240 Karl "Weinhold, [84
neren Veränderungen in den andern Gebieten des grossen Vaterlandes *).Sie breiteten sich von dem Orte, da sie entstunden, durch wanderndeSänger und durch die fliegenden Drucke über die Lande weit und breit,und blieben im Gedächtnis der sich wandelnden Geschlechter, freilichsich selbst dabei oft wandelnd.
Nur für den Zusammenhang der deutschen Schlesier mit demMutterlande und seinem geistigen Leben zeugt also die Fülle derschlesischen Volkslieder. Für die Herkunftsfrage der Einwandererkönnen wir nichts daraus entnehmen.
Dagegen bieten sich Beweismittel in der Volkssage und in derVolkssitte.
In dem Baurat der thüringisch-fränkischen Einwanderer sowievorher der niederdeutschen kamen die Geister der heidnischen Vorzeitdes Volkes mit, die trotz des Christenglaubens nicht aus der Phantasieund dem Gedächtnis der Deutschen gewichen waren. In den Sudetenund in dem Thale der Oder trieben sie das Wesen weiter, das sie ander Saale, am Main, an der Lahn und am Rhein getrieben hatten, undfanden hier ebensogut Wasser, Wald und Steine, Burghügel undKreuzwege, auf denen sie sich niederlassen konnten, als dort.
Die Gebräuche an den altheiligen Zeiten des Jahres, die durchWachstum, Blüte und Vergehen des Naturlebens gegeben sind, begingder Ackermann und der Hirt im neuen Lande ebenso genau, als aufder Flur und der Weide des Westens.
So hat denn in Schlesien derselbe Glaube an die elementarenunteren Mächte des deutschen Heidentums fortgelebt wie in den anderndeutschen Landen, und er ist auch heute noch nicht ganz erloschen.
Von den oberen Gottheiten blieben nur verdunkelte Erinnerungen.Doch lässt sich Wuotan und die grosse vielnamige Göttin noch einiger-massen erkennen. Wuotan führt noch ein gespenstisches Dasein alsNachtjäger, wie der Sturmgeist heilst, der in anderen LandschaftenWode oder Wuot, auch wilder oder wütender Jäger benannt ist. Erjagt zur Nachtzeit durch Wald und Luft an der Spitze einer Scharvon Hunden, Wölfen, Graumännlein und wandernden (unseligen) Geistern,unter Jagdruf, Peitschenknall und Rüdengebell. Der Name Nachtjägererinnert an das Nachtgejaid, wie die wilde Jagd im bajuvarischen Ge-biete heisst.
Von dem Nachtjäger wird besonders im Gebirge erzählt, dass erdie Holz-, Busch- oder Moosweiblein jage und töte. Die Namendieser kleinen weiblichen Baumgeister begegnen auch sonst in Deutsch-land, sind aber namentlich in den mittleren fränkisch-thüringischenLandschaften verbreitet. Am gewöhnlichsten hört man in Schlesien siePüschweiblan nennen.
An viele alte Burgberge und verfallene Schlösser ist auch inSchlesien die weitverbreitete Sage von der weissen Jungfrau gebunden,
') Vgl. die Anmerkungen Hoffnianns zu vielen Liedern seiner Sammlung;auch die liedvergleichenden Anmerkungen Alex. Reifferscheids zu seinen West-fälischen Volksliedern in Wort und Weise. Heilbronn 1877. Auch im allgemeinenA. F. C. Vilmar, Handbüclüein für Freunde des deutschen Volksliedes. Mar-burg 1868, 2. Aufl.