strich ist ihnen stets ein Zeichen für einen Konsonanten, z. B. für „I"; sie kennen daher keine Vorbindung der Grundstriche durch Haarstriche, vielmehr reiht sicli Grundstrich an Grundstrich und Haarstrich an Haarstrich Das Kennzeichen der graphischen Kurzschrift ist dagegen dor Bindestrich, der die Niederzöge an einander schliefst. Jene konnte man daher auch die „Nietschrift", dioso dio „Gelenkschrift" nennen. Die Kürze der Schrift wird bei dieser Verbindungsweiso dadurch gewahrt, dafs der Bindestrich meist vokalischo Bedeutung hat und möglichst wonig als sogenannter „toter" Bindestrich auftritt; auch vor wendet man ihn in zweifacher, mifsbräuchlic.h sogar in dreifacher Länge. Durch die Wahl nur in gleicher Richtung sich neigender Zeichen, sowie durch dio stete Abwechselung zwischen Grundstrichen und Haarstrichen wird eino Schrift erzielt, die dor gewöhnlichen Schrift gleicht, die für das Auge, das nicht drei Richtungen zu unterscheiden braucht, leichter lesbar, für dio Hand aber leichter und flüssiger ausführbar ist, und mit Hecht die „schreibbare" odor „graphische" Schrift heilst. Sie bezeichnet daher einen Fortschritt gegenüber der geometrischen Schrift, die sich ungelenk in dreifacher Richtung orgoht und daher mehr zu zeichnen als zu schreiben ist. In allen graphischen Systemen sind übrigens jene Grundsätze nicht in gleicher Klarheit und Vollkommenheit ausgeprägt. Namentlich hat Gabelsborgors Schrift sich noch vielfach Anhängsel aus dor geometrischen Zeit bewahrt, wie dio Vorwendung linksschräger, selbst grader Formen, das unmittelbare Zusammonstofson von Grundstrichen in stumpfem Winkel. Es hat sich oben die Eigenart der neuen Kurzschrift immer fester und solbstbowufster herausgearbeitet. Verfolgen wir nun dio Geschichte der geometrischen Kurzschrift auf deutschem Boden. Sie gleicht drei nebeneinanderlaufenden Strömen. Dor eine zieht sich von Mosongeil über Horstig nach Nowak. Dio geometrische Kurzschrift ist in dor vorhältnisinäfsig hohen Ausbildung dor damaligen Zeit von England und Frankreich nach Deutschland verpflanzt, und tritt daher gleich mit Mosengeil als eine eigene Unterart derselben auf, die etwa dor 1815 veröffentlichten englischen Kurzschrift von Lewis, dem stenographischen Geschichtsschreiber Englands, nahekommt. Nicht nur sind die Zeichen selbständig auf die deutschen Laute verteilt, es sind auch besondere Zeichen für zusammengesetzte Konsonanten geschaffen. Freilich wird dio Schrift Mosen- geils dadurch kaum lesbarer; denn er verwendet dasselbe Zeichen für sehr viele Zusammensetzungen. Darum kehrte Horstig in dieser Beziehung zu der — ( J — früheren Stenographie zurück, erzielt aber seinerseits einen Fortschritt, indem er von den Zeichen für einfache Laute den Ring loslöst, und daraus das heute noch weithin gebräuchliche Zeichen für „r" bildet, ein Beispiel, dem in England obonfalls Lewis und dann Pitraan folgen. Denselben Weg schlägt nun Mosongoil ein und sucht ringloso Zeichen und besondere Zeichen für Konsonantenverbindungen in seinem zweiten System zu voreinigen, wobei er jenen Mangel dor Vieldeutigkeit beseitigte und fast jeder häufigen Konsonanten- Zusammensetzung ein eigenes Zeichen gab. Don Spuren beider folgton dann mit verschiedenen Abweichungen andere Erfinder, namentlich Heim und Nowak. So waren hier eine oder zwei selbständige Richtungen geometrischer Kurzschrift geschaffen, deren Besonderheiten auch in ihrem Mutterlande Anklang fanden. Ilaben wir hior eine Fortbildung dor damaligen englischen Kurzschrift vor uns, so führt der andere Strom rein englisches Wasser mit sich: es sind die Systeme von Danzer (1800) und anderen, die sich möglichst an das englische Vorbild, namentlich an die damals nicht nur in England allbekannte, .sondern über die ganze gebildete Welt verbreitete Schrift von Taylor anschliofsen. Beide Gruppen bezeichnen nur die Konsonanten und lassen die Vokale entweder ganz aus oder geben sie durch Punkte und Striche wieder, die das Konsonantengerippe umflattern. Im Gegensätze hierzu enthält die dritte Gruppe der geometrischen Kurzschriften Deutschlands meist Systeme mit buchstäblicher Vokalbezeichnung, darunter einigo beachtenswerte Anfänge, wie die Vollschrift in dem „Mysterien-Buche" eines Ungenannten von 1797. Da ich hier nur oin allgemeines Bild dor Entwicklung zeichnen kann, vorlassen wir die geometrischen Systeme und wenden uns zu den graphischen. Der Übergang mutet einen an, als träte man aus der starren und steifen Zeit der alten Ägyptor in dio lebensvolle und bis heute noch fortwirkende Zeit dos klassischen Altertums. Für die Aufsonwelt beginnt diese Zeit 18.'!4 mit dor Veröffentlichung der grofsen Anleitung Gabolsbergers, dieser Bibel der deutschen Kurzschreiber. Er hat bewiesen, was früher bezweifelt wurde, dafs man auch mit dem beschränkteren Schatze der rechtsschrägen Zeichen den Anforderungen dos Lebens und dor Landtage genügen kiinne, und damit war für Deutschland das englische Vorbild überwunden. Fortan ist hier nur dio deutsche, die graphische Stenographie lebensfähig, und macht jetzt selbst in England der geometrischen den Boden streitig. In dieser Zeit dor graphischen Kurzschrift stehen wir noch mitten inne, und eine Einteilung kann daher hier nur nach dem persönlichen Standpunkte des Einzelnen erfolgen. Der Bedeutung Gabolsbergers entsprechend mül'ste man hier nur unterscheiden dio G abelsborgersche und dio nachgabols- ber"-orseho Kurzschrift. Denn an G abolsberger reicht an Bedeutung, — 10 — an Stenographischem Feinblick und Erfindungsgabe keiner seiner Nachfolger heran: er ist der g'rofse Meistor mit grofsen Gedanken und grofsen Mitteln, der einen Neubau mit Quadersteinen errielitot, sich dabei freilich um die Ausgestaltung des Besonderen nicht kümmern kann. Seine Nachfolger sind die feilenden Gesellen, die hier im Einzelnen ausbessern, dort den Bau weiterführen oder das Ganze nach den veränderten Anschauungen und Zeitverhältnissen wohnlicher zu gestalten suchen. Unter ihnen aber können wir immerhin zwei Gruppen unterscheiden, und zwar bildet den Scheidopunkt hier die Aufstellung der neustolzeschen Schrift in den Jahren 18(18 bis 1872, also um die Zeit der Errichtung des deutschen Reiches. Wir gelangen somit zu einer Dreiteilung, die ich kurz kennzeichnen will. Gabelsbergor beabsichtigte allerdings zunächst die Erfindung einer allgemein verwendbaren Schrift, bald aber gewann in seiner Kauimorthätigkeit das Streben nach Kürze die Oberhand, und seine Schrift wurde eine Schrift für Kammerstenographen, und zwar für wissenschaftlich gebildete Leute, die Fachmänner werden wollten, eine Redeschrift, die er bezeichnender Weise auch seine „Bedezeichenkunst" nannte. Der