Druckschrift 
Ut oler Welt : Volksmärchen, Sagen, Volkslieder u. Reime
Entstehung
Seite
118
Einzelbild herunterladen
 

lautlos, mit dem Krüsel in der Hand. Der Pastor konnte vor Schrecken keinWort herausbringen. Als der Geist nach seiner Gewohnheit mit traurigerMiene an der Brandmauer herumgeleuchtet hatte, trat er an den Tisch, löschteerst ein Licht, dann das andere; als er aber das dritte auch löschen wollte,faßte sich der Pastor und redete ihn an: »Alle guten Geister loben Gott denHerrn.« »Ich auch«, sprach der Geist; »aber ich finde keine Ruhe, weil ichin die Mauer bei Lebzeiten mein Geld verborgen habe. Gebt drei Theilemeinen Kindern und ein Theil den Armen, dann brauche ich nicht mehr andieser Stelle zu wandeln.« Der Pastor versprach es. »So gieb mir die Handdarauf!« sagte der Geist. Der Pastor reichte ihm seinen Stock, der wurdeganz schwarz, wie ihn der Todte berührte. Darauf ist der Geist lautlos wiedergegangen. Am andern Morgen erzählte der Pastor, was ihm begegnet war;man brach die Mauer auf, fand das Geld und erfüllte den Wunsch des Todten,der sich von der Zeit an nicht wieder sehen ließ. Der Pastor ist aber balddarnach gestorben.

10.

In Ilwese ging ein feuriger Mann um. Weil man nun den kürzlichverstorbenen N. allgemein im Verdacht hatte, daß er in Grenzstreitigkeiteneinen falschen Eid geschworen habe und darum nach seinem Tode als feurigerMann umgehen müsse, so wollte sich sein Nachbar davon überzeugen. Aneinem dunkeln Abend sah er ihn wieder durch den Kamp ziehen, ging eilighinaus, folgte ihm und holte ihn zuletzt ein, so daß er eine ganze Weiledicht neben ihm herging. Da sah er denn, daß es wirklich jener Mann war.Er trug eine kurze Hose und gelbe Gamaschen, und aus dem Hosenqueder,rings um die Hüfte, da schlugen die hellen Flammen heraus. Als jener Mannsich nun genug überzeugt hatte, wollte er wieder nach seinem Hause um-kehren. Da hing sich plötzlich der feurige Kerl auf seinen Nacken. Denmußte er mit großer Mühe bis vor seine Hausthüre schleppen, wo er zusammen-brach. Er kriegte eine zehrende Krankheit und, starb bald nachher.

II.

Bei Wiedensahl an der Steinstiege vor der Horst beim Pinkenbrucheda sagte immer, wenn es ander Wetter werden will, besonders bei Miester-wetter, wer: »Guden Abend! Guden Abend!« und führte die Leute, die davorbeikamen, in die Irre. Der Borsteler Meier, der eines Tages bei dem altenWöltken in Wiedensahl schmieden ließ, wollte noch spät Abends zurück nachHause. Er hatte tüchtig einen getrunken, und der Schmied sagte ihm, ersollte lieber in der Nacht da bleiben und nicht mehr weggehen; er müßtedoch über die Stiege, wo der Gutenabend säße. »Eck bin no nich bange!Eck will no wol na hus kuomen, eck verlate mi up minen Krückstock«, sagte

118