40 IBN DIHJA
Ich wünschte nur, sie empfinge mich hinfort immer, wenn ich zu ihr komme."Als der Dolmetscher ihr nun, was er gesagt hatte, erklärte, steigerte sich nochihre Freude über ihn und ihre Bewunderung für ihn, und sie sagte: „Man bringedas Geschenk für ihn in seine Herberge, und wann es ihm gefällt, zu mir zu Besuchzu kommen, so soll er nicht abgewiesen werden, und er wird bei mir freundlicheAufnahme, Bequemlichkeit und Behagen finden." Da dankte ihr al-Gazäl, wünschteihr Gutes und empfahl sich.
Temmäm ibn 'Alqama 1 ) erzählt: Ich hörte den Gazäl diese Geschichte berichtenund fragte ihn: „War sie denn in Wirklichkeit annähernd so schön, wie du siegeschildert hast?" „Bei deinem Vater," erwiderte er, „sie war schon in der Tatganz nett (fihä haläwe), aber ich erwarb durch solche Rede ihre Zuneigung underlangte von ihr mehr als ich wollte."
Ferner erzählt Temmäm ibn 'Alqama: Mir berichtete einer von seinen Ge-fährten folgendes: Die Gemahlin des Normannenkönigs war ganz erpicht (üli'at)auf al-Gazäl und pflegte es keinen Tag ohne ihn auszuhalten, so daß sie ihn (wenner nicht kam) holen ließ, und er verweilte bei ihr, indem er ihr von dem Leben derMuhammedaner, ihrer Geschichte, ihren Ländern und ihren Nachbarvölkernerzählte. Meist schickte sie ihm, wenn er sie verlassen hatte, ein Geschenk nach,durch das sie ihre Huld zum Ausdruck brachte, nämlich Kleider oder Speisen oderParfüms. Schließlich kam sie mit jhm ins Gerede, und seine Gefährten mißbilligtensein Benehmen. Man warnte al-Gazäl davor, so daß er vorsichtig wurde und nurjeden dritten Tag kam 2 ). Sie forschte nun bei ihm nach dem Grunde davon, under setzte ihr auseinander, wovor man ihn gewarnt hatte. Sie aber lachte und sagtezu ihm: „In unserer Religion gibt es so etwas nicht. Wir kennen keine Eifersucht.Unsere Frauen haben unseren Männern gegenüber durchaus ihr freies Bestim-mungsrecht: Die Frau bleibt bei ihm, solange sie Lust hat, und trennt sich vonihm, wann sie es über hat (idhä karihat)" 3 ).
Was nun den Brauch der Normannen anlangt, bevor zu ihnen die römischeReligion gelangte, so verweigerte sich keine Frau einem Manne; nur wenn sich eineEdle einen niederen Standes zum Genossen wählte, wurde sie dadurch beschimpft,und ihre Familie hielt ihn von ihr fern 4 ).
Als al-Gazäl diese ihre Entgegnung gehört hatte, ging er wieder wie vordem,ohne sich Zwang aufzuerlegen, bei ihr ein und aus.
Temmäm berichtet: Al-Gazäl war noch, als er zu ergrauen begann, ein statt-licher Mann und war in seiner Jugend schön gewesen, weshalb er al-Gazäl (dieGazelle) genannt wurde. Als er ins Land der Normannen ging, war er bereits nahean fünfzig und sein Haar ergraut, aber er war noch voller Lebenskraft, stramm vonKörper (S. 18) und schön von Gestalt. Eines Tages fragte ihn die Gemahlin des
>) Starb 896 D.
*) Agabb von (humma '1-) gibb Tcrtianfieber, vielleicht nicht mehr im ursprünglichen Sinne:seltener kam.
*) Grundriß der germanischen Philologie, 2. Aufl., 3. Bd., 1900, S. 422: „Einen zur Selbst-ständigkeit der Hausfrau mitwirkenden Grund könnte man versucht sein in der großen Leichtig-keit zu suchen, mit welcher sie (jedenfalls nach den Sagas) Scheidung (skilnadr) mit Zurück-erstattung ihres Vermögens erlangen konnte . . . Die Freiheit der Scheidung erscheint zur Zeitder Sagas fast uneingeschränkt; die in den Sagas vorkommenden Fälle haben so verschiedeneund zum Teil wenig bedeutende Ursachen, daß es schwierig ist, gewisse einschränkende Bedin-gungen aufzustellen ..."
«) Weinhold, Altnordisches Leben, S. 243: „Dagegen war unter Freien und Unfreien dieEhe unmöglich, und der Tod war ursprünglich auf solche Verbindung gesetzt."