Gedanke nach lvürze des einzelnen Wortes beherrscht ihu vollständig, und zwar sucht er ihn bei jedem Worte in eigenartiger Weise zu verwirklichen; jedes Wort untersteht seinen eigenen Gesetzen, ist ein Einzelding für sich, ein „Monogramm". Die nachgabolsbergersche Kurzschrift setzt hier ein. Zunächst kommt das Streben nach Regolmäi'sigkeit und Genauigkeit der Schrift zur Geltung in den Arbeiten von Stolze (1841) und Arends (1850), dann in der Gabelsbergerschen Schule selbst in den bahnbrechenden Vorschlägen von Albrecht (1856) und den hauptsächlich durch Rätzsch getragenen „Dresdener Beschlüssen" (1857), die aus der Zeichenkunst Gabelsbergers ein System Gabelsberger-Albrecht-Rätzsch, oder, wenn wir statt der Theoretiker den Namen dessen setzen, der die Schriftänderung ins Loben einführte, ein System Gabelsborger-iläpe schaffen. Bezeichnete Gabelsbergers Werk die klassische Zeit der deutschen Kurzschrift, so haben wir hier deren Mittelalter, die Zeit der genauen Systeme, aber auch dio Zeit der gelehrten und spitzfindigen Scholastiker. Der Begründer dieser Richtung ist Stolze, der eine genauo, dem Verkehre der Gebildeten dienende Kurzschrift schaffen will, in der jedes Wort, auch aus seinem Zusammenhange herausgenommen, lesbar ist. Daher kehrt er gegenüber dem gemütlichen Baier Gabelsberger den strammen Preufsen heraus, nennt auch seine Schrift mit Vorliebe die „preufsische", und will alles, auch die Kürzungen, in ein bis ins Einzelnste genaues Regelwerk einzwängen, woraus sich dio Bilder der einzelnen Wörter gesetzmttfsig ableiten. Zugleich sucht er die Schrift auf eine wissenschaftliche Grundlage zu stellen und macht den Bau der Sprache den kurzschriftlichen — 11 — Zwecken dienstbar. Dabei wurde freilich in Überspannung dieser Gedanken sein Werk mit der Zeit eine Schrift für Gelehrte, und in der „Ameddschi-Zeit" des Stolzeschen Systems, wo man sich um die richtige Schreibart dieses Titels eines türkischen Kabinetssekretärs stritt (den man von dem Worte Amadschi nicht unterscheiden könne), erreichte die philologische Kleinigkeitskrämerei ihren Höhepunkt. Von ähnlichen mehr oder woniger geistreichen Behelfen war das Werk von Arends und die Schrift der Dresdener Beschlüsse durchsetzt. Dabei soll noch immer dasselbe einheitliche Lehrgebäude allen Zwecken genügen, der Kammerstenograph soll, theoretisch wenigstens, dieselben Formen und Regeln beachten, wio der Diktatstenograph und der Hausstenograph, wenn ich unter letzterem denjenigen verstehen darf, der die Kurzschrift nur für den eigenen, den Hausgebrauch, verwendet. Das alles ändert sich mit dem Ausbruch der langverhaltenen Schriftänderung im Stolzeschen Lager, mir, der Aufstellung der neustolzeschen Schrift. Damit, mit der Errichtung des deutschen Reiches, beginnt der zweite Abschnitt der nachgabelsbergerschen Zeit, die Neuzeit der deutschen Kurzschrift, die Zeit der einfachen Systeme. Der Wort der Einfachheit der Schrift findet seine gebührende Berücksichtigung. Die Schrift soll einfach sein, damit sie dem täglichen Leben in allen seinen Formen und den weitesten Kreisen des Volkes dienstbar sein kann. Nicht die gewöhnliche Schrift soll sie vordrängen; das ist nur von Wenigen als das Ziel der späteren Entwicklung hingestellt worden und findet noch überall, auch in unserer Sehule, wo ich einmal einige Gründe dafür ausgeführt habe, lebhafte Anfochtung. Aber aus der Kunst und Wissenschaft, von der man in Voreinen und bei Festen sagte und sang, soll ein brauchbares Handwerkszeug, aus dem Selbstzweck ein Hilfsmittel worden; dio zarte Treibhauspflanze, die in jenen engen Kreisen blühte und verwelkte, soll in dio froio Luft des Lebens hinaus; aus der Feinspoise, an der sich die Gelohrton und Fachmänner ergötzten, soll eine kräftige Hausmannskost worden. Eines schickt sich nicht für alle: der Kammerstenograph braucht eino ; andere Schrift mit anderen Mitteln, als der Geschäfts- und der Hausstonograph; daher Trennung der Schrift in verschiedene Stufen. Das sind Anschauungen, dio sich in England mit seiner längeren Geschichte der Kurzschrift schon vorher Halm gebrochen hatten und namentlich in don Werken Pitmans zum Durchbrach kamen, die dann in Deutschland niomand glänzender vertreten hat, als der Kammerstenograph Dr. Stoinbrink, dio Seele der Stolzoschen Prüfungskommission in Berlin, dessen Worte ich vorhin mehrfach verwendete, und Professor Fau 1 m an n in Wien, der nach vergeblichen Reform- versuchen in der Gabolsborgorschen Schule 1875 ein oigenos neues System, die „Phonographie", durch don Lehrer Braut veröffentlichen liofs. Dabei trennt jener dio Schrift in eine Schulschrift und eine Kammerschrift, dieser in eine — 12 — Vollschrift »nd eine Kammerschrift mit zwei Unterabteilungen. In ähnlicher Weise vereinfacht Roller 1875 die Arendsische Schrift, während Lehmann einen, auch unter den vielen Qabelsbergerschen Gedanken enthaltenen Einfall herausgreift und durchführt. Die Erfolge der neustolzeschen Schrift führten auch die G abelsborgorsehon zu einer solchen Zweiteilung ihrer Zeichenkunst, und dies ist ja die Forderung, der Ferd. Schrey 1877 in Solingen beredton Ausdruck gab. Seitdem wird fast allgemein als Gabolsborgerscho Kurzschrift nur der erste Teil, die Wortbildung und Wortkürzung als sog. Korrespondenzschrift, vorgetragen, und während früher nur der für voll galt, der auch die Satz- kürzung kannte, wird diese jetzt, den Fortgeschrittnoren und Lernbegierigen, die sich zu höheren Leistungen ausbilden wollen, vorbehalten. Den Endpunkt dieser Entwickelung bildet eine nochmalige Vereinfachung der Stolzeschen Schrift (1888), eine Znsammenfassung und Vereinfachung der deutschen Kurzschriften in der „Vereinfachten deutschen Stenographie" von Ferdinand Schrey (1887) und eine solche unter Heranziehung auch Arendsischer Grundsätze! in der Braunsschen Kurzschrift (1888); diese Gruppe und ihre Nachfolger kann man wohl der neuesten Zeit deutscher Kurzschrift zuteilen. Sie steht hauptsächlich unter dem Zeichen der Schroyschen Stenographie, die eine kritische Sichtung der bis dahin verwendeten Zeichen und Verbindungsmittel vorgenommen hat in der klaren Absieht, aus der Entwickelung Gabelsbergor- Sfolzo-Faulmann, wenn wir diese als die Vertreter der drei geschilderten Zeitabschnitte ansehen wollen, das Ergebnis zu ziehen, und dabei überall die Mitte zu halten. So giefst sie die bewährten Gedanken der deutschen Kurzschrift in eine einfache Form, ohne dabei den Grundsatz der Einfachheit zu überspannen, wie dies bei Faulmann der Fall gewesen war, und darum hat ihr Erfinder ihr auch den Namen „Vereinfachte deutsche Stenographie" gegeben. Diese ganze Untwickelung im Einzelnen