108
X. Kleinere römische Ohorographien. — 1. Dimensuratio und Divisio.
X. Kleinere römische Ohorographien.
1. Die Dimensuratio provineiarum und Divisio orbis 1 ).
Hiezu Fig. 42.
Zwei kleine Schriftchen, augenscheinlich für Schulzwecke hergestellt, geben die Länder der Erdeje mit Angabe der nach den 4 Himmelsrichtungen angrenzenden Länder und der Längen- und Breiten-erstreckung der betreffenden Länder. Beide treten etwa am Ende des 4. Jahrhunderts zuerst auf, sindaber älter. Die Dimensuratio wird in einem Codex irrtümlich dem hl. Hieronymus zugeschrieben; die Divisiohat Dicuil in sein Werkchen aufgenommen. Der Inhalt beider ist sehr nahe verwandt, aber nur sofernsie aus derselben Quelle schöpfen. Der Gang der Beschreibung ist bei beiden ganz verschieden: die Dmbeginnt in Indien und geht links herunter bis zu den Säulen, dann rechts herauf bis Aegypten, ohneUnterscheidung von Erdteilen; die Dv geht von den Säulen aus links nach oben, rechts herunter (Eu-ropa 1—14, Asia 15—24, Libya 25—26, die Inseln fehlen). Den Inhalt bildet bei beiden die Länder-verteilung der Agrippakarte, aber bei der Dm in ursprünglicherer Form als bei der Dv. Wir haben die-selben in nebenstehender Figur kartographiert mit Hinweglassung und ohne Berücksichtigung der Zahlen.Denn wir schliessen aus der Beatus-, Hereford- und anderen Karten, ferner aus Isidor, Orosius, MartianusCapeila, und selbst aus Plinius, dass die Zahlen nur eingeschrieben, nicht eingemessen waren. Sämtlichevon der Agrippakarte abgeleiteten Karten sind „masslos"; ja selbst die Itinerarkarte (Ta) teilt diese fürdie römische Kartographie so recht charakteristische Eigenschaft. Ob die Pliniusschen Masszahlen in eineKarte eingemessen waren, ist noch unentschieden; es ist wohl anzunehmen, dass er seine Zahlen ausgemessenen Karten entnommen hat, aber sehr unwahrscheinlich, dass er sie in eine Karte eingemessenhabe, und dass sie in einer Karte überhaupt vereinbar sind. Jedenfalls ist er der einzige römische Geograph,bei welchem überhaupt diese Frage aufgeworfen werden kann. Auch bei Agrippa sind wir noch nicbt inder Lage, endgültig zu entscheiden, ob seine Zahlen überhaupt konstruierbar sind. So wie die stark ver-dorbenen Zahlen vorliegen, enthalten sie zahlreiche Widersprüche, welche die Konstruktion ausschliessen.Aber es mag immerhin noch weiter versucht werden, durch Sanierung der Zahlen die Konstruktion zuermöglichen. Damit wäre noch keineswegs erwiesen, dass die Agrippakarte die Massverhältnisse andersals eingeschrieben enthielt. Die Korruption der Zahlen dürfte nicht zum kleinsten Teil der Karten-überlieferung zuzuschreiben sein. Vorerst stellen wir hier die Zahlen zusammen. Die erste Zahl bedeutetstets die Länge, die zweite die Breite, abweichende Lesarten stehen in Klammern.
Hispania 900 X 900 im Westen, 300 an den Pyrenäen Dv.
Hispania citerior 805 X 183 (483) Dm, 400 X 200 Dv, 607 X - - - PL
Asturia Gall. Lusit. 580 X 585 Dm, 480 X 450 Dv, 540 X536 PI 4, 118.
Hispania ulterior (bis Carthago) 480 X 283 Dm, 475 X 258 Agr. nach PI, 475 X 224 Agr. nach Ma.
Gallia Narbonensis mit Aquit. 373 X 240 Dm, 370 X 248 Agr. nach PI, Ma; 370 X 348 Die,334 X 189 Dv.
Gallia Comata 928 X 263 (363) Dv, 420 X 318 Ag nach PI 4, 105.
Küstenlänge Galliens 1750 Ag nach PI 4, 105.
Italien 1200 X 420 (kleinste 60) Dv, 1120 X 410 PI.
Oberitalien 820X420 (320) Dm.
Unteritalien 349 X 224 Dm.
Illyricum Pannonia 620 X 325 Dm, 620 X 325 Ag nach PI; 634 X 321 Dv.
') Beide von Riese O. L. m. p. 9—14 und 15—19 herausgegeben. Vgl. Mttllenhoff D. A. III, 25415; Partsch, Dar-stellung Buropas 1865, p. 8 ff., Schweder u. a.