g3] Die Verbreitung und die Herkunft der Deutschen in Schlesien. 239
Der geschlossene Hof, die Stellung des Wohnhauses mit derLangseite gegen den Hof, der Eingang zum Hause in der Langseite,die Verbindung der Stallung mit den Wohnräumen unter einem Dache,die Trennung.von Haus und Scheune, die überwiegende Zweistöckig-keit, der Bolen- und der Fachbau seien als bestimmende Merkmalebezeichnet.
A n m. Zur Vergleichung dienen die oben (S. 229 [73)] angeführten AusführungenLandaus und Meitzens. Ueber den Hausbau im bayrischen Pranken sehe manBavaria III, 1, 187 ff., 2, 895 ff., IV, 1, 154 ff.; in der Rheinpfalz ebenda IV , 2,195 ff. Ueber die Verhältnisse in Siebenbürgen J. Wolff, Unser Haus und Hof.Hermannstadt 1882.
4. Volkstümliches.
Aus der Lage Schlesiens am Ostrande des Reiches, zwischen Polenund Tschechien, abseits der grossen Weltstrassen und des deutschenReisezuges, erklärt es sich, dass man Land und Volk im übrigen Deutsch-land wenig oder gar nicht kennt. Wir gelten kurzweg für Wasser-polacken; von unserm deutschen Volksleben weiss man nichts, undpragmatische Litterarhistoriker finden sehr scharfsinnig, dass geradeder Schlesier Martin Opitz die gelehrte Zeit unsrer Dichtung einleitenmusste, weil er volkstümliches deutsches Leben und Dichten in seinerHeimat nicht kennen und lieben lernen konnte.
Alles das ist Unwissenheit. Wie sehr das deutsche Volksliedund die deutsche Volksweise noch vor wenig Jahrzehnten in Schlesiengeblüht hat, weiss der Kundige längst aus einer der besten Samm-lungen deutschen Volksgesanges, den Schlesischen Volksliedern mitMelodien. Aus dem Munde des Volks gesammelt von Hoff mannvon Fallersleben und Ernst Richter (Leipzig 1842. SS. 362) x ).
Für uns ergibt sich aus diesem Liederreichtum der Schluss aufeine kräftig fortlebende deutsche Blutfülle in den Nachkommen deralten Einwanderer aus dem Westen. Denn diese selbst haben denmusikalisch-poetischen Hausschatz bei ihrem Einzüge nicht mitbringenkönnen, weil auch der älteste Teil desselben, wie er sich überblickenlässt, nicht bis in die Zeit der Einwanderung zurückreicht. Als sichaber im 15. und 16. Jahrhundert in den alten deutschen Gauen das Liedin üppigster Fülle entfaltete, da flog es auch in die östlichen Kolonisten-länder und fand auf dem schlesischen Boden, als eine Gabe der altenHeimat, die offenste Aufnahme und Verbreitung.
Eigentümlich schlesische Lieder gibt es sehr wenige 2 ). Fastalle sind deutsches Gemeingut und begegnen mit grösseren oder klei-
') Ergänzungen bei Ens, Das Oppaland oder der Troppauer Kreis. Wien 1836,HI, 73—101. A. Peter, Volkstümliches aus Oesterreichisch-Sehlesien. Troppau 1865,Bd. I. Den Liederreichtum der polnischen Oberschlesier bezeugt die SammlungJ. Roger, Piesni ludu polskiego w Görnym Szlasku z muzyka. Wroclaw 1863.SS. 271.
2 ) Th. Paur, Versuch einer Charakteristik des Volksliedes, insbesondere desschlesischen. Neisse 1844, S. 5.