zu verfolgen, würde über den llahmen dieses Vortrages hinausgehen. Ich greife daher zur Erläuterung des Gesagten nur einen Punkt in aller Kürze heraus, die Vokalbozeiehnung. Die Buchstaben Gabolsborgers waren ein geistreicher Wurf. Die Gründe utid Vorarbeiten zu ihrer Aufstellung kennt man nicht. Gabelsberger hat sowohl die sogenannte „sprachwissenschaftliche Begründung" derselben später versucht, als auch die Häuflgkeitsuntersuchungen aus Adelungs Wörterbuch erst lange nach Aufstellung seiner Zeichen und aus anderen Gründon vorgenommen. Im Ganzen haben Gabelsborgers Buchstaben sich in der Folge bewährt; manche Einzelheiten blieben immerhin zu bessern. Einen Fehler hat Gabelsberger selbst noch beseitigt: die grofse Schleife, das „1" der gewöhnlichen Schrift, hatte er ursprünglich gar nicht benutzt. Erst nach Hegers Vorgang erhielt es die Bedeutung des in den slavischen Sprachen ja häufigen, im Deutschen aber äufserst seltenen „tseh". In ähnlicher Weise ist ein anderes bequemes — 13 — Zeichen, der kleine grade Strich, für den seltenen Laut „y" und in unterbundener vorgesetzter Form für die Vorsilbe „ge" verschwendet. Linksschräge Zeichen treten störend hervor. Ein Hauptfehler der Gabelsbergerschen Schrift aber erklärt sich aus ihrer Entstehung. Gabolsberger hatte diese Zeichen aufgestellt ohno jedwede Ahnung einer sinnbildlichen Vokalbezeichnung: er bezeichnet die Vokale und verbindet sie mit den Konsonanten grade wie er die letzteren unter einander verbindet: „d" verschmilzt mit „i", „o" und „u" zu einem Zeichen nach demselben Grundsätze wie mit „f", „p", „r", „t", „v" u. s. w. Geht das nicht, so worden die Vokale buchstäblich geschrieben oder ganz ausgelassen. So auf der einen Seite die kühnste Kürzung, auf der andern Seite lagern die Zeichen unbeholfen und breitspurig nebeneinander. Dann lernte Gabolsberger in der englischen Kurzschrift die sinnbildliche Vokalbezeichnung kennen und pfropfte diese auf seine, mehr einer vereinfachten Buchstabenschrift gleichenden Schrift, indem er durch Hoher-, Mittel- oder Tieferstellung des Zeichens, und zwar bald des vorangehenden, bald des nachfolgenden, die Vokale andeutete, und die Verstärkung- dos Zuges anfangs für jeden scharfen, betonten Laut, später mehr für einzelne bestimmte Laute, wie a und au verwendete. Liese Schreibart aber konnte er nicht bei allen Zeichen durchfuhren, und so behielt er dio frühere Bezeichnungsweiso bei. So entstand ein Zwiespalt in seiner Schrift, der es nicht zu bestimmten klaren Regeln kommen läfst. Oft kann man den Vokal boi denselben Zeichen, z. B. in der Silbe „wil" auf beide Weisen, sinnbildlich oder durch Verschmelzung, darstellen, oft weder auf dio eine noch auf dio andere Weise, so dafs man zur buchstäblichen Bezeichnung greifen mul's. Dazu treten noch andere Mittel, wie dio Durchkreuzung, die Vcrgrofserung und Steilstellung. Alles hängt lediglich von der Gestalt der Zeichen und boi mehrfachen Möglichkeiten von dem Belieben des Einzelnen ab, und dies ist (neben den Zeichen für p, f, t) der Hauptgrund, weshalb Gabelsborgers Schrift noch houto wolliger ein „System", als eine „Sammlung von Schreibweisen", eine „Kunst der Redezoiehon" ist. Hier Wandel zu schallen ist das gerechtfertigte Bestreben der nach- gabolsbergerschen Kurzschrift. Dio einen verwenden nur dio sinnbildliche, die andern nur die verschmelzende Vokalbozeichnung.- Da haben Sie den Gegensatz zwischen den „symbolisierenden" Kurzschriften, denen von Stolze und Schroy einerseits, und den „vokalschroibenden", denen von Arends und Roller andererseits. Dio Durchführung boidor Richtungen ist nur möglich mit einer weiteren Auslese der Zeichen, mit einer weiteren Beschränkung des Zeichenschatzes. Dabei ist dio sinnbildlich bezeichnende Schriftart insofern im Vorteil, als sie die deutlichsten Formen für die einzelnen Konsonanten nehmen kann. Denn es giobt mehr Zeichen, dio man hoch-, tiefstollen und verstärken kann, als solche, mit donen man den Vokal durch Biegung und Wölbung des — 14 — Zeichenschlusses nach rechts oder links verschmelzen kann. Bei dem letzteren Verfahren können die liegenden und runden Zeichen gar nicht, und von den grofsen nur diejenigen verwendet worden, die in eine grade Linie auslaufen. Es giebt ferner nicht genug Mittel und Wege, in dieser Weise alle Vokale auszudrücken, weshalb entweder die Durchkreuzung, die Verbindung durch eine Schlangenlinie, die in der andern Schriftart wieder für einen besonderen Laut, wie „n", genommen werden kann, oder die Dreiweitigkeit aushelfen mufs. So unterscheidet z. B. Roller drei verschiedene Grüfsenstufen der Buchstaben und drei verschiedene Weiten der Bindestriche, während die Vereinfachte Stenographie von Schrey mit zwei Gröfsen und zwei Weiten auskommt. Wir verfolgen hier daher nur die sinnbildliche Richtung. Don ersten Versuch machte hier Stolze. Er glaubte wohl, dafs man bei der Gabelsborgorschen Vokalbezeichnung durch Verstärken, Hoher- und Tieferstollen eines Buchstabens der Silbe grofse Zeichen nicht verwenden könne, weil dadurch zu lange Bindestriche entstehen, fürchtete wohl auch, für alle deutschen Vokale nicht genug Kennzeichen zu haben. Daher setzt er di« ganze Silbe mit gleichen Ftifsen über und unter die Zeile, und nur bei den Inlauten au, ou und äu bleibt der Anlaut auf der Zeile und rückt der Auslaut unter dieselbe. Denken Sie sich, die Buchstaben „mr" über die Schriftlinie gesetzt, hiofsen „mir", unter die Schriftlinie geschrieben „mor", und Sie haben die Stolzoscho Bozeichnungsart. Man nennt dieselbe, da bei ihr das ganze Wortbild höher oder tiefer gestellt wird, die „absolute", dagegen die Gabelsborgorsche, die nur ein Zeichen höher oder tiefer stellt, die „relative" Vokalbozeichnung. Dadurch erhielt Stolze aber eine Schrift, die nur eine Silbe eines Wortes bezeichnen kann, und doshalb mehr für die chinesische als die deutsche Sprache passen würde. Wie soll man z. B. das Wort „Admiral" schreiben, wenn die Silbe „mir" über die Schriftlinie, die Silben ad und a! aber auf dieselben gesetzt werden sollen V Stolze benutzt daher die Eigenart der deutschon Sprache, dafs der Stamm auch der meisten mehrsilbigen Wörter einsilbig ist, z. B. „un-er-träg-lich", und schreibt nur den Stamm, also „trag" vollständig und auf seiner Zeile, während die ihm vorhergehenden und nachfolgenden Silben gekürzt und an den Stamm angehängt worden. Wo das nicht geht, bezeichnet er den Vokal buchstäblich. Anfangs geschah dies auch in den Nobonsilbon der meisten Fremd Wörter: erst 1852 stellte Stolze für fremde Vor- und Nachsilben solche Kürzungen auf, wie er sie für die deutschen von Anfang an gelehrt hatte. Um diese Kürzungen von den