Druckschrift 
Ut oler Welt : Volksmärchen, Sagen, Volkslieder u. Reime
Entstehung
Seite
129
Einzelbild herunterladen
 

32-Ein Schäfer ging an einen Brunnen, da zu trinken. Da kam aus derTiefe eine Stimme, die rief vernehmlich: »Erlöse! Erlöse!« Weil er nundie Springwurzel besaß, so schloß er den Boden auf, und als er hinunterkam, fand er ein schwarzes Mädchen, das sagte zu ihm, wenn er dreimalwieder käme, so wäre es erlöst. Das erste Mal war sie schon weiß bis aufdie Brust, das zweite Mal bis zu den Füßen; da vergaß der Schäfer dieSpringwurzel und das Mädchen that einen schrecklichen Schrei und rief:»Nun muß ich wieder hundert Jahre warten.«

33-

Zu einem Soldaten, der bei Nacht auf dem Posten stand, kam eine Schlangeund bat ihn, Nachts gerade auf den zwölften Glockenschlag drei Freitage hintereinander in die Kirche zu kommen; dadurch könnte er sie erlösen. Zweimalkam der Soldat auch zur rechten Zeit; den ersten Freitag begegnete ihm einganz schwarzes Ding, den andern Freitag war es schon beinahe weiß. Dasdritte Mal kam der Soldat aber erst, als es schon zwölf geschlagen hatte. Da thatdas Ding einen lauten Schrei, und als der Soldat eilig aus der Kirche sprang,schnappte ihm die Thüre den Hacken ab, daß er lange darum zu liegen hatte.

34-

Es ist einmal ein wunderschönes Mädchen gewesen, eines Königs Tochter,mit Namen Florentine; das war aber so schrecklich stolz, daß es Gottes Erdbodennicht betreten wollte, darum mußte es immer getragen oder in der Kutsche gefahrenwerden. Alle Freier, die sich um die Hand der schönen Florentine bewarben,wurden von ihr schnöde abgewiesen, denn keiner war ihr gut genug. —Endlich kam mal Einer an ihres Vaters Hof, der zeigte ihr das Bildniß einesMannes von großer Schönheit und fragte sie, ob sie denn den wohl nehmenwollte. »Ja!« hat da die schöne Florentine gesagt, »den will ich haben; aberer muß mich auch abholen in einer goldenen Kutsche mit vier weißenHengsten; wenn er das nicht thut, so mag er bleiben wo er ist.« Das hatihr der Bote versprechen müssen. Am dritten Abend hielt auch richtig dieKutsche vor ihrem Hause; sie war bespannt mit vier weißen Hengsten undganz von Golde, das leuchtete weit hin durch die Straßen der Stadt. Dieschöne Florentine ließ sich von ihren Kammerzofen in den Wagen tragen,daß sie ja Gottes Erdboden nicht berührte und fuhr mit ihrem Bräutigamdavon, und alle Leute liefen hinterher, um den prächtigen Wagen zu sehen.Als sie aber vor dem Thore auf einem Berge angekommen waren, fingenWagen und Pferde auf einmal an zu glühen wie Feuer, hoben sich in die Luftund verschwanden. Da ließ sich eine Stimme vernehmen, die rief:

9* 129