Wortstämmon genügend zu unterscheiden, gab er demselben Laut als Anlaut dos Stammes eine andere, meist gröfsoro oder stehende Form. Das Anlautzeichen wurde aber daneben, um eine gröfsoro Kürze zu erreichen, auch im Auslaute gebraucht, aber in anderer Bedeutung, so dafs z. B. im Worte „nennend" die mittleren — 15 — „n* ein anderes /eichen haben als das Anfangs-n, dagegen die Zeichen für das Anfangs-n und das Sehlufs-nd übereinstimmen. Um die nötige Zeichenmenge zu erhalten, griff Stolze zur Dreistufigkeit der Zeichen. Dreizeiligkeit, Dreistufigkeit, mehrere Zeichen für einen Laut, dasselbe Zeichen in mehrfacher Bedeutung, das sind die mit einander zusammenhängenden Grundmängel dieser Schrift. Hier berührt uns namentlich die Dreizeiligkeit, die man wohl mit den Krücken eines Lahmen vorglichen hat. Mufste man sich ihrer vielleicht anfangs bedienen, um auf der glatten und ungewohnten Bahn der sinnbildlichen Vokal- bezoiehnung gehen zu lernen, so warf die deutsche Kurzschrift sie doch weg, als sie das Gehen gelernt hatte, und das geschah in der Neuzeit derselben. Zunächst wurde eine Krücke entbehrlich, indem die Neustolzescheu die Dreizeiligkeit nur für dio Hauptsilbe, (d. h. die Stammsilbe oder bei mehrsilbigen Wörtern und Fremdwörtern dio erste Silbe) des Wortes beibehielten, bei den folgenden Silben aber zu der Gabelsbergerschen Art der „relativen" Bezeichnung zurückkehrten. Zuorst durchgeführt wurde diese Lösung, die von Stolze selbst schon halbwegs versucht war, in Wackernagels Übertragung der Stolzoschen Schrift auf dio lateinische Sprache, und dann von Dr. Pauly mit einer Verbesserung (Hochstellung des Vokalzoichens vor Verdoppelungen) auf die deutsche Schrift zurückübertragen. Beide Krücken flogen daim fort in den einzeiligen Stolzoschen Schriften; diese behielten aber noch immer dio Stolzesche Dreistufigkeit, dio Nebenzeichen und die Vor- und Nachsilbenlehre bei, vermochton auch den neustolzescheu Zwiespalt nicht zu überwinden, indem der Vokal der Hauptsilbe auch bei ihnen noch im Anlaut, dor der Nobensilbe dagegen im Auslaut bezeichnet wurde. Besser gelungen war der Vorsuch Faulmanns, namentlich nach der "Vervollkommnung seiner Vokalbezeichnung durch Braut Das Bedenken Stolzes, dafs die Symbole zur Darstellung aller deutschen Vokale nicht hinreichton, löste er dadurch, dafs er ou und äu, ei und ai, dio gleich lauten, auch auf gleicho Weise bezeichnete, y durch i odor ü wiedergab, und diese Laute im Notfälle buchstäblich schrieb. So brauchte er nur 11 Symbole und behielt noch dio enge Aneinanderreihung zur Bezeichnung dor zusammengesetzten Konsonanten übrig. Zur Vermeidung dor zu hohen Bindestriche aber, sowie zur Durchführung einer Vollsehrift verzichtete er grundsätzlich auf grofso Zeichen und sotzto soino Buchstabon aus nur ein- und haltetufigon Zeichen zusammen: dort Dreizeiligkeit und Dreistufigkeit, hier Einzeiligkoit, aber auch Einstufigkeit! Und doch war in den Fortbildungsversuchen dor Redezeichonkunst schon der Weg zur Hebung dieses zweiten Bodenkens eingeschlagen. In Kraffts Vorschlag zur Lösung der Z-Frago, sowie in don „variabelnloson Gabelsbergerschen Schriften" von Zeplichal und Markovits, welche dio „Variaboln", d. h. die von unten nach oben und von oben nach unten schreibbaren Zeichen — 1() — für f, p, t und v, aus Gabelsbergers Schrift entfernen und damit eine andere Quelle ihrer Unregelraäfsigkeit verstopfen wollten, war die „Mutabilität" der Zeichen, wenn auch nur im Keime, angedeutet. Zur höchsten Entfaltung und übrigens ganz unabhängig von jenen brachte diesen Gedanken dann Ferd. Schrey in seiner Lehre von den „Mutabeln". Dieselbe ist Ihnen bekannt und braucht hier nicht näher entwickelt zu werden. Sie beruht ja auf dem einfachen Gedanken, dafs ein Zeichen seine Bedeutung beibehält, mag es nun auf, unter oder über der Zeilo stehen, dafs demnach auch Unterlangen hoher gestellt werden können, indem man sie auf die Zeilo setzt. Während der grofse grade Strich z. B. bei Gabelsbergor auf der Zeilo „t", und die Zeile durchschneidend „f" bedeutet, ist. er bei Schrey in jedem Falle ein „t", das in der Nebenstellung die Zeile schneidet und in der Höhers teil ung auf der Zeile steht. Die Zeilenmäfsigkeit ist dadurch gewahrt, dafs diese '/eichen als ersto Buchstaben eines Wortes auf die Zeilo treten. Dafs dieser Gedanke in der einfachsten Weise durchgeführt ist und die Erlernung der Schrift in keiner Weise erschwert, dos sind Sie alle Zeugen. Damit ist der Grund, der die Verwendung von zweistufigen Zeichen und Unterlängen bei der relativen Vokalbezeichnung unmöglich erscheinen liefs. nämlich die dann eintretende allzu grofso Länge des Bindestriches, weggefallen. Auf der anderen Seite wurde die Schrift grundsätzlich nicht als Vollschrift gestaltet, bei der zur vollständigen Schreibung aller Vor- und Nachsilben nur kloine Zeichen Verwendung linden könnten, vielmehr wurde die Stolzesche Gliederung des Wortbildes in einzelnen Fällen, wo sie kurzschriftlichen Zwecken dient, also nicht grundsätzlich und überall, beibehalten. So hat die deutsche Kurzschrift auf einer Zeile gehen gelernt; beide Krücken sind überflüssig, und wor sio jetzt noch trägt, mit dem ist eben nicht zu rechten. So sehen Sio in der Fassung dor Vereinfachten Stenographie einen Versuch der Ausgleichung sich bisher widerstrebender Forderungen. Die Zeichen, die Art ihrer Vorbindung lagen vor, aber die Sichtung, die Zusammenfassung derselben, zu einem neuen einheitlichen Ganzen, und die Befruchtung dieses Ganzen mit dem Gedanken der Mutabeln, das war das Werk Schreys. Und wie hier, so könnte ich Ihnen auch in arideren Fragen, in der Frage der Konsonanten-Vordoppelung, diu' Stufen der Schrift, der Kürzungen u. s. w. zeigen, dafs dio Schreysclie Stenographie überall aus der Entwickelung Gabelsbergor-Stolze-Faulmann das Ergebnis zieht und unter zum Teil neuen Gesichtspunkten eine Ausgleichung und Vereinigung derselben versucht, Deshalb trägt sio ihren Namen „Vereinfachte deutsche Kurzschrift" mit Rocht. Dio innere Geschichte der deutschen Kurzschrift haben wir unter dem Gesichtspunkte dor Entwickelung aufgefafst, die von dorn Streben nach einem Gleichgewicht der einzelnen Forderungen und Teile getragen ist und die möglichste Vervollkommnung dos Ganzen bezweckt. Diese ganze Auffassungsweise ist auch ein Gewinn der stenographischen Neuzeit. Früher waren die Systeme Gabelsbergers und Stolzes geschieden wie getrennte Welten, und ihro Anhänger hielten das von ihnen Vertretene für ein unabhängig von aller Vergangenheit Entstandenes, für das denkbar Vollkommenste. Jetzt sind deren Werke uns Schöpfungen wie die der andern Erfinder auch, die sich in den Gang einer grofsen Eiitwickelnng einreihen. Und haben wir so auf der einen Seite verloren, indem wir die in den Gabelsbergerschen und Stolzeschen Kreisen übliche liberschwängliche Verehrung eines Meisters nicht kennen, so haben wir doch auf der anderen Seite Höheres und Schöneres eingetauscht. Denn gerade dieser Gedanke des Werdens, diu- Bntwickelung ist ein grofsartiger Ersatz für jene engherzige Anschauung und ermöglicht uns, Gabelsborger und Stolze und Faulmann mitzufeiern und jedem das zu zollen, was ihm vor dem nüchtern prüfenden Blicke der Geschichte gebührt. Diese ganze Auffassungsweise birgt aber auch die Kraft zu einer noch lebensvolleren Ausgestaltung ihres Inhaltes in sich, und hat schon zu den Ansätzen einer stenographischen Wissenschaft geführt. Denn bei dieser kritischen und vergleichenden Betrachtung der verschiedenen Systeme hat man eingesehen, dafs man bezüglich der Wortschätzung ihrer Scbriftbestimmungen, und zwar der /eichen sowohl wie ihrer Verbindung, bisher fast ganz auf das persönliche Ermessen des Einzelnen angewiesen war. An die Stelle solcher Gefühlsschätzungen gilt es einen sicheren Mafsstab zu setzen, wie ihn die strenge neuere Wissenschaft uns weist. Dieses naturwissenschaftliche Verfahren, wie Dr. Steinbrink es nennt, hat man schon auf die Kurzschrift übertragen, hat beobachtet, Versuche angestellt, gezählt und gemessen, und das Gefundene bei der Behandlung einzelner Fragen verwertet. Dann hat man neuerdings begonnen, den Gegenstand der Kurzschrift, die Sprache, unter stenographischem Gesichtspunkte zu betrachten, und in geradezu grofsartiger Weise ermittelt, wio oft jeder Laut, jede Lautverbindung, jede Silbe, jedes Wort in der deutschen Sprache vorkommt. 10 Millionen Wörter sind in dieser Weiso auf das Genaueste ausgezählt, ein grofsartiger Stoff, wenn Sie bedenken, dafs die Lutherische Bibel alten und neuen Testamentes nur 773 6G2 Wörter zählt. Ehre dem Manne, der diesen Plan gefafstund mit eiserner Zähigkeit unter Aufopferung seiner Gesundheit verwirklicht hat, Herrn Küding in Berlin; auch an dieser Stelle möge der Ruf nicht angehört verhallen, die Vollendung seines Werkes wenigstens durch die nötigen Geldspenden zu unterstützen. Daneben hat man auch schon den Mitteln der Kurzschrift, den Zeichen, seine Aufmerksamkeit zugewendet, und die Kürze, also die Herstellungsdauer jedes einzelnen Zeichens genau festzustellen gesucht. In dieser Richtung' liegen schon Arbeiten vor von Dr. Droinhöfer, Prof. Fowler, Dr. Witsche, Prof. Paulmann, Dr. Brauns, Callen- ■->, I — 18 dar, uiiil .zuletzt von den Pariser Gelehrten Binet und Conrtrier. Nach dem Abschlufs der lläuligkoitsuntersuchungen wird die nächste Aufgabe sein, die Geläufigkeit und Deutlichkeit der einzelnen Zeichen und ihrer Verbindungen in grösserem Umfange und mit den Mitteln der neueren experimentellen Psychologie zu ermitteln. Die wintere Entwiekelung dieser Untersuchungen und ihre Nutzbarmachung für den Systembau, ihre Zusammenfassung zu einer einheitlichen Stenographik oder Kurzschrift-Wissenschaft, das bildet die Aufgabe, die das 19. Jahrhundert dem 20. überliifst. Doch ich habe wohl schon zu lange bei der grauen Theorie der System- forschung geweilt und wende mich daher zu der äufseren Geschichte der Stenographie im abgelaufenen Jahrhundert. Und hier werden Sie den Hintergrund kennen lernen, den Hoden, aus dem jene lippige Blüte deutscher Kurzschrift erwachsen ist, und dessen sie zu ihrer Entfaltung grade wie die Pflanze dos tauglichen Brdreiches bei aller inneren Anlage zur Fortbildung notwendig bedarf. Auch hier miigo eine Einteilung in Zeiträume die Übersicht erleichtern. Den ersten Abschnitt rechnen wir vom Auftreten der Kurzschrift in Mpsengeils Lehrbuch bis zur Einführung der Verfassungen in den süddeutschen Staaten. Wohl haben wir hier Schriften, die den in England damals und jetzt noch geübten und weit verbreiteten an innerem Werte gleichstehen, aber es fehlt das Verständnis für ihren Nutzen. Bezeichnend ist die Klage Moson- goils, dafs seine gelehrten Freunde, die er für seine Schrift zu gewinnen suchte, „dieselbe mehr wie eine Kuriosität, als eine, die Mühe des Erlernens lohnende Kunst ansahen". Die Kurzschrift wird eben nur als Merkwürdigkeit, als Liebhaberei von Gelehrten, meist Geistlichen und Archivbeamten gepflegt, die durch die Beschäftigung mit alten Schriftarten überhaupt Neigung für die Schriftkundo gewonnen hatten. Das änderte sich, als 1818 die süddeutschen Staaten eino Verfassung erhielten, üio Aufnabmo der Kammerverhandlungen bot der Kurzschrift nun ein reiches Wirkungsfcld, und so können wir dio Zeit von 1818 bis 1844 die Zeit der Parlaments-Stenographie nennen. Die geometrische Kurzschrift stellt hier übrigens der graphischen gleich, ja der erste, der in Deutschland als „Geschwindschreibor" angestellt wurde, war nach neueren Angaben nicht Gabelsberger, sondern August Winter, ein Stenograph der Horstigschcn Schule. Er nahm, damals kaum 14 Jahre alt, seit 1818 die Verhandlungen der badischen und seit 1821 die der württemborgisehen Kammern auf, und diese hingen zuerst so von seiner Gnade ab, dafs man in Karlsruhe und Darmstadt für die Zeit schjiefsen mufste, wo Winter in Stuttgart stenographierte. Im Laufe der Zeit bildete er indes eine grofse Zahl von Kammer- stenographen aus, von denen einige heute noch loben, ja, einer, der Kanzleirat Port noch heute in der Darmstädtor Kammer thätig ist. Gabelsborger nahm — 1!) — zuerst 1811) die Verhandlungen der zweiten bairisehen Kammer auf und zwar mit seiner damals noch rocht unbeholfenen Schrift nur auszugsweise, ebenso wie dies der „Geschwindschreiber" der ersten Kammer, ein .Student der Medizin, Namens Johann Friedlich Müller that, der sich der gewöhnlichen Schrift bediente. Doch Gabelsborger wuchs mit seiner Aufgabe, und bald war seine Schrift im stände, dem Fluge der Kode zu folgen, und eine wackere Schar von Kammerstenographen ward von ihm ausgebildet, die 1831 und 1848 ohne weiteres die Stenographensitze in den Landtagen zu Dresden und Wien einnahmen. Beinahe hätten sie auch die von Berlin erobert, da hier die ersten Leistungen Stolzes nicht befriedigten, und statt seiner Wigard aus Dresden berufen wurde. Aber noch bei den Parlamenten des Jahres 1848 arbeiteten Anhänger Horstigs neben denen Gabclsbergers und Stolzes. Dafs diese parlamentarische Wirksamkeit der Stenographie sieh immer mehr ausdehnte und heute fast kein Landtag unseres deutschon Reiches' mehr der GosehWindschreiber entbehrt, ist Ihnen genügend bekannt. Es sei hier nur noch darauf hingewiesen, dafs die ansschliefsliche parlamentarische Vorwendung einer Schrift derselben auch ein Übergewicht über die anderen Systeme verschaffte, die Verbreitung jener mächtig gehoben und namentlich die Einführung der Gabelsborgerschon Schrift in die Schulen von liaiern, Österreich und Sachsen veranlafst hat, obwohl, wie ein Vorsitzender des (Jabelsbergerschen Bundes einmal äufserte, die amtlichen Kreise ganz gleich- giltig zusehen, mit welcher Schrift die Verhandlungen ihrer Kammer aufgezeichnet werden, und einem Wechsel der Schrift innerhalb dos Stenographen- bureaus kaum Beachtung schenken würden. Neben die Kammerstenographen war inzwischen eine andere Schar getreten, die der Stenographen vere ine, und von der Gründung des ersten Kurzschriftvereins in Deutschland können wir einen neuen Zeitabschnitt für die Ausbreitung' unserer Kunst rechnen. 1844 wurde der erste deutsche Stenographenverein in Berlin von den Anhängern Stolzes gegründet; ihm folgte 184j ein weiterer Stolzoschor Verein zu Magdeburg, und 1846 der erste Gabolsborgerscho Vorein zu Leipzig. Diese Vereine setzten sich nicht nur die Ausbildung ihrer Mitglieder in der Kurzschrift, sondern schon ihres eigenen Bestehens wegen auch die Ausbreitung derselben zum Ziel, und haben in dieser Hinsicht viel geleistet, viel mehr als Privatlehrcr hätten leisten können. Dazu kam bald als ein äufseres Triebmittel die Frucht des Jahres 1848. Denn dio freieren Verfassungszustände boten jetzt die Möglichkeit einer freieren und ungehinderten Entfaltung des Vereinfilebens, und dann war das Bedürfnis des deutschen Volkes nach Beteiligung am öffentlichen Leben, nach einer Verallgemeinerung des Wissens, das Bedürfnis, frei zu reden und frei zu schreiben und damit auch viel zu reden und viel zu schreiben, mächtig 2* 20 gestiegen. Als innere Triebfedern aber reizten die Fehde zwischen Gabels- bergor und Stolze und das sieb seit 1849 entwickelnde stenographische Zeitungswesen die Vereine zu einer immer grüfsoren Wucht ihrer Thiitigkoit. Da so die Stenographenvereine den Ausgangspunkt für die Verbreitung der Kurzschrift in diesem Zeitraum bilden, kann man denselben passend den der Vereinsstonographie nennen.' Dieser erwachte und immer mehr genährte Heifshunger nach einer Kurzschrift übte auch auf die innere Entwickclung derselben einen Einflufs aus. Wie diese Zeit nur möglich war während des Bestehens der genauen Systeme, so förderte sio andererseits wieder deren Entfaltung und führte schliefslich zu den einfachen Schriften. Denn seit der Wiedererrichtung des deutschen Reiches schlagen hier alle Pulse lebendiger: immer weitere Kreise ergreift das Bedürfnis nach Wissen, das Bedürfnis nach Lesen und Schreiben. Die Ziffer der Vereine und ihrer Mitglieder, die Ziffer der stenographischen Zeitschriften steigt ins Unermofslicho, vordem nie Geahnte, und die Zahl der jährlich Unterrichteten wächst von einer 10 000 in eine höhere. So führt die Zählung des Jahres 1895 in Preufsen an 30 000 Vereinsmitglieder und ebensoviel Unterrichtete, in Deutschland 54 000 Vereinsmitglieder und über (lö 000 neue Schüler auf. In der Rechtspflege, im Handel, in der Prosse, kurz allüberall erobert sieh die Kurzschrift ein immer weiteres Feld, ja dringt bis in die Kreise der Arbeiter und Handwerker. Tst die Stenographie von 1844—1870 fast nur unter den höher Gebildeten wirklich heimisch gewesen, während sie den minder fielehrten mehr ein Gegenstand anstaunender Verehrung war, so wird sie jetzt eine in immer weiterem Umfange verwendete Geschäftsund Vei'kehrsschrift, sodafs wir als das Kennzeichen der Zeit von 1870 bis zur Gegenwart wohl die Anbahnung einer Verallgemeinerung der Kurzschrift nennen können. Durch dies Bedürfnis sind ja die einfachon Systeme, die wir in der Neuzeit der deutschen Kurzschrift kennen lernten, die Vereinfachte Stolzesche, dio Gabelsbergersche im Solinger Gewände bis zur „Vereinfachten" schlechthin hervorgerufen worden, und haben andererseits diese so weite Verbreitung der Kurzschrift auch wieder getragen und ermöglicht. Zweifellos würde dio Kenntnis und Anwendung- der Stenographie eine noch weit gröi'sero Ausdehnung erfahren haben, würden jene Zahlen sich um das doppelte und mehrfache erhöhen, hingen nicht den verbreitetsten und bekanntesten Systemen von Gabelsbergor und Stolze noch schwere Eisengewichte aus ihren früheren Zeiten an, die ihnen auch ganz niemals genommen werden können, fänden dio neueren und einfacheren Schriften nicht an den Vorurteilen der Menge, an der süfsen Gewohnheit der Kammerstenographen in Berlin, Dresden, München und Wien, an den Vorrechten der Gabelsborgerschen Schrift in Süddeutschland, der Stolzeschen in Preufsen schwer zu überwindende Hindernisse für eine schnelle und segenbringende Verbreitung. — 21 — So decken sich ungefähr: 1. rlio Zeit der goometrischen Schreibart und dio der Stenographie als Liebhaberei, '2. dio Zeit Gabelsbergers und dio dor Kammerschrift, I!. dio nachgabelsbergersche Zeit und dio dor Voreinsstenographie, und hier ist a) die Zeit der genauen Schriften zugleich die der Kurzschrift als Schrift der Gebildeten, b) die Zeit dor einfachen Schriften zugleich dio der Verallgemeinerung der Kurzschrift. Diese letzte Zeit wäre so rocht dio Zeit dor Schulstenographie gewesen, und dafs wir noch nicht von einer solchen sprechen und die Zeit seit 1870 mit diesem Namen benennen können, das liegt an der Ungunst der äufseron Verhältnisse, an dem Widerstände dor Staatslonker und der Schulleiter einerseits, an dor Unvollkommenheit dor herrschenden Schriftarten und der grofsen Zahl derselben anderseits. In aller Kürze will ich hier noch die Entwickelung der Schulfrage verfolgen, wie in der Schilderung dor inneren Geschichte die der Vokalbezeichnung. Selbstverständlich hören wir in dor ersten Zeit nur voroinzelt von einem öffentlichen Unterricht in dor Kurzschrift. Wien hat den Ruhm, den Anfang gemacht zu haben, denn hier erteilte in den ersten Jahren unseres Jahrhundorts dor Hauptmann Graf von Kinsky an dor Militärakademie zu Wien Unterricht in der Schrift Danzers, und Professor Blahetka hielt darüber Vorträge an der Wiener Roalakademie. Etwas später lehrte Professor Eeisehl im erzbischöflichen Priesterseminar zu Salzburg die ältere Schrift Mosengeils. Auch dor zweite Zeitraum, dor der Kammerschrift, ist dem Unterricht in dor Stenographie nur wonig günstiger: in Jena war os Professor Thon, der von 1827 ab eine eigeno geometrische Schrift an dor Universität vortrug, und in Berlin Major von Salpius, der Horstigs Kurzschrift beim grofsen General- stabo lehrte; in Wien eröffnete Heger seine Lehranstalt für Stenographie und lehrte sie am Polytechnikum und an der Universität zu Prag. In München erteilte G abolsberger seit 1835 an dor polytechnischen Schule und 184S auch an der Universität Unterricht. Zugleich hatte er den Bodon für die Einführung seiner Schrift in dio höheren Schulen Baiorns vorbereitet. Denn 1841 erwirkte er, um, wie er an Wigard schreibt, „dem Unfug zu steuern, dafs sich jeder Student und Schreiblehrer herausnahm, Unterricht in dor Stenographie zu erteilen", eine Verfugung, wonach in Baiern nur in seiner Schrift, als dor bei den öffentlichen Verhandlungen angewandten, Unterricht erteilt werden dürfe, und zwar nur von solchen, dio eine Prüfung als Lehrer dor Kurzschrift bestanden hätten. Damit war Baiern glücklich gegen andere Systeme, namentlich gegen die neuerstandene Schrift Stolzes, gesperrt. Als Prüfling meldete sich freilich bis zu Gabelsbergers Tode nur der Benediktinerpriester Gratzmtllle r. Immerhin aber war dies die Grundlage, auf der im dritten Zeiträume, und zwar 1854 infolge eignen Eingreifens des Königs Maximilian, der der Gabelsber» ersehen Stenographie stets das gröfsto Wohlwollen entgegengebracht hatte, die Einführung derselben in die Mittelschulen Baierns erfolgte. Gegenwärtig wird sie hier bekanntlich an allen Gymnasien und anderen höheren Schulen wahlfrei gelehrt; die Lehrer erhalten !)()—108 Alk. für das Jahr und die Wochenstunde aus öffentlichen Mitteln. Ebenso glücklich war Gönn in Österreich. Hatte Heger die Kammerschrift in Osterreich eingeführt, so trug sie Conn in die Schreibstuben der Wiener Rechtsanwälte und Zeitungsleiter, in die Handels- und Militärkreise. Seinen Bemühungen ist es auch zuzuschreiben, dafs die österreichische Regierung 1860 nur geprüften Lehrern den Unterricht in der Stenographie gestattete, und nur den Unterricht nach Gabelsbergors Schrift in ihren Lehranstalten zuliefs, womit aber an Hochschulen und technischen Lehranstalten der Unterricht auch in anderen Systemen nicht ausgeschlossen sein sollte. 1870 wurde dann Gabelsbergers Schrift an den Mittelschulen des Staates als wahlfreier Lehrgegenstand, und an den Militär-Bildungsanstalten, anfangs sogar als Pflichtiger, seit 1888 aber, um eine Überbürdung der Schüler zu vermeiden, also wegen der Schwierigkeit dieser Schrift, nur als wahlfreier Lehrgegonstand eingeführt. Wir haben jetzt die Schwelle der Neuzeit erreicht, und man sollte glauben, dafs die Billführung der Stenographie in die Schulen der noch übrigen Staaten in schnellerem Schritte vor sich gegangen wäre. Es glückte aber lediglich in Sachsen dem Dresdener stenographischen Institute, dafs Gabelsbergers Schrift noch kurz vor Thoresschlufs in die Schulen Sachsens eingeführt wurde. Zwar wurde hier schon vielfach Unterricht in der Stenographie orteilt. So war sie schon 1847 in den Lehrplan der Sonntagsschulo des Handwerkervereins zu Chemnitz aufgenommen und wurde 1849 durch Albrecht an dem Gesamtgymnasium zu Leipzig gelehrt; es war dies der erste obligatorische Stenographieunterricht in Deutschland! Zugleich besafs Sachsen in dem stenographischen Institut, eine Anstalt, der in erster Linie zwar die Aufnahme der Landtags-Verhandlungen, dann aber auch die Ausbildung neuer Kammerstenographen und damit dio Sorgo für den Unterricht und die Verbreitung der Kurzschrift oblag; aber zur Einführung in dio sächsischen Schulen hatte das Institut dio Regierung noch nicht veranlassen können, trotzdem an seiner Spitze ein einflufsreicher Rat aus dem Ministerium des Innern, der jetzige Geheimrat Häpe, stand, und trotzdem das Institut nicht unterliefe, fortwährend auf Haiern und Osterreich hinzuweisen, denen Sachsen mit seinem 23 stenographischen Institut doch folgen müsse. Noch 1872 eröffnete der sachsische Kultusminister auf wiederholte Vorstellungen, dafs er nach sorgfältigster Erwägung und nach eingehenden Erörterungen einer Einführung der Kurzschrift in die Schulen nicht beistimme, und unter den Gründen hob er hervor, dafs die Ansichten über die Systeme noch schwankten. Bald darauf nahm der Landtag ein neues Bittgesuch für Einführung der Gabelsbcrgerschen Schrift an, und die Regierung führte diese 1873 als wahlfreien Unterrichtsgegonstand in ihre höheren Schulen ein. Es wird behauptet, das sei nach eingehender Prüfung aller neueren Kurzschriften geschehen. Und in der That sind auch in Sachsen einmal die Schriften Gabolsbergers und Stolzes geprüft worden. Das geschah aber nicht im Auftrage der Regierung, vielmehr untersuchte 1854 der Regiorungsrat Häpo die beiden Schriften in seiner Eigenschaft als Vorstand des Instituts, um aus eigenem Antrieb und auf eigene Verantwortung zu prüfen, ob die von diesem bisher verwendete Redezeichenkunst nach dem Auftreten Stolzes noch als brauchbar und der Verbreitung durch den Unterricht der Institutsmitgliedor würdig zu erachten sei. Aber für die Einführung der Gabelsbcrgerschen Schrift in die sächsischen Schulen im Jahre 1873 war und konnte diese Prüfung in keiner Weise entscheidend sein; denn einmal hatten sich beide Kurzschriften seitdem doch etwas geändert, und dann hatte die sächsische Regierung ja 1872 noch die Einführung einer bestimmten Schrift abgelohnt, da die Ansichten über die einzelnen Schriften noch schwankten. Von einer Prüfung in den Jahren 1872/73 hat aber niemand etwas gehört. So erklärte denn auch die sächsische Regierung nach der Einführung der Gabelsbcrgerschen Schrift 1873 einem Stolzoschen Verein amtlich, sie habe sich bei der "Wahl derselben nicht in den Streit der Systeme mischen können, vielmehr die Schrift genommen, die beim stenographischen Institut eingeführt, und bei den Kammerverhandlungen angewendet werde; sollte sich ergeben, dafs Stolzes Schrift Vorzüge vor der Gabelsbergerschen habe, so würde erstere gewifs auch in Sachsen zur Geltung golangen und dann den Unterrichtsanstalten auch eine andere Weisung gegeben werden können. Den späteren „Prüfungen" neuer Systeme durch einzelne Institutsmitglieder kann man keinen grüfseren Wert beimessen, als den Kritiken eines beliebigen Privatmannes, und für die Stellung der sächsischen Unterrichtsverwaltung waren diese „Prüfungen" in keiner Weise bestimmend, bei der einmal eingeführten Gabelsbergerschen Schrift zu bleiben. Die Frage ruht eben solange, bis sie durch ein übermächtiges Eindringen eines anderen Systems in Sachsen oder durch die Einführung eines solchen in anderen Staaten wieder aufgerollt wird. Das ist die Geschichte der Einführung der Gabelsbergerschen Schrift in die Lehranstalten Baiorns (1854), Österreichs (1860), Sachsens (1873). Kein - 24 — einziger Staat ist seither gefolgt. Erst das verflossene Jahr, das letzte der 100jährigen Geschichte der deutschen Kurzschrift, scheint eine neue Zeit heraufzufilhren und die Zeit der Schulstenographie vorzubereiten. Denn in Baden wurde vor einem Jahre, am 4. Februar 1895, verordnet, dafs in den Mittelschulen und Lehrerbildungsanstalten die Direktoren den Unterricht in der Kurzschrift einführen und dabei eine der Schriften von Gabelsberger, Stolze, Koller und Schrey auswählen können, und in Württemberg hat im letzten Monat dos Jahres 1805 noch eine Kammerverhandlung mit einer Erklärung der Regierung geendet, die für "Württemberg einen ähnlichen Zustand wie in Baden schallen wird. Dabei ist in den beiden Ländern ausdrücklich erklärt worden, dai's sie sich von Baiem, Sachsen und Österreich Nachrichten über die Erfolge des Unterrichts in der Gabelsbergerschen Schrift haben geben lassen. Über diese Erfolge aber belehrt uns die Thatsache, dafs in Osterreich der Unterricht an mehreren Anstalten ganz eingestellt und in den Militär- Bildungsanstalten aus einem Pflichtigen zu einem wahlfreien umgewandelt wurde; dafs ein Schulmann wie Prof. Zeiger in Graz, der jahrelang Unterricht in Gabelsbergers Schrift erteilt hat, bekennt, dafs von 100 Personen, welche dieselbe zu erlernen anfangen, höchstens einer dazu komme, sie bei jeder Gelegenheit anzuwenden; dafs in Sachsen sogar nach den Feststellungen des Dresdener Instituts von den Schülern, obwohl manchmal 50 v. H. und noch mehr schon während des Unterrichts abfallen, gleichwohl trotz 2—3jähriger Lehrzeit oft nur ein verschwindender Bruchteil stenographische Fertigkeit zu erzielen vermag. Ähnlich waren auch die Erfahrungen, die Preufsen mit den älteron Schriftarten bisher gemacht hat. Schon viermal: 1862, 67, 72 und 84 ist an die preufsischo Regierung, durch Bittgesuche an die Kammern veranlafst, die Frage herangetreten, ob sie die Kurzschrift in ihre Schulen einführen wolle. Trotzdem 1862 die Kammern diese Gesuche der Regierung sogar zur Berücksichtigung überwiesen hatten, trotzdem die Regierung damals nicht nur die Gutachten der Provinzial-Schulkollegien, sondern auch Nachrichten über den Erfolg des Unterrichts in Baiern und Österreich einzog, erwiderte sie am 14. August 1863, dafs sie es ablehnen müsse, ein bestimmtes System in die Schulen einzuführen, es vielmehr bei dem dermaligen Zustand der Kurzschrift „für der Sache heilsamer erachte, wenn ihr fernerhin freie Ent- wickelung gelassen und kein Versuch gemacht werde, den Streit der Systeme durch einen Machtspruch zu entscheiden". Auch 1867 erklärte die Regierung, die Kurzschrift sei noch eine unfertige, in der Entwicklung begriffene Sache, und 1868 erklärte sie nochmals, „sie habe keine Veranlassung, eine Entscheidung des Streites der Systeme herbeizuführen, und werde auch keinen zuständigen Gerichtshof dafür finden können. Sie werde — 25 — dor Sache freie Entwickelung lassen, diese Entwickelung aber in jeder möglichen Weise, durch Überlassung von Klassenzimmern u. s. w. fördern, sehe es aber nicht als ein Übel an, wenn keines dor Systeme die ausschliofsliche Herrschaft habe". 1873 lehnte der Kultusminister wiederum, nachdem er das Gutachten dor Schulmänner eingeholt, sowohl die pfliohtige, wio die wahlfreie Einführung der Kurzschrift in die Schulen ab. 1884 erfolgte eine neue, und die bisher lotete Prüfung- der Stenographiefrage durch die Regierung-. Um nicht durch den Schein anzustofsen, als wäre ihre Schrift noch nicht abgeschlossen, hatten die Stolzeschen ihre Einzeiligkeitswünsche zurückgestellt, waren auf dem Gabelsbergerschon Stenographentage zu Berlin alle Änderungsanträge zurückgezogen worden. Trotz der so genugsam bekundeten Vollkommenheit dieser Schriftarten erklärte dor Regierungsvertreter im Juli 18SG: „Nirgendwo ündet der Unterricht in der Stenographie an den Direktoren ein Hindernis, an allen höheren Schulen ist er zugelassen. Aber was ist dadurch erreicht worden? Hierüber ist ausnahmslos die Nachricht gegeben und durch Ziffern erwiesen, dafs unrein minimaler Prozentsatz von denjenigen Schillern, welche an dem Unterricht teilgenommen, soweit gelangt ist, dafs er von der Stenographie einen entlastenden Gebrauch machen kann, dafs hingegen die ganz unvergleichliche Mehrzahl nur bis zu dem Stadium kommt, auf welchem die Übertragung der gewöhnlichen Schrift in die stenographische für sie eine Anstrengung und eine vollständige Ableitung von der Sache ist.' 1 Dabei ist es bisher geblieben. Siesehen, die Ablehnung der preufäischen Regierung beruht nicht nur auf pädagogischen Bodenken, sondern anfangs auch auf der Unfertigkoit der Kurzschrift und zuletzt auf dor zahlenmä l'sig nachgewiesenen Fruchtlosigkeit des Unterrichts in den Schriften Babelsbergers und Stolzes. Diese Werke, die ihrer weiten Verbreitung wegen dor Regierung als die einzigen Verkörperungen deutscher Kurzschrift erschienen und es ja auch inhaltlich zu ihrer Zeit waren, genügten eben den Anforderungen der Neuzeit nicht mehr in dem erforderlichen Mafsc. Diese Schriften verschulden es zu ihrem Teil, dafs in dieser Zeit der Verallgemeinerung der Kurzschrift die Schule in weiten Gebieten unseres Vaterlandes, vor allem in Proufsen, sich noch von ihr zurückhält und ihr zweifelnd gegenüber steht. Und so ist es nicht nur auf dem Gebiote dor Schule, sondern auch in anderen Zweigen des Staatsdienstes. Um ein Beispiel aus der Reichsverwaltung anzuführen, wollte der Goneralpostdiroktor Stephan 1874 die Stenographie dem Postbetriebe dienstbar machen: ein ungeheures Machtmittel zu ihrer Verbreitung, wäre es gelungen. Dafs es nicht gelang, verschulden die Schriften Babelsbergers und Stolzes. Denn Direktor Stephan kannte die Stolzosche Kurzschrift personlich und erklärte unter dem 24. Dezember 1874 amtlich, diese müsse erst eine für die Zwecke des technischen Postbetriebes — 28 — mit unserer Watte im Vord «treffen und vertrauen darauf, dafs sie uns ein gutes Teil weiter bringt. Wir hotten, dal's uns mit ihr das gelingen wird, was G-abelsberger und Stolze nicht gelungen ist: die Einfuhrung der Kurzschrift in die Schulen der noch prüfenden süddeutschen Staaten, des noch zurückhaltenden Prcufsens. Dann wird das erreicht sein, was Friedrich Mosengeil, denn mit einem Worte dieses Bahnbrechers deutscher Kurzschrift lassen Sie mich schliefscn, was Mosengeil im Anfang der Entwickelung als Ziel aufgestellt und was dieses Jahrhundert noch nicht erfüllt hat: „Die Stenographie soll einen Gegenstand des Unterrichts der Gymnasien ausmachen." Das möge das zweite Jahrhundert deutscher Kurzschrift uns bringen: auf dem inneren Gebiete die stenographische Wissenschaft, auf dem ttufsern die Zeit der Schulstonographie, und müge da Solingen, das sein Gymnasium jetzt der Vereinfachten Stenographie erschlossen hat, wie bisher, so auch forner stets unter den Vorkämpfern des Fortschritts, unter den Bannerträgern einer neuen Zeit zu linden sein! -»-=0 * 0=-^-